Ein echter Spaß: Das neue Buch von Volker Keidel

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Bild: Florian Pittroff https://flo-job.de/

Alkoholfreies Radler, Slim-fit-Jeans und Hygge: Volker Keidel ist nicht der einzige, „dem so Schwachsinn auf der Welt auffällt“, meint Gastautor Florian Pittroff. Man könne sich ab und zu wirklich selber entdecken, in den kurzen Geschichten von Volker Keidels neuem Buch „Wer alkoholfreies Radler trinkt, hat sich schon aufgegeben“:

Amüsant, geistreich und immer auch mit einem Schuss Bier erzählt Keidel Alltagsgeschichten, die jeder schon mal erlebt hat – herrlich finde ich gleich die erste Geschichte „Nur Hacke Hygge“. Ich muss gestehen, den Hype kannte ich bis dato nicht, aber die Situation kenne ich sehr gut. Auf Parties nicht auffallen, immer schön Ruhe geben und vor allem nichts Falsches sagen. Ich muss zugeben, ich fühlte mich beim Lesen mitten drin im Hygge-Fest.

Ähnlich gelagert ist es in der Geschichte „Tanz mir ein Gedicht“. „Ich brauchte eine Weile, bis ich kapierte, dass sie ein Gedicht vortanzt (…) Alleine und zweifelsohne nüchtern ein Gedicht vortanzen, das nenne ich mutig (…) die Zuschauer saßen wie gebannt auf ihren Stühlen, die Augen glänzten vor Begeisterung. (…) Mir war klar, dass ich mich benehmen musste, wenn ich noch etwas trinken wollte an diesem Abend“. Das mit dem Trinken ist dann aber ein anderer – nicht minder amüsanter – Teil der Geschichte.

Man kann oft so richtig lachen bei der Lektüre des Buches. Auch „Früher war mehr Jeans“ ist mitten aus dem Leben. Obgleich ich mich schon manchmal gefragt habe, ob Volker Keidel das wirklich so und nicht anders erlebt hat, oder ob er doch ab und an seiner Phantasie freien Lauf ließ. Ist aber auch egal! Ich habe mich auf den 208 Seiten wunderbar unterhalten. Hab die ein oder andere Passage auch meiner Frau und meinem Sohn vorgelesen und so konnte die ganze Familie an dem Spaß partizipieren. Und Spaß hat das Lesen der Kurzgeschichten wahrlich gemacht! Kann man nur empfehlen – jetzt in Coronazeiten und natürlich auch danach.

Ein Beitrag von Florian Pittroff

Homepage: www.flo-job.de

Informationen zum Buch:

Volker Keidel
Wer alkoholfreies Radler trinkt, hat sich schon aufgegeben
Knaur TB, 2020
Taschenbuch, 208 Seiten, 9,99 €, auch als E-Book erhältlich
ISBN: 978-3-426-79066-3

Hans Joachim Schädlich: Die Villa

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Bild von PIRO4D auf Pixabay

Nach dem Essen baten er und seine Frau Elisabeth die Gäste ins Herrenzimmer zu Cognac, Likör, Zigarren und Zigaretten.
Kreisleiter Hitzer sagte zu Hans Kramer:
„Eine feste Burg ist Ihre Villa.“
Ortsgruppenleiter Vieweg sagte, zu Elisabeth gewandt:
„Eine gute Wehr für sie und die Kinder.“

Hans Joachim Schädlich, „Die Villa“.

1940 scheint die kleine Welt der Kramers noch in Ordnung. Hans Kramer, aus Überzeugung früh in die Partei eingetreten, unterhält einen florierenden Wollhandel und schafft es durch Fleiß und Ehrgeiz, seine Familie von einem vogtländischen Dorf in eine Villa nach Reichenbach zu verfrachten.

Man richtet sich ein, freut sich, nach drei Buben, darüber, dass endlich ein Mädchen geboren ist, schafft Möbel an, engagiert Personal. Am Frühstückstisch werden die Weltnachrichten besprochen, die Wehrmacht ist in halb Europa einmarschiert, Hans Kramer siegesgewiss, allein Elisabeth stellt ab und an eine leise, ängstliche Frage. Für Irritation sorgt in der heilen Welt allenfalls, dass Fritz, Elisabeths psychisch kranker Bruder, der in einer Anstalt lebt, plötzlich verstirbt.

Eine der wenigen Stellen, da Hans Joachim Schädlich als Erzähler quasi kommentierend eintritt, die Familie den Euthanasie-Tod rückwirkend betrachten lässt. Doch ansonsten erzählt er die Geschichte dieser deutschen Durchschnittsfamilie, ihres Aufstiegs und Niedergangs, in einer nüchternen, sachlichen Sprache. Präzise, auf das Notwendigste beschränkt, auf das Äußerste verdichtet – doch gerade dadurch wird die Banalität des Alltags in der NS-Zeit, die Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen das, was auf politischer Ebene geschah, akzeptieren, besonders deutlich.

Da ist der psychisch kranke Bruder, der unerwartet wegen eines Lungenleidens verstirbt. Da ist der Lehrer, der einzige Jude am Ort, der eines Tages eben verschwindet. Und auch der geschäftliche Profit, den Hans Kramer durch die Enteignung jüdischer Unternehmer macht, wird „hingenommen“.

U1_978-3-498-06555-3.inddDie Leser werden mit den Gesprächen des Ehepaares, am Frühstückstisch die Zeitungsnachrichten kommentierend, durch die Jahre geführt. Das Glück im eigenen Heim, von vornherein auf zerbrechlichen Beinen stehend – Elisabeth wollte nicht heiraten, wollte keine Kinder, aber ihr Vater ließ nur die Jungen etwas lernen – das Glück ist von kurzer Dauer. Die Welt rückt näher, der Krieg auch und die Villa ist längst nicht die feste Burg, die überdauert.

Wo andere über die große Geschichte schreiben, erzählt Schädlich Geschichten, Alltagsgeschichten, die das große Ganze spiegeln und entschlüsseln. So nüchtern, so lakonisch, auf jedes schmückende Beiwerk verzichtend, oft in Kapiteln, die kaum eine Seite füllen, enthüllt der altersweise Schriftsteller eine ganz einfache Wahrheit: Eine Familie wie die Kramers, das war im Nationalsozialismus der Alltag. „Die Normalität“ (ein Wort, das aktuell wieder viel gebraucht wird), das war, sich anzupassen, mitzulaufen, durchzuwursteln. „Die Villa“: Steinernes Zeugnis für den Versuch, teilzuhaben, steinernes Zeugnis für das Scheitern. Am Ende wird die Villa der Moderne zum Opfer fallen, einer Fabrik für Aktenvernichtung weichen müssen. Ironie des Schicksals: Dank eines Schriftstellers wie Hans Joachim Schädlich überlebt das geschriebene Wort doch.

Weitere Besprechungen:

Eine eingehende Rezension findet sich auch bei „literatur leuchtet“.

Lesenswert ebenso die Besprechungen im NDR von Alexander Solloch und im Deutschlandfunk von Paul Stoop.

Weitere Informationen zum Buch:

Hans Joachim Schädlich
Die Villa
Rowohlt Verlag, 2020
Gebunden, 192 Seiten, Hardcover 20,00 €, E-Book 19,99€
ISBN: 978-3-498-06555-3

Informationen zum Autor: https://www.rowohlt.de/autor/hans-joachim-schaedlich.html


 

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Dana von Suffrin: Otto

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Bild von Pexels auf Pixabay

EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Veronika Eckl stellt Dana von Suffrins Roman über eine Tochter und ihren jüdischen Vater vor: „Otto“.

Zugegeben, ich habe diesen Roman in den letzten Wochen immer wieder vom Wohnzimmertisch zum Küchentisch zum Schreibtisch getragen und zurück. „Pflegefall“ und „Abschied“, diese beiden Wörter auf dem Cover hatten genügt, um mir jede Lust auszutreiben, ihn zu lesen. Aus dem Fernseher fluteten die Bilder aus Italien, wo das Coronavirus gerade eine ganze Generation hinwegfegt. Am Telefon berichteten Freunde von ihren gelingenden oder misslingenden Versuchen, die alten Eltern zum Daheimbleiben zu bewegen, und vom Ringen mit dem Hefeteig für den Osterzopf, den in normalen Zeiten ja doch meistens die Mütter über siebzig backen, während die Väter über achtzig die Zeitung lesen und sich schon darauf freuen, die an den Feiertagen angereisten erwachsenen Kinder mit politischen Debatten und ausschweifend vorgetragenen Erinnerungen an die eigene Vergangenheit in Beschlag zu nehmen.

Meine Eltern habe ich an Ostern brav nicht besucht und dafür dann doch Dana von Suffrins Debütroman gelesen. Und laut gelacht über Otto, den wie Jesus Christus immer wieder auferstehenden jüdischen Patriarchen, der seinen beiden Töchtern mit einer gewissen Impertinenz die Familiengeschiche zu vermitteln versucht und gar von der Ich-Erzählerin Timna fordert, diese aufzuschreiben – wohl weil er, wieder einmal aus dem Krankenhaus entlassen, spürt, dass er nun endgültig am Ende seines Lebens steht. Otto kommt ursprünglich aus Rumänien, aus Siebenbürgen, der Roman ist jedoch in München angesiedelt, wo er den größeren Teil seines Lebens als Ingenieur verbracht hat und auf seine alten Tage stolzer Besitzer eines Truderinger Reihenhauses geworden ist, eines Neubaus, der Timna nicht gefällt, dessen Erwerb sie aber psychologisch fein einzuordnen weiß: „Doch Otto wollte (…) das Haus ohne Zeit und Geschichte, vielleicht weil er selbst so viel Geschichte in sich hatte, dass er nicht von weiteren Geschichten umgeben sein wollte.“ Dort wickelt er die Fernbedienung in Frischhaltefolie ein, archiviert seine Ex-Frauen in Ordnern und hängt keine Bilder an die Wände, um diese zu schonen. Seine Töchter hält er mit „schönen Bitten“ auf Trab, eine davon wurde der Erzählerin von klein auf eingebleut: den Vater im Alter nie in ein Heim zu stecken, denn das sei „ein Ort mit lauter alten Nazis ohne Zähne“.

OttoTimna engagiert also über greise Siebenbürger Bekannte eine Pflegerin aus Ungarn, mit der sie nur über den Google Translator kommunizieren kann, deren Freizeitbeschäftigung darin besteht, bei Lidl ungarische Salami einzukaufen und deren gefälschter pinker Adidas-Jogginganzug die Schwestern fasziniert – allein schon die hier abgelieferten Beschreibungen machen den Roman unbedingt lesenswert. Und als die Erzählerin, eine promovierte Philosophin, die wie die Münchnerin Dana von Suffrin an der Uni arbeitet, den unterbezahlten Job dort verliert, beschließt sie, der Bitte ihres Vaters doch nachzukommen, ihm zuzuhören und seine Geschichte aufzuschreiben. Es geht wild hin und her, vor Zeitsprüngen und plotfreier Erinnerungsfülle hat die Autorin keine Angst, aber das Ganze ist so unterhaltsam und durch und durch tragikomisch, dass man gerne mit ihr durch die vergangenen Jahrzehnte wirbelt. Denn Timna selbst steht verwirrt und ein wenig ratlos vor Ottos Erinnerungen an die untergegangene Welt der religiösen Juden von Kronstadt, sie, die durchaus selbstironisch zugibt, zum Missfallen des Vaters von jüdischen Sitten und Gebräuche wenig Ahnung zu haben. Bei den Synagogenbesuchen ihrer Kindheit und Jugend habe man sie und die Schwester nur eingelassen, weil der Vater dabei gewesen sei, sie selbst hätten an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, freundlich „Herzlichen Glückwunsch“ gewünscht statt „Gute Unterschrift“, oh je. In dem Maße, in dem Ottos körperlicher und geistiger Verfall fortschreitet, wird auch das Pessach-Fest am Esstisch in Trudering mehr und mehr zum Debakel. Und Israel, wohin Ottos Eltern mit ihm 1962 emigrierten, erscheint den Töchtern, Münchner Teenagern aus dem Penthouse im Olympiadorf, nicht als gelobtes Land, sondern vielmehr als Ort der Langeweile. In den Sommerferien im Plattenbau in Haifa – einem Relikt aus der Jugendzeit des Vaters, das er liebt – vertreiben sie sich die Zeit, indem sie aus Deutschland mitgeschlepptes Katzenfutter an streunende Katzen verfüttern. Das war’s dann auch schon fast mit Israel-Erinnerungen.

Natürlich liegt der Schatten des Holocaust, dem die Vorfahren zum Opfer fielen, dunkel über dieser Familiengeschichte. Ganz normal erscheint es der Erzählerin, dass der Vater immer, auch im Krankenhaus, ein „Tascherl“ dabeihat mit Kopien von Ausweisen, Geburtsurkunden und Abschlusszeugnissen, „falls wir deportiert werden sollten“. Aber Dana von Suffrin hat kein Buch über den Holocaust geschrieben, sondern darüber, wie die Generation der später Geborenen heute mit diesem Erbe lebt. Sie beschreibt, wie sehr Kinder doch Produkte ihrer Eltern sind und die wiederum Produkte ihrer Eltern. „Ihr könnt ganz alte Kühe werden, für mich seid ihr Kinder!“, schleudert Otto, der durchaus despotische Züge hat, seinen Töchtern entgegen. Und ihr Roman ist auch eine Liebesgeschichte, denn Timna lernt auf dem Krankenhausflur ihren Freund kennen, dessen Kindheitswelt im niederbayerischen Gäuboden sich zwar von ihrer stark unterscheidet, wo es aber auch zu kleine Familien und Skurrilitäten und Tragödien gibt. So finden sich zwei, die eine Ahnung haben davon, was Schwere ist.

Schwer und gleichzeitig leicht ist auch Dana von Suffrins Sprache, mit herrlich dahinmäandernden Sätzen, lakonisch und zugleich von einer bezaubernden Altmodischkeit, wenn Timna etwa mit ihrem Freund streitet und es dann heißt: „(…) ich genierte mich, und ich wurde gering.“ Welchem Jungautor einer der literarischen Kaderschmieden des Landes würde heute so ein Satz in die Tasten fließen? Allein schon die Kapitelüberschriften sind kleine Meisterstücke in humorvoller Präzision.

Also, lesen. Vielleicht gerade jetzt, in Zeiten der Schwere, wo man sich selbst nicht gar so selbstoptimierend wichtig nehmen sollte. Am Ende des Romans heißt es: „Meine Gedanken waren kein Monument, meine Familie war nicht bedeutend, und meine Geschichte war es nicht. Nichts davon verdient eine Gedenkstätte.“

Von Veronika Eckl


Informationen zum Buch:

Dana von Suffrin
Otto
Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2019
Gebunden, 240 Seiten, 20,00 €

Theres Essmann: Federico Temperini

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Bild von Pexels auf Pixabay

„Tagsüber lag der Geigenkasten auf meiner Rückbank, und ich fuhr mit ihm durch Köln. Ich schaute nicht hinein. Ein Fahrgast sagte: „Reicht wohl nicht, um davon zu leben.“ Ich antwortete nicht darauf.
Abends legte ich ihn vor mir auf den Küchentisch. Das schwarze Leder war abgestoßen, mit der flachen Hand strich ich darüber, spürte die Risse. Der Kasten war locker 50 Jahre alt (…)
Warum von dem, was sein Leben gewesen war, nur noch die Schutzhaut übrig war, und wo seine Geige jetzt war, ich konnte es ihn nicht mehr fragen.“

Theres Essmann, „Federico Temperini“.

Unterschiedlicher könnten sie nicht sein, diese beide Männer: Der Taxifahrer Jürgen Krause, der sich die einsamen Abende mit einer Eric Clapton-Biographie vertreibt, und der geheimnisvolle ältere Herr, ein profunder Kenner klassischer Musik, von dem Krause eines Tages als Chauffeur zur Kölner Philharmonie gebucht wird. Und doch verbindet die beiden Protagonisten dieser Novelle eine Gemeinsamkeit: Sie sind, zwar auf sehr unterschiedliche Weise, am Leben gescheitert.

Das Erzähldebüt von Theres Essmann gleicht beinahe einem Kammerspiel: Im begrenzten Raum eines Taxis kommen sich die beiden Männer allmählich näher, lernen sich peu à peu, Fahrt für Fahrt zur Philharmonie ein wenig kennen. Die Schriftstellerin wechselt dabei die Erzähltempi wie in einer wohldurchdachten Sinfonie, beginnend mit einer langsamen Annäherung, endend im Rondo, das zumindest für den Taxifahrer von viel Moll in ein sanftes Dur wechselt.

Bei Krause, der nach einem abgebrochenen Studium und einer Scheidung im Grunde immer noch lebt wie ein ewiger Student, wächst nach und nach die Neugier auf den Hintergrund seines zunächst schroff wirkenden, oftmals abweisenden Fahrgast. Dieser scheint seltsam besessen von Nicolò Paganini, dem Teufelsgeiger, dem Franz Liszt in seinem Nachruf ein „düster trauriges Ich“ bescheinigte. Auch Federico Temperini ist keine Frohnatur: Einsam, verschlossen, die einzige Ausdrucksfähigkeit scheint in der Musik zu liegen.

Zunächst herrscht zwischen den beiden Männern, zumindest auf Krauses Seite, eher Befremden, Distanz und leise Abneigung:

„… und sah, dass der Anrufer Temperini gewesen war. Ich hatte ihn längst zu meinen Kontakten hinzugefügt, aber wann immer sein Name auf dem Display meines Handys erschien, ging es mir damit wie mit seinem Büttenpapier-Umschlag auf meinem Beifahrersitz: Er gehörte da nicht hin.“

Für den Fahrer ist der alte Herr einer, der „wie aus der Zeit gefallen scheint“. Und doch lernen  die beiden Männer sich nach und nach kennen und rücken im Taxi förmlich zusammen – Temperini belegt eines Tages statt der Rückbank den Beifahrersitz. Dies ist mit viel erzählerischem Gespür aufgebaut: Auch beim Leser steigt die Neugier auf diesen Wiedergänger Paganinis, ab und an meint man gar, mitten in einer „gothic novel“ zu sein.

Das Schicksal Temperinis ist jedoch ganz und gar erdgebunden: Das Leben eines begnadeten Musikers, das durch eine Erkrankung aus der Bahn gebracht wurde und in Einsamkeit und Armut endet. Etwas, was sich dem Taxifahrer jedoch zu spät, erst nach Temperinis Tod, vollständig enthüllt.

Ohne es aussprechen zu müssen (oder besser: „ausschreiben“), führt Theres Essmann die Leser so zum Kern der Geschichte: Krause gibt, auch mit Hilfe der lebensklugen Maria, seinem Dasein eine Wende, zwar nicht durch einen spektakulären Neubeginn, sondern eher durch einen neuen Blick auf das, was ist. Er schüttelt seine Traurigkeit, sein Phlegma, seinen Fatalismus ab – und plötzlich sind viele Wege wieder offen.

Theres Essmann gibt mit dieser Novelle ein Debüt, das von einem musikalischen Gespür für Sprache und Rhythmus zeugt. „Federico Temperini“ entfaltet auf knappen Raum, gekonnt verdichtet, das Leben zweier Männer, erzählt von gescheiterten Lebensentwürfen und vom Neubeginn sowie von einer ungewöhnlichen Freundschaft. Und nicht zuletzt macht diese Erzählung Lust auf eine Taxifahrt durch das nächtliche Köln.

Die 1967 im Münsterland geborene Theres Essmann studierte Literaturwissenschaften und Philosophie, lebt und arbeitet in Stuttgart und Köln. Für ihr Erzähldebüt erhielt sie ein Stipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg.

Homepage der Autorin: https://theres-essmann.de/

Informationen zum Buch:

Theres Essmann
Federico Temperini
Verlag Klöpfer, Narr, 2020
164 Seiten, Festeinband mit Lesebändchen, 18,00 €
ISBN: 978-3-7496-1026-6
Verlagsseite mit Leseprobe: http://www.kloepfer-narr.de/federico-temperini/


Weitere Besprechungen finden sich hier:

Dieter Wunderlich: „Es handelt sich im doppelten Sinn des Wortes um Schöne Literatur bzw. Belletristik. “
Bücheratlas: “ Gleichwohl hat der Text eine feine Spannung im Alltäglichen. Er ist amüsant und melancholisch und bringt seine Geschichte an ein harmonisches Ende.“
Buch-Haltung: „Es bleibt spannend, was von Theres Essmann künftig zu lesen sein wird. Federico Temperini ist auf alle Fälle eine Novelle, die Lust auf mehr macht. Glaubwürdige Figuren, eine passende Sprache und eine ganz eigene Annäherung an den Teufelsgeiger Niccolo Paganini!“
Leseschatz: „Ein musikalisches, kleines Werk, das schön erzählt ist. Es sind zwei gescheiterte Lebensläufe, die zueinander finden und sich ergänzen. Es geht um Verlust, Freundschaft und Anerkennung. Der Text ist eine kleine Bühne für einen Moment des Stillhaltens und der Betrachtung des Gegenwärtigen.“
Südwest Presse: Mit „Federico Temperini“ ist der Autorin Theres Essmann eine berührende Novelle über Vergänglichkeit und Verlust gelungen. Empfehlenswert ist die Erzählung für Liebhaber klassischer Musik – aber auch für diejenigen, die (noch) nichts mit Oktav-Passagen, Kadenzen und Notationen anfangen können. Der einstige Teufelsgeiger wird den Leser auch nach der Lektüre dieses Buches erst einmal nicht loslassen. Denn auch der Taxifahrer Jürgen Krause muss erkennen: „Paganini nimmt einen mit, ob du es willst oder nicht.“ Katrin Stahl
Wortspiele von Wolfgang Schiffer:Theres Essmann erzählt in ihrem Debüt, der im Verlag Klöpfer.Narr erschienenen Novelle Federico Temperini, von der Begegnung und allmählichen Annäherung zweier grundlegend unterschiedlicher Männer, und wie sie das tut, wie sie behutsam die bei den Fahrten und bald auch gemeinsamen, kurzen Spaziergängen aufkommende Nähe  zu schildern, ihre Intensität zu steigern weiß, in leisen Tönen Einsamkeit und Verlustängste anspricht und die Tragik gescheiterter Leben einfließen lässt, das würde vielleicht noch nicht ganz Temperinis von Paganinis Musik abgeleiteten Parametern entsprechen, doch virtuos ist es durchweg schon.“

 

 

Nora Gantenbrink: Dad

„Von allen Momenten mit meinem Vater war dieser der schlimmste. Denn als er dort so lag, wurde mir klar, dass es vorbei war. Es gab für uns keine Hoffnung mehr auf eine gemeinsame Zeit. Die meisten Jahre meines Lebens war mein Vater nicht da gewesen, und jetzt würde er für immer fortbleiben. Ich nahm das Buch aus seinen Händen und ging raus. Er hätte nicht gewollt, dass ich ihn so sehe.“

Nora Gantenbrink, „Dad“.

Sich die eigene Biographie mit all ihren Brüchen und schwierigen Episoden anzueignen, dies scheint ein Trend bei Debütromanen zu sein. Vielleicht braucht es für den ersten Roman diesen „therapeutischen“ Druck, der einen zum Schreiben bringt, vielleicht liegt das Biographische auch einfach nahe, weil, je jünger die Autorin, der Autor sind, desto geringer auch die Welt- und Lebenserfahrung ist. Sei es, wie es will: Im besten Falle kommt ein großer literarischer Wurf zustande und in vielen anderen Fällen gut lesbare Bücher, so „Süßwasser“ von Akwaeke Emezi, „Alles, was passiert ist“ von Yrsa Daley-Ward, jüngst „Marianengraben“ von Jasmin Schreiber oder nun auch der im Februar erschienene Roman „Dad“ von Nora Gantenbrink.

Die Stern-Reporterin, die bereits den Erzählband „Verficktes Herz“ veröffentlichte, nähert sich in ihrem Roman einer Sehnsucht an, die wohl bei fast allen betroffenen Menschen nie zu stillen ist und je nach Konstitution das Leben stärker oder schwächer prägt: Die Sehnsucht nach einem Elternteil, das nie vorhanden oder kaum greifbar war.

Das Buch führt seine Leser direkt von der Reeperbahn in die deutsche Provinz und dann um die halbe Welt. Die Journalistin Marlene lebt auf dem Kiez, schlägt sich mit freien Aufträgen für Musikmagazine durch und ist, abgesehen von zwei engen Jugendfreunden, mehr oder weniger bindungsscheu: Das ganze Leben auf Provisorium eingestellt:

„Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich nicht so enden möchte wie mein Vater.“

Dabei hat sie mit ihm etwas ganz Wesentliches gemeinsam, wie die Mutter feststellt:

„Den Hang zum Rausch und die Sehnsucht nach Sonne.“

Selten ist der Vater, der lieber Dad genannt werden möchte, für seine Tochter da: Sein Hang zum Rausch führt ihn zu den Hotspots der Hippiekultur in den 1970er-Jahren, nach Marrakesch, Goa und Thailand. Immer auf der Suche, immer auf der Flucht. Die intensivste Zeit gemeinsam haben die beiden, als er todkrank, mit HIV infiziert, im Krankenhaus liegt – aber da ist es bereits zu spät, die offenen Fragen zu klären. Marlene begibt sich auf Spurensuche: zu den ehemaligen Kumpels, zu den Orten, an denen ihr Vater auf seinem immerwährenden Trip war. Eine desillusionierende Reise voller lakonisch-komischer Momente.

„Am Ende ist die Geschichte meines Vaters keine Heldengeschichte geworden, weil mein Vater eben kein Held ist. Aber die meisten Menschen sind keine Helden. Auf manche meiner Fragen habe ich Antworten gefunden, auf andere nicht. Manche Fragen sind damit selbst zu einer Antwort geworden. Ich glaube, dass mein Vater mich geliebt hat. Aber das Leben noch mehr.“

„Dad“ ist eine Mischung aus Fiktion und Biographie, ein Coming-of-Age-Roman aus der Retrospektive erzählt, ist Roadmovie und Provinzroman zugleich. Dass Marlene das Alter ego der Autorin ist, die auch in ihrem Leben ihrem Vater nachspüren musste, darüber erzählte Nora Gantenbrink bereits in mehreren Interviews.

Gantenbrink psychologiert nicht zu tief, sondern erzählt lieber flüssig. Das hat seine lakonischen Momente, die großartig sind, das ist cool und zart und lebensklug zugleich. Nur leider überspannt sie in meinem Augen die Geschichte vom treuen Freund aus Kindertagen am Ende deutlich – natürlich ist Oleg, eine Mischung aus Seelenkumpel und Vaterersatz, seit Jahren heimlich in seine Marlene verliebt, schreibt ihr täglich Briefe, die er nie absendet, aber nach seinem frühen Unfalltod in ihre Hände gelangen.

Das ist ein wenig „mucho, mucho“, um Udo Lindenberg zu imitieren, der auf dem Cover zitiert wird. Das Zitat auf dem Cover löste bei mir übrigens ein breites Grinsen aus – wem fällt noch was auf?

„I love Gantenbeins Schreibe mucho, mucho.“ Udo Lindenberg

Informationen zum Buch:

Nora Gantenbrink
Dad
Rowohlt Verlag, 2020
Hardcover, 240 Seiten, 20,00 Euro
ISBN: 978-3-498-02535-9


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Jasmin Schreiber: Marianengraben

„Was mich dem Leben immer ein bisschen misstrauisch gegenüberstehen lässt: Die Unvorhersehbarkeit, also eigentlich das, was den meisten Menschen so gut gefällt. Sie finden es spannend – ich finde es nur beunruhigend, denn unvorhersehbar ist nicht nur der Überraschungsbesuch der besten Freundin, die wir seit Jahren nicht gesehen haben, unvorhersehbar sind auch all die Enden, die auf uns warten. Das Ende der Freundschaft, der Liebe, des Lebens des kleinen Bruders – dein Ende. Beile, die in die Angelschnüre fallen, die uns alle miteinander verbinden. Beile, die auch unsere Angelschnur zerrissen haben, deine und meine.“

Jasmin Schreiber, Marianengraben.

Nein, für das Unvorhersehbare ist die Biologiestudentin Paula ganz offensichtlich nicht gemacht – eine Nachdenkliche, eine Grüblerin, eine Einzelgängerin. Und doch trifft sie das Schlimmste, was einen treffen kann: Der Verlust eines Menschen, den man liebt, der einem am nächsten ist. In Paulas Fall ist das Tim, ihr zehnjähriger Bruder, beim Urlaub mit den Eltern im Meer ertrunken, mitten aus dem Leben gerissen. Auch Paula ertrinkt: In einem Meer an Selbstvorwürfen, Trauer und Depression.

Und dennoch, so widersprüchlich es scheint, ist dieser Roman einer, der einen auch schmunzeln lässt, lauthals lachen, der einem das Gefühl beinahe greifbar vermittelt, dass das Leben eben nicht nur unvorhersehbar ist, sondern dass neben der Trauer auch Freude und Hoffnung ihren Platz haben. Ein herzerwärmendes Buch, ein leichtes Buch trotz seines schweren Themas. Ein Roman, der durch Melancholie und liebevollen Humor besticht, der von Lebensfreude spricht und von der menschlichen Kraft des Weitermachens.

Auch wenn einer der skurrilen Protagonisten, ein Huhn namens Lutz, einen grausamen Tod stirbt: „Marianengraben“ ist ein Buch der Hoffnung. Das liegt zum einem an der leicht fließenden Sprache von Jasmin Schreiber, die einen durch den Roman trägt. Sie hat das Talent, lebendige Dialoge voller Sprachwitz zu gestalten, ohne dass dies zu platt oder umgangssprachlich klingt. Und zugleich beweist sie mit ihrem Debütroman ihr Geschick für außergewöhnliche Geschichten.

Jasmin Schreiber bringt Paula mit Helmut zusammen: Ein wahrhaft ungleiches Paar. Die junge, übergewichtige Studentin, mitten in einer tiefen Depression, und der wortkarge, mürrische Rentner, der buchstäblich seine letzten Atemzüge vor sich hat. Und doch verbindet sie ein gemeinsames Schicksal: Beide trauern sie um ihre liebsten Menschen.

Der Zufall führt sie nachts auf einem Friedhof – eine von jenen leicht skurrilen Szenen, an denen dieser Roman nicht arm ist – zusammen. Aus der grabräuberischen Begegnung wird eine Fahrgemeinschaft: Mit einem altersschwachen Wohnmobil machen sie sich von Frankfurt auf zu einer Reise in die Berge, wo Helmut die Asche seiner ehemaligen Frau in deren Heimatort bringen will. Ganz langsam die beiden sich dabei näher, werden Freunde über Alters- und Erfahrungsgrenzen hinweg:

„Meinen Freunden oder Eltern konnte ich sowas nicht erzählen, alle machten sich permanent Sorgen um mich und beobachteten mich wie ein Pantoffeltierchen unter dem Mikroskop, bereit, bei den kleinsten Anzeichen abnormen Verhaltens – was auch immer sie damit genau meinten – sehr, sehr besorgt zu sein und mir das auch genauso zu sagen. Wenn Trauer eine Sprache wäre, hatte ich jetzt zum ersten Mal jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur mit einem anderen Dialekt.“

Wie der an Lungenkrebs leidende Helmut, der selbst nicht gerade ein Sonnenschein ist, Paula verbal aus ihrem schwarzen Loch reißt, wie sie durch ihn lernt, mit Abschieden und Enden (denn Paula erlebt auch das Ende von Helmut) umzugehen, das ist so leicht erzählt, dass das Traurige nicht zu schwer wird.

Und auch wenn Paula an einer Stelle des Buches sagt:

„Wäre Sehnsucht eine olympische Disziplin, ich hätte uns längst Gold geholt“,

so ist man sich, einmal am Ziel dieses außergewöhnlichen literarischen Roadmovies angekommen, sicher, dass die Protagonistin nun auch für weitere Disziplinen gerüstet ist.

Zur Autorin:

Jasmin Schreiber, geboren 1988, ist studierte Biologin und arbeitet als Kommunikationsexpertin und Autorin. 2018 gewann sie den Digital Female Leader Award und wurde als Bloggerin des Jahres ausgezeichnet. Sie arbeitet ehrenamtlich als Sterbebegleiterin und Sternenkindfotografin. Unter @LaVieVagabonde kann man ihr bei Twitter folgen.

Zum Buch:

Jasmin Schreiber
Marianengraben
Eichborn Verlag 2020
Gebunden mit Schutzumschlag, 254 Seiten, 20,00 €
ISBN: 978-3-8479-0042-9


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Lisel Mueller: Brief vom Ende der Welt

Noch eine Chance gemeinsam aufzuwachen,
ich nehme die Einladung für
einen weiteren Morgen an. Noch eine Chance,
um den schwarzen Traum, allein zu erwachen,
über den Rand der Welt zu schieben,
wo mich kein Leben erhält.

Lisel Mueller, aus: „Notizen im Winter“ in „Brief vom Ende der Welt“, ausgewählte Gedichte.

Liest man diese melancholischen Zeilen, die in ihrem letzten in den USA erschienenen Gedichtband „Alive Together“ (1996) enthalten sind, liest man diese „Notizen im Winter“, eigentlich ein Lied auf den Herbst des Lebens, das von der Ahnung des Endes, des irgendwann nahenden Todes spricht, dann wird einem das Gemüt dieser Tage erst richtig schwer. Ein Schwanengesang, ein Abschiedslied – am 21. Februar verstarb Lisel Mueller in Chicago, nur wenige Wochen nach ihrem 96. Geburtstag.

Im deutschen Blätterwald löste diese Nachricht kein Rauschen und Rascheln aus, nicht einmal ein Windhauch war zu spüren. Was nicht nur bedauerlich, sondern auch beschämend ist: Denn Lisel Mueller, als Elisabeth Annedore Neumann am 8. Februar 1924 in Hamburg geboren, war eine herausragende Lyrikerin, ihr Werk ist von berührender Schönheit, von tiefer Nachdenklichkeit geprägt.

In den Vereinigten Staaten zählte sie zu den bedeutendsten Dichterinnen der Gegenwart, wurde mit allen namhaften Preisen ausgezeichnet, mit dem Carl Sandburg Prize, dem Lamont Award, dem National Book Award und nicht zuletzt, als einzige in Deutschland geborene Dichterin, mit dem Pulitzer Preis für Lyrik.

Und dennoch lief ihr Werk unter dem Radar des deutschen Feuilletons und Verlagswesens. Allein im MaroVerlag erschien bislang unter dem Titel „Brief vom Ende der Welt“ eine Auswahl ihrer Gedichte, herausgegeben und zum überwiegenden Teil von Andreas Nohl, dem renommierten Übersetzer, ins Deutsche übertragen. Das Ausmaß ihrer Unbekanntheit mag auch damit zusammenhängen, dass Lisel Mueller, ihrem Vater, der als aufgeklärter Pädagoge und Jude vor den Nationalsozialisten flüchten musste, gemeinsam mit Mutter und Schwester bereits 1939 ins Exil in die Vereinigten Staaten folgte. Die junge Frau fasste schnell Fuß in der neuen Heimat, zum Schreiben begann sie als Reaktion auf den frühen Tod der Mutter und in ihrer neuen Sprache, dem amerikanischen Englisch.

Mag sein, dass es diese Biographie war, die ihren Teil dazu beitrug, dass Lisel Müller leider immer noch eine große Unbekannte hierzulande ist, mag auch sein, dass Lyrikerinnen es von Haus aus schwer haben – aber keineswegs sollte man an ihrem Werk vorübergehen.

Benno Schirrmeister von der taz ist einer der wenigen Kenner ihres Werks hierzulande, der ihr nicht nur etliche längere Artikel in der taz widmete, sondern auch eine Ausstellung über ihr Leben und Werk mitkuratierte (ein Interview zur Ausstellung im Deutschen Auswandererhaus findet sich hier). Er schreibt in einem Portrait über die „Dichterin der zweiten Sprache“:

„Deutsche Dichterin ist falsch, das klingt nach Vereinnahmung, darum darf es nicht gehen. Lisel Mueller ist Amerikanerin, Bürgerin der USA seit den frühen 1940ern. Ihre Lyrik ist durch und durch amerikanisch, auch wenn hie und da Brecht-Zitate auftauchen – und sie immer wieder die Abgründe der deutschen Volksmärchen nutzt (…)
Deutschland spielt aber immer eine Rolle, eine zutiefst ambivalente, für sie selbst und in ihren Texten: „For ­years“, schreibt sie, nachdem sie 1983 erstmals die Stätten ihrer Kindheit besucht hat, „I did not want to be German, wanted nothing to do with German traditions“
(…) Und trotzdem nennt sie Deutschland „what should have been my own country“, also, das, was mein Land hätte sein sollen.

Diese Ambivalenz spricht auch aus ihrem Gedicht „Eine Anthologie von deutschen Nachkriegsgedichten“, das in der Maro-Auswahl enthalten ist:

Amerika hat mich gerettet
und die Geschichte hat mir eine Nase gedreht:
Ich wurde nicht unter Trümmern
begraben, noch wurde ich
an einem gefrorenen Straßengraben erschlagen (…)

Es ist das Schuldgefühl der Überlebenden, das aus diesen Zeilen spricht, und  zugleich die Bewunderung für die Nachkriegsgeneration. Vielleicht schwingt auch ein wenig Wehmut mit, weil sie schon da weiß, dass sie nicht mehr dazugehört:

Unter diesen Dichtern bin
ich Dornröschen, eine Schläferin im Tal,
eine Fremde ihrem Mut,
wenn sie eine neue Sprache schaffen
aus den Trümmern und dem Bösen,
aus dem Grauen ihres Wissens. Ich sehe
staunend wie das Wort
aus Ruinen sich erhebt
und, eine lebende Zelle, sich teilt,
ins zukünftige Geschick.

Auch wenn einige dieser Gedichte von ihrer amerikanischen Sozialisation sprechen – so die Szenen aus „Glückliche und unglückliche Familien“ oder die Zeilen an „Ihr Müden, Ihr Armen“, ganz ist die Nabelschnur nicht durchschnitten, die Herkunft lässt sich nicht vollends abschütteln, auch nicht das Wissen um das, was in Deutschland, in Europa geschah.

Andreas Nohl schreibt denn auch in seinem Nachwort zu „Brief vom Ende der Welt“:

„So sehr das Bewusstsein der Unversehrtheit Muellers Werk von dem gleichaltriger deutschsprachiger Dichter unterscheidet – Paul Celan war um vier Jahre älter, Ingeborg Bachmann um zwei Jahre jünger als sie -, so sehr unterscheidet sie sich von ihren amerikanischen Zeitgenossen in dem Bewusstsein der historischen Kontingenz, die eine solche Rettung ermöglichte.“

In den folgenden Sätzen geht Andreas Nohl auf die weitere Entwicklung der Dichterin ein:

„Erst im Privaten, im Familienleben, in eigensinnigen Traditionen und Erbschaften lässt sich eine Art Einspruch, lässt sich eine Art menschliche Würde gegen die Machination des historischen Unglücks formulieren. Doch umgekehrt trägt das geglückte Private immer die Male des bloßen Davongekommenseins.“

Die damit einhergehende Zwiespältigkeit sei ein wesentliches Motiv ihrer Gedichte.

Nach außen hin dominiert das private Glück im Leben der Poetin: Am College lernt sie Paul E. Mueller kennen, die beiden heiraten 1943, mit ihrem Mann und den beiden Töchtern führt sie zwar ein tätiges, aber auch beschauliches, ein normales Leben. Was aber ihren Gedichten weder verzärtelten noch sentimentalen Ton gibt, vielmehr sind ihre Gedichte geprägt von einer souveränen Ruhe, häufig geradezu auch beinahe lakonisch-beiläufig wirkend, man werfe nur einen Blick auf ihren Lebensbericht.

Diesen Anklang haben auch die ersten Zeilen bei „Entwurf für eine Landschaft“:

Sieh, der einsame Wanderer
an diesem kältesten Sonntag des Jahres
schultert da draußen die ganze Last der Geschichte.

Im „Brief vom Ende der Welt“ schreibt Lisel Mueller:

Der Punkt ist: seit ich dich verlor,
bin ich durch die Welt gezogen,
dich zu suchen, und statt deiner
fand ich mich selbst, Bruchstücke einer Frau,
die langsam zueinander passen.

Liest man ihre späteren Gedichte, wie „Im Schwinden“ oder „Dinge“, dann merkt man auch, da hat eine zu sich gefunden, da passen die Stücke zusammen, auch wenn das Ende, an dem alles zerbricht, naht. Man würde sich nun nur noch wünschen, der Brief vom Ende der Welt käme endlich an, in dem Land, in dem Lisel Muellers Leben begann, und die Menschen hier könnten diese wundervolle Lyrik, so klug und wunderbar mit ihren fein gesetzten Metaphern, lesen und würdigen.


Informationen zum Buch:
Lisel Mueller
Brief vom Ende der Welt
MaroVerlag
Paperback, 108 Seiten, 14,00 Euro
ISBN: 978-3-87512-281-7


Weitere Informationen:

„Die Dichterin der zweiten Sprache“: Portrait in der taz
Curriculum Vitae by Lisel Mueller: Gedichtinterpretation
„Blood Oranges“ by Lisel Mueller: Gedichtinterpretation


 

Sina Kamala Kaufmann: Helle Materie

„Timo sprach nicht mehr über seine Wut. Grundsätzliche Konsumkritik ist ein Killerthema. Jeder stimmte zu, zumindest mehr oder weniger, und weiter – weiter durfte man nicht denken. Zweifeln brachte die Lebensroutine in Bedrängnis. Solche Themen sparte man in seinem Freundeskreis mittlerweile aus, sprach konstruktiv über Naheliegendes. Lieber weiter so, keiner war mehr jung genug, alle relevanten Lebensentscheidungen waren bereits getroffen. Reflexion führt ins Ungewisse. Lieber blieben sie an der Oberfläche, an derselben Oberfläche, die sie selbst weiterhin so gerne zynisch kommentierten. Das Risiko, zu weit zu denken, die Anschlussfähigkeit zu sich, zur eigenen Timeline zu verlieren, war zu groß. Er hatte sich damit abgefunden, selbst keine Konsequenz leben zu können.“

Sina Kamala Kaufmann, „Helle Materie“.

Vielleicht wäre es um unsere Zukunft nicht allzu schlecht bestellt, hätten wir mehr Schriftstellerinnen vom Schlage einer Sina Kamala Kaufmann. Schriftstellerinnen, die politisches Engagement und literarisches Talent verbinden. Und zudem noch die Fähigkeit besitzen, ihren Erzählungen auch einen Unterstrich von Chuzpe und Schalkhaftigkeit zu geben.

Mit ihrem Erzählband „Helle Materie“, betrat die politische Aktivistin, die auch Herausgeberin der deutschen Ausgabe des Extinction-Rebellion-Handbuchs ist, erstmals literarisches Terrain – und erregte damit ordentliches Aufsehen. Tatsächlich sind diese „nahphantastischen“ Stories, fast schon Sittenbilder unserer heutigen Generation, etwas Besonderes und Neues, wenn man auf die sonstigen angesagten literarischen Themen und Trends schaut.

Sina Kamala Kaufmann wirft einen kritischen, analytischen Blick auf unsere Gegenwart und unsere Seinszustände und spinnt sie weiter – mal ironisch, mal düster-dystopisch, mal auch mit konkreten Praxisvorschlägen für die kommende Welt. Utopien ohne Haftungsgarantie. Die jedoch dazu anregen, aus der eigenen Komfortzone zu kommen, sich die „Was wäre wenn?“-Frage selbst zu stellen.

Schon die erste Erzählung dieses Debütbandes zeigt die Richtung auf, in die es geht: In „Nochmal, nochmal“ besichtigt eine Besucherin die entleerten Facebook-Hallen, zieht Vergleiche zum Beginn der Industrialisierung.

„Damals. Noch ein wenig Mysterium umgab dieses mächtige Start-up aus der Hippie-Stadt. Das Internet war noch nicht ganz entzaubert.“

Der Zeitrahmen ist somit gesetzt, wir befinden uns in der nahen Zukunft. In einer Zukunft, in der „die Stöckelquote“ eingeführt wird – Männer müssen Frauenkleidung tragen, weil einfach immer noch nicht genügend Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten zu finden sind -, in der bei Studenten der „N-Faktor“ gemessen wird, deren Anfälligkeit für narzisstisches Verhalten also, um zum Wohle ihrer Umgebung entsprechend frühzeitig therapiert zu werden, in denen es Anti-Prokrastinationsgruppen und Urschlamm-Kuren gibt, damit ein jeder sich möglichst selbst optimiere.

Was in den seltensten Fällen gelingt. Denn da sind die Zweifler wie Timo aus „Eine Kleidergeschichte“ oder Paul aus „Produktivität“:

„Und da war er wieder, hilf- und hoffnungsloser als je zuvor. So leer, wie man nur sein konnte, wenn man berücksichtigte, wo er lebte. Wohlwissend, er sollte glücklich sein, schlicht glücklich, dass er auf der sonnigen Seite der Zivilisation, der Erde geboren worden war. Sein Pass allein war Grund genug, vor Sonnenaufgang mit dem Tanzen zu beginnen und nicht aufzuhören. Er sollte aufhören, sich Sorgen zu machen, diese offensichtliche Dummheit, die Unterdrückungen, Manipulationen, all diese kleinen Details, die schiefliefen zur Zeit und die ihm riesengroß erschienen.“

Dass auch Sina Kamala Kaufmann eine ist, die sich Sorgen macht über die Blauäugigkeit, mit wir uns alle in Konsum- und Verhaltenszwänge begeben, ist offensichtlich (man lese dazu nur die Story „Opt-In Slavery“). Aber im Gegensatz zu manchem Kulturpessimisten wie ein Jonathan Franzen warnt sie weder mit erhobenem Zeigefinger noch bettet sie sich in bequemer kompletter Ablehnung aller neuzeitlichen Entwicklungen ein. Vielmehr spinnt sie mit viel Einfallsreichtum Zukunftsszenarien, die verstören, nachdenklich machen, vor allem aber dazu anregen, die Zukunft mitzugestalten: Future nicht nur für Sonntagsleser.

„Helle Materie“ ist so auch eins: Ein helles Lesevergnügen.

Informationen zum Buch:

Sina Kamala Kaufmann
Helle Materie
Mikrotext Verlag, 2019
Taschenbuch, 176 Seiten, 14,99 Euro
ISBN 978-3-944543-74-1
E-Book, 6,99 Euro
ISBN 978-3-944543-71-0

Weitere Besprechungen:
In Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova.


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Struwwelpeter: Von Anfang an ein Streitfall

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Bildquelle: Wikimedia/Struwwelpeter-Museum Frankfurt

“Konrad!“ sprach die Frau Mama, „ich geh aus und du bleibst da. Sei hübsch ordentlich und fromm, bis nach Haus ich wieder komm.“

Der Struwwelpeter war kaum erschienen, schon war er umstritten: „Jämmerliches Machwerk“, „Schmutzliteratur“, „albernes Buch“, lauteten die harschen Urteile. Der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann jedoch blieb stur. Er hatte das ganze Buch für seinen Sohn getextet und gemalt und bedingte sich bei der Drucklegung aus, dass – obwohl er selbst auch eingestand, dass manches „dilettantisch“ sei – das Buch unverändert blieb.

Erschreckte es bei seinem Erscheinen 1845 vor allem die Schöngeister, die im Buch Stellen des „Gemeinen und Ekelhaften“ zu finden meinten, war es in den 1970er Jahren (und eigentlich noch bis heute) umstritten aufgrund seiner „schwarzen Pädagogik“: Zu schlimmes Unheil drohe hier unwillfährigen Kindern.

Dies ist die Ebene, auf der Erwachsene über Kinderbücher diskutieren. Welches Kind aber glaubt im Ernst, dass beim Daumenlutschen der Schneider mit der Riesenschere um die Ecke lauert? Oder auf Suppenverweigerung binnen sieben Tagen der Hungertod folgt? Und ging es überhaupt darum, Kinder einzuschüchtern und zu ängstigen mit diesem Buch?

Die Schriftstellerin Maria Beig schildert ihre Leseerfahrung so: Sie war nicht wegen der Grausamkeiten, sondern hauptsächlich deswegen empört, weil die Eltern Paulinchen alleine zuhause ließen und der Suppenkasper nicht einmal ein Butterbrot bekam. Eine Spontanumfrage im Bekanntenkreis ergab: Alle Eltern machen sich Gedanken, ob der „Struwwelpeter“ für ihre Kinder zumutbar ist – und die meisten Kinder wollen ihn trotzdem lesen. Die Eltern sind meist auch gestruwwelpeterisiert – und keiner kann sich an Alpträume erinnern. Es kommt auf die Familie an: Wer das Vertrauen haben kann, dass die Struwweleien in erster Linie Geschichten sind, der kann diese Geschichten auch genießen.

Bruno Bettelheim („Kinder brauchen Märchen“) vertrat sogar die These, dass solche Struwweligkeiten helfen könnten, Kindern ihre schwache Seite zu zeigen: Ihren Jähzorn, ihre Aggressivität, deren Auswirkungen auf andere sie so kennenlernen. Das scheint mir zwar etwas an den pädagogischen Struwwelhaaren herbeigezogen, aber wer weiß – vielleicht können die Erzählungen doch eine Anregung sein, sich über die Voraussetzungen des Miteinanders zu unterhalten.

Die Figuren – Hans-Guck-in-die-Luft und Zappel-Philipp – haben jedenfalls bislang noch jede Zeitkritik überstanden, der Struwwelpeter ist nach wie vor ein Klassiker: Irgendwie scheint er doch mitten in die kindliche Seele zu treffen. Verleger und Schriftsteller Michael Krüger sagt dazu, was Kinder von Büchern wollen:
„Es muss komisch sein. Es muss spannend sein. Und es muss eine ganz tolle Geschichte erzählt werden. Man kann also nicht gerade mit Becketts Romanen Kinder erfreuen“.

Auch zum Struwwelpeter hatte Robert Gernhardt, der große Satiriker, eine ganz eigene Sichtweise:
Ich halte übrigens beide Bücher (gemeint ist auch Max und Moritz) für hervorragend, unabhängig von den schrecklichen Ausgängen: Die Verfasser arbeiten mit Witz und Pointen, und möglicherweise haben sie in ihrer gnadenlosen Sichtweise ja sogar recht: Möglicherweise endet jeder Versuch, sich dem System zu widersetzen letal bzw. blutig, doch es sind immer offene Wunden; während jene Wunden, die durch die Anpassung geschlagen werden, unsichtbar sind und bleiben.“

Und manchmal gibt es bei Heinrich Hoffmann ja auch noch ein winziges Türchen für die Subversion – sei es in der Geschichte vom Hasen und Jäger oder vom fliegenden Robert: Einfach Wegschweben ist manchmal die beste Lösung.

Max Mohr: Frau ohne Reue

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Bild von Pezibear auf Pixabay

„Keine Tränen. Nicht einmal an Golo oder an Else Schlittenmeister ein Brief, eine Mitteilung. Nichts. Wenn sie an Fenn dachte, fühlte sie, daß nicht durch seinen Tod ihre Seele leer geworden war. Ihre Seele war schon vorher leer gewesen. Und sie war leer, weil sie leer war, mehr ließ sich darüber nicht sagen (…)
Aber die Menschen, gerieten sie nicht in Raserei, wenn sie spürten, daß ihre Seelen leer waren? Wüteten sie nicht gegeneinander, zerfleischten sie sich nicht gegenseitig, tobten sie nicht gegen sich selber mit diesen leeren Seelen? Anders war`s bei ihr, anders bei ihrer leeren Seele. Wenn die Zeit gekommen war, daß die Seele leer war, dann war diese Zeit eben gekommen.“

Max Mohr, „Frau ohne Reue“.

Was für ein eigenartiger, traumhaft schöner, traumwandlerischer Roman! Was mit dem Esprit und der Leichtigkeit einer Keun, eines Kästners beginnt, was man den Berlin-Romanen der 1920-er und -30er-Jahre und der Neuen Sachlichkeit zuordnen könnte, das wandelt sich mit dem Wechsel des Schauplatzes und innerhalb weniger Kapitel fundamental. Und wird zu einer Geschichte, die zunächst mit der Hoffnung verlockt, da mögen welche mit dem Rückzug in die Natur und in der Einsamkeit der Berge ihren Frieden und ein kleines Glück finden – und die dann doch wieder eine ganz andere Wendung nimmt, die zeigt, wie schwer es ist, abseits zu stehen. Was aber, wenn eine Gesellschaft sich so entwickelt, dass ein einzelner Mensch sich weder dort noch außerhalb ihrer behaust fühlen kann?

Lina, die Hauptfigur dieses Romans ist so eine, eine Wanderin zwischen den Welten, die sich, vor allem zu Ende dieses melancholisch-schönen Romans geradezu somnambul durch die Tage und Nächte bewegt. Eine Entwurzelte, die von ihrem Geburtsort, einem Bergdorf, in Berlin an der Seite eines dominant-dynamischen Geschäftemachers landet. Als Fenn, ein mittelloser Journalist, eines Tages in der Villa des Ehepaars Gade eintrifft, ist es eine Sache von wenigen Minuten: Lina flieht förmlich aus ihrem goldenen Käfig, lässt Mann und Kind zurück.

Den witzigen Kneipendialogen mit dem Freundespaar Golo und Else, dem Bohème-Leben in Berlin folgen Wochen des Reisens, bis es Lina zurück zu ihrem Kind zieht. Ein wagemutiger Plan, das Mädchen Jane aus der väterlichen Villa zu entführen, wird in die Tat umgesetzt, ein abgelegener Berghof wird zum Zufluchtsort für das Trio. Doch wo Lina zurück zu ihren Ursprüngen findet, kommt Fenn an seine Grenzen: Er ist und bleibt ein Mensch der Stadt, der auch den Trubel, das Treiben um sich herum spüren muss. Seine letzte Bergtour endet tragisch, Lina und Jane bleiben allein zurück. Die Mutter weiß, sie kann mit dem Kind nicht alleine in der Einöde bleiben und bringt es aus Vernunftgründen nach Berlin zurück. Monate später kommt Lina wieder ins Gebirge. Und sie, die Traumwandlerin, verliert ihr Leben an den Mond.

„Sie hatte Tränen in den Augen. Durch das offene Tor konnte auch sie den Mond sehn, den vollen Lichtball über den Gipfeln (…) Es war jene nachmitternächtliche Schönheit der Welt, die einem die dritten Tränen entlockte, jenseits von Freunde und Schmerz.“

Auch wenn die Protagonisten dieses sprachlich und atmosphärisch so dichten Romans am Ende keinen Platz für sich finden, auch wenn Lina, die Einzelgängerin, zerrissen bleibt zwischen dem Wunsch nach Selbstentfaltung, einem authentischen Leben und gleichzeitig den Verpflichtungen als Mutter, so ist der Titel „Frau ohne Reue“ dennoch treffend. Lina handelt instinktiv, aus innerer Überzeugung, traumwandlerisch richtig. Sie ist eine starke Frau, eine Frau ohne Reue. Selbst ihr früher Tod ist folgerichtig.

Denn, so Verleger Stefan Weidle in seinem Nachwort:

„Alle Wege haben sich als Sackgasse erwiesen, und die Natur hält nur noch den Tod bereit, symbolisiert durch den Enzian, den Lina Gade in den Mund nimmt: Diese Pflanze war D. H. Lawrences  Todesblume in einem seiner letzten Gedichte, »Bavarian Gentians« (»Bayerische Enziane«). Lawrence schrieb das Gedicht in Rottach Ende September 1929, als er seinen Freund Max Mohr besuchte.“

Schön ist es, dass das Gedicht in der deutschen Übertragung durch Stefan Weidle dem Band ebenso beigefügt ist wie „Mondvogel“, ein Gedicht Mohrs, das seinem Freund gewidmet ist, sowie eine biographische Skizze des lange vergessenen Schriftstellers Max Mohr (1891 – 1937) von Roland Flade. Denn auch Max Mohr gehört zu den lange zu Unrecht vergessener Autorinnen und Autoren, für die der Nationalsozialismus das Ende ihrer schriftstellerischen Karriere bedeutete.

Der aus einer jüdischen Würzburger Fabrikantenfamilie stammende Mohr war Mediziner, er pendelte zwischen seinem Einödhof am Tegernsee, wo er mit seiner Frau lebte, und der Berliner Literatur- und Theaterszene hin und her. Vor allem seine Dramen wurden viel gespielt, dennoch blieb er – wie seine Hauptfigur Lina in „Frau ohne Reue“ – zerrissen, unbehaust. 1934 flüchtete Max Mohr aus Deutschland und ließ sich als praktischer Arzt in Shanghai nieder, wo er 1937 an Herzversagen starb. Ein Portrait von Max Mohr findet sich im Literaturportal Bayern.

Seit einiger Zeit wird der Autor wiederentdeckt – und seine „Frau ohne Reue“ ist in diesem Jahr erfreulicherweise auch das Buch für „Würzburg liest“.

Informationen zum Buch:
Max Mohr
Frau ohne Reue
Weidle Verlag, 2019
Fadengeheftete Broschur, 224 Seiten, 14,00 Euro
ISBN: 978-3-938803-95-0


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