Theresia Enzensberger: Blaupause

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Das Bauhaus in Dessau 2019. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

„Besonders interessiert sie sich für mein Siedlungsprojekt. Bereitwillig erkläre ich ihr, was ich vorhabe, verliere mich manchmal im Fachjargon und bemerke zum ersten Mal, wie viel ich im letzten Jahr gelernt habe und wie durchdacht mein Konzept mittlerweile ist. Als sie nach der potenziellen Verwirklichung meiner Pläne fragt, erzähle ich ihr von meiner kläglichen Präsentation, von meiner Unterhaltung mit Meyer und von meinen Selbstzweifeln. Es tut gut, dass da jemand ist, der mir zuhört und mich ernst nimmt.

„Davon solltest du dich nicht aus der Bahn werfen lassen“, sagte Helene. „Weißt du, die Männer haben es wirklich nicht gerne, wenn wir Frauen in ihren Gebieten wildern. Und die Architektur ist nun einmal ein Hoheitsgebiet, auf das die Männer besonders Anspruch erheben. Frauen, die Häuser bauen, das können die sich gar nicht vorstellen.“

Theresia Enzensberger, „Blaupause“, Carl Hanser Verlag, 2017.

Selten geht es mir mit Romanen so wie mit diesem: Ich hatte ihn schon abgebrochen, enttäuscht zur Seite gelegt. Ich sah mich in meinen Erwartungen getäuscht – einen, „den“ Roman über die Frauen am Weimarer Bauhaus wollte ich finden und stieß zunächst auf einen ein wenig biederen, fast schon naiv klingenden Sprachstil, auf eine Erzählung, die sich irgendwo zunächst zwischen Coming of Age- und Campusroman einpendelte. Junge, wohlbehütete Frau kommt an Hochschule, betrachtet mit großen, runden Augen den Trubel dort, verliebt sich, entliebt sich, blättert nach und nach Konventionen ab.

Wem es zunächst beim Lesen so ergehen wird wie mir, dem rate ich zur Geduld – das Buch entpuppt sich nach und nach, analog zur Entwicklung seiner Hauptfigur, denn doch noch zu einer guten, fesselnden Lektüre. Es ist beinahe, als sei das Buch auch qualitativ in die zwei Zeitabschnitte, die es umfasst – Weimar 1921 und Dessau 1926 – gesplittet.

Wie Luise sagt:

„Mein eigener Groschenroman wird immer abstruser, aber am Ende steht immer der glückliche Ausgang, der eines solchen Romans würdig ist.“

Frauen erst an zweiter Stelle

Luise, wohlbehütete Unternehmerstochter aus Berlin, setzt sich 1921 gegen ihre Eltern durch: Sie will partout Architektur studieren, am „Staatlichen Bauhaus in Weimar“ von Walter Gropius, dem Pionier der „neuen Sachlichkeit“ in der Architektur. Bald wird die junge Frau von der Bauhaus-und Universitäts-Realität eingeholt: Im Fachbereich Architektur sind die männlichen Studenten tonangebend, allgemein ist das Bauhaus – trotz seiner gesamtgesellschaftlichen künstlerischen und sozialen Ansätze – eine Welt der Männer.

„Wie die Kunsthistorikerin Anja Baumhoff im Detail dargelegt hat, reichten die Vorstellungen am Bauhaus von der Zuordnung von Dreieck, Rot und Geist zu Männlichkeit und Quadrat, Blau, Materie zu Weiblichkeit (Gropius) über die Behauptung, Frauen sei zweidimensionales Sehen angeboren, und sie sollten daher lieber in der Fläche arbeiten (Itten), bis hin zu der Überzeugung, dass Genie männlich sei (Klee) und Schöpfertum generell mit Männlichkeit identisch sei (Schlemmer, Kandinsky).“

Ulrike Müller führt dies in ihrem Buch „Bauhaus-Frauen“, 2009 im Elisabeth Sandmann Verlag, später als „insel taschenbuch“ erschienen, aus – eine Lektüre-Empfehlung für alle, die sich einen ersten Überblick über die großartigen Bauhaus-Künstlerinnen verschaffen wollen. Während man bis heute diese Bewegung mit den Namen Gropius, Klee, Schlemmer, van der Rohe verbindet, sind die Bauhaus-Künstlerinnen weniger bekannt, wenn nicht gar vergessen: Ein Schicksal, das auch Luise Schilling, von der Theresia Enzensberger erzählt, widerfuhr.

Um einige Träume ärmer

Wie Luise mehr und mehr die Mechanismen erkennt, die dazu beitragen, dass auch am Bauhaus (an dem von Gropius in dessen ersten Ansprache „absolute Gleichberechtigung“ proklamiert wurde) geschlechtsspezifische Hierarchien vorherrschen (Frauen teilt man gerne der Webklasse zu), das flicht Theresia Enzensberger ganz sachlich, ruhig, fast schon unterschwellig in diesen Entwicklungsroman ein. Es ist die Erzählung einer allmählichen Emanzipation und Desillusionierung zugleich: Luise erlebt einen Ausbruch körperlicher Gewalt ihres Freundes, sie erlebt wie Gropius, der sie in ihren Arbeiten an einer Wohnsiedlung unterstützt, ihre Ideen als seine vereinnahmt. Das Buch endet mit einer Frau, die um viele Träume weniger, aber um einige Erfahrungen reicher dem Bauhaus ihren Rücken zukehrt.

„Blaupause“ ist jedoch mehr als die Entwicklungsgeschichte einer einzelnen Frau – der Roman dient mit seinen Schilderungen der Utopien und Ideen, die am Bauhaus herrschten, sowie der gesellschaftlichen Umbrüche, die die Weimarer Republik prägten zugleich auch als Blaupause für heutige Zu- und Umstände.

Pointe der Geschichte: Dem Roman sind einige Dokumente angehängt. Luise Schilling, die in die USA ausgewandert war, arbeitete in der New Yorker Stadtplanung. Sie hatte unter anderem die Entwürfe für das Pan-Am-Gebäude zu prüfen. 1959 schreibt sie:

„Und so begegne ich also Gropius wieder. Oder, besser gesagt, seinen Ideen. Mein erster Impuls dabei: ein niedriger. Wenn ich schon die Gelegenheit habe, Gropius bei seinem ersten Projekt in New York einen Strich durch die Rechnung zu machen, warum sollte ich sie nicht ergreifen?“

Sie tut es nicht, bleibt gelassen und souverän, obwohl in ihren Augen das Gebäude das ist, „was den Leuten inzwischen als modern gilt: höher, größer, phallischer.“

„Blaupause“ ist ein Roman, der erst mit der Zeit ein gewisses Tempo entwickelt. Dann aber liest man sich auch mehr und mehr in diese konventionell anmutende Schreibweise von Theresia Enzensberger ein. In einigen Besprechungen wurde der Stil kritisiert – für mich wurde er nach und nach stimmiger. Ein sachlicher Bericht – ganz wie er zum Stil des Bauhauses passt.


Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/blaupause/978-3-446-25643-9/

Bild zum Download: Bauhaus Dessau


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