Literaturstipendium für Theres Essmann

Eine tolle Anerkennung erhielt nun Theres Essmann für ihre literarische Arbeit: Heute teilte die baden-württembergische Kunststaatssekretärin Petra Olschowski mit, dass Theres Essmann eines der Literaturstipendien des Landes Baden-Württemberg erhält. Außerdem kann sich Frank Rudkoffsky über ein Vollstipendium freuen sowie die beiden Stipendiaten Cihan Acar und Valentin Moritz, die sich ein Stipendium teilen. Mit der Auszeichnung ist eine gemeinsame Lesereise in Baden-Württemberg verbunden.

Theres Essmann beeindruckte die Jury mit ihrem ausgereiften Stil, ihrer treffenden Sprache und der gekonnt aufgebauten Handlung der klassischen Novelle „Federico Temperini“. Das Debüt erschien im Frühjahr beim Verlag Klöpfer, Narr. Mehr zum Buch findet sich hier:
Theres Essmann, „Federico Temperini“.

Mit den Literaturstipendien zeichnet das Land Baden-Württemberg Nachwuchsautorinnen und -autoren aus, die mit ihrer schriftstellerischen Arbeit überzeugen und eine Affinität zu Baden-Württemberg haben, beispielsweise durch Geburt, Wohnort, Ausbildung oder Schwerpunkt ihres Schaffens.

Der Jury gehörten als fachkundige Persönlichkeiten des kulturellen und geistigen Lebens in diesem Jahr Oswald Burger (Literarisches Forum Oberschwaben), Dr. Beate Laudenberg (Literaturwissenschaftlerin an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe), Annette Maria Rieger (freischaffende Journalistin und Autorin), Ruth Wieczorek (Stadtbibliothek Stuttgart) und Werner Witt (Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg) an.

Bild: Rüdiger Nehmzoff

Theres Essmann, 1967in Nordwalde geboren, studierte Germanistik und Philosophie in Tübingen. Sie arbeitet seit vielen Jahren in der freien Wirtschaft und als Referentin für kreatives Schreiben, konzentriert sich aber zunehmend auf ihr Schreiben. 2018 erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg. Sie lebt in Stuttgart.

Theres Essmann: Federico Temperini, Klöpfer, Narr Verlag

Sie könnten unterschiedlicher nicht sein: Der Kölner Taxifahrer Jürgen Krause und sein neuer Fahrgast, Federico Temperini. Den alten Herrn, der Krause als Chauffeur engagiert, umweht ein tragisches Geheimnis. Und Krause, einmal neugierig geworden, lässt sich ein auf die Obsession des Alten, dessen Leben und Denken sich vollständig um den einstigen Geigenvirtuosen Paganini dreht. Langsam entwickelt sich zwischen den beiden ungleichen Männern eine Freundschaft, die auch über den Tod hinaus Bestand hat.

Theres Essmann entfaltet mit „Federico Temperini“ auf knappem Raum, gekonnt verdichtet, das Leben zweier Männer, sie erzählt von gescheiterten Lebensentwürfen, von der Kraft des Neubeginns sowie von einer ungewöhnlichen Freundschaft. Eine Novelle über Verlust und Vergänglichkeit. Über die Sehnsucht, geliebt zu werden und die Einsamkeit des Grandiosen. Und über das, was uns wahrhaft groß macht: unsere Menschlichkeit.

Theres Essmann wurde 1967 in Nordwalde (Münsterland) geboren, studierte Literaturwissenschaften und Philosophie, lebt und arbeitet in Stuttgart und Köln. Sie schreibt Lyrik und Prosa. 2018 erhielt sie für ihren Erzählzyklus ein Stipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg.

Verlagsinformationen zum Buch: Federico Temperini

Besprechungen:

Mit „Federico Temperini“ ist der Autorin Theres Essmann eine berührende Novelle über Vergänglichkeit und Verlust gelungen.“ – Kathrin Stahl, Südwestpresse

„Theres Essmann ist eine gute Beobachterin der nichtsprachlichen Kommunikation.“ – Andreas Sommer in der Heilbronner Stimme, 22.8.2020

„Theres Essmann hat in ihrem Debüt mit feinem Strich Figuren gezeichnet, die ohne große Geste auskommen, aber dafür umso prägnanter auf den Leser wirken. (…) Unaufdringlich, aber voller Gefühle, leise, aber bis ins Mark. So spannend sind menschliche Begegnungen … wenn die Sprache stimmt.“ – Guy Helminger, Luxemburger Tageblatt

Lesung aus dem Roman und Interview in SWR 4

„Diese fein gesponnene Novelle habe ich sehr gerne und in einem Rutsch gelesen. Fast von der ersten Seite an war ich hineingezogen in die Geschichte dieser beiden ungleichen Männer.“ – Susanne Martin von Schiller-Buch hat ihre Besprechung mit einer Playlist ergänzt. So kommen Literatur und Musik zusammen.

„Federico Temperini ist eine kluge Geschichte, die viel erzählt, aber nicht überfrachtet ist. Die verschiedene Tonlagen anschlägt und jedes Kapitel so enden lässt, dass man das folgende sofort lesen möchte.“ – Petra Lohrmann, Hotlistblog

Weitere Besprechungen bei: Dieter Wunderlich, Bücheratlas, Buch-Haltung, Leseschatz, Wortspiele, LiteraturReich, Petras Bücherapotheke, Gute Literatur – Meine Empfehlung, Sinn und Verstand, Litbiss, Leckere Kekse, Literaturcafé

Lesung auf der Verlagsseite:

 

Jasmin Schreiber: Marianengraben

„Was mich dem Leben immer ein bisschen misstrauisch gegenüberstehen lässt: Die Unvorhersehbarkeit, also eigentlich das, was den meisten Menschen so gut gefällt. Sie finden es spannend – ich finde es nur beunruhigend, denn unvorhersehbar ist nicht nur der Überraschungsbesuch der besten Freundin, die wir seit Jahren nicht gesehen haben, unvorhersehbar sind auch all die Enden, die auf uns warten. Das Ende der Freundschaft, der Liebe, des Lebens des kleinen Bruders – dein Ende. Beile, die in die Angelschnüre fallen, die uns alle miteinander verbinden. Beile, die auch unsere Angelschnur zerrissen haben, deine und meine.“

Jasmin Schreiber, Marianengraben.

Nein, für das Unvorhersehbare ist die Biologiestudentin Paula ganz offensichtlich nicht gemacht – eine Nachdenkliche, eine Grüblerin, eine Einzelgängerin. Und doch trifft sie das Schlimmste, was einen treffen kann: Der Verlust eines Menschen, den man liebt, der einem am nächsten ist. In Paulas Fall ist das Tim, ihr zehnjähriger Bruder, beim Urlaub mit den Eltern im Meer ertrunken, mitten aus dem Leben gerissen. Auch Paula ertrinkt: In einem Meer an Selbstvorwürfen, Trauer und Depression.

Und dennoch, so widersprüchlich es scheint, ist dieser Roman einer, der einen auch schmunzeln lässt, lauthals lachen, der einem das Gefühl beinahe greifbar vermittelt, dass das Leben eben nicht nur unvorhersehbar ist, sondern dass neben der Trauer auch Freude und Hoffnung ihren Platz haben. Ein herzerwärmendes Buch, ein leichtes Buch trotz seines schweren Themas. Ein Roman, der durch Melancholie und liebevollen Humor besticht, der von Lebensfreude spricht und von der menschlichen Kraft des Weitermachens.

Auch wenn einer der skurrilen Protagonisten, ein Huhn namens Lutz, einen grausamen Tod stirbt: „Marianengraben“ ist ein Buch der Hoffnung. Das liegt zum einem an der leicht fließenden Sprache von Jasmin Schreiber, die einen durch den Roman trägt. Sie hat das Talent, lebendige Dialoge voller Sprachwitz zu gestalten, ohne dass dies zu platt oder umgangssprachlich klingt. Und zugleich beweist sie mit ihrem Debütroman ihr Geschick für außergewöhnliche Geschichten.

Jasmin Schreiber bringt Paula mit Helmut zusammen: Ein wahrhaft ungleiches Paar. Die junge, übergewichtige Studentin, mitten in einer tiefen Depression, und der wortkarge, mürrische Rentner, der buchstäblich seine letzten Atemzüge vor sich hat. Und doch verbindet sie ein gemeinsames Schicksal: Beide trauern sie um ihre liebsten Menschen.

Der Zufall führt sie nachts auf einem Friedhof – eine von jenen leicht skurrilen Szenen, an denen dieser Roman nicht arm ist – zusammen. Aus der grabräuberischen Begegnung wird eine Fahrgemeinschaft: Mit einem altersschwachen Wohnmobil machen sie sich von Frankfurt auf zu einer Reise in die Berge, wo Helmut die Asche seiner ehemaligen Frau in deren Heimatort bringen will. Ganz langsam die beiden sich dabei näher, werden Freunde über Alters- und Erfahrungsgrenzen hinweg:

„Meinen Freunden oder Eltern konnte ich sowas nicht erzählen, alle machten sich permanent Sorgen um mich und beobachteten mich wie ein Pantoffeltierchen unter dem Mikroskop, bereit, bei den kleinsten Anzeichen abnormen Verhaltens – was auch immer sie damit genau meinten – sehr, sehr besorgt zu sein und mir das auch genauso zu sagen. Wenn Trauer eine Sprache wäre, hatte ich jetzt zum ersten Mal jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur mit einem anderen Dialekt.“

Wie der an Lungenkrebs leidende Helmut, der selbst nicht gerade ein Sonnenschein ist, Paula verbal aus ihrem schwarzen Loch reißt, wie sie durch ihn lernt, mit Abschieden und Enden (denn Paula erlebt auch das Ende von Helmut) umzugehen, das ist so leicht erzählt, dass das Traurige nicht zu schwer wird.

Und auch wenn Paula an einer Stelle des Buches sagt:

„Wäre Sehnsucht eine olympische Disziplin, ich hätte uns längst Gold geholt“,

so ist man sich, einmal am Ziel dieses außergewöhnlichen literarischen Roadmovies angekommen, sicher, dass die Protagonistin nun auch für weitere Disziplinen gerüstet ist.

Zur Autorin:

Jasmin Schreiber, geboren 1988, ist studierte Biologin und arbeitet als Kommunikationsexpertin und Autorin. 2018 gewann sie den Digital Female Leader Award und wurde als Bloggerin des Jahres ausgezeichnet. Sie arbeitet ehrenamtlich als Sterbebegleiterin und Sternenkindfotografin. Unter @LaVieVagabonde kann man ihr bei Twitter folgen.

Zum Buch:

Jasmin Schreiber
Marianengraben
Eichborn Verlag 2020
Gebunden mit Schutzumschlag, 254 Seiten, 20,00 €
ISBN: 978-3-8479-0042-9


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Rachel Kushner: Telex aus Kuba

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Bild von Juan Cuba auf Pixabay

„Auch wenn eine Liebe, die sich auf Besitzergreifung gründete, eine Form von tiefer Ignoranz war – es berührte ihn dennoch. Die Amerikaner hatten die Vegetation, die Daiquiris, die kubanische Musik eindeutig geliebt. Er spürte es in ihrer leeren Stadt, das Gespenst ihrer naiven und imperialistischen Liebe.“ 

Rachel Kushner, „Telex aus Kuba“, 2017, Rowohlt Verlag. 

Revolution, Baby! Diese Frau brennt. Zumindest brennt sie eine Menge nieder: „Flammenwerfer“ hieß der 2013 in den USA erschienene Roman, mit dem Rachel Kushner Furore machte. Nach dessen Erfolg im deutschsprachigen Raum wurde nun auch ihr Debüt übersetzt. Und „Telex aus Kuba“ beginnt sogleich mit einem veritablen Flächenbrand. Man schreibt 1958. Eine Handvoll Revolutionäre fackelt die Zuckerrohrfelder der United Fruit Company in Preston ab. Der örtliche Company-Manager rotiert, den amerikanischen Botschafter in Havanna interessiert es dagegen einen Scheiß: Man nimmt die paar bärtigen Jungs in Khakianzügen, die gegen Batista, den Handlanger der Vereinigten Staaten zu Felde ziehen, nicht allzu ernst. Schwerer Denkfehler: Gegen Ende des Romans verbreitet Fidel Castro revolutionäres Pathos:

„So oft ist unsere Revolution schon verraten worden“, sagte er. „1898, als die Amerikaner sich hier einluden, um unser Kuba wie eine Hafenhure zu vergewaltigen. Frei verfügbar, syphilitisch und nur der Verachtung wert. 1952, als Batista das Volk verriet. Wieder und wieder entpuppten sich jene, die reinen Herzens zu sein behaupteten, als Diebe und Gesindel. Zum ersten Mal seit vier Jahrhunderten wird diese Republik frei sein. Zum ersten Mal überhaupt wird sie ihrer Revolution treu bleiben. Vaterland oder Tod: Es liegt an uns.“ 

In „Flammenwerfer“ verknüpfte Rachel Kushner die amerikanische Avantgarde- und Underground-Szene der 1970er-Jahre mit der radikalen Linken in Italien. Aber auch in ihrem Debüt war also schon Aufstand und Revolution der Gegenstand: Vor den „Roten Brigaden“ widmete sie sich der „Bewegung des 26. Juli“, von Kuba der Sprung nach Italien. Man darf auf den nächsten Roman gespannt sein, zumal sich an „Telex aus Kuba“ und „Flammenwerfer“ auch eine deutliche literarische Entwicklung festmachen lässt, die Autorin von Mal zu Mal sicherer in der Beherrschung ihres Plots zu werden scheint. Dass die Amerikanerin (auch) eine politische Schriftstellerin ist, lässt sich anhand ihrer Sujets schon vermuten, ihre Interviews und öffentlichen Aussagen untermauern dies. Und machen deutlich, wo ihre Sympathien liegen.

In den Vereinigten Staaten, zu dessen großen kollektiven Traumata immer noch die gescheiterte Schweinebucht-Invasion anno 1961 zählt, macht man sich mit einem Roman über Kuba – zumal mit deutlichen Sympathien für die Befreiungsbewegung – wahrscheinlich nicht nur Freunde. Wurde doch auf der karibischen Insel der amerikanische Traum mit Karacho zertrümmert – das passt als Thema wenig zum gegenwärtigen politischen Slogan „Make America great again“. Doch das Buch wurde vom Feuilleton und von zahlreichen Lesern begeistert aufgenommen, eine Verfilmung ist geplant. Das verwundert nicht: „Telex aus Kuba“ gibt mit seiner überwiegend rasanten Erzählweise, mit seinen verschiedenen Perspektiven, seinen Nebensträngen und dem ganzen Konglomerat aus gebrochenen, sinistren und halbseidenen Figuren großartigen cineastischen Stoff her.

Rachel Kushner kann schreiben, richtig gut schreiben, wenn auch der „Erstling“ noch hier und da etwas vermissen lässt. Zunächst bedient sie sich eines ziemlich cleveren Kunstgriffes: Der Roman wird überwiegend aus der Sicht zweier amerikanischer Teenager erzählt, die mit ihren Familien in der amerikanischen „Kolonie“ leben. Das ist schlau – denn so simuliert sie einen jugendlichen, unvoreingenommenen, ja auch naiven Blick auf die Zustände. K.T., der Sohn eines United Fruit-Managers, erzählt eher im Plauderton von Partys, Badeausflügen, Sommerhäusern und Yachten, vom Umgang mit den einheimischen Dienstboten und den feinen Klassenunterschieden, die auch die Amerikaner unter sich pflegen. Sein weiblicher Gegenpart Everly hat einen feineren, schärfen Blick für die Ungereimtheiten ihrer Welt: Die Dominanz der weißen Männer, gesellschaftlich, politisch, familiär. Die Frustration der Ehefrauen, die Langeweile und Lieblosigkeit in Geschwätz und Alkohol ertränken. Die Ausbeutung der Arbeiter, die Ausbeutung der Natur.

Kushner fährt eine Vielzahl von Figuren auf – Manager, Geschäftsleute, dubiose Gestalten, Waffenhändler, vernachlässigte Ehefrauen, Prostituierte, moderne Sklavenhändler, weiße Kriminelle, die in den Staaten mit Haftbefehl gesucht werden, auf Kuba jedoch gut leben können. Sie zeigt die Strukturen auf, die zwangsläufig zu einem Aufstand führen mussten: Obwohl Amerika nie offiziell Kolonien hatte, hatte es Kuba zu seiner Kolonie gemacht. Die Statthalter sind die großen amerikanischen Unternehmen – sie pflanzen im Grunde mit ihrem rücksichtslosen Vorgehen die Saat, aus der die Revolution wächst. Das Leben und gesellschaftliche Treiben der Amerikaner während ihrer letzten Tage auf Kuba, das Rachel Kushner aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet: Dies allein hätte im Grunde genügt, um ein gutes Mosaik zusammenzusetzen, um die Botschaft des Romans zu transportieren.

Doch mit einem französischen Waffenhändler mit SS-Erfahrung und dem Hang zu einer Nachtclub-Tänzerin, die wiederum jedoch mit den Revolutionären paktiert, führt Kushner eine weitere Ebene ein, macht Ausflüge in das Spionage-Thriller-Genre. Und hier liegt die große Schwäche des Romans: Er driftet auseinander, wird dabei auch streckenweise langatmig und diffus. Selbst kleinere Slapstickszenen mit einem betrunkenen Hemingway und der Auftritt weiterer prominent-dekadenter Figuren retten diese Seite des Romans nicht. Und wo der Franzose erotisch wird, geht auch die ansonsten vielgepriesene Sinnlichkeit von Kushners Erzählstil flöten. Solcherart spricht er zu seiner Geliebten:

„Eine verfeinerte Essenz ihrer selbst, deren Gesellschaft er nach der groben Materialität der Zwiesprache ihrer Körper bewusst wähle und in Ehren halte. Einer schönen Zwiesprache, wie er hinzufügte. Er genieße die Zwiesprache mit ihrem Körper sogar ungeheuer. Doch sie beide als ineinander verschlungenes Fleisch seien nur ein Aspekt der Sache, und die ätherische Verbindung, die sich in ihrer Abwesenheit ereigne, ein anderer.“ 

Während der Waffenhändler darüber sinniert, ihren Körper in seiner Phantasie „marinieren“ zu lassen, wünscht man sich als Leserin, was sich auch das Mädchen wünscht: Er möge sich doch ausnahmsweise klar ausdrücken.

Kurzum: Ohne diesen Nebenplot wäre „Telex aus Kuba“ ein richtig guter Roman, so ist er ein anständiges Debüt. Und lässt auf weitere revolutionäre Geschichten von Rachel Kushner hoffen.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.rowohlt.de/hardcover/rachel-kushner-telex-aus-kuba.html

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Julia von Lucadou: Die Hochhausspringerin

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Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

Er befindet sich bereits dich über dem Fall Spot™, als er zu einer weiteren Figur ansetzt, er scheint seine Höhe völlig überschätzt zu haben. Man hört den Knall erst Sekunden, nachdem er bereits am Boden liegt, sein Körper verdreht, der Kopf blutend. Aston verharrt in einer Totalen.
– Zoom! Zoom!, ruft ein Crewmitglied aus dem Hintergrund.
Roma hat zu schreien begonnen. Aston schwenkt auf sie um. Sie hat die Hände vors Gesicht geschlagen, aber als sie die Kamera sieht, nimmt sie sie herunter.
(…)
Sie wirkt kontrolliert und professionell.
– Was für eine Tragödie, sagt sie noch einmal. Es ist klar, dass wir die „Entdeckungen“ für heute abbrechen. Bitte zeigt seinen Loved Ones eure Anteilnahme. Wir haben ein Trauerforum auf unserer Website eingerichtet. Ich habe den ersten Eintrag gepostet. Der Junge hieß Win, Win Müller.
Hier bricht der Mitschnitt des Livefeeds ab. Das Forum auf der Casting Queens™-Website hat bereits über dreihunderttausend Einträge mit Beileidsbekundungen und Inspirational Pictures.

Julia von Lucadou, Die Hochhausspringerin, Hanser Berlin, 2018

Man würde meinen, eine Gesellschaft wie die unsere böte alle Möglichkeiten, seine eigene Persönlichkeit zu entfalten. Doch Wohlstand alleine macht offensichtlich nicht frei. Statt Individualität herrscht Konformismus vor. Wir unterwerfen uns den Mechanismen von Social Media, die unsere „Wünsche“ mitdiktieren. Dutzende von Fernsehshows nach dem Motto „Deutschland sucht den Superstar“ kitzeln zugleich den Wunsch der Menschen, etwas „Besonderes“ zu sein und sorgen doch nur für allgemeine Verflachung. Statt Vielfalt Monotonie in der Konsumentenwüste. Der Mensch wird zum Konsumenten, aber Konsumenten wiederum können nur Leistungsträger sein – wer da nicht reinpasst, fällt durch das Netz.

Ins Abgrundtiefe fallen, ohne Netz und doppelten Boden, um aus den „Peripherien“ in die „Stadt“ zu kommen – das nehmen in diesem grandiosen Debütroman junge Menschen freiwillig in Kauf. Selbst die Todesgefahr kann sie nicht schrecken: denn das Hochhausspringen, das Tausende von Menschen digital mitverfolgen, ist für viele der einzige Weg in die Elite der Gesellschaft, die eben in der Stadt lebt.

Julia von Lucadou zeichnet in dieser Dystopie das Bild einer nicht allzu fernen Zukunft, in der Performance alles gilt. Gespiegelt an zwei jungen Frauen, deren Schicksal diametral verläuft: Hitomi, die Ich-Erzählerin, das ist die Überangepasste, die nichts mehr fürchtet als den sozialen Abstieg. Sie hat den ersten Schritt geschafft in „der Stadt“ – ein Job als Psychologin, eine eigene Wohnung, scheinbare Sicherheit. Ihr neuer Auftrag scheint der Sprung auf der Karriereleiter zu sein. Sie soll eine berühmte Hochhausspringerin, Riva, Star unter den Sportlern, wieder auf Kurs bringen. Denn unerklärlicherweise weigert sich Riva von einem Tag auf den anderen, zu trainieren. Hito beobachtet ihre „Klientin“ (die davon nichts weiß) rund um die Uhr durch die in Rivas Wohnung installierten Kameras, sie analysiert ihr Gegenüber, versucht über den Partner Rivas zu intervenieren, untersucht ihr Tagebuch:

„In den ersten drei Jahren der App-Nutzung entsprechen Rivas Einträge dem Bild, das sie auch nach außen hin vermittelte. Doch danach verändern sie sich drastisch, die Texte werden notizenhaft und unzugänglicher. Riva erscheint weniger ausgeglichen, aufbrausender, nicht mehr so zielorientiert. Ihr Leistungswille, ihre Selbstdisziplin und Freude am Wettbewerb gingen zurück. Statt Beschreibungen ihres Trainingsfortschritts erstellte sie immer häufiger durchnummerierte Listen mutmaßlicher Erinnerungen, deren Zweck nicht erkennbar ist.“

Was für Hito zunächst ein großer Erfolg zu werden scheint, hat seinen Preis: Es gelingt ihr nicht, Zugang zu Riva zu finden, ein psychologisches Experiment mündet gar in einer Katastrophe aus Sicht der Leistungsträger. Unter Dauerbeobachtung durch ihren Vorgesetzten „Master“ stehend, der jede ihre Leistungen beurteilt, bricht sich der Stress zunehmend psychosomatisch Bahn, geraten Hitos ganzes Leben und ihre Ansichten ins Wanken. Spannend erzählt die Autorin von der entgegengesetzten Entwicklung der beiden jungen Frauen, die sich dann tatsächlich nur einmal begegnen – die eine wählt den Ausstieg aus der schönen neuen Welt, die andere muss mit ihrem Abstieg fertig werden, konsequent in ihrer Sozialisierung jedoch bis zum bitteren und für den Leser überraschenden Ende.

Julia von Lucadou, promovierte Filmwissenschaftlerin, ist mit „Die Hochhausspringerin“ ein Debüt gelungen, das zu fesseln vermag: Eine gut durchdachte Geschichte, die Figuren psychologisch schlüssig, eine spannende Erzählung. Die Filmerfahrung der Autorin macht sich positiv bemerkbar: Manche Szenen sind so plastisch beschrieben, die entsprechenden Bilder ruft das innere Auge sofort hervor. Aber auch stilistisch überzeugend für eine Leserin wie mich, die sich mit der oft von Technik überfrachteten Sprache des Sciene Fiction-Genres schwer tut. Vor allem jedoch scheint das dystopische Weltbild, das Julia von Lucadou hier zeichnet, so bestürzend und greifbar nah.

Die Anerkennung, die Clemens Setz dem Buch zollt, ist gerechtfertigt:

„Ein strahlender Roman über die fürsorgliche Umzingelung, in die sich die ganze Welt verwandelt hat.“

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Nathan Hill: Geister

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Es ist wieder einmal an der Zeit für ein „Gemischtes Doppel“: Florian Pittroff,  der hier ab und an als Gastautor Bücher vorstellt und ich haben – zumal der Verlag auch die Bloggerlandschaft großzügig mit Leseexemplaren bedachte – zufälligerweise parallel „Geister“, den Debütroman des amerikanischen Autors Nathan Hill gelesen. Und wie es oft so ist: Es gibt ein Buch, zwei Leser und zwei Meinungen.

Florian:

„Ein beeindruckendes Debüt“, „Starke und gewichtige Literatur in allerlei Hinsicht“. Alle schwärmen von diesem Buch. Ich kann mich an diesen ganzen Lobeshymnen nicht unbedingt beteiligen. Ich finde das Buch „Geister“ von Nathan Hill an vielen Stellen zu ausführlich, langweilig und ausschweifend. Bis man im Thema drin ist, braucht man schon viel Geduld und Durchhaltevermögen. Die Lesezeit geht ins Unendliche!

Manchmal war ich nahe dran, das Buch einfach weg zu legen, denn der Autor kommt nur sehr langsam und langatmig auf den Punkt. Das kann bei 864 Seiten durchaus anstrengend sein.

An manchen Stellen hatte ich dennoch richtig Freude an dem Werk. Denn die sprachliche Ausdruckskraft ist – ab und an – durchaus überzeugend:

„Damals hatte womöglich nur ein Fluss die beiden Kontinente getrennt, und die Schildkröten legten ihre Eier in den Sand am gegenüberliegenden Ufer. Doch dann begannen die Landmassen auseinanderzutreiben, und der Fluss weitete sich jedes Jahr um zwei, drei Zentimeter, was für die Schildkröten nicht zu erkennen war. Also schwammen sie weiter zum anderen Ufer, jede Generation hatte ein winziges Stück mehr zurückzulegen, und nach Millionen von Jahren war aus dem Fluss ein Ozean geworden, ohne dass die Schildkröten es je bemerkt hätten. Das, dachte Samuel, war die Art, wie seine Mutter sie verlassen hatte. So war sie weggegangen, unmerklich, langsam, Stück für Stück. Sie reduzierte ihre Existenz, bis sie nur noch sich selbst entfernen musste.“

Darum geht es:

Ein Anruf der Anwaltskanzlei Rogers & Rogers verändert schlagartig das Leben des Protagonisten und Literaturprofessors Samuel Anderson. Nach einem Angriff auf einen republikanischen Präsidentschaftskandidaten verlangt man von ihm, die Integrität einer Frau zu bezeugen – seiner Mutter. Zuerst unvorstellbar für den jungen Mann, denn seit zwanzig Jahren besteht kein Kontakt mehr. Faye Anderson hatte ihren Sohn von heute auf morgen verlassen, als er elf Jahre alt war. Doch Samuel will auch endlich begreifen, was damals wirklich geschehen ist.

Und so erzählt Hill die Geschichten von der Beziehung zwischen Samuel und seinem Freund Bishop, die seiner Liebe zu dessen Zwillingsschwester Bethany. Die Lebensgeschichte der Mutter, die Herkunftsgeschichte des Vaters, die Geschichte einer Studentin, die Samuel den Lehrstuhl an der Universität kostet, die des Lebens des Polizisten und späteren Richters Charlie Brown und viele andere.

Puh! Und so verliert man dann doch ab und zu den Überblick über das große Ganze. Ich habe mich an manchen Stellen durch das Buch gequält und durchaus – ich gebe es zu – auch ein paar Seiten überblättert. So richtig fesseln mag einen das Buch leider nicht.

Birgit:

Langatmig? Nein, langatmig fand ich „Geister“ nicht, für mich hatte dieser Roman eher Pageturner-Qualitäten. Gut, an einigen Stellen war die Story mit Längen und Schleifen verziert – ich werde im Leben nicht ein Fan von Computerspielen mit Elfen und ähnlichen Wesen und auch in der Literatur vermag mich das kaum zu fesseln. Die entsprechenden Kapitel mit den Nerds habe ich „großzügig“ gelesen – geschadet hat es nicht, der Geschichte konnte ich dennoch folgen.

Denn Geschichten erzählen, das können sie einfach, die vielen amerikanischen Talente,  die durch die Schulen universitären Schreibens gegangen sind. Andere Beispiele dafür sind Adam Johnson, Philipp Meyer und weitere dieser Newcomer, deren „dicke Dinger“ hier schon auf dem Blog besprochen wurden – da kommen die irrsten lebensprallen Storys daher, zügig erzählt, packend geschildert. Doch häufig empfinde ich diese Produkte aus den amerikanischen Schreibschulen auch als etwas zu glatt, ohne Widerhaken, ohne inneren Kern. Das ist so glatt, so gängig erzählt, dass man es durchaus gerne liest und gut unterhalten wird – nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Da hat Mr. Hill durchaus mehr Verstörungspotential.

In dieser Hinsicht ist das Debüt von Nathan Hill eine angenehme Überraschung. „Geister“ ist ein satirisches Abbild amerikanischer Gegenwart, das giftig aufzeigt, was in der amerikanischen Gesellschaft (und nicht nur dort) schräg läuft in Politik, Wirtschaft, Privatleben. Ein kleinerer Makel am Roman ist es für mich, dass dieses kraftvolle Erzählen nach über 800 Seiten etwas verpufft – der Protagonist zieht sich in stiller Resignation zurück, vage deutet sich ein Happy End mit seiner Kinderliebe Bethany an. Ich hätte mir da eigentlich eine knallige, laute, satirische Untergangsszene gewünscht …

Das ist vielleicht die Crux dieses Schmökers – er kann sich nicht so recht entscheiden, was er eigentlich ist und was er sein will: Ist es nun die Geschichte einer gescheiterten Emanzipation? Eine Aufarbeitung verratener Ideale der Anti-Vietnam-Generation? Eine Satire auf den gegenwärtigen Medien- und Politikzirkus? Die Geschichte vom verlorenen Sohn? Oder Kapitalismuskritik? Hier stimme ich Florian zu – es besteht durchaus die Gefahr, dass man den einen oder anderen Erzählstrang aus den Augen verliert (Wieso bewarf Mum nun eigentlich den Kandidaten mit Kieseln? Und was macht der Computer-Nerd überhaupt in  der Geschichte?). Andererseits hat der Roman wunderbare Szenen, die mir noch länger im Kopf herumGEISTERnwerden: Allen Ginsberg, der prügelnden Polizisten in Chikago ein „Oooooooooooommmmmmmmmmmmmm“ entgegensetzt: Köstlich.

Auch wenn die „Geister“ bei mir keine BeGEISTERungsstürme auslösten – klug und exzellent unterhalten hat Mr. Hill mich schon.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.piper.de/buecher/geister-isbn-978-3-492-05737-0