Die Wende im Leben junger Männer

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Bild von Peter Dargatz auf Pixabay

„Ein blendendes Weiß darunter, ein unendlicher Raum für frisch Gelerntes, für ständig Gehörtes, für die historischen Gesetzmäßigkeiten, für korrekt Phantasiertes, Platz für den zur Wissenschaft erklärten Mummenschanz – die Spekulation mit der Welt. Ich war gefangen an diesem Tisch, in diesem Raum, in dieser Welt, der einzigen, die denkbar war in diesem Moment, in dieser Zeit, in diesem Land.“

Frederic Wianka, „Die Wende im Leben des jungen W.“

„Die kleinen Unglücke summierten sich, eine feindliche Stimmung baute sich auf. Ein Glas ging zu Bruch, und sofort trat Carl mit bloßem Fuß in einen der Splitter. Ihn packte die Wut. Draußen fielen die Grenzen, und er saß in Gera-Langenberg fest. Verlassen von Gott und der Welt.“

Lutz Seiler, „Stern 111“

Vom Volkseigenen Betrieb Plastmaschinenwerk in Schwerin, materiell gesichert, im Jugendkollektiv geborgen, doch die Gedanken unfrei, zur prekären freien Künstlerexistenz in Berlin, malend wie ein Besessener, doch immer am Abgrund balancierend, außerhalb stehend, gescheiterte Beziehungen, zu viel Alkohol und zu wenig Begabung zur Freundschaft: DIE Wende, der Zusammenbruch des politischen Systems, sie markiert auch eine wesentliche Wende im Leben des Ich-Erzählers aus dem Debütroman von Frederic Wianka.

Der Zufall wollte es, dass ich kurz nach der Lektüre von „Stern 111“ von Lutz Seiler, der damit den Preis der Leipziger Buchmesse errang, zu diesem Roman griff. Beide Bücher sind eng verwandt und doch so unterschiedlich: Wenderomane, Berlinromane, Künstlerromane, Liebesromane. Beide Protagonisten lernen einen Handwerksberuf in der DDR, beide zieht es nach Berlin, beide leiden am Werther-Syndrom der einseitigen Liebe, beide wollen sich als Künstler ausdrücken, der eine als Poet, der andere als Maler.

Würde man einfache Vergleiche ziehen und zur Küchenpsychologie neigen, könnte man einen ebenso einfachen Schluss ziehen: Der eine meistert schließlich sein Leben und ringt sich, trotz aller Selbstzweifel, hervorragende Gedichte ab, weil die erste prägende Ebene in einem Menschenleben, die Beziehung zu den Eltern stimmig ist. Der andere jedoch, der kurz als Maler reüssiert, sich dann allerdings in einer Gedankenspirale über das eigene Ungenügen verfängt, der an seinen eigenen Ansprüchen scheitert, kommt aus unglücklichen Verhältnissen, unehelich geboren, einem emotional kalten Stiefvater ausgeliefert. Der junge W. wählt den Freitod.

„Ich habe Einzelheiten verdrängt und in einer selektiven Erinnerung gelebt, weil das komplettierte Bild mein Leben zeigt, als das, was es ist: von Beginn an eine Lüge. Und ein Selbstbetrug in vielem, was ich tat.“

Dennoch wäre dieser Rückschluss auf die Auswirkungen familiärer Geborgenheit beziehungsweise dysfuntkionaler Familien auf die Entwicklung eines Menschenlebens zu eindimensional. In beiden Romanen ist ein entscheidendes Moment tatsächlich die Wende, die die beiden jungen Männer in eine ganz neue Lebenssituation hineinwirft: Plötzlich frei. Und plötzlich von allen guten Geistern verlassen – der junge W. ohne Freunde, Familie, Bezugspunkte, der junge Carl plötzlich aus dem Nest geworfen, damit konfrontiert, dass seine scheinbar so angepassten Eltern unter den ersten Republikflüchtlingen sind mit Fernziel USA.

Wie umgehen mit dieser scheinbar grenzenlosen Freiheit, mit einem anderen Wertesystem, mit völlig anderen Koordinaten? Nach mehr als 30 Jahren deutscher Einheit machen die jüngsten politischen Entwicklungen deutlich, wie viele Illusionen geplatzt sind, wie viel Arbeit noch notwendig ist, um wirklich „zusammenzufügen, was zusammengehört“. In beiden Büchern, sowohl in „Stern 111“ und in „Die Wende im Leben des jungen W.“, geht es auch um das Scheitern von Utopien und Träumen. Die Wende, sie hätte ein Neuanfang für beide Teile des Landes sein können, doch siegt die Macht der Märkte, was Seiler am Beispiel der sofort einsetzenden Gentrifizierung in Berlin durchspielt, Wianka am Kunstmarkt.

Beide Romane haben deutlichen autobiografischen Hintergrund, beide Autoren sind in der ehemaligen DDR geboren und aufgewachsen: So sind diese Bücher auch Dokumente einer deutschen Geschichte, die im „Westen“ nicht wirklich so wahrgenommen wird. Und sie stehen trotz der Fiktionalisierung für Authenzität.

Zum Stilistischen:

Schon mit „Kruso“ tat ich mir streckenweise schwer. Seiler schreibt schön. Das ist nicht spöttisch gemeint: Er bietet Absätze, die funkeln, die von einer makellosen Sprache sind. Aber dann wiederum erscheint mir der Stil manches Mal auch etwas behäbig, zu verklausuliert-rätselhaft zudem – die surrealen Anklänge samt schwebender Ziege in „Stern 111“ nahmen mich nicht mit.

Der junge W. entwickelt einen eigenartigen Sog, Wianka schreibt eigenwillig und poetisch- bildhaft, auch wenn er sich manchmal in seinem Stil etwas vergaloppiert. Solche Satzkonstruktionen wirken zu gewollt, zu getragen: „Glaubenfrei und wissend sah ich Dich, als ich um die Abtei bog, gefestigt wir mir schien.“
Darüber kommt man jedoch, hat man sich in den Stil eingelesen, schnell hinweg, lässt sich hineinziehen in diese Lebensgeschichte.

Der Titel von Wiankas Roman drängt diesen Hinweis nun noch förmlich auf: Wer diese beiden Romane liest, der sollte, könnte auch wieder zu „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Penzdorf greifen. Der zeigt: Man scheitert nicht nur an der Liebe, sondern auch und vor allem an den Verhältnissen.

Informationen zu den Büchern:

Frederic Wianka
„Die Wende im Leben des jungen W.“
PalmArtPress 2020
Hardcover, 350 Seiten, 25,00 €
ISBN: 978-3-96258-050-6

Lutz Seiler
„Stern 111“
Suhrkamp Verlag 2020
Hardcover, 528 Seiten, 24,00 €
ISBN: 978-3-518-42925-9


 

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Eine Hommage an Brigitte Reimann

20190902_1994„Ich mag Leute, die gern und ausgelassen lachen, die nicht mit sich geizen; ich habe meist gefunden, daß die Verschwender mehr Reserven haben als die Krämer, die ihr Gesicht ängstlich hüten, ihre Kraft und Empfindung rationieren.“

Brigitte Reimann, Zitat aus „Das grüne Licht der Steppen“.

Ein pralles Leben: Vier Ehen, unzählige Affären, dem Heimatland verhaftet und doch mit dessen Enge und dem Eingesperrtsein hadernd, als Stasi-Mitarbeiterin angeworben, später jedoch gegen das System anrennend. Früh literarisch hervorgetreten und ausgezeichnet, gegen Ende des Lebens wegen der angeblichen „Dekadenz“ ihrer Werke mit Veröffentlichungsverboten konfrontiert.

Immer schwankend zwischen den Polen, kettenrauchend, trinkend, feiernd, dann wiederum der Rückzug in das Innere, an den Schreibtisch. Geselligkeit und Einsamkeit im Wechsel: Brigitte Reimann war eine Kerze, die an beiden Enden brannte.

Unter den großen Namen der in der DDR schreibenden Frauen taucht ihrer neben denen von Christa Wolf, Monika Maron, Irmtraud Morgner, Sarah Kirsch immer an vorderster Stelle auf. Und dennoch gilt Brigitte Reimann immer wieder, vielleicht auch bedingt durch ihren frühen Tod, als eine, die es „wiederzuentdecken“ gilt. Eine wunderbare Einstiegsmöglichkeit in Leben und Gedankenwelt dieser unbändigen Autorin bietet nun der Steffen Verlag mit dem neu erschienenen Kunstband „In der Erinnerung sieht alles anders aus“.

26 kraftvolle Bilder, „jedes für sich ein inhaltlich wie formal eigenständiges Gebilde“, wie Herausgeberin Heide Hampel in ihrem Vorwort betont, der 1963 geborenen Künstlerin Anke Feuchtenberger bilden eine Art künstlerischen Leitfaden durch die Gedankenwelt der Schriftstellerin. Die Berlinerin, gut eine Generation jünger als die 1933 in der Nähe von Magdeburg geborene Brigitte Reimann, war schon früh eine Leserin des Werks der Älteren, setzte sich insbesondere mit dem späten, unvollendet gebliebenen Roman „Franziska Linkerhand“ auseinander.

„Wir haben gelernt, den Mund zu halten, keine unbequemen Fragen zu stellen, einflußreiche Leute nicht anzugreifen, wir sind ein bißchen unzufrieden, ein bißchen unehrlich, ein bißchen verkrüppelt, aber sonst ist alles in Ordnung.“

Zitat aus „Franziska Linkerhand“.

Von „Ankunft im Alltag“, einem frühen Roman, der die Entwicklung dreier Abiturienten beschreibt, die sich zum Arbeitseinsatz im Kombinat „Schwarze Pumpe“ melden, bis zum formal weitaus spannenderen und inhaltlich vom desillusionierten Blick auf das System geprägten Spätwerk „Franziska Linkerhand“ war es ein langer Weg. Diesen Weg gehen die Bilder Anke Feuchtenbergers mit, farbintensiv, surreal und auch ironisch Züge der „sozialistischen Kunst“ aufgreifend, bei Arbeiter- und Industrieszenen wie „Der Nabel der Welt“, ein Bild, das erst auf den zweiten Blick die doppelte Deutungsmöglichkeit enthüllt.

Den Bildern gegenüber gestellt sind jeweils Zitate aus den Briefen, Tagebüchern und Romanen Brigitte Reimanns, von Herausgeberin Heide Hampel und Winfried Braun aus der Fülle der Texte großartig zusammengestellt. Schlaglichtartig werden da die schriftlich fixierten Haltungen von Brigitte Reimann zu ihrer Rolle als Frau, Geliebte, Arbeitende, als Schriftstellerin sowie als gesellschaftliches und politisches Wesen beleuchtet.

„Haltungen“ – den Plural habe ich dabei bewußt gewählt: Ursula Maerz übertitelte 1997 ihren Beitrag in der Zeit über die damals erst erschienenen Tagebücher Brigitte Reimanns mit „Das Widerspruchsbündel“. Eine passende Bezeichnung für eine Frau, die das Leben ausschöpfen wollte – und das ist nun einmal so, die Sache mit dem Leben, dass es sich eben nicht auf eine unwidersprüchliche Formel reduzieren lässt.

„Früher dachte ich an das Leben, an mein unbemessenes Leben, wie an einen Hirsetopf im Märchen, du löffelst und löffelst und kommst nicht auf den Grund, wunderbar, die Hirse quillt von selbst nach, und der Topf wird niemals leer …“

Zitat aus „Franziska Linkerhand“.

Ein schon sehr von Meloncholie geprägtes Zitat, entstand der Roman doch in einer Zeit, als Brigitte Reimann nach langer Krebserkrankung dem Tod entgegensah: 1973 verstarb sie, erst 40-jährig, in Ost-Berlin. „Frauen wie Blumen“ heißt das Bild, das Anke Feuchtenberger zu diesem Zitat gestellt hat – es zeigt eine Krankenhausszene, die Figur der Betrachterin erinnert an eine der Menschen von Käthe Kollwitz, es ist plastisch und zart dabei zugleich. Und ist ein gutes Beispiel dafür, wie die intensive Auseinandersetzung der bildenden Künstlerin mit der schreibenden Kollegin ein Gesamtkunstwerk ergibt, eine Buchveröffentlichung, die die passende Hommage an das „Mädchen auf der Lotusblüte“ ist.


Bibliographische Angaben:

Heide Hampel
„In der Erinnerung sieht alles anders aus“
Steffen Verlag, 2019
19,95 Euro, Hardcover, 72 Seiten, 26 Abbildungen
ISBN 978-3-95799-078-5

Weitere Informationen:

Verlagsinformationen zum Buch finden sich hier.
Homepage von Anke Feuchtenberger: http://www.feuchtenbergerowa.de/
Eine ausführliche Besprechung des Bildbandes im „Aalener Kulturjournal“.


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Katja Lange-Müller: „Drehtür“

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Bild von SeppH auf Pixabay

„Das Bedürfnis, dem Artgenossen beizustehen, das wir mit vielen Tieren teilen, selbst so niederen und unsympathischen wie Wespen oder Ameisen, nannten und nennen neunmalkluge Schwachköpfe Helfersyndrom, als sei das eine multiple, entsprechend komplizierte Krankheit, eine Psycho-Seuche, die nur Exemplare unserer Gattung befällt. Warum zum Henker soll es krank sein, den Mitmenschen gesund sehen zu wollen – oder tot, falls Heilung nicht mehr möglich ist? Und was würde aus der Welt, wenn alle auf dem Gebiet der Medizin Tätigen plötzlich kuriert wären von diesem angeblichen Helfersyndrom, wenn sie es unwiederbringlich verloren hätten?! Katastrophaleres als jede Katastrophe spielte sich ab in den Städten und Dörfern, den Wäldern, Steppen, Wüsten sämtlicher Länder unseres verkommenen Planeten.“

Katja Lange-Müller, „Drehtür“, 2016, Kiepenheuer & Witsch Verlag

Es ist die Sprache dieser Autorin, die mitreißt: Lakonisch, frech, böse, zubeißend. Rund neun Jahre musste man seit „Böse Schafe“ (2007) auf den nächsten Roman der Schriftstellerin warten. Und der ließ mich, bei allem Lesefluss den der sprachliche Schwung auslöste, zunächst ein wenig verdutzt zurück: Ist denn diese Aneinanderreihung von Anekdoten über das Helfen und die Helfer ein Roman? Und ist es tatsächlich ein Roman mit einem Leitmotiv, wie in den Feuilletons zu lesen war, ein Roman über die Helfer“kultur“ (es ist derzeit immer gut einem Ausdruck das Wort „Kultur“ anzuheften und ihn dadurch aufzuwerten)?

Ja und Ja: Ja zum Roman, ja zum Leitmotiv – denn „Drehtür“ ist ein Buch, das man auch mit viel Genuss und unter neuen Blickwinkeln ein zweites Mal lesen kann: Da erzählt eine moderne „Scheherazade“ (Katja Lange-Müller nimmt selbst in einem Interview Bezug auf diese orientalische Figur) buchstäblich nicht nur von ihrem, sondern auch um ihr Leben. Ob das gut geht, möge sich der interessierte Leser selbst erlesen.

Asta, 65 Jahre alt, jahrzehntelang im Auslandsdienst als Krankenschwester ge- und verbraucht, sitzt am Münchner Flughafen vor einer „Drehtür“, irgendwo am Rande, zögernd, wohin der Weg sie führen soll. Kettenrauchend, Geschichten aneinander reihend, mit Wörtern jonglierend: Es ist, als sei die Hauptfigur in einem Niemandsland gelandet, nicht mehr gebraucht, nirgends mehr dazu gehörend:

„Asta denkt – und schweigt. Mit wem, fragt sie sich, soll ich reden?  Ich kenne doch keinen mehr, hier am Boden meines Vaterlandes, das nicht meines ist, weil es mir ebenso wenig gehört wie die Muttersprache; ich steh bloß drauf.“

Weil sich zuletzt die Fehler im Dienst am Kranken häuften, wohl auch, weil Asta immer unverträglicher im Umgang mit den Kollegen wurden, haben diese ihr als „generöse“ Geste einen Urlaub für immer geschenkt – ein One-Way-Ticket nach München, für Berlin, den eigentlichen Herkunftsort der Schwester, hat das Geld nicht mehr gereicht. Und so sitzt sie nun am Rande dieses glitzernd-gläsernen Ungetüms und sinniert:

„Ja, die Kollegen in Managua sehen das ganz richtig; ich habe genug geholfen. Nur wohin ich nun soll oder will, das weiß ich nicht. Kein Geld, kein Zuhause, keine Familie, keine Freunde, keine Perspektive…“

Während sie zögert vor dem Weitergehen, dienen ihr Passanten, Fluggäste, Wartende, Servicepersonal und Arbeiter als „Opfer für ihre Projektionen“: Gesicht für Gesicht rufen in Asta Erinnerungen an Freundinnen, Wegbegleiter, Verflossene, Mithelfer hervor, an Episoden und Ereignisse. So lassen sich aus diesen Geschichten nicht nur ein ostdeutscher Lebenslauf rekonstruieren – Asta absolvierte ihre Ausbildung in Ost-Berlin und Leipzig, eine der eindrücklichen Geschichten dieser Scheherazade handelt von einem nordkoreanischen Koch, den sie mit unsäglichen Zahnschmerzen nachts unweit der Botschaft (die auch heute noch so grausig aussieht, wie im Buch beschrieben) aufgabelt. Sie hilft ihm – gerät aber schon hier an die Grenzen des Helfens: Was der Mann außerhalb der Botschaft suchte, bleibt offen, wohin er verschwindet, was mit ihm geschieht, ist ebenso ungewiss.

Und so kristallisiert sich bei den verschiedenen Episoden immer wieder diese Grundthematik heraus, die Katja Lange-Müller schon durch ein dem Buch vorangestelltes Nietzsche-Zitat durchklingen lässt:

„Es scheint mir, daß ein Mensch, bei dem allerbesten Willen, unsäglich viel Unheil anstiften kann, wenn er unbescheiden genug ist, denen nützen zu wollen, deren Geist und Wille ihm verborgen ist.“

Ob der in München ausgesetzten Krankenschwester Asta am Ende zu helfen ist? Man lese selbst. Es lohnt sich.

Anbei das oben erwähnte Interview in der FAZ, in dem die Autorin auch über autobiographische Bezüge (sie arbeitete selbst als Hilfsschwester in der Psychiatrie, das Schreiben half ihr, mit der Erfahrung des Sterbens von Patienten zurecht zu kommen), über „gut“ und „böse“ und natürlich das „Helfersyndrom“ reflektiert:
FAZ-Interview mit Katja Lange-Müller.

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Juli Zeh: Unterleuten

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Bild von Peggy Choucair auf Pixabay

„Er blieb auf der Lichtung, bis es dämmerte. Immer weiter starrte er in Richtung des Landstreifens, auf dem in wenigen Monaten Krönchens Zukunft aus Stahlbeton und Aluminium errichtet würde. Endlich war auch in Kron das 20. Jahrhundert zu Ende gegangen, diese Epoche des kollektiven Wahnsinns. Mit einem kleinen Schritt war er in der Gegenwart angekommen, im 21. Jahrhundert, dem Zeitalter bedingungsloser Egozentrik. Wenn der Glaube an das Gute versagte, musste er durch den Glauben an das Eigene ersetzt werden. Sich dagegen wehren zu wollen, wäre gleichbedeutend mit dem Aufstand gegen ein Naturgesetz.
Kron fühlte sich gut. Er war jetzt kein Kommunist mehr. Sondern ein Sisyphos, der verstanden hatte, dass die Lösung des Problems darin bestand, den Berg zu kaufen. Oder, dachte Kron, bevor er sich abwandte, um ins Haus zu gehen: ein Don Quijote, der entschieden hatte, seine eigenen Windmühlen zu errichten, statt gegen fremde anzurennen.“

Juli Zeh, „Unterleuten“, Luchterhand Verlag, 2016.

Über Juli Zehs Roman ist in den letzten Tagen auf vielen Blogs ausführlich berichtet worden. Überwiegend positiv. Dem ist nicht viel hinzuzufügen: Ein zügig lesbarer, anspruchsvoller Gesellschaftsroman, der viel aussagt über deutsche Befindlichkeiten und dabei herrlich zu unterhalten weiß. Flüssig erzählt, voller Geschichten in der Geschichte über dieses fiktive Dorf „Unterleuten“. Da steckt alles drin: Der Ausverkauf der neuen deutschen Bundesländer, einfallende westdeutsche Investoren, Ökowahnsinn und Ökospießertum, archaisches Dorf leben, Liebe, Leiden, Leidenschaften. Jeder gegen jeden: Jung gegen Alt, Eingesessene gegen Zugezogene, Vogelschützer gegen Menschenhasser, Altkommunisten gegen Neukapitalisten, Ost gegen West, Dorf gegen Stadt, Mann gegen Frau.

Vor allem dreht es sich in diesem Panoptikum um den Verlust von Utopien: Für die „Alten“ ist der Untergang der Mark Brandenburg, später der Fall der Mauer ein prägender Einschnitt. Für die Jungen geht mit dem tragischen Verlauf der Love Parade in Duisburg die Leichtigkeit verloren. Ganze Politik- und Wertesysteme gehen unter, moralische Leitlinien werden pervertiert – als buchstäblich überragendes Symbol dafür steht ein geplanter Windpark, der auf die Dorf“gemeinschaft“ seine Schatten wirft, alte Konflikte aufwirbelt und den letzten Zusammenhang unter den Leuten verweht.

Ein Untergang – mit Lust und feiner Ironie erzählt, manchmal eine Spur zu nahe an der Posse: Wer nennt seine Tochter „Püppi“? Die Berichterstatterin, eine Reporterin namens „Finkbeiner“! Und vor allem Gerhard: Der intellektuelle Soziologe, im wahren Leben gescheitert, der zum Dorf-Rambo montiert –  man sieht ihn beim Lesen förmlich vor sich, den ewig Engagierten, diskussionsfreudigen Mittvierziger, leicht erregbaren „Killjoy“, wie ihn die knallharte Linda insgeheim bezeichnet (die aber am Ende des Romans auch lernen muss, dass nicht alles im Leben kontrollierbar ist).

„Er war nicht aufs Land gezogen, um zu erleben, wie der urbane Wahnsinn die Provinz eroberte. Er verzichtete nicht auf Theater, Kino, Kneipe, Bäcker, Zeitungskiosk und Arzt, um durchs Schlafzimmerfenster auf einen Maschinenpark zu schauen, dessen Rotoren die ländliche Idylle zu einer beliebigen strukturschwachen Region verquirlten. Gerhard war ein Exilant, geflohen vor dem Gespinst aus Belästigungen, zu der das moderne Leben geworden war.“

Paare – oder besser die Unmöglichkeit des Paarseins – sind ebenfalls Thema dieses „Schmökers“ im besten Sinne: Keines davon wirkt glücklich, am Ende sind die meisten Beziehungen zerbrochen wie die Utopie vom „besseren“ Landleben. Die Frauenfiguren wirken ein wenig stärker, die Männer sind durchwegs Getriebene – von Macht, Geld, Anerkennung, Liebessehnsucht.

Man könnte am Ende meinen, in diesem lesbaren Stück Literatur wird alles niedergeschrieben, jede Hoffnung zerfleddert: Ganz so tragisch nehmen muss man das alles jedoch nicht – man überlese nicht die Ironie, die Übertreibung. „Unterleuten“ ist zwar am Ende – aber die ewig selben Geschichten werden dann eben andernorts erzählt: Schließlich ist das so „Zwischenmenschen“. Wovon Juli Zeh erzählt, ist vom Scheitern von Utopien – am Puls unserer Zeit. Aber wir wissen auch: Menschen sammeln die Scherben auf und basteln sich neue Hoffnungen.

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Hans Christoph Buch: Sansibar Blues

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Bild: (c) Michael Flötotto

„… und als du auf der Dachterrasse ein nasses Laken zur Seite schiebst, stockt dir der Atem beim Rundblick über die Stadt: Hinter rostroten Wellblechdächern blaut das Meer, dessen Brandung ein Fischerboot durchsticht, während eine Flotte von Dhaus vor der Hafeneinfahrt kreuzt, die bunt geflickten Segel von der Abendbrise gebläht.“

Hans Christoph Buch, „Sansibar Blues oder: Wie ich Livingston fand“, Die andere Bibliothek, 2008.

Ostafrika im Hirne,
Togo, der Amok tanzt:
das ist die weiche Birne
mit fremder Welt bepflanzt;
die istrisch dunklen Meere
vor dem großen Vestibül,
sein Vater fuhr eine Fähre:
historisches Lustgefühl.

„Ostafrika“ von Gottfried Benn, 1. Strophe.

Entstanden in den 1920er Jahren in einer Reihe von Gedichten, in denen Benn Sehnsuchtsorte umschrieb – geprägt vom „Exotismus“ und Vorstellungen, die auch die Intellektuellen in der deutschen Kolonialmacht umtrieben.

Sansibar – der Name klingt wie ein exotisches Versprechen, verheißt den Duft von Gewürzen, den Wind der Wüste, ruft Bilder von Inselparadies und lockendem Afrika hervor. Doch die Hauptfiguren in Hans Christoph Buchs Roman wollen vorwiegend eines: Nichts wie weg da.

Ein amerikanischer Diplomat und ein DDR-Gesandter, der zwar den sprechenden Namen „Hans Dampf“ hat, aber alles andere als ein solcher ist, eine Sultanstochter und ein Sklavenhändler, Che Guevara und Ryszard Kapuscinski geben sich in diesem Roman quasi die Klinke in die Hand. Durch die wechselnden Erzählstimmen und Zeitläufe ist die burleske, bunte Erzählung zwar nicht ganz einfach zu lesen, doch in sich geschlossen – die Fäden laufen zusammen, ergeben eine stimmige Komposition. Zumal sich der 1944 geborene Schriftsteller Hans Christoph Buch intensiv mit der kolonialen Vorgeschichte Afrikas auseinandergesetzt hat und den Kontinent wohl kennt wie seine Westentasche. Empfohlen sei von H. C. Buch, der, wenn er nicht auf Reisen ist, in Berlin lebt, auch sein Romanessay „Apokalypse  Afrika oder Schiffbruch mit Zuschauern“, erschienen 2011 in der Anderen Bibliothek.

Sansibar, die vor Tansania liegende Insel, spielte für Ostafrika lange eine bedeutende Rolle, vor allem als Zentrum des Sklavenhandels, der unter der Herrschaft des Sultans von Oman „florierte“. Kleine historische Anekdote am Rande, die auch von HCB entsprechend verarbeitet wird: Am 27. August 1896 kam es zum kürzesten Krieg der Weltgeschichte, dem nur 38 Minuten dauernden Britisch-Sansibarischen Krieg. Der Krieg begann um 9:00 Uhr morgens. Nachdem der Sultan von Sansibar gestorben (oder vergiftet worden) war, beanspruchte sein Cousin Khalid ibn Barghash den Thron für sich. Der britische Admiral Sir Harry Rowson ließ daraufhin nach einem Ultimatum so lange den Palast des selbsternannten Sultans von See aus mit Schiffsgeschützen beschießen, bis dieser die Flucht ergriff. Auch das zweite bedeutende historische Datum – der Sansibar-Vertrag von 1890, mit dem die Deutschen gegenüber den Briten ihre Gebietsansprüche über Sansibar zugunsten Helgolands fallen ließen – findet in der Blues-Romanze seinen Niederschlag.

Um so richtig in das Buch eintauchen zu können, alle Finten und Finessen, die HCB legt, erfassen zu können, um das Muster aus Fiktivem und Tatsächlichem zu erkennen, sind schon gewisse historische Kenntnisse und Erläuterungen notwendig – dies macht die Lektüre nicht einfach, ohne Hilfestellung und Hintergrund bleibt es bei dem Lesen einer vergnüglichen, amüsanten tour de force über das Eiland.

Marko Martin dröselte das Text-Gewebe in seiner Rezension bei Deutschland-Radio etwas auf:
Verbürgte Tatsache jedenfalls ist, dass eine der Töchter des Sultans Sayid bin Said Mitte des 19. Jahrhunderts mit einem Hamburgischen Kaufmann durchbrannte und als konvertierte Protestantin namens Emily Ruete ihre späteren Tage an der Nordsee und der Berliner Spree verbrachte. Von da brachen dann 100 Jahre später DDR-Diplomaten und Stasi-Experten nach Sansibar auf, um dem dort gerade installierten sozialistischen Regime marxistische Ideologie und effektives Foltern beizubringen, während gleichzeitig ein gewisser Ernesto Guevara de la Serna, genannt Che, auf Sansibar sein vorletztes Revolutions-Abenteuer vorbereiten sollte: eine Kongo-Expedition, die freilich genauso scheitern würde wie Dr. Livingstones oder Morton Stanleys Versuche, dem so genannten „schwarzen Kontinent“ sein Geheimnis zu entreißen.

Wem spätestens hier nun der Kopf schwirrt, sei beruhigt, denn Hans Christoph Buchs Stil ist von einer verführerischen (wiewohl doppelbödigen) Geschmeidigkeit, die dem ewigen menschlichen Tohuwabohu immer wieder eine elegant-subversive Note abzugewinnen weiß. Auch wenn in diesem versiertem Große-Jungen-Streich von Roman die Figuren-Psychologie öfters der Schnurre, der überraschenden Wendung und dem Plot geopfert wird – es ist ein pures Vergnügen, wie hier jemand Historisches auseinander nimmt und nach eigenem Gusto wieder zusammenfügt, ohne dass auch nur einmal staubtrocken Papierenes durch die Zeilen wehen würde.“

Zum Weiterlesen über den Autoren selbst empfiehlt sich dessen Internetseite:

http://www.hans-christoph-buch.de/

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Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe

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Bild von Kerstin Riemer auf Pixabay

„Alle machten sich vom Acker. Nichts hatten sie begriffen. Wer die Welt verstehen wollte, musste zu Hause damit anfangen. In der Heimat. Unserer Heimat. Von Kap Arkona bis zum Fichtelberg. Abhauen war ja keine Kunst. Das hatte sie immer den anderen überlassen. Es hatte nur eine kurze Zeit gegeben, in der sie mit dem Gedanken spielte. Aber das war lange her. Sie war geblieben. Freiheit wurde überbewertet.“

Judith Schalansky, „Der Hals der Giraffe, 2011, Suhrkamp

Was wir natürlich schon immer ahnten: Das Tierreich ist kein Ponyhof. Und schon gar nicht dort, wo sich die selbsternannte höchste Spezies tummelt. Und erst recht nicht, wenn der Schauplatz eine im Niedergang befindliche Schule in Ostdeutschland ist und die Masse der Protagonisten aus „Pubertierern“ besteht. In diesem Biotop bewegt sich die Biologielehrerin Inge Lohmark. Etwa 35 Berufsjahre auf dem Buckel und zwei politische Systeme. Man kann die Studienrätin aus Ostpommern getrost als Misanthropin bezeichnen. Für sie ist der Mensch „ein flüchtiges Vorkommnis auf Proteinbasis“, ihre Schüler sind „Nachschub fürs Rentensystem“.

Das Leben und die Schule. Aus Inge Lohmark haben sie eine Pädagogin gemacht, die nach dem Leitbild handelt: Es braucht „keine Nähe, kein Verständnis“. Darwinismus im Klassenzimmer. Menschliche Stärke schöpft sie aus der alleinigen Konzentration auf ihre Sache, die Biologie. So kann man das Scheitern der Mutter-Tochter-Beziehung, eine lieblose Ehe, ein politisches Unrechtssystem, das bis in die Schule eingreift, draußen halten. Endstation Vorpommern.

Witzig, lakonisch, staubtrocken schildert Judith Schalansky, wie das Weltsystem der Inge Lohmark ins Wanken gerät. So wird der Roman zum antidarwinistischen Manifest. Lesenswert, befand auch die FAZ: „Judith Schalansky hat einen originellen, eigensinnigen und hellwachen Roman geschrieben, mit dem sie sich an die Spitze der literarischen Evolution setzt.“

Und das Buch ist, in seiner gebundenen Ausgabe, auch äußerst sehenswert: Von der Stiftung deutscher Buchkunst wurde der „Hals der Giraffe“ 2012 als schönstes deutsches Buch ausgezeichnet: „Bei diesem Buch passt einfach alles zusammen: das mutig ausgewählte, sehr raue »Bibliotheksleinen«, die grobe, fast ruppig wirkende Schrift für die Deckenprägung und der historisch wirkende Druck der Illustrationen.“

Außerdem von Judith Schalansky hier zu finden:
Der Atlas der abgelegenen Inseln

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Kathrin Schmidt im Gespräch: „Preisvergaben sind als demokratische Veranstaltungen nicht denkbar“

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Bild von Florin Radu auf Pixabay

Zwar lesen die Buchpreisblogger inzwischen schon die von ihnen ausgewählten Titel von der Longlist, doch der Blick geht nicht nur nach vorn: Wir baten auch die Autorinnen und Autoren der vergangenen Jahre, mit uns über ihre Erfahrungen mit dem Deutschen Buchpreis zu sprechen. Auf Buchrevier hatte Tobias Nazemi bereits Julia Franck im Gespräch, Mara von Buzzaldrins Bücher interviewte Terézia Mora. Und hier kommt nun Kathrin Schmidt zu Wort, die Buchpreisträgerin des Jahres 2009.

Sechs Jahre sind seit der Auszeichnung von „Du stirbst nicht“ mit dem Deutschen Buchpreis vergangen. Werden Sie noch manchmal im Alltag darauf angesprochen?

Im Alltag? Was ist das? Ich schreibe ja alle Tage, und ich esse oder wasche alle Tage, und alle Tage legen sich zu meinem Leben übereinander. Sicher spricht mich wer an, aber kaum auf den Buchpreis. Das ist weit weg, lange her. Bekannte erwähnen ihn manchmal, „weißt Du noch?“, Unbekannte wissen davon nichts.

Wie geht man damit um, wenn man mit einem doch so sehr persönlichen Buch wie „Du stirbst nicht“ nun – trotz zahlreicher Veröffentlichungen zuvor – plötzlich so sehr in der Öffentlichkeit steht?

Ich finde das Buch nicht „persönlicher“ als meine anderen Romane. Ich kann ja überhaupt nur schreiben, wenn ich eine gewisse Distanz zum Gegenstand gewonnen habe. Das ist bei „Du stirbst nicht“ keinesfalls anders gewesen. Keine „Aufarbeitung“. Keine „Therapie“. Das lag hinter mir. Ich konnte die Erinnerungen an die Krankengeschichte einer anderen Person mitgeben, aber die Krankengeschichte ist ja hoffentlich nicht alles…

Die Freude über den Preis – so äußerten Sie das in einem Interview mit dem Tagesspiegel 2009 – kam einher mit belastenden Gedanken: Der Verlag diskutierte über Nachdruck, Verkaufszahlen, etc. Wie sehr setzt dies eine Schriftstellerin unter Druck, wie sehr beeinflusste es auch Ihre Arbeiten im Anschluss?

Das stürmte in den ersten Wochen auf mich ein, verlor sich aber bald. „Richtige“ Bestsellerautoren erleben das öfter, gewöhnen sich daran, denke ich. Ich brauchte mich zum Glück nicht daran zu gewöhnen, denn es war ein einmaliges Ereignis. Dass es mich nicht unter Druck gesetzt hat, würde ich heute nicht mehr sagen. Ich tat mich schwer mit dem nächsten Roman, der aber im nächsten Jahr nun kommt. Zum Glück hatte ich Kurzprosa und Gedichte, und zwar nicht zur Überbrückung. Und der Verlag war, wie vorher schon, keinesfalls drängend oder treibend.

Dem Deutschen Buchpreis werden ja zahlreiche Kritikpunkte vorgehalten. Unter anderem, es würden vorwiegend Bücher prämiert, die die einschneidenden Themen der deutschen Geschichte – Nationalsozialismus, Teilung, Fall der Mauer – zum Inhalt hätten. Ist das für sie – zumal sie sich in der Bürgerrechtsbewegung engagiert haben – ärgerlich, dass diese Themen so abgetan werden?

Das interessiert mich eigentlich nicht. Ich habe inzwischen oft genug erlebt, wie das Feuilleton tickt. Damit meine ich nicht die ehrlichen, guten Kritiker, die es zum Glück noch gibt. Aber oft wird ein subjektiver Eindruck nicht als subjektiver Eindruck verkauft, sondern als objektive Gegebenheit. Wenn das Gegenteil der Fall wäre, also stets nicht vordergründig politische Bücher gewählt würden, wären die Kritikpunkte auch gegenteilig. Als Korrektiv vielleicht gar nicht schlecht? Aber drauf geben muss man, glaube ich, nicht viel.

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Kathrin Schmidt bei der Buchpreisverleihung 2009. Bild: (c) Claus Setzer.

Sie wurden bei der Preisverleihung 2009 noch als „Karin“ Schmidt aufgerufen – war das auch ein wenig symptomatisch dafür, dass man, selbst 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, im „westdeutsch“ geprägten Literaturbetrieb viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die mit dem Schreiben in der ehemaligen DDR begonnen hatten, kaum kannte und las?

Das scheint mir ein Trugschluss zu sein. Wenn ich an die 80er Jahre denke, eigentlich also auch an den Beginn meiner eigenen Publikationserfahrung, so waren Schriftsteller meines Alters aus dem Gebiet der DDR dem westdeutschen „Literaturbetrieb“ Garanten für Aufmerksamkeit und Erfolg, und zwar nicht unbedingt abhängig davon, ob sie in der DDR verblieben oder ausgereist waren. Auch Literaturpreise gingen in den 80ern und 90ern oft an in diesem Sinne ostdeutsche Autoren. Unter den zehn Trägern des Buchpreises finden sich fünf ostdeutsch geborene und zwei mit „Migrationshintergrund“, dazu kommt ein Österreicher. Bleiben zwei Preise für genuin „westdeutsche“ Autoren. Dass Herr Honnefelder mich Karin nannte, war ihm womöglich peinlicher als mir unangenehm, ich habe einfach keinen Namen, den man sich merkt. Durs Grünbein hat es besser. Übrigens auch ein Ostdeutscher

In der von Marlene Streeruwitz angestoßenen Debatte haben Sie sich auch Gedanken darüber gemacht, wie eine demokratische Preisvergabe für „einen“ Roman des Jahres aussehen könnte. Vorschläge?

Preisvergaben sind als demokratische Veranstaltungen nicht denkbar. Wenn jeder Autor, den der Buchpreis trifft, auch an jene dächte, die ihn nicht bekommen, könnte er sich vielleicht sogar leichter und ehrlicher freuen. Bei mir war das übrigens einer der ersten Gedanken. Er ebnete die Freude nicht ein, mäßigte sie aber und sorgte für Bodenhaftung. Ich habe mich damit wohlgefühlt.

Weitere Informationen:

Die Jury begründete ihre Entscheidung 2009 für Schmidts Roman „Du stirbst nicht“ so:

„Der Roman erzählt eine Geschichte von der Wiedergewinnung der Welt. Silbe für Silbe, Satz für Satz sucht die Heldin, nach einer Hirnblutung aus dem Koma erwacht, nach ihrer verlorenen Sprache, ihrem verlorenen Gedächtnis. Mal lakonisch, mal spöttisch, mal unheimlich schildert der Roman die Innenwelt der Kranken und lässt daraus mit großer Sprachkraft die Geschichte ihrer Familie, ihrer Ehe und einer nicht vorgesehenen, unerhörten Liebe herauswachsen. Zur Welt, die sie aus Fragmenten zusammensetzt, gehört die zerfallende DDR, gehören die Jahre zwischen Wiedervereinigung und dem Beginn unseres Jahrhunderts. So ist die individuelle Geschichte einer Wiederkehr vom Rande des Todes so unaufdringlich wie kunstvoll in den Echoraum der historisch-politischen Wendezeit gestellt.“

Gerrit Bartels schrieb in der Zeit: „Die Auszeichnung trifft die Richtige.“

2014 äußerte sich Kathrin Schmidt zur Gender-Debatte um den Buchpreis in der Welt: „Eine Quote für den Buchpreis ist Frauenkohlsuppe.“

LITERARISCHE ORTE: Hier entstanden Brechts Buckower Elegien.

Brecht-Weigel-Haus_Buckow_01

Lienhard Schulz [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]

Von Angelika Felber

In ihrem Gastbeitrag berichtet Angelika Felber von einem Besuch im Brecht-Weigel-Haus in Buckow am Scharmützelsee:

Mitten in der hügelig, wald- und seenreichen Landschaft der Märkischen Schweiz fand Bertolt Brecht 1952 ein Refugium, wo er ungestört arbeiten und Gesprächspartner empfangen konnte.
Dort schrieb er im Sommer 1953 die Buckower Elegien, in denen er lyrisch seine Gedanken und Eindrücke nach dem 17. Juni 1953 verarbeitete. Sie sind ein Zeugnis seiner kritischen Auseinandersetzung mit der frühen DDR. Bekannt sind die Verse aus dem Gedicht
„Die Lösung“:
„[…] Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“

Bei einer Führung durch den Garten des Hauses am Scharmützelsee rezitierte eine Brecht-Expertin aus Buckow verschiedene Gedichte aus den Buckower Elegien.
Dabei erschloss sich mir eine neue Lesart zu dem Gedicht „Der Rauch“.

Neben der naheliegenden gesellschaftskritischen Lesart kann man dieses Gedicht auch als Liebesgedicht lesen. Brecht hatte Käthe Reichel ein Haus in der Nähe besorgt – Rauchzeichen dort zeigten ihm an, dass Käthe Reichel da war und eventuell auch für ihn kochte. Heutzutage fungiert das Brecht-Weigel-Haus übrigens auch als Standesamt!

Hans-Otto Dill wird auf der Seite von „Norberto42“, die stets fundierte Gedichtinterpretationen bietet, so zitiert:

„Hier unterliegt dem Text eine autobiographische Situation: Brecht sieht bei der Ankunft in Buckow aus dem Haus Rauch aufsteigen, ein Zeichen dafür, dass Helene Weigel oder Käthe Reichel für ihn ein Festmahl bereitet. Diesen Sachverhalt evoziert er aber nicht, sondern verfremdet ihn zu einer Verallgemeinerung ins Philosophische, der Rauch als Symbol von Liebe, der Fürsorge für Andere, und für menschliche Anwesenheit überhaupt. Dieser zweite, symbolische Sinn führt über den wörtlichen Sinn, eine Landschaftsidylle zu malen, hinaus. Dies Gedicht verliert durch diese Verallgemeinerungspotenzen die Eindeutigkeit und Eindimensionalität, also die Einfachheit, und gewinnt Mehr- oder Vieldeutigkeit. Von der syntaktischen Einfachheit der Parataxe der ersten zwei Zeilen geht es in den letzen drei zur Hypotaxe über, die per negationem  eine verallgemeinernde Symbolik realisiert.“

Unter diesem Link finden sich auch weiterführende Links unter anderem zu den Buckower Elegien, Käthe Reichel etc.