E. T. A. Hoffmann: Das steinerne Herz

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Bild von pasja1000 auf Pixabay

Eine Liebe, die das Herz zerreißt, statt es zu nähren: So stoßszeufzt der Hofrat Reutlinger noch im hohen Alter vor der Frau, die ihn einst geliebt hatte, die er jedoch zurückstieß. Nicht die äußeren Umstände, nicht der Charakter der Frau, keine schicksalshaften Widrigkeiten waren es allerdings, die die beiden Liebenden in jungen Jahren trennten. Das Dilemma lag und liegt in des Hagestolzes (hach, endlich kann ich das Wort hier mal verwenden!) Hirn, vielmehr in der Brust: „Das steinerne Herz“.

„War es denn nicht Ihr starrer unversöhnlicher Sinn, Ihr träumerischer Glaube an Ahnungen, an seltsame, Unheil verkündende Visionen, der Sie forttrieb von mir und der mich zuletzt bestimmen mußte, dem sanfteren, beugsameren Mann, der mit Ihnen zugleich sich um mich bewarb, den Vorzug zu geben? Ach! Maximilian, Sie mußten es ja wohl fühlen, wie innig Sie geliebt wurden, aber Ihre ewige Selbstqual, peinigte sie mich nicht bis zur Todesermattung?“ Der alte Herr unterbrach die Dame, indem er ihre Hand fahrenließ: „O Sie haben recht, Frau Geheime Rätin, ich muß allein stehen, kein menschliches Herz darf sich mir anschmiegen, alles, was Freundschaft, was Liebe vermag, prallt wirkungslos ab von diesem steinernen Herzen.“

In seiner 1817 in den Nachtstücken erschienenen Erzählung beschreibt E. T. A. Hoffmann, wie ein Mann mehr und mehr aus Misstrauen, geplagt von Verschwörungstheorien und Wahnvorstellungen, sein Herz gegen die Menschen verschließt, die ihm am nächsten stehen: Ein „wundes Gemüt“, heute würde man vielleicht von einem psychotischen Depressiven sprechen.

Äußeres Symbol für dieses Herz, das sich versteinert, weil es zu verwundbar ist, weil Herz und Hirn zu verwirrt sind, zu unruhig in ihrer Zerrissenheit, ist ein Grabmal, das sich der Hofrat schon zu Lebzeiten errichten ließ:

„Am Ende des Gartens trittst du in einen finstern Hain von Trauerweiden, Hängebirken und Weymouthskiefern. Der Gärtner sagt dir, daß dies Wäldchen, wie man es, von der Höhe des Hauses hinabschauend, deutlich wahrnehmen kann, die Form eines Herzens hat. Mitten darin ist ein Pavillon von dunklem schlesischen Marmor in der Form eines Herzens erbaut. Du trittst hinein, der Boden ist mit weißen Marmorplatten ausgelegt, in der Mitte erblickst du ein Herz in gewöhnlicher Größe. Es ist ein dunkelroter, in den weißen Marmor eingefugter Stein. Du bückst dich herab und entdeckest die in den Stein eingegrabenen Worte: Es ruht!

Hoffmann, allseits bekannt als Hauptvertreter der „schwarzen Romantik“, ja der Schwärzeste von allen eigentlich, geht hier recht sachte mit seiner Hauptfigur um: Reutlingers steinernes Herz lässt sich letzten Endes doch noch erweichen, nimmt seinen verstoßenen Neffen wieder an und auf, begünstigt die Verbindung zweier junger Leute: Hoffmann mit Happy End. So darf das Herz beruhigt sein, darf in Frieden und ungebrochen gehen – am Ende stehen die Worte: „Es ruht!“.

Die Erzählung kann man in voller Länge hier lesen.

Arno Schmidt betitelte 1956 einen Roman mit Hoffmanns Überschrift: „Das steinerne Herz“. Aber der Schmidt ist ein Ding für sich – der kommt irgendwann eigens.

„Das steinerne Herz: nur durch die dünne Nabelschnur der Staatshandbücherreihe hing die Welt noch an mir ! Die Nacht schleifte immerfort leise. Leervorbei.“

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