#MeinKlassiker (32): Michael Kohlhaas – nach 200 Jahren noch brandaktuell

Mit „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers hat Dagmar Eger-Offel bereits einmal in der Reihe #MeinKlassiker einen Roman vorgestellt, der nichts von seiner politischer Aktualität verloren hat. Ich freue mich, dass sie sich mit einem zweiten Beitrag an der Serie beteiligt – wieder mit einem ausgesprochen politischen Werk der Literatur: „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist.

Brandaktuell: Die Rolle des Einzelnen gegen eine korrupte Gesellschaft, Gerechtigkeitsterrorismus und Selbstjustiz und die große Diskussion um das Widerstandsrecht gegen die vorherrschende Politik! Das macht einen Klassiker aus, dass er uns über die Zeit hinweg etwas zu sagen hat.

Eigentlich Gründe genug, um den alten Kohlhaas mal wieder auszupacken. Auf ihn gekommen bin ich aber ganz anders: über Dagmar Leupolds Roman „Die Helligkeit der Nacht“, in dem der verstorbene Heinrich von Kleist einen Briefwechsel mit Ulrike Meinhof phantasiert. Aber dazu an anderer Stelle mehr.

1802 erschien der „Michael Kohlhaas“ in einer Zeit, da die Versprechungen und Hoffnungen der französischen Revolution noch frisch, wenn auch schon enttäuscht waren. Kleist ist mit seinen Schriften bekannt dafür – man könnte sagen, im Sinne Jean Jacques Rousseaus – Kritik zu üben an der Gesellschaft, von der humanen Seite aus. Oftmals verkleidet er seine Kritik in Parabeln oder in Übertragungen auf historischen Stoff, wie z.B. bei der „Penthesilea“, oder eben auch dem „Michael Kohlhaas“, der zurückgeht auf einen überlieferten Fall aus dem 16. Jahrhundert.

Ein Mann, der als rechtschaffen, redlich, gesetzestreu, gottesgläubig, kurz, ausgesprochen tugendhaft vorgestellt wird, hat einen Fehler: in der Tugend der Gerechtigkeit ist er maßlos. Kleist erzählt in diesem Buch, das im ersten Teil als Chronik daherkommt, über die Verstrickungen der Fürstenhäuser, über die Korruption und die Intrigen. Und über die Hilflosigkeit eines rechtschaffenen Untertan.

Ein Junker und sein Landvogt verlangen an der brandenburgisch- sächsischen Grenze ein Wegegeld vom Pferdezüchter Kohlhaas, das von ihnen aus Gewinnsucht frei erfunden ist. Sie nehmen zwei seiner Rappen als Pfand. Über mehrere Instanzen versucht Kohlhaas, zu seinem Recht zu kommen, da aber „Hinz und Kunz“ an den Fürstenhöfen miteinander verwandt, sich gegenseitig verpflichtet oder verstrickt sind, bekommt er keine Chance auf neutrale Gerechtigkeit. Er fühlt sich in seiner moralischen Integrität entwurzelt.

Und dann wird sein Kampf um Gerechtigkeit zu einer immer größeren Sache: es geht nicht mehr nur um seinen Fall, sondern auch um Gerechtigkeit für seine Landsleute. Überall hört er von den machtmissbräuchlichen Machenschaften dieses Junkers. Und irgendwann geht es um das Prinzip. Und an dieser Stelle steigt Kohlhaas aus, er steigt aus aus dem Gesellschaftsvertrag. Er fühlt sich verstoßen aus einer Gemeinschaft, in der ihm „der Schutz der Gesetze versagt ist“ (Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas, S.47) Er entscheidet sich für den Widerstand und in einem Gespräch mit Luther erklärt er eben diesen Widerstand als seine Pflicht, für eine größere Sache. Nun, die RAF hat auch nicht nur von einem Recht auf Widerstand sondern von einer Pflicht zum Widerstand gesprochen (aktuelle Lektüre dazu: Ingeborg Gleichauf: Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin).

Kohlhaas wird zum Gerechtigkeitsterroristen. Es sind zwei auslösende Momente, die ihn radikalisieren: Die Tötung seiner Frau – nun ist der Preis seines Kampfes so hoch, dass er gewonnen werden muss – und auf der ideologischen Ebene die Verknüpfung der Untaten des Junkers mit dem Bösen in der Welt, das bekämpft werden muss. Dafür erlässt er Mandate der Selbstjustiz und brennt ganze Stadtteile nieder.

Es ist eine Spirale, eine Engführung im Kampf für eine Gerechtigkeit, bei dem die Mittel  weder vom Grund noch vom Ziel her nicht mehr zu rechtfertigen sind.

Was seinen Fall betrifft, gewinnt Kohlhaas am Ende, er bekommt seine Rappen in bestem Zustand wieder, er bezahlt aber mit seinem Leben für die Untaten, die er im Namen der Gerechtigkeit begangen hat. Was das Prinzip angeht: dieser Kampf wird immer weiter geführt. Es bleibt die Frage der Mittel.

Im letzten Drittel bekommt die Erzählung eine neue literarische Komponente. Es tauchen magische Symbole auf, unerklärliche Begebenheiten und Figuren werden eingeflochten, um dem Ganzen über das Politische hinaus eine Dimension anzuschreiben, die eben nicht bis ins Letzte analytisch betrachtet werden kann.

Kohlhaas ist sicher kein Rousseauist, aber er nimmt die Frage Rousseaus auf: wenn die Herrschenden die Herrschaft verweigern können, sollten dann nicht die Untertanen auch die Untertänigkeit verweigern dürfen?

Es ist auch eine Geschichte um den Konflikt, moralisch im Einzelfall anders zu urteilen, als es grundsätzlich gerechtfertigt werden könnte. Wie oft gibt es diese Situationen, in denen verantwortliches Verhalten im Moment nicht konform geht mit dem, was gesetzesmäßiger gesellschaftlicher Konsens ist. Manchmal muss dieser Konsens, gerade um der Gerechtigkeit willen, gebrochen werden, aber ohne ihn grundsätzlich in Frage zu stellen. Und das ist für mich in dieser Geschichte gut gelungen: der Konflikt der Person Kohlhaas besteht darin, seine eigene Moral verletzen zu müssen um seinem Anspruch auf Moralität gerecht zu werden. Seine inneren Kämpfe sind die Kämpfe dessen, der in seiner Zielverfolgung erstarrt. An diesem Konflikt geht er innerlich beinahe zugrunde.

Der gleichnamige Film von Arnaud Paillieres ist sehenswert wegen Mads Mikkelsen in der Hauptrolle, der den Kohlhaas glänzend spielt. Allerdings ist die Geschichte so extrem reduziert, dass sie ihre komplexen Ebenen verliert und zu stark auf eine persönliche Rachegeschichte heruntergebrochen ist.

An mancher Stelle würde man sich ein bisschen Kohlhaas wünschen. Um zu zeigen, dass es so, wie es geht, nicht geht (Teilzitat Ulrike Meinhof aus den Sechzigern). Aber ein bisschen Kohlhaas geht eben nicht.

Dagmar Eger-Offel
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Literatur im Fenster ist ein eingetragener Verein, der seit 2009 vielerlei Veranstaltungen im Bereich     Erwachsenenbildung organisiert. Das Projekt „Frauenakademie“ und das Projekt „Studium Generale“ sind Unterrichtsprogramme vom Baden-Württembergischen bzw. Bayrischen Volkshochschulverband. Darüber hinaus werden von dem Verein auch Schreibwerkstätten angeregt, Formate des offenen digitalen Lernens angeboten, und vieles mehr. Auf dem Blog des Vereins veröffentlicht dessen Vorsitzende, Dagmar Eger-Offel, ab und an auch Rezensionen, die stets mit feiner Feder verfasst sind.

#MeinKlassiker (29): „Ich wollte nur mal Danke sagen“ – Ulrike Schäfer über Marie Luise Kaschnitz

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Mit ihrem Erzählband „Nachts, weit von hier“, der 2015 beim Verlag Klöpfer & Meyer erschien, hat mich die Schriftstellerin Ulrike Schäfer gefangen: Mich begeisterte diese zurückgenommene, ruhige Art ihres Schreibens, ich mochte die Art des Erzählens, die Raum lässt. Und so war ich sehr gespannt auf ihre Klassikerin – aber auch nicht sehr überrascht, als der Name Marie Luise Kaschnitz fiel: Das passt sehr gut, kam mir spontan in den Sinn, auch eine, die nichts auserzählen musste und dennoch eine ganz eigene Wirkung entfaltet in ihren Erzählungen.
Wer sich in Ulrike Schäfers Texte einlesen will, der findet hier mehr davon: http://www.ulrike-schaefer.de/.

Ulrike Schäfer über ihre Klassikerin:

Wenn ich nur eine einzige Schriftstellerin nennen dürfte, die mich geprägt hat, dann wäre es Marie Luise Kaschnitz. Und wenn ich, stellvertretend für alle ihre Texte, nur einen einzigen nennen sollte, dann wäre es “Das dicke Kind”.

Es war Ende Januar, bald nach den Weihnachtsferien, als das dicke Kind zu mir kam.

Dieser erste Satz, wenn ich ihn heute lese, entwickelt noch den gleichen Sog wie damals, den ich bei so vielen ihrer Kurzgeschichten empfand.

Ich hatte in diesem Winter angefangen, an die Kinder aus der Nachbarschaft Bücher auszuleihen, die sie an einem bestimmten Wochentag holen und zurückbringen sollten. […] Das dicke Kind kam an einem Freitag oder Samstag, jedenfalls nicht an dem zum Ausleihen bestimmten Tag.

So einfach, so alltäglich. Fast alles normal, und ich spüre: Das dicke Kind kommt wie eine Heimsuchung. Ich spüre überhaupt eine Menge, was da gar nicht steht und doch mitschwingt. Satz um Satz zieht es mich weiter.

Es ist kaum möglich, den Inhalt der Geschichte wiederzugeben, ohne sie vollkommen zu banalisieren. Das dicke Kind, zunehmend lästig, ja verabscheut und schließlich gehasst, treibt die Ich-Erzählerin zum See, zum gefährlichen Eis bei Tauwetter, macht sie zur Zuschauerin eines Kampfes und einer Verwandlung und lässt sie schließlich selbst verwandelt zurückkehren.

An meinen Heimweg an diesem Abend erinnere ich mich nicht. Ich weiß nur, daß ich auf unserer Treppe einer Nachbarin erzählte, daß es noch jetzt ein Stück Seeufer gäbe mit Wiesen und schwarzen Wäldern, aber sie erwiderte mir, nein, das gäbe es nicht.

Was auch immer es ist, das mich an ihrem Ton so anzieht: Diese Lakonie gehört unbedingt dazu. Nein, das gäbe es nicht. Was du erlebt hast, kann so nicht gewesen sein. Und ist es doch, in einer anderen, tieferen Dimension.

Überhaupt die Tiefe: Sie ist da, aber nicht auserzählt. Kaschnitz’ Geschichten sind klar und genau und eröffnen zugleich einen Raum. Ich mag diese Klarheit, ich mag die Schlichtheit und Prägnanz ihrer Sätze, die Dichte ihrer Geschichten. Das Ungesagte. Es ist nicht die einzige Art zu erzählen, die mich begeistert, berührt und beeindruckt, aber sozusagen die erste, die ursprüngliche. Vielleicht gibt es das für jede Leserin, jeden Leser? Dass eine bestimmte Weise zu erzählen so etwas wie ein Wiedererkennen auslöst? Etwas Derartiges jedenfalls empfand und empfinde ich bei ihren Geschichten (und habe es ein zweites Mal bisher nur bei Marlen Haushofers “Die Wand” empfunden).

kaschnitzWenn ich jetzt die Taschenbücher von damals auf dem Tisch liegen sehe – Wohin denn ich, Jennifers Träume, Seid nicht so sicher, Steht noch dahin, Der alte Garten, Lange Schatten -, dann bin ich voller Dankbarkeit. Nicht nur für das intensive Leseerlebnis – ich habe die Bücher vermutlich alle mehrmals gelesen -, sondern auch weil ihre Prosa auf mich einen zweifachen Sog ausübte. Ich wollte schon schreiben, bevor ich Kaschnitz gelesen habe, aber mit ihr hat dieser Wunsch einen Anker in der wirklichen Welt gefunden, an dem ich mich auch viele Jahre später, als ich es endlich, endlich ernsthaft versuchte, noch festhalten konnte. Meine ersten tastenden Schreibversuche waren Kurzgeschichten, nicht aus einem rein praktischen, schreibökonomischen Grund, aus dem viele Prosaautoren zunächst Kurzgeschichten schreiben. Für mich war diese Form von Anfang an mehr als eine Fingerübung, etwas anderes als die Durchgangsstation zur “Königsdisziplin” Roman. Ich wollte diese Form verstehen, ich wollte sie durchdringen, mich in ihr ausdrücken können, weil sie für mich selbst eine Königsform ist. Wer hat mich das gelehrt?

Einige Jahre nach diesen tastenden Anfängen, aber noch immer mitten im Anfang begriffen, verfolgte ich eine Podiumsdiskussion in Kloster Irsee zum Thema “Muss Literatur innovativ sein?” – eine Frage, die mir große Sorge bereitete, wie ich überhaupt umstellt war von Sorge, was das Schreiben betrifft. Zu den Diskutanten gehörte Dagmar Leupold. Sie sagte etwas, das für mich ebenfalls zum Anker wurde: Sie stelle sich Literatur ja nicht so linear vor, sondern eher als einen Raum, in dem es verschiedene Orte gebe, zu denen man sich dazugesellen, sich zugehörig fühlen könne. Mir leuchtete das unmittelbar ein, und ich hatte diesen Raum sofort bildlich vor mir: eine Art Cocktailparty der Literaturgeschichte, in einer ruhigen Ecke Marie Luise Kaschnitz mit Marlen Haushofer ins Gespräch vertieft.

An diesen Raum denke ich oft. Gerne phantasiere ich mir dann einen befreundeten Kellner herbei, der bei dieser Party serviert und der mir unter der Hand eine Einladungskarte organisiert hat. Unter Beschwichtigungen – ”Das merkt schon keiner!” – schiebt er mich beherzt und illegal ins Getümmel. Da stehe ich nun unter all den Honoratioren und fremdle vor mich hin. Und denke mir irgendwann: Ja wenn du schon mal da bist … Atme ein paar Mal tief durch, schlängle mich an Thomas Mann, Goethe & Co. vorbei, stehe schließlich vor ihr und flüstere sehr verlegen: Ich wollte nur mal Danke sagen.

Ulrike Schäfer
http://www.ulrike-schaefer.de/