Paul Scheerbart: Katerpoesie

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Bild: Birgit Böllinger

Moderner Gassenhauer

Der Eremit ist dick und groß;
Er haßt die Nebenmenschen bloß.
Er liebt nur seine Klause
Und bleibt daher zu Hause.

Die ganze Welt ist ihm Pomade.
Die Nebenmenschen sagen: schade!
Das aber rührt den Teufel nicht.
Hat er nur stets sein Leibgericht,
So ist ihm alles piepe –
Der Haß und auch die Liepe.

Auch der, der diese Verse schrieb, blieb sein Leben lang ein Einzelkämpfer. Er war der Dichter, der sein Leben dem Perpetuum Mobile widmete. Er war der Zeichner, der den Verlag der Phantasten gründete. Und er war der Lyriker, dessen Buch als eines der ersten im Rowohlt Verlag erschien: Paul Carl Wilhelm Scheerbart (1863-1915), der auch unter den Pseudonymen Kuno beziehungsweise Bruno Küfer arbeitete.

Erich Mühsam schrieb in seinen “Unpolitischen Erinnerungen”:
“Es wird — hoffentlich! — nicht nötig sein, Scheerbart als Dichter vorzustellen. Obgleich seine Bücher, die es so sehr verdient hätten, keine hohen Auflagen erreicht haben und, wie es scheint, jetzt völlig vom Markt verschwunden sind, hat es doch eine Zeit gegeben, die dem humorvollsten Phantasten und dem phantasievollsten Humoristen der modernen deutschen Literatur wenigstens die platonische Anerkennung nicht schuldig blieb. Die Zeit aber, die diesen kosmischen Spötter als sich zugehörig erkennen wird, diese Zeit, daran zweifle ich nicht, wird noch kommen. Es wird die Zeit sein, die von Freiheit des Menschen und seiner Gedanken- und Gefühlswelt wissen und die hinter dem dröhnenden Lachen des Dichters, der seine philosophischen Romane auf dem Mond und dem Jupiter spielen läßt, den tiefsten sozialen Ernst heraushören wird. Wer Paul Scheerbart persönlich nahestand, der sah, wie einheitlich diese Persönlichkeit war.”

Dies war 1927 – Scheerbart war gerade nur zwölf Jahre vorher, völlig verarmt und in Folge eines Gehirnschlags, gestorben. Schon zu Lebzeiten hatten seine Bücher keine hohen Auflagen erreicht. Zwar erschien Scheerbarts erster Roman, “Die große Revolution”, 1902 im Insel Verlag, 1909 verlegte Ernst Rowohlt Scheerbarts skurrile Gedichtsammlung “Katerpoesie”. Obwohl er somit zu den Gründungsschriftstellern zweier bedeutender Verlage zählte – der Bekanntheitsgrad Paul Scheerbarts blieb begrenzt. Immer noch gilt er als “Geheimtipp” oder etwas für literarische Kenner – dabei ist er einer der großen Autoren phantastischer Literatur, seine versponnene Poesie beeinflusste DADA und die Expressionisten.

Scheerbart lässt sich in keine Schublade pressen. Einerseits schrieb er humorvolle, warmherzige, ironische, skurrile, vor Lebenslust sprühende Verse, aber andererseits entwarf er phantastische Welten, stilisierte seine eigene zu einer Kunstwelt, ging gedanklich über Grenzen, über die ihm nicht jeder folgen mochte oder folgen kann.

Viel zitiert werden die letzten beiden Sätze am Ende der “Katerpoesie”: “Charakter ist nur Eigensinn. Es lebe die Zigeunerin!”. Das Gedicht in voller Länge zeugt von der inneren Verfasstheit seines Schöpfers:

Sei sanft und höhnisch!
Charakter-Cyklus

Charakter ist nur Eigensinn;
Ich bin mit mir zufrieden.
Ich geh nach allen Seiten hin;
Wir sind ja so verschieden.

Geht mir mit der Quälerei!
Sie macht wirklich kein Vergnügen;
Mir kann nur die Wurschtigkeit
Toll und voll und ganz genügen.

Was wie ein Schienenpaar zerfahren ist,
Das ist noch härter als der Antichrist.

Ich möcht am liebsten meine Tinte
Dem Menschenvolk ins Blutgeäder spritzen.
Ich will mich bloß nicht so erhitzen.

Glaube mir:
Ich streichle dir
Die zarten vollen Wangen.
Glaube mir:
Ich hab nach dir
Wahrhaftig kein Verlangen.
Ich will dir immer gut sein!
Bleibe mir nur ewig fern
Wie der stille Abendstern.

Ich hab die ganze Nacht gelacht –
Natürlich – nur im Traume!
Jetzt bin ich endlich aufgewacht –
Natürlich – noch im Raume!
Ich kann nun nicht mehr lachen!
Was soll ich also machen?
Weiterwachen?

Sei klein – dann ist die Welt so groß!
Sei schwach – dann ist die Welt so stark!
Sei dumm – dann ist die Welt so klug!
Sei stumm – dann ist die Welt so laut!
Sei arm – dann ist die Welt so reich!

Reimerei und Schweinerei!
Mir ist alles einerlei!
Alte Katzen sind nicht blöde.
Aber jene Untermenschen,
Die ich täglich braten möchte,
Machen mir die Welt so öde.

Mir ist alles einerlei!

Mensch, sei frei!

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.

Freche Fratze,
Deine Glatze
Ist nicht alt,
Auch nicht jung,
Bloß voll Dung,
Hast du bald
Dung genung?

Die Eitelheit, die Eitelkeit –
Die steckt ja wohl im Narrenkleid.
Doch bei den steifen ernsten Leuten –
Da steckt sie unter allen Häuten.

Der Nebel meiner Lebensqual
Ist dunkel, trüb und fett.
Ich liege still zu Bett.

Fahrig, lax, frivol und wischig
Ist die große Alterskunst –
Gräßlich ist der ganze Dunst.

Doch die stillen Flaggenstöcke –
Freunde, die laßt stehen,
Wenn auch die Spektakelfeste
Lichterloh vergehen.

Die Flaggenstöcke gingen tief
In unsre alte Erde ‘rein.
Wir aber gingen immer schief –
Im Sonnen- wie im Mondenschein.

Alte böse Menschen schimpfen
Über meine Lustigkeit.
Und das ist doch weiter nichts als
Alter, dunkelgelber Neid.

Du kindische Kröte,
Dich quetsch ich zu Brei.
Ich mag doch nicht hören
Die Mopslitanei,
Die sich lustig macht
Über den, der lacht.

Ich schmiß einen Menschen zum Fenster hinaus –
Natürlich – nur im Traume!
Ich fragte höflich die Mama:
Wozu ist das Männchen da?

Was denkt sich denn der junge Fant?
Ich liebte nie mein Vaterland.
Das tun ja schon so viel Soldaten!
So selbstgefällig bin ich nicht!

Lieber süßer Kannibale,
Liebst du meine Tante Male?
Friß sie auf – sie ist gesund –
Ihre Welt wird ihr zu bunt.

Klarheit wollt ihr?
Dicke Klarheit?
Seid ihr echte Untermenschen?
Wollt ihr nicht den kummervollen
Rausch der Ewigkeit umhalsen?
Wollt ihr nicht den götterhaften
Allempfindungsdünkel kosten?
Aber nein: ihr seid gescheidter;
Eure Sehnsucht will ins Bettchen,
Denn der liebe Sandmann kam.

Ich weiß, was ich begehrte;
Nie klar wird das Verklärte.
Mit den Ketten will ich rasseln,
Daß das Trommelfell euch platze!
Es erblüh in euern Dasseln
Alles Glück in einem Satze.

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.
Breite Nachtkapuzen,
Ich will euch nur uzen!
Keiner sticht euch tot!
Alles ist im Lot!

Überwinden, überwinden
Wollen wir die letzten Trümpfe.
Und wenn wir das Letzte finden,
Machen wir uns auf die Strümpfe.

Charakter ist nur Eigensinn.
Es lebe die Zigeunerin!

Schluß!!

Seine Leidenschaft: Das Perpetuum mobile

Sein Werk und seine Interessen waren dergestalt vielfältig, dass dies in einer Kurzbiographie kaum umrissen werden kann. Neben dem Schreiben beschäftigte er sich vor allem mit Architektur und Erfindungen. So beeinflusste er mit seinen Aufsätzen zur Glasarchitektur auch die jungen Bauhaus-Architekten. Bruno Taut widmete ihm ein Glashaus bei der Werkbundausstellung 1914, mit dem Taut erstmals auch internationale Anerkennung fand. Ebenso faszinierend sind Scheerbarts Versuche zum “Perpetuum mobile”. Er beschäftigte sich jahrelang mit dieser Forschungsarbeit. Das Perpetuum mobile war für ihn “Wüstenkultur im großen Stil. Dagegen ist der Panamakanal eine Bagatelle.“ Mehr dazu findet man in einer der umfangreichsten Sammlungen im Netz unter www.scheerbart.de.

Völlig verarmt starb Paul Scheerbart 1915 an einem Gehirnschlag. Später wurde von Walter Mehring verbreitet, er habe sich aus Protest gegen den Ersten Weltkrieg zu Tode gehungert. Das Gerücht ließ sich nicht halten. Hungrig – im mehrfachen Sinne – materiell, aber vor allem geistig – hungrig nach Wissen, neugierig und phantasievoll, das war Scheerbart aber wohl sein Leben lang.

Nie verzagen, niemals klagen!
(1892)

Nie verzagen, niemals klagen!
Sei mein stetes Fluchtpanier.
Hab ja längst gelernt entsagen;
Niemals ich den Mut verlier.

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Hugo Ball und Tristan Tzara: Das DADA-Manifest

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100 Jahre Dada in Zürich. Bild: Birgit Böllinger

„Ich verkünde die Opposition aller kosmischen Eigenschaften gegen die Gonorrhoe dieser faulenden Sonne, die aus den Fabriken des philosophischen Gedankens kommt, den erbitterten Kampf mit allen Mitteln des dadaistischen Ekels.

Jedes Erzeugnis des Ekels, das Negation der Familie zu werden vermag, ist Dada; Protest mit den Fäusten, seines ganzen Wesens in Zerstörungshandlung: Dada; Kenntnis aller Mittel, die bisher das schamhafte Geschlecht des bequemen Kompromisses und der Höflichkeit verwarf: Dada; Vernichtung der Logik, Tanz der Ohnmächtigen der Schöpfung: Dada; jeder Hierarchie und sozialen Formel von unseren Dienern eingesetzt: Dada; jeder Gegenstand, alle Gegenstände, die Gefühle und Dunkelheiten; die Erscheinungen und der genaue Stoß paralleler Linien sind Kampfesmittel: Dada; Vernichtung des Gedächtnisses: Dada; Vernichtung der Archäologie: Dada; Vernichtung der Propheten: Dada; Vernichtung der Zukunft: Dada; Absoluter indiskutabler Glauben an jeden Gott, den spontane Unmittelbarkeit erzeugte: Dada; eleganter, vorurteilsloser Sprung von einer Harmonie in die andere Sphäre; Flugbahn eines Wortes, das wie ein Diskurs, tönender Schrei, geschleudert ist; alle Individualitäten in ihrem Augenblickswahn achten: im ernsten, furchtsamen, schüchternen, glühenden, kraftvollen, entschiedenen, begeisterten Wahn; seine Kirche von allen unnützen, schweren Requisiten abschälen, wie eine Lichtfontäne den ungefälligen oder verliebten Gedanken ausspeien, oder ihn liebkosen – mit der lebhaften Genugtuung, daß das einerlei ist – mit derselben Intensität in der Zelle seiner Seele, insektenrein für wohlgeborenes Blut und von Erzengelkörpern übergoldet. Freiheit: Dada, Dada, Dada, aufheulen der verkrampften Farben, Verschlingung der Gegensätze und aller Widersprüche, der Grotesken und der Inkonsequenzen: Das Leben.“

Tristan Tzara aus dem „Manifest Dada“, 1918

Auch Richard Huelsenbeck lieferte eine Legende zur Begriffsfindung: „Als Ball und ich den Dadaismus entdeckten, waren wir uns unserer großen Mission bewusst. Ball hatte gerade einen Teller Nudelsuppe gegessen, und ich hatte gerade den letzten besoffenen Studenten aus dem Cabaret Voltaire geworfen, da sagte Ball: „Da … Da siehst du, wo das hinführt.“

Wo führte das hin? Zu einer kreativen, anarchistischen, wilden Explosion, zu einer künstlerischen Hitzewelle, die ausgerechnet in der Schweiz (!) einige wenige Jahre (im Herbst 1920 verließen die letzten Mitglieder dieser Künstlergemeinschaft die Eidgenossenschaft) ihren Raum fand.

Schon zu den Hochzeiten des Dadaismus ist die Fülle an beteiligten, inspirierten Künstlerinnen und Künstlern kaum zu fassen: Hugo Ball, Emmy Hennings, Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck, Walter Serner, Giorgio de Chirico, Marcel Janco, Hans Richter, Christian Schad, Mary Wigman, Katja Wulff, Hans Heusser, Max Ernst, und viele weitere mehr, die sich vom Dadaismus anstecken ließen.

1916 veröffentlichten Ball und Huelsenbeck ein erstes Manifest:

Es soll der Presse und dem Publikum durch unser Auftreten gezeigt werden, daß es Persönlichkeiten gibt, die die Sache der “jüngsten” Literatur auch im Kriege weiterführen. Diese jüngste Literatur hat eine ganz bewußte Tendenz. Diese Tendenz: Expressionismus, Buntheit, Abenteuerlichkeit, Futurismus, Aktivität, Dummheit (gegen die Intellektualität, gegen die Bebuquins, gegen die gänzlich Arroganten). Wir wollen: Aufreizen, umwerfen, bluffen, triezen, zu Tode kitzeln, wirr, ohne Zusammenhang, Draufgänger und Negationisten sein. Unsere Sache ist die Sache der Intensität, der Nüstern, der Askese, des methodischen Fanatismus, der Flaggen und Konspirationen. Wir werden immer “gegen” sein. Wir werden die geistige Führerschaft an uns nehmen. Wir werden zu Felde ziehen gegen die Gehirnwesen, Geistlinge, Systemlinge. Gegen die Aktionierer und lyrische Tenöre. Gegen die “Programmatiker” und Sektenbildner. Wir ergreifen die Partei der Bilderstürmer und jeglicher Radikalisten. Wir propagieren den Stoffwechsel, den Saltomortale, den Vampyrismus und alle Art Mimik. Wir sind nicht naiv genug, an den Fortschritt zu glauben. Wir haben es nur mit dem “Heute” zu tun. Wir wollen sein: Mystiker des Details, Bohrlinge und Hellseher, Antikonzeptionisten und Literaturstänker. Wir wollen den Appetit verderben an aller Schönheit, Kultur, Poesie, an allem Geist, Geschmack, Sozialismus, Altruismus und Synonymismus. Wir gehen los gegen alle “ismen” Parteien und “Anschauungen”. Negationisten wollen wir sein.

Huelsenbeck manifestierte sich nochmals, zwei Jahre später, in Berlin (Auszug):

Die Unterzeichner dieses Manifests haben sich unter dem Streitruf

DADA!!!!

zur Propaganda einer Kunst gesammelt, von der sie die Verwirklichung neuer Ideale erwarten. Was ist nun der DADAISMUS?

Das Wort Dada symbolisiert das primitivste Verhältnis zur umgebenden Wirklichkeit, mit dem Dadaismus tritt eine neue Realität in ihre Rechte. Das Leben erscheint als ein simultanes Gewirr von Geräuschen, Farben und geistigen Rhytmen, das in die dadaistische Kunst unbeirrt mit allen sensationellen Schreien und Fiebern seiner verwegenen Alltagspsyche und in seiner gesamten brutalen Realität übernommen wird. Hier ist der scharf markierte Scheideweg, der den Dadaismus von allen bisherigen Kunstrichtungen und vor allem von dem FUTURISMUS trennt, den kürzlich Schwachköpfe als eine neue Auflage impressionistischer Realisierung aufgefaßt haben. Der Dadaismus steht zum erstenmal dem Leben nicht mehr ästhetisch gegenüber, indem er alle Schlagworte von Ethik, Kultur und Innerlichkeit, die nur Mäntel für schwache Muskeln sind, in seine Bestandteile zerfetzt.

Das BRUITISTISCHE Gedicht

schildert eine Trambahn wie sie ist, die Essenz der Trambahn mit dem Gähnen des Rentiers Schulze und dem Schrei der Bremsen.

Das SIMULTANISTISCHE Gedicht

lehrt den Sinn des Durcheinanderjagens aller Dinge, während Herr Schulze liest, fährt der Balkanzug über die Brücke bei Nisch, ein Schwein jammert im Keller des Schlächters Nuttke.

Das STATISCHE Gedicht

macht die Worte zu Individuen, aus den drei Buchstaben Wald, tritt der Wald mit seinen Baumkronen, Försterlivreen und Wildsauen, vielleicht tritt auch eine Pension heraus, vielleicht Bellevue oder Bella vista. Der Dadaismus führt zu unerhörten neuen Möglichkeiten und Ausdrucksformen aller Künste. Er hat den Kubismus zum Tanz auf der Bühne gemacht, er hat die BRUITISTISCHE Musik der Futuristen (deren rein italienische Angelegenheit er nicht verallgemeinern will) in allen Ländern Europas propagiert. Das Wort Dada weist zugleich auf die Internationalität der Bewegung, die an keine Grenzen, Religionen oder Berufe gebunden ist. Dada ist der internationale Ausdruck dieser Zeit, die große Fronde der Kunstbewegungen, der künstlerische Reflex aller dieser Offensiven, Friedenskongresse, Balgereien am Gemüsemarkt, Soupers im Esplanade etc. etc. Dada will die Benutzung des neuen Materials in der Malerei.

Dada ist ein CLUB, der in Berlin gegründet worden ist, in den man eintreten kann, ohne Verbindlichkeiten zu übernehmen. Hier ist jeder Vorsitzender und jeder kann sein Wort abgeben, wo es sich um künstlerische Dinge handelt. Dada ist nicht ein Vorwand für den Ehrgeiz einiger Literaten (wie unsere Feinde glauben machen möchten) Dada ist eine Geistesart, die sich in jedem Gespräch offenbaren kann, sodaß man sagen muß: dieser ist ein DADAIST — jener nicht; der Club Dada hat deshalb Mitglieder in allen Teilen der Erde, in Honolulu so gut wie in New-Orleans und Meseritz. Dadaist sein, kann unter Umständen heißen, mehr Kaufmann, mehr Parteimann als Künstler sein — nur zufällig Künstler sein — Dadaist sein, heißt, sich von den Dingen werfen lassen, gegen jede Sedimentsbildung sein, ein Moment auf einem Stuhl gesessen, heißt, das Leben in Gefahr gebracht haben (Mr. Wengs zog schon den Revolver aus der Hosentasche). Ein Gewebe zerreißt sich unter der Hand, man sagt ja zu einem Leben, das durch Verneinung höher will. Ja-sagen — Nein-sagen: das gewaltige Hokuspokus des Daseins beschwingt die Nerven des echten Dadaisten — so liegt er, so jagt er, so radelt er — halb Pantagruel, halb Franziskus und lacht und lacht. Gegen die ästhetischethische Einstellung! Gegen die blutleere Abstraktion des Expressionismus! Gegen die weltverbessernden Theorien literarischer Hohlköpfe! Für den Dadaismus in Wort und Bild, für das dadaistische Geschehen in der Welt. Gegen dies Manifest sein, heißt Dadaist sein!

Tristan Tzara. Franz Jung. George Grosz. Marcel Janco. Richard Huelsenbeck. Gerhard Preiß. Raoul Hausmann. Walter Mehring.

Lüthy. Fréderic Glauser. Hugo Ball. Pierre Albert Birot. Maria d’Arezzo. Gino Cantarelli. Prampolini. R. van Rees. Madame van Rees. Hans Arp. G. Thäuber. Andrée Morosini. François Mombello-Pasquati.

Quelle:  Richard Huelsenbeck,  „Dadaistisches Manifest“ (1918), Dada Almanach, herausgegeben von Richard Huelsenbeck. Berlin: Erich Reiss, 1920, S. 35-41.  

Und auch wenn die Dada-Flamme in den 1920er-Jahren ausgebrannt erschien, anderes hatte sich an ihr entzündet und ist ohne sie nicht denkbar: Das „Narrenspiel aus dem Nichts, in das alle höheren Fragen verwickelt sind“ (Hugo Ball) hatte den Weg bereitet für Surrealismus,  abstrakte Dichtung, Pop-Art und viele andere Richtungen mehr. Denn Dada sagt im Grunde eines: Alles, was da ist, was vor allem in unserem menschlichen Hirn ist, ist da – Lautmalereien, Simultangedichte, Ausdruckstanz, der sich aus unseren Gebärden speist, abstrakte Malerei, alles, was ursprünglich ist, unverfälscht, ungekünstelt, direkt den Geistesblitzen unseres Hirns entsprungen ist da da da da da da … und will raus. So liest sich denn auch die spätere Aussage von Hans Arp:

„Dada ist für den Unsinn. Das bedeutet nicht Blödsinn. Dada ist unsinnig wie die Natur und das Leben. Dada ist für die Natur und gegen die Kunst.“

Hans Arp, Worte mit und ohne Anker, Limes, 1957

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LITERARISCHE ORTE: Zürich. Dada war da, bevor ich da war.

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Bilder: Birgit Böllinger

„Eine in meinem Lokal … verkehrende Gesellschaft junger Künstler und Literaten ist mir der Bitte an mich herangetreten, den meiner Weinstube angegliederten Saal … als Künstlerkneipe einzurichten. (…) Sie möchten in diesem Saale aus ihren eigenen Werken vorlesen, zur gegenseitigen Unterhaltung beitragende Vorträge veranstalten, kurz einen Treffpunkt des künstlerisch interessierten Publikums Zürichs einrichten. Es soll besonders jungen Künstlern Gelegenheit geboten sein, sich gegenseitig zu unterhalten, gegenseitig anzuregen, gegenseitig zu debattieren und ihre Erstlinge an die Öffentlichkeit zu bringen. Die Herren glauben, ein derartiges Lokal fehle in Zürich und sei notwendig als Gegengewicht gegen die immer zahlreicher auftretenden mondänen und offiziellen Cabarette.“

So annoncierte Jan Ephraim, Wirt der „Meierei“, der Züricher Polizei das Vorhaben eines gewissen Hugo Balls und seiner Freunde – auch weil die Lokalität nur für künstlerische Zwecke, spontane Vorträge ohne Erwerbsabsicht genutzt werden sollte, gab die Obrigkeit „grünes Licht.“ (Quelle: Trotz vieler lobenswerter Neuerscheinungen im Jubiläumsjahr ist für mich das Luchterhand-Taschenbuch „Dada in Zürich“ von Raimund Meyer, erschienen 1990, immer noch eines der besten Werke über Ball & Co.) Das „Cabaret Voltaire“ war geboren und startete im Februar 1916: Einige durch den Weltkrieg versprengte junge Leute aus allen Herren Ländern, zufällig in Zürich gestrandet, kreativ, anarchistisch, idealistisch, avantgardistisch. Leben wollten sie – vor allem auch gegen den Strich, gegen das Bürgerliche.

 

Jetzt-Zeit: Zürich feierte 2016 100 Jahre Dada.
„Heute, nach über zehn Jahren Betrieb des neuen Cabaret Voltaire und einer Volksabstimmung, freut sich Zürich über das runde Dada-Jubiläum. Zürich feiert dieses Jubiläum aus einer kulturhistorischen Verantwortung.“: So steht es im „Dadaphone“ der „Dada-Swatch-Ausgabe“ zu lesen. Da lacht mein eines, weint mein anderes Auge – das wäre vielleicht eine Vorlage für eine der Köpfe Sophie Taeubers, für ein Bild von Man Ray. Denn auch Dada macht vor der Kommerzialisierung nicht halt – im Shop des Cabaret Voltaire kann der geneigte Kulturtourist Dada-Seife (1906 liess die Züricher Seifenfabrik Bergmann & Co. die Marke „Dada“ schützen, die Seife gab es also, nicht sicher ist, ob dies auch die Namensgebung der Kunstrichtung inspirierte) erstehen, Dada-Flaschen und was das Herz sonst noch so begehrt.

2016_Zürich (74)Die Ausstellung im Landesmuseum präsentierte seltene Objekte in beinah sakraler Stimmung: Beleuchtete Säulenkästen im tiefschwarzen Raum. Sehenswert ja, auch in der Verknüpfung der verschiedenen Kunstrichtungen, die Dada umfasste – Tanz, Fotografie, Literatur, Musik, Bildende Kunst – und beeinflusste. Doch in der beinahe ikonographischen, musealen Präsentation verliert Dada, das Bunte, das Wilde auch einen Teil seines Charmes, seines Sinns. Am faszinierendsten für mich und lebendiger Dadaismus waren die Wandmalereien und Sprüche im Ausstellungsraum – junge Besucher können hier ihr Dada hinterlassen.

Aber auch wenn sich diese Kunstrichtung in kein Korsett sperren lässt, damals wie heute Ketten und Definitionen sprengt und trotz mancher Kommerzialisierung – andererseits ist es gut, dass an Dada erinnert wird, dass Künstler wie Tristan Tzara, Emmy Hennings, Christian Schad, Sophie Taeuber-Arp nicht in Vergessenheit geraten – so vielseitig, so lebendig, so innovativ wie sie waren, beeinflussen sie mit ihren Entwürfen und Gestaltungen unseren Alltag noch bis heute. Ohne dass uns dieses bewusst ist. Dada lebt.

Zum virtuellen DADA-Museum: http://www.dada-data.net/de/hub
Und zum Jubiläumsprogramm: http://www.dada100zuerich2016.ch/

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Kurt Schwitters: „Auguste Bolte (eine Doktorarbeit*)“

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Bild von Federlos auf Pixabay

„Das Leben war eine strenge Schule. Nur gescheitelte Leute können das Leben leben. Das Leben ist eine hohe Schule. Gewissermaßen Hochschule.“

Kurt Schwitters, „Auguste Bolte (eine Doktorarbeit*)“, 1923

*) mit Fußnoten

Kurt Schwitters wußte: Wer denen hinterherläuft, die in ein- und diesselbe Richtung marschieren, der geht in die Irre.

Armer Kurt Schwitters. Den Dadaisten in Zürich und Berlin war er zu bürgerlich und brav. Seine selbstironisierende Haltung und Persiflage des zögerlichen Kleinbürgers nicht radikal genug. Der etablierten Literatur- und Kunstkritik blieb er jedoch ein Fremdkörper. Oft genug wurde sein Schaffen – das dem Dadaismus entsprang und das er fortan unter seinem eigenen (heute würde man so sagen) „Label“ Merz verfolgte – mit Hohngelächter überzogen. Dennoch – offenbar ein Hannoveraner Dickschädel – machte er unbeirrt weiter.

Volker Hage schrieb 1987 in der „Zeit“ über „Anna Blumes Vater“ zu dessen 100. Geburtstag:

„Er, ein deutscher Schriftsteller, der auch Maler war, hätte sich solche Ehren zu Lebzeiten wohl kaum vorstellen können, er, der einsam und oft genug unter Hohngelächter der anderen seine Kunst vorantrieb, er, den nicht einmal die munteren Dadaisten ganz zu den Ihren zählen wollten. Seine Bilder und Collagen besitzen mittlerweile einen guten Ruf und hohen Marktwert. Doch hat er vor allem als wilder Poet Bahnbrechendes geleistet. Wird Kurt Schwitters nun zur Wiederkehr seines hundertsten Geburtstages als Klassiker der experimentellen Literatur endlich anerkannt?“

Inzwischen, nochmals rund 30 Jahre später, ist wohl auch der Poet Schwitters zu Ehren gekommen. Hoffe ich zumindest. Weil, der Schwitters, er ist eben gar nicht beige: Ein schöner Blogbeitrag über Schwitters fand sich dazu erst kürzlich bei Sonja vom „Drittgedanken“.

Die meisten kennen die „Anna Blume“. Auch seine zweite Frauenfigur, die „Auguste Bolte“ ist uns vertraut – aus jener ironischen Doktorarbeit mit Fußnoten, die Schwitters 1923 veröffentlichte. Sie gehört zu Werkgruppe der „Tran-Texte“ (ja, von „Lebertran“ herkommend), sie „sind als persönliche Abrechnung gehalten, es sind literarische Wutableiter, Satisfaktionsversuche vor Publikum für ebenfalls vor Publikum erlittene Kränkung“, so Christian Demand in seinem Nachwort zur Neuausgabe von „Auguste Bolte“, die 2013 beim Arche Verlag erschien.

Kurt Schwitters wurde sowohl für seine Bildende Kunst als auch die Texte auf das Heftigste angegriffen. So schrieb beispielsweise der Kulturjournalist Franz Servaes 1920 im Berliner Lokal-Anzeiger: „Aus irgendeinem Grund bezeichnet er seine Exkremente als Merzbilder. Er scheint Lumpensammler zu sein und hat, was er auf der Straße aufgelesen hat, (…) auf Bretter und Pappe aufgeklebt (…).“ Die „Stumpfsimpeleien“ würden auch noch etikettiert und „als allerneueste Kunst zu Marke gebracht“, echauffiert sich der Kritiker.

Kurt Schwitters, aus dessen Texten Wärme, Humor und Menschenfreundlichkeit sprechen, war zwar offensichtlich von solchen Anwürfen und Angriffen getroffen, konnte jedoch nicht in gleicher Weise reagieren. Zudem erwartete er sich wohl auch nicht, andere überzeugen zu können:

„Ich bin teils froh, dass ich an Diskussionen nicht teilzunehmen brauche. Was kommt dabei schon heraus? Alles stimmt, aber auch das Gegenteil. Deshalb und desganz gebe ich jedem recht, um ihm die Möglichkeit zu Diskussionen wegzunehmen.“

Er griff stattdessen zur Waffe der Ironie. Und darüber kann man heute als Leser nur allzu froh und dankbar und munter sein: Denn mit seinen ironischen Repliken an seine Kritiker, geschrieben ganz in Merz-Manier, hat uns Schwitters einige der lebendigsten und auch heitersten Texte zum Verhältnis von Kunst und Kritik hinterlassen.

Da sind wir nun also beim Tran Nr. 30 – jene skurrile Geschichte um Auguste Bolte, die zwar ein wenig verspult, aber so gar keine Trantüte ist. Gewidmet hat der Schwitters die Auguste Bolte:

  1. AUGUSTE
  2. Der Kunstkritik
  3. Der Fakultät Leb.
  4. Allen meinen lieben Freunden.

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Einleitung:

Der Autor hat ein merkwürdiges Sinnbild für die brave Kunstkkritik geschaffen. Es ist eine getreue Nachbildung aus den Kritiken in Tageszeitungen. Die Tagespresse über Kunst, sogenannte Tageskunstpresse, hat ein Kinderkleidchen an. Keusch und züchtig hat sie ein Schürzchen vorgebunden, mit Stickereibesatz, nicht zu verwechseln mit Stänkereibeschmutz. Womit soll sie also gehen? Auf die Hände. Aber die sind sozusagen inklusive Arme auch ausverkauft. Womit soll sie also zupacken? Mit dem Kopfe. Aber der Kopf ist weiter nichts als ein Kleiderhaken. Daran hängt nun die Tageskunstpresse mit Stickereibesatz. Womit soll sie also denken? Zu diesem Zweck hat ihr der Autor einen Ersatzreservekopf beigegeben, wie man solche bei den Büsten altägyptischer Könige in deren Grabkammern in den Pyramiden findet. *

Der Kopf hat den charakteristischen, eigentümlich bellenden Ausdruck der Kunstkritiker, Brille auf der Nase und ein Kopftuch an Stelle des fehlenden Verstandes. Die Nase ist rot. Wer Sorgen hat, braucht auch Likör.

Wieso dieses aber eine Einleitung wäre? Mein Herr, zunächst gilt es die Kritik zu bestechen, damit sie meinem Buche recht gute Zensuren schreibt. Wer gut schmiert, der gut fährt.
Kurt Schwitters

*siehe Peliareusmuseum, Hildesheim

Und dann tritt Frl. Auguste Bolte auf, steht ihren Mann, und die Kunstkritik ist im folgenden Text vergessen – jede Ordnung aber auf den Kopf gestellt. Die Geschichte, sie geht so:

AUGUSTE BOLTE2 sah etwa 10 Menschen auf der Straße, die in einer und derselben Richtung geradeaus vorwärts gingen. Das kam Auguste Bolte verdächtig, ja sogar sehr verdächtig vor. 10 Menschen gingen in einer und derselben Rich­tung, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10. Da mußte etwas los sein. Denn sonst würden nicht ausgerechnet 1, 2, 3, 4, 5,6, 7, 8, 9,10 Menschen in genau einer und derselben Richtung gehen. Wenn nämlich nichts los ist, so gehen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen nicht in der ausgerechnet selben Richtung, sondern dann gehen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen in 1, 2, 3,4, 5, 6, 7, 8, 9,10 verschiedenen Richtungen. Das ist einmal sicher, und Fräulein Auguste Bolte war immer ein gescheites Mädchen gewesen, schon in der Schule. Wenn aber was los ist, so gehen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen in der Regel in einer und derselben Richtung, und nicht in 1, 2, 3, 4, 5, 6 7 8,9, 10 verschiedene Richtungen. Wenn etwas los ist, können auch 10, 20, 30, 40, 50, 60, 70, 80, 90, 100 Menschen in einer und derselben Richtung ge­hen. Wenn etwas los ist, können sogar 100, 200, 300, 400, 500, 600, 700, 800, 900, 1000 Menschen in einer und derselben Richtung ge­hen. Das, und vieles andere, wußte Auguste. Z.B. wußte Auguste, daß sie sich auf wußte reimen mußte. Auguste zählte. Es waren tatsächlich 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Men­schen, die ausgerechnet in einer und derselben Richtung gingen. Warum ausgerechnet? Wer sollte sich erdreistet haben, diese 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen auszurechnen? Aber jemand mußte es getan haben, die Grenze ist nämlich 9. Denn bei 9 Menschen, d.h. wenn ausgerechnet 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 Menschen in einer und derselben Richtung gehen, kann zwar etwas los sein, braucht aber nicht unbedingt etwas los zu sein. Die Zahl 10 aber über­zeugt gewissermaßen restlos, d.h. wenn ausgerechnet 1, 2,3,4,5,6,7,8,9, 10 Menschen in ausgerechnet einer und derselben Richtung gehen, so muß gewis­sermaßen ausgerechnet etwas los sein. Aber was?

Tja, was? Das beantwortet nur die Fakultät Lesen – Auguste Bolte, soviel sei gesagt, will eine Mit- und Nachläuferin sein und wird zur Irrläuferin. So kann es gehen, wenn man der Tageskunstpresse allzu brav folgt.

Zur Verlagsseite geht es hier.

Und hier zur Schwitters-Stiftung, der 1,2,3,4,5,6,7,8,9,10 und mehr Menschen folgen.

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Hugo Ball: Zinnoberzack, Zeter und Mordio

Ein literarisches Manifest

Es soll der Presse und dem Publikum durch unser Auftreten gezeigt werden, daß es Persönlichkeiten gibt, die die Sache der „jüngsten“ Literatur auch im Kriege weiterführen. Diese jüngste Literatur hat eine ganz bewußte Tendenz. Diese Tendenz: Expressionismus, Buntheit, Abenteuerlichkeit, Futurismus, Aktivität, Dummheit (gegen die Intellektualität, gegen die Bebuquins, gegen die gänzlich Arroganten). Wir wollen: Aufreizen, umwerfen, bluffen, triezen, zu Tode kitzeln, wirr, ohne Zusammenhang, Draufgänger und Negationisten sein. Unsere Sache ist die Sache der Intensität, der Nüstern, der Askese, des methodischen Fanatismus, der Flaggen und Konspirationen. Wir werden immer „gegen“ sein. Wir werden die geistige Führerschaft an uns nehmen. Wir werden zu Felde ziehen gegen die Gehirnwesen, Geistlinge, Systemlinge. Gegen die Aktionierer und lyrische Tenöre. Gegen die „Programmatiker“ und Sektenbildner. Wir ergreifen die Partei der Bilderstürmer und jeglicher Radikalisten. Wir propagieren den Stoffwechsel, den Saltomortale, den Vampyrismus und alle Art Mimik. Wir sind nicht naiv genug, an den Fortschritt zu glauben. Wir haben es nur mit dem „Heute“ zu tun. Wir wollen sein: Mystiker des Details, Bohrlinge und Hellseher, Antikonzeptionisten und Literaturstänker. Wir wollen den Appetit verderben an aller Schönheit, Kultur, Poesie, an allem Geist, Geschmack, Sozialismus, Altruismus und Synonymismus. Wir gehen los gegen alle „ismen“ Parteien und „Anschauungen“. Negationisten wollen wir sein.

Hugo Ball. Richard Huelsenbeck.

(Dieses Programm ist gegen Einsendung von 30 Pfg. bei Hugo Ball und Richard Huelsenbeck, Uhlandstraße 31, zu beziehen.)

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DADA ist nicht jedermanns Sache. DADA wird oftmals als Episode der Literatur- und Kunstgeschichte belächelt. DADA nur mit lautmalerischen Experimenten und Spielereien gleichgesetzt. DADA eine Angelegenheit von einigen verschrobenen Morphinisten und abseitigen Theaterleuten Anfang des vergangenen Jahrhunderts.
Man könnte aber auch sagen: DADA war die Keimzelle späterer Kunstformen. DADA war das Samenkorn für Rock`n`Roll, Rap, Hip-Hop. Für Performance Kunst. Für Merz, Fluxus und Pop Art. Alles ist DADA. Manchmal sogar Werbung. Sind wir nicht alle ein bißchen DADA?
Die Dadaisten waren die europäischen Beatniks. Junge Künstler, die sich vom etablierten Kunstbetrieb abwandten. Doch nicht nur davon – die Erfahrung des 1. Weltkriegs, der Hurra-Patriotismus, die Kriegsbegeisterung einiger ihrer Künstlerkollegen, alle Erfahrungen erschüttert, den Glauben an die bestehende Ordnung verloren, das Überwinden-Wollen des Althergebrachten sowohl in der Kunst als auch in der Politik, all dies trug zum Entstehen von DADA bei.
Und das Grenzensprengende, auch das Überwinden der sprachlichen Grenzen, die Lust am beinahe kindlichen Spiel und die Anarchie – die durften sich hier austoben. Damit wurde der Dadaismus zum Ausgangspunkt einer neuen künstlerischen Freiheit, die bis heute anhält.

Untrennbar damit verbunden ein Name: Hugo Ball.
Im Wallstein Verlag wurde in den vergangenen Jahren eine mehrbändige Werkausgabe von der Hugo-Ball-Gesellschaft herausgegeben. Darunter auch „Zinnoberzack, Zeter und Mordio“, ein Buch, in dem erstmals die ansonsten nur verstreut publizierten DADA-Texte Balls gesammelt erschienen sind. Obwohl der Name von Hugo Ball als DADA-Gründer untrennbar mit dieser literarischen Strömung verbunden ist, währte sein eigentliches Engagement dafür nur wenige Monate. 1915 erschien das oben zitierte Manifest, 1916 erfolgte die Gründung des „Cabaret Voltaire“ in Zürich – der Pazifist Hugo Ball war in die Schweiz emigriert -, 1917 beteiligte er sich noch einige wenige Wochen an der „Galerie Dada“.
Doch trotz dieser kurzen Zeitspanne, in der Ball Texte für das Cabaret Voltaire und einige Publikationen schrieb, überrascht das DADA-Werk Balls durch die Bandbreite literarischer Formen. Das Buch zeigt eindrücklich, dass DADA eben weit mehr war als nur die lautmalerische Lyrik, die heute vor allem damit verbunden ist. So sind neben den Manifesten selbstverständlich auch die Gedichte – Zug der Elefanten, Wolken, Der Dorfdadaist, um nur einige zu nennen – enthalten, aber auch das „bruitistische“ Krippenspiel, der Roman „Tenderenda, der Phantast“ sowie Auszüge aus dem Tagebuch „Die Flucht aus der Zeit“, die sich auf jene Monate in Zürich beziehen.

Zwar blieb Hugo Ball (hier der Lebenslauf auf den Seiten der Hugo-Ball-Gesellschaft) dem Dadaismus verbunden, widmete sich jedoch persönlich und literarisch nach seinem Ausstieg aus den Züricher Aktivitäten anderen Themen. Eckhard Faul, Herausgeber des Dada-Bandes bei Wallstein, schreibt:

„Seine Abkehr von Dada verleiht Ball eine Aura der Unbestechlichkeit. Das hebt ihn ebenso von den anderen Dadaisten ab wie seine Stellung als Gründer und erster Theoretiker einer Kunstbewegung, die er selbst nur als Laune begreifen wollte.  Während vor allem Tzara schon früh versuchte, mit Dada künstlerisch zu reüssieren, stand für Ball stets das kindliche, absichtslose Element im Vordergrund. Er setzte die `Kindheit als eine neue Welt, und alles kindlich Phantastische, alles kindlich Direkte, kindlich Figürliche gegen die Senilitäten, gegen die Welt der Erwachsenen.´“

Kurzum – für Hugo Ball galt:

Dada ist die Weltseele,
Dada ist der Clou,
Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt.

 

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