Cormac McCarthy: Ein Kind Gottes

p1060754

Bild: (c) Michael Flötotto

Mein Einstieg in den harten, düsteren Kosmos des Cormac McCarthy begann, wie vielleicht bei vielen anderen deutschen Lesern auch, mit einem Film: „No Country for Old Men“, natürlich geprägt durch die Handschrift der Coen-Brüder, nachhaltig in Erinnerung durch Javier Bardem in der Rolle des Killers Chigurh. Die wohl seltsamste Frisur eines Serienmörders in der Filmgeschichte. Die Frisur symbolisiert den Unterschied zwischen Film und Buch. Denn natürlich birgt der Film manche ironische Brechung, typisch für die Coens, aber atypisch für McCarthy. Dem ist es todernst mit seinen Aussagen. In dessen Büchern stößt man auf keine Ironie, keinen Witz. Was das Menschliche anbelangt, sind sie von einer harten, nackten, nüchternen Sprache. Sie eröffnen den Blick in eine grausame, menschenfeindliche Welt. Und überraschen mit einer eigenen poetischen Sprache.
Über das Kino also lernte ich diesen Autoren kennen, dessen Romane mittlerweile fast alle in deutscher Übersetzung vorliegen. Nun auch sein dritter Roman, 1974 unter dem Titel „Child of God“ herausgekommen, jetzt in der deutschen Übertragung von Nikolaus Stingl.

„Ein Kind Gottes“. Auch Lester Ballard ist ein Kind Gottes, wenn man darunter das Menschsein an sich begreift. Auch wenn er, der schon ganz unten ist, noch weiter herabkommt, unmenschlich erscheint, Unmenschliches tut. Er ist und bleibt ein Kind Gottes, soll wohl auch bedeuten, nichts Menschliches ist uns fremd oder in der Umkehrung, dass alles mögliche, auch das Schlimmste, menschenmöglich ist.

Der schmale Roman beginnt mit der Versteigerung eines Hauses. Ballard, zuvor schon ein Einzelgänger, verliert damit wahrhaftig den Grund und Boden unter den Füßen, zieht sich immer mehr in die Einsamkeit zurück, mutiert zum Höhlenbewohner: Und das in den USA der 60erJahre. Als Ballard eines Tages ein totes Liebespaar in der Ödnis findet, scheint es, als verabschiede er sich dadurch gänzlich aus der menschlichen Gemeinschaft. Der Außenseiter nimmt die weibliche Leiche mit, staffiert sie aus, sie wird, auf Zeit, zu seiner Lebensgefährtin. Eine Metapher für die grenzenlose Einsamkeit dieses Mannes und für seine Unfähigkeit zur Mitteilung, zur Kommunikation, zur Anpassung. Ein tödlicher Kreislauf nimmt mit dieser ersten Leiche seinen Anfang.

Es braucht starke Nerven, um dieses Buch zu lesen, das so offensichtlich nüchtern, fast schon empathielos von menschlicher Grausamkeit erzählt. Dennoch ist das kein Trash, keine Splatterliteratur. Die Bücher von McCarthy bergen etwas Alttestamentarisches in sich. Man werfe einen Blick in die Bibel und stößt auf eine ganze Bandbreit von Gewalttaten. „Ein Kind Gottes“ muss nicht nach Verantwortung und Schuld fragen, das erklärt sich aus dem Buch selbst. Wie aus den anderen Romanen McCarthys auch: Die Veranlagung zur Gewalt, zum Bösen, zum Dunklen liegt in jedem Menschen begraben. „Schuld“ allerdings liegt nicht nur im Handeln des Einzelnen, zudem ist der „Held“ des Romans intellektuell und moralisch kaum auf der Höhe, seine Handlungen zu bewerten und zu ermessen. „Schuld“, das zeigt auch dieses Buch des Amerikaners, ist ebenso sehr eine Gesellschaft, die erntet, was sie aussät. Es gibt kaum eine zynischere Bezeichnung für Menschen, die außerhalb der gesellschaftlichen Normen stehen bzw. die aus den Rastern der Leistungsgesellschaft gefallen sind, als die vom „white trash“, „weißer Müll“ – als seien sie, die Ausgestoßenen, keine Kinder Gottes mehr.
Wenn auch seine Romane – so die Border Trilogie – oft in der Einsamkeit des amerikanischen Westens spielen und aus der Zeit herausgefallen wirken: Cormac McCarthy autopsiert den Zustand einer niedergehenden Gesellschaft. Dazu passen die Bilder von Seph Lawless, die heute beim Bloggerkollegen Gerhard Emmer zu sehen sind, auch wenn sie ein anderes Phänomen amerikanischen Niedergangs zeigen.

Cormac McCarthys Welt – manchmal beinahe unerträglich gnadenlos, unerbittlich, von klirrender Kälte, aber auch von großer Schönheit in der Sprache:

„Ballard, ein kleines Wesen, das mit dem Gewehr in den Armen brütend dort hockte, beobachtete sie vom Bergsattel aus. Es regnete seit drei Tagen. Der Bach weit unter ihm über die Ufer getreten, die Felder überflutet, mit Winterkraut und Futtergewächsen gefleckte, stehende Wasserflächen.“

„Die Hunde querten als dünne, dunkle Linie den Schnee auf dem Hang des Höhenrückens. Weit unter ihnen lief der Eber, den sie verfolgten, mit seinem merkwürdig steifbeinigen Schritt dahin, hochrückig und tiefschwarz vor der Winterlandschaft. Das Geläute der Hunde hallte in dieser riesigen fahlblauen Leere wider wie die Rufe dämonischer Jodler.“

„Ein Wald, alt und tief. Dereinst hatte es auf der Welt Wälder gegeben, die niemanden gehörten, und dieser glich ihnen. Auf dem Hang kam er an einem vom Wind gefällten Tulpenbaum vorbei, der im Griff seiner Wurzeln zwei feldkarrengroße Steinbrocken hochhielt, gewaltige Tafeln, auf denen mit Kameen urzeitlicher Muscheln und im Kalk geätzten Fischen nur eine Geschichte von verschwundenen Meeren geschrieben stand.“

Charles Portis: True Grit

saddle-2342028_1920-1024x613

Bild von cmmckeehen auf Pixabay

„Heutzutage glaubt kein Mensch mehr, dass ein vierzehnjähriges Mädchen mitten im Winter sein Elternhaus verlassen könnte, um den Mord an seinem Vater zu rächen; aber damals erschien einem das nicht so seltsam – wenn ich auch sagen muss, dass es sicher nicht alle Tage vorkommt.“

Charles Portis, „True Grit“, erstmals erschienen 1968, rororo-Taschenbuch 2010.

Jeder Mann, der einen Liebesroman geschrieben hat, muss anschließend etwas Ordentliches tun, meint Alex Capus. Nämlich einen Western schreiben.

Ab und an muss man dann auch als Leser(in) etwas Ordentliches tun. Nämlich einen Western lesen. Als Kind habe ich – wie viele Kinder auch – diese Geschichten geliebt. In eine chaotische Welt brachten sie Gesetz und Ordnung. Wichtiger aber war vor allem: Man wusste einfach, wo man dran war, mit den Menschen. Ein Mann, ein Wort, ein Colt, ein Tomahawk. Der Wunsch nach Eindeutigkeit verliert sich mit den Jahren. Helden stürzen von ihrem Sockel. Die Bedürfnisse sind nicht mehr naiv, von Geschichten wird nicht mehr die Erfüllung dieser Bedürfnisse erwartet.

Mit Ecken und Kanten

Doch, siehe da: Auch der Western ist erwachsen geworden. Aufgefallen ist mir dies zunächst über das Kino – Lone Ranger, Django Unchained, The Good, The Bad, The Weird, Die Ermordung des Jesse James: Man spricht von einer Wildwest-Renaissance. Mit den stereotypen Klischees wird nebenbei gründlich aufgeräumt – der tapfere Held, der edle Wilde, der zynische Kopfgeldjäger, deren Zeiten sind vorbei. Helden haben Ecken und Kanten. Oder sind 14 Jahre alt und ein Mädchen.

Der Roman „True Grit“, veröffentlicht 1968, bereits 1969 unter dem Titel „Die mutige Mattie“ in deutscher Übersetzung erschienen, erzählt die Geschichte dieses Mädchen, das mit einem versoffenen Marshall und einem trottelig erscheinenden Texas-Ranger auszieht, den Mörder seines Vaters zu finden. Niemand ist in diesem Roman so, wie er nach gängigen Konventionen sein sollte, und auch die „Gerechtigkeit“ ist nicht mehr das, was sie einmal war: Mattie erreicht ihr Ziel, verliert dabei jedoch einen Arm und jede Menge Illusionen. Nur glaubensfest, das bleibt die redegewandte, altkluge, manchmal äußerst nervige Göre bis ins hohe Alter.

Verfilmung durch die Coen-Brüder

Mattie hat echten Schneid (true grit). Die trockene, lakonische Ausdrucksweise, schwarzer Humor und herrliche Dialoge – ein Lesegenuss für einen literarischen nachmittäglichen Rachefeldzug. Bereits 1969 wurde das Buch, das zunächst in der Saturday Evening Post erschien, mit John Wayne verfilmt. Für seine Rolle als „The Marshall“ erhielt er dann endlich den ersehnten Oscar. Zur Abrundung der Lektüre ist jedoch die 2010-er Verfilmung der Coen-Brüder eher zu empfehlen. Jeff Bridges einmal mehr in einem Coen-Film – den verlotterten Marshall gibt er ebenso lässig-verspult wie seinerzeit den großen Lebowski. Für die Coens war dies erst die zweite Literaturverfilmung nach „No country for old men“, der 2007 ins Kino kam. Auch dieser Film eine hervorragende Adaption des Romans von Cormac McCarthy – auch ein Autor, der den neuen, den anderen wilden Western schreibt.

Star des Buchs, Star des Films ist jedoch die redselige, halsstarrige Mattie, Sturkopf bis zur letzten Seite, Jahre später nach dem Geschehen:

„Ich hätte mich nicht sonderlich anstrengen müssen, um mich zu verheiraten. Es geht aber keinen Menschen etwas an, ob ich geheiratet habe oder nicht. Ich kümmere mich nicht um das Gerede. Wenn ich wollte, könnte ich einen alten Pavian heiraten – und ihn zum Kassierer machen! Ich hatte ganz einfach nie Zeit für solche Spielereien. Eine Frau, die Grips im Kopf hat und kein Blatt vor den Mund nimmt, ist da vielleicht ein bisschen im Nachteil; besonders wenn sie einen Ärmel hochgesteckt trägt und eine kranke Mutter zu versorgen hat.“