Yrsa Daley-Ward: Alles, was passiert ist

„Du und das, was du bist, ihr habt viele Namen. Wo auch immer du dich befindest, ALLES WAS PASSIERT IST holt dich ein, auch in Südafrika holt DAS SCHRECKLICHE DING dich ein. Wo auch immer du bist, was auch immer ES ist, das SCHRECKLICHE DING will dich zu fassen kriegen.“

Yrsa Daley-Ward, „Alles, was passiert ist“, Blumenbar Verlag, 2019.

Selbst als Yrsa Daley-Ward sich aus dem Kreislauf von Party, Prostitution und Drogen befreit, von London nach Südafrika geht, dort Karriere als Model macht und ihre ersten Gedichte veröffentlicht, selbst als ihr Leben ruhiger, erfolgreicher, sonniger zu werden scheint, selbst dann ist das da. DAS SCHRECKLICHE DING oder „The Terrible“ (2018), wie der nun aktuell in deutscher Übersetzung erschienene Roman in der Originalfassung betitelt ist.

Das schreckliche Ding „vergiftet dich fast mit dem vielen Alkohol, den es braucht, um zu überleben“, es zwingt „deine Schultern in einen Schraubstock“, sitzt „mit verschränkten Armen in einer Ecke des Zimmers“.

„Kann einfach nicht anders. Kann nicht allein sein.
Ist so ein einsames Ding.
Das Ding muss fressen, es setzt sich an den Tisch und frisst ein ganzes Leben und steht wieder auf.“

Die Depression ist das Ding

Das Ding – direkt ausgesprochen wird es nicht, aber es ist offensichtlich – das sind Depressionen, die die junge Frau ab ihrer Kindheit und wohl auch ihr weiteres Leben lang begleiten. „Alles, was passiert ist“, ist ein autobiographischer Roman der 30-jährigen Poetin, die darin von ihrer Kindheit in Nordengland, von drogen- und alkoholumnebelten Jahren in Manchester und London bis hin zu einem Neuanfang in Südafrika erzählt. Wobei der Begriff „Roman“ zu eng gefasst ist: Obwohl chronologisch erzählt, wechselt der Erzählstil jedoch von Kurzkapitel zu Kurzkapitel, mal lyrisch in Gedichtform, mal kurze Vignetten in realistischer Erzählweise, mal knappe Dialoge, mal kurze Szenen wie diese:

13,0

Irgendwann
pfeifen dir zwei Bauarbeiter hinterher.
„Hey, Sexy!“
„Na, du Hübsche!“
Du hast so was
noch nie gefühlt,
so ein Kribbeln, so ein Leuchten.
Macht und Angst.

Das Buch setzt ein in der Kindheit von Yrsa Daley-Ward, Kind einer jamaikanischen Mutter und eines nigerianischen Vaters, den sie jedoch nie kennenlernt. Sie und ihr jüngerer Bruder „Little Roo“, dem das Buch auch gewidmet ist, wachsen auf in Nordengland. Zunächst bei der Mutter, eine Schönheit, die die Kinder verehren, das Tänzerische, Leichte, Lebenshungrige an ihr, das aber auch immer wieder die falschen Männer anzieht. Als Yrsa sich schon früh entwickelt, entscheidet die Mutter Marcia, die Kinder zu den Großeltern zu bringen – auch weil sie ihrem jähzornigen Partner Linford misstraut. Die Welt der Großeltern, eine Gegenwelt: Strenggläubige Adventisten, die die Kinder lieben, ihnen jedoch auch jede Freiheit nehmen. Zwischen diesen beiden Welten gefangen – zwischen liebevoller Vernachlässigung und liebevoller Überfürsorge – erkennt Yrsa, dass ihr Aussehen ihr zum Ausbruch verhelfen kann:

„Ich kann nur noch denken:
Schönheit macht alles erträglich.

Auch das eine Täuschung: Ihre Fluchtversuche, Beziehungen zu älteren Männern, scheitern, sie dämpft ihre Ängste mit Alkohol und Drogen, rutscht, fern von der Familie, allmählich in die Prostitution. Wie sie ihren Weg herausfindet daraus wieder herausfindet und wie unzertrennbar denn doch die Familienband und Geschwisterbeziehungen sind – mit ihrem Bruder sieht sie am Ende das „Einhorn“, jenes Symbol, das schon in der Kindheit der beiden für eine andere, bessere, rettende Dimension steht, „wenn die Welt undurchschaubar und ungewiss wurde, wenn es nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien, bis etwas Schreckliches passieren würde“ – dies erzählt sie eindrücklich in diesem Roman, der mit Sprache und Stil gelungen spielt.

„The Terrible“ endet dort, wo das Leben der Schriftstellerin Yrsa Daley-Ward beginnt: In Südafrika beginnt sie mit spoken-word poetry. Ihr 2014 im Selbstverlag veröffentlichter Gedichtband „Bone“ wird ein Sensationserfolg, verkauft sich über 20.000 Mal, auch weil sie inzwischen mit ihren Gedichten auf Instagram eine riesige Anzahl von Fans gewonnen hat.

Nicht ohne Grund. Yrsa Daley-Ward erzählt von dem, was uns prägt: Von Glück und Schmerz.  Sie erzählt lyrisch, kraftvoll, eindrücklich über:

Alles was passiert ist, trage ich im Herzen.
Sogar die schrecklichen Dinge.

Und es sind wirklich schreckliche Dinge passiert.


Bibliographische Angaben:

 

Yrsa Daley-Ward
„Alles, was passiert ist“
Blumenbar, 2019
Aus dem Englischen von Gregor Runge
20,00 Euro, Gebunden mit ausklappbarem Vorsatz, 240 Seiten
ISBN 978-3-351-05067-2


Weitere Informationen:
Yrsa Daley-Ward bei Instragram
Homepage der Autorin
„The model who turned her pain in poetry“: Ein Portrait bei BBC

Weitere Leseempfehlung:
Wer diesen Roman mag, dem empfehle ich ebenso das starke Debüt „Süßwasser“ von Akwaeke Emezi.

Bild zum Download: Straßenschild Fegefeuer


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Robert Seethaler: Jetzt wirds ernst

„Magst du bumsen?“, fragte sie plötzlich und zeigte auf meine Badehose.
Das kam überraschend.  (…)
Ich zog meine Badehose aus und hängte sie an einem Ast in Blickhöhe. Eine Weile geschah nichts. Die Erde war kühl unterm Hintern. Im Hintergrund plätscherte das Stimmengewirr der Grillgäste und das blecherne Gedudel aus dem Rekorder.
Plötzlich fasste sie sich an den Hinterkopf, zog ihr gelbes Haarband vom Pferdeschwanz, beugte sich vorne, griff beherzt zu und band mir eine große Schleife um meinen Pimmel.
Ich war beeindruckt. Ich hatte das Schleifenbinden noch nicht gelernt, weder im Kindergarten noch zu Hause, sie hingegen brauchte nur ein paar Handgriffe und das Ding saß. Das kleine Luder hatte Erfahrung.

Robert Seethaler, „Jetzt wirds ernst“, Kein & Aber Verlag, 2010.

Mit einem gelben Haarband am besten Stück in der Hecke hocken, eine liebestolle Pubertiererin, die sich im eigenen Hintern verbeißt oder Hormonschübe beim Anblick chevrolet-farbener Zehennägel: Es ist für einen Jungen wahrlich nicht einfach, ein Mann zu werden. Zumal der junge Held in Robert Seethalers Roman mit mehreren Handicaps geschlagen ist: Sensibel, eigenbrötlerisch, leicht tolpatschig und unbeholfen. Der Weg zum Erwachsenwerden ist zudem mit harten Schlägen verbunden – dem Verlust der Mutter und die Erkenntnis, dass die heimlich Angebetete ausgerechnet dem best buddy zugeneigt ist.
Dabei ist jene Lotte (ja, Werther lässt grüßen) ausschlaggebend dafür, dass unser Held denn doch nicht im väterlichen Friseursalon in der Provinz endet, sondern auszieht, um Schauspieler zu werden. Zum Theater kommt er wie die Jungfrau zum Kinde – um Lotte nahe zu sein, meldet er sich für eine Schulaufführung von der „Möwe“. Einmal mit dem Theatervirus angesteckt, liest er sich durch die Weltliteratur und zieht schließlich aus, um die Bühnen der Welt zu erobern…

Mit „Jetzt wirds ernst“ hat Robert Seethaler bereits vor seinem großen Erfolg „Der Trafikant“ einen jungen Mann in den Mittelpunkt gestellt, der sich erst noch suchen und finden muss. Ein locker-fluffig zu lesender Roman, amüsant und voller skurriler Einfälle – da wird en passant ein Altenheim zertrümmert, eine Theateraufführung gesprengt und die Weltliteratur auf die Reihe gebracht:

Die Russen – eine einzige, deprimierende Hölle, aber auch zum Schreien komisch.
Die Amerikaner – genauso versoffen, liebeskrank und todeslustig wie die Russen.
Die Skandinavier- zittrige Seelen in der schneebedeckten Einöde.
Die Schweizer – akkurat, unbestechlich, etwas moralisierend.
Die Österreicher – durchgedreht, witzig, hasszerfressen.
Die Griechen – bei denen geht es richtig zur Sache.
Goethe – starker Dichter, doch vom Theater keine Ahnung
Schiller – alles sehr deutsch. Große Liebe. Große Helden. Großes Geschrei. Große Bürokratie.
Und dann kommt Shakespeare.

Mit Shakespeare wird es für den Nachwuchs-Theaterstar ernst – in der Begegnung mit dem Dramatiker kristallisiert sich das künftige Wohl und Wehe aus. Seethaler dagegen hat mit diesem Roman noch nicht so richtig ernst gemacht – er wirkt ein wenig wie die Vorübung auf den Trafikanten, leichter, natürlich auch mit weniger ernstem Hintergrund: Während der junge Held hier nur aus der Provinz entkommen muss, landet sein gleichalteriges Pendant im Trafikanten geradezu im „Reich des Bösen“, kommt im nationalsozialistischen Wien an und hat sich weitaus anderen Bewährungsproben zu stellen. Vieles, was den Trafikanten auszeichnet, ist jedoch in „Jetzt wirds ernst“ bereits zu finden: Die Mischung aus Skurrilität und Melancholie, Tag- und Nachtträumereien, die Einblick in das Innenleben der Helden geben, und eine große Wärme, mit denen Robert Seethaler seine Figuren umfängt.


Bild zum Download: Tonfiguren


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