Österreichische Melange mit Eva Menasse, Christoph Ransmayr und Lili Grün

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Bild: (c) Michael Flötotto

Die kluge Erzählerin: Eva Menasse

Über Jahre hinweg hat Eva Menasse skurrile Tiermeldungen aus Zeitungen und Zeitschriften gesammelt. Von Igeln, die in Eisbechern ersticken, von Schmetterlingen, die die Tränen von Krokodilen trinken und Raupen, die sich, wenn sie fressen, zum Opfer machen. Ihren acht Erzählungen im neu erschienenen Band „Tiere für Fortgeschrittene“ stellt sie je eine dieser Meldungen voran. Nicht immer wird der Zusammenhang zum Erzählten unmittelbar deutlich, doch die Grundaussage wird klar – mag die Natur auch noch so komplizierte Verhaltens- und Überlebensmuster im Tierreich vorgesehen haben, der Mensch schlägt sie alle. Mit einem glasklaren Blick schaut Eva Menasse quasi wie durch ein Mikroskop auf unsere Spezies. Die Protagonisten ihrer Erzählungen kommen alle aus dem Milieu der gut bis sehr gut situierten Mittelschicht, meist akademisch gebildet und kreativ tätig und überwiegend in Beziehungskrisen verfangen. Der geschiedene ältere Mann, der durch ein junges Paar in der Nachbarschaft über seine vergangene Beziehung zu reflektieren beginnt, der Regisseur, der zwischen vertrauter Ehe und Seitensprung pendelt, die Patchworkfamilien, in denen die Beziehungsgeflechte zwischen Vätern, Müttern und Kindern tatsächlich an einen Bienenstaat im Aufruhr erinnern.

Eva Menasse schaut wohlmeinend auf ihre Protagonisten, packt aber gerne auch den satirischen Stachel aus:
Micol, ein entzückend exaltiertes Wesen mit vielen Talenten, hatte es zu nicht mehr als einer wohlbestallten Ehe mit einem nach außen hin milden Mann gebracht. Sie war recht hübsch – wenn man den demonstrativ unfrisierten Typ mag – und blieb es tröstlich lange.“

Während der überwiegende Teil der Erzählungen ganz pointiert das Tier Mensch unter die Lupe nimmt und Eva Menasse dessen Verhalten in den verschiedenen Stadien seines Kreislaufes – von der Brutpflege, der Aufzucht, über das Flüggewerden, Balzverhalten bis hin zum Ende – unter natürlichen Bedingungen studiert, ist die längste (und für mich schwächste) Story „Schafe“ eine Versuchsanordnung. Sie handelt von der Gruppendynamik einiger Künstler, die in einer Art Kolonie zusammengepfercht sind. „Schafe“ zeigt zugleich die Stärke und die Schwäche des Buchs: Das geschilderte akademische großstädtische Mittelstands-Milieu ist ein Ausschnitt aus Gottes reicher Tierwelt, es gleicht auch ein wenig einer Nabelschau einer bestimmten Schicht, deren Probleme nicht jeden Leser interessieren dürfte. Wer darüber hinwegliest, wird jedoch wunderbar unterhalten: Eva Menasse zeichnet ein kluges, satirisch-charmantes Bild des merkwürdigen Verhaltens moderner Großstädter.

Verlagsangaben zum Buch:
http://www.kiwi-verlag.de/buch/tiere-fuer-fortgeschrittene/978-3-462-04791-2/

Der Doyen der österreichischen Literatur: Christoph Ransmayr

Treibt die Figuren Eva Menasses der Wunsch nach Zugehörigkeit an, so wird die Hauptfigur in Christoph Ransmayrs jüngstem Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“ von einem anderen allzu menschlichen Wunsch getrieben: Dem Wunsch nach Überwindung der Zeit, dem Wunsch nach Unsterblichkeit.

Der Uhrmacher Alister Cox, nur ganz ungefähr von Ransmayr einer tatsächlichen historischen Figur, dem Briten James Cox angelehnt, erleidet nach dem Tod seiner vergötterten Tochter eine fundamentale Sinnkrise. Selbst aus einfachen Verhältnissen stammend, hat er sich zum Automatenbauer der europäischen Königshäuser des 18. Jahrhunderts hochgearbeitet, spät erst geheiratet und ein Kind gezeugt. Dessen Tod zeigt dem kühl denkenden Ingenieur seine Grenzen auf: Nicht alles ist kontrollierbar, nicht alles kann gemessen werden. Ein Ruf an den fernen, unbekannten Hof des gottgleichen Kaisers von China kommt dem verzweifelten Mann daher gerade recht – eine Flucht ins Unbekannte. In Qiánlóng, dem Herrscher, der über Tod und Leben bestimmt, der den Lauf von Flüssen regulieren kann, Mauern errichtet, Städte gründet, andere vernichtet, trifft Cox im Grunde einen Gleichgestimmten, einem, der im selben Takt läuft, einer den der Wunsch nach Unsterblichkeit antreibt. Der Kaiser gibt Cox und seinen Mitarbeitern einen Auftrag, der nicht zu bewältigen scheint: Die Engländer sollen eine Uhr erschaffen, die die Ewigkeit misst.

„Er wollte weder Urteile noch Meinungen oder Expertisen zu einer Mechanik hören, die wie keine andere an seine Existenz rührte, schien diese Maschine doch mehr und mehr zum Zeichen und Symbol seines Daseins zu werden: Sie stand über den Zeiten der Sterblichen wie der Herr der zehntausend Jahre.“

In diesem Roman steckt so vieles, dass man ihn mehrmals lesen sollte und auch kann – nicht zuletzt auch deshalb, weil Ransmayrs hochpoetische, manchmal etwas altertümlich erscheinende Sprache für mich immer wieder ein Genuss ist. „Cox oder Der Lauf der Zeit“ erzählt von der Macht und den Grenzen der Kunst, erzählt von den Allmachtsphantasien, die Künstler und Kaiser gleichermaßen hegen, erzählt von den Grenzen, die auch wir Menschen, und seien wir noch so kreativ oder technisch begabt, nicht überwinden können. Zugleich ist greift auch dieser im historischen Setting angesiedelte Roman eines der durchgängigen Themen Ransmayrs auf: Die Reise als Weg der Läuterung, der Selbstfindung. Und das Buch beinhaltet einen kleinen Trost – wenn auch die Zeit nicht alle Wunden zu heilen vermag, sie kann sie immerhin lindern.

Verlagsangaben zum Buch:
http://www.fischerverlage.de/buch/cox/9783100829511

Eine wiederentdeckte Stimme aus Wien: Lili Grün

Spielten die ersten beiden Romane „Alles ist Jazz“ und „Zum Theater!“ in Berlin und im Theater-Milieu, so griff die Wiener Autorin Lili Grün 1936 auf ein Milieu zurück, das sie aus ihren Jugendjahren gut kannte. Ihr wohl letzter Roman „Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit…“ ist im Wien der Jahre nach dem 1. Weltkrieg angesiedelt. Die junge Susi Urban, eigentlich das etwas wilde und behütete Nesthäckchen einer Kaufmannsfamilie, muss den wirtschaftlichen und sozialen Abstieg der ihren miterleben: Der Vater fällt im Krieg, der größere Bruder gerät aus der Bahn, der Laden wird verkauft, und es beginnt für sie, die ältere, zickige Schwester und die hilflose Mutter ein täglicher Kampf um das Notwendigste. Ohne fundierte Ausbildung schlägt sich Susi mehr oder weniger tapfer durch verschiedene Stellungen, träumt im Kino von der großen Liebe, macht Erfahrungen mit schmierigen verheirateten Männern und oberflächlichen Studenten und erlangt am Ende eine klein-große Einsicht: Sie muss ihren eigenen Weg gehen.

„Wir sehen ihr noch lange, lange nach, der kleinen Susi Urban, die hier mit der roten Straßenbahn davonfährt, um in das ernste, gefahrvolle Leben zu kommen, das Leben einer alleinstehenden, arbeitenden Frau. Wenn sie tüchtig ist, wird sie das Glück finden. Nicht das ganz große Glück, vielleicht nur ein bescheidenes, kleines, auf das jeder Mensch im Leben Anspruch hat.“

Nach ihrer Wiederentdeckung mit den beiden oben genannten Romanen und dem Band „Mädchenhimmel!“ wurde Lili Grün oftmals mit Irmgard Keun und Mascha Kaléko verglichen – der nüchterne, oft kokett-freche Ton, die Thematik der „Neuen Frau“ in der Weimarer Republik, die Schilderungen einer Welt zwischen Büroalltag und Nachtleben, zwischen Emanzipation und dem Traum vom großen Glück, der Sound der neuen Sachlichkeit. Mit ihrem letzten Buch, das zu ihren Lebzeiten „nur“ als Fortsetzungsroman im „Wiener Tag“ erscheinen konnte, schlug Lili Grün nochmals einen neuen Ton an – der Roman ist „wienerischer“ in der Sprache, das Milieu ist nicht das der Künstlerszene, sondern handelt von „einfachen“ Leuten, vor allem aber wird das Bild der Büro-Angestellten, das gemeinhin für das der emanzipierten Frau stand, kritisch hinterfragt.

Anke Heimberg, die engagierte Lili Grün-Herausgeberin, betont in ihrem Nachwort: „Doch erlebt die von Kind an mehr an der Hauswirtschaft interessierte und „häuslich“ orientierte Susi Urban die Berufstätigkeit und die damit einhergehende ökonomische Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Frauen ihrer Zeit nicht als Befreiung, sondern als individuelle Überforderung (…).“

Aber: „Gegen Ende des Romans nimmt Lili Grün das traditionelle Ideal der Frau als Hausfrau, Ehefrau und Mutter, das sie zeitweise als Gegenentwurf zum progressiven Bild der emanzipierten „Neuen Frau“ formuliert, wieder zurück. Möglicherweise in Hinblick auf die zur Zeit der Entstehung des Romans europaweit zu beobachtenden reaktionären gesellschaftlichen Entwicklungen der 1930er-Jahre und der zu erwartenden Auswirkungen u.a. auf das weibliche Geschlechterrollen-Verständnis, macht sie deutlich, dass die Zeit der „Aufbruchsphantasien“ zwar vorbei, am bereits Erreichten aber unbedingt festzuhalten ist.“

Warum dieser Roman, der so charmant-leicht daherkommt, damit zugleich auch immens modern und aktuell ist, muss ich somit vielleicht nicht mehr eigens betonen …

Die Wiederentdeckung von Lili Grün ist dem AvivA-Verlag und Herausgeberin Anke Heimberg zu verdanken, „Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit…“ erschien 2016.

Verlagsangaben zum Buch:
https://www.aviva-verlag.de/programm/junge-b%C3%BCrokraft-%C3%BCbernimmt-auch-andere-arbeit/

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Albert Ostermaier: Seine Zeit zu sterben

„Und Ödon überwand seine Angst und ging die Stufen hinab in den feuchten Keller, wo die Äpfel lagerten, die sündigen Äpfel, wo der Wein an der Wand ruhte, Blut von meinem Blut, in den Gefriertruhen das Fleisch vom Eis wartete, wo die Schinken an der Decke hingen, überzogen mit Zeit, wo die Fallen aufgestellt waren, wo die alten Koffer, aufeinandergeschichtet, eine Höhle gaben, wo die Zahlenschlösser alle Geburtstage verrieten, wo ein Raum verschlossen blieb, ein Raum, der tiefer führte, noch tiefer hinab, ein Raum (…)

Und die Sauna war dort, wo sie zusammen schwitzten, gegen die Sanduhr schwitzten, wo er allein saß, obwohl er es nicht durfte, und sich vorstellte, Gott ließe den Stuhl neben der Tür umfallen (…)“

Und so geht der Text fort, wo er fortgeht, wo diese Zitate nur Beispiele sind von vielen, vielen Zitaten, die zeigen, wie der Stil dieses Buches ist, dieses spannend gemeinten Buches, das ein Thriller sein soll, dieses geschriebenen Buches, das da…

Okay, jetzt ernsthaft: Albert Ostermaier liebt ganz offenbar Nebensätze. Er (oder sein Lektor) weiß, wie man Kommas richtig setzt. Das ist an sich schon eine bewundernswerte Kunst. Aber: Man muss sie nicht überstrapazieren. Wenn man beim Gang in den Keller am Ende der Treppe nicht mehr richtig weiß, was Ödon dort wollte (und wer ist überhaupt dieser Ödon?), dann muss das nicht allein an der mangelnden Aufmerksamkeit des Lesers liegen.

Albert Ostermaier, Dramatiker und Lyriker, ist in die Sprache verliebt. So sehr, dass er angesichts seiner Wortspielereien vergisst, seine Geschichte zu schreiben. „Seine Zeit zu sterben“ ist im Suhrkamp Verlag erschienen. „Ein packender, sprachmächtiger Thriller aus der Glitzerwelt Kitzbühels“, so verkündet es der Klappentext. Ich hätte gewarnt sein können.

„Niemand nimmt für bare Münze, was sich ein Verlag zur Anpreisung seiner Neuerscheinungen ausdenkt. Wenn jetzt ein neues Prosawerk des Münchner Schriftstellers Albert Ostermaier bei Suhrkamp als „rasanter Thriller“ angepriesen wird – was soll’s? Ärgerlich allerdings, wenn die Literaturkritik den Faden aufnimmt und angesichts „dieses packenden Romans“ („FAZ“) in Begeisterung ausbricht. Das Buch mit dem dramatischen Titel „Schwarze Sonne scheine“ ist weder spannend noch rasant und von einem Thriller Lichtjahre entfernt. Das, was Ostermaier mit kaum überbietbarer Redundanz erzählt, füllt auch keinen Roman.“
So war es im Spiegel 2011 zum Vorgängerroman „Schwarze Sonne scheine“ zu lesen.

Und was dort geschrieben ward, hat leider auch für den Kitzbühel-Roman seine Gültigkeit. Zwar wird jede Menge hochdramatisches Personal herangezogen – russische Mafiabosse samt Leibwächter und Killer, Schickeria in auffälligen Outfits, merkwürdige Priester, Skirennfahrer unter Pädophilie-Verdacht sowie ein wohlstands-verwahrlostes Kind. Der Plot dreht sich um eine Kindesentführung während der Streif, dem berühmten Abfahrtrennen. Ansonsten wedelt die Geschichte mal hierhin, mal dorthin. Was eine rasende Schussfahrt sein sollte, wird zum mühseligen Slalom durch Wortspielereien bis hin zum Sturz in die Klischee- und Kitschfalle:

„Die Sonne verspielte sich in den Eiswürfeln und labte sich an den Gesichtern der beiden Frauen, die sich ihr entgegenstreckten wie Blumenkelche zu Beginn des Frühlings nach einem unerbittlichen Winter.“

Dazu muss man wirklich nicht mehr viel sagen. Für mich war dieser Roman eine Enttäuschung. An Worten: Zuviel des Guten. Die FAZ hat dagegen einmal mehr sehr wohlwollend interpretiert. Freilich, das gibt auch Rezensent Jan Wiele zu: die Metaphorik der Lawine werde ziemlich überstrapaziert. Man könnte auch so sagen: Das Buch wird unter Metaphorik-Lawinen begraben.

PS: Der Roman hat mich persönlich sehr interessiert, weil Albert Ostermaier nicht nur einer der Träger des Bertolt-Brecht-Preises ist, den die Stadt Augsburg vergibt, sondern auch das 2006 ins Leben gerufene abc-Festival als künstlerischer Leiter verantwortete. Er stand für ein hervorragendes Programm, das Brecht nicht nur einer Kulturelite, sondern vielen Zielgruppen frisch und modern vermittelte.

Den Bertolt-Brecht-Preis verleiht die Stadt Augsburg seit 1995 in dreijährigem Turnus an Persönlichkeiten, die sich in ihrem literarischen Schaffen durch die kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart auszeichnen. Bisherige Preisträger waren: 1995 Franz Xaver Kroetz, 1998 Robert Gernhardt, 2001 Urs Widmer, 2004 Christoph Ransmayr, 2006 Dea Loher (zum 50. Todesjahr Brechts um ein Jahr vorgezogen), 2010 Albert Ostermaier und heuer, 2013 Ingo Schulze.

Vielleicht ist die „Langstrecke“ des Romans keine Gattung, die sich für jeden eignet. Albert Ostermaier hat sich als Lyriker und Dramatiker einen hervorragenden Namen gemacht, seine Romane scheinen jedoch nicht auf dieselbe Resonanz zu stoßen. Nochmals ein Blick auf Brecht: Dieser selbst schrieb zwar 48 Stücke, über 2300 Gedichte, über 200 Erzählungen –  aber eben nur drei Romane.


Bild zum Download: Verkehrsschild


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