China, Japan, Ulm und drumherum

„In der heutigen, von Chinas Aufstieg beflügelten Großmachtrivalität steht Japan fest an der Seite seines Verbündeten Amerika. Die beiden asiatischen Kulturen aber bleiben einander eng verbunden und werden das westliche Denken im 21. Jahrhundert herausfordern. Von Tokio wie von Peking aus betrachtet wird es gewiss nicht das Jahrhundert Amerikas oder Europas sein: Das würden sich Japaner und Chinesen jederzeit schriftlich geben.“

Bild: Birgit Böllinger

Dieses Fazit zieht der Internationale Korrespondent der Zeit, Matthias Naß, nach der Lektüre des jüngsten Werks von Professor Kai Vogelsang. In „China und Japan. Zwei Reiche unter einem Himmel“ zeigt der Hamburger Sinologe auf, wie eng verbunden die beiden Länder sind. Sein Buch, das im Kröner Verlag erschien, soll einen Beitrag dazu leisten, einen anderen Blick auf die beiden Kulturen zu eröffnen – im Westen nimmt man sie überwiegend als politische Rivalen wahr, dabei sind beide Nationen eng verbunden.

Der Beitrag in der Zeit ist online hier nachzulesen. Darüber hinaus ist Kai Vogelsang mit einem Gastbeitrag zum Thema bei der NZZ vertreten: „Die Geburt Chinas in Japan“.

Freudige Nachrichten gibt es nun auch für den Buchhandel: Ab 8. März endlich wieder offen! Obwohl viele Buchhändler sich mit guten Ideen und Einhaltung aller Hygienevorschriften für die Pandemie wappneten, währte auch für sie der Lockdown lange – für manche kleine, inhabergeführte Buchhandlung leider zu lange. Man hätte sich auch von der Politik nach dem ersten Lockdown 2020 die Entwicklung besserer Konzepte für den Einzelhandel gewünscht. Da könnte manches Beispiel aus dem Buchhandel Schule machen, wie der Beitrag von Ulrich Rüdenauer in der Frankfurter Rundschau zeigt: Er bezeichnet den Buchhandel in Deutschland als Meister der Corona-Krise. Und ein leuchtendes Beispiel dafür ist Rasmus Schöll mit seiner Buchhandlung Aegis in Ulm.

Überhaupt gibt es während dieser Pandemie gerade unter Bücherleuten eine sehr große Solidarität. Ein Beispiel dafür bietet auch der Blog „We read Indie“, der nun die Aktion #bücherhamstern fortsetzt. Damit wird ein Augenmerk auf die feinen unabhängigen Verlage und ihre wunderbaren Bücher gelenkt, für die abgesagte Messen, ausgefallene Veranstaltungen und Lesungen und vieles mehr, was Corona durcheinander wirbelt, schon erhebliche Folgen haben. Dass zum Auftakt der wunderbare Mirabilis Verlag vorgestellt wird, freut mich natürlich sehr.

Rundum eine gelungene Woche für mein kleines Pressebüro 🙂

Martha Gellhorn: Reisen mit mir und einem Anderen. Fünf Höllenfahrten.

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Der Sonnenuntergang leuchtet rot an einem unermeßlich weiten Himmel. Die kleinen Berge und gewaltigen Felsen aus Vulkangestein stehen schwarz gegen das Licht. Funkelnde Feuer brennen in den Dörfern. In Richtung Garua nehmen die Felsblöcke seltsame Gestalt an – ein großer Affengott, ein Buddha; außer dem Geräusch des Wagens ist kein Laut zu vernehmen, und niemand ist zu sehen. Ich spüre, daß der Mensch auf diesem Erdteil nur ein Zwischenspiel von kurzer Dauer ist. Kein Land erschien mir je älter, weniger berührt oder geprägt von der menschlichen Rasse.“

Martha Gellhorn, „Reisen mit mir und einem Anderen. Fünf Höllenfahrten“.

Ja, es gibt sie auch in diesem Buch, die romantischen Momente, die das Reisen mit sich bringt, diese Augen- und Anblicke, die so überwältigend sind, dass die Poesie der Sprache unzureichend erscheint. Und Martha Gellhorn (1908 – 1998), die Vielgereiste, die hartgesottene Kriegsberichterstatterin und Autorin, nahm nicht wenige Mühen und Strapazen auf sich, um die Welt in ihrer unermesslichen Schönheit so weit als möglich zu ermessen: Die Amerikanerin wechselte ihre Wohnsitze und „möblierte Übergangswohnungen“ wie andere Menschen ihre Unterkleidung, eine Unsesshafte, eine Reisesüchtige von ihrer Kindheit in St. Louis an.

„Ich war mein ganzes Leben lang eine Reisende, angefangen in meiner Kindheit mit den Straßenbahnen meiner Geburtsstadt, die mich nach Samarkand, Peking, Tahiti, Konstantinopel transportierten. Ortsnamen waren der stärkste Zauber, den ich kannte. Und sie sind`s noch“, erinnert sich später die 70-jährige. „Und ich hatte seit meinem einundzwanzigsten Geburtstag wie verrückt darauf hingearbeitet, meinen Plan zu verwirklichen, überall gewesen zu sein und jedes und jeden gesehen zu haben und darüber zu schreiben.“

Bis zu ihrem siebten Lebensjahrzehnt war sie in 53 Ländern gewesen, schrieb Gellhorn im Vorwort zu diesem Buch: „Und „unter „gewesen war“ verstehe ich, daß ich mich lange genug dort aufgehalten habe, um etwas vom Leben, von Sitten und Gebräuchen zu erfahren. Eben nicht wie in Indien (das damalige Indien), als ich in Karatschi landete, einen schnellen Blick auf die Kühe und die armen gequälten Kinder warf und wie ein geölter Blitz zum Flughafen zurücklief – nichts wie weg.“

Nichts wie weg wollte Gellhorn auch in den „fünf Höllenfahrten“, von denen sie in diesem 1978 erstmals veröffentlichten Buch berichtete – doch die Umstände erlaubten das blitzartige Abreisen nicht. Zum Glück für die späteren Leser: Denn Gellhorn schreibt so temperamentvoll, so unterhaltsam und witzig über ihre katastrophalsten Reiseunternehmungen, dass ihre Schilderungen von Dauermärschen durch chinesischen Schlamm,  von schlechtem Essen, fürchterlichen Krankheiten wie der Chinafäule und Sonnenbränden, von sprachunkundigen Dolmetschern und wenig fahrtauglichen Reiseführern zu einem wahren Vergnügen werden.

Meist reiste sie nach dem Motto „Spring, bevor du schaust“, eine alte slawische Volksweisheit, die dem Buch als Zitat vorangestellt ist. So kann sie in den 1940er-Jahren ihren damaligen Ehemann Ernest Hemingway als zunächst „Unwilligen Begleiter“ (UB) davon überzeugen, sie auf eine recht kurzfristig angesetzte Reportagetour an die chinesisch-japanische Kriegsfront zu begleiten. Von der Front sehen die beiden Amerikaner, stets abgeschirmt vom chinesischen Kader, wenig. Von den politischen Verhältnissen – auch das schildert Gellhorn voller Selbstironie – haben sie im Grunde genauso wenig Ahnung: Den Revolutionär Tschu En Lai, den sie bei einem konspirativen Treffen kennenlernt, kennt sie nicht, erst später wird sie von seiner Rolle in der Kommunistischen Partei erfahren. Aber der „UB“ dagegen erweist sich als tüchtiger Diplomat, der bei den endlosen Festessen Reden schwingt, die Gastgeber unter den Tisch trinkt und auch einmal ein erschöpftes kleines chinesisches Pferd auf den Armen trägt statt auf demselben zu sitzen.

Spontan auch ihr Entschluss, in Moskau die Witwe von Ossip Mandelstam zu besuchen – ein einwöchiger Aufenthalt hinter dem Eisernen Vorhang, der sie schnell ernüchtert. Moskau empfindet sie als kalt, die Moskauer als ablehnend:

„Diese Stadt war wortwörtlich nicht von dieser Welt. Sie gehörte zu keiner Welt, die ich kannte, war nicht Teil Europas, war ganz und gar fremdartig. Entweder hatte der Krake Staat das Leben aus diesen Leuten herausgequetscht, oder sie versteckten sich hinter diesen freundlichen Gesichtern, mißtrauten einander, weil man nie wußte, wer denunzierte.“

Politisch nicht immer korrekt, oft auch mit dem Blick einer zwar liberalen, aber doch sehr amerikanisch geprägten Berichterstatterin, aber immer temperamentvoll, manchmal scharf und oft sehr komisch: So blickt die Reisende während ihrer Höllenfahrten auf die Welt. Nicht verschwiegen werden darf jedoch, dass dies auch ein Buch der Melancholie ist:

„Die Idee zu diesem Buch packte mich, als ich auf einem kleinen, verkommenen Strand am Westzipfel Kretas saß, umgeben von einem leckgeschlagenen Schuh und einem verrosteten Nachttopf. Um mich herum: Der Abfall unserer Spezies.“

In ihrem Nachwort bezeichnet die Literaturkennerin Sigrid Löffler Martha Gellhorn als eine der Letzten ihrer Art, als „Welt-Verschlingerin“:

„Martha Gellhorn war eine solche Enthusiastin des Reisens, und sie bereiste die Welt im gerade noch richtigen, im letztmöglichen Moment: noch abenteuerlich, noch exklusiv – knapp, ehe der globale Tourismus die ganze Welt mit seinen All-inclusive-Urlaubsparadiesen zurichtete.“

Martha Gellhorn erlebte als größtes Glück des Reisens stets die Momente der vollkommenen Einsamkeit: Berauscht vom Anblick des afrikanischen Sternenhimmels, vollkommen glücklich in einer abgeschiedenen Bucht in das Meer tauchend, sprachlos vom Anblick des ostafrikanischen Rift Valley. Es wird wohl kaum mehr Orte an der Welt geben, die vollkommen unberührt von Menschenhand sind, die noch nicht geprägt sind von den Auswüchsen unserer Zivilisation. Man findet dieses Glück des Reisens allenfalls noch in der Literatur – beispielsweise auf den Spuren Gellhorns.

Im Schweizer Dörlemann Verlag sind in den vergangenen Jahren einige ausgewählte Werke der Schriftstellerin und Journalistin erschienen – unter anderem „Reisen mit mir und einem Anderen“ sowie der Band „Paare – Ein Reigen in vier Novellen“, ungewöhnliche Liebesgeschichten, die ich ebenfalls empfehlen kann. Einige der Bücher gibt es auch als Taschenbuchausgabe beim Fischer Verlag.


Informationen zum Buch:

Reisen mit mir und einem Anderen. Fünf Höllenfahrten
Martha Gellhorn
Dörlemann Verlag
Aus dem Englischen von Herwart Rosemann
25,00 Euro
544 Seiten, gebunden mit Leseband
ISBN 9783908777830


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