#BAYBUCH: Freundliche Schriftsteller in miserabler Lage und ein singulärer Ehrenpreis

„Die Stellung des Schriftstellers ist miserabel!“ Die Worte, die der Vorsitzende des Landesverbandes Bayern vom Börsenverein, Michael Then, gestern zum Auftakt für die Vergabe des Bayerischen Buchpreises 2017 gewählt hatte, hatten eine ungewollte Doppeldeutigkeit: Ich hätte an diesem Abend den Platz mit keinem der sechs anwesenden Autoren tauschen wollen.

Das Format des Bayerischen Buchpreises hat durchaus seinen Reiz, aber auch seine Tücken: Die Fachjury – die heuer erstmals aus Knut Cordsen, Kultur-Redakteur beim Bayerischen Rundfunk, Literaturkritikerin Thea Dorn und Deutschlandfunk-Redakteurin Svenja Flaßpöhler, bestand – diskutierte über die vorgeschlagenen Titel, drei Romane, drei Sachbücher, live und auf offener Bühne.

Man stelle sich vor: Man arbeitet oftmals jahrelang an einem Buch, investiert Lebenszeit, Herzblut und Hirnschmalz und sitzt dann im Publikum, während drei Leute öffentlich dein Werk analysieren, kritisieren, unter Umständen sogar auseinandernehmen. Man kann natürlich einwenden: Kritik gehört zum Geschäft, geht einer an die Öffentlichkeit, muss er damit leben. Allerdings schafft es doch eine gewisse Distanz, wird die Kritik über ein zwischengeschaltetes Medium vermittelt. Durch die Unmittelbarkeit – allerdings abgemildert durch den prächtigen Rahmen in der Münchner Allerheiligen-Kirche und ein gut gestimmtes Publikum – hatte das Ganze doch ein wenig auch den Charakter einer öffentlichen Verhandlung, thematisch passend zu Petra Morbachs Roman „Justizpalast“, der ebenfalls im Rennen war.

Franzobel, der schließlich mit seinem sagenhaft guten und vielschichtigen Roman „Das Floß der Medusa“ im Bereich Belletristik mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet wurde, gab in seiner launigen Ansprache einen Einblick in die Verfassung des Schriftstellers vor dem Elfmeter – seine Frau habe ihn am Morgen noch dafür bedauert, was Autoren so durchzustehen hätten.

Allerdings hat die Form auch ihren Reiz – vor allem für Leserinnen und Leser: Die offene, transparente Diskussion eröffnet einem nochmals neue Aspekte der Bücher, unter Umständen auch eine andere Herangehensweise. Zumal die drei Juroren überwiegend sachlich und freundlich argumentierende Richter waren, die sich sichtlich bemühten, nicht zu sehr die harte Kante anzulegen. Deutlich wurde dies am Beispiel von „Das Genie“, von Knut Cordsen ins Spiel gebracht, das weder uns Bayerische Buchpreisblogger noch die beiden Jurorinnen sprachlich restlos überzeugen konnte. Vor allem Thea Dorn hat mich – um ein Lieblingswort meines bayerischen Buchpreisbloggerkollegen Marius aufzugreifen – durch ihre konzise Art des Argumentierens im Bereich der Belletristik überzeugt: Beispielsweise eröffnete mir ihr Vergleich zwischen dem unfähigen, eitlen Kapitän der Medusa, dessen Schiff in die Katastrophe gesteuert wird und dem amtierenden US-Präsidenten nochmals ein neues, kleines Detail an diesem Roman.

Svenja Flaßpöhler hatte zunächst „Justizpalast“ favorisiert – ein Roman, der bei mir und Buchpreisbloggerin Katharina ebenfalls mit vorne lag, aus Gründen, die wir in unseren Besprechungen hoffentlich sichtbar machen konnten. Die Entscheidung der Jury ist jedoch nachvollziehbar und berechtigt:  „Das Floß der Medusa“ ist ein Roman, der die Jahre überdauern wird, da bin ich mir sicher. Mit Petra Morsbach kamen wir Buchpreisblogger beim anschließenden Empfang noch ins Gespräch – eine freundliche, souveräne Autorin, die uns euphorisierte Leserinnen sogar noch beruhigte: Es sei alles gut, sie sei auch ohne Bayerischen Buchpreis sehr zufrieden mit der positiven Resonanz auf „Justizpalast“.

So nah Fachjury und Bloggerprognose jedoch im Bereich Belletristik waren, so weit entfernt waren wir als Bayerische Buchpreisblogger in Sachen Sachbuch: Wir hatten alle drei „Blau“ von Jürgen Goldstein auf dem Zettel. Ich empfand die Diskussion der Jury zu den Sachbüchern gestern als schwieriger und qualitativ weniger überzeugend denn im Bereich Belletristik. Thea Dorn brachte eines meiner Argumente auf den Punkt: Die drei Bücher seien so schwer zu vergleichen wie Äpfel und Birnen. Und so hinterließ bei mir die Entscheidung den Eindruck, dass weniger nach sachlichen Kriterien, sondern mehr persönlichen Themenschwerpunkten folgend argumentiert wurde. Katharina hat dies heute bei 54books nochmals aufgegriffen, nachzulesen hier:
https://www.54books.de/baybuch2017-rueckblick-bloggerpreis/

Interessant war für mich später das Gespräch mit Jürgen Goldstein und seinem Lektor von Matthes & Seitz – tatsächlich ist eine Unterhaltung mit ihm so angenehm wie die Lektüre seines Buches: Klug, intelligent, ein offener Mensch, der auch neugierig auf die Meinung von uns Bloggern war. Für Petra Morsbach und Jürgen Goldstein haben wir uns als Buchpreisblogger noch etwas Eigenes ausgedacht – einen Preislöwen, zwar nicht aus Nymphenburger Porzellan, aber von Herzen kommend.

Neben der neuen Jury gab es heuer beim Bayerischen Buchpreis noch eine Premiere – wie bereits mehrfach erwähnt, waren Katharina Herrmann von 54books, Marius Müller von Buch-Haltung und ich als Bloggerteam dabei, erstmals begleiteten also „digitale Literaturnerds“ das Geschehen. Bernhard Blöchl, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, Romanautor und Blogger hat unsere Aktivitäten mit einem Artikel gewürdigt, über den wir uns sehr gefreut haben. Der aber auch eine Frage aufwirft, die mich immer wieder bewegt – welche Rolle spielen wir Blogger bei solchen Aktivitäten, wo ist unser Platz? Sind wir Marketinginstrumente, Digital-Influencer, Hobby-Kritiker?

http://www.sueddeutsche.de/kultur/literaturpreis-offline-lesen-online-schreiben-1.3737256

Klar ist: Mit unseren Besprechungen zu den sechs Büchern und unseren Aktivitäten rund um den Buchpreis haben wir zusätzliche Aufmerksamkeit sowohl auf die Titel als auch auf die Veranstaltung an sich gelenkt. Im Netz wurde eifrig mitdiskutiert und der Hashtag #baybuch ging zwischenzeitlich durch die Decke. Vielleicht auch fürs Publikum bereichernd war das Zitieren einzelner Tweets durch die Moderation während der Veranstaltung gestern, die nochmals eine andere Sichtweise auf die besprochenen Bücher wiedergaben. Vor allem aber hat es uns als Trio unheimlichen Spaß gemacht – hinter den Kulissen über die Bücher zu diskutieren, unsere Argumente mit denen der Jury zu vergleichen, auch Gegenpositionen einzunehmen. Insofern: Mission Bavaria erfüllt.

Der erste Versuch, auch das Netz und vor allem unsere Blogabonnementen für den Bayerischen Buchpreis zu interessieren, war eine gelungene Sache. Woran man allerdings noch feilen könnte, wäre an der crossmedialen „Vernetzung“ über das Netz hinaus: Twitter und Facebook sind zwar flüchtig, aber unsere Blogbesprechungen zu #baybuch bleiben bestehen und abrufbar. So wäre ein Hinweis in der Nachberichterstattung auch auf die Bloggermeinungen für uns eine schöne Sache, vor allem aber für die Leserinnen und Leser der Hinweis auf eine weitere Informationsquelle zu den Büchern gewesen:
https://www.boersenblatt.net/artikel-bayerischer_buchpreis_2017__das_war_die_preisverleihung.1398493.html

Denn – ich zitiere nochmals Michael Then: „Für Bücher muss heute einiges getan werden, um sie gesellschaftlich ins Licht zu rücken.“


Bild zum Download: Bayerischer Löwe am Münchner Odeonsplatz


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Ralf Rothmann. Im Frühling sterben

Jüngst sah ich im Schweizer Fernsehen ein Interview mit dem Psychiater Borwin Bandelow, einer der führenden Experten bei der Behandlung von Angststörungen. Gefragt, ob in unserer modernen Leistungsgesellschaft Ängste, Traumatisierungen oder auch Depressionen zunehmen, meinte der Wissenschaftler, statistisch sei dies nicht zweifelsfrei zu belegen.

Zwar spricht auch die Weltgesundheitsorganisation davon, dass psychische Erkrankungen unter den sogenannten Volkskrankheiten der Zivilgesellschaften die (auf den ersten Blick) rein somatischen Leiden – Herzprobleme, Diabetes, etc. – längst überholt haben. Allerdings: Lange Zeit wurden Krankheiten der Seele nicht als solche anerkannt, eher als Charakterschwäche oder persönliches Versagen interpretiert, wurden zudem kaum behandelt. Folge: Sie tauchten in den Statistiken gar nicht erst auf. Erst langsam beginnt sich dieses Tabu aufzulösen und steigt die Einsicht, dass beides der Behandlung und Fürsorge bedarf: Geist, Gehirn, Psyche, Seele einerseits, der Körper als Hülle all dessen andererseits.

BB erinnerte in diesem Interview daran, dass es in jeder Gesellschaft „Traumatisierungen“ gibt, individuelle und kollektive – speziell verwies er auf die europäische Generation jener, die den Zweiten Weltkrieg in irgendeiner Form miterleben mussten. Eine der Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die auf allen Seiten tausendfach zerstörte Seelen hinausspie, unbehandelt zurück entließ in ein zwar politisch scheinbar „befriedetes“ Leben, aber in persönliche und private Lebensentwürfe, die allermeist in Trümmern lagen.

Ob Opfer oder Täter – auch in der bundesrepublikanischen Wiederaufbau- und der folgenden Wirtschaftswunderzeit standen andere Prioritäten an, Geschichte wurde gemacht, es ging voran, alte Wunden nur notdürftig verdeckt, die seelischen Schäden zur Seite geschoben, sie blieben unbehandelt. Kann Verschweigen Heilen bringen? Wohl nicht. Allenfalls eine Vertagung des Unverarbeiteten – vertagt und weitergegeben an die nachfolgenden Generationen.

Auch in meiner Familie gab es dies, das Schweigen der Großväter. Meinen eigentlichen Großvater mütterlicherseits lernte ich nie kennen: Er starb einige Jahre vor meiner Geburt an den Folgen seines Alkoholismus. Er sei ein lieber, liebenswürdiger und sensibler Mann gewesen, so wurde mir berichtet, der verändert und gebrochen aus dem Krieg zurückgekehrt sei. Der zweite Mann meiner Großmutter stammte aus jener Gegend, die Melinda Nadji Abonji in ihrem Roman „Tauben fliegen auf“ beschreibt: Der Vojvodina mit ihrem bunten Völkergemisch. Eine Ansammlung verschiedener Nationalitäten, die sich in der Habsburger Zeit irgendwie arrangierten und kaum, war dieses einigende k.- u.-k.-Band zerschnitten, gegenseitig verfolgten. Mein Großvater, ein Donauschwabe, war nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA ausgewandert, den größtmöglichen Abstand und materielle Sicherheit suchend. Über die Zeit und Erlebnisse vor seiner Auswanderung sprach er nie. Später, im Alter, von Alzheimer geplagt, fand man den alten Mann oftmals im Keller seines Hauses versteckt, zitternd vor Furcht und stammelnd: „Die Russen kommen.“ Der Großvater väterlicherseits dagegen kannte diese Angst nicht – wenn er von uns Enkeln in der kindlichen Erwartung einer Abenteuergeschichte aufgefordert wurde, „doch mal was vom Krieg“ zu erzählen, dann kamen allenfalls einige Episoden über seine lange Gefangenschaft und die Hilfe, die er und seine Kameraden von einigen russisch Bauern erhalten hatten. Er hatte überlebt, irgendwie – was er dafür zu tun hatte, auch was er im Krieg zu tun hatte (natürlich fragten wir als Knirpse auch unbefangen-sensationslüstern, ob er denn einen „totgeschossen“ habe) – darüber verlor er kein Wort. Seine dürftigen Erzählungen aus dieser Zeit glichen einem dünnen Reiseführer: Der Schwabe, der erstmals in Frankreich ein Baguette kostet und von einem russischen Bauern ein Hühnchen bekommt.

Das Schweigen der Großväter: Es prägte die Familie in mehrfacher Hinsicht. Über den Krieg wurde nur gemunkelt. Und auch die Brüche in den Biographien ihrer Kinder, die in den entscheidenden Jahren ohne Väter aufwuchsen, sie blieben: Brüche. Die Rolle der Ehefrauen, die zuhause ihren Mann standen und dann zurücksollten in ihre klassische Funktion – auch das ein Bruch. Wie umgehen mit den fremden, schweigsamen, veränderten Männern nach ihrer Heimkehr? Für meine Großmütter kam „Das Wunder von Bern“ zu spät in die Kinos.

Wie sehr prägen solche traumatischen Erfahrungen auch die nachfolgenden Generationen, wie sehr eine Familiengeschichte?
Wie lange braucht es, um solche Erfahrungen zu überwinden?
Wie sehr wird das Gefühl von Schuld und Angst weitergegeben?
Wann ist das Schweigen überwunden, wann wird aus Schuld die Übernahme von Verantwortung?
Welche Schlüssel gibt es, um das Schweigen aufzulösen?

Ein langer persönlicher Epilog zu einem Buch, das mir doch so wichtig ist, dass ich meine selbstauferlegte Sommerpause unterbreche:

„Im Frühling sterben“ von Ralf Rothmann. An einigen Stellen wurde es bereits als „der beste Roman“ dieses Jahres bezeichnet. Und auch wenn ich solche verallgemeinernden Prädikate scheue – für mich ist es auf jeden Fall eines der wichtigsten Bücher, die ich in den vergangenen Monaten gelesen habe. Rothmann, selbst Jahrgang 1953, also mit der fragwürdigen Gnade der späten Geburt ausgestattet, erzählt, so Hilmar Klute in einer Kurzvorstellung in der Süddeutschen Zeitung, „vom dunklen Erbe der Väter“. Im Mittelpunkt stehen die beiden 17jährigen Jungen Walter Urban und Fiete Caroli, beide in Norddeutschland auf einem Hof als Melker tätig. Beide jung, verliebt, voller Hoffnungen, trotz der Einschränkungen, die das Kriegsgeschehen mit sich bringt. Es ist das letzte Kriegsjahr, die Fronten bröckeln an allen Seiten und trotz der absehbaren Niederlage werden alle Jahrgänge ins Feuer geschickt, verbrannt und verheizt. So trifft es auch die beiden Jungs, die bei einer Dorffeier  zwangsrekrutiert werden. Fiete ist immer schon der Aufsässigere, Temperamentvollere, der seiner kritischen Haltung gegenüber dem Nazi-Regime in spöttischen Bemerkungen Luft macht, aber vom ruhigen, bedächtigen Walter gedämpft und zurückgehalten wird. Fiete ist schließlich auch derjenige, der der andauernden Vergewaltigung seines Willens, seines Menschseins durch den Krieg und die Kriegsmacher (letztendlich ist der Krieg immer von Menschen gemacht – jene, die die Schlachtenpläne entwerfen und jene, die sie ausführen), entfliehen will: Er desertiert. Walter, der nur leise angesichts zahlloser Gräuel Aufbegehrende, wird einmal aus eigener Entscheidung aktiv, versucht für den Freund bei seinem Vorgesetzten einzutreten. Doch der Versuch ist nicht nur aussichtslos, sondern selbst nicht ohne Gefahr für den jungen Mann – er könne sich, so er sich nicht selbst auch am Standgericht beteilige, gleich mit an die Wand stellen. Walter, als Teil des Erschießungskommandos, macht sich mit Schuld am Tod seines besten Freundes – eine Last, die er nach der Heimkehr mit niemanden teilen kann, niemanden mitteilen kann, nicht einmal der Freundin und späteren Ehefrau. So ist deren spätere Wiederbegegnung ebenso gezeichnet vom Unsagbaren, die Rückkehr aus der Hölle, die Wiederaufnahme eines Lebens, eines Alltags, einer Normalität vom Schweigen und Verschweigen geprägt. Fazit: Im Krieg machen sich selbst die Unschuldigsten schuldig, ein Entkommen gibt es nicht. Tot oder lebendig, dann aber seelisch tot – vor dieser Wahl steht Walter. Und da er selbst niemals sprechen gelernt hat, da es aber ebenso wenig die Hilfen gibt, die heute zumindest zur Verfügung stehen, bleibt dieser Mann gefangen in den Gefühlen einer Schuld, die er alleine nicht tragen, die ihm aber auch keine helfende Hand nehmen kann.

Ralf Rothmann zeigt sich hier einmal mehr als großartiger Erzähler, der eine Geschichte geradlinig voranzutreiben weiß, fast nüchtern, und dabei, wie Klute schreibt, „diese Zeit, die er selbst nicht erlebt hat, in schrecklich klare, magisch realistische Bilder“ zu bannen weiß. Leise-zurückhaltend in der Sprache – und gerade dadurch erreichend, dass die ganz Last und Wucht des Krieges unmittelbar spürbar wird, dass das Grauen den Leser in der Seele zerrt. Sparsam setzt Rothmann dazwischen beinahe schon irisierend wie winzig aufflackernde Hoffnungslichter poetisch-leise Naturbilder ein, kleine Atempausen, während derer die Waffen schweigen.

Für das Kernthema dieses Romans ist jedoch noch wichtiger als die Erzählung der Geschehnisse während des Zweiten Weltkriegs die schmale Rahmenhandlung. Auf wenigen Seiten entwirft zu Romanbeginn der Erzähler, Walters Sohn, an dessen Lebensende ein Portrait seines Vaters, das Portrait eines einsamen, gescheiterten Lebens – ein Mann, der aus seiner Schweigsamkeit nicht herausfand, der sich in den Alkohol flüchtete, im Versuch Schrecken und Last zu verbannen. Der im Grunde nicht anders handelte als der eigene Vater, selbst ein durch die Zeitläufte Gebrochener, dann ein im zweiten Krieg Gefallener. Die sich dann allmählich entblätternde Geschichte macht begreifbar: Das ist die verlorene Generation, die sich gewissermaßen noch einmal unverschuldet „mitschuldig“ macht an ihren Nächsten – die das unverarbeitete Trauma weiterreicht.

Am Ende kommt nochmals der Erzähler zu Wort, als er an das Grab der Eltern fährt, das aufgelöst werden soll. Lapidar die Mitteilung: „Ruhezeit beendet“. Was Rothmann damit aber auch in diesem autobiographisch geprägten Roman sagt, ist: Schweigezeit beendet. In einem Interview mit der „Welt“ betont er: „Was wir vererben sollten, ist die Verantwortung, Sorge dafür zu tragen, dass so etwas nicht noch einmal passiert.“

Und gerade dieses macht den Roman heute – 70 Jahre nach Kriegsende – so hochaktuell: Die unsichtbaren Schäden, die dieser Krieg bei den Überlebenden hinterließ, die Schmerzen, die niemals behandelt wurden – sie wirken fort, sie wirken noch Generationen nach. Rothmann hat den Weg des Schreibens gefunden, um – vielleicht ein wenig pathetisch ausgedrückt – die Lasten seiner Eltern abzutragen. Und er erinnert nun mit diesem Buch in einer Zeit daran, als die Traumata, die sichtbaren und unsichtbaren, beinahe schon zu verblassen drohen, Aufarbeitung abgehakt. Vielleicht mag er auch ein wenig aufrütteln, jene Generation der Nachkommen, für die diese Erfahrungen nur noch Erzählungen der „Vorfahren“ sind, wo der „Krieg“ zum medialen Ereignis wird, für manche auch zum Abenteuer im Nahen und Fernen Osten, wo die Empathie mit Kriegsopfern, Flüchtlingen, traumatisierten Menschen sinkt. Wer weiß.

Merkwürdig stößt in diesem Zusammenhang eine Äußerung von Spiegel-Kulturredakteur Sebastian Hammelehle in diesem Interview auf:

Hammelehle: Rothmann, der oft – so in „Milch und Kohle“ über seine Mutter – autobiografisch erzählt, verknüpft die Geschichte der standrechtlichen Erschießung mit seiner eigenen Familiengeschichte. Walter, die Hauptfigur des Romans, ist sein eigener Vater. Dass der dann sein ganzes Leben lang an dem trägt, was er getan hat, wird in der Rahmenhandlung klar. Wobei ich finde, es hätte dieser Rahmenhandlung gar nicht bedurft. Von mächtiger Wucht sind die Szenen, die in den letzten Kriegswochen spielen.

Die Rahmenhandlung beinhaltet die eigentliche Aussage des Buches – wer in der Generation X Kriegsszenen von mächtiger Wucht lesen will, der findet dazu ohnehin Literatur ohne Zahl.


Noch eine Marginalie am Rande: Ralf Rothmann ließ sich mit diesem Buch nicht für den Frankfurter Buchpreis nominieren – mehr dazu hier. Aber das ist nochmal eine ganz andere Geschichte, die von den Buchpreisbloggern sicher noch thematisiert wird.

Weiterführende Links:
Ralf Rothmann im Welt-Interview:
http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article142862427/Ich-habe-die-Toten-in-den-Saergen-damals-angesehen.html

Verlagsangaben zum Buch:
http://www.suhrkamp.de/buecher/im_fruehling_sterben-ralf_rothmann_42475.html

Bild zum Download: Fassade


 

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