Und dann kam Wanda …

Wanda ist da und einsatzbereit: Die originelle mobile Ausgabestation der Aegis Buchhandlung Ulm soll den Kundinnen und Kunden im Corona-Winter das Lesen & Leben erleichtern. Mehr Information dazu hier: https://birgit-boellinger.com/2020/10/30/ein-bus-namens-wanda-die-aegis-buchhandlung-wappnet-sich-kreativ-fur-den-corona-winter/ oder direkt bei https://aegis-literatur.buchhandlung.de/shop/

LITERARISCHE ORTE: Hesse als Lehrling

Statt dessen brannte dort die strenge, fleißige Gegenwart in zahlreichen Studierampeln über die ganze Breitseite des Stifts verteilt und glänzte mattrot durch die breiten, niederen Fenster. Dort lagen jetzt Kompendien, Wörterbücher und Texte ohne Zahl vor ernsthaften, jungen Augen aufgeschlagen, Ausgaben des Platon, Aristoteles, Kans, Fichtes, vielleicht auch Schopenhauers, Bibeln in hebräischer, griechischer, lateinischer und deutscher Sprache; vielleicht brütete hinter diesen Fenstern zur Stunde ein junges philosophisches Genie über seinen ersten Spekulationen, während zugleich ein zukünftiger schwergeharnischter Apologet die ersten Steine seines Trutzgebäudes legte.“

Hermann Hesse, aus: „Die Novembernacht. Eine Tübinger Erzählung.“, 1901.

Hermann Lauscher, Protagonist dieser frühen Erzählung von Hermann Hesse und dessen Alter Ego, hält es indes in jener stürmischen Nacht weniger mit dem Studieren. Trinkend und zechend zieht er durch die Tübinger Altstadt, am Ende dann urplötzlich ernüchtert, als einer der Trinkgenossen sich das Leben nimmt.

Die Erzählung ist Teil der dritten Buchpublikation von Hermann Hesse. Sie erschien 1901 in „Die hinterlassenen Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher“.  Und sie birgt eine der wenigen direkten Spuren von Hesses Tübinger Zeit in seinem Werk. Aber dennoch können die Jahre, die der junge Hesse in der Neckarstadt verbrachte, als entscheidende für seine Entwicklung zum Schriftsteller bezeichnet werden.

Anders als sein literarisches Ego soll Hesse sich in Tübingen wenig mit dem Studentenleben abgegeben haben, heißt es auf den Seiten der Hermann-Hesse-Stiftung:

„Zwischen Oktober 1895 und Juni 1899 absolviert Hermann Hesse in Tübingen eine dreijährige Buchhändlerlehre, der sich ein Jahr als Gehilfe anschließt. Seine Arbeitsstelle ist die Heckenhauerische Buchhandlung, Holzmarkt 5, und er wohnt in der Herrenberger Straße 28 zur Untermiete. Die Tätigkeit als Buchhändler verschafft ihm eine gewisse Befriedigung, auch wenn sie ihn anstrengt. Die Bildung seiner Vorgesetzten nötigt ihm Respekt ab. Der elterlichen Aufsicht entronnen, beginnt der Achtzehnjährige mit einer erstaunlichen Selbstdisziplin ein literarisches Selbststudium. Er liest die Klassiker, vor allem Goethe, in denen er sein literarisches Evangelium entdeckt, und widmet sich dann den Romantikern. Viele Stunden verbringt er im Zimmer, die Außenwelt hält er auf Distanz, das fröhliche Studentenleben erscheint ihm als Zeitverschwendung.“

In Tübingen beginnt Hesse, ernsthaft zu schreiben. Hier wendet sich nach krisenhaften Jugendjahren das Blatt, die spätere Karriere als Schriftsteller zeichnet sich ab. Seine frühen Texte im Hermann Lauscher bewertet der ältere Hesse später neu. In der Vorrede zu einer Neuausgabe 1907 gesteht er die autobiographischen Hintergründe ein:

„Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher war der Titel einer kleinen Schrift, die ich Ende 1900 in Basel erscheinen ließ und in der ich pseudonym über meine damals zu einer Krise gediehenen Jünglingsträume abrechnete.“

Heute ist, wo Hermann Hesse seine Buchhändlerlehre absolvierte, immer noch etwas vom Geist dieser Jahre zu spüren: In dem kleinen, aber mit viel Liebe zum Detail eingerichteten Hesse-Kabinett in Tübingen kann man dem jungen Dichter und seinen Träumen auf die Spur gehen: https://www.tuebingen.de/hesse


Bilder zum Download:
Bild Buchregal,
Bild Straße Tübingen,
Bild Hausfigur


LESEZEICHEN von: Urs Widmer

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„Du kletterst auf Leitern und Stühle, um unsre Werke in die Hände der Kunden zu legen. In deinem Büro hängt ein Poster, auf dem steht, was der moderne Buchhändler von heute nicht tun darf, wenn er am Ball bleiben will. Du aber stolperst über jeden Ball, Buchhändler! Du liebst deine Leitern und Stühle. Da sitzt du und liest unsre langsam vergilbten Erstlinge. Für dich wollen wir ein Buch schreiben, das, statt fast niemand, gar niemand kauft, das kannst du am Lager behalten ein Leben lang. Wir kommen dich jede Woche besuchen, du kochst einen Tee, wir bringen einen Schnaps mit, und dann erzählst du uns, wie du einmal, 1933, ein Buch schreiben wolltest, das die Welt von damals auf einen Schlag verändert hätte.“

Urs Widmer

Was macht den „schönsten Ort der Welt“ eigentlich zum schönsten Ort der Welt? Natürlich, selbstverständlich, ohne Zweifel sind es die Bücher. Ein Raum ohne Bücher, sagte schon Cicero, das sei ein Körper ohne Seele. Dann müssten Buchhandlungen ziemliche seelenvolle Orte sein. Aber manche, die Paletten über Paletten an Neuerscheinungen anbieten, die wirken einfach seelenlos.
Denn es sind nicht nur die Bücher, die Geschichten erzählen. Es sind auch die Menschen, die mit diesen Büchern leben und handeln. Eine Buchhandlung wird zum schönsten Ort der Welt, wenn man dort diese eine Buchhändlerin trifft, den Buchhändler, die aus jedem Buch, das sie verkaufen, eine Geschichte machen. Die wie Seelenverwandte wirken, wie alte Freunde und die dir das Gefühl vermitteln, mit jedem Buch, das du kaufst, nimmst du einen Schatz mit nach Hause.

Geschichten über Menschen in Buchhandlungen – über Buchhändler und ihre manchmal etwas seltsamen Kunden – vereint ein Sammelband aus dem Diogenes Verlag, aus dem auch das Zitat von Urs Widmer entnommen ist. Autorinnen und Autoren wie Ingrid Noll, George Orwell, Patricia Highsmith, Martin Suter erzählen spannend, anrührend und vergnüglich aus dem Tat- und Lebensort Buchhandlung. Eine schöne Auswahl für Bibliophile und Bibliomanen, getroffen von Martha Schoknecht.

Informationen zum Buch: „Der schönste Ort der Welt“

Das Bild zum Beitrag wurde in der Buchhandlung Urban in Bad Tölz aufgenommen, auch ein wunderbarer Ort mit tollen Buchhändlern: https://www.buchhandlung-hansurban.de/buchhandlung/

LESARTEN: Der Buchhändler – Lotse, Ratgeber und Verführer.

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Bücher bieten Vitamine für das Hirn – liebevoll arrangiert werden bei Aegis auch die antiquarischen kleinen Kostbarkeiten. Alle Bilder: Birgit Böllinger

„Das Geheimnis unseres Erfolges war, dass wir die Buchhandlung zu einem magischen Ort machen wollten, der sich von anderen abhob und in dem schon der Kauf eines Buches zu einem aufregenden Erlebnis wurde. Das war von Anfang an unser Ziel, und je mehr wir uns in die Idee vertieften, desto mehr traf es zu. (…) Und so wurde der Laden – nicht weil wir uns das so ausgemalt hatten, sondern weil Bücher zu verkaufen einfach etwas Persönliches ist – zu einem sehr persönlichen Ort.“

Madge Jenison, „Sunwise Turn“.

Neulich war ich mit einer Bekannten beim Bummeln in der Fußgängerzone einer bayerischen Großstadt. Die Fußgängerzonen sind austauschbar, die Läden überall dieselben. Wir kamen auch an jener Buchhandelskette vorbei, die mittlerweile in jeder Fußgängerzone zu finden ist. Massen von Büchern, gestapelt, in die Regale gepresst, Lagerhaltung. Kein Geist, der da atmen kann. Meine Bekannte sah mich an und seufzte: „Ehrlich, wenn ich das sehe, habe ich schon gar keine Lust mehr, was zu lesen.“

Sie brachte damit etwas zum Ausdruck, was der Börsenverein des Deutschen Buchhandels als einen Kern der Krise sieht:

„Bücher sind jedoch häufig aus dem öffentlichen Diskurs und persönlichen Umfeld verschwunden. Der Austausch über Bücher fehlt, Menschen sind weniger involviert in Buch-Themen und fühlen sich überfordert vom großen Titelangebot. Die Folge: Die Menschen finden am Buchmarkt keine ausreichende Orientierung mehr.“

(Quelle: https://www.boersenverein.de/de/portal/Presse/158382?presse_id=1477382)

Eine Untersuchung über den Buchmarkt führte nun, pünktlich zur Frankfurter Buchmesse, zu Unruhe: 6,4 Millionen potentielle Leser sind in den vergangenen Jahren entschwunden, die Bücherkäufe rückläufig, der Umsatz schrumpft. Aber dennoch werden immer mehr Bücher produziert (von „verlegen“ mag ich bei manchen Titel schon gar nicht mehr sprechen).

Die Verlage zur Selbstbeschränkung aufzufordern, ist wohl naiv und sinnlos. Aber seien wir doch ehrlich: Es wird einfach zu viel veröffentlicht, neu aufgelegt, das Rad dreht sich immer schneller, ein „meisterhaftes Debüt“ jagt das nächste, die gehypten Bücher von gestern landen heute als Remittenten auf dem Tisch der Sonderangebote. In der Masse geht das Gespür für das „besondere“ Buch, für die talentierte Autorin, für die literarische Qualität verloren. Ich meine damit nicht, dass man den Menschen nur noch Joyce und Proust verordnen sollte – Literatur gehört auch nicht in einen Elfenbeinturm, nicht einer literarisch gebildeten Elite vorbehalten. Aber etwas weniger Seichtigkeit, etwas mehr Konzentration auf einige herausragende Titel, die diesen oben genannten Diskurs über viele Schichten hinweg anstoßen könnten, das täte meiner Meinung nach dem Buchmarkt gut. Das Buch wieder zu etwas Besonderem machen – ein blauäugiger Wunsch, ich weiß.

Wer angesichts der Flut an Büchern nicht weiter weiß, der gründe einen Lesekreis – oder wende sich an einen Buchhändler seines Vertrauens. In einer Zeit der Massenproduktion kann er der Lotse sein durch den Bücherdschungel, Orientierung geben, Empfehlungen aussprechen oder den Kunden auch sanft in eine neue Richtung stupsen. Horizonte öffnen. Und im besten Fall wird so das Buch zu einem persönlichen Erlebnis,  die Buchhandlung zum magischen Ort, an dem man über das Buch, über Gott und die Welt diskutieren kann.

2018_Ulm (29)Einer von diesen, die für das Medium Buch brennen, das ist Rasmus Schöll aus Ulm. Vor wenigen Monaten übernahm der 31jährige Buchhändler die Traditionsbuchhandlung „Aegis“ in der Münsterstadt: 1946 eröffnete Ernst Gustav Siegfried Bauer, der im Nationalsozialismus als Widerstandskämpfer jahrelang unter Beobachtung stand, in der Ulmer Altstadt, nahe des Münsters, eine Buchhandlung mit Verlag und Antiquariat. Sein erster Lehrling schrieb Literatur- und Verlagsgeschichte: Siegfried Unseld, der 1959 den Suhrkamp Verlag übernahm. An ihn erinnert auch heute noch einer seiner Briefe, der gerahmt bei Aegis hängt und von der Belesenheit dieses Verlegers und Buchhändlers spricht. Ernst Joachim Bauer, Sohn des Aegis-Gründers, betrieb Laden, Antiquariat und den dazu gehörigen Verlag seit den 1970er Jahren – nun aber, mit 70, wollte er sich zur Ruhe setzen. Zumindest teilweise: Leser bleibt man schließlich immer. Und zudem wird die einst als Filiale in Laichingen (Alb-Donau-Kreis) gegründete Außenstelle zum Stammgeschäft für Bauer, der dort auch lebt.

Eine Buchhandlung übernehmen in der heutigen Zeit? Wo alle Welt von der Krise spricht, wo der Onlinehandel einen großen Teil des Geschäftes dominiert, wo die Ketten vor allem von Bestsellern und Umsätzen mit Artikeln rund ums Buch leben? Wer Rasmus in seinem Laden erlebt, der ahnt: Da muss man sich wohl keine allzu großen Sorgen machen. Da treffen händlerische Kompetenz und literarische Leidenschaft zusammen. An jenem Samstagmorgen, an dem ich „Aegis“ besuche, ist von Krise jedenfalls wenig zu spüren: Die Ulmer schlendern vom Wochenmarkt in der Breiten Gasse mit ihren schönen Läden vorbei, machen Halt im Buchladen, suchen, schnuppern und wollen vor allem auch eins: Gute Beratung. Eine Dame war angetan von einer Empfehlung des Literarischen Quartetts und sucht nun etwas Ähnliches. Eine junge Mutter mit Anhang geht zielstrebig in die Kinderecke. Ein mittelalterlicher Herr weiß eigentlich genau, was er will – aber dann bräuchte er doch noch ein Geschenk, und weil ihm der Tipp zusagt, kauft er das Buch gleich doppelt.

Die beste Kundenbindung, das zeigt sich hier, das ist die passende Beratung: Wenn jemand von einem Lesetipp begeistert ist, dann kommt er wieder. Und Rasmus und seine drei Mitarbeiterinnen sowie Florian L. Arnold, mit dem Rasmus den Verlag „TOPALIAN & MILANI“ betreibt, und der ebenfalls einen Tag in der Woche bei Aegis zu finden ist, wissen, was sie empfehlen: Im Laden steht fast nichts, was sie nicht selbst gelesen haben. “Aber es geht uns nicht darum, die Menschen zu bevormunden – wir haben zwar keinen Sarrazin im Laden, um ein Beispiel zu nennen, aber wer das Buch bei uns bestellen will, bekommt es“, sagt Rasmus. Und natürlich gibt es die Tische mit den Longlist- und Bestseller-Büchern, die gerade im Gespräch sind. Im Geschäft selbst jedoch ist auch viel Fläche dem vorbehalten, was Lesern eben nicht von den einschlägigen Listen entgegenspringt: Viel Literatur aus unabhängigen, kleinen Verlagen, eine Philosophie-Ecke, ein Platz für wunderschöne Künstlerbücher.

Schon räumlich unterscheidet sich „Aegis“ von den Bücherkaufhallen der Fußgängerzonen: Verwinkelt schlaucht sich der Laden in der ersten Ebene um mehrere Ecken. In jeder von diesen sind liebevolle gestalterische Details zu finden, die das Leserherz optisch ansprechen. Während im Erdgeschoß neue Bücher zu finden sind, taucht man im ersten Stock in eine ganz andere Welt ein – durch eine handgemachte Falttür aus Holz betritt man Räume, die den Geist einer anderen Zeit zu atmen scheinen. Hier ist das Antiquariat zu finden. „Durch den Onlinehandel sind ja vor allem die Antiquariate aus unseren Städten verschwunden“, sagt Rasmus. „Man merkt das, wenn man jüngere Leute in der Buchhandlung hierher führt – die haben noch nie ein Antiquariat gesehen, für die ist das ein Erlebnis.“

Der Buchkauf als Erlebnis, wie von Madge Jenison beschrieben: Wo es noch Buchhändler wie Rasmus gibt, ist das noch möglich. Da wird der Buchhändler zum Lotsen, der jedem Kunden den passenden Tipp zu geben mag. Da wird er zum Orientierungsgeber, wenn einen die Auswahl erschlägt. Und manchmal wird er auch zum Verführer – kaufen wollte ich bei meinem Aegis-Besuch „eigentlich“ nur zwei Bücher. Verlassen habe ich den wunderbaren Laden mit einem vollen Rucksack.

Mein Plädoyer lautet: Geht in eure Buchhandlung vor Ort, lasst euch anstecken von Leidenschaft und Belesenheit. Lernt neue literarische Länder kennen – ein guter Buchhändler macht das möglich.

Übrigens: Bald ist wieder die Woche der unabhängigen Buchhandlungen. Eine tolle Aktion. Und wer in und um Ulm herum ist, sollte da – aber auch zu jeder anderen Woche des Jahres – unbedingt einen Abstecher zu „Aegis“ machen.

Kontakt und Information:

Der Buchladen Aegis – https://aegis-literatur.de/

Der Verlag – http://www.topalian-milani.de/

Die Woche der unabhängigen Buchhandlungen – https://wub-event.de/

LESEZEICHEN von: Mark Forsyth

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„Die Kunst des Buchhändlers oder der Buchhändlerin  besteht darin zu unterscheiden, welche Bücher er oder sie nicht ins Sortiment aufnehmen möchte. Es reicht nicht aus, gute Bücher anzubieten, man darf keine schlechten haben.
Hätte eine Buchhandlung sämtliche Bücher im Angebot, wie groß wäre die Chance, das eine Buch zu finden, das Sie brauchen? Eine solche Buchhandlung wäre perfekt, wenn Sie bereits wüssten, was Sie brauchten, aber das ist, wie gesagt, nicht das, worauf es bei einer Buchhandlung ankommt. Das ist etwas fürs Internet. Nein, die perfekte Buchhandlung ist bescheiden und wählerisch.

Sie sollt es Ihnen ermöglichen, mit verbundenen Augen einzutreten, irgendein Buch in die Hand zu nehmen und dabei etwas Wunderbares zu entdecken.“

Mark Forsyth, „Lob der guten Buchhandlung oder Vom Glück, das zu finden, wonach sie gar nicht gesucht haben“.

Mark Forsyth ist Autor und Bibliophiler. Er schreibt auf dem „Inky Fool Blog“. Sein Bekenntnis zur guten Buchhandlung, das Bekenntnis eines Bibliomanen, gab es beim Welttag des Buches am vergangenen Samstag als kleine Beigabe in der wunderbaren Buchhandlung „Literatur Moths“ in München: Auch so ein Ort, den man mit verbundenen Augen betreten kann – und dann mit wunderbaren Entdeckungen wieder verlässt. Ich habe – obwohl ich mir ein Buchverkaufsverbot auferlegt habe – zugeschlagen: Den Irrfahrten von Persiles und Sigismunda konnte ich einfach nicht widerstehen. Dagegen habe ich KEINEN Pechkeks erworben, den es bei Moths ebenfalls gibt. Ich ahne schon, was drin stehen könnte: „Bücher werden Ihr Ruin sein.“ Zumindest finanziell.

Madge Jenison: Sunwise Turn

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Bild von congerdesign auf Pixabay

„Bücher! Mache ich zuviel Aufhebens von ihnen? Sie klopfen an die Tür zur Zukunft. Sie sind so abwechslungsreich. (…) Sie schenken uns Motive, Möglichkeiten, Prüfungen und Vorlieben. Wir finden in ihnen die Gedanken, auf denen das moderne Leben aufbaut, die ihm seinen Glanz verleihen, „unser wahres Glück, unseren Stolz“. Wenn ein Mann sein ganzes Geld in seinen Kopf gesteckt hat, dann hat er es, wie Franklin sagte, gut untergebracht.“

Madge Jenison, „Sunwise Turn. Eine Liebeserklärung an die Welt der Bücher.“ edition ebersbach.

Als Madge Jenison gemeinsam mit Mary Mowbray-Clarke 1916 in Nähe der New Yorker Fifth Avenue ihre Buchhandlung eröffnet, ist dies für die beiden Frauen weit mehr als ein nur ökonomisches Abenteuer. Die beiden Damen sind keine geborenen Buchhändlerinnen, aber getrieben vom Verlangen, „das Buch“ und damit Bildung an die Frau beziehungsweise Mann zu bringen. Madge (1874-1960) und Mary (1874-1962) sind Teil eines intellektuellen-künstlerischen Zirkels in New York. Beide schreiben, Madge ist im Kampf für das Frauenwahlrecht aktiv, Mary schreibt und unterrichtet über Bildende Kunst. Beide haben vom Handel, insbesondere Buchhandel, keine Ahnung.

Humorvoll, engagiert, leidenschaftlich und ungeheuer fleißig – so scheint Made Jenison gewesen zu sein und so schreibt sie auch. Und aus jeder Zeile des schmalen Buches wird deutlich, worin der Erfolg von „Sunwise Turn“ lag: Weil hier Menschen mit Herzblut und unbedingter Überzeugung ein „Projekt“ stemmten, dessen Aussichten eher düster waren. Nicht nur die allgemeinen Rahmenbedingungen, der Umgang mit der „Ware“ Buch erschwerten den Betrieb, sondern auch die speziellen Bedingungen dieser Zeit – auch das Binnenleben der USA wurde vom 1. Weltkrieg überschattet. Und dennoch:

„Bücher sind keine besonders lukrative Handelsware, wenn es sich jedoch lohnt, sie zu verkaufen, dann lohnt es sich erst recht, es gut zu machen.“

Die beiden machten es offensichtlich sehr gut: Der Laden, mit viel Geschmack eingerichtet, entwickelt sich zum „Hot Spot“. Hier verkehren Intellektuelle ebenso wie bedürftige, ungebildete Menschen, die von eigens eingerichteten Fonds und dem guten Herz der beiden Buchhändlerinnen profitieren: Manches Werk wandert ohne Bezahlung über den Ladentisch. Im Laden finden Veranstaltungen statt, Lesungen werden abgehalten, auch einige Bücher unter dem Logo von „Sunwise Turn“ publiziert, Madge beliefert Kunden mit auf sie abgestimmten Literaturlisten, berät bei der Einrichtung öffentlicher Bibliotheken, scheint rund um die Uhr aktiv zu sein im Dienste des Buches. Wer dem lebendigen Erzählstil folgt, wird dies genießen. Jedoch: Dieses Buch ist nicht nur höchst unterhaltsam, sondern auch verdammt gefährlich – schlummert doch in vielen Leser(innen) ein(e) verkappte(r) Buchhändler(in). Ich jedenfalls begann bei der Lektüre davon zu träumen, eine „Sunwise Turn“-Filiale in Augsburg zu eröffnen.

ABER: Auch wenn Madge Jenison ausführlich an mehreren Stellen über die ökonomischen Abläufe, zähe Verhandlungen mit Verlegern, Rabattschlachten und Bilanzen schreibt – es geht aus dem Buch nicht hervor, ob die beiden Besitzerinnen jemals von ihrem Kleinunternehmen leben konnten. Ich nehme an, dass aus dem Projekt zwar eine Vollzeitarbeit wurde, die Existenz jedoch anderweitig gesichert war. Sei`s drum – die beiden erfüllten sich und anderen einen Traum, ein Bedürfnis.

„Das Geheimnis unseres Erfolges war, dass wir die Buchhandlung zu einem magischen Ort machen wollten, der sich von anderen abhob und in dem schon der Kauf eines Buches zu einem aufregenden Erlebnis wurde.“

„Wir neigten dazu, unsere Unternehmungen als Heldentaten zu betrachten. Manchmal hatte ich das Gefühl, als flirteten wir nur mit unserer Idee, als inszenierten wir sie wie ein Konzert. Doch sie hatte von der ersten Stunde an etwas an sich, das unabhängig von uns war – etwas Wahres.“

„Sunwise Turn“ ist mehr als ein Buch über Bücher und eine Buchhandlung. Das Buch, das nach seiner ersten Veröffentlichung 1923 ein großer Erfolg wurde, ist auch ein Stück Zeitgeschichte: Das Manhattan dieser Jahre wird lebendig, fast wie auf einem Stück Zelluloid sieht man beispielsweise Madge Jenison auf der Suche nach einem Streifenpolizisten, der den unverschlossenen Laden überwacht, durch die Straßen streifen oder auf einer Bank mit einem selbstmordgefährdeten Kriegstraumatisierten sitzen. Peggy Guggenheim liefert im bodenlangen Pelzmantel ehrenamtlich Bücher für den Laden aus, Theodore Dreiser begeistert die Jenison Kraft seiner Persönlichkeit, völlig fremde Menschen erzählen in der Buchhandlung ihre Lebens- und Liebensgeschichten.

„Schon bald stellte sich heraus, dass die meistgehandelte Ware in unserem Laden das Gespräch war.“

Und es ist schön, dass man als Leser ein Jahrhundert später daran noch teilhaben kann. Bei der edition ebersbach wurde das Buch, das zwischenzeitlich vergriffen war, 2014 wieder neu aufgelegt. Auch dazu gibt es eine schöne Buchhandelsgeschichte – nachzulesen beim Blog der Ulmer Buchhandlung Jastram:

http://jastramkulturblog.wordpress.com/2014/02/

Durch Buchhändler Samy Wiltschek wurde ich auf „Sunwise Turn“ aufmerksam: Die Jastram-Jahresgabe 2013 war ein schön gemachtes Heft mit einem Auszug aus dem Buch. Und das hat nicht zuletzt wieder zu einer deutschsprachigen Neuauflage geführt.

Eine schöne Besprechung ist zudem bei Ingrid vom Block Druckschrift zu lesen.