Joachim Ringelnatz – Der Bücherfreund

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Bild von Nino Carè auf Pixabay

Ob ich Biblio- was bin?
Phile? „Freund von Büchern“ meinen Sie?
Na, und ob ich das bin!
Ha! und wie!

Mir sind Bücher, was den anderen Leuten
Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel,
Turnsport, Wein und weiß ich was, bedeuten.
Meine Bücher — wie beliebt? Wieviel?

Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl.
Bitte, doch mich auszureden lassen.
Jedenfalls: viel mehr, als mein Regal
Halb imstande ist zu fassen.

Unterhaltung? Ja, bei Gott, das geben
Sie mir reichlich. Morgens zwölfmal nur
Nüchtern zwanzig Brockhausbände heben —
Hei ! das gibt den Muskeln die Latur.

Oh, ich mußte meine Bücherei,
Wenn ich je verreiste, stets vermissen.
Ob ein Stuhl zu hoch, zu niedrig sei,
Sechzig Bücher sind wie sechzig Kissen.

Ja natürlich auch vom künstlerischen
Standpunkt. Denn ich weiß die Rücken
So nach Gold und Lederton zu mischen,
Daß sie wie ein Bild die Stube schmücken.

Äußerlich? Mein Bester, Sie vergessen
Meine ungeheure Leidenschaft,
Pflanzen fürs Herbarium zu pressen.
Bücher lasten, Bücher haben Kraft.

Junger Freund, Sie sind recht unerfahren,
Und Sie fragen etwas reichlich frei.
Auch bei andern Menschen als Barbaren
Gehen schließlich Bücher mal entzwei.

Wie ? – ich jemals auch in Büchern lese??
Oh, sie unerhörter Ese—
Nein, pardon! – Doch positus, ich säße
Auf dem Lokus und Sie harrten
Draußen meiner Rückkehr, ach dann nur
Ja nicht länger auf mich warten.
Denn der Lokus ist bei mir ein Garten,
Den man abseits ohne Zeit und Uhr
Düngt und erntet dann Literatur.

Bücher – Nein, ich bitte Sie inständig:
Nicht mehr fragen! Laß dich doch belehren!
Bücher, auch wenn sie nicht eigenhändig
Handsigniert sind, soll man hochverehren.

Bücher werden, wenn man will, lebendig.
Über Bücher kann man ganz befehlen.
Und wer Bücher kauft, der kauft sich Seelen,
Und die Seelen können sich nicht wehren.

Joachim Ringelnatz

„Der Bücherfreund“ erschien erstmals in der Ringelnatzischen Gedichtsammlung „Allerdings“ im Jahr 1928. Ob der Bücherfreund Ringelnatz selbst über eine so überbordernde Bibliothek verfügte, bezweifle ich – zu unstet war sein Leben, zu oft war er unterwegs, zu häufig auch in finanziell prekäre Lagen, um selbst eine Bildungsbürgerbüchersammlung um sich zu haben. Allerdings kannte er sich – nicht nur als Lesender und Schreibender – aus im „Verwalten“ von Bücherbergen. Vielleicht dachte er bei diesem Gedicht an seine Zeit in Klein-Oels zurück: Dort verwaltete er 1912 die Bibliothek des Grafen Yorck v. Wartenburg. Nachdem er wegen einer Prügelei entlassen worden war, arbeitete er im Jahr darauf als Bibliothekar Börnes v. Münchhausens, später als Bibliothekar und Fremdenführer auf Burg Lauenstein (Oberfranken), bis er 1913 wieder nach München ging, um seiner eigentlichen Berufung als Bühnenkünstler und Schreibender nachzugehen.


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Horst Moser: Kleinstadtidyll

„Wenn man mit den Abgründen zu tun hat, lernt man viel über die Menschen. Gott hatte ihn mit dieser Gabe gesegnet. Er musste die Menschen nur beobachten, sie wirklich beobachten. Das Verhalten verrät so viel mehr als Worte, die ausgesprochen werden, als wären sie nur eine Ablenkung vom ganzen Rest, wie die Tintenwolke, die der Kalmar ausstößt, um sich unerkannt davonzumachen.“

Horst Moser, „Kleinstadtidyll“, Edition Raetia, 2018.

Die Gabe, Menschen zu beobachten, ihren Beweggründen auf den Grund zu gehen, ihr Verhalten nachvollziehbar zu schildern, also kurzum seine Figuren schlüssig zu entwickeln, ohne alles auszusprechen und dennoch keine Tintenwolken aufs Papier zu sprühen, die hat auch der Tiroler Autor Host Moser. „Kleinstadtidyll“ ist sein zweiter Roman beim Verlag „Edition Raetia“ nach „Etwas bleibt immer“.

Mit dem ersten Buch verbindet mich eine besondere Geschichte – Horst Moser hatte mir seinerzeit das Manuskript anvertraut mit der Bitte um kritische Prüfung. Die Story, eine Mischung aus Kriminalroman und Psychogram, fesselte mich, wenngleich ich auch die eine oder andere Wendung nicht ganz nachvollziehen konnte.

Gespür für die Entwicklung seiner Figuren

Und nun „Kleinstadtidyll“: Reifer, ausgereifter, mit weniger spektakulären Schauplätzen, weniger überraschenden Drehungen, aber mit einem noch besseren Gespür für die Entwicklung von Figuren. Im Mittelpunkt steht die 26-jährige Sophie, die aus ihrer Heimatstadt geflüchtet ist. Eine Kleinstadt in den Bergen, jeder kennt jeden, alles scheint überschau- und durchschaubar. Sophie führt ein unabhängiges, freies, wildes Leben, ohne festen Partner, ohne allzu ernstzunehmenden Job.

Doch eines Tages holt sie die Kleinstadt, sprich die Vergangenheit wieder ein: Ein anonymer Schreiber sendet ihr Emails, die auf ein dunkles Geheimnis in ihrer (gemeinsamen) Kindheit hinweisen. Zunächst ist sie versucht, das Ganze zu ignorieren. Doch mehr und mehr lässt sie sich von den Emails, die wie distanzierte Hilferufe klingen, einfangen. Und kehrt zurück in die Kleinstadt, um  das Rätsel zu lüften.

Je mehr die wilde Sophie eigene Kindheitserinnerungen wachruft, je mehr Fragen sie bei ihren Eltern, alten und neuen Bekannten in der kleinen Stadt stellt, je mehr eigentlich gesagt wird, desto größer wird die Mauer des Schweigens.

„Am Ende blieb alles Gerede, allmählich nahm das Interesse an dem Geschehen ab, bis nur mehr wenige davon sprachen, bis auch diese Geschichte auf dem Stapel landete, dem irgendwo im Verborgenen abgelegten Stapel der sich in der Stadt zugetragenen Geschichten. Ohne Folgen, ohne Konsequenz. Es war vorgefallen. Es wurde weggelegt. Schließlich lebte man in einer Gemeinschaft. Bevor man an das Schrecklichste glaubte, freundete man sich dann doch lieber mit dem Einfacheren an. Auch, um sich selbst zu schützen.“

Spannende Geschichte

Das Schrecklichste, das ist eine Gemengelage, wie sie in jedem Ort der Welt vorkommen könnte: Gierige Unternehmer, erpressbare Geistliche mit einem strafbaren Hang zu Kindern, unterdrückte Gelüste, ausgelebte Gemeinheiten. Horst Moser verwebt dies geschickt zu einer Mischung aus Kriminalroman und Entwicklungsgeschichte, erzählt aus mehreren Perspektiven. Sprachlich behutsam, wenn auch da und dort das Lektorat noch etwas hätte eingreifen können, um den einen oder anderen umständlicheren Ausdruck eleganter zu schleifen, um hier und dort zu straffen.

Trotz dieses minimalen Kritikpunktes: Die Geschichte ist stimmig und spannend. Und bietet ein versöhnliches Ende für die Hauptfigur Sophie, in die man sich gut hineinfühlen kann.

„Sie musste daran denken, wie sie vor wenigen Tagen hier vorbeigekommen war. (…) Hier kann man gar nicht anders, als sich eingeengt zu fühlen, hatte sie gedacht. Man bekommt einfach eine Identität verpasst. Familienname. Gesellschaftsstatus. Zuweisungen: Das hat er von seiner Mutter. Schau, ganz der Vater. Oder: Das hat er nicht von uns. Man hat gar keine Wahl, man wird zu dem, was andere von einem erwarten. Das hatte sie noch vor einigen Tagen gedacht. Jetzt spürte sie, dass das nur ein Teil der Wahrheit war. Es lag an einem selbst, was man daraus machte. Ob man sich dem unterwarf oder ob man sich stellte, dem Leben und dem, was es für einen bereithält.“


Informationen zum Buch: Kleinstadtidyll

Text und Fotografie auf dem Blog des Autoren: http://www.horstmoser.com/

Bild zum Download: Saubere Fassade


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LESARTEN: Altes Buch ganz neu. Und tut gut.

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Bilder: Birgit Böllinger

Die Geduld bringt nicht jeder auf: Sorgfältig faltet Andreas Karg Buchseite um Buchseite nach einem genauen „Schnittmuster“, bis am Ende ein kleines, filigranes Kunstwerk entsteht. Gebrauchte Bücher entfalten so eine ganz neue, ungeahnte Schönheit: Als zarte Papierblumen, als außergewöhnliche Weihnachtsbäume oder aber auch mit einem „Danke schön“ beziehungsweise dem Schriftzug des FC Bayern zwischen zwei Buchdeckeln. „Das wollen wir dem Verein mal überreichen – als Werbegag für unsere Einrichtung“. An kreativen Einfällen herrscht bei Roland Haag kein Mangel. Und eines der wichtigsten Vorhaben des Psychologen führte zu einer neuen Einrichtung bei den Wertachtal-Werkstätten in Kaufbeuren (Bayern), einer eigenen Abteilung für Menschen mit einer erworbenen Hirnschädigung. Bundesweit gibt es noch wenige solche Einrichtungen, die sich speziell um Arbeitsmöglichkeiten für Menschen aus dieser Gruppe bemühen.

Seit 1998 arbeitet Roland Haag bei den Werkstätten, einer Einrichtung der Lebenshilfe Ostallgäu, mit Menschen mit Behinderung. „2001 hatte ich dann das erste Mal mit einem Beschäftigten zu tun, der eine erworbene Hirnschädigung hatte“, so Haag, „und es wurde schnell offensichtlich, dass dieser Personenkreis ein anderes Arbeitsumfeld braucht, als es die Werkstatt in der Regel bieten kann.“

Viel Geduld und ein langer Atem waren nötig, doch 2016 war es dann soweit: Zunächst mit sechs Plätzen – heute sind es zwölf – startete die Wertachtal-Werkstätten gGmbH einen eigenen Berufsbildungsbereich für Menschen, die beispielsweise durch einen Schlaganfall, einen Herzinfarkt oder durch ein Schädel-Hirn-Trauma nach einem Unfall mitten aus ihrem Leben gerissen wurden. „Viele der betroffenen Menschen bringen berufliche Fertigkeiten mit, die nach der Rehabilitation wieder aktiviert werden können – sie sind aber oftmals nicht mehr andauernd belastbar“, so Haag. „Sie brauchen jedoch eine Arbeit, die abwechslungsreich ist und sie herausfordert, das ist im normalen Arbeitsablauf einer Werkstätte nicht ganz einfach.“ Zudem müssten die Tätigkeiten Konzentration und Aufmerksamkeit fördern und die motorischen Fähigkeiten müssen intensiv aktiviert werden – die Anforderungen sind also breitgefächert.

Doch auch dafür fand Ronald Haag eine Lösung: In der Gruppe, die über eigene, freundliche Räumlichkeiten verfügt, dreht sich alles ums Medium Buch. Drei Schwerpunkte machen die Arbeit aus – der Verkauf von gebrauchten Büchern über einen großen Internethändler, der handwerklich-kreative Bereich und das Digitalisieren von Fotos und Dias nach Kundenauftrag. „Wichtig ist, dass jeder unserer Beschäftigten möglichst alles machen kann“, so Roland Haag.

Das „Kerngeschäft“ ist der Gebrauchtbuchhandel: Mit einem Programm, das ein Buchhändler und Antiquar eigens für Behindertenwerkstätten entwickelt hat, werden an vier Arbeitsplätzen täglich Bücher eingelesen. Fast täglich bringt jemand gebrauchte Bücher vorbei, seit sich das Angebot herumgesprochen hat. Aber auch Aktionen wie ein Wettbewerb an den Kaufbeurer Schulen zum „Tag des Buches“, wer die meisten Bücher sammelt, bringen sowohl literarischen Nachschub als auch Aufmerksamkeit und Kontakte. „Wir haben alle beteiligten Schulklassen hierher eingeladen, etliche kamen – da war ganz schön was los“, sagt Roland Haag schmunzelnd. Dies und die Kooperation mit dem Buchloer Büchermarkt, die Präsenz auf Veranstaltungen und Märkten mit dem kreativen Buchhandwerk, alles dient auch dazu, Präsenz zu zeigen, über die Thematik der erworbenen Hirnschädigung zu informieren und vor allem, die betroffenen Menschen in Kontakt mit der Gesellschaft zu bringen. Denn viele von ihnen haben durch ihre Behinderung oftmals nur noch die Familie als Rückhalt, der Freundeskreis und die sozialen Kontakte über die Arbeit gehen verloren.

IMG_2961„In der Arbeit hier geht es nicht darum, wieder mit den Grundtugenden wie Pünktlichkeit und ähnlichem zu beginnen“, so Roland Haag, der die Gruppe gemeinsam mit der Heilerziehungspflegerin Jeannine Neurieder leitet. „Bei unseren Beschäftigten steht im Vordergrund, dass sie sich wieder etwas zutrauen, dass sie eventuell auch verlorene Fähigkeiten wieder erwerben, vor allem aber darf die Arbeit nicht monoton sein.“

Was den Mitarbeitern im Buchbereich vor allem gefällt, ist, dass es nie zur Routine wird. Vor allem im kreativen Bereich kann sich jeder auch mal frei ausprobieren. „Viele Bücher, die wir nicht verkaufen können, werden so weiter verwertet“, sagt Roland Haag. So kam eine Besucherin auf die Idee, die Buchrücken kleinteilig zu schneiden und daraus Mosaike zu machen. Was sich nicht im Internet vertreiben lässt, wird auf Flohmärkten angeboten, Bücher, die auf der „roten Liste“ landen, weil sie einfach zu abgenutzt sind, kommen zum Falten, werden zu Lesezeichen oder, wenn gar nichts mehr hilft, dann kommen sie ins Altpapier. Und selbst damit sind sinnvolle Arbeitsschritte verbunden: „Vorher müssen wir die Buchdeckel abtrennen, dafür brauchen wir auch etwas Kraft“, so Andreas Karg. „Ein Training, vor dem du dich gerne drückst“, scherzt einer seiner Kollegen.

Die lockere, freundliche Atmosphäre und das ruhige Umfeld, das konzentriertes Arbeiten zulässt – das, so Roland Haag, ist es, was die Mitarbeiter in dieser Abteilung brauchen. Haag selbst ist überzeugt, dass sich sein Konzept der spezialisierten Berufsbildungs- und Arbeitsgruppen für Menschen mit einer erworbenen Hirnschädigung durchsetzt und Nachahmer findet. Bundesweit geht man davon aus, dass es 800.000 Betroffene gibt, die nach einem Unfall oder Schlaganfall auf Dauer Unterstützung in ihrer Lebensführung brauchen.

IMG_2872Wer sich informieren möchte oder gar eines der Faltobjekte erwerben:

Wertachtal-Werkstätten gGmbH
Werkstatt für behinderte Menschen
Porschestr. 30
87600 Kaufbeuren
Telefon: 0 83 41 – 90 07 124

www.wertachtal.de

Das Programm, das für den Verkauf der Bücher genutzt wird, wurde eigens für den Einsatz in Werkstätten für Menschen mit Behinderung entwickelt:

http://www.buch-meister.de/


Bilder zum Download:
Bild 1, Falten
Bild 2, Gefaltete Seiten

 

Ben Redelings: 55 Jahre Bundesliga

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Ein Gastbeitrag von Florian Pittroff

Rechtzeitig, bevor die Bundesliga morgen wieder startet, liegt das neue Buch von Ben Redelings vor: „55 Jahre Bundesliga. Das Jubiläumsalbum. Unvergessliche Bilder, Fakten, Anekdoten“.

Schon die Erstauflage zum „50-jährigen Bundesliga-Jubiläum“ hat mich restlos begeistert – Das Fußballmagazin „11 Freunde“ schrieb damals: „Eine Festschrift auf das, was wir alle so sehr am Fußball lieben.“ Kein Wunder, über 50.000 Mal wurde der seit langer Zeit vergriffene Bestseller damals verkauft. Grund genug für den „Verlag Die Werkstatt“ und Ben Redelings den aktualisierten und erweiterten Band „55 Jahre Bundesliga – das Jubiläumsalbum“ zu veröffentlichen.

Auf 416 Seiten bietet das Buch eine unterhaltsame und informative Rückschau auf 55 Jahre Bundesliga. Die Texte sind nicht zu lang, sie kommen schnell auf den Punkt und sind genauso informativ wie lustig geschrieben.

Es macht arg viel Spaß darin zu schmökern, zu blättern und den ein oder anderen in Vergessenheit geratenen Spieler wieder zu entdecken. Wie wäre es mit Dieter Versen: „Der VfL Bochum gewinnt 3:1 gegen Schalke 04 – mit einer absoluten Notelf. Erst in letzter Minute konnte man den eigentlich bereits ausgemusterten Dieter Versen ausfindig machen – er sitzt mit Freunden gemütlich in einer Kneipe“.

Dazu gibt’s die witzigsten Sprüche. Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: „Ich bin bei meinen Eltern und Großeltern groß geworden – na ja, groß geworden nicht so. Aber bei ihnen aufgewachsen.“ (Philipp Lahm in Anspielung auf seine Körpergröße von 1,70 m).

Natürlich darf Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder nicht fehlen in „55 Jahre Bundesliga!“ Als Ex-Bayern München-Star Paul Breitner einst meckerte: „Du pfeifst wie ein Arsch“, antwortete Ahlenfelder schlagfertig: „Du spielst ja auch wie ein Arsch“. Zum „Kult-Schiri“ wurde er, als er bei der Bundesliga-Partie zwischen Werder Bremen und Hannover 96 in der Saison 1975/1976 die erste Hälfte nach 32 Minuten abpfiff, dann doch weiterspielen ließ und schließlich 90 Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit endgültig zur Halbzeit pfiff.

Fußball ist so viel mehr als Ergebnisse, Statistiken und Titel – Ben Redelings sei Dank zeigt sich hier: Es sind die Geschichten, die den Fußball rund machen. Was für ein wunderbares Buch. Für Bundesligajunkies genau die richtige Einstimmung auf das, was nun beginnt – nämlich das 56. Jahr der Fußballbundesliga.

Florian Pittroff
www.flo-job.de

Petra Gust-Kazakos: Gefahren des Lesens

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Bild von Daniel Nebreda auf Pixabay

„Bücher zu lieben, um ihres Inhalts oder ihrer selbst willen, ist an sich noch nicht gefährlich. Und wenn ich Ihnen nun sage, dass sowohl vom Lesen als auch von den Büchern Gefahren ausgehen, die sogar tödliche Folgen haben können, klingt das vielleicht übertrieben. Doch Bibliophilie kann zu einer höchst gefährlichen Liebschaft werden, wenn sie sich zur Bibliomanie auswächst.“

Petra Gust-Kazakos, „Gefahren des Lesens“, Verlag adson & fecit, 2016.

Bücher, in denen das Lesen und das Medium Buch beinahe schon reliquienhaft hervorgehoben werden, gibt es viele: Üppige Bildbände mit Aufnahmen prachtvoller Bibliotheken, Erlebnisberichte passionierter Buchhändlerinnen, Einblicke in die Schreibstuben berühmter Schriftsteller, Anthologien über die Liebe zum Buch. Man kann durchaus von einem eigenen Genre reden.

Aber keiner dieser Autoren sagt einem, dass das Lesen auch eine höllisch gefährliche Angelegenheit und das Buch eine tödliche Waffe sein kann. So hat eine Gesamtausgabe Ringelnatz beispielsweise im Hause Böllinger einen Zehennagel ruiniert. Einen Warnhinweis auf dem Schuber – „Achtung, diese Bücher könnten Ihnen auf den Fuß fallen“ – fand ich jedoch nicht. Ebenso wenig warnte mich jemand vor dem Unmut von Umzugshelfern, der durchaus zu psychisch belastenden Situationen führen kann.

Wer Bescheid wissen will, wieviel Gefahr so eine Ansammlung von Gedrucktem in sich bergen kann – der lese die Essays von Petra Gust-Kazakos. Vor richtigen, ernstzunehmenden und nachweisbaren Gefahren warnt die Bloggerin und Autorin in ihrem neuestem Werk – allerdings immer mit einem Augenzwinkern, kann sie doch ihre eigene Bibliomanie nicht ganz verbergen. Und so sind die Texte letzten Endes doch eines: Eine Liebeserklärung an das Medium Buch. Bereichert durch zahlreiche ernstzunehmende Daten und Fakten (keine fakes!), aber auch mit „Blüten“ und Anekdoten – insbesondere der Abschnitt über literarische Scherze hat es mir angetan.

„Gefahren des Lesens“, Ende 2016 beim Verlag adson fecit erschienen, ist ein  unterhaltsamer und kluger Ausflug zu den dunkleren Seiten dieser mindestens drittschönsten Sache der Welt. Wer den Blog von Petra verfolgt, der weiß schon ein wenig, wie sie schreibt: Intelligent, spritzig, klug und charmant. Und so ist auch „Gefahren des Lesens“ ein Sachbuch, das weder belehrend und mit erhobenem Lehrerfinger geschrieben noch staubtrocken im Ton ist. Sondern eines, das man als Bibliophilin respektive Bibliomanin mit einem kleinen Schmunzeln liest – erkennt man sich doch ab und an auch in den beschriebenen Eigenheiten von Viellesern gut wieder.

„Erfreut sich der gewöhnliche Leser (Lector communis) noch weitgehend allgemeiner Munterkeit, so sieht es für den belesenen Viel-Leser (Lector multiplex) trüb und trüber aus (…). Unter Artgenossen fühlt er sich wohl, anerkannt und ganz in seinem Element. Doch außerhalb dieser kleinen Gemeinschaft gilt er als Exot, seine natürlichen Lebensräume schwinden und seine Arterhaltung steht nicht im Mittelpunkt des Interesses, weder gesellschaftlich noch politisch noch sonstwie.“

Der Vielleser als bedrohte Art sucht sich daher Leidensgenossen – und findet die oftmals, in dem er zu bloggen beginnt. Aber auch da lauern Gefahren, wie Petra weiß – sei es, dass man vor lauter lesen, bloggen und kommentieren kaum mehr unter Menschen geht oder sich mit dem Blick auf Klicks und Statistiken unter Stress setzt und damit die eigentliche Lust am Blog verliert.

Allerdings sind das die kleineren Risiken und Nebenwirkungen, die mit dem Medium Buch zusammenhängen. Weitaus konkreter wird die Gefahr für „Leib und Leben“, wenn es um Schriftsteller und Journalisten in autoritären Staaten geht. Kann der Inhalt eines Buches zur politischen Waffe werden, lauert eine andere Gefahr in der Zensur. Dem ist ebenso ein Kapitel gewidmet wie dem Thema „Informationsfluß und Transparenz“. Petra schreibt anschaulich über wichtige Fragen, die man sich als Leser doch regelmäßig selbst auch vergegenwärtigen sollte – beispielsweise über die Entwicklung von Qualitätskriterien oder auch über den Einfluss von Kritik und öffentlicher Meinung auf die eigene Wahrnehmung beim Lesen eines Buches.

Vor der Gefahr, die unmittelbar von ihrem eigenen Buch ausgeht, hätte sie jedoch warnen müssen: Die zahlreichen Hinweise auf verlockende Lektüren, aus denen Petra Beispiele bringt, haben dazu geführt, dass „zwar nicht Angst essen Seele, aber Gier fressen Geldbeutel“ auf. Auch da wäre ein dicker Warnhinweis angebracht gewesen. Ansonsten aber finde ich die Einbandgestaltung gefährlich gut.

Zum Blog von Petra Gust-Kazakos:
https://phileablog.wordpress.com/

Verlagsangaben zum Buch:
https://adson-fecit.com/2016/07/29/gefahren-des-lesens/

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Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

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Bild von Chickenonline auf Pixabay

„Der Kapitän mit der Tätowierung seiner Frau auf der uralten Brust tauchte vor seinem inneren Auge auf – wie bläulich verwaschen die ursprünglich schwarze Tinte geworden war. Sie war unter der Haut des alten Mannes verlaufen, und das gestochen scharfe Bild war zum Aquarell verschwommen – zu einem bloßen Schatten der geliebten Frau.“

Adam Johnson, „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“, Suhrkamp Verlag.

Abenteuerroman, Liebesgeschichte, Politbuch: Ein dicker Brocken, den Adam Johnson hier mit rund 700 Seiten dem geneigten Leser vorlegt. Dick ja, gewichtig nein: „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“, der zweite Roman des US-Schriftstellers, ist gut geschrieben, wartet mit einem aktuellen Thema auf und arbeitet sich daran burleskisch ab.  Aber dennoch fragt man sich am Ende des Buches: ???

Dass das Buch auf der Bestsellerliste der New York Times gelandet ist, ist nachvollziehbar. Johnsons` Stil ist geschult am amerikanischen System des universitären „Creative Writing“. Immer wieder kommen aus diesen Kaderschmieden – Johnson selbst lehrt in Stanford kreatives Schreiben – hervorragende Unterhaltungsromane. Und dies ist auch „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ letzten Endes – nicht mehr, und nicht weniger. Eine gut lesbare, unterhaltsame Geschichte, die alle Kriterien des Genres „Abenteuerroman“ erfüllt: Ein moralisch aufrechter Held, eine große Liebe, ein exotischer Schauplatz, unwahrscheinliche, gefährliche Ereignisse. In den Kanon der großen Weltliteratur gehört das Buch aber nicht.

„Adam Johnsons Buch ist politische Science-Fiction, keine Propaganda, aus genuin amerikanischer Perspektive erzählt. Literarisch ist es eigentlich nicht bemerkenswert. Es verbleibt im Romanschema, wie es an amerikanischen Universitäten gelehrt wird, übrigens auch von Adam Johnson. Es gibt eine klare Geschichte, das Leben des Jun Do, kontrastierende Erzählstränge wie die Bekenntnisse eines anonymen, am Job verzweifelnden Folterknechtes oder die aus den Lautsprechern über Pjöngjang quakenden Lern- und Propagandageschichten für das Volk. Das letzte Drittel wird von einem leicht verständlichen ethischen Konflikt dominiert: Lohnen sich Verrat und Selbstopfer? Das ist simpel, verworren hingegen das Leben des Jun Do.“

So urteilt Thomas E. Schmidt 2013 in der Zeit. Und setzt noch eins nach:

Leider unterzieht der Autor auch seine Leser einem Schmerztraining. Lesbar ist das Buch, solange es satirisch bleibt und beispielsweise das nicht minder skurrile Texas aus nordkoreanischer Perspektive beschreibt. Auch das Porträt Kim Jong Ils gelingt. Johnson macht aus ihm einen sardonischen Schöngeist, er ähnelt dem Joker aus Batman, wäre da nicht die Vorliebe für die beigen Vinalon-Anzüge. Ganz unerträglich wird der Roman allerdings, wenn er akribisch Foltermethoden und Demütigungspraktiken schildert. Der Hunger, die Aussichtslosigkeit, die hygienischen Verhältnisse, die grauenerregende Ausbeutung der Körper und Seelen – all das beeindruckt. Doch erhöht die Frequenz solcher Beschreibungen nicht die literarische Qualität. Am Ende sinkt der erschöpfte Leser ins Kissen zurück: „Toll, dass der Waise Jun Do eine unsterbliche Seele hatte. Noch besser, dass das Buch nun aus ist.“

Dass der Schmöker 2013 sogar mit dem Pulitzer-Preis für Belletristik ausgezeichnet wurde, führte bei mir schon zu ersten Zweifeln an den literarischen Maßstäben und Fachkenntnis der Jury. Aber es mag auch eine von der Politik dominierte Entscheidung gewesen sein.

Pulitzerreifes Thema

Denn Johnson hat sich einen Schauplatz gewählt, der insbesondere in den USA Aufmerksamkeit garantiert: Nordkorea. Das Buch ist nach wie vor hochaktuell, was den Grundkonflikt angeht: Die derzeit nach außen dringenden Nachrichten aus Nordkorea machen die im Roman beinahe fiktiv anmutenden Lebensverhältnisse, den Führerkult, die Unterdrückung der Menschen, die Brutalität und Verfolgung Andersdenkender nur zu glaubhaft.

Der exotische Schauplatz, den Johnson gewählt hat, ist also das Nordkorea des vergangenen Jahrzehnts. Der Leser profitiert hier von der journalistischen Ausbildung des Schriftstellers: Johnson hat umfangreich über Nordkorea, das Politsystem, die Ausbeutung der Menschen dort und deren Alltag recherchiert, bis hin zu einer Reise in das abgeschottete Land – hier allerdings war es Johnson, wie allen anderen Gästen auch, nicht möglich, hinter die Kulissen zu sehen. Vor allem dies macht eben auch die Faszination des Romans aus: Wenig weiß man über diese kommunistische Diktatur, wenig dringt nach außen. Die kurze Hoffnung, dass nach Kim Jong II durch dessen Sohn Kim Jong Un (der im Roman nicht auftritt) eine Öffnung und Besserung geschehen könnte, wurde schnell zunichte gemacht.

Erzählt wird von Johnson die Geschichte eines Waisenjungen, der in einem Staat, der seine Bürger normieren möchte, um seine Individualität kämpft – auch wenn er selbst keine Geschichte, keine Familie, nichts eigenes mitbringt. Jun Do ist auch ein John Doe – der sich jedoch im Laufe des Romans häutet, in eine neue Identität schlüpft, der versucht, das System in der Maske des Funktionärs auszutricksen. So weit, so gut – doch das Buch wankt zwischen realistischer Alltagsbeschreibung im unbekanntesten Land der Welt und wandelt sich dann, im zweiten Teil, zu einer Burleske mit tragischem Ausgang. Ein Bruch im Buch, der das Ganze seltsam unentschlossen wirken lässt.

Von Verlusten und dem Erwachsenwerden

Teil 1 – der Waisenjunge Pak Jun Do lernt eine Lektion fürs Leben: Je mehr der „geliebte Führer“ Kim Jong II einem seiner Bürger gibt, desto mehr kann er ihm nehmen: Zwischenmenschliche Beziehungen sind nur Beziehungen auf Zeit. Wer einen Menschen bei sich haben will, tätowiert sich sein Gesicht auf die Brust. Aber selbst diese hautnahen Beziehungen verblassen. Denn zwischenmenschliche Beziehungen sind gefährlich: Wer liebt, wird verletzbar. So opfert Pak Jun Do  seiner großen Liebe, seiner Sonne, seinem Mond, der Staatsschauspielerin Sun Moon, auch sein Leben. Teil 1 erzählt von Pak Jun Do, seinem Erwachsenwerden, seinen Verlusten, seiner Instrumentalisierung für das System.

Teil 2 – Pak Jun Do häutet sich. Er schlüpft in die Haut des Kommandanten Ga. Wird Ehemann der Staatsschauspielerin Sun Moon, wird persönliche Marionette des geliebten Führer, wird Folteropfer und Lebensretter. Um die Geschichte schlüssig zu Ende zu bringen, braucht es wohl diesen Rollenwechsel – trotzdem bleibt am Ende der Eindruck zurück, dass dem Autoren diese seltsame Konstruktion als einziger Ausweg verblieb, um seinen Roman irgendwie zu Ende zu bringen.

Erzählerisch in eine Sackgasse geraten, wird die Geschichte durch einen Kunstgriff befreit – nicht der einzige Haken, den Johnson schlägt. Oder wie es Hubert Spiegel im Deutschlandfunk in einer eingehenden und wohlwollenden Vorstellung des Buches ausdrückte:

„Seine Handlung schlägt Haken, die jeden jungen Hasen wie eine alte Schildkröte aussehen lassen.“


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LESEZEICHEN von: Monika Maron

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„Worüber zu sprechen ich mich hier aufgefordert fühle, ist etwas sehr Intimes, über das ich öffentlich eigentlich gar nicht sprechen möchte. Mir wurde zwar gesagt, ich dürfe dieses Amt gestalten, wie ich es wünsche, aber das ändert nicht viel, denn auf jeden Fall soll ich ja über Bücher sprechen und über das Schreiben und über mein Verhältnis zu Büchern und zum Schreiben; und das empfinde ich als geradezu exhibitionistisch. Seit jeher hat mich die Frage nach meinem Lieblingsbuch, die einem übrigens erstaunlich oft gestellt wird, meistens von Journalisten, in Verlegenheit gestürzt, weil ich erstens kein Lieblingsbuch habe, sondern in bestimmten Lebensaltern bestimmte Autoren mehr geliebt habe als andere und weil ich an Tschechow etwas anderes bewundere als an Kafka, und an Uwe Johnson etwas anderes als an Natalia Ginzburg oder Philip Roth.
Weil ich zweitens so viele Bücher, die ich hätte lesen müssen, nicht gelesen habe und darum nicht weiß, ob nicht eines dieser ungelesenen Bücher mein eigentliches Lieblingsbuch ist.
Und drittens erschreckt mich der Gedanke, was ich alles über mich verraten würde, wenn ich mein Lieblingsbuch, das ich aber nicht habe, preisgäbe.
Eine andere Frage, die mir seltener von Journalisten als von Lesern oder Zuhörern gestellt wird, sich aber ebenso gegen eine Antwort sperrt, ist die nach dem Grund, nach dem Warum; warum schreiben Sie?
Ich vermute, dass diese Frage so beliebt ist, weil viele Menschen hin und wieder das Bedürfnis verspüren, selbst ein Buch zu schreiben, dass sie in sich eine Geschichte bewahren, die sie für mitteilenswert halten, aber nicht die Kraft oder den Mut finden, mit dem Schreiben anzufangen, und nun wissen wollen, worin sich jemand, der es wirklich getan hat, von ihnen unterscheidet. Ich weiß auf diese Frage natürlich keine Antwort. Die Antwort wäre die Frage. Der eine tut es, der andere nicht.
Vielleicht ist es eine frühe Erfahrung, dass etwas, über das man nicht sprechen will oder kann, sich einem Stück Papier anvertrauen lässt und dass Konfusion, in Sprache gefasst, Gestalt annimmt; dass also etwas, das als Zuviel, als störender Überschuss an der eigenen Person empfunden wird, sich plötzlich als sinnstiftende Möglichkeit offenbart. Und wenn eine solche Empfehlung mit dem Lesen einhergeht und eines Tages der Blick auf das eigene Leben darin nach einer Form sucht, nach einer erzählbaren Form, kann der Wunsch entstehen, den unzähligen Büchern ein eigenes hinzuzufügen.“

Monika Maron, „Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche“, 2005, Fischer Taschenbuch (Infos zum Buch hier).

Temperament- und humorvoll berichtete Monika Maron in ihren Frankfurter Poetikvorlesung 2005 davon, wie sie ihrer Hauptfigur Johanna aus dem Roman „Endmoränen“ in einem zweiten Buch dazu verhelfen will, aus ihrer Lebenskrise etwas zu machen. Wie die Autorin Maron und ihre Figur Johanna beinahe daran scheitern und ein Hund aus der Schreibkrise helfen muss. Wie es als Ausweg erscheint, erstmals als männlicher Perspektive zu erzählen. Und weil bei einer Krise, ob im Schreiben oder auch sonst, manchmal nur die Flucht nach vorne hilft respektive eine Reise, führt dieser literarische Ausflug vom Frankfurter Hörsaal bis nach Mexiko City.

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Bill Bryson: Sommer 1927

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Bild von cocoparisienne auf Pixabay

„Als in Amerika der Juli anbrach – in der Woche, in der Richard Byrd und sein Team vor der französischen Luftfahrt notwasserten, in der New York unter seiner ersten Hitzewelle litt, in der Calvin Coolidge seinen fünfundfünfzigsten Geburtstag feierte, indem er in seine Cowboy-Montur schlüpfte, in der Charles Lindbergh nach Ottawa startete, in der Henry Fords Lakaien seine Entschuldigung an die jüdische Bevölkerung vorbereiteten und in der sich die führenden Zentralbanker der Welt zu einer geheimen Beratung auf Long Island versammelten -, beschäftigte die Nation am meisten, wie fit und motiviert Jack Dempsey war. Unzählige Reporter berichteten täglich aus seinem Trainingslager am Saratoga Lake im Bundesstaat New York und behaupteten, er wirke bedrohlich und entschlossen und seine Boxhiebe hätten eine Härte, wie man sie seit Jahren nicht mehr gesehen habe.“

Bill Bryson, „Sommer 1927“, Goldmann Verlag, 2014, Originaltitel: „One Summer. America 1927“, 2013.

In einer Sache kann man sich sicher sein: Wenn sich Bill Bryson ein Thema vornimmt, sei es eine kurze Geschichte von fast allem, seien es Reiseberichte oder Shakespeare-Dramen, dann wird es hochvergnüglich. Manchem distinguierten Historiker zuckt zwar die Augenbraue bei Nennung dieses Autorennamens hoch, aber die Leserschaft goutiert den Stil des gebürtigen US-Amerikaners, der seinen Lebensschwerpunkt jedoch nach England verlegt hat. Und so ist auch „Sommer 1927“ ein höchst unterhaltsames Sachbuch, das einige wenige Monate der amerikanischen Geschichte in den Fokus nimmt.

Zwar ist es nicht ganz schlüssig, warum ausgerechnet der Sommer 1927 (das war der, in dem laut Bryson „die Regierung ihre Bürger vergiftete“) für die USA von so wegweisender Bedeutung gewesen sein sollte. Dies ist jedenfalls der Ausgangspunkt, um den Bryson kreist. Ebenso würden zwar sich in den Jahren davor und danach Anhaltspunkte finden, um sie zu den Wendepunkten zu machen, an denen „Amerika erwachsen wurde“. Aber egal: Auch wenn der Amerikaner über 1743 oder 1984 schriebe, ich würde es mit Vergnügen verschlingen.

1927 jedenfalls ist das Jahr, in dem Charles Lindbergh, quasi als Unbekannter aus dem Nichts, den Flug nach Europa wagt und eine Nation in ungeahnten Freudentaumel versetzt. An dieser roten Linie – Lindberghs Alleinflug über den Atlantik und seine anschließende triumphale Tour durch die USA – reiht Bryson zahlreiche meist amüsante Anekdoten aus einem Sommer, der vom Fliegen, vom Baseball und vom Boxen geprägt zu sein schien. Neben Lindbergh sind weitere Hauptdarsteller unter anderem der legendäre Baseballer Babe Ruth, der Boxer Jack Dempsey, Wayne B. Wheeler, Motor der Prohibition, Al Capone und der verschrobene sowie höchst antisemitische Henry Ford.

Anhand dieses Personals bietet damit Bryson damit auch einen Blick auf eine Nation, der nicht schmeichelhaft ausfällt: Die USA als damals reichstes Land der Welt bieten ihren Bürgern Wohlstand und Komfort, nirgendwo sonst gibt es so viele Haushalte im Besitz mechanischer und elektronischer Küchengeräte, nirgendwo sonst so viele Automobilbesitzer, nirgendwo sonst so viele Kinos, nirgendwo sonst … gemessen natürlich an der etablierten weißen Bevölkerung. Und nirgendwo sonst haben die Medien bereits solche Macht: Sie unterhalten das Volk jedoch vor allem mit Brot und Spielen.

„In erster Linie aber waren die zwanziger Jahre die Blütezeit der Zeitungen. Die Zeitungsverkäufe stiegen um ein Fünftel, auf sechsunddreißig Millionen Exemplare täglich – oder 1,4 Zeitungen für jeden Haushalt. (…) Darüber hinaus konnten Leser in vielen Städten ihre Nachrichten jetzt einer neuen, revolutionären Form der Publikation entnehmen, die die Erwartungen der Menschen, wie tagesaktuelle Nachrichten aussehen sollten, völlig veränderten: dem Boulevardblatt. Boulevardblätter richteten ihren Schwerpunkt auf Verbrechen, Sport und Klatsch über Prominente und maßen allen drei Sparten dabei eine Bedeutung zu, die sie bislang nicht annähernd genossen hatten. Eine 1927 durchgeführte Studie zeigte, dass Boulevardblätter zwischen einem Viertel und einem Drittel ihres Umfangs der Verbrechensberichterstattung widmeten – bis zu zehnmal so viel wie seriöse Zeitungen. Ihrem Einfluss war es zu verdanken, dass ein unspektakulärer, aber blutiger Mord wie der an Albert Snyder landesweit Schlagzeilen machte.“

Müsig zu fragen, was zuerst da war: Die Henne oder das Ei. Ob der Boulevard nur eine Sensationslust befriedigte, die befriedigt werden wollte, oder ob Schlagzeilen diese Gier nach Mord&Totschlag erst weckten. Philosophische Gedankengänge dieser Art sind Brysons Sache nicht. Dafür treibt er seine Geschichte – oder vielmehr die Geschichten dieses Sommers – so voran, dass man einfach bei der Stange bleibt. Immerhin, so etliche Kapitel später, führte diese Sensationsberichterstattung auch zur traurigen Berühmtheit von Sacco&Vanzetti, jenen zu Tode verurteilten italienischen Einwanderern, die in einer engstirnigen, verunsicherten und xenophoben Gesellschaft keine Chance auf einen gerechten Prozess hatten. Und hier zeigt sich eine weitere Qualität des Buches: Manches Ereignis und mancher Zustandsbericht aus dem Jahr 1927 lässt sich unter veränderten Vorzeichen auch auf 2015 übertragen. Ein Land in leichter Hysterie – als läge die Ahnung der Weltwirtschaftskrise, deren Ursprung in einem Bankertreffen 1927 gelegt wird, schon in der Luft.

„Die damalige Zeit war keine gute, wenn man in Amerika lebte und ein Radikaler oder ein Ausländer war – und eine ausgesprochen gefährliche, wenn man beides war. Die Angst vor den Roten, den Sozialisten und Kommunisten, hatte das Land fest im Griff. 1917 und 1918 hatte der Kongress zwei erschreckend restriktive Gesetze erlassen: die Spionage- und die Volksverhetzungsverordnung. Beide Erlasse sahen schwere Strafen für diejenigen vor, die für schuldig befunden wurden, jegliche Art von Respektlosigkeit gegenüber der Regierung oder ihrer Symbole – der Flagge, militärischen Uniformen, historischen Dokumenten und allem anderen, auf dem die Ehre und Würde der Vereinigten Staaten von Amerika beruhte – zur Schau gestellt zu haben. Sie wurden dann auch mit großer Härte und Erbarmungslosigkeit angewandt. „Bürger kamen ins Gefängnis, weil sie an ihrem eigenen Esstisch das Rote Kreuz kritisiert hatten“, merkte ein Kommentator an. In Vermont wurde ein Geistlicher zu einer fünfzehnjährigen Haftstrafe verurteilt, nachdem er ein halbes Dutzend pazifistische Flugblätter verteilt hatte. In Indiana brauchten Geschworene gerade einmal zwei Minuten, um einen Mann für unschuldig zu erklären, nachdem dieser einen Einwanderer erschossen hatte, der schlecht über Amerika geredet hatte.“

Ein wenig untermauert Bryson mit diesem Buch auch die Klischees, die man von den Vereinigten Staaten und ihren Bürgern hat: Home oft he free and brave, Heimat der Automobilisten, Gewehrträger, Baseballfans, Land der Größe und Engstirnigkeit zugleich. Vor allem aber, dies sei nochmals gesagt, bietet Bryson Geschichte auf äußerst unterhaltsame Weise dar, schildert Zeit und Menschen fast schon greifbar lebendig und mit großem, augenzwinkerndem Humor:

„Als Lindbergh endlich die Rednerplattform erreichte, nickte er den Anwesenden zu und nahm den Jubel der Menge entgegen. Präsident Coolidge hielt eine kurze Willkommensrede, steckte im ein Distinguished Flying Cross aufgrund der heldenhaften Leistung ans Revers und lud ihn mit einer Geste ein, etwas zu sagen. Lindbergh beugte sich zum Mikrofon hinunter, das für ihn etwas zu tief eingestellt war, sagte, er freue sich, hier zu sein, bedankte sich mit knappen Worten und trat wieder zurück. Es folgte ein Augenblick unheimlicher Stille, in dem den unzähligen Zuschauern, von denen die meisten seit Stunden in der heißen Sonne gestanden hatten, bewusst wurde, dass sie es mit den zweien der schweigsamsten Männer Amerikas zu tun hatten und dass die Feierlichkeiten beendet waren.“

Ich danke dem Verlag für das Besprechungsexemplar.

Ein Beitrag von Claudio Miller

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Jutta Reichelt: Wiederholte Verdächtigungen (2015).

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Wie sehr uns die Familie prägt, vom ersten Moment bis zum Erwachsenwerden, zeigt dieser Roman. Bild von PublicDomainPictures auf Pixabay

Wenn auch der Verlag Klöpfer&Meyer diesen Roman als „raffiniert-subtilen Familien- und Seelenkrimi“ bezeichnet, ist er doch weit mehr als das – er ist in erster Linie eine psychologische Fallstudie (die von ganz ungefähr auch an die psychologischen Romane der Patricia Highsmith erinnert – dort sind es, beispielsweise in Ediths Tagebuch, ebenfalls vor allem die Innenvorgänge der Figuren, die die Spannung erzeugen). Und weil es eben weniger um den spannenden Handlungsrahmen geht, sondern vielmehr um die innere Entwicklung der handelnden Personen, gerade deshalb ist „Wiederholte Verdächtigungen“ ein Buch, das sich wiederholt zu lesen lohnt – auch wenn man das Ende, die Auflösung dann bereits schon kennt.

Und nicht zuletzt ist „Wiederholte Verdächtigungen“ ein feiner Roman über die Möglichkeiten und Grenzen der zwischenmenschlichen Kommunikation, über das Nicht-Miteinander-Reden-Können, über die Macht des Schweigens und des Verschweigens und: Auch ein Buch über das Schreiben, den Prozess des Schreibens und dessen entlastende Wirkung.

Nur kurz umrissen die Geschichte – deren Ende hier freilich nicht verraten wird (dazu rate ich nur: Selber lesen, es lohnt sich!). Katharina und Christoph, ein Paar, scheinbar schon zusammengewachsen und eng vertraut, haben sich eingerichtet im eigenem „Hexenhäuschen“ und in ihrer Nische zwischen freien Berufen (sie schreibt und jobbt im Antiquariat, er ist ein wenig der Typ des „ewigen Studenten“), alten Freunden und Werder-Leidenschaft, alles erscheint behaglich, ein wenig bodenständige Bremer Boheme.

Dann kehrt Christoph von einer Fahrt nach Köln – wo seine Schwester und deren Sohn leben – für einige Tage nicht zurück in dieses Nest, hinterlässt nur eine rätselhafte SMS. Katharina ist verunsichert. Und als Christoph wieder zuhause auftaucht, scheint auch er in seinen seelischen Grundfesten angeschlagen zu sein:

„Ich bin da in etwas hineingeraten, einen Strudel oder Sog, ich weiß es ja auch nicht, aber ich weiß, dass ich jetzt wieder festen Boden unter den Füßen brauche.
Ich glaube, dabei sieht er tatsächlich auf seine Füße und Katharina folgt diesem Blick, ich glaube, ich brauche jetzt nichts so dringend wie meinen Alltag! Meinen ganz normalen Alltag. Mit dir, mit meinen Jobs, mit unseren Freunden, mit Joggen und Werder und Zeitungslesen. Lass uns erst einmal eine Weile so tun, als sei alles in Ordnung!“

Als ob das so einfach wäre, wenn die Tür zum Unterbewussten – fast wie eine Büchse der Pandora – einmal geöffnet ist. Für Katharina stellt sich die Frage: Wieviel weiß ich wirklich von dem Menschen, mit dem ich zusammenlebe, den ich glaubte, so durch und durch und gut zu kennen? Und auch Christoph muss sich dieser Frage stellen – allerdings in Bezug auf seine Schwester, auf seine Eltern.

Die Gründe für die Verunsicherung, so wird nach und nach klar, liegen in einem Familiengeheimnis. Die Ursache für das seelische Beben Jahrzehnte später liegen beim Paar in der Generation davor, dem es nicht gelang, miteinander zu sprechen – im Gegensatz zu Katharina und Christoph, die denn doch ihre Zwiesprache wieder aufnehmen. Der Kern der Geschichte ist eine Tragödie aus Christophs Kindheit, die – weil sie unausgesprochen und unaufgearbeitet bleibt – später zu wiederholten Verdächtigungen und Missverständnissen führt.

Was der Roman vor allem vermittelt: Man kann noch so große Schritte machen und bleibt doch irgendwie auch in seinen Kinderschuhen stecken. In der Kindheit unbewusst Erlebtes und seither Verdrängtes bricht sich unter Umständen Jahre später Bahn – und holt einen wieder ein. Auch wenn man sich dagegen stemmt.

Christoph will nichts davon wissen, sagt Katharina. Er will es ignorieren, stürzt sich in seine Arbeit und möchte, dass wir so tun, als sei alles in Ordnung.
Katharina ist selbst überrascht, wie empört sie das sagt. Wie sehr sie hofft, dass die psychologische Psychotherapeutin ihr darin zustimmt, dass Christophs Weg ein Irrweg ist.
Es ist erstaunlich, sagt Beate, wie wenig wir das Auftauchen alter Geschichten beschleunigen können und wie wenig wir imstande sind, sie aufzuhalten.

Wer bereits den Blog von Jutta Reichelt kennt, wird das eine oder andere déjà vu-Erlebnis haben – schmunzeln musste ich, als Katharina ihrer Nachbarin, der psychologischen Psychotherapeutin, die selbst einen Krimi schreiben will, einen Schreibratgeber ausleihen möchte. Und zwar deshalb: http://saetzeundschaetze.com/2015/01/11/verschamtelekturen-jutta-reichelt/

Neben der klug konstruierten Handlung zeichnen ein ganz feiner, leiser Humor und mit sehr viel Empathie gezeichnete Figuren (die so lebensnah geschildert sind, dass man sie beinahe vor Augen hat) diesen Roman aus. Was mich aber vollends gefangen hat, ist die ruhige, ganz unaufgeregte Sprache, die Jutta Reichelt in diesem Buch anschlägt – glasklar und kein Ton zu viel. So entstehen „echte Menschen“. Gut gewählt mit Bezug zum Roman ist das Zitat von Herta Müller, das dem Roman vorangestellt ist:

Das Schweigen ist keine Pause
zwischen dem Reden,
sondern eine Sache für sich.

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Nathaniel Hawthorne: Zwanzig Tage mit Julian und Little Bunny

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Bild von 1778011 auf Pixabay

„…und es gibt verschiedene andere Hawthornes, die uns ebenfalls überliefert sind: Hawthorne, der Allegoriker, Hawthorne, der hochromantische Fabeldichter, Hawthorne, der Chronist des kolonialen New England des 17. Jahrhundert, und, am bemerkenswertesten, Hawthorne, wie er von Borges neu interpretiert wurde – als Vorläufer Kafkas. Hawthornes Literatur kann mit Gewinn aus jedem dieser Blickwinkel gelesen werden, doch gibt es noch einen weiteren Hawthorne, der mehr oder weniger wegen der Vielzahl seiner anderen Verdienste vergessen und vernachlässigt wurde: der private Hawthorne, der Anekdoten und impulsive Einfälle hinkritzelte, der Arbeiter der Ideen, der Meteorologe und Landschaftsbeschreiber, der Reisende, der Briefautor, der Historiker des alltäglichen Lebens.“

Paul Auster zu „The American Notebooks“

In seinen Tagebüchern zeigt sich Nathaniel Hawthorne, dessen „Scarlett Letter“ nicht zuletzt auch eine groß angelegte Abrechung mit der puritanischen geprägten Gesellschaft seiner Zeit ist, von einer ganz anderen Seite. „Hawthorne ist nach eigenen Worten ein Individuum, das gern sein Gesicht verbirgt, keiner „dieser äußerst spendablen Leute, die ihr eigenes, köstlich zubereitetes, mit Hirnsoße gebratenes Herz ihrem geliebten Publikum als Leckerbissen vorsetzen“. Dabei führte er hingebungsvoll und ausführlich Tagebuch (…). Sein diaristisches Sudelbuch birgt die erstaunlichsten Schätze, denn es zeigt den scheuen, bisweilen strengen Schriftsteller immer wieder aus nächster Nähe, humorvoll, warmherzig, en famille“, schrieb Werner von Koppenfels in der Zeit.

Hawthorne, der Vater:

Einer dieser Schätze erschien in deutscher Übersetzung (von Alexander Pechmann) 2013 beim österreichischen Verlag Jung und Jung: „Zwanzig Tage mit Julian und Little Bunny“. Der Einzelgänger, der seine Frau Sophia abgöttisch liebt (dazu später noch mehr), muss einige Wochen im August 1851 allein mit Sohn Julian und Karnickel Bunny verbringen. Der Sohn überlebt, das Kaninchen nicht.

Das Tagebuch, das Hawthorne in dieser Zeit führt, ist eine schmale, reizende Lektüre. Vater und Sohn, allein auf sich gestellt, verbringen die Tage in einem ruhigen Rhythmus – Morgenwaschung, der Kampf mit Sohnes Lockenpracht, der Gang in das Dorf, das Warten auf Briefe von Sophia, bescheidene Mahlzeiten, ruhige Abende. Wenige Unterbrechungen – ein Höhepunkt ist ein Ausflug mit Freund und Nachbar Herman Melville in ein Shaker-Dorf. Die Verachtung für diese Sekte zeigt an einer der wenigen Stellen dieses kleinen Ausschnitts aus den Tagebüchern den giftig-bissigen Schriftsteller, der wenig Gnade mit den religiösen Irrwegen seiner Landsleute kennt.

Vor allem aber steht eines im Mittelpunkt des Büchleins: Die Erfahrung, rund um die Uhr mit seinem Sohn zusammen zu sein (die beiden Töchter waren mit der Mutter verreist). Die Hawthornes, so erläutert auch Paul Auster in seinem Nachwort, pflegten einen für damalige Zeiten ungewöhnlichen Erziehungsstil. Liebe und Nachsicht statt Härte und Strenge, den Kindern wurde die freie Entwicklung ihrer Persönlichkeit erlaubt. Doch Julians lebhaftes und vor allem gesprächiges Wesen bringen Hawthorne, der lange Jahre seines Lebens eher einsiedlerisch verbrachte, manchesmal auch an den Rand seiner Geduld. Gerade diese Notizen, in denen sich eine leichte Gereiztheit äußert, der Wunsch, den Redeschwall auch einmal brachial zu stoppen (der jedoch nie ausgeführt wurde), das Bekenntnis, dass das eigene Kind auch auf die Nerven fallen kann – gerade dies macht den Reiz von „Zwanzig Tage mit Julian und Little Bunny“ aus. Und in Stellen wie diesen können sich Eltern auch heute noch wiederfinden:

„Julian war bemerkenswert unruhig im Dorf (…). Seine Bewegungen waren so rastlos, dass ich ihn verdächtigte, sich – nach seinem eigenen Fachausdruck – „unbehaglich“ zu fühlen, doch er leugnete es nachdrücklich. Wir hielten beim Liebeshain und dort stellte ich ihm erneut eine diesbezügliche Frage, aber er sagte noch immer nein. (…) Ich hörte ihn schreien, als ich noch ein gutes Stück entfernt war, und als ich näherkam, sah ich, dass er breitbeinig ging. Armer kleiner Mann! Seine Hosen waren pitschnass. Es ist eine ausgesprochene Grausamkeit gegenüber dem Kind, dass seine Kleidung nicht derart gefertigt ist, jederzeit einem natürlichen Bedürfnis freien Lauf lassen zu können. Knaben mögen es nicht, ihre Bedürfnisse mitzuteilen (…).“

Hawthorne, der Liebende:

„Meine Abende sind alle trostlos, einsam und ohne Bücher, die ich gerade gerne lesen würde, und dieser Abend war wie die anderen. So ging ich ungefähr um neun zu Bett und sehnte mich nach Phoebe.“
Tagebuch, Sonntag, 10. August 1851

In seinen Tagebüchern nennt Hawthorne seine Frau Sophia zuweilen Phoebe. Aber auch: Taube, Geliebte, Allerliebste, Einzige. Beide waren schon älter, als sie 1842 heirateten: Hawthorne 38, die Malerin Sophia Peabody 33 Jahre alt. Bis zu seinem Tod 1864 blieben sie beinahe unzertrennlich – und die Gefühle füreinander offenbar ungebrochen, wie viele Belege beweisen.

Wie sehr das Paar verbunden war, zeigt ein frühes Zeugnis dieser Ehe: Ein gemeinsames Tagebuch der ersten Jahre, 2014, ebenfalls beim Jung und Jung Verlag, unter dem Titel „Das Paradies der kleinen Dinge“ erschienen. Eine ausführliche Besprechung gibt es hier: http://saetzeundschaetze.com/2014/05/18/hawthorne-paradies/

Hawthorne, der Selbstreflexive:

„Der Regen prasselte aufs Dach, und der Himmel drang trüb durch die staubigen Dachfenster, während ich in diesen ehrwürdigen Büchern wühlte, auf der Suche nach nur einem einzigen lebendigen Gedanken, der wie Kohlefeuer glimmen oder wie ein unverlöschlicher Edelstein zwischen all dem toten Geschwätz, das ihn so lange versteckt gehalten hatte, leuchten würde. Aber ich fand keinen solchen Schatz; alles war gleich tot; und ich konnte nur zutiefst verwundert über die demütigende Tatsache nachsinnen, dass die Werke des menschlichen Geistes genauso wie die seiner Hände zerfallen. Gedanken schimmeln.“
„Das Alte Pfarrhaus“, 1846

Im alten Pfarrhaus verbringt Hawthorne einige seiner glücklichsten Jahre, mehrfach bezieht er sich darauf in seinem Tagebuch und in seinen Werken. Nach einem gescheiterten Kommunen-Experiment auf der Brook Farm findet er, frischverheiratet mit seiner geliebten Sophia, in Concord das ideale Refugium: Hier kann er zurückgezogen leben und doch im losen Kontakt zu Freunden und Kollegen, darunter Emerson und Thoureau, sein. Den kurzen Text „The Old Manse“ stellte Hawthorne einem Erzählband voran. Er erschien als eigenständiges Buch vor wenigen Jahren in deutscher Übersetzung – verdientermaßen: Ist diese kleine Skizze doch auch zugleich ein gehaltvoller Essay, der nicht nur eingeschworenen Hawthorne-Fans einige schöne Lesestunden zu bereiten vermag. Eine ausführlichere Besprechung findet sich hier: https://saetzeundschaetze.com/2014/11/15/hawthorne-pfarrhaus/

Über den Dreiklang Ehemann-Vater-Privatmensch hinaus sei auch noch auf eine andere Seite des amerikanischen Autoren hingewiesen: Hawthorne, der Gruselige.

„In jenen Zeiten, wo Träume und Schwärmereien der Narren noch im Leben Wirklichkeit wurden, trafen sich einst zwei Personen zu verabredeter Stunde an vorher bestimmten Ort. Die eine war eine Dame, lieblich von Gestalt, schön von Angesicht, doch blaß und wie von einem unzeitigen Mehltau befallen in der Blüte ihrer Jahre. Die andere war ein altes, zerlumptes Weib, häßlich und verwelkt, das die Dauer solchen Verfalls, die gewöhnliche Zeit menschlichen Lebens, um vieles überschritten zu haben schien. Drei kleine Hügel lagen da dicht beieinander; und eingebettet in ihren Steinmauern war etwas wie ein Loch in die Unterwelt…“

Nathaniel Hawthorne, „Die Höhle der drei Hügel“.

Fast schon mit Shakespearschem Furor beginnt diese Mär. Aber an den blanken Horror, den beispielsweise „Grube und Pendel“ oder der „Untergang des Hauses Usher“ auslösen können, reichen die Erzählungen von Nathaniel Hawthorne nicht heran. Doch ähnlich wie sein nur fünf Jahre jüngerer Landsmann Edgar Allan Poe hatte auch Hawthorne einen Hang zum und ein Händchen für das Düstere, Unheimliche, Übersinnliche. Spürbar ist dies auch in seinen Romanen, insbesondere „Das Haus mit den sieben Giebeln“ weist starke Elemente des Schauerromans auf.

Hawthorne, der manchen seiner Zeitgenossen als „obskurster Schriftsteller“ Amerikas galt, verfasste neben seinen Romanen auch ein umfangreiches Erzählwerk – „Dr Heidegger`s Experiment“ (1837) kann getrost als eine der besten Erzählungen dieser Epoche bezeichnet werden. Leider ist diese im vorliegenden Band nicht enthalten, dafür etliche schön-schaurige Geschichten. Die wurden nun zum Hawthorne-Gedenkjahr 2014 anlässlich seines Todes vor 150 Jahren in dem dtv-Taschenbuch „Die Mächte des Bösen“ gebündelt – elf Stories von „Lady Eleanors Schleier“ über „Die Totenhochzeit“ bis hin zur obligatorischen alten Jungfer in Weiß. Übersetzt übrigens von Franz Blei, der in den 1920er Jahren mit dem „großen Bestiarium der Literatur“ reüssiert hatte, darüber hinaus aber auch Poe, Oscar Wilde sowie etliche Franzosen in die deutsche Sprache übertrug.

Den trocken-spröden Ton des Puritaner-Nachfahren Hawthorne trifft Blei gut, wenn auch manches etwas umständlich-dekorativ daher kommt, insbesondere in der Auftakterzählung „Rappacinis Tochter“, die Hawthorne in Italien spielen lässt. Das jedoch ist durchaus auf das Original zurückzuführen: So nüchtern er einerseits die menschliche Seele auseinandernehmen konnte, so verdrechselt formulierte Hawthorne auch bisweilen.

Um was dreht sich der Grusel? Ob es nun eine junge Frau ist, die von ihrem Vater buchstäblich als „Giftzange“ eingesetzt wird, ob es Verzweifelte sind, die einem Schatz nachjagen oder auch nur ein junges Paar, das sich das falsche Bild an die Wand hängt: Auslöser des Bösen sind menschliche Untugenden wie Eitelkeit, Besitzgier, falsches Begehren. Letztendlich ist Hawthorne nicht nur ein gründlicher Kenner (und oftmals auch Missachter) der menschlichen Seele, sondern daneben auch immer ein Moralist. Bezeichnenderweise sind die Mächte des Bösen meist weiblicher Gestalt – oder aber die jungfräuliche Schönheit verkörpert die Reinheit, die Unschuld. Wenn es dumm läuft, ist sie beides in einem, wie „Rappacinis Tochter“. Hawthornes Verhältnis zu Frauen war zwiespältig. Einerseits war seine Ehefrau Sophia seine engste Vertraute, schätzte er den Geist und die Leistungen gebildeter Frauen, andererseits bleibt er in seinen Beschreibungen oftmals auch stereotyp und in den Klischees seiner Zeit. Dennoch: In seinem bekanntesten Roman, „Der scharlachrote Buchstabe“ sind die Frauen das eigentlich starke Geschlecht.

Zurück zu Grusel&Grauen: Wer viktorianisch angehauchten Grusel mag, der wird auch am amerikanischen Horror seinen Gefallen finden – die „Mächte des Bösen“ wirken mitunter zwar etwas angestaubt, sind aber dennoch immer noch ganz unterhaltsam. Idealer Lesestoff für düstere Winterabende.

Hier geht es zu den Verlagsangaben inklusive Leseproben:
http://www.dtv.de/buecher/die_maechte_des_boesen_14300.html

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