#VerschämteLektüren (8): Normans lässliche Jugendsünden und literarische Abwege

In den Notizheften von Norman geht es kulturell überaus gepflegt zu: Beiträge über Bücher, Musik, Geschichte, Politik, überwiegend aus dem Bereich der klassischen Literatur, der Oper, es fallen unter anderem die Namen von Goethe, Thomas Mann, Max Weber, Fontane und anderen Geistesgrößen. Doch auch der Weg zur Hochkultur kann mit Schmonzetten gepflastert sein, wie Norman in der Beschreibung seiner literarischen Abwege zeigt:

Ich bekenne, als Kind und Jugendlicher alles Mögliche gelesen zu haben, aber keine bedeutende Literatur. Aus einfachen Verhältnissen stammend, war mein Lesehunger an sich für die Familie schon überraschend. Also las ich geschlechterrollenprägende Schneider Bücher – genau: Die Jungen von Schloß Schreckenstein – und das Gesamtwerk Karl Mays. Ich verschlang alles von Agatha Christie und sämtliche Schullektüren.

Dann lernte ich, dem Gymnasium sei Dank, Goethe und Schiller ebenso kennen wie Böll und Brecht, Günter Eich und Theodor Fontane, Emile Zola und Madame de Staël. Die Bücherregale in unserer Wohnung nahmen nun also auch Bücher solcher Autoren auf; dazu allerlei Historisches. Mit achtzehn Jahren subskibierte ich ein fünfzehnbändiges Lexikon.

Aber dazwischen standen eben auch Omas und Mutters Schmonzetten und – wohlverdiente! – Entspannungslektüren. Hier erinnerte ich mich, als Birgits Anfrage kam, sogleich an Susan Howatch, die dort mit „Die Erben von Penmarric“ und „Die Reichen sind anders“ bis heute vertreten ist. Das zweite ist eine Familiensaga mit reichlich Mondänität und dezent-direkten Sexanteilen, Liebe, Haß, Eifersucht, Gier, etc. Aber toll! Dachte ich zumindest früher mal. Ich weiß nicht, ob es mir beim Wiederlesen noch oder erneut gefallen würde. Möglicherweise nimmt man, älter geworden, andere Elemente stärker wahr, etwa den Erzählstrang über die Epilepsie der männlichen Hauptfigur, oder erkennt den Bezug zu Cäsar und Cleopatra.

Erstaunlich ist ja, daß mir sofort dieses Buch eingefallen ist, um es hier, unter dieser Überschrift vorzustellen. Allein um das herauszufinden, sollte ich das Buch noch einmal lesen. Dabei könnte ich dann auch überprüfen, ob es wirklich schlecht geschrieben, einfach nur Massenware oder vielleicht doch ganz gut ist.

Recherchen haben mir jetzt gezeigt, daß Howatch jahrzehntelang eine echte Produzentin von mehrbändigen Sagas, Zeit- und Sittenbildern war. Im Jahr 2012 wurde sie vom Hope College ausgezeichnet; auf der dortigen Seite findet man auch eine nette Würdigung.

Und hier geht es zu den Notizheften von Norman: http://notizhefte.wordpress.com/

Titelbild zum Download: Zirkus

#VerschämteLektüren (6): Die Verschämung kam nach dem Drittgedanken

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Bild von Elias Sch. auf Pixabay

Ganz begeistert bin ich von einer Entdeckung neueren Datums in der Blogosphäre: Bei Drittgedanke, den Sonja mit vielen erstklassigen Gedanken füttert, findet man richtige Schätze zu Kunst, Musik und Literatur außerhalb des Mainstreams. Aber zur Leichtigkeit des Lebens gehört eben doch manchmal auch die Seichtigkeit des Lesens. Und da hat Sonja nach dem dritten Gedanken darob bei sich doch noch eine kleine Schwäche entdeckt:

„Menschen, Tiere, Sensationen – derzeit spielt sich Sonderbares ab auf Sätze und Schätze: Unter dem Hashtag #VerschämteLektüren darf man dort endlich ungestraft der Freude an seinen aufs Allerheimlichste verschwiegenen Lieblingen frönen, was reihenweise Stoßseufzer auslöst und gekiekste Kommentare provoziert. Ich bin schon jetzt Fan dieser Rubrik; speziell der liebevolle Beitrag von Buchpost über James Herriot, Der Doktor und das liebe Vieh löste einen hartnäckig anhaltenden und vom herbstlichen Gemütlichkeitswahn unterstützten Britishness-Anfall bei mir aus. Bezüglich eigener verschämter Lektüren äußerte ich mich in meiner unendlichen Hybris anfangs reichlich naiv: Gibt´s nicht. Peinliche Lieblingslieder? Schuldig, reihenweise – dazu stehe ich problemlos. Filme fürs Herz? Zerknirschtes Ja, allerdings mit Seltenheitswert. Heimlicher Hang zu nostalgischen Kitsch-TV-Serien? Volltreffer! Aber Banal-Literatur? Niemals. Dann jedoch kam das Thema Historischer Roman auf den Tisch und mir schwante die Fehlerhaftigkeit meiner Selbsteinschätzung.

Der Name Ingrid Krane-Müschen steht für atemlose Spannung vor mittelalterlicher Kulisse, heimlich ins Spitzentaschentuch verdrückte Tränen der Rührung und der Trauer, mitreißende Plots im schottisch-englischen Adelsmilieu und unüberwindliche Schicksalshürden, die mit Liebe und Edelmut schließlich doch überwunden werden. Bevor sich nun jemand in Spott und Häme angesichts meiner Lieblingsschmonzettenautorin ergeht, sollte er sicherheitshalber zunächst im eigenen Regal nach ihrem Künstlernamen Ausschau halten, unter dem sie sich so erfolgreich verkauft, dass ich schlechterdings unmöglich allein mit ihren Büchern dastehen kann: Rebecca Gablé.

An langen Winterabenden oder während des beruflichen Pendelns zwischen Buchhandlung und Zuhause ließ ich mich von ihrer vieltausendseitigen Waringham-Saga vollkommen hingerissen einlullen. Als Unterhaltungsmittel taugt diese Lektüre ungemein, Frau Krane-Müschen/Gablé beherrscht ihr Handwerk souverän, gestaltet lebendige Charaktere und Settings, produziert keine Längen, verknüpft die Kapitel mit kunstvollen Cliffhangern und baut trickreich Spannung auf. Für mich ist und bleibt sie die unangefochtene Königin des historischen Schmökers.

Die Familiengeschichte der Waringhams erstreckt sich über mehrere Generationen, beginnend im Jahr 1360 mit Stammvater Robin of Waringham, der in Das Lächeln der Fortuna die angekratzte Familienehre wiederherstellen muss. Als Sohn des ehemaligen Earls ist er den Schikanierungen durch Mortimer, den Sohn des neuen Earls, ausgesetzt und muss sich seinen Weg zurück in den Adels- und Ritterstand unter selbstredend größten Entbehrungen abenteuerlich erkämpfen. Angesichts solch hartnäckigen Edelmuts bleiben entflammte Damenherzen nicht aus. Weiter geht es in Die Hüter der Rose. Dort büxt John of Waringham, Sohn Robins,  aus Angst davor zwecks klerikale Karrierevorbereitungen ins Kloster gesteckt zu werden von Zuhause aus und setzt sich nach Westminster ab, wo er zufällig König Harry begegnet. Eine Freundschaft mit dem Königshaus, eine glanzvolle Laufbahn als Ritter während des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich sowie zahlreiche amouröse Verwicklungen sind damit vorgezeichnet. In Das Spiel der Könige müssen sich die Waringham-Sprösslinge Julian und Blanche im Konflikt zwischen den Adelshäusern York und Lancaster für eine Seite entscheiden und geraten in fiese Intrigen, hundsgemeine Machtspielchen und dramatische Verwirrungen des Herzens. Im vierten Band, Der dunkle Thron, stellen die machtpolitischen Auswirkungen der Reformation den Waringham-Erben Nick vor die knifflige Aufgabe seine Familie durch kluge Bündnispolitik auf die sichere Seite zu bringen – Querelen des Herzens und Vater-Tochter-Konflikte sabotieren dabei einige seiner Bemühungen.

Neben der Waringham-Saga hat Rebecca Gablé einen meterbreiten Schwung weiterer nur wärmstens zu empfehlender Historienschinken verfasst. Wie sonst auch, wenn ich beim Beitragsbild auf Ersatzabbildungen ausweiche (in diesem Fall musste es unbedingt diese betörende Rossetti-Postkarte sein), habe ich das besprochene Buch inzwischen entweder weiter verliehen oder selbst wieder zurückgegeben. Dass ich nicht einen einzigen Gablé-Roman für ein Beitragsbild vor meine Linse bekommen habe, liegt in folgendem Mechanismus begründet: Sobald ich mich dabei hatte erwischen lassen, eine neue Gablé zu lesen, wurde sie mir – teilweise noch während ich die letzten drei Sätze unter Kampfanstrengungen zu Ende las – von Gablé-hungrigen Bestien aus den Händen gerissen, so dass ich froh bin, heute noch alle zehn Finger zu besitzen. Meine Mutter war die einzige unter den Raublesern, die vorher immerhin höflich um Leiherlaubnis gefragt hat. Auch Männer gehören zu den Ausleihern, in deren Regalen in einer verschämten Ecke sich nun meine Gablés finden, die ich wohl nie wieder zurückbekommen werde.

Der Winter kommt. Deckt Euch ein mit ein paar Pfund Earl Grey, kramt die Blümchentassen heraus, backt ein paar Scones und stellt das Telefon ab. Ich gebe zu, ich schäme mich gar nicht so ehrlich dafür, mir diesen Schmus gegeben zu haben – ich würd´s wieder tun.“

Und hier geht es zum tollen Blog der Autorin: http://drittgedanke.wordpress.com/

Lane Smith: Das ist ein Buch!

Als bekennende Liebhaberin des GEDRUCKTEN Buches habe ich an diesem kleinen Geschenk von einer Freundin eine große Freude. Ein Kinderbuch für kleine UND große Leser.
Ganz simpel und charmant wird erklärt, was ein Buch alles kann – beziehungsweise nicht kann: Bloggen, scrollen, twittern, simsen. ABER: Bücher (das ist jetzt meine Hinzufügung) kann man anfassen, riechen, streicheln, in der Hand wiegen. Hier ist das Video zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=nYl_nyuyn5Y

Und wie der amerikanische Illustrator Lane Smith bemerkt: Es braucht keinen Nickname, kein Passwort, man muss es nicht aufladen, und überhaupt – gedruckt ist schön.
Der kleine Affe im Buch liest übrigens ein ganz tolles Buch: Die Schatzinsel. Auch deswegen findet das hier auf Sätze&Schätze seinen Platz.

Wie er auf die Idee zu seinen Zeichnungen kam, erklärt Lane Smith auf seinem Blog selbst:
http://curiouspages.blogspot.de/2010/07/lane-smith-on-its-book.html

Und hier gibt es das Buch:
http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-ist-ein-buch/978-3-446-23937-1/

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Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

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Bild von Wengen auf Pixabay

„Jedes Erdgeschoß, jeder Keller ist in einen Souvenirshop umfunktioniert worden. Früher waren das kühle Räume für die Waren mit vielleicht ein paar Bottichen neben dem Eingang oder Wassertröge, in denen glubschäugige Fische schwammen. Heute quellen die Erdgeschosse über, quellen mit unsäglichem Ramsch zum Eingang hinaus, übermannshoch ist das Zeug gestapelt; vor allem beschallt jeder Ladenbesitzer in absolut irrsinniger Lautstärke die Straße. Eine Ohrhölle.“

Für den Roman „Apostoloff“ erhielt Sibylle Lewitscharoff 2009 den Preis der Leipziger Buchmesse. Also lange, bevor sie mit ihren rhetorischen Ausfällen im März 2014 in Dresden für einen Eklat sorgte. Wer ihren preisgekrönten Roman unter dem Eindruck der Dresdner Rede nochmals liest, wird feststellen: Die Grundmisanthropie bis hin zum Weltekel sind schon in diesem Werk zu finden. Geht man davon aus, dass die Ich-Erzählerin des Romans autobiographische Züge trägt, so ist vieles von dem, was die Autorin seither öffentlich äußerte, in diesem Buch bereits angelegt: Eine gewisse Arroganz gemischt mit Minderwertigkeitskomplexen, stets eine explosive Mischung. Verdruckte Sexualität, unausgelebte Sehnsüchte und eine allgegenwärtige Verdrossenheit, sich austobend am Leben und der Welt.

Sibylle Lewitscharoff läuft dann zu Hochform auf, wenn sie ihre Protagonistin über das Mutterland Bulgarien schimpfen lässt: Eine heruntergekommene Ohrhölle, bebunkert mit scheußlichen Fassaden am Schwarzen Meer, bevölkert mit suspekten Gestalten, ein Land, in dem man Charme und Liebreiz lange suchen muss. Zwei längst erwachsene Schwestern lassen sich durch dieses Land, die Heimat des verstorbenen Vaters, chauffieren. Von einem, dessen Vater ausgerechnet den Namen „Kristo Apostoloff“ trägt.

Wie ein guter Apostel will Rumen, der Sohn, Apostoloff jr., durchaus missionieren, sprich, die verlorenen Töchter für dieses Bulgarien einnehmen. Keine Chance, nicht mal durch Liebeständelei: Die zwei Damen, ausgerechnet aufgewachsen und schwäbisch sozialisiert in Degerloch, haben, so unterschiedlich sie sind, eines gemeinsam: Ein Vaterproblem. Dieser, der Bulgare, entschied sich, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Das hinterlässt Lücken, das hinterlässt Fragen. Aber eine Klärung und Analyse der Familientristesse darf man vom Buch nicht erwarten. Dem Unglück wird begegnet durch das Komödiantische und Groteske. Durch Wortkaskaden und Sprachfassaden einer begabten Schwätzerin.

Man kann begeistert sein– eine, die erzählen kann, die fabuliert, dass es eine Lust ist. Man kann aber auch müde werden vom Monologisieren um des gut formulierten Monologs willen. Kein Buch für jede Stimmung. Die sprachliche Bravour bringt die Fassade zum Bröseln, die Mauersteine der Geschichte werden einfach zusammengeschwätzt.

Eloquent und rastlos – ein rhetorischer Sturm.

Im Lichte der späteren Ereignisse haftet dem Urteil von Elmar Krekeler in der Welt am Sonntag über den Roman inzwischen etwas Zwiespältiges an. Er schrieb über Lewitscharoff und Apostoloff: „Wenn sie wütend ist, wenn sie Gift und Galle spuckt, wenn sie rast, dann wird sie immer größer, richtig gut und unheimlich komisch.“ Vielleicht gab es zuviel Anerkennung der Kritik für das Wüten der Autorin, die inzwischen darin wenig Grenzen mehr zu kennen scheint. Und verunsichert reagiert, wenn ihr Empörung entgegenschlägt – denn wofür sie sich einstmals hochgelobt glaubte, dafür kassiert sie nun öffentliche Prügel. Sie habe doch nur geäußert, was sie denke, und das müsse doch erlaubt sein – diese Reaktion der Autorin auf den Sturm der Empörung spricht Bände. Sie hat, so scheint es mir, eine wesentliche Grenze nicht erkannt.

Denn es ist die eine Seite, über fiktive Gestalten so zu schreiben: „sie spottet, hetzt, zetert, singt, kichert, schimpft, schwärmt, deklamiert, agitiert und zieht sämtliche Register der aristotelischen Redekunst. Ein Sturm geht auf uns nieder, ein töchterliches Redegeprassel … “ (Maike Albath über „Apostoloff“ in der Frankfurter Rundschau). Doch spotten, hetzen, zetern, schimpfen und deklamieren über „echte“ Menschen, sich in diesem Modus in gesellschaftliche Themen einzumischen, ist eine ganz andere Kategorie.

Am öffentlichen Umgang mit der Causa Lewitscharoff lassen sich etliche Doppelmoralitäten erkennen – wie einer zum literarischen Star gepuscht und dann wieder fallengelassen wird wie eine heiße Kartoffel. Wie sich die Feuilletonisten meist einheillig einig sind im positivem Urteil und ebenso einhellig der Boulevard in der öffentlichen Verurteilung. Den Unsäglichkeiten der Aussagen der Sibylle Lewitscharoff folgten die  Unsäglichkeiten der medialen Reaktionen.

Doch, auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Wer aufmerksam las, konnte die Verbitterung und Weltablehnung der Autorin bereits im hochgelobten „Apostoloff“ erkennen.

„Ebenso eloquent wie rastlos“, urteilte die Zeit über die Ich-Erzählerin. Sibylle Lewitscharoff habe für diesen Roman allem Anschein nach tüchtig in der Kiste mit Familienstoff gekramt. „So geht die Romanfahrt flott voran, vorbei an ostsozialistischen Scheußlichkeiten sonder Zahl, die Schwarzmeerküste ist eine einzige Enttäuschung, nur den Ikonen von Arbanassi wird ein gewisser Zauber und dem Schafskäse eine einzigartige Qualität bescheinigt. Sibylle Lewitscharoff kann schreiben und schäumen, ohne Frage. Sie formuliert einfalls- und anspielungsreich, bissig, launig verspielt und aus einem Geist, wie er nicht nur in den Bezirken weiblichen Schreibens eher selten vorkommt. Da herrscht ein kaltblütiges Sprachregiment, dem jede Schandtat recht ist, solange sich damit nur Sätze erzeugen lassen, die strotzen vor Witz, Gescheitheit und Schlagfertigkeit.“

Literaturästhetisch betrachtet, so urteilte Eberhard Falcke 2009 in der Zeit, „erscheint das schön und schrecklich, bewundernswert und nervtötend zugleich. Ganz abgesehen davon, dass die erzählerische Opulenz gedanklich doch etwas mager ausfällt und die virtuose Rhetorik zuweilen ein wenig hohl tönt. Wenn zum Beispiel ein Essen mit dem Satz beschrieben wird: »Mit unseren Genicken hängen wir müde über den Tellern«, dann fragt sich doch, wo da die Köpfe geblieben sind.“

Die Köpfe waren beim Quasseln, ist doch klar.

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Judith Hermann: Aller Liebe Anfang

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Bild von Oliver Kepka auf Pixabay

„Sie erkennt ihn an seiner Haltung, an seinem Ausdruck, sie ist sich sicher und trotzdem überrascht, wie jung er ist, wie hübsch und wie müde. Er trägt einen schwarzen Kapuzenpullover. Keine Jacke mehr, trotz der frühabendlichen, frühsommerlichen Kälte. Sie kann nicht sehen, was in seinem Pappkarton drin ist, was er kauft. Er macht noch einen Schritt vor und stellt den Pappkarton aufs Förderband, dann schaut er auf, vielleicht weil er spürt, dass er angesehen wird. Sein Blick geht suchend über die Leute hin. Trifft Stellas Blick.
Mister Pfister sieht sie an.
Stella sieht Mister Pfister an, sie denkt, spürst du das, der ganze Weg, den man zum anderen hin auf sich nehmen kann, ist ja in diesem Blick. Der Weg hin, der Weg zurück auch.
Zorn, Höflichkeit, noch was anderes.“

Judith Hermann, „Aller Liebe Anfang“, 2014, S. Fischer Verlag.

Es gibt einen Judith Hermann-Sound. Die Schriftstellerin, die sich erfreulicherweise so viel Zeit lässt mit ihren Büchern, die zwischen den Werken stille Jahre einfließen lässt und nicht wie andere, die – wie sie auch – schon mit dem Debüt als literarische Sensation gefeiert wurden, dann eines nach dem anderen abliefern. Und doch, nimmt man nach diesen Pausen ein neues Buch von ihr in die Hand, erklingt da eine vertraute Stimme wieder, taucht man in diese unaufgeregte Sprache ein, eine ruhige Sprache, die selbst dann beruhigt, wenn sie von beunruhigenden Dingen erzählt. Wie in ihrem jüngsten Buch: „Aller Liebe Anfang“.

Drei Bände mit Erzählungen hat Judith Hermann, 1970 geboren, bislang veröffentlicht: 1998 „Sommerhaus, später“, 2003 „Nichts als Gespenster“, 2009 „Alice“ – beinahe im fünfjährigen Rhythmus, viel Zeit dazwischen, eine, die sich offenbar nicht vereinnahmen lässt von einem hektischen Literaturgetriebe, das immer und stets nach Neuem schreit. Doch nicht nur damit entspricht sie wenig dem Zeitgeist – auch in der Sprache, die in ihrer zarten Bedächtigkeit, mit dieser leisen Melancholie manches Mal beinah schon altmodisch klingt.

Dagegen waren manche ihrer Erzählungen jedoch durchaus in einem „zeitgeistischen“ Milieu angesiedelt, eine Mischung aus Studentenleben, Künstlerkreisen, ein bisschen Bohème und Biokost, irgendwo zwischen Prenzlauer Berg und Friedrichshain verortet.

Aus einer früheren, kurzen Besprechung ihrer Erzählbände hier auf dem Blog:
„Als „Sommerhaus, später“ 1998 erschien, wurden eine Viertelmillion Exemplare davon verkauft, eines auch an mich. Die Renaissance der deutschen Kurzgeschichte wurde gefeiert. (…) Judith Hermann schreibt viel über Menschen, die irgendwo während einer Reise, bevorzugt in nordische Länder, melancholisch Kaffee aus zerknitterten Plastikbechern trinken. Oder im Zug mit einem Freund sitzen, der Bier aus der Dose und den Parka aus der Kleiderkammer für modische Accessoires hält. (…) Bei Liebespaaren ist die Trennung – niemals dramatisch, sondern lapidar – schon vorgezeichnet, und selbst wenn die Menschen sagen, dass sie glücklich sind, klingt das ziemlich traurig. Soviel Melancholie kann in einem Erzählband ganz schön sein. In dreien wird es ermüdend.“

Jetzt also erstmals ein Roman. Ich war gespannt, ich war interessiert – würde dieser spezielle Hermann-Sound eine längere, rundere Geschichte tragen oder würde das Buch in schöner Melancholie versickern? Vorweggenommen: Der Sound trägt einen durch das ganze Buch, ein Sprach- und Lesefluss, der durchaus mitnimmt. Dazu trägt zudem der Plot bei, der durchaus Spannungsmomente in sich birgt. Ein schön geschriebenes, lesbares Buch, ein Roman, der Leichtigkeit und Schwere vereint – vielleicht kein Roman, der lange nachhallt, aber auch alles andere als verschwendete Lesezeit.

Die Figuren der Judith Hermann sind erwachsener geworden. Sie leben in einem Vorort, Mann, Frau und Kind, er wochentags auf Baustellen unterwegs, sie pflegt alte Menschen. Scheinbar eine Kleinstadtidylle.

Äußere Beschreibungen wie bei einer Kamerafahrt:
„Ein Haus aus Backstein mit einem moosigen Ziegeldach. Eine Haustür mit eingefassten Bleiglasscheiben, zur Linken eine Bank aus Holz, neben der Bank ein Olivenbäumchen in einem Tontopf, unter der Bank Avas Gummistiefel, Stella weiß gar nicht, wie die da hingekommen sind, seit wann sie schon da stehen. Rechts von der Haustür das Panoramafenster, deutlich sichtbar der Sessel, die zerknautschte Decke über der Armlehne, die Bücher in Stapeln und auf dem breiten Fensterbrett Kissen, ein Stoffzebra und ein Teeglas, eine Flasche Wasser und etwas Kleines, von dem Stella glaubt, dass es Jasons Brillenetui ist. All das ist zu sehen, einen Augenblick lang ist sie fassungslos über diese Ausstellung von Privatem, über ihre Gedankenlosigkeit.“

Würde nicht bereits angedeutet, dass nicht hinter, aber vor der Fassade nicht alles stimmt – so wäre dies beinahe ein wenig zu viel Idyll, knapp am Kitsch vorbeigeschrammt: Öko-Links wird bürgerlich, richtet sich ein in der Behaglichkeit. Doch eben so leise, wie Hermann als Autorin wirkt, so leise schleicht sich auch die Unbehaglichkeit, das langsam zum Grauen wird, in das Vorstadtidyll ein, in Person des Mr. Pfister. Ein Stalker, der beginnt, in Stellas Alltag zu dringen, aber schlimmer noch, in ihre Gedanken. Der plötzlich Raum einnimmt und eindringt vor allem in die Beziehungen zu anderen – zum Ehemann, zur Tochter, zur Kollegin, zu ihren Patienten. Stella kommt an ihre Grundfesten – erinnert sich an die Anfänge ihrer Liebe zu Jason, muss sich auch dieser Liebe immer wieder vergewissern, erinnert sich an alte Zeiten, als alles noch unbelastet war, erinnert sich an Träume vom Leben, die verschüttet wurden vom Alltag. Die positive Botschaft: Letztendlich setzt diese Grenzerfahrung wieder Prozesse frei, ermöglicht einen Re-Start, einen neuen Anfang aller Liebe.

Dennoch: Stalking ist ein Phänomen unserer Zeit, das oftmals Betroffene, aber auch deren Umwelt in Rat- und Hilflosigkeit versetzt. Judith Hermann beschreibt den Ablauf, vom ersten unerwünschten Kontakt, dem Klingeln an der Haustür, dem Wunsch nach einem Gespräch mit Stella, bis zur Eskalation (ungewöhnlich spektakulär für Hermann`sche Verhältnisse) in ihrer zurückgenommenen Sprache so, als habe sie es beinahe selbst erlebt. Sie muss die Gefühlswelten, die Stella durchlaufen muss, nicht „ausschreiben“, um ein Bild dessen zu malen, was im Inneren der Betroffenen vorgeht. Hermann, „Meisterin der Beschneidungskunst“, lässt Stella die ganze Gefühlspalette durchleben – Angst, Verunsicherung, Wut, Zorn, das Bemühen, zu verstehen: „Warum gerade ich?“. Wie erstaunlich viele Menschen, die dies erleben, gibt es keinen Anlass, der das Verhalten eines Stalkers rechtfertigt, ist das Ziel oftmals nur zufällig ausgelöst – bedingt durch einen einmaligen Kontakt, durch eine zufällige Nähe (hier die Nachbarschaft), das Opfer eine Folie für die unerfüllten Lebensziele und Träume des psychisch angeknacksten Verfolger.

Zunächst hatte ich mich über das Thema dieses Romanerstlings gewundert – vieles hätte ich von Judith Hermann erwartet, aber keinen Roman über Stalking. Doch beim Lesen wurde mir klar: Gerade das passt. Weil dies eine zwischenmenschliche Grenzerfahrung ist. Weil es Gefühle auslöst, die so schwer fassbar sind. Weil sich diese Erfahrung des eigenen Lebens bemächtigen könnte. Und weil ein Stalker Unerklärbares tut, sich selbst wahrscheinlich auch kaum erklären könnte.

Das Unerklärbare in den Beziehungen zwischen Menschen – genau das ist Judith Hermanns Metier.

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Tomas Espedal: Wider die Natur

„An manchen Tagen, so wie heute, bekomme ich nicht einen einzigen Satz zustande, kein einziges Wort. Trotzdem verbringe ich die meiste Zeit des Tages am Schreibtisch. Ich sitze da und warte. Warte auf die Wörter. Warte auf die Sprache. Warte darauf, dass sie anruft. Aber das tut sie nicht. Bisher haben wir jeden Tag miteinander geredet; bis spät nachts lagen wir da und redeten, und am Morgen fuhren wir fort. Jetzt habe ich seit einer Woche nicht mehr mit ihr geredet. Das ist nicht natürlich. Ich werde mich nie daran gewöhnen, dass ich nicht mehr mit ihr reden kann.“

Tomas Espedal, „Wider die Natur“, 2014, Matthes & Seitz Verlag.

Der Mann ist Schriftsteller, Ende Vierzig, und er ist vor allem eins: Der Verlassene. Sie, die jüngere Frau, ist weg und er erkennt: Wenn man in diesem Alter noch einmal ganz „groß“ liebt, dann wird es lebensgefährlich.

Es riecht nach Klischee: Älterer Mann liebt junge, schöne Frau, wird verlassen, versinkt in Einsamkeit, Schmerz, Alkohol, Müll. Und auf den ersten Seiten dieses Romans werden denn auch einige (wenige) Klischees aufgezogen. Klischeehafte Erotik, fast ein wenig Porno, jedoch auf hohem sprachlichem Niveau. Die klassischen Ingredienzien: Hormonschub des älteren Mannes bei hochhakigem Vorbeigestöpsel schöner junger Frau, ein One-Night-Stand auf einer Party in der Silvesternacht, weiße Haut, weiße Brüste, schwarzer BH, sie auf seinem Schoß, Koks & Champagner. Doch tritt ein, was nicht vorhersehbar und wohl auch nicht beabsichtigt war: Aus der kurzen, aufgeladenen Begegnung entsteht eine tiefe Liebe. Zumindest auf seiner Seite.
Zwei Jahre später verlässt sie ihn, die jüngere Frau. Ihre Motive bleiben im Unklaren, werden in Andeutungen nur aus Sicht der Hauptfigur, des verlassenen Mannes, reflektiert. Vielleicht, so mag man rätseln, war auch dieses Ende „beziehungsimmanent“ – denn schon in die erste, sexuelle Begegnung tritt dieser Gedanke bei ihm ein:

„Der Altersunterschied kam später, in der Bibliothek, als sie sich im Spiegel sahen. Ein beunruhigendes Bild; die beiden Gesichter, so ähnlich in ihrer Verschiedenheit, wie Geschwister, wie Vater und Tochter, oder Mutter und Sohn, und vielleicht war es dies Naturwidrige, das Groteske und Malerische, ja, das Zeitlose an dem Bild im Spiegel, weswegen sie einander nicht loslassen wollten, sie wollten einander nicht loslassen.“

Die Verschiedenheiten, sei es nun der Altersunterschied, die Kultur, die Religion, die Herkunft, sie sind es, die die Paarattraktion auslösen können. Sie sind es aber auch, die die Trennung herbeiführen können. Ein älterer Mann, eine junge Frau: Es kann ja nicht gut gehen. Es scheint, als würde der Mann, ein mittelmäßig erfolgreicher Schriftsteller, dies immer wieder auch selbst beschwören, in Nebensätzen, in Halbsätzen, in Andeutungen.
Dort, wo es von der Beschreibung des Faktischen zur Reflektion der Gefühle kommt, greift Tomas Espedal zu Kunstgriffen – greift auf die Abaelard und Heloise, die großen, ewigen, getrennten Liebenden zurück, umkreist die Gedanken mit Fragmenten, kurzen Abschnitten, Tagebucheinträgen.

„Das Glück war wie eine Maske, es hatte sich wie eine fein gewebte Maske eng über Augen und Gesicht gelegt; ich saß auf ihrem Schoß, sie zog meinen Kopf an ihre Brust, es war, als würde die Zeit in einer fürchterlichen Verkehrung umgedreht; ich wurde zum Jüngeren von uns beiden.“

„Und etwas vom Glück legt sich über den Körper. Eine neue Haut, sie wächst über der alten, eine dünne, feine, wächserne Haut dehnt sich aus und schmiegt sich genau und weich dem Körper an; ich bemerkte nicht mehr, wie es ihr eigentlich ging.“

Es scheint, Männer schreiben von der Liebe besonders schön dann, wenn sie vergangen, verloren oder gefährdet ist, wenn an sie erinnert wird – siehe Navid Kermanis „Große Liebe“, siehe Philiph Roth „Das sterbende Tier“. Und nun „Wider die Natur“. Ein schmales Buch. Aber ein wuchtiges Buch. Ein Trauersog. Nüchtern, fragmentarisch und doch zutiefst berührend. Die verlorene Liebe, die vielleicht letzte Liebe, ist für den Schriftsteller Anlass, sich zu erinnern an die weiteren großen Lieben seines Lebens, derer da zwei sind. Die Jugendliebe, die von Beginn an ein Ende hat, die nur der Übergang ist in ein anderes Leben, raus aus dem Vorort, raus aus der Fabrik. Und dann die „Liebesarbeit“ (so die Kapitelbezeichnung): Die Verbindung mit einer kapriziösen Schauspielerin, der Versuch, mit der „falschen“ Frau Paardasein, Familiendasein, Haus auf dem Land und große Welt, Stabilität und Künstlerdasein zu vereinen. Für ihn, den Verlassen, scheint es aus der Rückschau so zu sein, als sei er erst mit ihr, der letzten Liebe, angekommen. Gedanken über das Glück:

Ein kleines Buch über das Glück

Lange träumte ich davon, eine Serie von kleinen Büchern zu schreiben. Ein kleines Buch über die Liebe. Ein kleines Buch über die Freundschaft. Ein kleines Buch über das Schreiben. Ein kleines Buch für meine Tochter. Ein kleines Buch über das Glück usw.
Das Buch über das Glück kann ohnehin nicht besonders dick werden.
Nicht dick, und auch nicht besonders tief, die glückliche Sprache ist einfach und banal, es gibt keine Tiefe im Glück, oder etwa doch?
Das Buch über das Glück muss kurz sein. Kurz und fragmentarisch, eine zusammenhänge Erzählung über das Glück zu schaffen, ist unmöglich. Keine Chronologie. Keine Logik oder Vernunft; es ist nicht möglich, einen Roman über das Glück zu schreiben.

Die letzten Seiten, Tagebucheinträge:

Montag, 31. Mai

Du hast die Fähigkeit zu lieben verloren.

Du bringst es nicht über dich, kannst niemanden mehr lieben.

Es ist zu Ende.

Du sagst Ende, aber die Liebe wird nicht enden.

Man kann es so ausdrücken wie Andreas Breitenstein in der Neuen Zürcher Zeitung (3.Juni 2014):
„Blickt man auf den Lakonismus von Künstlern wie Jon Fosse, Niels Fredrik Dahl, Per Petterson, Ketil Bjǿrnstad und Jan Garbarek, scheint es so etwas wie einen norwegischen Minimalismus der Melancholie zu geben. Tomas Espedal mit seinen radikalautobiografischen Prosa-Essays, in denen empathisches Sehen und dichtes Erleben, wortkarges Erzählen und bohrendes Nachdenken sich zu einem Amalgam von existenzialistischer Dringlichkeit vereinen, gehört wie Karl Ove Knausgǻrd zu jenen Autoren, die der postindustriellen Pasteurisierung der Lebenswelt die nackte Wahrheit des eigenen Daseins entgegenhalten.“
Oder man kann es so ausdrücken: Dieses Buch ist schön. Schön traurig. Ein kurzes, schönes, trauriges Buch über die Verzweiflung, die die Einsamkeit, das Älterwerden, der Liebesschmerz mit sich bringt. „Wider die Natur“ ist ein Buch über die Liebe, jedoch vor allem ein Buch über den Schmerz. Über die Verheerungen, die die Liebe anrichten kann. Schlicht und einfach über den großen, nie enden wollenden Kummer. Schlicht und einfach auch in der Sprache (oder wie Iris Radisch in der „Zeit“ schreibt: „Sprache wie klares Wasser“). Schlicht und einfach: Ergreifend.

Freitag, 7. Mai
Ich schlafe mit dem Mobiltelefon auf der Brust. Näher kann ich ihr nicht kommen.

Tomas Espedal, „Wider die Natur“,  Matthes & Seitz, Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Buch ISBN: 978-3-88221-188-7, Preis: 19,90 € / 27,90 CHF


Bild zum Download: Holzschuhe


Joseph Roth: Hotel Savoy

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Bild von Peter H auf Pixabay

„Mir gefiel dieses Hotel nicht mehr: die Waschküche nicht, an der die Menschen erstickten, der grausam wohlwollende Liftknabe nicht, die drei Stockwerke Gefangener. Wie die Welt war dieses Hotel Savoy, mächtigen Glanz strahlte es nach außen, Pracht sprühte aus sieben Stockwerken, aber Armut wohnte drinnen in Gottesnähe, was oben stand, lag unten, begraben in luftigen Gräbern, und die Gräber schichteten sich auf den behaglichen Zimmern der Satten, die unten saßen, in Ruhe und Wohligkeit, unbeschwert von den leichtgezimmerten Särgen.“
Joseph Roth, „Hotel Savoy“, 1924

Das Hotel als Mikrokosmos, in dem eine ganze Welt sich einfindet: Dies ist als Motiv in der Literatur nicht unbekannt. In diesem schmalen Frühwerk von Joseph Roth wird das Hotel jedoch sogar zum Sinnbild einer ganzen Epoche – als Schauplatz des Auseinanderklaffens der Klassen, als Ort der Verlorenheit der Kriegsheimkehrer, als Ausgangspunkt einer Revolution.

Das Hotel Savoy, gleichsam das Europa der Zwischenkriegszeit. Ein Ort, der alles ermöglicht:

„Mit einem Hemd konnte man im Hotel Savoy anlangen und es verlassen als Gebieter von zwanzig Koffern.“ Oder als toter Mann: „Viele Heimkehrer hat der Tod im Hotel Savoy erreicht. Er hatte ihnen sechs Jahre lang nachgestellt, im Krieg und in der Gefangenschaft – wem der Tod nachstellt, den trifft er auch.“

Die Handlung dieses Romans ist schnell erzählt. Roth hat das Geschehen im polnischen Lodz angesiedelt, man schreibt das Jahr 1919. Der Kriegsheimkehrer Dan sehnt sich nach einem Ort der Ruhe:

„Zum ersten Mal nach fünf Jahren stehe ich wieder an den Toren Europas. Europäischer als alle anderen Gasthöfe des Ostens erscheint mir das Hotel Savoy mit seinen sieben Etagen, seinem goldenen Wappen und einem livrierten Portier. Es verspricht Wasser, Seife, englisches Klosett, Lift, Stubenmädchen in weißen Hauben, freundlich blinkende Nachtgeschirre wie köstliche Überraschungen in braungetäfelten Kästchen; elektrische Lampen, aus rosa und grünen Schirmen erblühend wie aus Kelchen; schrillende Klingeln, die einem Daumendruck gehorchen; und Betten, daunengepolsterte, schwellend und freudig bereit, den Körper aufzunehmen.“

Solcher Luxus bleibt dem ehemaligen Soldaten, der einst davon träumte, Schriftsteller zu werden, jedoch versagt. Er kommt dort im Savoy unter – jedoch dort, wo die Armen hausen, dahinvegetieren, sterben: In den oberen Stockwerken. Oben sie – unten die: Die Reichen, die Industriellen, die Kapitalisten, die in der Bar Schampus süffeln und nackte Mädchen tanzen lassen.

„Das Hotel Savoy“, sagt Zwonimir zu den Heimkehrern, „Ist ein reicher Palast und ein Gefängnis. Unten wohnen in schönen, weiten Zimmern die Reichen, die Freunde Neuners, des Fabrikanten, und oben die armen Hunde, die ihre Zimmer nicht bezahlen können und Ignatz die Koffer verpfänden. Den Besitzer des Hotels, er ist ein Grieche, kennt niemand, auch wir beide nicht, und wir sind doch gescheite Kerle. Wir haben alle schon lange Jahre nicht in so schönen, weichen Betten gelegen wie die Herrschaften im Parterre des Hotel Savoy. Wir haben alle schon lange nicht so schöne, nackte Mädchen gesehn wie die Herren unten in der Bar des Hotels Savoy.“

Die Hoffnungen der Arbeiter, der Kriegsversehrten, der verarmten jüdischen Bevölkerung richten sich vor allem auf die Ankunft eines der ihren, der in den USA sein Glück machte: Henry Bloomfield. Dan, aus dessen Perspektive das Geschehen erzählt wird, wird dessen Sekretär – ein Mittler zwischen den Welten, der ebenso voller Mitgefühl von dem Los der Entwurzelten und Verarmten zu erzählen vermag wie von der Befindlichkeit eines Bloomfields, der in der Heimatstadt zu einer Art „Heilsbringer“ erkoren wird. Eine Rolle, vor der dieser letztlich flüchtet. Nach dessen Abreise entlädt sich der Zorn, die Gewalt: Im „Hotel Savoy“ bricht eine Revolution aus, das Gebäude liegt am Ende in Trümmern. Und Dan reist ab – ohne Perspektive, ohne konkretes Ziel.

Der Roman erschien zunächst 1924 in der Frankfurter Zeitung als Fortsetzung und löste ein großes Echo aus: So präzise, so ironisch hatte Roth in diesem Buch den Untergang einer Epoche beschrieben, so sehr traf er mit diesem Werk, das auch als Fabel gelten könnte, den Geist seiner Zeit. Es ist die Zeit der Entwurzelung, der Verunsicherung, der Heimatlosigkeit. Die Wunden des ersten Krieges bluten noch und werden zur nächsten Katastrophe führen.

Hellsichtig schreibt Roth:
„Es sah aus, als wollte ein neuer Krieg ausbrechen. So wiederholt sich alles: Der Rauch steigt wieder aus den Schornsteinen der Baracken, Kartoffelschalen liegen vor den Türen, Fruchtkerne und faule Kirschen – und Wäsche flattert auf ausgespannten Schnüren. Es wurde unheimlich in der Stadt.“

Insbesondere die Schicksale und Empfindungen der Kriegsheimkehrer schildert Roth eindringlich und eindrucksvoll – er selbst war zunächst zwar als kriegsuntauglich eingestuft worden und vertrat zudem eine pazifistische Haltung, meldete sich jedoch zum Militärdienst 1916 auch aus Gewissensbissen heraus – zu viele andere Weggenossen aus dem Literaturstudium in Wien hatten sich schon zuvor zur Front gemeldet.

„Es ist wieder die Zeit der Heimkehrer. (…) Der Staub zerwanderter Jahre liegt auf ihren Stiefeln, auf ihren Gesichtern. Ihre Kleider sind zerfetzt, ihre Stöcke plump und abgegriffen. Sie kommen immer denselben Weg, sie fahren nicht mit der Eisenbahn, sie wandern. Jahrelang mögen sie so gewandert sein, ehe sie hier ankamen. Sie wissen von fremden Ländern und fremden Leben und haben, wie ich, viele Leben abgestreift.“

Mit starken Bildern, präziser Sprache, melancholisch, aber unsentimental entwirft Roth auf den wenigen Seiten dieses Romans ein ganzes Bild seiner Epoche, ein Weltbild. Dies macht das Werk unbedingt empfehlenswert.

„Die Heimkehrer sind meine Brüder, sie sind hungrig. Nie sind sie meine Brüder gewesen. Im Felde nicht, wenn wir, von einem unverstandenen Willen getrieben, fremde Männer totmachten, und in der Etappe nicht, wenn wir alle, nach dem Befehl eines bösen Menschen, gleichmäßig Beine und Arme streckten.“

Die Kriegserfahrungen wurden für den 1894 in Ostgalizien geborenen Joseph Roth zu einem einschneidenden Erlebnis. Dies und der Untergang der alten Zeit, der Zerfall Österreich-Ungarns wurden Themen, die der Schriftsteller und Journalist immer wieder aufgriff. Roth erlangte schließlich mit den Romanen Hiob und Radetzkymarsch hohe Bekanntheit. 1933 musste der jüdische Schriftsteller nach Frankreich emigrieren, er starb, verarmt und an den Folgen seiner jahrelangen Alkoholerkrankung leidend, in Paris am 27. Mai 1939.

Sylvia Beach: Shakespeare and Company

„Die Subskribenten in Paris wurden dank der nahezu täglich in der Presse veröffentlichten Bulletins auf dem Laufenden gehalten. Meine Freunde bei der Zeitung betrachteten den Ulysses – mit vollem Recht – als ein Ereignis von weltweiter Bedeutung, geradezu als ein sportliches Ereignis, und es erschien auch tatsächlich ein Artikel über Ulysses in dem englischen Blatt The Sporting Times, bekannt als The Pink `Un – aber da war das Buch selbst schon herausgekommen.“

Sylvia Beach, „Shakespeare and Company“, Suhrkamp Taschenbuch

Es gibt eine Frau, die wesentlich zum Erfolg des „Ulysses“ beigetragen hat: Die Buchhändlerin Sylvia Beach. 1917 kommt die Amerikanerin, 1887 in Baltimore geboren, nach Paris – wie viele andere dieser Generation kommt sie, liebt sie, bleibt sie. Und verwirklicht ihren Traum, einen Buchladen zu gründen, eine amerikanische Buchhandlung mit Leihbücherei an der Seine. 1919 wird „Shakespeare and Company“ eröffnet und zu einem Treffpunkt der amerikanischen und französischen Literaturszene. Anekdote an Anekdote reiht sich in Sylvia Beachs 1956 erstmals erschienenen Erinnerungen „Shakespeare and Company“: Alles, was damals Rang und Namen hat, findet sich früher oder später in der Rue de l`Odéon ein oder wird zum Kunden: Ezra Pound, Sherwood Anderson, André Gide, Hemingway, Gertrude Stein, Scott F. Fitzgerald, Paul Valéry…

„Ich lebte zu weit von meinem Vaterland entfernt, um die Kämpfe unserer Schriftsteller um freie Ausdrucksmöglichkeit entsprechend verfolgen zu können, und als ich 1919 meine Buchhandlung eröffnete, ahnte ich nicht, dass sie von den Verboten ihren Nutzen haben würde. Ich glaube, diesen Verboten und der dadurch geschaffenen Atmosphäre verdankte ich viele meiner Kunden – alle jene Pilger der zwanziger Jahre, die über den Ozean kamen, sich in Paris niederließen und das linke Seineufer kolonisierten.“

Wer heute Buchhändler(in) wird, der weiß: Man braucht dazu Leidenschaft, Engagement, Wissen, Belesenheit und auch wirtschaftliches Geschick. Das alles – und noch viel mehr – hat Sylvia Beach in die Waagschale geworfen. Jede Zeile ihrer Erinnerungen an ihr Lebensprojekt spricht davon. Aber vor allem brachte sie eines mit: Ein großes Herz für ihre Kunden. Nicht wenige davon waren eben jene schwierige Spezies, die sich Schriftsteller nennt. Sylvia Beach scheint ihnen – vor allem den Autoren aus Übersee – eine Mischung aus bemutternder Freundin und intellektueller Ansprechpartnerin gewesen zu sein. Da tischlert dann selbst Ezra Pound für die Einrichtung des Buchladens, André Gide organisiert Lesungen und Hemingway befreit die Rue de l`Odéon symbolisch von den Nazis. Und Sylvia Beach gibt viel zurück – die Buchhandlung wird für manchen zum zweiten Heim, geschickt vermittelt sie Kontakte, schlichtet Streit, glättet Eifersüchteleien – mit wechselndem Erfolg:

„Der letzte ängstliche Besucher, den ich zu Gertrude (gemeint ist Gertrude Stein) führte, war Ernest Hemingway. Er wollte seinen Streit mit ihr beilegen, fand aber nicht den Mut, allein zu ihr zu gehen. Ich billigte sein Vorhaben, redete ihm gut zu und versprach, ihn in die Rue Christine zu begleiten, wo Gertrude und Alice damals lebten. (…) Ein Zwist flammt leicht einmal zwischen Schriftstellern auf, aber ich habe festgestellt, dass er sich gelegentlich einfrisst wie ein Schmutzfleck.“

Die Stein, niemals einfach, lässt sich als eine der Wenigen nicht von der netten Buchhändlerin erweichen – als Sylvia Beach schließlich das Unternehmen ihres Lebens wagt und Verlegerin des „Ulysses“ wird, kündigt ihr die amerikanische Schriftstellerin Freund- sowie die Kundschaft im Buchladen. Das Leben ist manchmal steinhart.

Zwar hätschelt und pflegt Sylvia Beach alle sensiblen Schreiberseelen, aber nur bei einem wird aus der Bewunderung der bescheidenen Buchhändlerin geradezu Heldenverehrung: James Joyce.

 „Joyce` Stimme, von einem süßen Klang wie die eines Tenors, bezauberte mich.“

 „Es war überwältigend für mich, mit dem größten Dichter meiner Zeit zusammen zu sein, aber Joyce hatte eine so unglaublich einfache Art, dass ich mich trotzdem frei und unbefangen fühlte.“

Wohlgemerkt: Sie spricht von dem größten Dichter ihrer Zeit, da war dessen Jahrhundertwerk noch nicht einmal beschrieben. An dieser Stelle werden die Erinnerungen einer Buchhändlerin auch zur literaturwissenschaftlichen Quelle ersten Ranges. Ganz bescheiden und zurückgenommen erzählt Sylvia Beach von den Schwierigkeiten, die Joyce sowohl auf der Insel als auch in den USA mit der Zensur hat.

„Jede Hoffnung auf eine Veröffentlichung in Ländern englischer Sprache war, zumindest auf lange Zeit, geschwunden. Und da saß nun James Joyce in meinem kleinen Buchladen und seufzte tief.
Auf einmal kam mir der Gedanke, dass man doch etwas unternehmen könne, und ich fragte: Würden Sie Shakespeare and Company die Ehre erweisen, Ihren Ulysses herausbringen zu dürfen?
Er nahm mein Angebot auf der Stelle mit Freuden an.“

Damit beginnt für Sylvia Beach das eigentliche Abenteuer ihres Lebens. 1922 erscheint der Ulysses, „Shakespeare and Company“ wird eine begehrte Adresse. Doch die Zeiten sind nicht danach:

„Die Buchhandlung war berühmt geworden. Sie steckte immer voll von neuen und alten Kunden, und mehr und mehr wurde in Zeitungen und Zeitschriften über sie geschrieben. Man zeigte sie sogar den Touristen der American Express, wenn sie vorüberfuhren – in Autobussen, die ein paar Sekunden vor Nr. 12 stehenblieben. Trotz alledem begann Shakespeare and Company die Wirtschaftskrise ernstlich zu spüren. Die Geschäfte, die schon durch die Abreise meiner Landsleute gelitten hatten, gingen nun rasch immer schlechter.“

Nach der deutschen Besatzung schließt Sylvia Beach den Buchladen für immer. Sie lebt bis zu ihrem Tod 1962 in Paris, begraben ist sie jedoch in den USA. Der Buchladen in der Nr. 12 bleibt zwar geschlossen, später jedoch wird die Buchhandlung Le Mistral in der Rue de la Bûcherie zu Ehren Sylvia Beachs in „Shakespeare and Company“ umbenannt. Auch dieser Laden, ebenfalls von einem US-Amerikaner, George Whitman (inzwischen von seiner Tochter), betrieben, wird zu einem literarischen Treffpunkt – hier verkehrten Henry Miller, Allen Ginsberg, William S. Burroughs und andere.

„Shakespeare and Company – eine Buchhandlung in Paris“: Sicher war es die richtige Entscheidung von Sylvia Beach, das Schreiben anderen zu überlassen. Doch wo die Lebenserinnerungen sprachlich zu wünschen übrig lassen, machte dies die Literaturliebhaberin durch ihre Leidenschaft für Bücher und Schriftsteller wett. So werden das Paris der Zwischenkriegszeit, die intellektuelle Atmosphäre an der Seine, das Leben der literarischen Exilanten aus den englischsprachigen Ländern sowie deren kleinen und großen „Macken“ lebendig – und verlocken zu einem Bummel durch die Buchhandlungen der Stadt der Bücherliebe.

Jeremias Gotthelf: Die schwarze Spinne

 

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Bild von Uday Kumar auf Pixabay

Das Projekt: #LawAndLit, ein Literaturprojekt von 54books und texteundbilder. Recht und Literatur, Werke, in denen es um Recht und Gerechtigkeit geht – erlesen an einigen Werken der Weltliteratur, von lesenden Juristen und Nichtjuristen. Mehr zum Projekt, der Leseliste und den bereits erschienenen Besprechungen gibt es hier: http://www.buchguerilla.de/lawandlit/

Meine Wahl: „Die schwarze Spinne“ von Jeremias Gotthelf (1797-1854). Mit Fokus auf: Den rechtlichen Ausnahmezustand. Als Nichtjuristin meinte ich, diesen Rechtsbegriff evt. fassen zu können. Als Leserin schien es mir, eine Novelle wäre schnell umrissen. So kann man sich selber ein Bein stellen.

Die Novelle und ihr Autor: Jeremias Gotthelf (1797-1854) ist ein Pseudonym. Tatsächlich als Albert Bitzius geboren, studierte der Sohn eines reformierten Pfarrers ebenfalls Theologie und wurde Seelsorger. Sein erstes Buch veröffentlichte er erst als 40jähriger. In Romanen wie „Uli, der Knecht“ und „Uli, der Pächter“ beschreibt er eindringlich die Situation der Schweizer Bauern, deren Notlage und Knechtung. Sein literarischer Rang wurde von Gottfried Keller, Walter Muschg und Thomas Mann hervorgehoben. Seine (politischen) Folgerungen aus dem Elend der Landbevölkerung stehen jedoch auf einem anderen Blatt: Gotthelf sah seine Bücher als Teil einer Seelsorge, die christlich-karitativ-konservativ war. Sein Ideal war der fleißige, redliche und gottesfürchtige Landmann, dem in aller christlicher Demut geholfen werden musste. Auch fremdenfeindliche und antisemitische Tendenzen sind in Teilen des Werkes dieses dichtenden Priesters spürbar. Sehr deutlich wird diese Grundhaltung an der Rahmennovelle „Die schwarze Spinne“, die 1843 erschien.

Die Handlung:

Zunächst wähnt man sich in der idyllischen, behaglichen Schweiz. Eine Kindstaufe wird gefeiert, die Sonne lacht, alles ist festlich vorbereitet. Nach dem Kirchgang trifft sich die Taufgesellschaft zum Schmaus im schmucken Heim, die Tische biegen sich unter den leckeren Köstlichkeiten, man speist, man trinkt, man lässt es sich gut sein.

In diese wonnige Rahmenhandlung bettet Jeremias Gotthelf eine gruselige Legende ein, die beim Lesen durchaus auch zu packen vermag – die Schauergeschichte  von der schwarzen Spinne. Nachdem der alte Hofherr die Geschichte erzählt hat, will der Taufgesellschaft das Essen nicht mehr munden – so schauerlich ist die Mär:

 „Hell glänzten auf dem Tische, frisch gefüllt, die schönen Weinflaschen, zwei glänzende Schinken prangten, gewaltige Kalbs- und Schafbraten dampften, frische Züpfen lagen dazwischen, Teller mit Tateren, Teller mit dreierlei Küchlene waren dazwischen gezwängt, und auch die Kännchen mit den süßen Tee fehlten nicht. So war ein schönes Schauen, und doch achteten sich alle desselben wenig; aber alle sahen sich um mit ängstlichen Augen, ob nicht die Spinne aus irgendeiner Ecke glitzere oder gar vom prangenden Schinken herab sie anglotze mit giftigen Augen.“

Sechs Jahrhunderte zuvor wurden die Bauern dieses Tals von den Kreuzrittern eines Ordens, der sich dort niedergelassen hatte, zu harten Frondiensten gezwungen. Die Ritter „gingen mit andern Menschen um, als ob kein Gott im Himmel wäre“. Den Bauern selbst fehlt der „Mut zu rechtem Zorn, denn Not und Plage hatte den Mut ihnen ausgelöscht, so daß sie keine Kraft mehr zum Zorne hatten, sondern nur noch zum Jammer.“

In einer besonderen Notlage bietet der Teufel seine Hilfe an – nur dieser „vermaß sich zu schwerer Rache gegen solche Tyrannei“. Was er dafür will: Ein ungetauftes Kind.

Besser verhungern, als mit dem Gehörnten solch ein Geschäft eingehen, meinen die Bauern zunächst – doch als gar nichts mehr geht, nimmt die Sache eine tatkräftige Frau in die Hand. Eine angeheiratete „Lindauerin“, die Verkörperung der Fremden also:

„Ein einzig Weib schrie nicht den andern gleich. Das war ein grausam handlich Weib, eine Lindauerin soll es gewesen sein, und hier auf dem Hofe hat es gewohnt. Es hatte wilde, schwarze Augen und fürchtete sich nicht viel vor Gott und Menschen.“

Sie, die Außenseiterin, ist die Einzige, die sowohl gegen die Grausamkeit der Ritter aufbegehrt als auch meint, den Teufel betrügen zu können – indem man mit ihm zum Schein den Handel eingeht, ihm den Lohn dafür, das ungetaufte Kind, jedoch vorenthält.

Es kommt, wie es kommen muss: Der Teufel lässt mit sich keinen Schabernack treiben. Als ihm ein Neugeborenes verwehrt bleibt, besetzt er die „Lindauerin“ – aus ihrer Wange schlüpft eine scheußliche Spinne, die schließlich umstandslos einen Großteil der Dorfbevölkerung meuchelt. Erst einer jungen Frau gelingt es, die Spinne im Loch eines Holzbalkens einzusperren, das Dorf bekommt Ruhe, erfährt wieder bessere Zeiten.

Die Moral von der Geschichte: Wer, auch in der größten Not, mit dem Teufel paktiert, bekommt eins auf die Mütze. Gotthelf ist es jedoch nicht genug, dies in der Novelle einmal zu betonen – er bettet eine zweite Erzählung ein, der Verlauf ein ähnlicher: Rund 200 Jahre später herrschen auf dem Hof Hoffart, Verschwendung, Faulenzerei, verursacht wieder durch Frauen und fremde Elemente. Die Spinne entkommt, das Grauen beginnt erneut, bis erneut einer den Mut und das Glück hat, das Monster in den Balken zu bannen.

Und dort verharrt das Böse auch zu Zeiten der Rahmenerzählung, die mit diesen Worten endet:
„Bald war es still ums Haus, bald auch still in demselben. Friedlich lag es da, rein und schön glänzte es in des Mondes Schein das Tal entlang; sorglich und freundlich bar es brave Leute in süßem Schlummer, wie die schlummern, welche Gottesfurch und gute Gewissen im Busen tragen, welche nie die schwarze Spinne, sondern nur die freundliche Sonne aus dem Schlummer wecken wird. Denn wo solcher Sinn wohnet, darf sich die Spinne nicht regen, weder bei Tage noch Nacht. Was ihr aber für eine Macht wird, wenn der Sinn ändert, das weiß der, der alles weiß und jedem seine Kräfte zuteilt, den Spinnen wie den Menschen.“

Fazit: Zwei Grundfragen stellten sich mir in dieser Novelle.

Erstens: Gibt es in einer Ausnahmesituation, in der die geknechteten Bauern zu Beginn der Binnenerzählung sich befinden, ein Recht auf Widerstand?

Zweitens: Ist dann jedes Mittel, auch ein betrügerisches Bündnis mit gefährlichen Partnern, recht und rechtens?

Gotthelf selbst beantwortet die erste Frage nur indirekt, aber negativ:Der Spinne fallen auch die Ritter zum Opfer, da „Gott mit gleicher Kraft über jedem sei, der von ihm abfalle, sei er Bauer oder Ritter.“ Allein Gott also ist es zugebilligt, zu richten – in der christlichen Auffassung Gotthelfs, davon muss man ausgehen, hätten die Bauern ihr Leid klaglos zu ertragen gehabt. Ein Recht auf Widerstand gibt es in diesem Sinne nicht, Gutes erfährt, wer sein Leben führt „in Gottesfurcht und Rechttun“.

Ganz eindeutig beantwortet die Erzählung die Frage nach den Mitteln: Falsch, falsch, falsch. Wer Böses mit Bösem zu bekämpfen versucht, auf den lässt Gotthelf nicht nur die Spinne los, sondern auch Blitz und Donner kommen. In der fürchterlichsten Szene sausen, brausen und tosen die Naturgewalten, „als sollten diese Töne zusammenschmelzen zur letzten Posaune, die der Welten Untergang verkündet.“ Denn: „Wer mit dem Bösen sich einlasse, komme vom Bösen nimmer los und wer ihm den Finger gebe, den behalte er mit Leib und Seele. Aus diesem Elend könne niemand helfen als Gott; wer ihn aber verlasse in der Not, der versinke in der Not.“

Weniger die Frage nach den Rechten zur Gegenwehr und Widerstand, denn die Schuldfrage wird also thematisiert: Dem Dorf wird nicht das Recht zugestanden, gegen das Übel der Unterdrückung vorzugehen. Schon durch das Aufbegehren macht man sich schuldig. Zudem führt eine unrechte Handlung zur nächsten, am Ende sind alle in Schuld verstrickt. Das Kollektiv, zunächst noch hinter der „Lindauerin“ stehend, bricht rasch auseinander, als die ersten Übel geschehen. Die Fremde ist der geeignete Sündenbock, ein Muster, das sich auch in der zweiten Erzählung gewissermaßen wiederholt. Letztendlich liegt die Lösungskompetenz in Gotthelfs Augen allein bei einem – seinem christlichem Gott, dem obersten Richter.

Dass die Novelle in ihrer Zeit zu sehen ist, dass zudem Herkunft und Haltung ihres Verfassers zu berücksichtigen sind – das ist keine Frage. Würde sie man daher nur aus literarischer Sicht betrachten, wäre sie tatsächlich recht bemerkenswert, allein wegen der Sprachgewalt, mit der das Schrecklich-Schaurige über den Leser hereinbricht.

Was ihre inhaltliche Substanz anbelangt: Trotz anfänglicher Lese- und Schreibhemmung bin ich nun denn doch froh, am #LawAndLit – Projekt teilgenommen zu haben.

Die Frage nach dem Recht im Ausnahmezustand habe ich in der Auseinandersetzung mit der engen Auffassung Gotthelfs in die Frage nach dem Recht auf Widerstand umgewandelt. Dieser konservative Kodex, der den Bauern letztendlich keine Gegenwehr gegen die Ausbeutung durch willfährige Gutsherren zugesteht, fügt sich schlecht in die Auffassung von der Gleichheit der Menschen. Das Dorf befindet sich in einem Notstand – wenn Menschen- und Grundrechte jedoch ständig missachtet werden, dann ist auch ein Recht auf Widerstand gegeben.

Mit dem Bewusstsein, was heute in der Ukraine geschieht, was sich seit 2011 in Syrien abspielt, was in Ägypten geschah oder – fast schon wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden – 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens, aber auch zurückdenkend an die Ereignisse, die zum Fall der Mauer führten: Das Recht auf Widerstand gegen unerträgliche Verhältnisse kann und darf, wie der Schweizer es schreibt, nicht nur „gottgegeben“ sein.

Die zweite Frage jedoch, die die Novelle aufwirft, ist meines Erachtens noch schwieriger zu beurteilen: Wenn Widerstand vonnöten ist, welche Mittel sind erlaubt?

Charles Portis: True Grit

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„Heutzutage glaubt kein Mensch mehr, dass ein vierzehnjähriges Mädchen mitten im Winter sein Elternhaus verlassen könnte, um den Mord an seinem Vater zu rächen; aber damals erschien einem das nicht so seltsam – wenn ich auch sagen muss, dass es sicher nicht alle Tage vorkommt.“

Charles Portis, „True Grit“, erstmals erschienen 1968, rororo-Taschenbuch 2010.

Jeder Mann, der einen Liebesroman geschrieben hat, muss anschließend etwas Ordentliches tun, meint Alex Capus. Nämlich einen Western schreiben.

Ab und an muss man dann auch als Leser(in) etwas Ordentliches tun. Nämlich einen Western lesen. Als Kind habe ich – wie viele Kinder auch – diese Geschichten geliebt. In eine chaotische Welt brachten sie Gesetz und Ordnung. Wichtiger aber war vor allem: Man wusste einfach, wo man dran war, mit den Menschen. Ein Mann, ein Wort, ein Colt, ein Tomahawk. Der Wunsch nach Eindeutigkeit verliert sich mit den Jahren. Helden stürzen von ihrem Sockel. Die Bedürfnisse sind nicht mehr naiv, von Geschichten wird nicht mehr die Erfüllung dieser Bedürfnisse erwartet.

Mit Ecken und Kanten

Doch, siehe da: Auch der Western ist erwachsen geworden. Aufgefallen ist mir dies zunächst über das Kino – Lone Ranger, Django Unchained, The Good, The Bad, The Weird, Die Ermordung des Jesse James: Man spricht von einer Wildwest-Renaissance. Mit den stereotypen Klischees wird nebenbei gründlich aufgeräumt – der tapfere Held, der edle Wilde, der zynische Kopfgeldjäger, deren Zeiten sind vorbei. Helden haben Ecken und Kanten. Oder sind 14 Jahre alt und ein Mädchen.

Der Roman „True Grit“, veröffentlicht 1968, bereits 1969 unter dem Titel „Die mutige Mattie“ in deutscher Übersetzung erschienen, erzählt die Geschichte dieses Mädchen, das mit einem versoffenen Marshall und einem trottelig erscheinenden Texas-Ranger auszieht, den Mörder seines Vaters zu finden. Niemand ist in diesem Roman so, wie er nach gängigen Konventionen sein sollte, und auch die „Gerechtigkeit“ ist nicht mehr das, was sie einmal war: Mattie erreicht ihr Ziel, verliert dabei jedoch einen Arm und jede Menge Illusionen. Nur glaubensfest, das bleibt die redegewandte, altkluge, manchmal äußerst nervige Göre bis ins hohe Alter.

Verfilmung durch die Coen-Brüder

Mattie hat echten Schneid (true grit). Die trockene, lakonische Ausdrucksweise, schwarzer Humor und herrliche Dialoge – ein Lesegenuss für einen literarischen nachmittäglichen Rachefeldzug. Bereits 1969 wurde das Buch, das zunächst in der Saturday Evening Post erschien, mit John Wayne verfilmt. Für seine Rolle als „The Marshall“ erhielt er dann endlich den ersehnten Oscar. Zur Abrundung der Lektüre ist jedoch die 2010-er Verfilmung der Coen-Brüder eher zu empfehlen. Jeff Bridges einmal mehr in einem Coen-Film – den verlotterten Marshall gibt er ebenso lässig-verspult wie seinerzeit den großen Lebowski. Für die Coens war dies erst die zweite Literaturverfilmung nach „No country for old men“, der 2007 ins Kino kam. Auch dieser Film eine hervorragende Adaption des Romans von Cormac McCarthy – auch ein Autor, der den neuen, den anderen wilden Western schreibt.

Star des Buchs, Star des Films ist jedoch die redselige, halsstarrige Mattie, Sturkopf bis zur letzten Seite, Jahre später nach dem Geschehen:

„Ich hätte mich nicht sonderlich anstrengen müssen, um mich zu verheiraten. Es geht aber keinen Menschen etwas an, ob ich geheiratet habe oder nicht. Ich kümmere mich nicht um das Gerede. Wenn ich wollte, könnte ich einen alten Pavian heiraten – und ihn zum Kassierer machen! Ich hatte ganz einfach nie Zeit für solche Spielereien. Eine Frau, die Grips im Kopf hat und kein Blatt vor den Mund nimmt, ist da vielleicht ein bisschen im Nachteil; besonders wenn sie einen Ärmel hochgesteckt trägt und eine kranke Mutter zu versorgen hat.“