Ruth Klüger: unterwegs verloren

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„Die Überlebenden der KZ, mit Ausnahme von einigen, die man zu Märtyrern gestempelt hat, sind allen frei gebliebenen Menschen ein Dorn im Auge. Gelitten zu haben ist eine Schande, außer wenn man daran und dafür gestorben ist.

Ruth Klüger, „unterwegs verloren“, 2008

Ruth Klüger ist 61 Jahre alt, als 1992 im Literarischen Quartett ihre Erinnerungen „weiterleben“ vorgestellt werden. Mit einem Mal wird die amerikanische Literaturprofessorin und Germanistin auch einem breiten Publikum im deutschsprachigen Raum bekannt. „weiterleben“ erzählt von ihrer Kindheit in Wien, dem Überlebenskampf in den Konzentrationslagern, der Flucht mit der Mutter in die USA.

 „unterwegs verloren“ setzt Jahre später ein – ebenso ein Buch über das Weiterleben. Mit einer ruhigen Sprache, manchmal bis an die Grenze zur Emotionslosigkeit, erzählt Ruth Klüger von einer doppelten Diskriminierung: Als Jüdin und als Frau im amerikanischen Literaturbetrieb. Sie erzählt von weiteren Verlusten, der Entfremdung von den Söhnen, von der Familie, von Freunden. Bis hin zum Bruch mit Martin Walser, den sie als junge Frau noch vor der Emigration in die USA kennenlernete, in ihm einen engen, lebenslangen Freund sah, dem sie jedoch die Darstellung eines jüdischen Kritikers in dem umstrittenen Werk `Tod eines Kritikers´ nicht nachsehen kann.

Wie sehr die traumatischen Erfahrungen ein Leben lang prägen, auch das verdeutlicht diese Autobiographie. Und über alledem überwiegt dennoch eine anhaltende Liebe zur deutschen Sprache, zur deutschen Literatur.

Und bei allem, was Ruth Klüger „unterwegs verloren“ hat, bleibt ein Gewinn am Ende: Das Wissen, dass sie dort, wo Diskriminierung geschah – sei es ihr oder anderen gegenüber – den Mut und das Rückgrat hatte, dagegen einzutreten.

Ihre Bücher gibt es als Taschenbuch-Ausgaben beim dtv Verlag.

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Lesezeichen von: Hans Magnus Enzensberger

Lesezeichen_EnzensbergerEs gibt Erfindungen, die schwer zu verbessern sind, wie zum Beispiel den Löffel, das Fahrrad und das Buch. Man braucht sie nicht zu verteidigen. Sie sind nicht heilig, nur sehr brauchbar. Bücher zum Beispiel. Sie brauchen keine Chips, keine Bedienungsanleitung, keine Batterie, keine Antenne, kein Paßwort, und ihr Betriebssystem ist extrem dauerhaft; man braucht sie nicht alle paar Jahre durch neue Hart- und Weichwaren aufzurüsten.
Trotzdem bringt die Sprache und damit auch die Poesie manches hervor, was auf keiner Seite Platz hat. Das liegt daran, daß das Papier nur zwei Dimensionen hat. Wie wäre es also mit einer dritten? Dazu müßte man Objekte bauen, die einen anderen Gebrauch möglich machen. Zum Beispiel einen Poesie-Automaten oder allerhand komplizierte Wort-Spielzeuge. Das habe ich auch getan. Solche Sachen wurden sogar gebaut und ausgestellt, und hie und da hat sich ein Publikum gefunden, das daran Geschmack fand. Weniger Glück hatte ich mit meinem Fountain of Poetry.

Hans Magnus Enzensberger, „Meine Lieblings-Flops“, 2011

Es gehört schon eine gewisse Größe dazu, mit seinen eigenen Reinfällen gelassen umzugehen. Vor allem, wenn man dies auch noch so humorig angeht, wie Hans Magnus Enzensberger in diesem unterhaltsamen Buch: Ganz locker zählt er seine Kino-, Opern- und Theaterflops auf, die verlegerischen und die literarischen Reinfälle. Das Wort „Flops“ mag er besonders wegen dessen lautmalerischer Qualität – das kommt besonders schön beim einzigen „Etcetera-Flop“ des Buches zur Geltung. Der „Etcetera-Flop“: Das ist jener „Fountain of Poetry“, ein Kunstwerk, das HME technisch schon komplett durchdacht hatte:

Eine Glasplatte, von Wasser überspült, auf die Texte projiziert werden. Fließ-Texte entstehen dabei, das Wasser spielt mit der Poesie. Fehlte nur noch das Geld zur Realisierung. Bei einem Treffen arabischer und deutscher Schriftsteller und Philosophen lernte HME den Scheich Bin Rashid al Maktoum kennen, der große Pläne für Kulturzentren in Dubai hatte, inklusive eines Poesiemuseums. Der Fountain of Poetry – perfekt für Dubai. Wasser das magische und poetische Element der Wüste. Die Pläne des Scheichs für den Brunnen wurden zwar immer gigantischer, aber ebenso engagiert vorangetrieben: „Am Tag unserer Abreise fehlte nur noch eine Unterschrift“, schreibt Enzensberger. Doch: „Wir haben nie wieder von Scheich Mohammed Bin Rashid gehört. Als ein paar Monate später die ersten Meldungen über die Kreditklemme des Emirats über den Ticker liefen, verstanden wir, warum. Keiner meiner Flops war so märchenhaft und so verrückt.“

Ein Flop, im Wüstensand versickert – was Enzensberger jedoch nicht davon abhält, immer weitere neue Ideen zu entwickeln: Diese bilden den zweiten Teil dieses amüsanten, so herrlich entspannten Buches.
Der Poesiebrunnen kam zwar nicht zum Sprudeln, einen Poesieautomaten konnte der Schriftsteller jedoch verwirklichen. Er steht heute im Eingangsbereich des Deutschen Literaturarchivs Marchbach.

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Magda Szabó: Hinter der Tür

„Unsere wechselseitige Zuneigung war fast so etwas wie Liebe, obwohl wir enorm viele Zugeständnisse machen mußten, um uns gegenseitig zu akzeptieren. Jede Arbeit, die nicht mit den Händen und dem Einsatz körperlicher Kraft verbunden war, kam Emerenc wie Nichtstun vor, ja sogar wie ein Schwindel. Ich meinerseits habe die Leistung körperlicher Arbeit immer anerkannt, konnte sie aber gegenüber geistiger Tätigkeit nie als höherwertig begreifen (…).
Bücher waren das Fundament meiner Welt, Buchstaben waren meine Maßeinheit, doch empfand ich sie keineswegs als alleinseligmachend, wie für die alte Frau die eigene Vorstellung vom Leben das Maß aller Dinge war.“

Magda Szabó, „Hinter der Tür“, 1987, Suhrkamp Taschenbuch (hier die Verlagsangaben zum Buch).

Zwei Frauen, zwei Leben, zwei Welten. Die Schriftstellerin trifft auf die alte Hausmeisterin, man nähert sich zögernd an, gelangt mühsam zu einer Vertrautheit, eine Zuneigung zwischen der Weichen und der Harten entsteht. Beinahe ein Kammerspiel, ein Herz-Kammerspiel. Denn der wesentliche Raum des Romans liegt hinter einer Tür. Dort hält Emerenc, die Hausmeisterin, Zeugnisse einer traumatischen Vergangenheit verschlossen. Ein Zimmer, das von Flucht, Vertreibung, Verfolgung, Verlusten erzählt. Zu viele Verluste, ein verstummtes Herz, das sich der jüngeren Frau nur zögerlich öffnet. Bis der Bruch kommt: Emerenc liegt, vom Schlaganfall gefällt, hilflos in der Wohnung. Will nichts anderes, als alleine und in ihrem Begriff von Würde sterben. Der Einbruch in die Wohnung ein Vertrauensbruch, eine falsch ausgeführte Geste des Helfens. Das Innerste wird entblößt, das Zimmer den Voyeuren geöffnet, ein Herz, das – zur Schau gestellt – mit einem Schlag zerbricht.

„Ich bin schuld an Emerencens Tod. Daran ändert auch nichts die Tatsache, daß ich sie nicht umbringen, sondern retten wollte.“

Eva Haldimann schreibt im Nachwort der Suhrkamp-Ausgabe, die Romane von Magda Szabó seien Trauerarbeiten. (Nicht zu vergessen die politische Dimension dieses Buches: Wie sehr prägt die Geschichte das Leben eines Menschen?). „Hinter der Tür“ liegt die Trauer über die missverständlichen Gesten der Liebe. Die größte Traurigkeit von allen: Wenn Zuneigung misslingt.

Eine Leseempfehlung für diesen Roman der ungarischen Autorin (1917-2007), der 2011 von István Szabó mit Helen Mirren als Hausmeisterin Emerenc und Martina Gedeck in der Rolle der Schriftstellerin verfilmt wurde.

Zum vertieften Einlesen: Bei „Zeilenkino“ werden in einer fundierten Rezension Buch und Verfilmung verglichen und besprochen.


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Ryszard Kapuściński: Meine Reisen mit Herodot

„Irgendwann würde ich gern ins Ausland fahren.“
„Ins Ausland?“ sagte sie verwundert und leicht erschrocken, denn damals war es noch keine Selbstverständlichkeit, ins Ausland zu fahren.
„Wohin? Wozu?“ fragte sie.
„Ich habe an die Tschechoslowakei gedacht“, antwortete ich. Es ging mir nicht darum, etwa nach Paris oder London zu reisen, o nein, solche Ziele versuchte ich mir gar nicht erst vorzustellen, und sie interessierten mich auch nicht, ich wollte nur irgendwo die Grenze überschreiten, egal, welche, denn wichtig war für mich nicht der Ort, das Ziel, das Ende, sondern der beinahe mystische und transzendentale Akt des Überschreitens der Grenze.

Ryszard Kapuściński, „Meine Reisen mit Herodot“.

Ein knappes Jahr nach diesem Gespräch mit seiner Chefredakteurin ist es für den jungen polnischen Journalisten soweit – „Wir schicken Dich ins Ausland. Du fährst nach Indien.“ Und als Reisebegleiter gibt sie ihm mit: Herodot, dessen Historien.

Ein Buch, das Ryszard Kapuściński durch sein ganzes weiteres Reporterleben begleiten wird, das ihm, den späteren weltberühmten Reisenden, unverzichtbar wird. Herodot, der erste aller Reisereporter, wird ihm zum Freund, zum Begleiter und Unterstützer, mit dessen Schriften er sich auf allen seinen eigenen Reisen auseinandersetzt, an denen er sich, so scheint es, auch festhält an Orten, an denen er Fremder und Beobachter bleibt.

„Meine Reisen mit Herodot“ ist ein mit viel Bedacht und bedächtig geschriebenes Buch – nach der Lektüre von P. J. O`Rourkes „Reisen durch die Hölle“ (Die andere Bibliothek) musste ich mich an dieses ganz andere Tempo wieder gewöhnen – vom rasanten Höllentrip zur philosophischen Wanderung durch die Welt. Beide Bücher lohnt es sich jedoch, zeitlich in Abfolge zu lesen – gelten beide Autoren doch auch als großartige Reporter und Reiseschriftsteller. Ihre Ziele waren zum Teil – wenn auch zeitversetzt – dieselben. Die Welt ist vielfältig – auch, weil jeder sie mit anderen Augen betrachtet.

 Die Vielfalt der Welt ausloten

„Herodot erkannte als erster, dass die Vielfalt der Welt immanenter Bestandteil ihres Wesens war. „Nein, wir sind nicht allein“, sagt er den Griechen in seinen Historien, und um das zu belegen, unternimmt er seine Reisen in die Welt. “Wir haben Nachbarn, und die haben Nachbarn, und alle zusammen bewohnen wir einen Planeten“. Für einen Menschen, der bis dahin in seiner kleinen Heimat lebte, die er problemlos zu Fuß durchmessen konnte, war das neue, planetare Ausmaß der Wirklichkeit eine Entdeckung, die sein Bild von der Welt vollständig veränderte.“

Wenn „Kapu“ hier von Herodot schreibt, so schreibt er eigentlich auch von sich selbst: Für einen jungen Polen zu Zeiten des Kalten Krieges war es eine Unwahrscheinlichkeit, ja Ungeheuerlichkeit, reisen zu dürfen, einen Blick hinter den Eisernen Vorhang werfen zu können. Und so tapst beinahe unbeholfen der Reporter aus dem Osten durch ein Indien, das ihm zunächst fremd bleibt – ein bisschen mit den staunenden Augen eines Kindes, die Kapuscinski auch im hohen Alter nicht verlieren wird.

Ratgeber und Freund

Herodot ist ihm der Ratgeber, der weise, ältere Freund, der nicht nur das Reisen an sich lehrt, sondern auch eine moralische Haltung des Reisens vermittelt – eine Offenheit beizubehalten, die andere Völkern, andere Sitten nicht an der Folie der eigenen Herkunft misst, die beobachtet und weitergibt, nicht beurteilt, die den Maßstab der eigenen tradierten Werte zurückstellen kann.

Wo O`Rourke stürmt, tastet „Kapu“ sich heran, wo der Amerikaner einen sarkastischen, manchmal zynischen Blick auf das Geschehen wirft, wägt der Pole eher ab – für meinen Geschmack manchmal zu zögerlich und bedächtig – und nähert sich den Geschehnissen mit Herodot in der Hand.

„Herodot genießt die Lebensfülle, um das Fehlen von Telefon und Flugzeug weiß er nicht, er kann sich nicht einmal darüber grämen, dass er kein Fahrrad besitzt. Die Dinge werden erst Jahrtausende später auftauchen, und er kommt wunderbar ohne sie aus. Das Leben der Welt und sein eigenes Leben haben ihre eigene Kraft, ihre eigene Energie. Die spürt er, von ihr wird er beflügelt. Sicher war das ein Grund dafür, dass er so freundlich, offen und zuvorkommend war, denn nur einem solchen Menschen enthüllen Fremde ihre Geheimnisse. Einem düsteren, verschlossenen Menschen würden sie sich nicht anvertrauen, finstere Naturen wecken in anderen den Wunsch, sich zurückzuziehen, auf Distanz zu gehen, ja sie rufen Ängste wach. Mit einem solchen Charakter versehen, hätte er nichts in Erfahrung bringen können – und wir besäßen heute nicht sein Werk.

Daran musste ich denken, und dabei fühlte ich gleichzeitig, nicht ohne Verwunderung und sogar Beunruhigung, dass ich mich, je mehr ich mich in die Historien vertiefte, immer stärker emotional und gedanklich mit der von Herodot beschworenen Welt und ihren Ereignissen identifizierte. Die Zerstörung Athens beschäftigte mich mehr als der jüngste Militärputsch im Sudan, und die Versenkung der persischen Flotte erschütterte mich tiefer als die nächste Militärrevolte im Kongo. Die von mir erlebte Welt war jetzt nicht nur Afrika, über das ich als Korrespondent einer Nachrichtenagentur berichten sollte, sondern auch jene andere, die vor Jahrhunderten untergegangen war, weit weg von hier.“

Es scheint aber auch, als bräuchte der Journalist bei seinen Reisen im Herzen der Finsternis Herodot als Freund, der ihn beruhigt ob der Grausamkeiten, die Menschen anderen Menschen gegenüber auszuüben in der Lage sind. Im Kongo, diesem zutiefst zerrütteten Land, schildert „Kapu“, wie es ist, „allein einer sich straflos fühlenden Gewalt“ gegenüberzustehen. „In so einem Moment wird die Welt öde, menschenleer, sie verstummt und verschwindet.“ Herodot, dessen Historien ja auch eine Abfolge von Kriegen, Schlachten, Folterungen und Vergewaltigungen sind, erinnert ihn daran – auch wenn dies nichts relativiert – dass das Böse so alt ist wie die Menschheit. Herodot zeigt ihm aber auch auf, dass auch das Schöne, der Geist, die Wissenschaften so alt sind wie die Menschheit. Und er lehrt den Reisereporter genau hinzusehen und zu erklären: So wie die Kriege der Perser und Griechen ihre Wurzeln haben, so haben die Bürgerkriege im Kongo ihre Geschichte, geprägt von Sklaverei und Kolonialismus. Auch wenn dieses Wissen wenig hilfreich ist in dem Moment, in dem der Reporter einem Milizionär oder einem fremd gesteuerten Kindersoldaten machtlos gegenübersteht: Dieses Wissen um die Vergangenheit trägt für ihn dazu bei, die Welt zu verstehen.

Und es gibt ein weiteres Band, das den Reporter des 20. Jahrhunderts mit dem Reporter der Antike verbindet. Nico Bleutge meinte in der Neuen Zürcher Zeitung: „Er schätzte die Offenheit Herodots und seinen Sinn für die Flüchtigkeit der Erinnerung. In Kapuściński gibt es eine große Sehnsucht nach einer „umfassenden Sprache“, die nicht nur Wörter, sondern auch das Minenspiel, die Gestik und die Bewegungen des Körpers umfasst. Diese winzigen Regungen versucht Kapuściński in seinen Reportagen einzuholen. Und sie sind es auch, die sein Schreiben über Herodot bestimmen.“

Ryszard Kapuściński (1932 – 2007) bereiste zwischen 1956 und 2006 mehr als 100 Länder, hielt die Folgen der Dekolonisation, von Bürgerkriegen, Aufständen und Revolutionen fest, dokumentierte aber auch Alltägliches und Alltagsleben. Er gilt als Reporter des Jahrhunderts und als Poet der Reisereportage, seine Bücher wurden in fast 40 Sprachen übersetzt.

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Erich Kästner: Pünktchen und Anton

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Von den Büchern meiner Kindheit war „Pünktchen und Anton“ immer einer meiner Favoriten: Es erzählt von Freundschaft, von Zusammenhalt – auch über Schranken hinweg -, von dem gemeinsamen Eintreten für die richtige Sache, aber auch davon, dass manche Menschen „mehr Familie“ sein können als die Anverwandten. Von einer Vespa erzählt das Buch freilich nicht. Aber wie solche Assoziationen entstehen, das ist sowieso eine ganz andere Geschichte.

Luise Pogge, wegen ihrer Zierlichkeit Pünktchen genannt, wächst in äußerlich ziemlich guten Verhältnissen auf – ihr Vater ist Spazierstockfabrikantendirektor, die Wohnung so groß, dass Pünktchen schon auf dem Weg vom Mittagessen zu ihrem Zimmer wieder Hunger bekommt. Sie lernt Anton und damit eine ganz andere Welt kennen: Er ist Halbwaise, die Mutter krank, Anton muss nicht nur im Haushalt helfen, sondern auch Geld erbetteln, damit man über die Runden kommt.

Erich Kästner arbeitete so, wie in etlichen seinen anderen Kinderbüchern, den Hintergrund der Wirtschaftskrise und der zunehmenden Proletarisierung in der Weimarer Republik ein. „Pünktchen und Anton“ ist zugleich ein Plädoyer für Toleranz, Solidarität und Mut: Die beiden Kinder lernen es, sich für einander einzusetzen.

Als Kind, kann ich mich erinnern, mochte ich die Geschichte, fand aber die Einsprengsel dieses Herrn Kästners irgendwie lästig. Denn Erich Kästner hat einzelnen Kapiteln einige Extraseiten hinzugefügt, sogenannte „Nachdenkereien“. Da spricht er über Phantasie, Mut, Lüge, Respekt, Familienglück – bei dem schreibt er, ihm fiele auf, dass dieses eigentlich von Erwachsenen gelesen werden müsse.

Jedoch nicht nur dieses – heute, scheinbar erwachsen, lese ich Kästners „Nachdenkereien“. Lästig sind sie immer noch, aber auf eine andere Art und Weise: Weil man beim Lesen merkt, wie wenig man doch vorwärts kommt, wie viel man meint gelernt zu haben, über das Menschsein und Menschliches, und dann doch auf der Stelle tritt. Aber der Kästner war ein skeptischer Optimist – und das steckt an. So schreibt er:

Die sechzehnte Nachdenkerei handelt:
Vom glücklichen Ende

(…) Wir hatten einmal einen Mitschüler, der schrieb regelmäßig von seinem Nachbar ab. Denkt ihr, er wurde bestraft? Nein, der Nachbar wurde bestraft, von dem er abschrieb. Seid nicht allzu verwundert, wenn euch das Leben einmal bestraft, obwohl andere die Schuld tragen. Seht zu, wenn ihr groß seid, daß es besser wird! Uns ist es nicht ganz gelungen. Werdet anständiger, ehrlicher, gerechter und vernünftiger, als die meisten von uns waren!

Die Erde soll früher einmal ein Paradies gewesen sein. Möglich ist alles.
Die Erde könnte wieder ein Paradies werden. Alles ist möglich!

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Volker Weidermann: Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft

„In Zeiten, die Zeit hatten, hatte man an der Kunst etwas aufzulösen. In einer Zeit, die Zeitungen hat, sind Stoff und Form zu rascherem Verständnis getrennt. Weil wir keine Zeit haben, müssen uns die Autoren umständlich sagen, was sich knapp gestalten ließe.“

Karl Kraus, „Heinrich Heine und die Folgen“

Volker Weidermanns biographischer Roman „Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft“ das wäre wohl so ein Büchlein, an dem Karl Kraus seine spitze Zunge geschärft hätte. Ein Ergebnis „impressionistischen Feuilletonismus“ hätte er es wohl genannt.

Sagen wir mal: Es ist ein Stimmungsbild, mit viel literaturwissenschaftlichem Know-how routiniert gepinselt. Solche Bücher sind geradezu en vogue – man denke nur an den Erfolg des anderen Sommer-Buches eines anderen Journalisten, „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“. Jüngere Geschichte, in anmutige Form verpackt, wohldosiert.

Ja, Ostende – man muss es nicht lesen, es schadet aber auch keinem. Gesetzt den Fall, man greift denn doch noch (einmal) zu den Originalen, liest Stefan Zweig, Joseph Roth, neben deren Romanen und Essays auch ihren Briefwechsel, begegnet dem kunstseidenen Mädchen nach Mitternacht und dem rasenden Reporter in deren ECHTEN Büchern. Ostende erfüllt seinen Zweck allenfalls als Appetithäppchen. Dafür jedoch ist es mit viel feuilletonistischer Routine zusammengesetzt.

Weidermann beschreibt die Begegnung einiger Schriftsteller 1936 im Badeort Ostende. Vor allem das Zusammentreffen der beiden so unterschiedlichen Freunde aus Österreich steht im Mittelpunkt: Stefan Zweig, die Welt von gestern noch frisch betrauernd, aber im zweiten Frühling mit einer neuen Liebe, Joseph Roth, haltlos, orientierungslos, bodenlos dem Alkohol verfallen. Mit Irmgard Keun, die die Sommer- und Exilgemeinde aufmischt, kommt noch einmal ein Silberstreif an den Roth`schen Horizont. Dennoch: Alle wissen, es ist Götterdämmerung, das Heil besteht nur noch in der Flucht. Ostende, `36, das ist ein letzter „magischer“ Sommer, in dem persönliche und politische Hoffnungen wie kurze Leuchtfeuer aufflackern und ebenso schnell erlöschen.

Ein kurzes Feuer ist auch das wenig mehr als 150 Seiten umfassende Buch. Zwar durchaus: Informativ, sich auf die Quellen stützend, wörtliche Zitate aus Briefen und Aufsätzen einflechtend, faktenreich, dort, wo die Situation der Schriftsteller und Journalisten abgebildet wird, die vor den Nazis flüchten mussten. Dort, wo Weidermann jedoch vom Biographischen verstärkt in das Romanhafte gleitet, erreicht das Buch seine Grenzen.

„Ein paar Tage später sitzen sie noch einmal alle zusammen. Alle braun gebrannt, außer Roth, dem alten Sonnenfeind. Sie sitzen wieder im Flore, mit Blick aufs Meer und die Badehäuschen. Christiane Toller strickt trotzig vor sich hin, Gisela Kisch lacht, wann immer es etwas zu lachen gibt und auch wenn es nichts gibt, Lotte Altmann ist still, und nur wenn sie leise hustet, bemerkt die große Runde, dass sie noch da ist, Schachfuchs schaut aufs Meer, Stefan Zweig sitzt zwischen Lotte und Fuchs, raucht und hört zu, wenn Egon Erwin Kisch von Spanien spricht, vom Krieg der Kommunisten, neuesten Berichten von der Front, und Arthur Koestler von seinen Reiseplänen, die ihn in Francos Hauptquartier führen sollen.“

Es scheint, als habe Weidermann der Ehrgeiz gepackt, das „Who-is-who“ der Ostender Exilgemeinde 1936 in einen Satz zu pressen. Stimmungsvolle Stillleben – die Charaktere werden skizziert und angepinselt, mehr jedoch nicht. Von seinem (vermutlich) insgeheimen Vorbild Stefan Zweig, dem Meister des psychologisierenden biographischen Romans („Maria Stuart“, „Marie Antoinette“), bleibt der FAZ-Feuilletonchef weit entfernt.

Was bleibt von der Lektüre? Hunger nach Zweig und Roth im Original. Die Zeit sollte man sich, gerade in einer Zeit, die keine Zeit hat, etwas aufzulösen, dringend nehmen.


Bild zum Download hier: Strandhütte Travemünde


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#VerschämteLektüren (21): Jutta Reichelt und der verdammt gute Roman

Vor etwa 25 Jahren wurde ich einmal von einer Muse geküßt. Am nächsten Morgen schrieb ich den ersten Satz meines immer noch unvollendeten Romans. Offenbar war jedoch ein Kuss nicht genug – bei dem einen Satz sollte es fortan bleiben. Wie das so ist mit den Musenküssen. Ob Schreiben-Können auch mit dem Viel-Schreiben kommt, was Übung ist, was Routine, wieviel Talent wiegt und wieviel Zu- und Selbstvertrauen, Handwerk und Übung ausmachen – darüber macht sich die Schriftstellerin Jutta Reichelt auf ihrem Blog „Über das Schreiben von Geschichten“ viele Gedanken. Man kann dabei mitlesen, davon lernen und zwischendurch sogar mitspielen – beispielsweise, wenn Christoph einfach verschwindet.
Und das führt zu ihrer „verschämten Lektüre“: Denn selbst Schriftstellerinnen träumen anfangs noch ein wenig vom „Musenkuss“, wenn er in Form eines verkappten Sachbuches daherkommt…

Jutta Reichelt bringt so einen ganz neuen Aspekt in die #VerschämteLektüren. Und wie das so ist mit den verdammt guten Romanen, das kann man dann im Frühjahr 2015 sehen: Da erscheint ihr neuer Roman beim Verlag Klöpfer & Meyer, den ich wegen seines ambitionierten Programms und seiner schön gemachten Bücher sehr schätze. Zur Verlagsvorschau mit Einblick in „Wiederholte Verdächtigungen“ geht es hier: http://www.book2look.com/book/HdJvCpFdt2

Jetzt aber Jutta und der Roman vom Musenkuss:

„Ich habe mich entschlossen (nach mehreren schlaflosen Nächten), diese Möglichkeit der #VerschämteLektüren für eine Offenbarung zu nutzen, die geeignet ist, meinen halbwegs guten Ruf als literarische Autorin zu ruinieren.

Ich muss dazu etwas ausholen: Als ich zu schreiben begann, wusste ich nicht, wie ich was schreiben wollte, aber ich wusste, dass die Autorinnen und Autoren, die ich schätzte und die meinen inneren Referenzrahmen bestimmten (hätte ich damals nicht so sagen können) „literarische“ Autoren waren.

Ich wusste nicht, wie und was sich schreibend lernen lässt und ob es dafür Regeln gibt. Ich wusste auch nicht, warum die Texte, die ich schrieb, mir nicht gefielen. Jedenfalls nicht so richtig. Ich versuchte, genauer darauf zu achten, wie „andere“ schrieben – und vergaß diese Frage aber über der Lektüre immer wieder sofort.

Trotzdem schrieb ich weiter. Ich hatte das Gefühl, das sich etwas an meinem Schreiben in die richtige Richtung entwickelte, ohne dass ich hätte sagen können, was es war. Ab und zu gab ich, was ich schrieb, meinem Bruder, der mir mit großer Geduld erzählte, was er in meinen Texten las – und wie sie vielleicht gewinnen könnten. Nannte auch AutorInnen, die mir vielleicht gefallen könnten. So ging viel Zeit dahin.

Schön wäre es gewesen, wenn es einfacher gewesen wäre. Und dann las ich diesen Titel (Trommelwirbel!): „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ von James N. Frey!

Ich habe das Buch gelesen. Ich habe es sogar verschlungen. Es ist lange her, aber es war so! Ich habe für zwei bis vier Monate gedacht, ich wäre gerettet. Meine Texte wären gerettet. Ich habe gedacht, dass alles viel einfacher ist, als ich je für möglich gehalten hätte. Eine Prämisse! Alles, was mir fehlte, war eine Prämisse! Und: „Konflikt! Konflikt! Konflikt!“

Leider ist es dann alles doch komplizierter und einfacher zugleich und mittlerweile weiß ich, dass Schreibratgeber wie Medizin sind: Sie können wirkungslos sein, hilfreich – oder schädlich. Wir wissen meist, wie ein Text sein sollte, wir wissen nicht, was mit unserem Text nicht stimmt. Wir halten unsere Texte ja für spannend oder komisch oder unglaublich berührend und irren uns nicht über „die Regeln“, sondern über unseren konkreten Text. Das ist das Problem …

Mittlerweile weiß ich auch, dass „Schreibratgeber“ und noch dazu solche mit einem derart marktschreierischen Titel für manche Autorinnen „eigentlich“ in die zweite Reihe gehören – und weil ich immer noch viel zu viele Bücher besitze, sind sie da auch gelandet. In ehrenwerter Gesellschaft …“

Hier geht es zum Blog der Autorin: http://juttareichelt.com/

Und auch beim Literaturhaus Bremen kann man sie finden: http://www.literaturhaus-bremen.de/autor/jutta-reichelt

#VerschämteLektüren (16): Dramen unter Damen mit Lesegelage

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Sabine zeigt sich auf ihrem Blog „Binge Reading & More“ als wahre Bücherverschlingerin. Die Lesegelage werden von ihr frech, fröhlich, frei, aber eben nicht fromm und brav präsentiert. Amüsierfaktor beim Lesen inklusive. Worauf ich ein wenig neidisch bin: Sie liest amerikanische und englische Literatur nicht nur im Original, sondern schreibt darüber auch in eloquentestem Englisch. Und das, obwohl sie in Bayern lebt – was da die Sprachpolizei der CSU wohl dazu zu sagen hätte?
Mit ihrem Beitrag zu #VerschämteLektüren bringt Sabine nochmals einen weiteren Gesichtspunkt in die ganze Reihe:

„Also, meine gelegentliche heimliche Leidenschaft: Liebesschmonzetten und zwar – Dramen unter Damen. Da ist der Begriff coming-out doppelt treffend. Ist schon eine Weile her, aber schon der Kauf der Lektüre hatte es in sich, das Herumstreichen um die Bücherregale mit den gefährlich interessanten Titeln. Das Schauen, ob die Luft rein ist und dann, wenn keiner guckt: Buch schnappen, halb unter der Jacke versteckt zur Kasse schleppen, abwarten, bis niemand in der Nähe ist und dann zack Patricia Highsmith‘ „The Price of Salt /Carol“ auf die Theke geschuppst und inständig gehofft, die knallrote Rübe fällt nicht weiter auf, Kommentare und Blicke bleiben weg und die Tür kann im Stechschritt und ohne Hindernisse erreicht werden.
Jaaaa, das nenne ich doch dann mal Lektüre, die die Herzen höher schlagen lässt. „Carol“ war dann aber auch einfach wirklich wunderbar. Kein Krimi, wie man es sonst von Frau Highsmith gewohnt ist, sondern eine wunderbare Liebesgeschichte und dann auch noch – ganz unglaublich MIT Happy End!
Ganz und gar nicht selbstverständlich. Üblicherweise und lange Zeit endeten solche Romane damit, dass eine der Damen einen Mann heiratet und die andere daraufhin vom Dach springt oder Schlaftabletten nimmt oder ins Kloster geht. Da war das schon sehr fortschrittlich. Es war auf jeden Fall der Beginn einer gelegentlich heftig brennenden Schmonzetten-Leidenschaft und Frau Highsmith ist Schuld. So schaut`s aus.
Sag ich mir, wenn ich mal wieder auf jeglichen literarischen Vollwert-Gehalt pfeife und auf dem Sofa liegend einem Happy End entgegenfiebere.
Frau Highsmith hat den Roman in den 50ern unter dem Pseudonym Claire Morgan veröffentlicht und erst in den 1990er Jahren ist er unter ihrem Namen erschienen. Mein Carol-Exemplar hab ich natürlich noch immer, es darf jetzt auch ganz munter und offen im Regal herumstehen, aber den verräterischen Schutzumschlag, den hab ich damals gleich vor der Buchhandlung entsorgt.
Verfilmt wird er jetzt gerade, der Roman, mit Cate Blanchett und ich freue mich schon sehr auf den Kinoabend.
Hier noch ein Link zu meiner bislang einzigen Schmonzetten-Rezension auf meinem blog:  Landing – Emma Donoghue.
Also, auf zu Binge Reading & More: http://bingereader.org/

#VerschämteLektüren (13): Elementares Lesen in den Niederungen der Steinzeit

Petra ist mit ihrem Blog „Elementares Lesen“ für mich die Queen des Sachbuchs. Nicht nur, weil es in der deutschsprachigen Blogosphäre wohl kaum etwas Vergleichbares gibt. Sondern vor allem, weil sie es schafft, mit ihren Beiträgen selbst meine Aufmerksamkeit für Themen wie Biologie, Physik, Astronomie zu fesseln, bei denen ansonsten meine Konzentration schnell auf bodenlos tiefes Niveau sinkt. Petra hat  durch ihre anschaulichen und kompetenten Buchbesprechungen wieder einiges an Interesse bei mir geweckt. Darüber hinaus kommen bei ihren Sachbuch-Besprechungen auch andere Disziplinen zum Zuge – das zeigt ein Blick auf das erstaunliche Blogregister: https://elementareslesen.wordpress.com/sachbuch-archiv/ .

Wie sie es schafft, daneben noch ganz elementare #VerschämteLektüren zu lesen, ist mir ein Rätsel. Aber auch da hat sie was Feines zu bieten. Und nicht zuletzt hat das ja auch mit ihren Interessensgebieten zu tun – wird in vielen Sachbüchern doch ebenfalls hinreichend über die Entwicklung des Menschen und das Leben und Treiben unserer Vorvorvorvorvorfahren spekuliert:

„Die Aktion finde ich großartig! Es hat mir viel Spaß gemacht, meine Regale nach verschämten Lektüren durchzuchecken. Aber wie schon andere vor mir stelle ich fest, dass es keinen Grund gibt, sich zu schämen. Jedes noch so schlechte Buch hat seinen Zweck erfüllt, wenn es mich für eine gewisse Zeit in seinen Bann geschlagen oder mich einfach saugut unterhalten hat. Und nur durch die Lektüre „schlechter“ Bücher entwickelt man allmählich ein Gefühl dafür, was wirklich gute Literatur ausmacht. Gibt es eine bessere Ausrede?

Das Ergebnis meiner Suche:

Als der Heyne Verlag 2002 den fünften Band der Kinder der Erde-Saga von Jean Auel herausbrachte, wurden gemeinerweise auch die älteren Bände neu aufgelegt. Die alten Bände habe ich immer ignoriert, denn sie sahen extrem kitschig aus und ich hatte damals schon eine ausgeprägte Kitschallergie. Aber die Neuausgaben mit Höhlenzeichnungen auf dem Cover fand ich einfach zu schön! Schon beim ersten Band „Ayla und der Clan des Bären“ war ich fasziniert von dieser Geschichte aus der Steinzeit. Ayla, das Menschenkind, wird nach dem Verlust seiner Familie von einem Neandertalerclan aufgezogen. Dort bleibt Ayla aufgrund ihrer Andersartigkeit eine Außenseiterin, wird zur Heilerin ausgebildet, leidet unter den Angriffen einiger Clanmitglieder, schafft es aber zunächst, dort ihren Platz zu finden. Natürlich findet sie in den Folgebänden auch ihre große Liebe, aber wie so häufig in typischen Frauenromanen, verhindern endlose Missverständnisse ein glückliches Zusammenleben mit ihrem Geliebten. Das zieht sich bis Band 6 hin, den ich mir allerdings erspart habe. Bei Wikipedia habe ich folgendes Zitat gefunden: „Die häufige Beschreibung von Geschlechtsverkehr und Sexualität hat dazu geführt, dass der Romanzyklus von der American Library Association auf der Liste der 100 zwischen 1990 und 2000 am häufigsten zensierten Bücher steht.“  Gut, dass wir in Europa nicht so prüde sind, denn es war ja auch alles relativ authentisch, der Unterschied zwischen Neandertalern und modernen Menschen, die Lebensweise, die Jagdmethoden! So eine starke Frauenfigur, die ein Pferd, einen Löwen und einen Wolf zähmen kann und das Überleben in der rauen Natur erlernt, das hat mir imponiert.

Tja, und das andere Extrem sind die Vampirromane von Anne Rice, die einzigen Vampirbücher, die mich je interessiert haben. Da kann ich nicht mit historischer Wahrheit punkten. Die gefielen mir, weil sie so schön düster und melancholisch sind und eine eigene Welt schaffen, in der ich versinken kann. Was habe ich gelitten mit dem armen Louis, der von Lestat de Lioncourt zum Vampir gemacht wurde und es hasst, töten zu müssen. Ach, all die Ammenmärchen über Vampire, die man mit Sonnenlicht und Knoblauch bekämpfen kann. Hier steht, wie sie wirklich sind! Hier steht, wie schwer es ist, sich nach einem langen Schlaf in der Gegenwart zurechtzufinden und wie leicht wir Menschenfleisch zu täuschen sind. Und das alles ist so elegant erzählt.

Wenn ich noch länger suchen würde, fände ich bestimmt noch mehr geeignete Bücher, aber ich denke es reicht.“

Hier geht es zum Sachbuch-Blog „Elementares Lesen“: https://www.elementareslesen.de/

Bild zum Download: Steine

#VerschämteLektüren (12): Peggy und ein „beschämender“ Büchertausch in Phnom Penh

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Viel Schmalz und kurzlebige Ehen hat Peggy zu bieten. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Wer England entdecken will, der ist bei Peggy wirklich in besten Händen. Auf ihrem Blog „entdecke england“ berichtet sie von Land und Leuten, Kultur und Natur, Geschichte und Geschichten und allerlei Bemerkenswertem – immer ergänzt durch wunderbare Fotos und persönlichen Anmerkungen, so dass man sich fast wie vor Ort fühlen kann beim Lesen. Very, very british – und mit viel Liebe zur Nation der Exzentriker. Und ihre #VerschämteLektüren haben natürlich auch mit einem der vielen, vielen Exzentriker auf dem englischen Thron zu tun…

Philippa Gregory: “The Other Boleyn Girl” und “The Boleyn Inheritance”

„Früher habe ich gerne historische Romane gelesen. Ich sage früher, nicht, weil ich heute nicht hin und wieder mal einen zur Hand nehme. Aber seit ich historische Sachbücher lese, was ich erst nach meinem Umzug nach England begonnen habe, werde ich immer kritischer. Und das verdirbt mir immer öfter den Spaß am Lesen. Viele historische Romane habe ich mittlerweile ausrangiert, aber von diesen beiden konnte ich mich noch nicht trennen.

Ja genau, hier geht es um die immer wieder faszinierende Geschichte von Henry VIII und seinen sechs Frauen. Das erste Buch wird aus der Perspektive von Mary Boleyn erzählt, Anne Boleyn’s Schwester und Geliebte des Königs. Im zweiten Buch erzählen abwechselnd Lady Jane Grey, Katherine Howard und Anne of Cleves über ihre Erfahrungen am Tudor-Hof. Die Bücher haben alles, was man von einem Schmöker erwartet: Liebe, Intrigen, Spannung, Verrat und natürlich jede Menge Hinrichtungen. Warum ich mich von den Büchern noch nicht trennen konnte, liegt aber vor allem daran, dass mich Philippa Gregory mit ihrer Erzählkunst gefühlt mit die Tudorzeit genommen hat. Altertümliche Redewendungen wie „breaking the fast“ statt „breakfast“ geben zumindest mir als Laien das Gefühl von Authentizität und nach den Beschreibungen mancher Hygienerituale hatte ich das dringende Bedürfnis, duschen zu gehen.

„The Boleyn Inheritance“ habe ich übrigens damals auf unserer Weltreise in einem Backpacker-Café in Phnom Penh gefunden. Um meine Schmach komplett zu machen, habe ich es gegen (wohlgemerkt ausgelesene) Kurzgeschichten von Herman Melville eingetauscht. Es hat mich einige Überzeugungskraft gekostet, bis die Cafébesitzerin bereit war, so ein dünnes Buch gegen ein dickes (obwohl es so dick auch wieder nicht ist) einzutauschen. So schätzt eben jeder den Wert von Büchern anders ein.“

Wer mit Peggy England kennenlernen möchte, der findet den Blog hier: https://sand-und-mehr.com/

Bild zum Download: Braut Karlsbrücke