Juli Zeh: Unterleuten

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Bild von Peggy Choucair auf Pixabay

„Er blieb auf der Lichtung, bis es dämmerte. Immer weiter starrte er in Richtung des Landstreifens, auf dem in wenigen Monaten Krönchens Zukunft aus Stahlbeton und Aluminium errichtet würde. Endlich war auch in Kron das 20. Jahrhundert zu Ende gegangen, diese Epoche des kollektiven Wahnsinns. Mit einem kleinen Schritt war er in der Gegenwart angekommen, im 21. Jahrhundert, dem Zeitalter bedingungsloser Egozentrik. Wenn der Glaube an das Gute versagte, musste er durch den Glauben an das Eigene ersetzt werden. Sich dagegen wehren zu wollen, wäre gleichbedeutend mit dem Aufstand gegen ein Naturgesetz.
Kron fühlte sich gut. Er war jetzt kein Kommunist mehr. Sondern ein Sisyphos, der verstanden hatte, dass die Lösung des Problems darin bestand, den Berg zu kaufen. Oder, dachte Kron, bevor er sich abwandte, um ins Haus zu gehen: ein Don Quijote, der entschieden hatte, seine eigenen Windmühlen zu errichten, statt gegen fremde anzurennen.“

Juli Zeh, „Unterleuten“, Luchterhand Verlag, 2016.

Über Juli Zehs Roman ist in den letzten Tagen auf vielen Blogs ausführlich berichtet worden. Überwiegend positiv. Dem ist nicht viel hinzuzufügen: Ein zügig lesbarer, anspruchsvoller Gesellschaftsroman, der viel aussagt über deutsche Befindlichkeiten und dabei herrlich zu unterhalten weiß. Flüssig erzählt, voller Geschichten in der Geschichte über dieses fiktive Dorf „Unterleuten“. Da steckt alles drin: Der Ausverkauf der neuen deutschen Bundesländer, einfallende westdeutsche Investoren, Ökowahnsinn und Ökospießertum, archaisches Dorf leben, Liebe, Leiden, Leidenschaften. Jeder gegen jeden: Jung gegen Alt, Eingesessene gegen Zugezogene, Vogelschützer gegen Menschenhasser, Altkommunisten gegen Neukapitalisten, Ost gegen West, Dorf gegen Stadt, Mann gegen Frau.

Vor allem dreht es sich in diesem Panoptikum um den Verlust von Utopien: Für die „Alten“ ist der Untergang der Mark Brandenburg, später der Fall der Mauer ein prägender Einschnitt. Für die Jungen geht mit dem tragischen Verlauf der Love Parade in Duisburg die Leichtigkeit verloren. Ganze Politik- und Wertesysteme gehen unter, moralische Leitlinien werden pervertiert – als buchstäblich überragendes Symbol dafür steht ein geplanter Windpark, der auf die Dorf“gemeinschaft“ seine Schatten wirft, alte Konflikte aufwirbelt und den letzten Zusammenhang unter den Leuten verweht.

Ein Untergang – mit Lust und feiner Ironie erzählt, manchmal eine Spur zu nahe an der Posse: Wer nennt seine Tochter „Püppi“? Die Berichterstatterin, eine Reporterin namens „Finkbeiner“! Und vor allem Gerhard: Der intellektuelle Soziologe, im wahren Leben gescheitert, der zum Dorf-Rambo montiert –  man sieht ihn beim Lesen förmlich vor sich, den ewig Engagierten, diskussionsfreudigen Mittvierziger, leicht erregbaren „Killjoy“, wie ihn die knallharte Linda insgeheim bezeichnet (die aber am Ende des Romans auch lernen muss, dass nicht alles im Leben kontrollierbar ist).

„Er war nicht aufs Land gezogen, um zu erleben, wie der urbane Wahnsinn die Provinz eroberte. Er verzichtete nicht auf Theater, Kino, Kneipe, Bäcker, Zeitungskiosk und Arzt, um durchs Schlafzimmerfenster auf einen Maschinenpark zu schauen, dessen Rotoren die ländliche Idylle zu einer beliebigen strukturschwachen Region verquirlten. Gerhard war ein Exilant, geflohen vor dem Gespinst aus Belästigungen, zu der das moderne Leben geworden war.“

Paare – oder besser die Unmöglichkeit des Paarseins – sind ebenfalls Thema dieses „Schmökers“ im besten Sinne: Keines davon wirkt glücklich, am Ende sind die meisten Beziehungen zerbrochen wie die Utopie vom „besseren“ Landleben. Die Frauenfiguren wirken ein wenig stärker, die Männer sind durchwegs Getriebene – von Macht, Geld, Anerkennung, Liebessehnsucht.

Man könnte am Ende meinen, in diesem lesbaren Stück Literatur wird alles niedergeschrieben, jede Hoffnung zerfleddert: Ganz so tragisch nehmen muss man das alles jedoch nicht – man überlese nicht die Ironie, die Übertreibung. „Unterleuten“ ist zwar am Ende – aber die ewig selben Geschichten werden dann eben andernorts erzählt: Schließlich ist das so „Zwischenmenschen“. Wovon Juli Zeh erzählt, ist vom Scheitern von Utopien – am Puls unserer Zeit. Aber wir wissen auch: Menschen sammeln die Scherben auf und basteln sich neue Hoffnungen.

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Wolfgang Borchert: Schischyphusch

„Er wußte nicht: Hab ich nun eben Schischyphusch geschrien? Oder nicht? Hab ich schechsch Aschbach gekippt, ich, der Kellner dieschesch Lokalsch, mitten unter den Gäschten? Ich? Er war unsicher. Und für alle Fälle machte er eine abgehackte kleine Verbeugung und flüsterte: „Verscheihung!“ Und dann verbeugte er sich noch einmal: „Verscheihung. Ja. Verscheihen Schie dasch Schischyphuschgeschrei. Bitte schehr. Verscheihen der Herr, wenn ich schu laut war, aber der Aschbach, Schie wischen ja schelbscht, wenn man nichtsch gegeschen hat, auf leeren Magen.
Bitte schehr darum. Schischyphusch war nämlich mein Schpitschname. Ja, in der Schule schon.
Die gansche Klasche nannte mich scho.“

Wolfgang Borchert, „Schischyphusch oder der Kellner meines Onkels“, neu aufgelegt mit Illustrationen von Birgit Schössow, 2016, Atlantik.

Da begegnen sich zwei: Der eine Herr, der andere Diener. Der eine wohlhabend, der andere vom Leben gebeutelt. Da ist der Onkel: Lebenslustig, abenteuerlustig, überhaupt lustig. Kraftvoll, kraftstrotzend, trotz Kriegsversehrung, alles an ihm ist groß, auffallend, laut. Und der andere, jener Kellner: Klein, grau, niedergedrückt. Alles an ihm etwas schäbig. Vom Leben gezeichnet.
Das Einzige, was sie eint – ein Sprachfehler. Dem Onkel haben sie in Frankreisch die Zungenschpitze weggeschosschen, der Kellner trägt die sch-Laute scheid Geburt mit schich herum. In einem Gartenlokal geraten sie aneinander – jeder fühlt sich vom anderen bei der Bestellung („Alscho: Schwei Aschbach und für den Jungen Schelter oder Brausche. Oder wasch haben Schie schonscht?“) „veruscht“. Ist es die Hitze, der Lärm, sind es die fordernden Gäste, man weisch esch nicht. Doch an diesem Tag ist für den kleinen Kellner das Maß voll: Einmal wehrt er sich, einmal begehrt er auf, läßt die vermutete Veralberung wegen seines Sprachfehlers, der ihn seit seiner Kindheit Witzen aussetzt, nicht auf sich sitzen. Und hat Glück: Er trifft nicht auf den Typ eines autoritären Herrenmenschen, sondern auf diesen großzügigen, lebenslustigen Onkel (erzählt ist die Geschichte aus der Perspektive eines Kindes, des Neffen). Das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Eine anrührende Geschichte, humorvoll, zärtlich im Ton, die von Freundschaft, Toleranz und von Würde spricht. Und eine Erzählung, wie ich sie von Wolfgang Borchert nicht vermutet hätte – so lebensfroh, so kindlich auch im besten Sinne, so bunt.
Wie wohl viele kenne ich das Drama „Draußen vor der Tür“ des viel zu früh verstorbenen Hamburger Schriftstellers (1921 – 1947). Die dramatische Geschichte eines Kriegsheimkehrers, der keinen Platz mehr findet in der Heimat. Das Drama war Schulstoff zu meiner Zeit. Die Lektüre ist mit persönlichen Erinnerungen verknüpft, die bis in die heutigen Tage meine Borchert-Wahrnehmung prägten – ich las es in einer Zeit, als ich häufig bei meiner Großmutter essen war. Und die kochte auch in den 70ern immer noch so, als stünde draußen vor der Tür der nächste Krieg. Eine von Kriegsnot, Lebensmittelknappheit und zurückliegender Armut geprägte Küche: Eierflockensuppe. Allenfalls Sonntags ein magerer Braten, Resteverwertung am Montag dann. Borchert, das war für mich bislang: Bedrückende Atmosphäre. Der Geruch nach Kohl und Eierflockensuppe.

Und nun diese Erzählung, deren Stimmung wunderbar unterstrichen wird durch die Illustrationen von Birgit Schössow. Die Hamburgerin, die unter anderem auch für den New Yorker arbeitet, hat zarte, pastellfarbene Töne für dieses durchgehend bebilderte Buch gewählt. Ihre Figuren – Kinder in Matrosenanzügen, Frauen in Flatterkleidern – lassen den Schwung, die schwunghafte, lebendige Seite der 1920er-Jahre wieder auferstehen. Ein – im positiven Sinne – hübsches Buch. Das zudem eine gute Anregung für mich ist, endlich – ohne Kohlgeruch in der Nase – mehr zu lesen von Wolfgang Borchert. Das Rezensionsexemplar gebe ich gerne an interessierte Leser weiter – unter allen Kommentatoren bei diesem Beitrag verlose ich es am kommenden Sonntag, 10. April. Glück auf!


Mit Dank an Atlantik für das Rezensionsexemplar.
Trailer zum Buch: https://www.youtube.com/watch?v=mk85ad16eWM
Bild zum Download: Sonnenschirm Bauhaus Dessau


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Eva Menasse: Quasikristalle

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Sallys spontane Liebe zu Berlin bestand genau darin, dass man untertauchen, in Parallelwelten leben konnte, von deren Existenz jemand wie Xane nichts ahnte. Die Stadt kam Sally vor wie eine fernsehturmhohe Schichttorte; jeder grub sich in seiner sozialen Lage horizontal voran. Die hauchfeinen, transparenten Trennscheiben dazwischen waren schwer überwindbar.“

Eva Menasse, „Quasikristalle”, 2013, Kiepenheuer & Witsch

Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt – und doch ist er so viele Menschen und Welten zugleich. Geprägt durch die unterschiedlichen Rollen, die dieser Mensch in seinen verschiedenen Umfeldern einnimmt. Der Familienmensch, der private Mensch, der einzelne Mensch und der Mensch als Herdentier.

Wie sehen mich andere? Wo bin ich wie? Wer bin ich und wenn ja, wie viele?
Eva Menasse betreibt dieses Gedankenspiel in ihrem jüngsten Roman „Quasikristalle“ mit leichter Hand. Eine Person wird besichtigt. Xane, die kreative Wienerin, die schließlich in Berlin landet, wird portraitiert: Von Freundinnen und Männern, Kindern, frustrierten Angestellten und bildungsbürgerlichen Vermietern. Jeder derselben interpretiert, analysiert und seziert die Person Xane. Für jeden erscheint sie in einem anderen Licht.
Xane ist viele Frauen. Das Fragmentarische der einzelnen Kapitel gibt das Gesamtbild. Portraits wie an einer Perlenkette, jede Perle jedoch schimmert anders – das macht die Qualität des Buches aus.

Eva Menasse schreibt geistreich und leicht. Manchmal leider auch zu nah am Klischee. Manchmal auch nah am Kitsch. Deshalb sind die Quasikristalle letztendlich auch „nur“ Beinahdiamanten. An und für sich ist es eine interessante Idee, sich einer Figur aus verschiedenen Perspektiven anzunähern. Doch die einzelnen Kapitel sind von unterschiedlicher Qualität. Und der elegante Sprachstil der Autorin ist hier nicht nur von Vorteil: Obwohl aus verschiedenen Perspektiven berichtet wird, sind sich die Stimmen letztendlich doch zu ähnlich. Trotzdem: Für einen schönen Lesenachmittag gibt es auch eine schlechtere Wahl.

Weitaus begeisterter rezensierte Ijoma Mangold das Buch in der Zeit:

Erst mal sieht das Buch nämlich aus wie vergnügliches, kluges easy reading, in einer geistreichen Sprache mit viel Bosheit und Wiener Schmäh. Die Raffinesse des Romans aber liegt ganz in seiner Konstruktion. Jedes Kapitel ist aus der Perspektive einer anderen Figur erzählt, und man braucht als Leser Zeit, bis einem klar wird, dass alle diese Blickwinkel um die Protagonistin Xane Mole kreisen. Ihr Leben wird erzählt, von der Kindheit bis ins Alter, und wie mit den Kapiteln die Lebensphasen am Leser vorbeiziehen wie Wolken am Himmel, entsteht gleichsam im Rücken dieser prallen, gegenwartsgesättigten Lebensgeschichte die Melancholie der vergehenden Zeit. Wie heißt es in Hofmannsthals Terzine über die Vergänglichkeit? „Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt, / Und viel zu grauenvoll, als daß man klage: / Daß alles gleitet und vorüberrinnt.“

Für ihn ist der Roman der Versuch, das Vergehen der Zeit selbst erfahrbar zu machen – am Lebensweg einer Person, Xane, gesehen aus verschiedenen Perspektiven: Von der Jugendfreundin in der Pubertät bis zu den genervten Freundinnen der Xane späterer Jahre und aus Sicht der Stieftochter. Quasikristalle, so schreibt Mangold, sei auch ein „Roman serieller Abschiede“:

„Das Leben setzt sich aus Verbindungen und Auflösungen zusammen, die ein Muster ergeben, dessen Gesetzmäßigkeiten nur schwer zu erkennen sind Ganz wie jene Quasikristalle, die der israelische Chemiker Daniel Shechtman 1982 entdeckte: Verknüpfungsmuster, die nach Zufall aussehen, weil wir ihre aperiodische Ordnung nicht erkennen.“

Letztendlich ist aber auch dies das große Manko des Romans: Die Verknüpfungen, das Wiederkehrende, die Unausweichlichkeit mancher Ereignisse – dem Leser werden sie, gleichsam aus der dritten Perspektive, deutlich und erklärbar. Man wünschte sich jedoch, ein abschließendes Kapitel fügte diese auch für die Hauptfigur zu einem Muster, einem Verhaltensmuster – man mag auch sagen und hoffen: einer Erkenntnis – zusammen. Doch dies bleibt aus – ohne „Moral“ endet die Geschicht´.

Vielleicht aber gilt einfach auch nur das Zitat von Janet Frame, das Eva Menasse ihrem Roman als Leitmotiv voranstellt:

„Nichts war einfach, bekannt, sicher, geglaubt, verbürgt“.

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Ulrike Schäfer: Nachts, weit von hier

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Es waren dann doch schöne Tage, die Tage vor Bernds Ankunft. Draußen an der Feuerstelle saßen wir beinahe eng beieinander, unser Schweigen erwärmte sich. Einmal legte Roland die Hand auf mein Knie, behutsam, wir waren Berührungen nicht mehr gewohnt, so weit hatten wir uns voneinander entfernt. Ich schob meine Hand in seine, und wir beobachteten einen Schwan, der unter Wehklagen über die Wipfel flog und an der Westseite des Sees landete. Nachts, in unserer Schlafkoje hinter der Küche, glaubte ich seinen Kuss auf meiner Haut zu spüren. Langsam und tastend kehrte die Nähe zurück.“

Aus der Erzählung „Tanzen“.

Manche Bücher wirken durch ihre Atmosphäre leise nach. Als ich nun meine Notizen zu diesem Band mit Erzählungen durchblätterte, den ich vor einiger Zeit gelesen habe, fiel es mir einmal mehr auf: Wie oft ich das Wort „Stille“ vermerkt hatte. Wie oft in diesen Erzählungen diese „Stille“ aufscheint, manchmal durch die Zeilen flüstert, manchmal auch aufschreit, weil das Wesentliche nicht gesagt werden kann. Stille, wortwörtlich genannt, umschrieben, atmosphärisch verdichtet.

Variationen der Stille: Schweigen, Sprachlosigkeit, Schweigsamkeit, aber auch die Stille, die die Vertrautheit zwischen Menschen kennzeichnet. Dort, wo viele Worte gemacht werden, wird wenig gesagt, dienen sie der Verschleierung, dazu, falsche Fährten zu legen, Fragen aus dem Weg zu gehen:

„Jemand hat nach dir gefragt: wie alles gekommen ist damals. Ich hab irgendwas geantwortet, ziemlich lang, ziemlich viele Worte, viel Weil und Deswegen und was nach was geschah. Die Frage ist mir gefolgt wie ein Tier, bis hierher, ich seh runter auf den grauen Stein, die von den Jahren verblassten Zeichen.“

Aus der Erzählung „Nele“.

Ulrike Schäfer, die für ihre Erzählungen und Texte bereits mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, spricht eine behutsame, zurückgenommene und poetische Sprache. Ja, beinahe „leise“, still. Ihr Erzählen ist ein nur scheinbar ruhiger Fluss – man ahnt die Untiefen, die ihre Figuren durchmessen, man ahnt die Unruhe im Untergrund, die Unwägbarkeiten hinter dünnem seelischen Firniss. Es sind nicht die großen Katastrophen auf den ersten Blick, die ihre Erzählungen ausmachen, es sind die größeren und kleineren Alltagsverletzungen, die Wunden der Vergangenheit, die unverarbeiteten Nöte, die jene, von denen Ulrike Schäfer erzählt, erschüttern. Oft Menschen am Rande des Scheiterns oder bereits Gescheiterte, oft Einsame und Traurige.

Auf den ersten Blick alltägliche Geschichten von alltäglichen Menschen: Der alte Mann, der seine sterbende Frau betreut, das Paar, das sich auseinandergelebt hat, der Mieter, der sich plötzlich um seine demente Hausbesitzerin kümmern muss. Hinter den Fassaden der Einfamilienwohnhäuser, der Mietwohnung spielen sich die „stillen“ kleinen Dramen des Lebens ab. Meist Menschen, die sich an das Leben herantasten. Oder dabei sind, aus demselben herauszufallen.

Bonjour tristesse? Könnte man nun meinen. Doch die Autorin besitzt Einfühlungsvermögen, schreibt mit viel Warmherzigkeit von ihren Gescheiterten – manch einer wächst einem zu. So der „Pralinenmann“, der Süßes in sich stopft, um seine Leere zu füllen.

„Freundlicher Austausch, und irgendwann der erste windschiefe Satz: „Wenn Berlusconi zurückkommt, geht`s mit Schalke bergab!“ Vielleicht war es auch die fliegende Feuerwehr. Oder sein freundlich leerer Blick, wenn ich auf eine seiner Nachrichten detaillierter einging. Ich weiß nicht, wann mir klar wurde, dass mit ihm etwas nicht richtig war. Ich weiß nicht einmal, ob es in dieser Bewusstheit jemals geschah. Charly war merkwürdig stimmig in sich. Er sagte alltägliche Dinge und streute, wie Perlen, hier und da kleine Absurditäten ein.“

Aus der Erzählung „Pralinenmann“

Ulrike Schäfer erzählt nicht alles aus, deutet an, umkreist den Kern ihrer Geschichten. Für mich sind die besten Geschichten immer jene, bei denen ein Geheimnis bleibt. Die ihr Eigenleben entwickeln. Denn Worte, so las ich neulich, werden nicht dazu gemacht, damit das Denken dazwischen keinen Platz hat. Den Platz gibt die Autorin ihren Lesern – und daher meine wärmste Empfehlung.

Zur Homepage von Ulrike Schäfer: http://www.ulrike-schaefer.de/

Der Erzählband „Nachts, weit von hier“ erschien bei Klöpfer & Meyer.

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P. J. O`Rourke: Reisen in die Hölle und andere Urlaubsschnäppchen

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Im Herbst 1992 fuhr ich in das frühere Jugoslawien, um mir den Multikulturalismus in der Praxis anzusehen. In letzter Zeit hatten dort verschiedene kulturelle Gruppen eine ungeahnte Kraft entfaltet – durch Schusswaffengebrauch.“

„Reisen in die Hölle und andere Urlaubsschnäppchen“, P. J. O`Rourke, Die andere Bibliothek, 2006.

Manche wollen immer dorthin, wo es kracht, scheppert, wummert, wo Tränengas und Pfefferspray in der Luft liegen, wo hinter der nächsten Mauer ein Heckenschütze lauern könnte. Es gibt Journalisten, die Adrenalin-Junkies sind – P.J. O` Rourke, Schriftsteller, Satiriker, der unter anderem für den Playboy, Vanity Fair und als Auslandskorrespondent für den Rolling Stone berichtet hatte, scheint mir einer von diesen zu sein. Er ist einer dieser Kriegsberichterstatter, die – selbst im Urlaub – das Herz der Finsternis besuchen.
Abgeklärte philosophische Betrachtungen über die Ursachen und Auswirkungen des Krieges darf man von diesem Buch nicht erwarten. Eher literarische Trips in die Hölle, die beim Lesen jedoch einen Höllenspaß machen. O`Rourke schreibt lakonisch, ironisch, zuweilen hemmungslos zynisch darüber, was der Mensch dem Mensch antut. Und das um den ganzen Globus herum und ohne Aussicht auf Einsicht. Reflektionen über das Wesen des Hasses und des Krieges kommen eher beiläufig daher:

„Und wieder überraschte mich etwas seltsam Alltägliches – der Hass, so allgemein und allmächtig, so einfach und so selbstverständlich wie Gott in der Al-Aksa-Moschee. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass Gott oder der Hass Menschen derart durchdringen kann, schon gar nicht gleichzeitig.“ (In: „Das Heilige Land – Gottes Affenhaus!, 1988).

Der Journalist ist hier nicht der abgehobene Berichterstatter, der seinen wehrlosen Zeitungslesern aus scheinbar neutraler, übergeordneter Wächterposition die Welt erklärt. Sondern O`Rourke erinnert zuweilen an ein Kind, das staunend durch den Spielzeugladen Welt läuft und uns daran teilhaben lässt – aber eben durch einen Spielzeugladen, in dem es lebensgefährlich zugeht. Sein Stil ist eine ständige Gratwanderung zwischen Pose und Polemik. Zuweilen verdeckt die Lust an der Sprache, an der gelungenen Formulierung den Ernst der Sache. O`Rourke schreibt nach dem Motto „Besser einen guten Freund verloren, als einen guten Witz verschenkt“. Nichts also für zarte Gemüter.

„Ich hatte gehofft, wenigstens gut zu schlafen. In Beirut waren die Bombenexplosionen doch ziemlich zahlreich gewesen. In der Nacht vor meiner Tour in den Süden hatte ich fünf gehört, die erste gegen Mitternacht in einer Bar, ein paar Blocks vom Commodore entfernt, und das steigerte sich dann bis zu einem großangelegten Attentat auf den Erziehungsminister um sechs Uhr morgens, bei dem Fenster im Umkreis von drei Blocks in die Brüche gingen und in meinem Zimmer die Möbel wackelten. Der Minister überlebte, meine Nachtruhe nicht.“ (In: „Auf Bummeltour im Libanon“, Oktober 1984).

Politische Korrektheit darf man also bei den Reportagen des 1947 geborenen Amerikaners, der sich im Lauf der Zeit vom Hippie zum liberalen Konservativen wandelte, nicht erwarten. Schließlich gilt O `Rourke als einer der frühen Vertreter des Gonzo-Journalismus (siehe Link unten), sein Artikel „How to Drive Fast on Drugs While Getting Your Wing-Wang Squeezed and Not Spill Your Drink“ von 1979 ist ein bestes Beispiel dafür. Doch es fehlt auch die besserwisserische Mentalität, die leichte Arroganz mancher Journalisten. O`Rourke gesteht in seinem Erstaunen über die grauenvolle Seite der Welt ein, dass er von den Ursachen mancher Krisenherde oder Mentalitäten anderer Völker so wenig versteht wie einer seiner Leser, beispielsweise in Toledo, Ohio (da ist er geboren) oder Augsburg.

„Als sich der Junge in der ersten Reihe der Kundgebungsteilnehmer die Spitze des kleinen Fingers abbiß und mit dem eigenen Blut KIN DAE JUNG auf seine superschicke Skijacke schrieb, kam ich mir, glaube ich, zum ersten Mal in meinem Leben wirklich wie ein Auslandskorrespondent vor, der aus der Fremde zu berichten hat.“

Da soll sich mal einer auskennen:

„Praktisch jeder Kandidat für das Präsidentenamt hieß Kim. Da gab es Kim Dae Jung, den Spitzenkandidaten der Opposition, und Kim Young Sam („Kim, die Fortsetzung“), ebenfalls Spitzenkandidat der Opposition, und außerdem Kim Yong Pil („Kim, die frühen Jahre“), den Ausputzerkandidaten der Opposition. Und dann war da noch der Nicht-Kim-Kandidat, Ro Tae Woo (sprich: No Tai Uh oder wie die Vertreter der Auslandspresse ihn nennen: Just Say No). Diesen Ro hatte die Militärdiktatur, die seit 1971 über Südkorea herrschte, ins Rennen geschickt.“

(Beide Zitate aus der Reportage „Seoul Brothers“ über die ersten Präsidentschaftswahlen in Südkorea, Dezember 1987).

„Die Christen hassen die Muslime, weil sie unter den Osmanen nur Leibeigene waren. Die Muslime hassen die Christen, weil sie unter den Kommunisten immer die Doofköppe waren. Die Kroaten hassen die Serben, weil sie mit den Kommunisten kollaboriert haben, und die Serben hassen die Kroaten, weil sie mit den Nazis kollaboriert haben, und nun hassen die Bosnier die Montenegriner, weil die mit den Serben kollaborieren. Die Serben hassen die Albaner, weil sie nach Jugoslawien gekommen sind. Und alle hassen die Serben, weil es von denen mehr zu hassen gibt als von allen anderen und weil sich die Serben, als Jugoslawien 1918 (mit Hilfe unseres oberschlauen Präsidenten Woodrow Wilson) geschaffen wurde, sofort die Kontrolle über Staat und Armee unter den Nagel gerissen und seitdem nicht wieder hergegeben haben. Und die Slowenen werden ebenfalls von allen gehasst, weil sie bei dem jetzigen Bürgerkrieg schon nach zehn Tagen nicht mehr mitmachten.“ (In: „Die multikulturelle Gesellschaft“, Bosnien 1992).

Fatal erinnert dieser Krieg, der vor wenigen Jahren erst mitten in Europa herrschte, an die derzeitigen Vorgänge in der Ukraine. Und auch für die Ukraine könnte man den Schlusssatz von O`Rourkes nehmen:

„Risto wirkte glaubwürdig. Und seine Geschichte war die Geschichte des jugoslawischen Bürgerkriegs in Kurzform: aus vergangenem und gegenwärtigem Unrecht erwächst künftiges Unrecht, Intoleranz gebiert neue Intoleranz, Gewalt zeugt neue Gewalt, und mittendrin die Risto Dukis dieser Weltgegend – als verführte Unschuld.“

So zynisch der Amerikaner zwischendrin über die Politik und über Politiker schreibt – an Mitgefühl mit den Opfern der weltweiten Kriege, seien es palästinensische Familien oder israelische Jungsoldaten im Gazastreifen, Verletzte und Tote im Bosnienkrieg, fehlt es ihm nicht. Nur eine Spezies lässt er – nebst den Politikern – selten ungeschoren davonkommen: Und das sind seine Berufskollegen, die, wenn sie bedächtig berichten, zu „breitmäuligen Reiseschriftstellern“ werden, sich davor fürchten, dass etwas gut und organisiert läuft, wie beispielsweise die Wahlen in Mexiko und wie „bleiche Drohnen“ immer auf der Suche nach der nächsten Story sind.

Wenn die bleiche Drohne wie P. J. O` Rourke schreibt, dann wird man zumindest auf einen höllenmäßigen Trip mitgenommen: Selbst aus einem „Arbeitsurlaub“ auf Guadeloupe, wo er in Ruhe die Europäische Verfassung („das stilistische Niveau ihrer Prosa könnte selbst Danielle Steel nicht unterbieten“) lesen will, wird da ein Abenteuer.

Und zuweilen erinnert er ganz mächtig an einen großen Vorgänger in Sachen politisch unkorrekter Reisereportagen – man denke an die „Arglosen im Ausland“ oder „Bummel durch Europa“. Dies könnte ebenso gut aus der Feder von Mark Twain stammen:

„Ich sah zu, wie die Royalisten auf den Stufen vor einem Betonkasten im sowjetischen Stil, dem einstigen Kulturpalast, ein Podium und ein paar Lautsprecher aufbauten. Sie entrollten die herzchirurgisch eingefärbte albanische Fahne, auf der eine Figur zu sehen ist, die entweder einen doppelköpfigen Adler oder ein sehr wütendes Huhn aus einer Monstrositätenschau darstellt. Die Royalisten riefen Sprüche ins Mikrophon wie: „Wir bekommen unsere Stimmen, auch wenn dafür Blut fließen muss!“ In einer Lautstärke, die selbst die krachendsten Karambolagen übertönten. Dann spielten sie – noch lauter – die albanische Nationalhymne, die so lang ist wie eine Wagner-Oper und so klingt, als würde die Blaskapelle des amerikanischen Marine Corps den Ring aufführen und dabei die Treppe im Washington Monument von oben bis unten herunterrasseln.“
(In: „Schlechter Kapitalismus“, Albanien Juli 1997).

Für den vorliegenden Sammelband hat Albert Christian Sellner die besten Reportagen P. J. O` Rourkes zusammengestellt. Wenn dieses die besten sind, dann möchte ich gerne wissen, wie gut die schlechteren sich lesen…

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Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Preising war ob seiner eigenen Erzählung ganz betrübt. Alles hing ihm aus dem Gesicht. Die traurige Nase, die trockenen Lippen, die wässrigen Augen. Darauf konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen. „Was hast du damit bewiesen?“ fragte ich ihn unerbittlich. Ein verborgenes Wissen und Kümmernis über ebendies schien in seiner Antwort zu liegen. „Du stellst schon wieder die falsche Frage“, sagte Preising.

Jonas Lüscher, „Frühling der Barbaren“, C. H. Beck Verlag, 2013

Die Finanzwelt frisst ihre Kinder – angesichts der Suizide unter Topmanagern in den vergangenen Jahren erscheint die Erzählung von Jonas Löscher geradezu von prophetischer Aktualität. Löscher wählte für seine Betrachtung der menschlichen Gier und Grenzenlosigkeit die Form der Novelle. Diese setzt er so meisterlich um, Goethe hätte mit den Ohren geschlackert. Dass einer derart fulminant schreibt, ist schon an sich eine „unerhörte Begebenheit“ – so wie sie die Novellentheorie vorsieht. Darüber hinaus alle Novellen-Regeln beachtet: Eine in sich geschlossene Rahmenhandlung, die die Zukunft der handelnden Personen im Ungewissen belässt, der distanzierte Erzähler, das Ding-Objekt – wie aus dem Lehrbuch. Formale Perfektion erreicht das Lehrstück, auch wenn die eine oder andere Passage etwas überspitzt erscheint.

Quasselstrippe und Pappfigur

Der Inhalt von „Frühling der Barbaren“ ist kurz erzählt. Die Rahmenhandlung spielt in einer psychiatrischen Klinik. Der auktoriale, allwissende Erzähler erfährt die Geschichte eines wüsten Trips, eines Wüsten-Trips. Sein geschwätziger Gesprächspartner: Ein „Unternehmer“, der nichts unternimmt, der zur Handlung unfähig ist, der Verantwortung ablehnt. Dieser, Preising, steht der ererbten Firma quasi nur noch als repräsentative Pappfigur vor. In dieser Funktion landet er im Hotel der Tochter eines Geschäftspartners in der tunesischen Wüste.

Dieser eigentliche Kern der Handlung wird in einem fast logorrhöischem Monolog fabuliert, unterbrochen nur von kurzen, distanzierenden Anmerkungen des auktorialen Erzählers. Die Zwischenszenen lassen die Geschwätzigkeit des Preising umso deutlicher hervortreten. Man merkt dem Text zwischen den Zeilen an: Selbst der Autor mag seine Hauptfigur nicht so richtig. Ihn habe die Idee gereizt, über einen zu schreiben, der nicht handelt, so Lüscher in einem Interview. Das ist ihm gelungen – und ebenso gelungen ist es, keinen eindeutigen Sympathieträger zu zeichnen, kein Schwarz und Weiß. Alle der auftretenden Figuren sind zweideutig in Haltung und Handlung.

So gibt Preising in seiner Handlungsunfähigkeit, mit seinen Zweifeln und seiner Skepsis, den Gegenpart ab zu „Quicky“, einem rabiaten Bankmanager, der am Ende die scheinbar Zivilisierten als Anführer in die Barbarei treibt. In bester Novellenmanier verfolgt die Erzählung einem klassischen Aufbau: Preising also landet im „Thousand and One Night Resort“. Dort laufen die Vorbereitungen zu einer luxuriösen Hochzeit. Das Brautpaar ist in der Londoner Finanzwelt beheimatet, gefeiert wird mit Glanz, Gloria und 70 aus England importierten Gästen. Preising beobachtet die Gruppe von außen – je gedeckter die Farben der Kleidung, desto gedeckter der Scheck, für amüsante Farbtupfer in der Erzählung sorgen die verunsicherten Verwandten aus dem britischen Arbeitermilieu.

Die Blase platzt

Der in der Novelle vorgesehene Wendepunkt kommt, als England seinen Staatsbankrott erklärt. Der jeunesse dorée wird die geplatzte Blase zum Verhängnis. Zurück bleiben, im wahrsten Sinne des Wortes, nur Schutt und Asche. Alles löst sich in einer grandiosen Barbarei auf, wird in die Luft gejagt. Ein Leitmotiv dabei: das gequälte Kamel, von einigen Rezensenten als Ding-Symbol identifiziert. Als Symbol ist es in der Novelle vorhanden – als Kreatur, die ständig unter die Räder kommt.  Das Ding-Symbol an sich jedoch ist in dieser Erzählung das allgegenwärtige Handy – die Fußfessel unserer Zeit, der Fluch der ständigen Erreichbarkeit. Der Kündigung kann man „dank“ Blackberry, Smartphone, i-pod auch in der Wüste nicht entkommen – es sprengt die Hochzeitsnacht, es verwandelt per Funksignal zivilisierte Europäer in Barbaren.

Actionfilm und Kintopp

Lüscher führt durch dieses wüste Chaos mit in einer geschliffenen Sprache, die einen Sog ausübt, die zieht, die packt. Sprachlich meisterhaft, doch stellenweise zu plakativ, zu sehr Kintopp. Spürbar wird, dass der Autor jahrelang in der Filmindustrie gearbeitet hat. Das Ausweiden eines Kamels, das macht sich sicher gut auf der Leinwand – in der Novelle, die sowieso ständig zwischen Realität und Farce schwankt, ist es ein Tick zuviel, schwenkt den Fokus zu sehr Richtung Actionfilm.

Mir ist bewusst, ich stelle – nach Preising – die falsche Frage. Und doch drängt sie sich mir auf: Wo ist die Moral, was ist die Erkenntnis? Bei allem Jubel über die Kunstfertigkeit der Erzählung – ich haderte auch mit diesem Buch. Die formale Kunstfertigkeit, der stilistische Esprit überpinseln ein Manko dieses Textes: Auch wenn er wirtschaftspolitisch hochaktuell ist, inhaltlich bietet er nichts Neues. Die Erzählung zeigt: Der Mensch, nimmt man ihm die Grundlagen und seine Rückversicherung, der wird zum Tier. Ob und was Preising, Quicky & Co. gelernt haben, lässt Lüscher offen. Dass der Mensch jedoch des Menschen Wolf ist, müsste ohnehin nicht mehr eigens betont werden – das wird bei dieser Abenteuergeschichte mit zum Teil absurden Elementen großformatig an die Leinwand geworfen. Aber die Erkenntnis, dass Hochmut vor dem Fall kommt, dass der Tanz auf dem Vulkan in der Katastrophe endet – auch das ist eine Erfahrung, von der uns die Geschichte zeigt: Der Mensch als Individuum ist lernfähig, die Menschenheit als Gesamtheit wohl kaum. Die Folgen der Finanzkrise – sie werden bald vergessen sein. Eine Änderung des Systems wird es nicht geben. Nicht bevor die Wüste ausgreift. Die Anti-Zivilisierung der Menschheit – in Umkehrung von Norbert Elias – ist ein genetischer Defekt, der von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Insofern lässt mich dieses Stück Literatur ratlos zurück. Und unbefriedigt. Wie ein wunderbares amuse gueule. Es sättigt nicht. Man hofft auf mehr. Spannend wird es daher sein, noch Weiteres von diesem Autoren zu lesen – vielleicht auch seine Dissertationsarbeit. Ihr Sujet: Inwieweit ist Literatur dazu geeignet, komplexe soziale Probleme zu beschreiben?

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Madge Jenison: Sunwise Turn

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Bild von congerdesign auf Pixabay

„Bücher! Mache ich zuviel Aufhebens von ihnen? Sie klopfen an die Tür zur Zukunft. Sie sind so abwechslungsreich. (…) Sie schenken uns Motive, Möglichkeiten, Prüfungen und Vorlieben. Wir finden in ihnen die Gedanken, auf denen das moderne Leben aufbaut, die ihm seinen Glanz verleihen, „unser wahres Glück, unseren Stolz“. Wenn ein Mann sein ganzes Geld in seinen Kopf gesteckt hat, dann hat er es, wie Franklin sagte, gut untergebracht.“

Madge Jenison, „Sunwise Turn. Eine Liebeserklärung an die Welt der Bücher.“ edition ebersbach.

Als Madge Jenison gemeinsam mit Mary Mowbray-Clarke 1916 in Nähe der New Yorker Fifth Avenue ihre Buchhandlung eröffnet, ist dies für die beiden Frauen weit mehr als ein nur ökonomisches Abenteuer. Die beiden Damen sind keine geborenen Buchhändlerinnen, aber getrieben vom Verlangen, „das Buch“ und damit Bildung an die Frau beziehungsweise Mann zu bringen. Madge (1874-1960) und Mary (1874-1962) sind Teil eines intellektuellen-künstlerischen Zirkels in New York. Beide schreiben, Madge ist im Kampf für das Frauenwahlrecht aktiv, Mary schreibt und unterrichtet über Bildende Kunst. Beide haben vom Handel, insbesondere Buchhandel, keine Ahnung.

Humorvoll, engagiert, leidenschaftlich und ungeheuer fleißig – so scheint Made Jenison gewesen zu sein und so schreibt sie auch. Und aus jeder Zeile des schmalen Buches wird deutlich, worin der Erfolg von „Sunwise Turn“ lag: Weil hier Menschen mit Herzblut und unbedingter Überzeugung ein „Projekt“ stemmten, dessen Aussichten eher düster waren. Nicht nur die allgemeinen Rahmenbedingungen, der Umgang mit der „Ware“ Buch erschwerten den Betrieb, sondern auch die speziellen Bedingungen dieser Zeit – auch das Binnenleben der USA wurde vom 1. Weltkrieg überschattet. Und dennoch:

„Bücher sind keine besonders lukrative Handelsware, wenn es sich jedoch lohnt, sie zu verkaufen, dann lohnt es sich erst recht, es gut zu machen.“

Die beiden machten es offensichtlich sehr gut: Der Laden, mit viel Geschmack eingerichtet, entwickelt sich zum „Hot Spot“. Hier verkehren Intellektuelle ebenso wie bedürftige, ungebildete Menschen, die von eigens eingerichteten Fonds und dem guten Herz der beiden Buchhändlerinnen profitieren: Manches Werk wandert ohne Bezahlung über den Ladentisch. Im Laden finden Veranstaltungen statt, Lesungen werden abgehalten, auch einige Bücher unter dem Logo von „Sunwise Turn“ publiziert, Madge beliefert Kunden mit auf sie abgestimmten Literaturlisten, berät bei der Einrichtung öffentlicher Bibliotheken, scheint rund um die Uhr aktiv zu sein im Dienste des Buches. Wer dem lebendigen Erzählstil folgt, wird dies genießen. Jedoch: Dieses Buch ist nicht nur höchst unterhaltsam, sondern auch verdammt gefährlich – schlummert doch in vielen Leser(innen) ein(e) verkappte(r) Buchhändler(in). Ich jedenfalls begann bei der Lektüre davon zu träumen, eine „Sunwise Turn“-Filiale in Augsburg zu eröffnen.

ABER: Auch wenn Madge Jenison ausführlich an mehreren Stellen über die ökonomischen Abläufe, zähe Verhandlungen mit Verlegern, Rabattschlachten und Bilanzen schreibt – es geht aus dem Buch nicht hervor, ob die beiden Besitzerinnen jemals von ihrem Kleinunternehmen leben konnten. Ich nehme an, dass aus dem Projekt zwar eine Vollzeitarbeit wurde, die Existenz jedoch anderweitig gesichert war. Sei`s drum – die beiden erfüllten sich und anderen einen Traum, ein Bedürfnis.

„Das Geheimnis unseres Erfolges war, dass wir die Buchhandlung zu einem magischen Ort machen wollten, der sich von anderen abhob und in dem schon der Kauf eines Buches zu einem aufregenden Erlebnis wurde.“

„Wir neigten dazu, unsere Unternehmungen als Heldentaten zu betrachten. Manchmal hatte ich das Gefühl, als flirteten wir nur mit unserer Idee, als inszenierten wir sie wie ein Konzert. Doch sie hatte von der ersten Stunde an etwas an sich, das unabhängig von uns war – etwas Wahres.“

„Sunwise Turn“ ist mehr als ein Buch über Bücher und eine Buchhandlung. Das Buch, das nach seiner ersten Veröffentlichung 1923 ein großer Erfolg wurde, ist auch ein Stück Zeitgeschichte: Das Manhattan dieser Jahre wird lebendig, fast wie auf einem Stück Zelluloid sieht man beispielsweise Madge Jenison auf der Suche nach einem Streifenpolizisten, der den unverschlossenen Laden überwacht, durch die Straßen streifen oder auf einer Bank mit einem selbstmordgefährdeten Kriegstraumatisierten sitzen. Peggy Guggenheim liefert im bodenlangen Pelzmantel ehrenamtlich Bücher für den Laden aus, Theodore Dreiser begeistert die Jenison Kraft seiner Persönlichkeit, völlig fremde Menschen erzählen in der Buchhandlung ihre Lebens- und Liebensgeschichten.

„Schon bald stellte sich heraus, dass die meistgehandelte Ware in unserem Laden das Gespräch war.“

Und es ist schön, dass man als Leser ein Jahrhundert später daran noch teilhaben kann. Bei der edition ebersbach wurde das Buch, das zwischenzeitlich vergriffen war, 2014 wieder neu aufgelegt. Auch dazu gibt es eine schöne Buchhandelsgeschichte – nachzulesen beim Blog der Ulmer Buchhandlung Jastram:

http://jastramkulturblog.wordpress.com/2014/02/

Durch Buchhändler Samy Wiltschek wurde ich auf „Sunwise Turn“ aufmerksam: Die Jastram-Jahresgabe 2013 war ein schön gemachtes Heft mit einem Auszug aus dem Buch. Und das hat nicht zuletzt wieder zu einer deutschsprachigen Neuauflage geführt.

Eine schöne Besprechung ist zudem bei Ingrid vom Block Druckschrift zu lesen.

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John Steinbeck und Robert Capa: Russische Reise

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Das Warenhaus Gum in Moskau. Bild von khazoff auf Pixabay

„Willy stellte uns die beiden hellgrünen Suissesses hin, und wir fingen eine Diskussion darüber an, was es in der Welt für einen ehrlichen und liberal denkenden Mann noch zu tun gäbe“.

Ich hab zwar keinen grünen Schimmer, was ein Suissesse ist. Scheint aber ein extrem geistvolles Getränk zu sein. Denn John Steinbeck, der das in der Bar des Bedford Hotels in New York gemeinsam mit Robert Capa süffelt, kommt dabei auf eine Idee, die mancher seiner Zeitgenossen wohl auch als „Schnapsidee“ gewertet hat  – zusammen mit dem Fotoreporter eine „Russische Reise“ zu unternehmen. Auf Gegenliebe stießen die beiden dabei auf keiner Seite, behördlicher- und staatlicherseits.

„Wir stellten fest, daß Tausende an akuter Moskauitis litten – einem Zustand, der es erlaubt, jede Absurdität zu glauben und sämtliche Tatsachen beiseite zu schieben. Später stellten wir fest, daß die Russen unter Washingtonitis leiden – derselben Krankheit. Wir fanden heraus, daß uns die Russen ebenso verteufeln, wie wir die Russen verteufeln.“

Um Völkerverständigung zu betreiben, war das Jahr 1948 tatsächlich nicht der beste Zeitpunkt für das Vorhaben: Mit der Verkündigung der Truman-Doktrin am 12. März 1947 setzte der Kalte Krieg ein. In den USA wurde ab `47 hysterische Jagd nach Kommunisten getrieben (McCarthy-Ära), in der UdSSR herrschte der Stalinterror. Solche politischen Hintergründe lässt Steinbeck in seinem Reisebericht jedoch weitestgehend außen vor. Er und Capa haben ein Programm:

„…eine einfache Reportage, von Fotografien untermauert. Wir würden zusammenarbeiten. Wir würden Politik und heikle Themen vermeiden. Wir würden uns vom Kreml, von Militärs und Militärplänen fernhalten. Wir wollten das russische Volk kennenlernen, falls uns das möglich war.“

Darauf noch eine Suissesse, und los geht die Reise, 1948. John Steinbeck hatte 1937 bereits die Sowjetunion besucht, aufgrund seines Romans „Früchte des Zorns“ (für mich immer noch das beste, klarste und dezidierteste seiner Bücher) war er in seinem Heimatland unter „Linksverdacht“. Ebenso Robert Capa, Mitbegründer der Fotoagentur Magnum, der unter anderem vom Spanischen Bürgerkrieg berichtet hatte. Trotzdem werden sie in Moskau nicht nur mit offenen Armen empfangen. Dem Duo gelingt es jedoch, sich relativ frei zu bewegen – nur begleitet von einem Dolmetscher, der als ausgemachter Pechvogel und Trottel von ihnen den Spitznamen „Gremlin“ erhält, lernen sie Moskau, die Ukraine und Georgien kennen.

Manches wirkt klischeehaft in diesem Reisebericht – das graue Moskau, die ernsten Moskowiter, die anpackenden, fleißigen Ukrainer, die wilden, stolzen Georgier. Manches wirkt auch naiv – das Lob des fleißigen Landmannes, der tagsüber auf der Kolchose schuftet und abends Tanzen geht, die üppig aussehende und kochende Babuschka. Doch John Steinbeck ist eben einer, der immer mit großen Respekt und mit viel menschlicher Wärme über die „einfachen“ Leute schreibt. Doch trotz des leichtgängigen Plaudertons, mit dem Steinbeck von Land&Leuten berichtet und über seinen Reisegefährten frozzelt (ein „typischer“ Fotograf, getrieben von der Jagd nach Motiven und die Sorge um seine Negative, ansonsten stundenlang in der Badewanne treibend), Steinbeck und Capra singen nicht nur das Lied vom glücklichen Aufgehen im Kollektiv. Der zum Teil absurde Bürokratismus, die ständige Bewachung durch Polizisten, vor allem aber auch der Stalinkult werden durchaus benannt.

„Bei öffentlichen Feiern sprengen die Stalinbilder alle Grenzen der Vernunft. Sie können bis zu acht Stockwerke hoch und fünfzig Fuß breit sein. An jedem öffentlichen Gebäude hängen monströse Portraits von ihm.
Wir sprachen darüber mit einigen Russen und bekamen verschiedene Antworten. (…). Eine vierte, daß dies Stalin selbst gar nicht gefällt und er verlangt hat, daß damit aufgehört wird. Doch uns kam es so vor, als würde alles, wogegen Stalin eine Abneigung gefaßt hat, umgehend verschwinden, die Bilder sich hingegen vermehren.“

Eine tiefgehende Analyse und deutlichere Kritik am Stalinismus, während dem Abertausende in den Gulags verschwanden, bietet die Reportage jedoch nicht. Dies darf man von der „Russischen Reise“ nicht erwarten – sie ist, was sie ist: Der Versuch, mit Humor und Ironie die Lebensverhältnisse der Bevölkerung darzustellen. Wo das Wort zuweilen zu spielerisch wird, sprechen Robert Capas Bilder eine umso klarere Sprache.

John Steinbeck zieht im letzten Absatz des Berichts eine durchaus auch selbstkritische Bilanz:

„Uns ist klar, daß dieser Bericht weder für die ekklesiastische Linke noch für die grobschlächtige Rechte besonders befriedigend ist. Erstere wird sagen, er sei antirussisch, und die zweite, daß er prorussisch sei. Ganz bestimmt ist er oberflächlich, und wie könnte er das nicht sein? Es gibt keine Schlußfolgerungen, die man ziehen könnte, außer jenen, daß sich das russische Volk nicht wesentlich von den anderen Völkern dieser Welt unterscheidet. Ganz bestimmt gibt es einige Bösewichte darunter, aber die weitaus meisten sind sehr anständige Menschen.“

Lesenswert als Zeitbericht und unterhaltsam ist die „Russische Reise“ allemal, auch wenn sie, nicht ganz ohne Grund (und nicht nur wegen der politischen Umstände), das Buch Steinbecks blieb, das sich am schlechtesten verkaufte. Der Reisebericht erschien 2011 erstmals in deutscher Übersetzung (Susanne Urban) in der Reihe „Weltlese – Lesereisen ins Unbekannte“, die bei der Edition Büchergilde von Ilija Trojanow  herausgegeben wird.

Robert Capa kam 1954 in Indochina ums Leben. Steinbeck ging Jahre später wieder auf eine ähnliche Reise mit dem Ziel, das Leben der „normalen“ Menschen kennenzulernen: Diesmal in seinem eigenen Heimatland. Und statt des Fotografen in Begleitung eines Pudels: „Meine Reise mit Charley“.

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Ernest Hemingway: Paris, ein Fest fürs Leben

„Paris hat kein Ende, und die Erinnerung eines jeden Menschen, der dort gelebt hat, ist von der jedes anderen verschieden. Wir kehrten immer wieder dorthin zurück, ganz gleich, wer wir waren oder wie es sich verändert hatte, oder unter welchen Schwierigkeiten oder mit welcher Mühelosigkeit man hingelangen konnte. Paris war es immer wert, und man bekam den Gegenwert für alles, was man hinbrachte. Aber so war das Paris unserer ersten Jahre, als wir sehr arm und sehr glücklich waren.“

Ernest Hemingway, „Paris – ein Fest fürs Leben“, Rowohlt Verlag.

Wenn es eine Hymne auf das Paris der 20er-Jahre, das Paris der amerikanischen Bohème zu dieser Zeit, auf das Leben, die Liebe und die Literatur gibt, dann ist es wohl dieses Buch: „Paris – ein Fest fürs Leben“. Ernest Hemingway beschreibt darin seine Pariser Jahre von 1921 bis 1926: Ein junger Schriftsteller mit dem eisernen Willen zum Erfolg, vom Ehrgeiz getrieben, vom Staunen überwältigt. Mit Hadley, seiner ersten Frau, und dem Baby Bumby lebt er arm, aber glücklich. Streunt durch die Stadt, auf der Suche nach gelebter Literatur – und stößt so auch auf „Shakespeare and Company“:

„Damals hatten wir kein Geld, um Bücher zu kaufen. Ich borgte mir Bücher aus der Leihbibliothek von Shakespeare and Company; das war die Bibliothek und der Buchladen von Sylvia Beach in der Rue de l`Odéon 12. Auf einer kalten, vom Sturm gepeitschten Straße war hier im Winter ein warmer, behaglicher Ort mit einem großen Ofen, mit Tischen und Regalen voller Bücher, mit Neuerscheinungen im Fenster und Fotografien berühmter Schriftsteller, sowohl toter wie lebender, an der Wand. (…)
Als ich zum ersten Mal den Buchladen betrat, war ich sehr schüchtern, und ich hatte nicht genügend Geld bei mir, um der Leihbibliothek beizutreten. Sie sagte mir, dass ich den Beitrag jederzeit, wenn ich Geld hätte, bezahlen könnte, und stellte mir eine Karte aus und sagte, ich könnte so viele Bücher mitnehmen, wie ich wollte.“

In den Erinnerungen, die zwar erst posthum veröffentlicht wurden, ist nachzuspüren, wie Hemingway zunächst mit beinah großen Augen im Salon der Gertrude Stein sitzt und das „spezielle“ Pariser Flair aufsaugt. „Endlich angekommen!“, scheint er den Lesern in den ersten Kapiteln zu erklären. Selbst die Probleme werden eher poetisch verbrämt:

„Aber Paris war eine sehr alte Stadt, und wir waren jung, und nichts war dort einfach, nicht einmal Armut noch plötzliches Geld, noch das Mondlicht, noch Recht und Unrecht, noch das Atmen von jemand, der neben einem im Mondlicht lag.“

Willi Winkler schrieb dazu in der Süddeutschen Zeitung:
„Vom Glück, vom reinen, kindlichen Glück handelt dieses Buch, und es teilt sich jedem Leser mit, der mit dem jungen Autor in einem noch nicht fashionablen Viertel aufwacht, wenn die Sonne die nassen Fassaden der Häuser trocknet.“

Hemingway schwärmt von den Begegnungen, ist überwältigt, gibt seiner fast ehrwürdigen Bewunderung – vor allem für Joyce – ihren Raum. Nur nach und nach wandelt sich der Ton, kommt der spätere, ältere, großmäuligere „Hem“ durch. Beispielsweise in den Kapiteln zu seinem wohl engsten Schriftstellerfreund F. Scott Fitzgerald. Hemingway geht wenig gnädig mit dessen Ehefrau Zelda um, nimmt den Kumpel spürbar in Schutz.

„Damals kannte ich Zelda noch nicht, und deshalb wusste ich nicht, mit welchem Handicap er belastet war. Aber wir sollten es bald genug kennenlernen.“

„Zelda hatte einen furchtbaren Kater. Am vergangenen Abend waren sie in Montmartre gewesen und hatten sich gezankt, weil Scott sich nicht betrinken wollte. Er hatte beschlossen, so erzählte er mir, ernsthaft zu arbeiten und nicht zu trinken, und Zelda behandelte ihn, als ob er ein Störenfried und Spielverderber wäre.“

Jedoch – auch wenn bei Veröffentlichung des Paris-Buches Fitzgerald bereits lange verstorben war – manches erscheint wie ein posthumer kleiner Verrat an der Freundschaft, wie purer Klatsch, wenn auch auf literarischem Niveau. So die Episode „Eine Frage der Maße“, als Fitzgerald Hemingway in einer Bar gesteht, Zelda habe ihm seine körperliche Ausstattung vorgeworfen.

 „Komm raus, ins Büro“, sagte ich.
„Wo ist das Büro?“
„Das WC.“

Wir kamen zurück und setzten uns wieder an unseren Tisch.
„Du bist völlig in Ordnung“, sagte ich. „Du bist okay. Dir fehlt überhaupt nichts.“

Trotz solcher Aus- und Abschweifungen: „Paris, ein Fest fürs Leben“ ist ein must-read. Auch eine wichtige Quelle für all jene, die aus dem Blickwinkel eines der wichtigsten Autoren den literarischen Aufbruch in die Moderne miterfahren wollen.
„Dieses Buch ist nicht nur ein herausragendes literarisches Werk, sondern auch ein Schlüsseltext zur Kulturgeschichte der Moderne. Das legendäre Paris der zwanziger Jahre ist in dieser Prosa wie in klaren Bernstein gebannt. Und es ist ein grandioses Porträt des Künstlers als junger Mann.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung).
Hemingway hatte seine Pariser Aufzeichnungen aus den 20er-Jahren bei einem späteren Aufenthalt im Pariser Ritz 1956 wiederentdeckt und begann mit den Überarbeitungen seiner handschriftlichen Notizen. Dies zog sich über mehrere Jahre bis zu seinem Suizid hin. Das Buch wurde letztendlich von seinem Literaturagenten und seiner vierten Ehefrau Mary noch vollständig editiert und 1964 veröffentlicht. Aus diesem Gesichtspunkt werden die Pariser Episoden auch zu den wehmütigen Erinnerungen eines älteren, kranken Mannes, an eine Zeit, als noch alles möglich schien:

„Ich habe dich gesehen, du Schöne, und jetzt gehörst du mir, auf wen du auch wartest und wenn ich dich nie wiedersiehe, dachte ich. Du gehörst mir und ganz Paris gehört mir, und ich gehöre diesem Notizbuch und diesem Bleistift.“

Hemingway, der trotz seiner Macho-Attitüde, dieser Jäger- und Kumpel-Fassade, wohl ein weicher, zerbrechlicher Mensch war, von ständigen Selbstzweifeln geplagt, gerade was sein Schreiben anbelangt, erzählt in diesem Buch noch aus der Perspektive eines literarischen „Frischlings“, der lernen und Erfahrungen sammeln will. Und vor allem einen Helden verehrt – seine erste schüchterne Frage an Sylvia Beach lautet denn auch:

 „Wann kommt Joyce her?“

Es dauert, bis er mit dem Schriftsteller, den er – wie so viele andere dieses Zirkels, siehe Sylvia Beach und Djuna Barnes, – vergöttert und verehrt, kennenlernt. Zunächst kann er ihn nur durch ein Fenster betrachten. Wie ein Kind, das sich am Süßwarenladen die Nase plattdrückt:

„Wir waren vom Gehen wieder hungrig, und Michaud war für uns ein aufregendes und ein teures Restaurant. Dort aß Joyce damals mit seiner Familie. Er und seine Frau an der Wand – Joyce hielt die Speisekarte in einer Hand in die Höhe und beäugte die Speisekarte durch seine dicken Brillengläser, Nora neben ihm, ein herzhafter, aber wählerischer Esser, Giorgio dünn, geziert, mit gestriegeltem Hinterkopf, Lucia mit schönem, lockigem Haar, ein noch nicht ganz erwachsenes Mädchen. Sie sprachen alle Italienisch.“

Trotz der Verehrung für Joyce – der Ire wird in dem Buch nur an wenigen Stellen erwähnt, während anderen literarischen Größen, denen Hemingway begegnet, ganze Kapitel und Absätze gewidmet sind: Gertrude Stein, Sherwood Anderson, Ezra Pound und Fitzgerald sowieso. Vielleicht – aber dies ist reine Spekulation – eine Art selbstschützende Schreibhemmung: Um den verehrten Literaturgott nicht durch die falschen Worte vom Sockel zu holen. Dabei haben Hemingway und Joyce durchaus ihre gemeinsamen Erlebnisse gehabt. In einer Anekdote heißt es, Joyce, ein „kleiner, dünner, unathletischer Mann“, habe sich, wenn er und sein Trinkkumpel Hemingway in eine Kneipenschlägerei gerieten, hinter „Hem“ versteckt. Um aus sicherer Position den Amerikaner anzufeuern: „Deal with him, Hemingway, deal with him!“.

Was zumindest gesichert ist: Beide, sowohl Hemingway als auch Joyce, hatten schwerwiegende Alkoholprobleme mit gesundheitlichen, psychischen wie physischen Folgen. Das Paris der 20er-Jahre war ein Fest fürs Leben. Der Preis dafür würde später bezahlt.

Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Dragana dreht sich von mir weg, packt den Sparschäler, rüstet Kartoffeln und Karotten, die einfachsten Tätigkeiten, die nicht mehr für sich stehen, nur davon zeugen, dass wir hier nichts tun, denke ich, sagt sie, und ich sehe es plötzlich klar vor mir, die beiden Welten, die einander gegenüberstehen und sich nicht vereinbaren lassen, wir hier in der Schweiz und unsere Familien in Jugoslawien, im ehemaligen Jugoslawien, wie man sagt, das sind meine Feinde, und Dragana zeigt auf die Kartoffelschalen, fährt sich mit dem Handrücken über die Augen, ja, wir leben hier, die Schweizer, im Zuschauerraum, denke ich, das ist zumindest eine Wahrheit.“

Melinda Nadj Abonji, „Tauben fliegen auf“, 2010, Jung und Jung Verlag.

Während die Buchpreisblogger bereits die Longlist zum Buchpreis 2015 lesen, noch ein Blick zurück: Einige der früheren Longlist- und Buchpreis-Titel habe ich hier schon ab und an besprochen.
Unter anderem den Roman von Melinda Nadj Abonji. Die 1968 in Serbien geborene Schriftstellerin, die heute in der Schweiz lebt, gewann mit „Tauben fliegen auf“ 2010 den Deutschen und den Schweizer Buchpreis.

Die Küche eines kleinen Schweizer Cafés als Mikrokosmos, als Abbild des jugoslawischen Völkergemisches, in dem die verschiedenen Nationalitäten aufeinanderprallen – Serben, Kroaten, Bosnier. Melinda Nadja Abonji erhielt für ihren Roman 2010 den Deutschen Buchpreis. Zu Recht. Nadj Abonji, selbst aus der Vojvodina stammend, dieser serbischen Region mit hohem ungarischen Anteil, beschreibt hier ihre Familiengeschichte. „Papierschweizer“, die sich ihr „menschliches Schicksal“ in der Eidgenossenschaft erst noch erarbeiten müssen. Die Eltern sind aus wirtschaftlicher Not in die Schweiz gekommen, lange, bevor der Bürgerkrieg die Nation Jugoslawien ein für alle mal verändert.

Zwischen zwei Welten

Dieser Krieg holt die Familie in der neuen Heimat ein und trennt sie zugleich von der alten, kappt die Wurzeln: Im Ungewissen bleibt, was mit den Familienangehörigen dort geschieht. In der neuen Welt, bei den „Käsigen“, noch nicht richtig angekommen, vielleicht auch immer „Mischwesen“ bleibend, ist der Zugang zur Herkunft gekappt.
Aber auch dort, in dieser Kultur, waren sie bereits „die Schweizer“. „Mein Land liegt im Sterbebett“, sagt einer der Flüchtlinge. Und die neue Heimat ist keine Geburtswiege, keine Gemeinschaft, die Fremde ohne weiteres aufnimmt.

Abonji erzählt dies nicht anklagend, nicht lamentierend. Im vordergründigen Sinne ist das Buch zudem eher ein Entwicklungsroman: Wie sich eine junge Frau auch aus dem Korsett der Familie löst, wie sie, hineingeworfen in die neue Welt, anfängt, eigene Wege zu gehen. Das gibt am Ende auch Hoffnung, dass Ankommen – zumindest in der zweiten Generation – doch möglich ist.

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