Mütter und Töchter: Geschichten vom Gehen und Wiederkommen

„Wir sitzen im Zug nach Prag. Für dieses Herbstwochenende verspricht der Wetterbericht sommerliche Temperaturen. Ich muss mich erst an den Gedanken gewöhnen, dass meine Mutter und ich allein zu zweit unterwegs sind. Waren wir jemals für ein langes Wochenende so eng zusammen? Tag und Nacht? – Nein, nie. Achtundfünfzig Jahre hat es gebraucht, um Zeit und Gelegenheit zu finden, diese Reise anzutreten. Und nun dieser Altweibersommer!“

Bild: Julius Erler, Dresden

Manchmal braucht es lange, bis zwischen Müttern und Töchtern eine Annäherung stattfindet – Sybille, geboren 1960, gelingt dies, auch beim gemeinsamen Altweibersommer mit ihrer Mutter. Andere Mütter-Töchter-Beziehungen bleiben dagegen distanziert, manche sind von Beginn an konfliktbeladen, andere harmonisch. Aber eines haben sie gemeinsam: „Keine Beziehung ist so essenziell, so innig und zugleich so irritierend wie die zwischen Mutter und Tochter“, sagt Petra C. Erdmann. Wie stark der mütterliche Einfluss auf die Identitätsentwicklung einer Frau sei, zeige sich jedoch meist dann am deutlichsten, wenn der Umgang miteinander gestört sei. Seit zwei Jahrzehnten ist Petra C. Erdmann erfolgreich als Verhaltens- und Teamtrainerin für Firmen und Organisationen tätig und berät Menschen in Krisensituationen.

Immer wieder hatte sie, die selbst Mutter von zwei Töchtern ist, dabei Begegnungen mit Töchtern und Müttern, deren Beziehung schwierig ist. Der wesentliche Konfliktpunkt zwischen den Frauen ist im Kern die Frage zwischen dem richtigen Maß an Nähe und Distanz – oft findet eine Annäherung erst dann statt, wenn die Töchter eigene Lebenserfahrungen gesammelt haben, älter werden, vielleicht auch eine eigene Familie haben und dieselben Erfahrungen mit ihren Töchtern machen.

Wie so eine Annäherung stattfinden kann, wie Frauen sich an ihre Mütter erinnern, davon erzählt der Band „Geschichten vom Gehen und Wiederkommen“. Petra C. Erdmann hatte in ihrer Arbeit immer wieder Frauen gebeten, einen Brief an ihre Mütter zu schreiben oder ihre Erinnerungen schriftlich festzuhalten – über 20 Frauen stellten ihre Texte für das Taschenbuch, das nun im Eigenverlag erschien, zur Verfügung.

So individuell die Lebenswege der Frauen sind, so stark die einzelnen Persönlichkeiten aus den Briefen und Erzählungen heraustreten, so verbindend ist aber auch, dass jeder dieser Texte beim Lesen eigene Erinnerungen und Gefühle in Gang bringt: Letztlich sind wir Leserinnen ja auch alle Töchter. Die „Geschichten vom Gehen und Wiederkommen“ haben ein stark versöhnendes Element, das, wenn beispielsweise Evelyne darüber schreibt, sehr anrührend ist:

Liebe kann man auf so viele verschiedene Weise geben. Ich habe starke Wurzeln, die ich mir selten bewusst mache. Doch wirken sie und geben mir Halt.“

Petra C. Erdmann sagt als Herausgeberin selbst dazu: „In allen Briefen spürt man nicht nur Schmerz, sondern auch die Liebe, die der Kern der Mutter-Kind-Beziehung ist. Und oft auch das Bedauern, nicht schon früher mit der Mutter über das Unausgesprochene geredet zu haben. Insofern ist mein Credo: Habt den Mut, schon zu Lebzeiten aufeinander zuzugehen. Sagt der Mutter, was sie euch bedeutet, was euch gefehlt hat und wofür ihr von Herzen dankbar seid. Letztlich kann das den ersehnten inneren Frieden bringen.“

Informationen zum Buch:
Petra C. Erdmann
Geschichten vom Gehen und Wiederkommen – Briefe und Erinnerungen von Töchtern und Müttern
Taschenbuch, 153 Seiten, 12,99 Euro
ISBN: 978-3-752-66086-9
Bestellmöglichkeiten: https://petra-erdmann.de/veroeffentlichungen/

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Shaun Usher: More Letters Of Note

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Bild von blitzmaerker auf Pixabay

Dear Mr. Usher,

I was really, really neugierig, when I heard that you made a new book with letters, because I am a great fan of your blog letters of note dot com and I am a fan of writing letters myself, so as I do now in this moment to you.

I am thankful that your Verlag has send me the new book really umgehend. But someone should have told me before that it is so heavy, so I would have no such problem to taking it home from the post because at this day I had made my weekly Einkauf also – it is so heavy, that my Küchenwaage can`t measure it, because this thing is only going to 1 Kilo. But there you can also see that a lot of people, famous and not so famous, some also want-to-be-famos, are writing letters and so this gives in the end big books. And really impressive letters – so in Germany the Verlag gave the book the Untertitel „Briefe für die Ewigkeit“.

Yes, I think we should always keep some of he letters of this prominent people in mind, because we can use it for our own Nutzen someday. So if someone is going me really, really on the Nerven, I will write him like the Künstler Asger Jorn did 1964 to the Guggenheim-Stiftung:

„FAHR ZUR HÖLLE MIT DEINEM GELD, DRECKSKERL. PREIS ABGELEHNT. HABE MICH NIE DRUM BEWORBEN. WIDER JEDEN ANSTAND LÄSST DU EINEN KÜNSTLER GEGEN SEINEN WILLEN FÜR DICH REKLAME MACHEN. ERWARTE ÖFFENTLICHE BESTÄTIGUNG DASS ICH BEI DEINER LÄCHERLICHEN CHARADE NICHT MITSPIELE. JOHN“

Leider is in your book not vermerkt, if he gets a answer to this furios telegramm which he wrote when he erfuhr, that he should get the Guggenheim International Award. But this does not matter, because the telegramm alone is much fun, but when I think over it, we should not take it as a good Beispiel. And the chance that someone is giving me a price for my Kunstwerke is also gering.

There a more so people with really bad Manieren who write letters, sometimes impulsiv and sometimes mit Absicht, in your book. So I am froh, that I did not to have work in the Tiger Oil Company – it does not make me wonder, that it make Bankrott – because its chief, this Mr. Edward Mike Davis wrote really ugly memos to his Mitarbeiter:

„This memorandum is intended as an addendum to a memo I wrote on January 12, 1978 about people speaking to me. Any supervisor who has anything to say to me, day or night, the fastest way he can say it to me is too slow.“

So I will make it short now and not longer waste your and my time: Your book „More Letters of Note“ is a real pleasure to me, because I have no problem with the Briefgeheimnis, when it is about famous people. There are lot of letters in it, which are funny, tragisch, liebevoll, full of hate, full of tears, full of emotions. That`s life.

And it is good, that you give some erklärende words to every letter, a lot of pictures and faksimile – so this erklärs too the bigness oft he book, because there is beispielsweise one really impressive letter from an insane woman, Lorina Bulwer, who wrote, like the book says, „kaum ins Deutsche übertragbare Prosa“, but this in an impressive Handschrift and like a work of art. This letter you can ausklappen and that is really eindrucksvoll.

A little bit I missed a rote Faden, because the letters spring from Abraham Lincoln to Janis Joplin, from Mozart to William S. Burrouhgs. I will say, this is a wilde Mischung, but very interessant.

And I think you are a little bit of a letter-messie, isn`t it so? This I can understand well and so I will keep your book because it is nice to blätter in it and if I search something good für my Rubrik „Sie haben Post!“ it will be a real Fundgrube.

So thank you very much und many greatings from your reader

Birgit aus Augschburg.

PS: Neben vielen unterhaltsamen, witzigen, bösartigen, aber auch liebevollen, fast schon kitschigen Briefen tauchen in diesem Band – das Nachfolgebuch zu „Letters of Note“ – auch sehr anrührende Schreiben auf. So der Brief des argentinischen Schriftstellers Juan Gelman an seinen Enkel – Gelmans Sohn und Schwiegertochter „verschwanden“ in den Katakomben der argentinischen Folterdiktatur, das Kind überlebte. Dieser Brief – wie die meisten anderen in diesem Buch – sind Zeitdokumente, die „More Letters of Note“ eben nicht nur zu einem vergnüglichen Kompendium machen, sondern tatsächlich zu einem Nachschlagwerk, das einen Blick auf unsere Welt aus sehr persönlicher Sicht – der der Briefeschreiber – eröffnet.

Verlagsangaben:
Shaun Usher, „More Letters of Note“, 2016:
https://www.randomhouse.de/Buch/More-Letters-of-Note/Shaun-Usher/Heyne-Encore/e477346.rhd

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Lina Loos: Das Buch ohne Titel

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Bild: Birgit Böllinger

„Ich bin Österreicherin durch und durch; im Zentrum der Stadt Wien geboren und in der Stephanskirche getauft. Das Leben hat mich später etwas an die Peripherie der Stadt abgedrängt, aber sonst geht es mir ganz gut. Ich hatte die Ehre, viele berühmte Wiener während meines schon etwas länger dauernden Lebens kennenzulernen, ja, es gab sogar eine Zeit, in der ich selbst etwas von solcher Berühmtheit besaß. Mein Bruder war Präsident des Bühnenvereines, meine Schwägerin Burgschauspielerin, und meine Eltern waren Besitzer eines der größten und bestgehenden Kaffeehäuser.

Ich war „mitberühmt“, einer der angenehmsten Zustände, die es gibt, aber damals war ich noch dumm – kurz, es stach mich der Hafer, und ich schrieb ein Theaterstück. Es wurde trotz meinen guten Beziehungen für Wien angenommen und wider jede bessere Erfahrung sogar gespielt.

Mein Sturz war jäh!

Die Bevölkerung brachte mir von nun an ein gewisses bürgerliches Misstrauen entgegen:
„Möcht` wissen, wozu dö dös nötig hat.“ Aber das Leben heilt alle Wunden, und nichts wird so rasch vergessen als ein Theaterstück, das nicht einmal aufsehenerregend durchgefallen ist.“ 

Lina Loos, „Das Buch ohne Titel“, Edition Atelier, Wien, 2013. 

Im Oktober 1882 erblickte sie das Licht der Welt, zunächst ausgestattet mit dem ganz und gar unglamourösen Namen „Karoline Obertimpfler“. Und doch avancierte sie in der Blütezeit der Wiener Kaffeehausliteratur zur „silbernen Dame“ – eine Bezeichnung, die der abgründig in sie verliebte Peter Altenberg ihr auf den Leib schrieb.

Beim Fräulein Obertimpfler, die sich später „Lina Loos“ nannte, kamen vorzügliche Eigenschaften zusammen: Ein wacher Geist, eine hohe Intelligenz, eine durchaus auch spitze Zunge, Humor und Herzenswärme und dies alles vereint in einer Frau von außerordentlicher Schönheit.

Die Schauspielschülerin lernt, kaum in die Welt der Wiener Boheme eingeführt, am Peter-Altenberg-Stammtisch im „Löwenbräu“ den Architekten Adolf Loos kennen: Er sieht sie und macht ihr praktisch stante pede einen Heiratsantrag. Die 1902 geschlossene Ehe scheitert jedoch unter tragischen Umständen: Lina lässt sich auf ein Liebesverhältnis mit einem jüngeren Mann ein. Loos, weitaus weniger liberal, als er sich gibt, besteht auf einer Beendigung der Affäre – der junge Mann nimmt sich das Leben, der Skandal ist perfekt, 1905 wird die Ehe geschieden.

An Verehrern leidet Lina Loos auch in der Folge keinen Mangel: Peter Altenberg und Egon Friedell konkurrieren um sie, Männer wie Frauen sind fasziniert von ihrer Ausstrahlung. Zu ihrem weitgefächerten Bekanntenkreis zählt das „Who is who“ der österreichischen Literatur- und Kunstszene jener Epoche. In einem ebenfalls bei Edition Atelier ganz aktuell erschienenen Band mit Briefen („Du silberne Dame Du“, Edition Atelier, 2016) finden sich Briefe von und an Lina Loos mit ihrem geschiedenen Mann, mit Peter Altenberg, Egon Friedell, ihrem engen geistigen Freund Franz Theodor Csokor, mit Alfred Polgar, Joseph Roth, Karl Kraus, Vicki Baum, Else Lasker-Schüler und vielen anderen.

Wer war diese Frau? Eine attraktive „femme fatale“, schmückendes Beiwerk für schreibende Männer? Oder doch eine eigenständige Persönlichkeit, die sich sowohl als Schauspielerin, Kabarettsängerin und als Schriftstellerin verwirklichte?

Die beiden, von Adolf Opel herausgegebenen Bücher, geben Antwort: Lina Loos, so wird anhand der beiden Bücher deutlich, war eine mutige und außergewöhnliche Person, die sich, geprägt durch die Erfahrung zweier Weltkriege und die nationalsozialistische Diktatur, auch zunehmend dezidiert politisch engagierte und außerordentlich viel Zivilcourage besaß.

Ihre ganze Biographie kann bei fembio nachgelesen werden.

Das einzige Buch von ihr, das zu ihren Lebzeiten veröffentlicht wurde, ist „Das Buch ohne Titel“: Ab 1927 hatte sie im Feuilleton des „Neuen Wiener Wochenblattes“ kleine Geschichten, Skizzen, oft fast schon Aphoristisches aus ihrem Leben und ihrer Lebenswelt veröffentlicht – sie schreibt über ihre Familie, ihre berühmten Bekanntschaften, über das Theaterleben, ebenso aber auch über die „einfachen Leute“ in ihren Sieveringer Geschichten. Das sind meist liebevolle und unbeschwerte Petitessen, die bei ihrer Erstveröffentlichung 1947 den Zeitgeist wohl gut treffen – man sehnt sich nach den Jahren des „Anschlusses“ zurück nach der „Welt von gestern“.

Weit eindrucksvoller kommt ihre gescheite Persönlichkeit in den Briefwechseln insbesondere mit Friedell und Csokor zum Ausdruck, auch wenn ihre eigenen Briefe nicht vollständig erhalten sind, man vieles aus den Antworten der schreibenden Herren „erlesen“ muss. Doch man erahnt, welch wachen Geist diese Frau hatte, die alles in Frage stellt, allem nachgeht, wissen und lernen will.

So schreibt sie am 5. August 1933 an Egon Friedell – privat und dringend!:

 „Lieber Egon, 

Glaubst Du, daß, wenn es gelänge, einen Gottesbeweis zu erbringen, die Menschen das Leben verantwortungsvoller leben würden?
ich denke an die Ungläubigen, die durch einen Verstandesbeweis überzeugt werden müßten.
Ist so ein Beweis denkbar? Was denkbar ist, wäre doch durchführbar! Hat Kant nur einen „gefühlsmäßigen“ Beweis erbracht?

Eben fällt mir ein: Leben die Gläubigen gar so verantwortungsvoll?

Das Dringend! entfällt somit!

Antworte mir, als hätte Dir ein Fremder geschrieben – dann hältst Du es für geboten, ausführlich und ernst zu antworten! 

Lina 

Nach 1945 schreibt die schwerkranke Lina Loos, die den Verlust zahlreicher Freunde durch den Krieg, Suizid und Exil zu beklagen hat, weiter Beiträge für Zeitschriften, sie engagiert sich im Österreichischen Friedensrat und beim Bund demokratischer Frauen. Sie stirbt, körperlich sehr entkräftet, 1950.

Die beiden beim Verlag „Edition Atelier“ herausgegebenen Bände über Lina Loos sind als Zeitzeugnisse beachtenswert, vor allem aber als Mosaiksteine zum Portrait einer leidenschaftlichen und klugen Frau. Die Bücher bezaubern auch durch ihre liebevolle Ausstattung. So sind zahlreiche Fotografien beigefügt, ein Lebenslauf mit den wichtigsten Daten und die Briefpartner von Lina Loos werden mit kurzen Portraits vorgestellt.

Das Verlagsprogramm von Edition Atelier findet sich auf dem Blog „Textlicht“ sowie auf der Verlagshomepage: http://www.editionatelier.at/

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Helene Hanff: 84, Charing Cross Road

„AUFGEPASST!
Ich will IHNEN, Frank Doel, nur eines sagen: Wir leben in verkommenen, zerstörerischen und degenerierten Zeiten, wenn eine Buchhandlung – eine BUCHHANDLUNG – damit anfängt, schöne alte Bücher auseinander zu reißen, um sie als Einpackpapier zu verwenden. Ich sagte zu John Henry, als er ausgewickelt war: `Hätten Sie das für möglich gehalten, Eminenz?´, und er verneinte. Sie haben das Buch mitten in einer großen Schlachtszene auseinander gerissen, und ich weiß nicht einmal, um welchen Krieg es sich handelt.“
15. Oktober 1950

„DAS NENNEN SIE PEPYS´ TAGEBUCH?
Das ist nicht Pepys´ Tagebuch, das ist die elende Zusammenstellung von EXZERPTEN aus Pepys´ Tagebuch, herausgegeben von irgendeinem übereifrigen Kerl, der in der Hölle verfaulen möge! Ich könnte ausspucken davor! Wo ist der 12. Januar 1668, als ihn seine Frau aus dem Bett jagt und mit einem glühend heißen Feuerhaken quer durchs Schlafzimmer verfolgt?“ „
15. Oktober 1951

Helene Hanff, „84, Charing Cross Road“, btb Taschenbuch, 160 Seiten, 7,99 Euro

Holla, die Waldfee. Die Dame pflegt eine deutliche Sprache. Aber sie ist eben auch Amerikanerin, genauer noch: wohnhaft in New York. Neue Welt trifft alte Welt – der so angesprochene (beziehungsweise „angeschriebene“) Londoner Buchhändler Frank Doel reagiert auf die direkte Art seiner neuen Kundin zunächst noch mit gebotener britischer Zurückhaltung und Kühle. Doch langsam taut er auf und wird von „Geschäftsbrief“ zu „Geschäftsbrief“ zutraulicher – wer kann dem herben Charme von Helene Hanff schon widerstehen? Auch dem Leser dieses Buches wird das kaum gelingen: Helene Hanff wickelt zwar nicht gerne Bücher aus den Seiten anderer Bücher aus, dafür umso besser Menschen um den kleinen Finger. Mit viel Humor, zuweilen spitzer Feder und spitzer Zunge, und vor allem mit viel Anteilnahme lockt sie den Antiquar aus der Reserve.

So wird aus einer Fachkorrespondenz über den Atlantik und zwei Jahrzehnte hinweg eine intensive Brieffreundschaft. Helene Hanff nimmt erstmals 1949 zu der Londoner Buchhandlung in der Charing Cross Road Kontakt auf. Als begeisterte Leserin schwer aufzutreibender Bücher – so möglichst die vollständigen Ausgaben von Johne Donnes Predigten, Pepys´ Tagebücher oder Kenneth Grahams „Wind in den Weiden“, natürlich mit den Illustrationen von Shepard – stößt sie auf das Antiquariat MARKS & Co. Helene Hanff hält sich nicht lange beim Austausch bibliomanischer Gepflogenheiten auf, der Ton ihrer Briefe wird schnell persönlicher. Und vor allem zeigt sie ihre zupackende, pragmatische (amerikanische) Seite. Obwohl selbst nicht materiell verwöhnt, beginnt sie damit, den unter den Lebensmittelrationierungen darbenden Briten Lebensmittelpakete via Dänemark zu senden. Frische Eier, Eipulver, Schinken und – nicht zum Essen – Nylonstrümpfe. Im Gegenzug gibt es schriftliche Einladungen nach London noch und noch (so zur Thronbesteigung durch Lizzie), handgestickte Tischdecken und ein Rezept für Yorkshire Pudding.

Ein persönliches Treffen mit Frank Doel kommt jedoch nie zustande – der Buchhändler stirbt unerwartet und plötzlich 1969 nach einem Blinddarmdurchbruch. Anrührend einer der letzten Briefe in diesem Buch. Doels Ehefrau Nora schreibt an die Unbekannte über dem großen Teich:

„Ich wünschte nur, Sie wären Frank begegnet und hätten ihn persönlich kennen gelernt. Er war die ausgeglichenste Person mit einem wunderbaren Sinn für Humor und solch ein bescheidener Mensch, wie ich jetzt begreife, da ich von überall her Briefe bekommen habe, die ihm Hochachtung bezeugen. (…)
Manchmal, ich kann es Ihnen ja sagen, war ich ganz eifersüchtig auf Sie, da Frank Ihre Briefe so mochte, die, beziehungsweise einige davon, seinem Sinn für Humor so entsprachen. Ich habe Sie auch um Ihr Schreibtalent beneidet. Frank und ich waren sehr gegensätzlich, er so freundlich und sanft und ich dagegen, die ich mit meinem irischen Hintergrund immer für meine Rechte kämpfte. Er fehlt mir so.“
Januar 1969

1970 gibt Helene Hanff, die selbst als Autorin ihr Dasein mit dem Schreiben von Dreh- und Lehrbüchern fristet, diesen Briefwechsel als Buch heraus. Und landet damit einen weltweiten Erfolg. Das Kultbuch wird mit Anne Bancroft und Anthony Hopkins verfilmt. Und Helene Hanff gelangt endlich in ihr erträumtes London.

Der Briefwechsel selbst ist höchst amüsant, anrührend und eine kleine Zeitreise – vor allem die Briefe aus London (zeitweise schreibt offensichtlich jedes Mitglied der Buchhandlung sowie von Doels Familie an die Amerikanerin) erzählen von den existenziellen Engpässen der Nachkriegszeit. Und von der Liebe zur Literatur und antiquarischen Büchern. Goldschnitte und Lederbände konkurrieren mit Schinken und Nylonstrümpfen – jeder Brief, jedes Päckchen bringt einen Lichtblick.

Aprospos Lichtblick in Päckchen: Dieses „Kultbuch für alle Vielleser“ (so der Verlagstext) lag einem Päckchen meiner Ping-Pong-Brieffreundin bei. Briefeschreiben hat schon was…

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LESEZEICHEN von: Franz Kafka

Chinesischer Staatszirkus

Brief an Felice Bauer, 21.,22. und 23. Juni 1913

21.VI 13

Liebste, auch das und vielleicht das vor Allem berücksichtigst Du in Deinen Überlegungen nicht genug, trotzdem wir schon viel darüber geschrieben haben: daß nämlich das Schreiben mein eigentliches gutes Wesen ist. Wenn etwas an mir gut ist, so ist es dieses. Hätte ich dies nicht, diese Welt im Kopf, die befreit sein will, ich hätte mich nie an den Gedanken gewagt, Dich bekommen zu wollen. Was Du jetzt zu meinem Schreiben sagst, kommt nicht so sehr in Betracht, Du wirst, wenn wir zusammen sein sollten, bald einsehn, daß, wenn Du mein Schreiben mit oder wider Willen nicht lieben wirst, Du überhaupt nichts haben wirst, woran Du Dich halten könntest. Du wirst dann schrecklich einsam sein, Felice, Du wirst nicht merken, wie ich Dich liebe und ich werde Dir kaum zeigen können, wie ich Dich liebe, trotzdem ich Dir dann vielleicht ganz besonders angehören werde, heute wie immer. Langsam werde ich ja zerrieben zwischen dem Bureau und dem Schreiben (das gilt auch für jetzt, trotzdem ich seit 5 Monaten nichts geschrieben habe) wäre das Bureau nicht, dann wäre freilich alles anders und diese Warnungen müssten so streng nicht sein, so aber muß ich mich doch zusammenhalten, so gut es nur geht. Was sagst Du aber liebste Felice zu einem Eheleben, wo, zumindest während einiger Monate im Jahr, der Mann um ½ 3 oder 3 aus dem Bureau kommt, ißt, sich niederlegt, bis 7 oder 8 schläft, rasch etwas ißt, eine Stunde spazieren geht, dann zu schreiben anfängt und bis 1 oder 2 Uhr schreibt. Könntest Du denn das ertragen? Vom Mann nichts zu wissen, als daß er in seinem Zimmer sitzt und schreibt? Und auf diese Weise den Herbst und den Winter verbringen? Und gegen das Frühjahr zu den Halbtoten an der Tür des Schlafzimmers empfangen und im Frühjahr und Sommer zusehn, wie er sich für den Herbst zu erholen sucht? Ist das ein mögliches Leben? Vielleicht, vielleicht ist es möglich, aber Du mußt es doch bis zum letzten Schatten eines Bedenkens überlegen. Vergiß dabei aber nicht andere Eigenheiten, die mit dem Vorigen zusammenhängen, aber außerdem in unglücklichen Anlagen begründet sind. Seit jeher war es mir peinlich oder zumindest beunruhigend einen Fremden oder selbst einen Freund in meinem Zimmer zu haben, nun hast Du jedenfalls Menschen gerne, vielleicht auch Gesellschaften (…)

22. VI 13

Aber selbst wenn und solange ich bleibe, also im günstigsten, vergleichsweise günstigsten Fall, werden meine Frau und ich arme Leute sein, welche diese 4588 K sorgfältigst werden einteilen müssen. (…) Du hast schon mehrmals irgendein Leid erwähnt, das Ihr früher zuhause erlitten und ertragen habt. Was war das für ein Leid? Kann man daraus vielleicht die Tragfähigkeit für anderes Leid schließen?

23. VI 13

Nur auf das, was ich jetzt schreibe mußt Du hören, Felice, nur auf das mußt Du antworten, aber auf alles, nicht nur auf die Fragen. Dafür aber verspreche ich Dir aber, wenn Du das tust und in welchem Sinne immer, an Deine Eltern, wenn ich um Dich bitte, nur ganz kurz zu schreiben. Es ist wirklich nur unsere Sache, aber Du mußt ihr gerecht werden.

Franz

„Aber Du mußt ihr gerecht werden“: Da ist einer, der fordert im Namen der Liebe sehr viel ein – und das, nachdem er seitenweise zuvor über die Gründe schreibt, warum es besser wäre, ihn nicht zu heiraten. Die Briefe von Franz Kafka an Felice Bauer – ihre an ihn sind unglücklicherweise nicht erhalten – sie sind einfordernd und fordern, bedrängend und drängend einerseits und zugleich Zeugnisse eines, der lieben will und sich der Liebe doch nicht ganz anvertrauen mag. Ein Brief vorwärts, zwei Telegramme zurück. Sehen werden sich die beiden in diesen Jahren nur wenige Male – die Höhenflüge der Liebe, die Abstürze: Alles findet auf dem Papier statt, nicht im Leben.

Franz Kafka lernte die Berlinerin Felice Bauer im August 1912 kennen, wenig später beginnt der Briefwechsel, eine wahre Briefflut, die mit manchen Unterbrechungen bis 1917 dauert. Als Kafka an Tuberkulose erkrankt, ist das für beide wohl wie eine Erlösung von einer nicht „lebbaren“ Liebe, sie trennen sich.

Der S. Fischer Verlag hat die „Briefe an Felice Bauer“ und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit im Rahmen der Kritischen Gesamtausgabe Kafkas neu herausgebracht, das Buch liegt inzwischen auch als Fischer Taschenbuch vor. Ein guter Einstieg für jene, die sich der Kafka`schen Gedankenwelt nähern möchten – denn auch in den Briefen zeigt sich, wie sich Leben und Werk verknüpften: Felice Bauer leiht den Heldinnen seiner Werke – der Frieda Brandenfeld, dem Fräulein Bürstner bis hin zur Frieda des Schloßromans – nicht nur die Initialen ihres Namens.

Hans-Georg Koch, der die Briefe neu editiert und kommentiert hat, schreibt in seinem Nachwort:

„Briefe schreiben, und nicht nur einen, sondern gleich mehrere am Tag? (…) Vielleicht wären Felice Bauer und Franz Kafka, die in ihrem Hunger nach Mitteilungen einander in nichts nachstanden, in der heutigen Zeit völlig den Möglichkeiten des beständigen elektronischen Austauschs verfallen. Die dichte Abfolge ihrer Briefe unterscheidet sich jedenfalls kaum von SMS- oder E-Mail-Bombardements. Das Warten auf Antwort war allerdings eine größere Geduldsprobe, und gerade angesichts drängender Fragen schrieb Kafka oft bereits den nächsten Brief (…),

Dieses Schreiben mehrmals am Tag, bei dem man nicht weiß, ob überhaupt eine Antwort kommen kann, aber auch dieses vor und wieder zurück, was den Inhalt anbelangt – eigentlich kann sich jeder, der sich binden und doch nicht binden will, und das trifft heute auf viele zu, gut in Kafkas Lage hineinversetzen. Dieser ständige Sinneswandel, das Herantasten und dann doch wieder Fliehen, weil jedes Wort zu viel dann doch wieder zu nahe hingeführt hat zu etwas, wozu man sich letztlich nicht imstande sieht – auch unter diesem Aspekt ist die Korrespondenz zwischen Felice Bauer und Franz Kafka einer heutigen Fernbeziehung via Internet ziemlich ähnlich.“

Dieses vor und wieder zurück – auch die Autorin Marie Luise Kaschnitz schreibt darüber bereits 1967 im Spiegel:

„Dieser ewige innere Widerspruch ist qualvoll — ein pathologischer Sonderfall ist er nicht. In jedem Zueinander- und Voneinanderwegstreben Liebender ist etwas von dem Kafka-Felice-Schicksal, das hier durch die beschwörende Kraft von Kafkas Sprache, durch seine besondere Ungeduld und Trauer, vor allem durch sein künstlerisches Gewissen eine so ungeheure Steigerung erfährt.“

Wie Felice das ausgehalten hat? Ganz einfach: Sie liebte ihn. Als sie sich 1956 aus einer materiellen Notlage heraus von den Briefen trennen musste (sie verkaufte sie für 8000 Dollar, später wurden sie für 605 000 Dollar versteigert), sagte sie: „Mein Franz war ein Heiliger.“

Ein lesenswerter Beitrag für jene, die des Spanischen mächtig sind. Oder zumindest Fotos von Franz und Felice sehen möchten:
https://enlenguapropia.wordpress.com/2014/01/07/franz-kafka-y-felice-bauer-desdichas-de-un-amor-epistolar/

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Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald: Wir sind verdammt lausige Akrobaten

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Und, Ernest, ich kann das nicht mal als eine literarische Fingerübung akzeptieren. Es scheint mir, das alles müsste sorgfältig gekürzt werden, sogar neu geschrieben. Unsere arme alte Freundschaft wird das kaum überleben, aber was lässt sich tun? Besser ich sage Dir das als irgend so ein Niemand von der Literaturkritik, der sich weder um Dich noch um deine Zukunft sorgt.“

Die arme alte Freundschaft hat auch diesen Brief aus dem Jahre 1929 überlebt (der Brief bezieht sich übrigens auf den Roman „In einem anderen Land“). Was Wunder nimmt: Denn allgemein galt Ernest Hemingway als nachtragend und Kritik gegenüber als äußerst empfindlich. Nun, vielleicht hat er später Rache genommen – indem er diese von Beginn an wunderliche, wundersame Freundschaft zu dem anderen großen Literaten dieser Zeit, F. Scott Fitzgerald, in späteren Jahren relativierte, die Rollen neu schrieb.

Unter anderem in „Paris, ein Fest fürs Leben“. Hier bin ich erstmals auf diese Verbindung zwischen zwei Literaten, wie sie vom Typ, vom Habitus unterschiedlicher nicht sein könnten, gestoßen. Die von Hemingway geschilderte Anekdote spricht Bände über seine spätere Inszenierung dieser Freundschaft:

„Schließlich, als wir die Kirschtorte aßen und eine letzte Karaffe Wein dazu tranken, sagte er (F. Scott Fitzgerald):
„Du weißt, dass ich mit niemand außer mit Zelda geschlafen habe.“
„Nein. Das wusste ich nicht“.
„Ich dachte, ich hätte es dir erzählt.“
„Nein. Du hast mir `ne Menge Sachen erzählt, aber das nicht.“
„Das ist es, worüber ich dich etwas fragen muss.“
„Schön, weiter.“
„Zelda hat gesagt, dass ich, so wie ich gewachsen bin, nie eine Frau glücklich machen könne, und das war`s, was sie zuerst aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Sie sagte, es sei eine Frage der Maße. Seit sie das gesagt hat, bin ich nie wieder der alte gewesen, und ich muss es wahrheitsgemäß wissen.“
„Komm raus, ins Büro“, sagte ich.
„Wo ist das Büro?“
„Das WC.“

Hola, die Waldfee! Erzählt man dieses über tote Kumpels? Macht man die so posthum zur Minna? Oder ist es eben das typische Konkurrenzgehabe kleiner Jungs? Denn selbstverständlich hat Hemingway den Überblick. Nicht nur an dieser Stelle zeigt er sich F. Scott Fitzgerald leicht gönnerhaft-überlegen, der Freund und Konkurrent wird als hypochondrisches Weichei charakterisiert.

Einige Briefe erstmals in deutscher Übersetzung

Dieses Ungleichgewicht wird nun etwas aufgewogen durch den Briefwechsel der Beiden, der sich immerhin 15 Jahre hinzog. Erschienen bei Hoffmann und Campe unter dem Titel „Wir sind verdammt lausige Akrobaten“, herausgegeben von Benjamin Lebert („Crazy“), der einige der Briefe Fitzgeralds erstmals ins Deutsche übersetzt hat. Umfangreich ist das Buch nicht – etliche der Briefe blieben wohl nicht erhalten -, die editorische Leistung ist eher mäßig: Das Vorwort ist mehr von persönlicher Begeisterung als von Fachinformation geprägt, die Ergänzungen zu Werk und Leben sowie erwähnten Personen könnten ausführlicher sein.

Aber die Briefe an sich sind es, die dieses Zirkusstückchen ausmachen: Zwei Wortakrobaten, die sich gegenseitig in schwindelnde Höhen hochschaukeln, Witz-Kapriolen schlagen, den traurigen Clown mimen. Der „Schriftverkehr“ wirft ein neues, ungeahntes Licht auf diese Kumpanei zwischen dem eleganten Lebemann und dem trinkfesten Macho.

Kennengelernt haben sie sich 1925 in Paris – F. Scott Fitzgerald bereits berühmt durch „Der große Gatsby“ und durch seinen Lebensstil – er und seine Frau Zelda verkörperten die Roaring Twenties, das Jazz Age. Hemingway noch ein no name, der als Korrespondent die Nähe der von ihm bewunderten Literaten in der französischen Metropole sucht: Gertrude Stein (die ihn in der „Autobiographie von Alice B. Toklas“ recht giftig als willigen Schüler darstellt), James Joyce, Sherwood Anderson, und anderen.

Stark in der Kunst, schwach im Leben?

Die Freundschaft zu Fitzgerald hält am längsten – in der Nachbetrachtung, da man ihrer beider Schicksale kennt, verwundert dies nicht: Zwei hochtalentierte Menschen, die stark in der Kunst, aber schwach im Leben waren.

Sie tauschen sich aus über ihren Alltag, Geldsorgen, Probleme mit Frau (Fitzgerald), Frauen (Hemingway), die Liebe zu den Kindern, über Freunde, Trinkgelage, Reisen, aber vor allem über eines: Das Schreiben. Und dabei geben sie sich, trotz allem literarischen Wettbewerbs, gegenseitig Unterstützung und Hilfe.

Fitzgerald 1928 an Hemingway:

„Nichts ist annähernd so gut. Wann wirst Du mich davon erlösen, Deine Sachen auswendig zu lernen, weil ich sie zu oft gelesen habe, und endlich etwas Neues fertig schreiben? Denk dran, Proust ist tot.“

In großem Futterneid von Kumpan und Klatschtante Scott

Hemingway 1934 an Fitzgerald:

„Vergiss Deine persönliche Tragödie. Wir sind alle von Anfang an verflucht, und besonders Du musst erst furchtbar verletzt werden, bevor Du ernsthaft schreiben kannst. Aber wenn Du diesen verdammten Schmerz fühlst, nutze ihn, und betrüge nicht damit. Sei damit so gewissenhaft wie ein Wissenschaftler – aber bilde Dir nicht ein, irgendetwas sei nur deshalb von Bedeutung, weil es Dir zustößt oder jemandem, der zu Dir gehört.“

Vor allem Fitzgerald geht in seiner literarischen Kritik fast gnadenlos mit dem Freund um:

„Nun ja, jedenfalls finde ich einige Teile von Fiesta nachlässig erzählt, Du erzielst keine Wirkung…Dein erstes Kapitel enthält ungefähr zehn Stellen dieser Art, und es übermittelt sich mir beim Lesen das Gefühl einer herablassenden Gleichgültigkeit…Wie ich Dich kenne, würdest Du dergleichen bei anderen als halb Stil, halb Pferdescheiße bezeichnen.“

Diese Ehrlichkeit tut der Freundschaft in den ersten Jahren jedoch keinen Abbruch – vielmehr versichern sich die Beiden immer wieder, in beinahe schon zärtlicher Manier, ihrer gegenseitigen Zuneigung.

Ernest an Scott:

„Gott, ich wünschte, ich könnte Dich sehen. Du bist der einzige Kerl in und außerhalb Europas von dem (oder gegen den) ich das sagen kann, aber ich würde Dich wahrhaftig gern sehen.“

Scott an Ernest:

„Ich kann Dir gar nicht sagen, wie viel mir Deine Freundschaft die letzten anderthalb Jahre über bedeutet hat. Von ihr ist für mich auf unserer Europareise das meiste Licht ausgegangen.“

Mit der Zeit werden die Kontakte zwischen dem „lieben Papa, Stierkämpfer, Gourmand“ und dem „Mr. Fizzgeral“ (eine Anspielung auf die Rechtschreibschwächen des großen Gatsby-Autors) weniger, die Anzahl der Briefe geringer. Aus dem Jahre 1940 ist nur ein Schreiben Scotts an Ernest erhalten – kurz vor seinem Tod im Dezember verfasst. „Ich bin nie dazu gekommen, Dir zu sagen, dass mir Haben und Nichthaben ebenso gut gefallen hat…“. Dann verstummt der große amerikanische Autor.

Nachgestellt ist diesem ein Brief von Hemingway 1954 an Harvey Breit, in dem er sich von dieser Freundschaft, die vielleicht nur in Briefen wirklich lebte, distanziert:

„Manchmal war es lustig. Aber in Ordnung war es nie.“

Was diese Freundschaft also vor allem Hemingway bedeutete – man wird es niemals wissen können, die Spuren seiner Zuneigung zum Akrobatenfreund hat er später gut verwischt. Doch was bleibt, sind die Briefe – und in dem Moment, als er Sätze schrieb wie diesen, waren diese wohl auch wahr:

„Doch wenn Du nichts dagegen hast, Du bist mein allerbester Freund.“

„Wir sind verdammt lausige Akrobaten“, Hoffmann und Campe, 2013

Eine weitere Besprechung gibt es bei Notizhefte: http://notizhefte.wordpress.com/2013/10/06/briefwechsel-hemingway-fitzgerald/

LESEZEICHEN von: Rainer Maria Rilke

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Aus meinem Tag soll ich Dir noch erzählen: er ist arm, denn Du bist fern; er ist reich, denn Deine Güte liegt leuchtend über seinen Dingen. Ich spreche viel zu Dir und mit allem von Dir. Lebe leider mitten unter Menschen die mit ihrem Lautsein meine Träume stören, natürlich kenne ich keinen. Es sind Menschen, die von Ausflügen, Regentagen und Kindererziehung sprechen, sich tiefe Verbeugungen machen, wobei sie grinsen und sich die Hände reiben, und sich täglich zehnmal übermäßig laut „Guten Morgen“ sagen. (…) Es ist nicht allein wertvoll, daß zwei Menschen einander erkennen, es ist von großer Wichtigkeit, daß sie einander zu rechten Zeit finden und mit einander tiefe und stille Feste feiern in denen sie zusammenwachsen in ihren Wünschen, um gegen Stürme geeint zu sein. Wieviele Menschen mögen schon an einander vorübergegangen sein, weil sie nicht Zeit fanden sich an einander zu gewöhnen; ehe zwei Menschen gemeinsam unglücklich sein dürfen, müssen sie zusammen selig gewesen sein und eine gemeinsame heilige Erinnerung haben, die verwandtes Lächeln auf ihre Lippen und verwandte Sehnsucht in ihren Seelen bewahrt. (…) Solche Menschen gehen durch alle Stürme gemeinsam.

Ich fühls!
Rainer.

Rainer Marie Rilke an Lou Andreas-Salomé, 5.9.1897

 

 

 

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Rainer Maria Rilke: Briefe an einen jungen Dichter

Geduld

Und ich möchte dich,
so gut ich kann bitten,
Geduld zu haben gegen alles Ungelöste
in deinem Herzen,
und zu verstehen.
Die Fragen selbst liebzuhaben
wie verschlossene Stuben
und wie Bücher, die in einer fremden Sprache
geschrieben sind.
Forsche jetzt nicht nach Antworten,
die dir nicht gegeben werden können,
weil du sie nicht leben könntest.
Und es handelt sich darum,
alles zu leben.
Vielleicht lebst du dann
allmählich – ohne es zu merken –
eines fernen Tages in die Antwort hinein.

Rainer Maria Rilke war ein Viel-Brief-Schreiber. Rund 7000 Briefe sind erhalten – und beinahe jeder Brief auch ein Gedicht. Sie gelten als Teil seines literarischen Werks, legen Zeugnis ab vom sprachlichen Stilvermögen, aber auch vom menschlichen Einfühlungsvermögen dieses Dichters. Man möchte selbst Empfänger dieser tiefen Lebensweisheiten gewesen sein.

Reich davon sind die zehn „Briefe an einen jungen Dichter“: Franz Xaver Kappus stand an einem Scheideweg zwischen Offiziers- oder Schriftstellerlaufbahn, als er sich hilfesuchend an den acht Jahre älteren Rilke wandte. Der war zu dieser Zeit bereits unter anderem mit dem „Buch der Bilder“ hervorgetreten und steckte während des Briefwechsels mitten im „Malte Laurids Brigge“. In ihrem Austausch tat Rilke jedoch viel mehr, als dem Jüngeren literarische Ratschläge zu geben – vielmehr reflektierte er über:

Das Leben – „Warum eines Kindes weises Nicht-Verstehen vertauschen wollen gegen Abwehr und Verachtung, da doch Nicht-Verstehen Alleinsein ist, Abwehr und Verachtung aber Teilnahme an dem, wovon man sich mit diesen Mitteln scheiden will.
Denken Sie, lieber Herr, an die Welt, die Sie in sich tragen, und nennen Sie dieses Denken, wie Sie wollen; mag es Erinnerung an die eigene Kindheit sein oder Sehnsucht zur eigenen Zukunft hin, – nur seien Sie aufmerksam gegen das, was in Ihnen aufsteht, und stellen Sie es über alles, was Sie um sich bemerken.“

Die Kunst – „Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand. In dieser Art seines Ursprungs liegt sein Urteil: es gibt kein anderes. Darum, sehr geehrter Herr, wußte ich Ihnen keinen Rat als diesen: in sich zu gehen und die Tiefen zu prüfen, in denen Ihr Leben entspringt; an seiner Quelle werden Sie die Antwort auf die Frage finden, ob Sie schaffen müssen.“

Die Liebe – „Auch zu lieben ist gut: denn Liebe ist schwer. Liebhaben von Mensch zu Mensch: das ist vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äußerste, die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist.“

Die Einsamkeit – „Aber vielleicht sind das gerade die Stunden, wo die Einsamkeit wächst; denn ihr Wachsen ist schmerzhaft wie das Wachsen der Knaben und traurig wie der Anfang der Frühlinge. Aber das darf Sie nicht irre machen. Was not tut, ist doch nur dieses: Einsamkeit, große innere Einsamkeit. Insich-Gehen und stundenlang niemandem begegnen, – das muß man erreichen können. Einsam sein, wie man als Kind einsam war, als die Erwachsenen umhergingen, mit Dingen verflochten, die wichtig und groß schienen, weil die Großen so geschäftigt aussahen und weil man von ihrem Tun nichts begriff.“

Das Suchen und Finden – „Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“

Suchen und Finden muss man für sich selbst. Aber Rilke und seine Briefe können dabei ein wunderbarer Wegbegleiter, Lotse und Krücke zugleich sein.

Zwischen 1903 und 1908 schrieb Rilke an Kappus insgesamt zehn Briefe. Sie sind bei Wikipedia abrufbar:
http://de.wikipedia.org/wiki/Briefe_an_einen_jungen_Dichter.

Wer das gedruckte Wort vorzieht, für den gibt es die Rilke-Briefe mit einem Vorwort von Kappus bei der Insel-Bücherei:
http://www.suhrkamp.de/buecher/briefe_an_einen_jungen_dichter-rainer_maria_rilke_8406.html


Bild zum Download: Mauer


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