Anthony McCarten: Jack

sign-2380075_1920

Bild von nextvoyage auf Pixabay

„Ich finde, es könnte immer noch etwas daraus werden, wenn ich seine Geschichte schreibe. Das Thema: das Spiel der Identitäten, dessen Opfer und die gesellschaftlichen Folgen davon. Auch Staaten spielen solche Identitätsspiele. Nimm doch nur Amerika, schizoid, wie es ist – der puritanische Despot, der sexbesessene Priester, der freiheitsliebende Kriegsverbrecher, die beiden Gesichter der Nation. Entwürfe habe ich schon. Warum soll nicht ich das sein, die eine Geschichte über einen Mann schreibt, der auseinanderfällt in einer Gesellschaft, die auseinanderfällt, und warum soll ich nicht auch die Namen der Opfer solcher Spiele nennen?“

Anthony McCarten, „Jack“, Diogenes Verlag, 2018.

Im Grunde handelt ja jede Literatur von den großen Fragen des Seins: Geburt, Liebe, Einsamkeit, Tod, Schmerz und vom Sinn des Lebens. Und über alle dem schwebt die Frage: Was habe ich damit zu schaffen? Wer bin ich, warum und wie viele? Manche verlieren ihre Persönlichkeit in übergroßer Anpassung, andere jedoch brauchen die Abgrenzung, das Ausbrechen, das Anderssein, um sich zu finden. Oder auch nicht. Und verlieren sich am Ende auch.

Vor allem dies war ein Kennzeichen der „Beat Generation“: Das Leben, ein Rausch. Bedingungslose Freiheit, um sich selbst auszuloten und die Grenzen des Lebbaren. Die Suche nach dem Ich. Nur: Die meisten verloren sich dabei – die Beat Generation, auch eine Lost Generation. Insbesondere ihr „Star“ Jack Kerouac, der mit „On the road“ – ein in einem dreiwöchigen Schreibrausch in die Maschine gehämmerter Text – den Bestseller der Bewegung schrieb.

Kerouac, intelligent und gutaussehend, wurde nach Erscheinen seines Buches (1957) zum Popstar seiner Generation – von den Fans verehrt, von der Kritik und den Medien verachtet. Und er zahlte für sein exzessives Leben einen hohen Preis: Er starb, von Drogen gezeichnet, vom Alkohol aufgeschwemmt, viel zu früh, wurde nur 47 Jahre alt. Doch in dieser kurzen Zeitspanne führte er mehr Leben als die meisten anderen Menschen, spielte mehr Rollen, als jedes abendfüllendes Drama es zu bieten hat:

„Das perfekte Chamäleon. Die multiple Persönlichkeit. Der Verwandlungskünstler. Wenn ich doch bloß mein Tonbandgerät dabeigehabt hätte. Im Geiste machte ich rasch eine Liste mit nur einigen der widersprüchlichen Identitäten, die er im Laufe seines Lebens angenommen hatte: Weltenbummler / Einsiedler, psychisch Kranker / Stimme der Vernunft, Pin-up-Boy / verdreckter Landstreicher, Gefängnisinsasse / freier Vagabund, Macho-Footballstar / sensibler Künstler, Drogensüchtiger / Puritaner, revolutionärer Bohemien / Spießbürger, Frauenliebhaber / Frauenhasser, Schürzenjäger / Empfänger von homosexuellen Blowjobs, Katholike / Buddhist, erwachsener Mann / ewiges Muttersöhnchen, loyaler Freund / Judas. Die Liste war unvollständig. Sie konnte leicht dreimal so lang werden.“

Es sei gleich von vorherein gesagt: Auch wenn sich der neuseeländische Schriftsteller Anthony McCarten intensiv mit der Biographie von Jack Kerouac befasst hat, kann selbstverständlich dieses Buch die Frage „Wer war Jack Kerouac“ nicht beantworten – und will es auch gar nicht. Auch wird „Jack“ keineswegs literarisch so bahnbrechend werden wie „On the Road“: Es ist gut zu lesen, routiniert geschrieben, nicht ohne Anspruch, unterhaltsam und bewegend, aber eben alles andere als experimentell – ein Roman, der Leser vielleicht auf die Straße zu den Beatniks führen wird, aber an Tempo und Härte mit den echten Werken der Beat Generation nicht mithalten kann.

Dafür aber ist „Jack“, diese fiktive, spielerische Hommage McCartens an sein literarisches Vorbild, ein lustvolles Spiel mit Identitäten, mit Spannungsmomenten, mit viel Wärme und Humor, dem vor allem eines gelingt: Ein vielschichtiges Bild von Kerouac zu zeichnen, das auch dem gefallenen Helden der Beat Generation in all seinem elenden Niedergang seinen Respekt zollt, seine Würde lässt. Für McCarten war der Schriftsteller ein bahnbrechendes Idol:

„Von Kerouac lernte ich zu schreiben. Seine Engel und Dämonen waren meine eigenen. Er ist der Held meines Buches über die Frage, wer wir wirklich sind.“

Und dieser Frage geht McCarten mit großer Lust am Spiel nach – im Zentrum dabei steht jedoch weniger der mittlerweile abgewrackte alte Autor, der am Ende seiner Tage gemeinsam mit der dritten Ehefrau, die eigentlich seine Pflegerin ist sowie der alten, herrschsüchtigen Mutter in einem heruntergekommenen Haus in einem Kaff in Florida lebt. Sondern es ist eine junge Literaturstudentin die im Laufe des Buches mehrere Wandlungen ihrer Identität und Persönlichkeit erlebt – von der Biographin bis zur leiblichen Tochter des verehrten Schriftstellers und … nun, der Clou am Ende des Buchs soll hier nicht verraten werden.

Die beiden, Autor und Biographin, ringen in langen Interviews miteinander, nähern sich gegenseitig an, wollen der Frage nach dem eigentlichen Kern ihrer eigenen Wesen auf den Grund kommen: Ein Vorhaben, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Für den Leser ist diese Suche nach der „Wahrheit“ durchaus spannend zu lesen und wirft einen zudem selbst auf diese Fragen zurück – wo beginnt das „Ich“, wo spielt man Rollen? Wer bin ich?

„Jack“ ist ein klug komponiertes Verwirrspiel und zugleich eine Reflexion über das Dasein als Schriftsteller und die Verantwortung eines Autoren gegenüber seinen Figuren, insbesondere dann, wenn sie ein Vorbild in der Realität haben. Wer ein wenig vertraut ist mit der Biographie von Kerouac, der kennt auch den Namen Neal Cassady: Ein Freund des Schriftstellers, portraitiert in etlichen von dessen Büchern (unter anderem als Dean Moriarty in „On the Road“ und Cody in „Visions of Cody“). Ihm – dessen Sprechweise Kerouacs Schreibstil wesentlich prägte – brachte der literarische Ruhm der „Beat Generation“ ebenfalls wenig Glück, auch er starb früh, von Drogen und Alkohol gekennzeichnet.

In „Jack“ konfrontiert die Biographin Kerouac mit dessen Vergangenheit, gräbt in den Dokumenten, will den Ursachen nach zerbrochenen Freundschaften und gescheiterten Lieben auf den Grund kommen. Ja, eigentlich fragt sie den Schriftsteller, der nur noch Briefe schreibt, der keinen mehr an sich heranlässt, der mit dem Vorsatz lebt, sein „Ich“ umzubringen, sich dabei zu Tode säuft und Meister Eckhart zitiert, nach der Ursache seines  gescheiterten Lebens. Ob fiktiv oder real: Man weiß, wie schwer es ist, sich solchen Fragen zu stellen. Und aus der Spannung, ob darauf vielleicht doch noch eine Antwort kommt, lebt ein Stück weit auch dieser Roman.

Einige Vorkenntnisse über die „Beat Generation“ schaden bei der Lektüre nicht, zugleich kann das flüssig zu lesende Buch aber auch ein Einstieg sein, sich mit dieser literarischen Epoche und ihren Helden ein wenig mehr zu beschäftigen.

Verlagsinformationen zum Buch: Jack

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00