#BAYBUCH: Freundliche Schriftsteller in miserabler Lage und ein singulärer Ehrenpreis

„Die Stellung des Schriftstellers ist miserabel!“ Die Worte, die der Vorsitzende des Landesverbandes Bayern vom Börsenverein, Michael Then, gestern zum Auftakt für die Vergabe des Bayerischen Buchpreises 2017 gewählt hatte, hatten eine ungewollte Doppeldeutigkeit: Ich hätte an diesem Abend den Platz mit keinem der sechs anwesenden Autoren tauschen wollen.

Das Format des Bayerischen Buchpreises hat durchaus seinen Reiz, aber auch seine Tücken: Die Fachjury – die heuer erstmals aus Knut Cordsen, Kultur-Redakteur beim Bayerischen Rundfunk, Literaturkritikerin Thea Dorn und Deutschlandfunk-Redakteurin Svenja Flaßpöhler, bestand – diskutierte über die vorgeschlagenen Titel, drei Romane, drei Sachbücher, live und auf offener Bühne.

Man stelle sich vor: Man arbeitet oftmals jahrelang an einem Buch, investiert Lebenszeit, Herzblut und Hirnschmalz und sitzt dann im Publikum, während drei Leute öffentlich dein Werk analysieren, kritisieren, unter Umständen sogar auseinandernehmen. Man kann natürlich einwenden: Kritik gehört zum Geschäft, geht einer an die Öffentlichkeit, muss er damit leben. Allerdings schafft es doch eine gewisse Distanz, wird die Kritik über ein zwischengeschaltetes Medium vermittelt. Durch die Unmittelbarkeit – allerdings abgemildert durch den prächtigen Rahmen in der Münchner Allerheiligen-Kirche und ein gut gestimmtes Publikum – hatte das Ganze doch ein wenig auch den Charakter einer öffentlichen Verhandlung, thematisch passend zu Petra Morbachs Roman „Justizpalast“, der ebenfalls im Rennen war.

Franzobel, der schließlich mit seinem sagenhaft guten und vielschichtigen Roman „Das Floß der Medusa“ im Bereich Belletristik mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet wurde, gab in seiner launigen Ansprache einen Einblick in die Verfassung des Schriftstellers vor dem Elfmeter – seine Frau habe ihn am Morgen noch dafür bedauert, was Autoren so durchzustehen hätten.

Allerdings hat die Form auch ihren Reiz – vor allem für Leserinnen und Leser: Die offene, transparente Diskussion eröffnet einem nochmals neue Aspekte der Bücher, unter Umständen auch eine andere Herangehensweise. Zumal die drei Juroren überwiegend sachlich und freundlich argumentierende Richter waren, die sich sichtlich bemühten, nicht zu sehr die harte Kante anzulegen. Deutlich wurde dies am Beispiel von „Das Genie“, von Knut Cordsen ins Spiel gebracht, das weder uns Bayerische Buchpreisblogger noch die beiden Jurorinnen sprachlich restlos überzeugen konnte. Vor allem Thea Dorn hat mich – um ein Lieblingswort meines bayerischen Buchpreisbloggerkollegen Marius aufzugreifen – durch ihre konzise Art des Argumentierens im Bereich der Belletristik überzeugt: Beispielsweise eröffnete mir ihr Vergleich zwischen dem unfähigen, eitlen Kapitän der Medusa, dessen Schiff in die Katastrophe gesteuert wird und dem amtierenden US-Präsidenten nochmals ein neues, kleines Detail an diesem Roman.

Svenja Flaßpöhler hatte zunächst „Justizpalast“ favorisiert – ein Roman, der bei mir und Buchpreisbloggerin Katharina ebenfalls mit vorne lag, aus Gründen, die wir in unseren Besprechungen hoffentlich sichtbar machen konnten. Die Entscheidung der Jury ist jedoch nachvollziehbar und berechtigt:  „Das Floß der Medusa“ ist ein Roman, der die Jahre überdauern wird, da bin ich mir sicher. Mit Petra Morsbach kamen wir Buchpreisblogger beim anschließenden Empfang noch ins Gespräch – eine freundliche, souveräne Autorin, die uns euphorisierte Leserinnen sogar noch beruhigte: Es sei alles gut, sie sei auch ohne Bayerischen Buchpreis sehr zufrieden mit der positiven Resonanz auf „Justizpalast“.

So nah Fachjury und Bloggerprognose jedoch im Bereich Belletristik waren, so weit entfernt waren wir als Bayerische Buchpreisblogger in Sachen Sachbuch: Wir hatten alle drei „Blau“ von Jürgen Goldstein auf dem Zettel. Ich empfand die Diskussion der Jury zu den Sachbüchern gestern als schwieriger und qualitativ weniger überzeugend denn im Bereich Belletristik. Thea Dorn brachte eines meiner Argumente auf den Punkt: Die drei Bücher seien so schwer zu vergleichen wie Äpfel und Birnen. Und so hinterließ bei mir die Entscheidung den Eindruck, dass weniger nach sachlichen Kriterien, sondern mehr persönlichen Themenschwerpunkten folgend argumentiert wurde. Katharina hat dies heute bei 54books nochmals aufgegriffen, nachzulesen hier:
https://www.54books.de/baybuch2017-rueckblick-bloggerpreis/

Interessant war für mich später das Gespräch mit Jürgen Goldstein und seinem Lektor von Matthes & Seitz – tatsächlich ist eine Unterhaltung mit ihm so angenehm wie die Lektüre seines Buches: Klug, intelligent, ein offener Mensch, der auch neugierig auf die Meinung von uns Bloggern war. Für Petra Morsbach und Jürgen Goldstein haben wir uns als Buchpreisblogger noch etwas Eigenes ausgedacht – einen Preislöwen, zwar nicht aus Nymphenburger Porzellan, aber von Herzen kommend.

Neben der neuen Jury gab es heuer beim Bayerischen Buchpreis noch eine Premiere – wie bereits mehrfach erwähnt, waren Katharina Herrmann von 54books, Marius Müller von Buch-Haltung und ich als Bloggerteam dabei, erstmals begleiteten also „digitale Literaturnerds“ das Geschehen. Bernhard Blöchl, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, Romanautor und Blogger hat unsere Aktivitäten mit einem Artikel gewürdigt, über den wir uns sehr gefreut haben. Der aber auch eine Frage aufwirft, die mich immer wieder bewegt – welche Rolle spielen wir Blogger bei solchen Aktivitäten, wo ist unser Platz? Sind wir Marketinginstrumente, Digital-Influencer, Hobby-Kritiker?

http://www.sueddeutsche.de/kultur/literaturpreis-offline-lesen-online-schreiben-1.3737256

Klar ist: Mit unseren Besprechungen zu den sechs Büchern und unseren Aktivitäten rund um den Buchpreis haben wir zusätzliche Aufmerksamkeit sowohl auf die Titel als auch auf die Veranstaltung an sich gelenkt. Im Netz wurde eifrig mitdiskutiert und der Hashtag #baybuch ging zwischenzeitlich durch die Decke. Vielleicht auch fürs Publikum bereichernd war das Zitieren einzelner Tweets durch die Moderation während der Veranstaltung gestern, die nochmals eine andere Sichtweise auf die besprochenen Bücher wiedergaben. Vor allem aber hat es uns als Trio unheimlichen Spaß gemacht – hinter den Kulissen über die Bücher zu diskutieren, unsere Argumente mit denen der Jury zu vergleichen, auch Gegenpositionen einzunehmen. Insofern: Mission Bavaria erfüllt.

Der erste Versuch, auch das Netz und vor allem unsere Blogabonnementen für den Bayerischen Buchpreis zu interessieren, war eine gelungene Sache. Woran man allerdings noch feilen könnte, wäre an der crossmedialen „Vernetzung“ über das Netz hinaus: Twitter und Facebook sind zwar flüchtig, aber unsere Blogbesprechungen zu #baybuch bleiben bestehen und abrufbar. So wäre ein Hinweis in der Nachberichterstattung auch auf die Bloggermeinungen für uns eine schöne Sache, vor allem aber für die Leserinnen und Leser der Hinweis auf eine weitere Informationsquelle zu den Büchern gewesen:
https://www.boersenblatt.net/artikel-bayerischer_buchpreis_2017__das_war_die_preisverleihung.1398493.html

Denn – ich zitiere nochmals Michael Then: „Für Bücher muss heute einiges getan werden, um sie gesellschaftlich ins Licht zu rücken.“


Bild zum Download: Bayerischer Löwe am Münchner Odeonsplatz


Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Carpe that fucking Dingeldangeldongdong

P1060488

Bild: (c) Michael Flötotto

Gut zu unterhalten ist keine leichte Kunst – das zeigt sich spätestens dann, wenn sich nach dem Studieren der Vorschauen die Spreu vom Weizen trennt. Schmökerstoff wird zwar zur Genüge geboten, vieles jedoch trieft schon beim ersten Aufblättern vor Seichtigkeit oder vor Blut, je nach Genre.

Dabei gibt es genügend Bedarf (und das Recht) an guter Unterhaltungsliteratur – es kann ja nicht immer der Zauberberg oder Ulysses sein. „Denn nicht nur der Buchmarkt, auch die breite Leserschaft benötigt anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur – und das ist keineswegs ein Paradox“, schrieb Ursula März 2014 in der „Zeit“ in einem engagierten Plädoyer für Literatur, die vor allem eines darf und soll – gut unterhalten. Aber der Begriff der Unterhaltungsliteratur „besitzt im Deutschen einen Beigeschmack von Trivialität, von populistischem Qualitätsmangel, der sich schwer verleugnen lässt. Die kulturelle Hierarchie zwischen hoher und niederer, zwischen seriöser und eben nur unterhaltender Literatur ist hierzulande um einiges distinktiver und schärfer als im amerikanischen und generell im angelsächsischen Raum.“

Quelle: http://www.zeit.de/2014/24/belletristik-bestseller-deutschland-usa

Dabei gibt es sie, diese Perlen, die einem das Leseleben intelligent und unterhaltend versüßen, ohne dass man ein philosophisches Seminar über den Zeitbegriff bei Thomas Mann oder ein halbes Anglistikstudium besuchen muss. Drei Bücher dieser Art hatte ich in meinem Urlaubskoffer (um nochmals Ursula März zu zitieren) – und der ebenfalls mitgeführte „Zauberberg“ wurde nochmals hintangestellt, so gut fühlte ich mich unterhalten, war amüsiert, vor Spannung gepackt, musste laut lachen, leise schmunzeln und habe mich sogar in einen der „Helden“ ein kleines Stück verguckt.


Nämlich in Knoppke:

„Dann geschah etwas, das Knoppke selbst nicht erklären konnte, er machte etwas zum ersten Mal. Der Mann mit dem kaputten Knie und dem kaputten Leben legte sich mit dem Rücken auf die Reste der Markierung im Mittelkreis, das hätten die Götter des Surrealen nicht besser inszenieren können. Arme und Beine streckte er von sich, als wollte er Leonardo da Vincis Zeichnung vom vitruvianischen Menschen nachstellen oder einfach nur einen Hampelmann geben. Eine spannende Frage war das ja schon: Entsprach Knoppke dem idealen Menschen, oder war er nur ein Hampelmann?“

Auch in seinem zweiten Roman stellt Bernhard Blöchl einen Mann in einer Lebenskrise in den Mittelpunkt. Wollte sich Juli in „Für immer Juli“ (2013, Maro Verlag) aus Trennungstrotz noch zu einem ausgewachsenen Macho entwickeln, so hat der über 40jährige Knoppke solcherlei Ambitionen schon lange hinter sich gelassen. Der Mann mit einer gescheiterten Fußballerkarriere und dem gebrochenen Herzen will eigentlich nur noch eines: Seine Ruhe. Und die sucht er, nachdem er München fluchtartig hinter sich gelassen hat, in den schottischen Highlands – dort, wo das Wetter garantiert nicht zur guten Laune zwingt, wo keiner von einem erwartet, dass die Sonne auch noch aus dem Hintern scheint …

Allerdings durchkreuzt eine quirlige 21jährige mit Dreadlocks die Pläne des wortkargen Muffels in der Midlife-Crisis. Sam hat sich in den Ford Transit Knoppkes geschmuggelt. Aus der (nur scheinbaren) Zufallsbekanntschaft wird während der ereignisreichen Reise ein eingeschworenes Team: Sam, die den wortkargen Muffel mit ihren Fragen nervt und herausfordert, gelingt es, die Nuss namens Knoppke zu knacken. Und am Ende scheint nicht nur die Sonne, sondern wartet auch eine Überraschung in (ausgerechnet!) WUPPERTAL.

Ein höchst unterhaltsames Road Movie mit einem knorrigen Helden, den man mit seinem Bierbauch und seiner Tapsigkeit einfach mögen muss. Blöchl schreibt mit viel Wortwitz, ohne platt zu sein, und zeichnet seine Charaktere mit Wärme & Humor. Zudem wirft das Buch mit leichter Hand die großen Fragen auf: Was heißt Lebensmut? Gibt es immer nur das Glück der anderen? Und: Gibt es zweite Chancen? Aber ja!

„Knoppke wollte wieder was. Er wollte Dinge tun, die ihm Freude bereiteten. Sich wieder einlassen, auf das, was ihm das Leben vor den Latz knallte respektive was er sich selbst vor den Latz knallte. „Carpe that fucking Dingeldangeldongdong“, wie er sagte, als sie in einer Herde Highland-Cows feststeckten.“

Bernhard Blöchl, „Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint“, 2017, Piper Verlag.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.piper.de/buecher/im-regen-erwartet-niemand-dass-dir-die-sonne-aus-dem-hintern-scheint-isbn-978-3-492-06075-2

Blog von Bernhard Blöchl:
https://bernhardbloechl.wordpress.com/


So eine zweite Chance hat Carolin Höller nicht. Die Managerin eines Online-Unternehmens, das kurz vor dem Börsengang steht, liegt just nach der Party zur Neueröffnung der Münchner Filiale zerschmettert in deren Innenhof. Der Fenstersturz ein Selbstmord? Unwahrscheinlich. Obwohl selbst von privaten Angelegenheiten niedergeschlagen, beißt sich die bayerisch-irische Ermittlerin Patsy Logan in dem Fall fest, auch gegen politische und interne Widerstände.

„Die Preisfrage ist, ob jemand ernsthaft einen Selbstmord über zwei Stockwerke plant. Sechs Meter können zwar reichen, aber nicht mit Sicherheit. Wenn Carolin Höller sich wirklich das Leben nehmen wollte, stellt sich die Frage, warum sie so ein Risiko überhaupt eingeht.“

„Vielleicht wollte sie sich gar nicht umbringen und nur eine Botschaft an die Geschäftsleitung schicken?“, versuchte es Kris.

„Weil es zu wenig frische Brotsorten fürs Frühstück gab?“

Sowohl die makellose Fassade des innovativen Online-Unternehmens „Skiller“, das sich im Bereich der Sharing-Economy bewegt, als auch die scheinbar heile Familienwelt der Höllers zeigt schnell erste Risse. So entfaltet sich das ganze Drama an Leistungsdruck und Dauerstress, unter dem die scheinbar so hippen „Skillers“ leiden. Und während in der schicken Kantine Edel-Mineralwasser und Energieriegel angeboten werden, ziehen sich die Mitarbeiter hinter den Kulissen lustig Lines zur Leistungssteigerung in die Nase oder steigen vom Burn-out geschädigt aus dem Geschäft aus.

Nicht nur die authentischen Schilderungen aus der schönen, neuen Online-Geschäftswelt machen diesen Krimi zu einem intelligenten Vergnügen. Es ist vor allem auch die differenzierte Zeichnung der Figuren mit all ihren Stärken und ihren Schattenseiten, die zur Spannung  beiträgt – in der ganzen Gemengelage hat jeder der „Skillers“ seinen moralischen Knacks, könnte jeder eine „Mordswut“, eine Mordslust auf die Managerin haben…

Zudem bringt Ellen Dunne, die selbst inzwischen in Irland lebt, nicht nur entsprechendes Lokalkolorit ein – die Ermittlungen führen auch nach Dublin und dessen „Silicon Docks“ – sondern sie hat mit Patsy Logan eine Kommissarin geschaffen, die insbesondere bei den weiblichen Leserinnen viele Sympathiepunkte sammeln wird: Schlagfertig und direkt und sich zudem mit all den Themen herumschlagend, die Frauen aus der Berufswelt kennen.

„Und jetzt wollen Sie was von mir wissen, Frau Logan?“
„Wie viel von dem, was ich Ihnen gerade erzählt habe, haben Sie gestern schon gewusst?“
In seinen Augen Enttäuschung, Vorwürfe. Ich kannte das. Professionelles Verhalten nahmen Trauernde oft persönlich. Erst recht, wenn man lange Haare und Brüste hat.

Ein interessantes Setting, spannende Wendungen und der trockene Humor, der sich immer wieder Bahn bricht – „Harte Landung“ war für mich ein echter Pageturner. Vom Verlag ist er als Auftakt für eine neue Krimireihe angekündigt. Gut zu wissen, denn trotz des geklärten Mordfalls- zumindest zum turbulenten Privatleben von Patsy Logan bleiben noch viele Fragen offen…

Ellen Dunne, „Harte Landung“, 2017, Insel Verlag.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.suhrkamp.de/buecher/harte_landung-ellen_dunne_36288.html

Homepage der Autorin:
http://www.ellen-dunne.com/


Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr – insbesondere wohl, wenn man wie Anselm Maria Sellen geballter Weiblichkeit entgegensteht. Der vierfache Familienvater – darunter drei Töchter – erzählt mit viel schwarzem Humor in seinem ersten Buch von den Freuden und Fallen familiären Zusammenlebens. Seine kurzen Texte: Schwarzhumorig, brüllend komisch und doch eigentlich „nur“ den ganz normalen Wahnsinn abbildend, den Eltern täglich erleben: Mädchengeburtstage in rosa und pink, Elternabende mit überengagierten Müttern, Sprechstunden mit sprachapathischen Deutschlehrerinnen und ähnlich Absurdes aus dem Alltag mehr.

Mehr als einmal musste ich bei „Vater!“ schallend und schadenfroh (ich bin siebenfache Tante!) lachen. Kam mir doch vieles so wohl bekannt vor. Beispielsweise „Kindermusikantenstadl“:

„Unsere Kinder spielen Instrumente. Nein. Unsere Kinder lernen Instrumente. Der Unterschied ist weder klein noch fein. Unsere Kinder lernen Instrumente, weil wir es nie konnten. Dieser urelterliche Ehrgeiz, der dazu führt, dass unsere Kinder für unsere Versäumnisse büßen müssen.“

Es kommt, wie es kommen muss:

„Mittlerweile bezahlen wir unsere elterlichen Kulturphantasien mit dem Verlust von Wohnqualität. Unser Lebensraum wird von unhandlichen Instrumenten annektiert. Ein Akkordeon, ein Klavier, zwei Gitarren und diverse Objekte, die ich als „Müll“ klassifizieren würde, die aber von meinen Kindern als „Instrumente“ deklariert wurden, um ihren Erhalt zu sichern. Wir sammeln gemeinsam Kulturkapital, um die finale elterliche Selbstverwirklichung finanzieren zu können.“

Man fühlt sich an die Kolumnen von Axel Hacke erinnert – nur eine Spur bissiger, flapsiger, moderner. Ein Lesevergnügen und das nicht nur für Eltern, weil „Vater!“ durchaus auch auf allgemeingültig Abwegiges unserer Lebensführung hinweist.

Anselm Maria Sellen, „Vater!“, 2017, edition dreiklein.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://dreiklein.de/portfolio-item/vater-von-anselm-maria-sellen/

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

#VerschämteLektüren (22): Bernhard Blöchl und „Die perfekte Masche“.

superhero-2503808_1920

Bild von Elias Sch. auf Pixabay

Als Bernhard Blöchl (unter anderem der Mann hinter www.lieblingssaetze.de) mir einen Beitrag für die Verschämten Lektüren ankündigte, war ich schon sehr gespannt: Was kann da wohl noch kommen? Denn sein Julian Hartmann, auch genannt Juli, Held seines Debütromans, hat eigentlich schon so ziemlich alle Peinlichkeiten durchlebt…
Ein „Schelmenroman“ wurde „Für immer Juli“ genannt, und das ist er tatsächlich – und ein großes Lesevergnügen. Für den „sensiblen Gleichberechtigungsbefürworter“ Julian, der aus Liebeskummer zum Macho mutieren will, muss man einfach Sympathien hegen. Woher die Inspiration zum Buch kam, das verrät der Autor hier – ganz verschämt:

Als ich zuletzt ein Buch bis zur Unkenntlichkeit vollgekritzelt, Ecken geknickt und Zeilen farbig markiert hatte, war ich noch Student gewesen, und das Einzige, was ich damals aufgerissen hatte, waren die Fertigsuppen gegen den Instant-Hunger. Zehn Jahre später – ich war inzwischen Journalist und Autor, und sowohl die Sache mit der Ernährung, als auch die mit den Frauen hatte sich verbessert – malträtierte ich erneut ein Buch auf so respektlose Weise. Das silberne Taschenbuch hieß „Die perfekte Masche“ und im Untertitel: „Bekenntnisse eines Aufreissers“.

Für die herrlich rotwangige Blogreihe „Verschämte Lektüren“ habe ich das silberne Taschenbuch aus der zweiten Reihe des untersten, am meisten verstaubten Regals hervorgezogen – und staune gerade über die vielen Eselsohren und Markierungen (in rosa übrigens, blau war wohl gerade aus).

Damit Sie mir glauben, dass ich das Buch „vom Casanova der Gegenwart“, wie der Autor Neil Strauss mitunter genannt wird, nicht aus persönlicher Verzweiflung studiert habe, muss ich etwas weiter ausholen (ob Sie mir hinterher glauben werden, bleibt Ihnen überlassen).

Vor vier Jahren, zu einer Zeit, die so aufregend war wie jeden Abend Frühlingsflirts, arbeitete ich an meinem ersten Roman. „Für immer Juli“ (erschienen 2013 im MaroVerlag) sollte eine schelmische Komödie über die Identitätskrisen des modernen Mannes werden.

Ich erfand Julian Hartmann, genannt: Juli, den metrosexuellen Protagonisten der Geschichte, und überlegte mir allerlei Hürden und Konflikte, mit denen ich ihn bei seiner Suche nach der verlorenen Männlichkeit konfrontieren konnte. Wie man das halt so macht als Schriftsteller, der es seinen Figuren bei ihrer Wandlung nicht zu leicht machen will. Durch einen Artikel in der GQ wurde ich aufmerksam auf die Pickup-Szene, auf professionelle Aufreißer und auf Strauss’ Buch, das ursprünglich 2005 in New York als „The Game“ erschienen war. Da ich noch in keinem deutschen Roman von den schrägen, wilden, verrückten oder bescheuerten Erlebnissen in einem Aufreißer-Seminar gelesen hatte, spielte ich mit dem Gedanken, etwas Ähnliches in meiner Geschichte stattfinden zu lassen.

Also las ich das Buch. Ich lernte Begriffe wie EFL (ewig frustrierter Loser) und HB (Heißes Babe), erfuhr, was „Opener“, „Pfauentheorie“, „Drei-Sekunden-Regel“ und „beiläufige Herabsetzung“ zu bedeuten hatten und stieß auf Sätze wie diese: „Wer eine Frau erobern will, muss zuweilen das Risiko eingehen, sie gleich wieder zu verlieren“, oder: „Es ging um die Eleganz des Spiels, die Grazie des avancierten Flirts“, oder: „Ein echter Profi-Aufreißer gibt prinzipiell keine Drinks aus, solange er nicht mit dem betreffenden Mädchen geschlafen hat; Geschenke sind ebenfalls tabu.“ Solche Sachen.

Sprachlich eher so der Playboy-Style, literarisch belanglos, sind die Bekenntnisse ein wilder Ritt durch eine derbe und sexistische Parallelwelt. Rainer Brüderle ist ein Altherrenwitz dagegen, das können Sie mir ruhig glauben. Mich hat das Buch erschüttert, die Lehren sind gefühlskalt, frauenfeindlich und egoistisch – aber auch raffiniert, denn unterschätzen sollte man UMAT (ultramännlichen Alphatiere) keineswegs, trotz der affigen Abkürzungen. Der internationale Bestseller in Ich-Form basiert auf den persönlichen Erfahrungen des Journalisten Neil Strauss, die Szene und die Lehren sind keine Erfindung. Und auch wenn der Autor mit der Erkenntnis das Projekt beschließt, wahre Liebe brauche keine Tricks, so bleibt doch ein dystopisch anmutendes Nachgefühl. Bei mir zumindest.

Für meinen Roman war klar: Ja, ich wollte Juli mit dieser knallharten Männerwelt konfrontieren, schon weil er als sensibler Gleichberechtigungsbefürworter einen schreiberisch starken Kontrast dazu verkörpert. Allerdings wollte ich die deprimierende Emotionslosigkeit dieser Underground-Szene satirisch überhöhen, schon um im Genre der Komödie zu bleiben. Also trifft Juli in Wien, wo er ein derartiges Seminar besucht, unter anderem auf Frauen, die die immergleichen „Opener“ und Maschen im Fünf-Minuten-Takt hören und sich langweilen, punktet unfreiwillig bei einem homosexuellen Mann und landet mit einer Fremden im Stunden-Hotel, in dem er es aber keine Stunde aushält …

Was mir das verschämte Experiment gezeigt hat: Manchmal dienen unbequeme Bücher eben auch als Inspiration. Ein Autor, der sich nur in Kreisen bewegt, in denen er sich wohlfühlt, ist ein schlechter Autor – so viel Phantasie er auch immer haben mag.

Bernhard Blöchl, Jahrgang 1976, ist Autor und Kulturjournalist aus München, der hauptsächlich für die Süddeutsche Zeitung und SZ Extra über Film, Pop und Literatur schreibt. Unter http://www.lieblingssaetze.de hat er ein Museum der schönen Sätze eingerichtet, wo er Romananfänge und Songzeilen sammelt und kommentiert. Sein Debütroman „Für immer Juli“ ist 2013 im Maro-Verlag erschienen. Das begleitende Sachbuch, der satirische Ratgeber „Schluss mit luschig! Anleitung zum Mannsein“, kam beim Rowohlt Verlag im Juli 2014 heraus – unter dem Namen der Romanfigur Julian Hartmann. Es ist das Buch zum Blog zum Roman und damit der dritte Teil eines schelmischen Literaturexperiments. Derzeit schreibt Blöchl an seinem zweiten Roman. Die Pickup-Szene wird darin keine Rolle spielen.

Mehr Lesestoff von ihm gibt es unter:

www.bernhardbloechl.de

www.lieblingssaetze.de

www.schlussmitluschig.de