Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand

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Sternennacht über der Rhone, 1888. By Vincent van Gogh – Copied from an art book, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9478627

„Als ich eines Nachts keinen Schlaf finden konnte, öffnete ich das Fenster meines Zimmers, stützte die Ellbogen auf den Rahmen und betrachtete den Himmel über dem in Dunkelheit getauchten Garten. Der Himmel hatte die Farbe von Veilchen. Millionen von Sternen funkelten. Zum erstenmal wurde ich mir dieser gewaltigen Unendlichkeit bewußt, die ich mit den anrührenden Blicken eines Kindes zu ergründen suchte, und ich wurde davon förmlich erschlagen. »Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume machte mich schaudern«; mir graute vor diesen so stummen Sternen, deren bleiches Flackern vor dem schauderhaften Geheimnis der Unermeßlichkeit zurückweicht, ohne es jemals zu erhellen.“

Octave Mirbeau, „Diese verdammte Hand“, Weidle Verlag, 2017

Und immer wieder ist in diesem Roman vom Himmel die Rede. Eine Metapher für Unendlichkeit. Für Freiheit. Der Künstler als Himmelsstürmer. Der das Mysterium erfassen will und daran zerbricht. Himmelhochstrebend, zu Boden gedrückt. Der verblichene Ton eines blauen Kittels, ein „Fleckchen Aprilhimmel“, Gedanken, wie fliehende, rasende Bestien, chimärischen Vögeln am großen, unbeweglichen Himmel gleich, der Blick einer Stummen, „weit wie Himmel und tief wie ein Abgrund“.

Was man vielleicht aus eigener Erfahrung kennt – Sommernachmittage, an denen man stundenlang dem Zug der Wolken nachblickt und sich frei und luftig dabei fühlt, aber ebenso auch der bleigraue Winterhimmel, bedrückend schwer auf dem Gemüt lastend – dies alles empfinden die Protagonisten in Octave Mirbeaus (1848 bis 1917) Roman um ein Vielfaches potenziert. „Diese verdammte Hand“, sein vierter Roman, erschien in Fortsetzungen im „L`Écho de Paris“ vom September 1892 bis zum Mai 1893. Für die Leser dieser konservativen Tageszeitung sicher keine geringe Herausforderung, war doch Mirbeau mit dem Vorsatz angetreten, die Konventionen des Romans zu sprengen – ähnlich wie Lucien, die eigentliche Hauptfigur des Buches, in dem unschwer Vincent van Gogh zu erkennen ist, die Grenzen der Malerei sprengen wollte.

Der Aufbau des Buches erforderte – zumal es jener Tage „nur“ in Fortsetzungen zu lesen war – Konzentration, führt Mirbeau doch zwei Erzählebenen ein, hält den Leser lange im Ungewissen, welche der drei Figuren die zentrale Rolle spielt. Zunächst tritt ein namensloser, wenig sympathischer Erzähler auf. Er besucht nach 15 Jahren widerwillig seinen Freund Georges, einen gescheiterten Schriftsteller, an dessen Wohnort, einer Abtei auf einer Bergspitze, die eigenwillig mitten in der flachen französischen Provinz alles überragt. Er trifft Georges am Leben verzweifelt und halb wahnsinnig an. Um seinen Geisteszustand zu erklären, übergibt Georges ihm sein Tagebuch: Das Protokoll einer Kindheit und Jugend, in deren Verlauf der sensible, körperlich schwache Georges beinahe an der Enge und Beschränktheit des Elternhauses, an der Strenge der Lehrer und Erwachsenen und an den Anforderungen des Alltags zerbricht. Erst die Bekanntschaft mit Lucien, der ihn nach Paris mitnimmt, bringt Georges eine Art von Befreiung. An der Seite des Malers wächst das Selbstbewusstsein des schüchternen George, erfährt er eine erste Liebelei und die Intensität der Gefühle.

Die „Himmelfahrt“ der beiden birgt jedoch auch ihre Schattenseiten. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt ist vor allem der schwärmerische Lucien, der stets mit sich und den Grenzen der Kunst ringt:

„Aber präge dir ein, daß die Kunst nicht dem Zweck dient, einen mit der Nase auf etwas zu stoßen … Die Kunst dient nur dem Zweck, die unter den Dingen verborgene Schönheit zu suchen …“

Die Suche, an der Lucien letzten Endes zu scheitern glaubt, führt ihn, noch lange vor Georges, auf die einsame Bergspitze – hier, nah am Himmel, erhofft er, „die Wahrheit und Schönheit zu finden!“ Zu finden und in Bilder zu bannen – vielleicht ein vermessenes Anliegen?  Ein Ziel, an dem jeder Übersensible, der die Grenzen der Bodenhaftigkeit sprengen will, verzweifeln müsste? Lucien jedenfalls verfällt dem Wahnsinn: Sein größter Feind wird „diese verdammte Hand“, die seiner Auffassung nach nicht malen kann, was sein Auge sieht, sein Geist empfindet. Der Roman endet mit dem Tod Luciens, der beim Absägen der eigenen Hand verblutet.

Der Fortsetzungsroman erschien zwei Jahre nach dem Freitod van Goghs. Über die Art der psychischen Erkrankung dieses genialen Malers wird bis heute in der Fachwelt gestritten. Doch gleichwohl, wie man die Krankheit benennen mag: Mirbeaus Roman gibt als frühes literarisches Künstlerportrait eine Ahnung davon, welche furchtbaren inneren Erschütterungen van Gogh erlebt haben muss. Octave Mirbeau, wohl selbst ein faszinierender Mensch mit zahlreichen Facetten, kannte van Gogh, förderte ihn in seiner Funktion als Kunstkritiker und war einer der ersten Käufer seiner Bilder. Doch das Werk geht weit über ein Einzelportrait hinaus – es stellt die Frage, was Kunst vermag. Und damit stellt es im Grunde auch die universellen Fragen nach dem Wert der Schönheit und dem Sinn des Lebens.

Als der Schriftsteller „Diese verdammte Hand“ schrieb, befand er sich selbst, wie der Literaturwissenschaftler und Mirbeau-Experte Pierre Michel im Nachwort zu dieser Ausgabe schreibt, in einer existentiellen Krise, sah sich kreativ gescheitert und zur Unproduktivität verbannt. „Es ist kein Wunder, daß Diese verdammte Hand vom schwärzesten Pessimismus erfüllt ist.“ So ist Georges, der sensible Literat im Roman, wohl auch ein Selbstbildnis Mirbeaus. Und doch, so führt auch Pierre Michel an, gibt es trotz (oder gerade wegen?) der dem Buch innewohnenden Düsternis und Verzweiflung gute Gründe, es mit „Genuss“ zu lesen:

„Daß dieses Werk den Eindruck erweckt, nicht mehr »Kunst« zu sein, sondern »Leben«, wie Mirbeau über die Gemälde seines Freundes Claude Monet schreibt, ist darauf zurückzuführen, daß er es nicht überarbeitet, daß er es aus einem Guß geschrieben hat, ohne sich irgendeinem ästhetischen Maßstab zu unterwerfen. Nun, ist es nicht umso erstaunlicher, daß wir in dieser Geschichte, die von Verzweiflung gezeichnet ist, ein intensives Leben bewundern können, das »von Herrlichkeit erfüllt ist«?

In seiner Intensität lässt dieses kurze Buch keinen unberührt. Und vor allem eines ist gewiss: Man wird sowohl den Himmel über dem eigenen Lesehorizont als auch den Himmel in van Goghs Bildern danach nochmals mit anderen Augen betrachten.

Mirbeau selbst kämpfte sich aus seiner Existenzkrise heraus, findet Sinn im „vita activa“, im sozialen und politischen Engagement. Ein kurzes Portrait des Schriftstellers wurde anlässlich seines 100. Todestages im Februar 2017 beim SRF veröffentlicht:
https://www.srf.ch/kultur/literatur/beim-schreiben-und-duell-lehrte-er-seine-gegner-das-fuerchten

Eine der wenigen Erinnerungen im deutschsprachigen Feuilleton an einen Romancier, der von Leo Tolstoi bewundert und zu seiner Zeit in Deutschland viel gelesen wurde, dann aber lange vergessen wurde.

Wer des Französischen mächtig ist, findet umfassende Informationen auf dem Blog von Pierre Michel:
http://michelmirbeau.blogspot.de/

Und hierzulande macht sich der Weidle Verlag um die Erinnerung an Octave Mirbeau verdient.

2013 erschien dort der Reiseroman „628-E8”:
“Hier also das Tagebuch dieser Reise im Automobil durch einen Teil von Frankreich, Belgien, Holland und Deutschland und vor allem durch einen Teil von mir selbst. Ist das aber wirklich ein Tagebuch? Ist das überhaupt eine Reise? Sind dies nicht eher Träume, Träumereien, Erinnerungen, Impressionen, Erzählungen, die zumeist überhaupt keinen Bezug, keine sichtbare Verbindung zu den besuchten Ländern haben, sondern ganz einfach in mir eine Figur, der ich begegnet bin, erstehen oder wiedererstehen lassen, eine flüchtig gesehene Landschaft, eine Stimme, die ich meinte im Wind singen oder weinen zu hören?”

Und nun “Diese verdammte Hand” – mehr Informationen zum Buch hier:
http://www.weidleverlag.de/w/?page_id=188&bid=219

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John von Düffel: „Hotel Angst“ und „Wassererzählungen“

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Bild von AliceKeyStudio auf Pixabay

Ein Mann stirbt und mit ihm seine Träume. Ein Sohn begibt sich auf Spurensuche: Er reist an den Urlaubsort seiner Kindheit, nach Bordighera an der italienischen Riviera. Dort steht, mittlerweile eine verwunschene Ruine, das „Hotel Angst“, das legendäre Grand Hotel der Belle Époque. Ein Traumhotel im wahrsten Sinne – ein Lebenstraum des Vaters war es, dieses mondäne Haus mit neuem Glanz zu erfüllen. Wie zäh und nachhaltig der sonst so verschwiegene Mann diesem Traum nachhing, dies wird dem Sohn erst allmählich an der Riviera klar. Eine feingesponnene Novelle, deren melancholisch-leiser Grundton die passenden Bilder von einer untergegangenen Epoche, einer vergangenen Zeit evoziert.  

Doch was für diese Gesellschaft sprach, für all die gekrönten und ungekrönten Häupter Europas, die sich im Hotel Angst ein letztes Mal hochleben ließen, war ihre Vergänglichkeit. Sie feierten ihre Ballnächte und Diners am Abgrund der Zeit und schienen insgeheim darum zu wissen, so wie sie sich in Positur warfen vor dem Kameraauge der Ewigkeit. Sie wußten schon damals, daß sie eigentlich nicht mehr existierten, sondern so etwas waren wie Gespenster zu Lebzeiten, die sich noch einmal versammelt hatten für einen letzten körperlosen Tanz im Spiegel des Verschwindens. Das Hotel Angst war ihre Titanic, es war die Herrlichkeit und Weihe ihres Untergangs, es war das Wrack, mit dem sie langsam, aber unausweichlich in die Tiefe sanken, auf den Grund der Vergangenheit, von dem es heute noch aufragt bis in unsre Zeit, eine Titanic des Festlands, erhaben in ihrem Unheil, glamourös in ihrem Verfall. Und so steht das Hotel heute noch immer da, der untergegangene Traum einer Epoche, und macht dem Namen Angst heute vielleicht mehr Ehre denn je.“ 

Die der Geschichte innewohnende Traurigkeit – Trauer um Verluste, Verluste von Menschen, Verluste von Orten, Verluste von Träumen – kontrastiert mit der blendenden Sonne, dem Touristenrummel dieser Tage, den Anflügen von „dolce vita“, denen der Erzähler bei Speis und Trank nachgibt. Elegant verwebt John von Düffel mehrere Erzählstränge in seinem Stoff – er erzählt von jenen Männern, die die feine Welt nach Bordighera brachten, am Ende aber an ihren Träumen scheiterten. Er erzählt von einem italienischen Schriftsteller und Freiheitskämpfer, der im Exil im nebeligen England die italienische Luft und Sonne nicht vergessen kann. Und mit einem etwas kitschigen Roman seinem Heimweh Ausdruck verleiht – ein Roman, der bei anderen die Sehnsucht nach dieser Landschaft wachruft. Und John von Düffel erzählt von dem trockenen Statiker, der so nüchtern in seinen Handlungen wirkt und dabei insgeheim das Träumen nicht lassen kann: Als sich kein Weg findet, dem Hotel Angst wieder Leben einzuhauchen, macht sich der Mann selbst an ein Romanprojekt, in der Hoffnung, Geschichte ließe sich wiederholen.

Vor allem aber ist dies eine Erzählung vom langsamen Abschiednehmen und dem Näherkommen, das dabei dennoch ermöglicht wird: Je mehr der Sohn von den Träumen seines Vaters erfährt, desto mehr beginnt er ihn zu verstehen – und kann sich so dem Verstorbenen nochmals annähern. Wenn John von Düffel von Familien schreibt, von Vätern und Söhnen wie in „Houwelandt“ und „Vom Wasser“, dann ist er am stärksten – und so birgt auch diese schmale Erzählung wunderbare Sätze, gerade dann, wenn der Sohn den Aufenthalt seines Vaters in der „fünften Dimension“, dem Reich der reinen Möglichkeit, umreißt:

„Er war ein Träumer, aber kein Erfinder, seine Inspiration war die Vergangenheit und das Gefühl, ihr zugehörig zu sein – mehr als allem anderen auf der Welt. (…) Es ging ihm nicht um sich, um seine Phantasie, sondern um das Phantastische, das dem Vergangenen innewohnte, und seine größte Sehnsucht war, ein Teil davon zu sein.“ 

Ein schmales, nostalgisch anmutendes Stück Literatur – eines, das vermag, auch beim Lesen Sehnsüchte zu wecken: Und so ist das „Hotel Angst“ auch für mich zu einem Sehnsuchtsort geworden – einer, der wahrscheinlich nur in der Phantasie weiterbestehen wird. Denn wenn anscheinend auch das real existierende Hotel wiederbelebt werden soll (siehe den Artikel von 2015 hier) – die Wirklichkeit kann gegen manche Träume einfach nicht bestehen.

John von Düffel hat eine eigene Homepage: http://johnvondueffel.de/John/Start.html.
Weitere Informationen zum Buch samt Leseprobe:  https://www.dtv.de/buch/john-von-dueffel-hotel-angst-13571/


„Das Wasser an einem Wintertag. Der Himmel über der See ist hauchblau. Eine Bläue, die allen Dunst und Nebel, die Wolken und Schwaden in sich aufgesogen und verwandelt hat in einen Reifatem, der die Sonne blass macht, eine gefrorene Scheibe aus Licht.“

John von Düffel, „Wassererzählungen“, 2014

John von Düffel ist also nicht nur ein Langstreckenschwimmer. Seit „Vom Wasser“, sein erster Roman 1998 erschien, bin ich einer der vielen Fische, die ab und an in seinen Fan-Schwarm mit eintauchen. Kein gegenwärtiger deutscher Autor schreibt eben so schön, aber auch so viel über das Element Wasser und die Leidenschaft des Schwimmens wie er. In seine guten Romane kann man einsinken, abtauchen, für einige Stunden untergehen. Dazu zähle ich auch „Houwelandt“, diese Familiengeschichte, in der ebenfalls das Meer eigentlich die Hauptrolle spielt. Oder die Novelle „Hotel Angst“. Aber auf die Ebbe folgt auch die Flut beziehungsweise nach der Flut die Ebbe: „Ego“, die Geschichte eines fitnessbesessenen, karrieregetriebenen Egomanen – sie trieb mich als Leserin dann wieder eine Weile weg von der Düffel-Fangemeinde, ließ mich eher ratlos zurück.

Nun also die Kurzstrecke – Erzählungen. Natürlich drehen auch sie sich bei diesem Autoren, der schon einmal in der Presse auch als „amphibischer Schriftsteller“ bezeichnet wird, um das nasse Element. Und mir erging es beim Lesen der „Wassererzählungen“ ähnlich wie mit den oben genannten Langwerken – ein Auf und Ab, eine Wellenbewegung zwischen abtauchen, sinken lassen, mittreiben und dann wieder ein abebben der Begeisterung bis hin zum – naja, Untergang wäre übertrieben. Soll heißen: Die Mehrzahl der Erzählungen sind „von Düffels“, das heißt, schön zu lesen, dort wo eine leichte Melancholie mitschwingt, wo der Seegrund so tief ist wie die Trauer in manchen Herzen, wo das Meer so blau leuchtet wie die Hoffnung in einem Menschen. „Das Spiel ohne auf die Erde zu kommen“, „Der schwarze Pool“, „Ostsee“ – ein sprachlich eleganter Erzählfluss. Schöne Bilder:

„Als sie den schmalen, geschlängelten Weg hügelan fuhren, erhob sich der Wald vor ihnen wie eine Wand. Die Dämmerung stand zwischen den schwarzen Tannen, während der Himmel noch licht war, hell und stufenlos grau. Die ungemähte Wiese zum Wald hin sah aus, als hätte sich eine Herde von Nebeltieren darin gewälzt. Bleiches, verblühtes Gras lag nass und regenschwer in Wellen darnieder.“

Ab und an meint John von Düffel jedoch, er müsse in die Tiefen der Ironie eintauchen, der Satire oder Kritik am Zeitgeist, wo auch immer er da schriftstellerisch dahinschwimmt. „Die Vorschwimmerin“ und „Das permanente Wanken und Schwanken von eigentlich allem“ sind Beispiele dafür, Erzählungen als Monolog und Dialog verfasst. Hier kommt der Theatermann durch. Wo von Düffel jedoch mit spitzer Feder schreibt, kommt bei mir als Leserin eher Geplätscher an, seichte Wellenausläufer.

So lautet mein Fazit der „Wassererzählungen“: Flut und Ebbe.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.dumont-buchverlag.de/buch/von-dueffel-wassererzaehlungen-9783832197445/

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