Annelies Verbeke: Dreissig Tage

„Immer aufgekratzter wird er von den Hügeln, den Kurven. Der Hopfen ist geerntet. Dankbarkeit fühlt er, weil die weite Landschaft in den vergangenen Monaten nicht aufgehört hat, ihn zu umarmen.“

Annelies Verbeke, „Dreissig Tage“, Residenz Verlag.

Die Landschaft wird ihn umarmen, die Menschen jedoch nicht – so viel darf gesagt sein, zumal schon der Klappentext verrät, dass dieser Roman auf trauriges Ende zusteuert. Er, das ist Alphonse, ein 40-jähriger Musiker, der der Stadt den Rücken gekehrt hat. Mit seiner wesentlich jüngeren Partnerin Kat ist er von Brüssel aufs Dorf gezogen, will in der Ruhe der flämischen Landschaft selbst zur Ruhe kommen. Er verdingt sich als Handwerker, hilft, wo er kann, hört die Geschichten der Häuser, in die er für Reparaturarbeiten kommt und die ihrer Bewohner, leiht ihnen sein Ohr und seine Zeit, bleibt aber innerlich immer unabhängig.

Einer, der da sein kann und will für andere und doch für sich ist. Doch nicht diese Lebensart, diese innere Freiheit, die jene besonders stört, die nicht zu ihr fähig sind, wird ihm zum Verhängnis. Sondern schlicht und einfach seine Hautfarbe: Denn Alphonse ist gebürtiger Senegalese.

„Dreissig Tage“ reiht sich ein in eine Reihe von Romanen der jüngeren Zeit – erinnert sei nur an die Bücher von Dörte Hansen oder aber auch „Unterleuten“ von Juli Zeh – die das Land zur eigentlichen Hauptfigur machen. Bei der belgisch-flämischen Autorin Annelies Verbeke ist es das bereits von Jacques Brel so kongenial besungene Flandernland, „mijn vlakke land“, das hier den Rahmen gibt für eine Dorfgeschichte mit einem besonderen Aspekt: Heimatsuche trifft auf Herzensenge, Migration und Xenophobie stoßen aufeinander.

Zunächst erscheint aber alles heiter und fröhlich, es scheint gut zu laufen für den Handwerker Alphonse, den man beim Lesen mehr und mehr ins Herz schließt, auch weil man die Ecken und Kanten seines Charakters kennenlernt. Alphonse entwickelt sich fast zu einem Seelsorger: Er streicht die Wände, während die Bewohner um ihn herum streichen, sich mehr und mehr öffnen und schließlich ihre Geschichten auspacken. Dass die scheinbar heile Fassade des Dorfes gewaltige Risse hat, dass sich hier die Menschen genauso belügen und betrügen wie jener in der Stadt, das ist Alphonse durchaus bewusst – aber es ist eben das Land, das Leben hier, das seine Seele beruhigt, auch in Momenten innerhäuslicher Zwistigkeiten. Und vor allem liebt er die Menschen in ihren reparaturbedürftigen Häusern.

„Er mag alte Häuser, besonders diese kleinen, schon etwas aus der Form geratenen, mit ihren Handtuchgärten voller Kitsch und Naturpracht, jede Sonnenuhr so blank geputzt, jeder Kelch so liebevoll gehegt, dass selbst der zynischste Wächter des guten Geschmacks davon ergriffen sein muss. Die Pflege, die diese Frau ihrem Gärtchen angedeihen lässt, rührt Alphonse.“

Alphonse wird dem Leser zum Freund

Annelies Verbeke vermag es, einem Land und Leute näher zu bringen, vor allem aber den Charakter Alphonse mit so viel Leben zu erfüllen, dass man ihn gerne durch diese dreissig Tage seines Lebens begleitet – so wie man einem Freund lächelnd gerne beim Arbeiten, Schlafen, Essen, Tanzen und Musizieren zusieht. Sie erzählt in einer zurückhaltenden, ruhigen, poetisch-anschaulichen Sprache und vermag zugleich doch, eine gewisse Spannung aufzubauen, den Leser ahnen zu lassen, dass dies noch alles bitter enden wird.

„Wie kann es sein, dass er sich mit vierzig noch durch ein paar Monate Wohlbefinden und innerer Harmonie in die Irre führen lässt? Insgeheim hatte er angefangen, an eine autobiografische Erfolgsgeschichte zu glauben. Ein Licht, das in ihm leuchtete. Fundamentales Wohlbefinden. Würde er einem bestimmten Glauben anhängen, käme er zu der Überzeugung, er werde nunmehr gestraft für die Art und Weise, in der er in letzter Zeit sein persönliches Glück gehegt und gepflegt hat.“

Dennoch kommt dieses Ende beinahe abrupt, bricht mit unmittelbarer Grausamkeit in dieses Menschenleben ein – etwas, was irritierend wirken mag auf den ersten Blick, was aber, mit etwas Abstand zur Lektüre, umso logischer erscheint: Der Hass gegen andere, das ist oftmals ein Feuer, das lange vor sich herzüngelt und dann explosionsartig aufflammt.

„Dreissig Tage“ ist ein gut zu lesender Roman, der einen zudem auch über kürzer oder länger als 30 Tage nach Flandern entführt. Auch Constanze Matthes bei Zeichen & Zeiten hat dem Buch eine positive Besprechung gewidmet.

Mehr Information zum Buch:

Annelies Verbeke
Dreissig Tage
Residenz Verlag 2018
Übersetzt von Andreas Gressmann
Hardcover, 314 Seiten, 22,00 Euro
ISBN: 9783701716975


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Georges Simenon: Maigret in Arizona

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Bild von Egor Shitikov auf Pixabay

Was lief nicht rund in diesem Land, wo sie alles hatten?
Die Männer waren groß und stark, gesund, sauber und im Allgemeinen fröhlich. Die Frauen waren fast ausnahmslos hübsch. Die Kaufhäuser quollen vor Waren über und die Wohnungen waren die komfortabelsten der Welt, an jeder Straßenecke gab es ein Kino, man sah nie einen Bettler und das Elend schien hier unbekannt.
Der Einbalsamierer finanzierte ein Musikprogramm im Rundfunk, und die Friedhöfe waren herrliche Parkanlagen, bei denen man nicht das Bedürfnis hatte, sie mit Mauern und Gittern zu umgeben, als ob man sich vor seinen Toten fürchtete.
Auch die Wohnhäuser waren von Rasenflächen umgeben, und zu dieser Stunde sprengten die Männer in Hemdsärmeln oder mit nacktem Oberkörper das Gras und die Blumen. Es gab keine Bretterzäune und keine Hecken, um die Gärten voneinander abzutrennen.
Sie hatten verflixt noch einmal alles! Sie organisierten sich wissenschaftlich, um das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, und sobald der Wecker klingelte, wünschte einem der Rundfunk im Namen irgendeiner Porridge-Firma in herzlichem Ton einen fröhlichen Tag und gratulierte einem sogar zum Geburtstag, wenn es so weit war.
Warum also?”

Georges Simenon, “Maigret in Arizona”, 1949, Diogenes Verlag, 2008, in überarbeiteter Übersetzung.

Zu der Zeit, als Simenon “Maigret in Arizona” schreibt, lebt der Belgier selbst in den USA. Und anders als sein Kommissar kann er sich mit dem “american way of life” ganz gut anfreunden, erwägt sogar die endgültige Übersiedlung. Erst unter dem Eindruck der McCarthy-Hetze gegen Intellektuelle kühlt seine Begeisterung ab.
Dennoch ist die amerikanische Zeit eine der produktivsten des ohnehin schon produktiven Vielschreibers. Während der zehn amerikanischen Jahre von 1945 bis 1955 schreibt er 21 Romane und etliche Erzählungen – allerdings spielen nur zwei der Maigret-Bücher in den Vereinigten Staaten: “Maigret in New York” und “Maigret in Arizona”.

Insbesondere der Arizona-Trip des Kommissars fasziniert – da stoßen Welten aufeinander: Der Mann vom Kontinent, Pariser Leben gewöhnt, in der Provinz der „Neuen Welt“. Auf einer Studienreise durch die USA wird Maigret Zuhörer bei einer gerichtlichen Voruntersuchung: Nach einer durchzechten Nacht landen fünf junge Männer vor Gericht – die 17jährige, die bei ihnen war, wird zunächst mitten in der Wüste zurückgelassen und später auf den Bahngleisen von einer Lokomotive erfasst. Ungewiss ist, ob es sich um einen Unfall handelt oder um Mord. Maigret ist zur Untätigkeit verurteilt, zum Beobachten verdammt: Ein Zustand, der die Laune des ohnehin schon brummigen Bären nicht aufhellt.

Und so, angesichts der begrenzten Möglichkeiten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, hadert Maigret mit Gott und der Welt – vor allem also mit dem Lebensstil, den er beobachtet. In diesen Beobachtungen liegt die Stärke des Romans, der als der “antiamerikanischste Roman” Simenons bezeichnet wurde, gar als bittere Abrechnung mit dem Gastgeberland. Maigret schaut auf die saubere Fassade und erkennt die Doppelmoral: Prostitution ist offiziell verboten, über Geschlechtsverkehr oder gar die Möglichkeit einer Vergewaltigung wird vor Gericht nicht gesprochen. Ebenso ist alles auf Funktionalität und Wettbewerb ausgerichtet – doch die Leere des Lebens allabendlich in Kneipen oder Clubs ertränkt. Der massive Alkoholkonsum scheint das Einzige zu sein, was sowohl Verdächtige als auch Cops in der Wüste Arizonas über Wasser hält – er ist das Ventil in einer Welt, die zur Funktionalität verdammt ist.

In einer Schlüsselszene vertraut sich der FBI-Mann Cole, der Maigret begleitet, diesem an:

Sehen Sie, Julius, damit die Welt sich weiterdreht, ist es unerlässlich, dass die Leute auf eine bestimmte Weise leben. Man hat komfortable Wohnungen, elektrische Geräte, einen luxuriösen Wagen, eine gutgekleidete Frau, die einem schöne Kinder schenkt und sie sauber hält. Man ist Mitglied der Kirchengemeinde und eines Clubs. Man verdient Geld und arbeitet, um jedes Jahr mehr zu verdienen. Ist es nicht überall in der Welt so?”
“Vielleicht ist es bei Ihnen perfekter.”
“Weil wir reicher sind. Bei uns gibt es Arme, die ihr eigenes Auto haben. Die Neger, die die Baumwolle pflücken, besitzen fast alle einen alten Wagen. Wir haben den Ausschuss auf ein Minimum reduziert. Wir sind ein großes Volk, Julius.”
Und nicht nur aus Höflichkeit antwortete Maigret:
“Davon bin ich überzeugt.”
“Trotzdem gibt es Augenblicke, in denen die komfortable Wohnung, die lächelnde Frau, die sauber gewaschenen Kinder, das Auto, der Club, das Büro, das Bankkonto nicht genügen. Kommt das bei Ihnen auch vor?”
“Ich glaube, es geht allen Menschen so.”
“Dann, Julius, will ich Ihnen mein Rezept geben, das bei uns alle kennen und anwenden. Man betritt eine Bar wie diese hier, irgendeine, denn sie gleichen sich alle. Der Barkeeper redet Sie mit Ihrem Vornamen an, oder mit einem anderen Vornamen, wenn er Sie nicht kennt, darauf kommt es nicht an. Er schiebt Ihnen ein Glas hin und füllt es, sobald er sieht, dass es leer ist.”
(…)
Und am nächsten Morgen greifen Sie zu der kleinen blauen Flasche, die Sie bereits kennen. Es folgen ein paar herzhafte Rülpser, die nach Whisky riechen. Ein heißes Bad, anschließend eine eiskalte Dusche, und schon ist die Welt wieder sauber und neu, man ist froh, wieder in seinem sauberen Zuhause zu sein, in den sauberen Straßen, man freut sich über das lautlos dahinrollende Auto und das Büro mit Klimaanlage. Und das Leben ist schön, Julius.”
Maigret schaute hinüber in die Ecke neben dem Musikautomaten, wo die beiden Pärchen saßen und zu ihnen herübersahen.

Im Grunde war Bessy gestorben, damit das Leben schön war!

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Georges Simenon: Die Katze

Simenon

Bild: (c) Michael Flötotto

„Es gab nirgendwo mehr etwas zu erledigen. Man hatte ihn nicht verstanden, oder er hatte die andern nicht verstanden, und dieses Missverständnis würde nun wohl nie mehr geklärt werden. Einen Augenblick überkam ihn die Anwandlung, sich in einem Brief zu erklären; aber das war nur eine letzte Eitelkeit, deren er sich schämte und auf die er verzichtete.”

Georges Simenon, Der Buchhändler von Archangelsk, 1956.

Das Gute an einem Simenon-Roman ist: Wenn man mit einem zu Ende ist, dann kann man sich gleich auf den nächsten freuen – die gehen einem eigentlich nie aus.

Mit Georges Simenon ist es wie mit Rosenkohl: Entweder man liebt ihn oder lehnt ihn absolut ab. Die Crux des Belgiers in den Augen der Literaturkritik: Er schrieb eindeutig zu viel. Und er schrieb eingängig, flüssig, einen einfachen, fast spartanischen Stil. Und dann natürlich „nur“ Kriminalliteratur. Bis heute leider Grund genug für einige wenige Hohepriester der Literatur, Simenon als ernstzunehmenden Autoren nicht einmal wahrzunehmen.

Georges Joseph Christian Simenon, der ein langes, erfülltes Leben hatte (1903-1989), schrieb praktisch wöchentlich einen Roman: Insgesamt 75 über seinen sympathisch-muffeligen Kommissar Maigret, zudem 100 „Non-Maigrets“, sowie Erzählungen, Kurzgeschichten und unter verschiedenen Pseudonymen auch noch etliche Groschenromane.

Der schriftstellerische Durchbruch kam mit Maigret – ab den 1930er Jahren erschrieb sich Simenon so den Rang eines der meistgelesenen und kommerziell erfolgreichsten Schriftsteller unserer Tage. Und seither wird auch darüber gestritten – fast so, als handele es sich um Glaubensfragen – ob Simenon nun ein „ernstzunehmender“ Schriftsteller sei oder nicht. Er trug durch lakonische Bemerkungen selbst zu diesem „Image“ des literarischen Leichtgewichts bei – sein Spiel mit der Öffentlichkeit: „Alles, was man für einen Krimi braucht, ist ein guter Anfang und ein Telefonbuch, damit die Namen stimmen.“

Der Wortschatz zu gering, die Sätze zu kühl, der Stil zu einfach – was von Einigen bemängelt wird, scheint von einer Vielzahl von Lesern goutiert zu werden. Was die Kritik ihm versagte, gaben ihm die Leser – und auch von Kollegen erhielt er Anerkennung: „Georges Simenon ist der wichtigste Schriftsteller unseres Jahrhunderts”, sagte Gabriel García Márquez. André Gide äußerte sich ähnlich: „Georges Simenon ist heute unser größter Schriftsteller, und zu dieser Überzeugung werden außer mir auch schon noch andere kommen.”

Wer Simenon nicht kennt (gibt es solche?), sollte sich einfach einmal dieser Selbsterfahrung unterziehen. Einsteigern empfehle ich natürlich die Maigrets, aber auch den oben zitierten Buchhändler, die Phantome des Hutmachers, und, und, und…

Es ist eine klare Sprache, eine einfache Sprache, es geht um einfache Menschen, die durch simple Zufälle und an sich unbedeutende Handlungen in einen großes Unglück geraten. Und dann keinen einfachen Ausweg mehr finden. Oder wie Simenon selbst sagte: „Der Mensch ist derart schlecht für das Leben ausgerüstet, dass man fast einen Übermenschen aus ihm machen würde, wenn man in ihm einen Schuldigen – statt ein Opfer – sähe.“

Wie zwei sich schuldig machen, aber im Grunde selbst nur jeweils erbarmungswürdige Opfer ihrer eigenen Unzulänglichkeiten sind – das zeigte Simenon meisterhaft an einem Roman, der zu meinen Lieblingen innerhalb seines Werks zählt.

„Marguerite hatte ihren ärgsten Feind bereits beiseitegeschafft, die Katze, deren bloße Gegenwart eine Beleidigung für das Geschlecht der Doises und ihre Empfindsamkeit darstellte. Warum sollte sie nicht eines Tages auch ihren Mann beiseiteschaffen? Die meisten Giftmorde, das hatte er in der Zeitung gelesen, wurden von Frauen verübt.“

Georges Simenon, „Die Katze“, 1967

Welche rätselhaften Wege die menschliche Seele einschlägt, das zeigt sich meist daran, wenn zwei sich in absoluter Abneigung verbunden sind. Welche Finten und Finessen sich das menschliche Hirn einfallen lässt, um einen anderen Menschen zu verletzen, zu treffen, zu quälen. Und ich spreche (vielmehr schreibe) dabei nicht von den markerschütternden Bluttaten, sinnlosen Metzeleien, grausamen Morden aus den Schlagzeilen. Sondern von den ganz gewöhnlichen, alltäglichen Allerweltsgemeinheiten.
Einer, der diese Abgründe in der Psyche der sogenannten „Menschen wie Du und Ich“ festhalten, schriftstellerisch erforschen und auf Papier bannen konnte wie wenige sonst, war Georges Simenon. Es sind die „Non-Maigrets“, in denen er sich den Abgründen unserer Spezies widmet. Es sind ganz einfache, klar strukturierte Geschichten, so simpel und schlicht, und doch so (oder auch gerade deswegen) wirkungsvoll, weil man spürt: Der da, die da, das könnte auch ich sein.

„Die Katze“, das Psychogramm einer gescheiterten Ehe, ist für mich ein Meilenstein in Simenons Werk. Zwei, in Hassliebe verbunden, bis der Tod sie scheidet. Erzählt wird aus Perspektive des Mannes: Er, Émile, aus einfachen Verhältnissen stammend, als Bauvorarbeiter tätig gewesen, mit einem Hang zu leicht vulgären Frauen, trifft als Witwer Ende seiner 60iger-Jahre die nur wenig jüngere, ebenfalls verwitwete Marguerite. Zwei Einsame berühren sich für kurze Zeit – und doch gelingt es ihnen nicht, aus der Ein- auch eine Zweisamkeit zu machen. Die Ehe scheitert schon nach wenigen Monaten, zu unterschiedlich sind sie in Herkunft, ihren Haltungen, ihren Hoffnungen. Zu fragil die Basis des Zusammenkommens.

„Sie waren nur durch die Sackgasse voneinander getrennt gewesen. Weder sie noch er hatte längere Zeit alleine gelebt. Beide waren gewohnt, Teil eines Paares zu sein.
Er lebte allein in seinem Zimmer über dem jungen Ehepaar, das gerade ein Kind bekommen hatte. Und sie war nicht weniger allein in ihrem Haus, in dem sie sich ein bisschen verloren vorkam und manchmal Angst hatte.“

Als Émiles Katze (das einzige Lebewesen, mit dem er harmoniert) vergiftet wird, verdächtigt er seine Frau. Als Racheakt verliert deren Papagei zunächst Federn und dann das Leben. Dies sind die einzigen Mordtaten. Mehr braucht es nicht, um Unbehagen zu wecken.

Nach dem Tod der Tiere kommuniziert das Ehepaar nur noch über Zettel. Eine Zettelwirtschaft, bei der eine Annäherung nicht mehr möglich ist. Aus Missverständnissen wird Misstrauen, aus Misstrauen wird Hass. Ebenso wenig jedoch gelingt auch eine Trennung. Der klassische Fall von zweien, die nicht mehr miteinander, aber ebenso wenig auch ohne einander sein können. Die spärlichen Versuche, aufeinander zuzugehen oder auszubrechen aus diesem Gefängnis mit zweien, die zugleich Wärter und Gefangene sind – sie wecken Mitleid, Traurigkeit, werfen Fragen auf. Warum so leben? Und, genau besehen: Warum leben viele so?

Simenon muss diese Fragen nicht explizit beantworten, er muss nicht analysieren, er muss nicht erklären – bei ihm genügt diese schlichte Beschreibung, das Fortschreiben einer Geschichte, um Begreifen auszulösen, aber auch, um Beklemmung zu wecken: Wie dünn der Firniss der Zivilisation doch ist. Wie schnell die lauernden Urinstinkte an die Oberfläche kommen. Wie wenig es braucht, um sich das Leben schwer, wenn nicht gar zur Hölle zu machen. Einige Spaziergänge mit Émile genügen, um in das Innere dieser Ehe und ihrer Protagonisten zu dringen.

„Im Laufe seines fünfzehnminütigen Spaziergangs war er an einem Krankenhaus, einem Gefängnis, einer psychiatrischen Anstalt, einer Schwesternschule, einer Kirche und einer Feuerwehrkaserne vorbeigekommen. War es nicht so etwas wie eine Zusammenfassung des menschlichen Lebens? Es fehlte nur noch der Friedhof, und der war auch nicht weit.“

So wie jedoch auch Émile nicht ohne Mitleid und Zärtlichkeit für „die Alte“ ist, so mitfühlend geht auch Simenon mit seinen Figuren um in ihrem ganzen Scheitern an der Welt. „Die Katze“ zeigt: Da sind zwei, die wollen anders, können aber nicht. Und weil man aus dem eigenen Erleben, der eigenen Erfahrung weiß, dass einem dies auch selbst widerfahren kann, fühlt man sich beim Lesen von Georges Simenon, dem Meister der Schlichtheit, ertappt – und verstanden.

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Jean-Philippe Toussaint: Fußball

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Jean-Philippe Toussaint ist ein Schriftsteller (und Regisseur), der viel über die elementaren Dinge des Lebens schreibt – und das meist sehr lesenswert: „Das Badezimmer“, „Sich lieben“, „Fernsehen“, so lauten die Titel einiger seiner Werke. Zuletzt, 2013, „Nackt“. Und nun, fast logisch, folgt „Fußball“. Na ja, die Einführung hier ist jetzt nicht ganz so ernst zu nehmen – das „lesenswert“ jedoch auf jeden Fall. Selbst ich habe, obwohl wenig fußballaffin, in der Buchhandlung einen Blick in diese Neuerscheinung geworfen – und mich prompt festgelesen. Toussaint schreibt klug und unterhaltsam, eine runde Sache – finden auch Oliver Fritsch in der „Zeit“ und Florian Pittroff bei Sätze&Schätze.

Jean-Philippe Toussaint, „Fußball“, Frankfurter Verlagsanstalt, 2016

„Dieses Buch wird niemandem gefallen, den Intellektuellen nicht, die sich für Fußball interessieren, den Fußballliebhabern nicht, die es zu intellektuell finden
werden.“
So schreibt Jean-Philippe Toussaint zu Beginn seines Buches „Fußball“. Ich würde es ganz anders sehen. Dazu aber später mehr!

„Fußball“ ist sehr unterhaltsam und in erster Linie eine ganz große Liebeserklärung an die schönste Nebensache der Welt. Es geht nämlich nicht nur um Tore, Meisterschaften und Spielzüge. Jean-Philippe Toussaint ist seit Kindesbeinen an vom runden Leder und der Jagd danach angetan. Er brüllt aber keine ein- oder zweideutigen Schlachtrufe aufs Feld, sondern er erinnert sich an seine Kindheit und reflektiert über den Zauber und die Einzigartigkeit des Spiels. So schreibt Toussaint zum Beispiel über den Zauber der Farben des Fußballs, das Grün des Rasens und die Trikots der Nationalmannschaften.

Er schreibt über das besondere Verhältnis der Zeit während eines Fußballspiels.
Wir sind über die Dauer des Spiels in einem Zeitkokon eingesponnen, geschützt vor den Verletzungen der Außenwelt (…) In dem klar umrissenen Moment, in dem wir ein Fußballspiel sehen, ist das Ergebnis unbekannt und der Verlauf ungewiss, es ist uns also nicht möglich, unsere Aufmerksamkeit auch nur für einen Moment fallen zu lassen und uns von unserem Platz zu entfernen (…) Aus diesem Grund verliert Fußball sofort all seinen Reiz, sobald das Resultat bekannt ist.“

Fußball ist also nur in Echtzeit genießbar. Man müsse ihn sofort verzehren, „wie Austern, Meeresschnecken, Langustinen oder Garnelen“. Der Leser erfährt keine bloßen Fußball(binsen)weisheiten, sondern besondere Dinge über das Gesamterlebnis Fußball – feinsinnig und leise erzählt. Manchmal fast lyrisch, aber immer spannend. Eine wunderbare Huldigung an den Fußball. Und da sind wir wieder am Anfang – das ist ein Buch sowohl für Fußballliebhaber also auch für Intellektuelle.

Letztlich kann man es nicht besser beschreiben als Jean Birnbaum von der Zeitung „Le Monde“: „In seiner unvergleichbaren Art, ebenso sensibel wie schelmisch, erschafft Jean-Philippe Toussaint Bilder vom Fußball, die von der Begeisterung der Kindheit, seiner Beschwörungsmacht und seiner fragilen Klarheit erzählen. Bilder, die Toussaint entstehen lässt, um der Literatur ein Fest zu bereiten.“

Florian Pittroff 

www.flo-job.de