Bücherhamstern (24): Das gelbe Tagwerk

Kristina Pöschl vom lichtung verlag stellt ein besonderes Buch vor: „Das gelbe Tagwerk“ ist ein Kompendium der Tagesgedanken eines außergewöhnlichen Schriftstellers.

Garten_gelbDas Buch:

Nicht immer schreibt ein Schriftsteller für den nächsten Roman, die nächste Erzählung, das nächste Theaterstück, die nächste Auftragsarbeit. Manchmal entstehen Texte ohne Zweck, einfach so – weil sie es wert sind, aufgeschrieben zu werden. Solche Notate sammelt der Autor Bernhard Setzwein in seinem „Gelben Tagwerk“, das im Frühjahr kurz nach dem Corona-Lockdown erschienen ist. Die vielen Lesungen zum Buch mussten leider ausfallen.

„Das gelbe Tagwerk“ erzählt von „Alltagsflusen und Sternenstaub“ aus den vergangenen zehn Jahren. Bernhard Setzwein beschreibt Begegnungen mit anderen Schriftstellern, skurrile Szenen aus dem Alltag, Wanderungen, Ausflüge ins Nachbarland Tschechien, er zitiert seine Lieblingsstellen in Büchern oder notiert Träume, Wortspiele und Geistesblitze. Warum das für den Leser interessant ist? Weil Bernhard Setzwein das alles mit einer großen Lust am Fabulieren niederschreibt. Seine Texthäppchen müssen nicht auf einmal hinuntergeschlungen, sondern können nach und nach genüsslich verspeist werden. Zum Beispiel hier: „Heute miaut die Katze wie eine verrostete Türangel. Schon das langsame, gähnende Maulaufreißen übersteigt ihre Kräfte. Damit ist eigentlich alles gesagt über diesen 12. März.“  

Der Verlag:

Der lichtung verlag hat seinen Sitz in Viechtach im Bayerischen Wald und behauptet sich als unabhängiger Kleinverlag seit über 30 Jahren im Literaturbetrieb. Er verlegt anspruchsvolle Literatur aus der Region Ostbayern, die auch über die Region hinausstrahlt. So sorgt der Verlag immer wieder mit seinen Romanen, Erzählungen, Gedichtbänden oder besonders gestalteten Lesebüchern für Aufmerksamkeit, zum Beispiel als Preisträger des Bayerischen Kleinverlagspreises oder auf der Hotlist.

Der Buchladen:

Leider sind sie in den vergangenen Jahren immer weniger geworden, die kleinen, unabhängigen Buchhandlungen. Doch es gibt noch einige dieser Streiter für die Literatur, und ich könnte gleich mehrere aus der Umgebung nennen. Die Inhaber kennen nicht nur die Bestseller, sondern auch die Autoren und Verlage in der Umgebung. Bei ihren Veranstaltungen setzen sie nicht nur auf die ganz großen Namen.

Solch eine Buchhandlung ist die Buchhandlung Kindsmüller in Ergoldsbach bei Landshut. Im vergangenen Jahr hat sich Ingrid Kindsmüller zum Welttag des Buches eine ganz besondere Veranstaltung ausgedacht: Zwischen den Bücherregalen und bei einem Glas Wein durfte ich dem Publikum vermitteln, wie ein Buch entsteht – vom Manuskriptangebot bis zum fertig gedruckten Buch.

Informationen zum Buch:

Bernhard Setzwein: Das gelbe Tagwerk. Alltagsflusen und Sternenstaub 2010-2019, Klappenbroschur, 304 Seiten, 21,90 Euro, ISBN 978-3-941306-97-4

www.lichtung-verlag.de


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Bücherhamstern (23): Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.

Heike Birke vom Verlag BALAENA stellt heute ein Buch ohne Titel vor – oder wie findet man den passenden Titel für ein Buch, das in keine Schublade passen will?

Dieter_Lohr_Buchblock_25.02.20.inddDas Buch:

Das Werk erzählt auf mehreren Ebenen das Leben des Künstlers und Schriftstellers Alfred Seidl, die Geschichte der Regensburger Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll und das immer lautere Blöken nach der Vernichtung „unwerten Lebens“ in den Zeiten der aufziehenden Nazi-Diktatur. Fast ein Menschenleben später geht es um einen skrupellosen Deal zwischen einer Kunstagentin und einem schwerreichen Investor, und nicht zuletzt geht es um einen Schriftsteller, der ein Buch darüber schreibt.

Der Roman besteht zum Teil aus Zitaten und Textpassagen von Künstlern, Ärzten, Theologen, Politikern und Schriftstellern, aus teils fiktiven, teils realen Briefen und Tagebucheinträgen. Auch Alfreds innere Stimme − „Vincent“ − lenkt das Geschehen. Richtig sicher kann man sich nie sein, was real, was erfunden ist. So, wie man auch bei einem Kunstwerk nur dann genau weiß, ob es echt ist oder nicht, wenn man es selbst geschaffen hat. Oder eigenhändig gefälscht.

Da die geplante Szenische Buchpräsentation am Originalschauplatz in Regensburg coronabedingt leider ausfallen musste, gibt es nun einen opulenten „Buchtrailer“ zum Ansehen:
https://www.youtube.com/watch?v=K5Poa2DEJMk

Der Verlag:

Der BALAENA Verlag ist ein kleiner unabhängiger Verlag mit Sitz in Landsberg am Lech. Alle Titel haben eines gemeinsam: Sie sind abseits des Gewohnten, durch die außergewöhnliche Form der Texte oder die besondere grafische Gestaltung. Der Schwerpunkt des Programms liegt auf Sprache, Geschichte und Kultur – und hier vor allem die deutsche und tschechische Gegenwartsliteratur. Pro Jahr erscheinen etwa 3 neue Titel.

Der Buchladen:

BALAENA empfiehlt natürlich den Landsberger Musentempel Discy MusikBuchHandlung https://discy.de/ im Herzen der Altstadt. Absolut systemrelevant für Hirn und Herz, dort findet sich alles, was Bücher- und Musikliebhaber*innen begehren, und was sich dort nicht findet, wird irgendwo auf der Welt besorgt! Und Veranstaltungen gibt es auch gelegentlich. Und eine Elektropost, die an sich schon Kultstatus genießt. Und… und… ach, und den Wein nicht zu vergessen…

Informationen zum Buch:

Dieter Lohr:
Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.
ISBN 978-3-9819984-2-9
Hardcover mit Fadenheftung, 372 Seiten incl. eines umfassenden Personenverzeichnisses
Titelbild von Alfred Seidl (um 1922)
BALAENA Verlag Landsberg am Lech 2020
https://balaena.de/


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LITERARISCHE ORTE: Katherine Mansfield in einer deutschen Pension

„Es war zehn Uhr vormittags, ein grauer Tag, der vom flüchtigen Aufflackern blassen Sonnenscheins seltsam aufgehellt wurde. Sooft die jähe Helligkeit in ihr Zimmer drang, sah es unaufgeräumt und verschmutzt aus. Sie zog die Markisen herunter – doch dadurch entstand eine anhaltende, weißliche Helle, die ebenso schlimm war. Das einzige, was in diesem Zimmer lebte, war ein Glas mit Hyazinthen, das ihr die Tochter der Vermieterin geschenkt hatte; es stand auf dem Tisch und verströmte aus plumpen Blütenkolben einen kränklichen Duft; sogar dicke Knospen entfalteten sich und die Blätter glänzten wie Öl.“

Katherine Mansfield, „Der Pendelschlag“ aus der Erzählsammlung „In einer deutschen Pension“.

9,80 Euro und eine Stunde Zugfahrt. Schon bin ich von Augsburg in Bad Wörishofen. Oft zieht es mich jedoch nicht dahin, aus eigenem Antrieb niemals. Zu eng gepresst, zu inhomogen erscheint mir der Ort mit seinem auf wenigen Quadratmetern zusammengebauten Hotels, Pensionen, Gästehäusern. Dazwischen, in moderner Glasoptik, ein Unterwäsche-Outlet, Spielhallen, Sportstätten. Die Therme, ein riesiges Ding, auf der grünen Wiese, auf der anderen Seite die Autobahnausfahrt mit Erlebnispark und Fast Food-Restaurants. Der Kurgast will unterhalten werden.

Die Fußgängerzone, in fünf Minuten durchlaufen, katapultiert einen zwischen „Schuh-Boutique“ und „Blusen-Paradies“ in die 1970er-Jahre. Die Auslagen der Geschäfte sind auf den Geschmack der Kurgäste ausgerichtet. Die Pudeldichte ist hier außerordentlich hoch. Bei meiner Spurensuche meine ich sogar der lebensklugen und dem Likör zugeneigten Tante aus der „Zürcher Verlobung“ (die Lilo Pulver damals riet, nur nicht den stocksteifen Paul Hubschmied zu ehelichen) zu begegnen, lila Haare, lila Königspudel. Gott, jetzt bin ich gedanklich schon in den 1950er-Jahren gelandet …

Wie aus der Zeit gefallen

Ich fühle mich wie aus der Zeit geworfen. Und stelle mir vor, wie es der erst 20-jährigen Katherine Mansfield ergangen sein muss, als ihre Mutter sie in den Kneippkurort verfrachtete. 1909 war das: Ein Jahr zuvor war Katherine dem strengen Regiment der Mutter nach Europa entkommen. Im fünften Monat schwanger, eine Kürzest-Ehe hinter sich – sie hatte ihren Gesangslehrer, der nicht Vater ihres Kindes war, geheiratet und noch in der Hochzeitsnacht verlassen – und mit einer Frau zusammenlebend: Binnen Monaten war sie zum dunkelschwarzen Schaf der Familie geworden.

In Bad Wörishofen, das durch den Pfarrer und Naturheilkundler Sebastian Kneipp populär geworden war, soll die junge Frau sich weniger dem Wassertreten widmen, sondern dort möglichst unauffällig entbinden und das Kind dann zur Adoption freigeben.

„Annie Beauchamp begleitete ihre Tochter im Mai 1909 ins bayerische Wörishofen und überlässt sie dort ihrem Schicksal. Die Familie überweist ihr zwei Pfund pro Monat, was angesichts der finanziellen Verhältnisse der Beauchamps einer Enterbung gleichkommt“, schreibt Verena Auffermann in ihrem Portrait der Schriftstellerin in dem Sammelband „Leidenschaften – 99 Autorinnen der Weltliteratur“.

Allein in der bayerischen Provinz

Katherine – die sich beim Eintrag in das Gästebuch des Hotels, in dem sie zuerst untergebracht wird – als Schriftstellerin verewigt, soll ihre Mutter nie wieder sehen. Und das Kind wird nie das Licht der Welt erblicken: Die Fama geht, sie habe in der Pension Müller, in der sie untergebracht war, beim Heben ihres Koffers eine Fehlgeburt erlitten.

„Ob die Geschichte mit dem Koffer stimmt oder ob diese Fehlgeburt in Wahrheit nicht ein Abbruch war, weiß niemand“, so Dörte Hansen in ihrem Nachwort zu „Fliegen, Tanzen, Wirbeln, Beben“. „Alles, was sie zwischen ihrer Rückkehr nach London 1909 und dem Jahr 1914 erlebt, bleibt obskur, weil Katherine Mansfield, die penible Redakteurin ihres Lebens, sämtliche Notizen aus dieser Zeit vernichtet.“

Es sind ihre „Jammertagebücher“: Und was sie insbesondere in jenem halben Jahr in der bayerischen Provinz zu jammern hatte, das erschließt sich heute allenfalls aus ihrem Werk. Möchte man eine Ahnung davon haben, wie es der jungen Frau in dieser fremden, engen Welt tatsächlich erging, muss man in ihren ersten veröffentlichten Erzählungen auf Spurensuche gehen. Verena Auffermann:

„Katherine Mansfield (…) sieht sich in der fremden Umgebung um und entdeckt eine verrückte, kränkelnde Gesellschaft, eitel, hochgestochen, wehleidig. Und sie erkennt, dass sich ihr eigener Schmerz und ihre Trauer um das ungeborene Kind am besten mit der Beobachtung anderer betäuben lassen. Sie schreibt auf, was ringsum an den Tischen, auf den Parkbänken und beim Luftbad auf fetten bayerischen Wiesen zu sehen und zu hören ist.“

In einer deutschen Pension

Ihre Beobachtungen aus der Bad Wörishofer Zeit münden in einen Band mit 13 Erzählungen. „In a german pension“ erscheint 1911 und begründet den literarischen Ruhm Manfields. Die Stories sind eine Mischung aus satirischen Bildern und Milieustudien. Die deutschen Kurgäste werden überwiegend als selbstzufriedene Patrioten mit seltsamen Manieren („Stimmt es“, fragte die Witwe und stocherte, während sie sprach, mit einer Haarnadel in den Zähnen, „daß Sie Vegetarierin sind?“) und einem Hang zu üppigen Fleischgerichten mit Sauerkraut überzeichnet. Das Bild vom polternden „Mahlzeit!“-Deutschen mag im England der Vorkriegszeit mit zum Erfolg des Buches beigetragen haben. Die Stärken von Katherine Mansfield liegen jedoch in den subtileren Beobachtungen.

„Die Geschichten sind düster und allzu satirisch, journalistisch unterkühlt – sie selbst empfand sie später als unreif – aber die Familienbeziehungen, die sie dort in all ihrer Verlogenheit bloßstellt, sind doch scharf beobachtet“, so schreibt es Anthony McCarten in seinem Vorwort zu einer 2012 erschienen Gesamtausgabe aller 74 Erzählungen von Katherine Mansfield.

Sie, die „Meisterin der Nebenbemerkung“, wie Verena Auffermann ihren Essay übertitelt, stellt in diesen frühen Geschichten vor allem Frauen und Mädchen in den Mittelpunkt. Mein Favorit in der deutschen Pension ist „Frau Brechenmacher nimmt an einer Hochzeit teil“. Schon wie die vielfache Mutter sich in der Enge der eigenen Behausung, umlagert und gestört von den Kindern, in ihr Festtagsgewand zwängt, wie der Mann, ein Postbote, den ganzen Raum und die Aufmerksamkeit für sich in Anspruch nimmt – Frau Brechenmacher muss sich im dunklen Flur anziehen -, wie bei der Hochzeit die anwesenden Frauen die Braut durchhecheln, wie Frau Brechenmacher mehr und mehr von der Vorfreude auf das Fest in ein resigniertes Erkennen ihres eigenen Lebens gleitet, aber vor allem wie sie dann im Ehebett auf den betrunkenen Gatten wartet, schicksalsergeben – das alles ist so ergreifend, so scheinbar ohne Anstrengung, so nüchtern erzählt, dass schon hier die große Autorin, zu der Katherine Mansfield in ihrer kurzen Lebensspanne wird, erkennbar ist.

„s` ist immer gleich“, sagte sie. „Überall in der weiten Welt ist`s gleich – du lieber Gott – wie blöd!“
Dann verblaßte auch die Erinnerung an die Hochzeit. Sie sank aufs Bett, und wie ein Kind, das darauf gefaßt ist, daß man ihm weh tut, legte sie den Arm übers Gesicht – und Herr Brechenmacher kam hereingetaumelt.“

Das Leben der Frauen

Wer in den Geschichten aus der deutschen Pension nur die satirische Aufarbeitung einiger Monate in der bayerischen Provinz oder der eigenen traumatischen Erfahrungen mit der Schwangerschaft – in etlichen der Erzählungen spielen Geburtsvorgänge eine Rolle – sieht, der greift jedoch zu kurz. Bereits in diesen Stories ist ein Lebensthema der Katherine Mansfield angelegt: Das Leben der Frauen in den Zwängen und Verpflichtungen, die Ehe, Familie und Umwelt ihnen auferlegen, die Suche der Frau nach neuen Rollenmodellen. Skizziert ist dies im vermutlich autobiografischsten Text des Erzählbandes, in „Der Pendelschlag“. Eine angehende Schriftstellerin, die sich kurz ausmalt, wie es wäre, die Mätresse eines wohlhabenden Mannes zu sein – anstelle an einem ebenso armen Schriftstellers zu hängen, verbunden durch die gemeinsame Krankheitserfahrung:

„Wäre sie glücklich gewesen, als sie ihm das erstemal begegnete, hätte sie ihn überhaupt nicht angeschaut – aber sie waren ja wie zwei Patienten im gleichen Krankenhaussaal gewesen – jeder hatte Trost in der Krankheit des andern gesucht – eine reizende Grundlage für ein Liebesverhältnis!“

Mit dem Casimir aus der Erzählung mag der polnische Schriftsteller Floryan Sobienowski gemeint gewesen sein: Durch ihn lernte sie das Werk Anton Tschechows kennen, das sie ihr Leben lang verehrte, aber er steckte sie auch mit Gonorrhoe an, eine Krankheit, die sie, zusätzlich zu der 1917 diagnostizierten Tuberkulose, ein Leben lang beutelte.

Ein einschneidendes Erlebnis

So wurde der Aufenthalt in Bad Wörishofen (das in den Erzählungen übrigens niemals namentlich genannt wird, allenfalls ist von einem fiktiven „Mindelbau“, wohl in Namensanlehnung an den Nebenfluss der Donau die Rede) trotz seiner Kürze zu einem einschneidenden Erlebnis für Katherine Mansfield. Mit dem Kurort ist die ganze Tragik ihres Lebens verbunden – „Verstoß“ und Enterbung durch die Familie, Verlust des ungeborenen Kindes, eine einschränkende und belastende Erkrankung.

Auch die Erfahrung der Armut und Entbehrung, des Lebens in schäbigen Pensionszimmern, die Unbehaustheit und die Verletzlichkeit, die mit dem Gefühl einhergeht, eine „Fremde“ zu sein, all das wird sie bis zu ihrem Tod begleiten.

Während die Wörishofener Zeit tiefe Spuren in Katherine Mansfield hinterließ, ist es andersherum nicht ganz so bestellt: Zwar begegnet man allen Ecken und Enden dem Konterfei von Sebastian Kneipp, doch der Aufenthalt der Schriftstellerin wurde ist weniger sichtbar. Die „Pension Müller“ musste irgendwann weichen, entstanden ist dort eine moderne Wohnanlage – der „Wohnpark Mansfield“. Und zum 130. Geburtstag der Schriftstellerin wurde im weitläufigen Kurpark eine Gedenkstatue enthüllt: Mitten im Grün eine lesende Katherine Mansfield, ganz „Die fortschrittliche Dame“ (eine weitere Erzählung aus der deutschen Pension):

Am Rand des Feldes erhob sich ein mächtiger Nadelwald – einladend und kühl sah er aus. Ein weiterer Wegweiser bat uns, den markierten Weg nach Schlingen zu nehmen und Papier und Obstschalen in den zu diesem Zweck an den Bänken befestigten Drahtbehältern zu deponieren. Wir setzten uns auf die erste Bank, und Karl durchwühlte mit großem Interesse den Drahtbehälter.

„Ich liebe Wälder“, sagte die fortschrittliche Dame und lächelte gequält in die Luft. „In einem Wald scheint sich mein Haar zu regen und sich gleichsam an seinen wilden Ursprung zu erinnern.“

PS: Noch ein Wort zur Ehrenrettung des Kurortes. Nur fünf Minuten Fußweg und man entkommt dem engbebauten Städtchen, am Kneipp-Brunnen vorbei und befindet sich mitten in dem über 160.000 Quadratmeter großen Kurpark. Einmal beschaulich in die Gradier-Anlage, unter großem Quietschen im eisigen Wasser kneippen und dann über Katzenköpfe hinweg auf den Barfußpfad – ich glaube, das hätte auch einer Katherine Mansfield, die immer auch etwas Verspieltes, Kindliches in sich hatte, Freude gemacht…


Weiterführende Informationen:

Katherine Mansfield, „Sämtliche Erzählungen“, herausgegeben und aus dem Englischen von Elisabeth Schnack, Diogenes Verlag

Ein Portrait der Schriftstellerin im Deutschlandfunk

Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März, Elke Schmitter: „Leidenschaften – 99 Autorinnen der Weltliteratur“, btb Taschenbuch

Hier geht es zum Kurpark Bad Wörishofen

Bild zum Download: Skulptur im Kurpark Bad Wörishofen


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LITERARISCHE ORTE: Hans Sachs und die Szenen einer Ehe

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Hans-Sachs-Denkmal in Nürnberg. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Reichtum ist da ein selt’ner Gast,
wo man täglich schlemmt und praßt,
denn bei dem Saufaus trifft man eben
ein wüst‘ und ungeregelt‘ Leben,
draus bitt’re Armut auferwachs‘ –
das sagt von Nürnberg euch Hans Sachs.

Verehrt, vergessen, vereinnahmt: So könnte man das Leben und die Nachwirkung des Mannes, dessen Namen mit Nürnberg so eng verbunden ist, zusammenfassen. Hans Sachs (1494 – 1576) zählte zu den bekanntesten Dichtern des 16. Jahrhunderts und ist neben Albrecht Dürer (1471 – 1528) einer der beiden berühmten Söhne, die damals in der freien Reichsstadt lebten und wirkten.

Für Bürgerstädte wie Nürnberg und Augsburg war dies ein goldenes Zeitalter, sie waren „global player“, Handels- und Handwerksmetropolen. Von neuem Selbstbewusstsein und zunehmenden Wohlstand in Teilen des „dritten Standes“ zeugte auch die Zuwendung der Bürger zu den schönen Künsten. Die Kunst wurde freier und frei zugänglicher. So begannen sich im 15. Jahrhundert erstmals bürgerliche Dichter und Sänger zunftartig zusammenzuschließen, der Begriff „Meistersinger“ war geboren.

Hans Sachs, selber Sohn eines Schneidermeisters und sein Leben lang in seinem Beruf als Schuhmacher tätig, wurde – auch befördert durch den aufkommenden Buchdruck –  der berühmteste seiner Gattung. Neben 4000 sogenannten Meistergesängen werden ihm noch über 2000 weitere Werke unterschiedlichster Art zugeschrieben: Unter anderem sechs Prosawerke, in denen er, ein überzeugter Anhänger der Reformation, sich mit dieser Bewegung auseinandersetze, aber auch zahlreiche sogenannte „Fastnachtsspiele“, die als Stilmittel am Anfang eines bürgerlichen, weltlichen Theaters standen.

Seine Themen waren vielseitig, mal ernst, mal heiter, mal derb, mal philosophisch und lebensweise, alltagspraktisch oder einfach auch auf den richtigen Benimm ausgerichtet:

Ist wo ein Gast so unverschämt,
Vor der Herrschaft und anderen Gästen,
Daß er bei Tisch greift nach dem Besten,
Und sich der Schleckerbißlein fleißt,
Und dafür lahme Zoten reißt,
Dem höret man wohl zu und lacht,
Doch wird von jedem still gedacht:
O pfui! du unverschämte Sau!
Auch denkt im Hause Herr und Frau:
Der ist mit Unflat arg besessen,
Kann nichts als Saufen, nichts als Fressen,
Als wollt‘ es ihm entwischen immer;
Und lädt die Sau fortan dann nimmer.
Der Gäst gibts viel jenseits des Bachs
Und diesseits auch, so spricht Hans Sachs.

Aufgrund seiner Produktivität und seines Bekanntheitsgrades schon zu Lebzeiten wird Sachs oftmals als der erste bürgerliche Dichter bezeichnet. Auch wenn solche Aussagen mit Vorsicht zu genießen sind – unbestritten ist, dass Kunst und Literatur durch Menschen wie Hans Sachs und die entsprechenden Verbreitungsmittel immer mehr auch zur „Volkssache“ wurden. Nach seinem Tod jedoch wurde der Meistersinger aus Nürnberg, der bis auf wenige Wanderjahre als Geselle sein Leben dort verbrachte, nach und nach vergessen. Die Wiederentdeckung durch Goethe, die Würdigung seiner Prosawerke durch Lessing, vor allem aber Richard Wagners Oper brachten den Nürnberger wieder ins Bewusstsein.

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Beim Neuen Museum Nürnberg erinnern Schriftzüge an Hans Sachs, Dürer, Hegel und andere, die Kunst und Geistesleben der Stadt prägten.

Doch die Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten blieb leider auch nicht aus. In Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ wird ein idealtypisches, germanisches Mittelalter gefeiert und Sachs als braver Handwerker und obrigkeitstreuer Bürger stilisiert- mit dieser Oper eröffnen die Nationalsozialisten während ihres Reichparteitages 1935 das umgestaltete Nürnberger Opernhaus. Das Bild vom braven, mutigen deutschem Mann ist jedoch ebenso einseitig wie die Überzeichnung des Dichters als radikaler und revolutionärer Autor, als spätmittelalterliches Vorbild für den Klassenkampf.

Wie Sachs diese Vereinnahmungen empfunden hätte? Schwer zu sagen. Seine Schriften stehen für ihn ein – sie zeigen, dass dahinter nicht nur ein einfacher Schuhmacher, sondern ein gebildeter Kopf und ein kluges Menschenherz steckten. So zieht er in „Summa all meiner gedicht vom 1514. jar an bis ins 1567. jar“ eine anrührende Lebensbilanz:

wie mir das auch nach meinem leben
mein gedicht werden zeugnus geben;
wan die ganz sum meiner gedicht
hab ich zu eim bschluß zugericht
in meinem alter, als ich war
gleich alt zwei und sibenzig jar,
zwei monat und etliche tag.
darbei man wol abnemen mag,
das der spruch von gedichten mein
gar wol mag mein valete sein,
weil mich das alter hart vexiert,
mich druckt, beschwert und carceriert,
das ich zu ru mich billich setz
und meine gedicht laß zuletz
dem gutherzign gemeinen mon,
mit gots hülf sich beßer darvon.

Vergessen ist sein Name heute zwar nicht mehr, aber gelesen wird er wohl nur von ganz wenigen: Dies liegt an einer Sprache und Dichtung, die durchaus etwas aus der Zeit gefallen ist. Die auch Mühe und Geduld erfordert – doch wer sich eine Zeit lang mit seinen Texten beschäftigt, wird mit weit mehr belohnt als nur sehr guten Kalendersprüchen.

Verliebt, verlobt, verheiratet: In seiner Heimatstadt Nürnberg findet man bei einem Bummel durch die Altstadt noch manchen Hinweis auf den Meistersinger. Nicht besonders attraktiv ist heutzutage der Hans-Sachs-Platz, in dessen Zentrum eine Statue von Johann Konrad Krausser seit 1874 an den Meistersinger erinnert. In unmittelbarer Nähe stand einst die Nürnberger Hauptsynagoge, die 1938 abgetragen wurde, weil sie laut Julius Streicher das „schöne deutsche Stadtbild erheblich störte.“  Dass die eigentlichen Störenfriede jedoch die Faschisten an der Macht und ihre Gefolgsleute waren, hatte insbesondere auch für Nürnberg bittere Folgen: Die „Stadt der Reichsparteitage“ und der Nürnberger Gesetze, sie wurde bei den Luftangriffen der Alliierten im Altstadtbereich fast vollständig zerstört, darunter auch das Wohnhaus des Dichters unweit des Platzes.

Heute ist ein weiterer Anlaufpunkt in Nürnberg nicht nur dem Dichter, sondern im Grunde auch seiner Ehefrau Kunigunde, mit der er 41 Jahre verheiratet gewesen war, gewidmet: Der 1984 aufgebaute Hans-Sachs-Brunnen, ein großer, ausladender Figurenbrunnen in der Nürnberger Fußgängerzone. Er zeigt die Szenen einer Ehe nach dem Gedicht „Das bittersüße eh’lich‘ Leben.“: Vom reinsten Glück der Verliebten zur handfesten Beziehungskrise bis hin zum Abschiednehmen im Alter. Übrigens: Obwohl er seiner Kunigunde, die ihm zudem sieben Kinder gebar (die Hans Sachs alle überlebte), treu verbunden war, heiratete er nun ein Jahr nach ihrem Tod ein zweites Mal. Das hatte – für damalige Zeiten nicht ungewöhnlich – vor allem praktische Gründe: Sachs, mit 67 Jahren verwitwet und alle Kinder überlebt, brauchte jemand, der ihn versorgte. Und seiner zweiten Frau, einer 27-jährigen Witwe mit sechs Kindern, ging es ebenso.

Der von Bildhauer Jürgen Weber gestaltete Brunnen war zunächst stark umstritten. Tatsächlich sind die Szenen deftig und drastisch ausgestaltet, zarte Gemüter können sich durchaus daran stören. Mich erinnern manche Details des Kunstwerks eher an barocke Stilmittel, die mit dem Dreißigjährigen Krieg und den Erschütterungen, die für die Menschen damit einhergingen, aufkamen. Barocke Vanitasmotive statt spätmittelalterlicher Zurückhaltung. Gleichwohl: Jedes Mal, wenn ich nach Nürnberg komme, gibt es am „Ehekarussell“ etwas Neues für mich zu entdecken. Und Touristen wie Einheimische lassen sich von Gevatter Tod und Bruder Dekadenz eh nicht schrecken – der Platz ist ein wuseliger, lebendiger Aufenthaltsort, über den Hans Sachs seine behütende Dichterhand hält.

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Auf einem Herz aus Stein findet sich das Ehegedicht in ganzer Länge. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Vor allem passt das Kunstwerk aber auch zu den ziemlich direkten Worten von Hans Sachs über seine Kunigunde:

Das bittersüße ehlich Leben

Gott sei gelobet und geehrt,
der mir ein frumb Weib hat beschert,
Mit der ich zwei und zwanzig Jahr
gehaust hab, Gott gab länger gar
Wiewohl sich in mein ehling Leben
Hat Süß und Saures oft begeben
Gar wohl gemischt von Freud und Leid,
Erst auf, dann ab, ohn Unterscheid.
Sie hat mir nit stets kochet Feigen,
will schwankweis Dir ein Teil anzeigen.

Sie ist ein Himmel meiner Seel,
Sie ist auch oft mein Pein und Hell,
Sie ist mein Engel auserkoren
Ist oft mein Fegeteufel woren.
Sie ist mein Wünschelrut und Segen,
Ist oft mein Schauer und Platzregen,
Sie ist mein Mai und Rosenhag,
Ist oft mein Blitz und Donnerschlag,

Mein Frau ist oft mein Schimpf und Scherz,
Ist oft mein Jammer, Angst und Schmerz,
Sie ist mein Wunn und Augenweid,
Ist oft mein Traurn und Herzeleid,
Sie ist mein Freiheit und mein Wahl,
Ist oft mein Gfängnis und Notstall,

Sie ist mein Hoffnung und mein Trost,
Ist oft mein Zweifel, Hitz und Frost,
Mein Frau ist meine Zier und Lust,
Ist oft mein Graun und Suppenwust,
Ist oft mein königlicher Sal,
Ist oft mein Krankheit und Spital,

Mein Frau, die hilft mir treulich nähren,
thut mir auch oft das Mein verzehren,
Mein Frau, die ist mein Schild und Schutz,
ist oft mein Frevel, Poch und Trutz.
Sie ist mein Fried und Einigkeit
Und oft mein täglich Hebensstreit,

Sie ist mein Fürsprech und Erlediger
Ist oft mein Ankläger und Prediger,
Mein Frau ist mein getreuer Freund,
Oft worden auch mein größter Feind,
Mein Frau oft mietsam ist und gütig,
Sie ist auch zornig oft und wütig,
Sie ist mein Tugend und mein Laster,
Sie ist mein Wund und auch mein Pflaster,
Sie ist meines Herzens Aufenthalt,
Und machet mich doch grau und alt.


Bilder zum Download:

Bild 1, Hans-Sachs-Denkmal in Nürnberg
Bild 2, Ehegedicht am Sachsbrunnen in Nürnberg


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LITERARISCHE ORTE: E.T.A. Hoffmann in Bamberg

„Meine Lehr- und Marterjahre sind nun in Bamberg abgebüßt, jetzt kommen die Wander- und Meisterjahre.“

Dies sagte E. T. A. Hoffmann über seine Zeit in Franken. Es waren tatsächlich von außen betrachtet katastrophale Jahre in einem viel zu kurzen, wilden, phantastischen Leben. Aber es waren auch die Jahre, in denen die Saat für ein literarisches Werk gelegt wurde, das bis heute fasziniert und andere Schriftsteller beinflusst.

1808 kommt der in Königsberg geborene Hoffmann nach Bamberg, nachdem der 32jährige nach dem Jurastudium in das von den Preußen besetzte Polen delegiert worden war. Die Juristerei war ein Beruf, der Musik galt seine Liebe: Nicht von ungefähr änderte Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann seinen dritten Vornamen in Amadeus ab. Die Flucht aus dem Brotberuf und dem polnischen Exil gelang ihm, unterbrochen von einer kurzen Zeit der Arbeitslosigkeit in Berlin, durch einen Ruf an das Bamberger Theater.

Das Bamberger Theater leistete sich als eine der ersten deutschen Bühnen ein festes Ensemble. Im Jahr, als Hoffmann nach Bamberg kam, war gerade ein neu gebautes Theatergebäude am Schillerplatz eröffnet worden.

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Skulptur in Bamberg: E.T.A. Hoffmann als Kreisler mit dem Kater Murr auf dem Rücken. Bild: Birgit Böllinger

Hoffmann kam ursprünglich als Musikdirektor in die oberfränkische Stadt. Doch wurde er bald Opfer von Intrigen und ins Abseits gestellt. Er durfte nur eine Oper dirigieren, wurde nach einem zwischenzeitlichen Bankrott des Theaters entlassen, 1810 aber wieder als „Mädchen für alles“ angestellt: So war er, im besseren Fall, ab und an als Dramaturg tätig, aber eben auch als Kartenabreißer und Kulissenmaler.

Um sich und seine Frau Marianne Thekla Michaelina Rorer (Mischa), die er in Posen kennengelernt hatte, über die Runden zu bringen, musste Hoffmann dazu verdienen: So als Kritiker für die „Allgemeine Musikalische Zeitung“ mit Sitz in Leipzig. Für diese Tätigkeit gab er sich ein Pseudonym und entwarf damit bereits sein literarisches Alter Ego, den Kapellmeister Johannes Kreisler.

Zudem verdingte Hoffmann sich als Musiklehrer für die höheren Töchter der Bamberger Gesellschaft. Und so ereilte ihn ein zweites Unglück, eine zweite Kalamität neben den beruflichen Querelen: Er verliebte sich heftig in seine, beim Kennenlernen erst 13-jährige Gesangsschülerin Julia Mark, so sehr und so offensichtlich, dass deren Mutter das Mädchen schleunigst unter die Haube brachte. Auf die Verheiratung reagierte Hoffmann mit einem Nervenzusammenbruch. Julia blieb ihm bis zu seinem Ende im Gedächtnis, sie war seine große Liebe, obwohl (oder vielleicht auch weil) diese Liebe nie ihren Ausdruck fand. Allenfalls in der Poesie: Er widmete ihr ein Sonnett, das schließlich in den Berganza Eintritt fand, sie ist zudem Vorbild vieler seiner Frauenfiguren, so die Cäcilia im Berganza, die Julia im Kater Murr, die Clara im Sandmann.

Am Theater kaltgestellt, die Liebe aussichtslos, die Ehe da schon zerrüttet – Hoffmann griff immer öfter zum vermeintlichen „Heilmittel“ Alkohol. Die bildhaften Hinweise dazu in seinem Tagebuch, das er nach Bamberg nicht mehr weiterführte, vermehrten sich. Als er Bamberg schließlich – beinahe bei Nacht und Nebel, am 21. April 1813, früh um sechs Uhr – verlässt, hofft er auf bessere Zeiten. Tatsächlich entwickelte sich im Anschluss an die Bamberger Zeit seine literarische Karriere beinahe kometenhaft. Doch bereits neun Jahre später stirbt Hoffmann in Berlin an einer Lähmungserkrankung, deren Ursachen unbekannt sind.

Nach Bamberg war er der Musik wegen gekommen und wandte sich aufgrund der Umstände in seinem „Poetenstübchen“ in dem schmalen Haus am heutigen Schillerplatz – übrigens in Blickweite zum Theater – immer mehr dem Schreiben zu. 1809 erschien die Erzählung „Ritter Gluck“, zum ersten Mal sah E.T.A. Hoffmann eines seiner Werke in Druckform. Doch erst in Berlin wird es richtig losgehen.

Rüdiger Safranski, der 1984 eine vielbeachtete Hoffmann-Biographie veröffentlicht hatte, schreibt in „Romantik – Eine deutsche Affäre“ (Carl Hanser Verlag, 2007):

„Er ist Mitte Dreißig, als die aufgestauten Massen musikalischer und literarischer Phantasien losbrechen. Jetzt gibt es kein Halten mehr. Es dauert nur wenige Wochen, dann redet das ganze literarische Deutschland von ihm. Bald nennt man ihn den `Gespenster-Hoffmann´. Er wird der Star der Frauentaschenbücher.“

Viele seiner Texte hatte er schon in Bamberg in Grundzügen im Kopf und entworfen. Und so meint man auch, wenn der Kater Murr durch die Straßen und über die Dächer seines Städtchens streift, die Bamberger Altstadt wiederzuerkennen. Immer wieder sind Hinweise auf Bamberg in Hoffmanns Werken zu finden. So beispielsweise das „Äpfelweib“, das den Studenten Anselmus im „Goldenen Topf“ verfolgt – der Türknauf war in der Bamberger „Eisgrub“, am Haus seines Freundes Carl Friedrich Kunz zu finden:

„Unerachtet des weiten Weges bis in die einsame Straße, in der sich das uralte Haus des Archivarius Lindhorst befand, war der Student Anselmus doch vor zwölf Uhr an der Haustür. Da stand er und schaute den großen bronzenen Türklopfer an; aber als er nun auf den letzten die Luft mit mächtigem Klange durchbebenden Schlag der Turmuhr an der Kreuzkirche den Türklopfer ergreifen wollte, da verzog sich das metallene Gesicht im ekelhaften Spiel blauglühender Lichtblicke zum grinsenden Lächeln. Ach! es war ja das Äpfelweib vom schwarzen Tor. Die spitzigen Zähne klappten in dem schlaffen Maule zusammen, und in dem Klappern schnarrte es: »Du Narre — Narre — Narre — warte, warte! warum warst hinausgerannt! Narr!« — Entsetzt taumelte der Student Anselmus zurück, er wollte den Türpfosten ergreifen, aber seine Hand erfaßte die Klingelschnur und zog sie an, da läutete es stärker und stärker in gellenden Mißtönen, und durch das ganze öde Haus rief und spottete der Widerhall: Bald Dein Fall ins Kristall!“

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Der „Äpfelweib“-Türknopf aus der Erzählung „Der goldene Topf“ fand sich am Haus seines Freundes und späteren Verlegers Kunz in Bamberg. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Obwohl sie sich bereits früh in Berlin begegneten und gegenseitig in Hoffmanns Bamberger Zeit besuchten, wurden die beiden Dichter in Oberfranken – der bereits etablierte, Jean Paul in Bayreuth, sowie der kommende, E.T.A. Hoffmann in Bamberg – keine Brüder im Geiste. Oder besser gesagt: Die Wertschätzung blieb einseitig. Jean Paul trug durch sein Vorwort zu den „Fantasiestücken in Callots Manier“, die 1815 erschienen, zwar wesentlich dazu bei, den Bekanntheitsgrad Hoffmanns zu steigern, doch äußerte er sich mehrfach beinahe schon abfällig über ihn. In einem Nachwort von Carl Georg von Maassen zu „Lebensansichten des Kater Murrs“ in meiner Ausgabe vom Haffmanns Verlag, mutmaßt dieser, es könne auch Neid im Spiel gewesen sein:

„Jean Paul sah mit scharfem Auge in Hoffmann den bedrohlichen Konkurrenten, und je größer die Beliebtheit des letzteren beim Lesepublikum wurde, um so absprechender und tadelnder wurden Jean Pauls Bemerkungen.“

Damit war dieser nicht alleine: Goethes Verdikt, die Texte von Hoffmann seien „krankhaft“, wirkten lange nach. Andere, wie Adelbert von Chamisso und Heinrich Heine dagegen wussten mehr mit diesem dunklen Humor, mit der dunklen Seite der Romantik anzufangen. Es fiel ihnen wahrscheinlich schlicht und einfach leichter als dem in seinen Konventionen und der eigenen Imagebildung gefangenen Goethe diese „andere Natur“, das dunkle, schwermütige und zuweilen auch böse, das in jedem Menschen steckt, anzuerkennen. Und so ist es mit dem unglücklichen Hoffmann bis heute: Man liest ihn niemals unbeteiligt, man erschrickt, man lacht, man weint, man liebt oder aber man lehnt ihn rundheraus ab.

Nochmals Rüdiger Safranski:
„Nicht festgewurzelt in der Literatur, nicht im juristischen Beruf, nicht als Komponist und Maler. Der Preis, den Hoffmann bezahlte: Er wurde nirgends ganz ernst genommen. Er entschädigte sich, indem er auch seinerseits nichts ganz ernst nahm. Bei den großen Autoritäten war er deshalb schlecht angesehen. (…) Wenn es jemanden gab, der dem romantischen Ideal des Spielers, in Leben und Werk, wirklich nahe kam, so war es Hoffmann. (…) Nur so, mit Perspektivenreichtum und Phantasie läßt sich die Wirklichkeit erfassen, die eben immer noch phantastischer ist als jede Phantasie.“

Aber der Blick des Künstlers fällt eben nicht nur auf das Paradies. Sondern auch auf die Hölle, auf Seelenabgründe wie Safranski betont. Hoffmanns Werk ist eben nicht nur „phantastisch“, sondern auch getränkt von einem Blick auf die Welt voller Ironie und schwarzem Humor, Sehnsüchte, gepaart mit Realitätserkenntnis. Safranski:

„E.T.A. Hoffmann, mit dem die Romantik als Epoche abschließt, war ein großer Phantast und darum so romantisch, wie man sich das nur vorstellen kann. Aber er war mehr als das. Er blieb durch einen liberalen Realismus geerdet. Er war ein skeptischer Phantast.“

Mein unangefochtenes Lieblingsbuch von Hoffmann sind und bleiben die „Lebensansichten des Kater Murr“. Hans Mayer bringt die Kernaussage dieses Romanfragments in seinem Beitrag zur einst von Fritz J. Raddatz herausgegeben „Zeit-Bibliothek der 100 Bücher“ auf den Punkt:

„Für Künstler ist kein Platz in Deutschland (…) Man kann nicht gleichzeitig in Dresden leben oder anderswo in deutscher Misere, und in Atlantis als dem Reich der Poesie. Die Lebensansichten des Katers Murr“ von Hoffmann haben kein anderes Thema als eben dies: die schroffe Antinomie von Kunst und Gesellschaft in Deutschland.“

Hoffmann alias Kreisler: Das ist der von der Kleinbürgerlichkeit beinahe zum Wahnsinn getriebene Dichter der Romantik. Die Enge, das Gefängnis aus Zwängen und Konventionen, sie bringen in Hoffmann die düstersten Seiten hervor. In Bamberg, dieser kleinräumigen Stadt, fern von den eigentlichen kulturellen Zentren jener Zeit, muss Hoffmann dies wohl als besonders belastend erfahren haben. Marterjahre.

In Bamberg – das natürlich als UNESCO-Welterbestadt genügend Anreize für einen Besuch bietet – gibt es einen idyllischen Stadtrundgang auf Spuren E.T.A. Hoffmanns, wer möchte, kann auch eine entsprechende Stadtführung mitmachen. Im ehemaligen Wohnhaus ist die einzige deutsche Gedenkstätte für dieses Multitalent zu finden, eine Initiative der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft, die ebenfalls ihren Sitz dort hat. In dem schmalen Häuschen bekommt man auch heute noch einen lebendigen Eindruck davon, unter welchen beengten und wohl auch ärmlichen Verhältnissen das Ehepaar Hoffmann dort leben musste. Da von den ursprünglichen Einrichtungsgegenständen nichts erhalten ist, behilft man sich in dem kleinen Museum mit Nachbauten, mit Faksimile und modernen Werken, die Hoffmanns Schaffen aufgreifen. Nach einem Konzept des Bühnenbildners Wolfgang Clausnitzer passt diese Mischung aus Illusionen und Installationen, die auch die vielen Talente des E.T.A. Hoffmann aufgreifen, durchaus zu dessen versponnener Natur. Allerdings sind die Präsentation sowie die Räumlichkeiten deutlich in die Jahre gekommen, auch könnte museumsdidaktisch noch einiges nachgeholt werden. Schade, dass dafür in der Kulturstadt Bamberg, die im Sommer von bierseligen Touristen überströmt, kein Geld vorhanden zu sein scheint.


Weitere Informationen:

Das E.T.A. Hoffmann-Portal bietet umfassende und lesenswerte Informationen über Hoffmanns Bamberger Zeit, inklusive eines virtuellen Stadtrundganges.

Die E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft im Netz: http://www.etahg.de/de

Die Stadt Bamberg und E.T.A. Hoffmann heute: https://www.bamberg.info/hoffmann/

Bilder zum Download:
Bild 1, Mauer mit Hoffmann-Konterfei
Bild 2, Äpfelweib-Türknopf
Bild 3, Gasse Bamberg
Bild 4, Fassaden beim Hoffmann-Haus
Bild 5, Auf der Regnitz
Bild 6, Kaiserin Kunigunde
Bild 7, Fassadenmalerei
Bild 8, Dom
Bild 9, Fassade mit Holzläden
Bild 10, Fassade mit Holzläden
Bild 11, Putten


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LITERARISCHE ORTE: Jean Paul in Bayreuth

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Alle Bilder: Birgit Böllinger

„Im durchsichtigen Netze seiner Phantasie fing sich jeder vorüberschießende Freuden-Zweifalter – dazu gehörte sogar ein erwachender gelber Schmetterling im Gartenhaus – jeder Stern, der stark funkelte – italienische Blumen, deren deutschen Treibscherben zwischen Schauls er auf der Gasse aufgestoßen – eine bekränzte, zwischen Andacht und Putz glühende Braut – ein schönes Kind – ein Kanarienvogel in der Webergasse, der mitten im deutschen Winter in Kanarieninseln und in Sommergärten hinüberschauen ließ – und alles.
Einst an einem Markttage hatt` er halb Italien mit einem ganzen Frühling um sich. Der Tag schien dazu erlesen zu sein. Es war ein sehr kalter und heller Winternachmittag, worin Mücken in den schiefen Strahlen spielen, als er im Hofgarten – den der gute Fürst jeden Winter dem Publikum öffnen ließ – die silbernen Schneeflocken der Bäume unter der blitzenden Sonne in weiße Blüten, die den Frühling überlüden, umdachte und darunter weiterspazierte. So plötzlich auf die Frühlings-Insel ausgesetzt, schlug er in die heitersten Wege ein. Er machte einen nahen an der Bude eines Sämereihändlers vorbei und hielt ein wenig vor dessen Budentisch, nicht um eine Düte zu kaufen – wozu ihm ein Beet fehlte, da alle seine Morgen Lands nur in seinem Morgenland bestanden -, sondern um den Samen von französischen Radiesen, Maienrüben, bunten Feuerbohnen, Zuckererbsen, Kapuzinersalat, gelbem Prinzenkopf zu denken und zu riechen und auf diese Weise (nach Vults Ausdruck, glaub ich) einen Vorfrühling zu schnupfen.“

Jean Paul, „Flegeljahre“, 1804/1805

So wie der selbstgenügsame Walt, der einfach die vielen kleinen Augenblicke lebt, und dem die Welt in seinem fränkischen Paradies genügt, so kann man sich vielleicht auch Jean Paul im Herbst seiner Jahre durch die Bayreuther Gassen flanierend vorstellen: Er, der Rastlose, der Immer-und-ewig-Verliebte, der sprunghaft Assoziierende, der weitschweifige Gedankengänger, hatte lange Lehr-, Wander- und Lebensjahre hinter sich, als er 1804 in die fränkische Kleinstadt übersiedelte. In Bayreuth lebte er dann, bis zum Ende seines Lebens 1825, die längste Zeit. Es waren wohl nicht die glücklichsten Jahre, geprägt von der krisengeschüttelten Ehe mit Karoline Mayer, vom Niedergang des Ruhms und finanziellen Nöten, vom Tod seines Sohnes Max und nicht zuletzt auch von gesundheitlichen Problemen, zu denen wohl auch sein außerordentlicher Bierkonsum beigetragen hatte.

Und dennoch: Gerade in den „Flegeljahren“ kommt dieses leichte, versponnene, den Tagträumen verhaftete Temperament des Johann Paul Friedrich Richter – unter diesem Namen wird Jean Paul am 21. März 1763 im oberfränkischen Wunsiedel geboren – wunderbar zum Ausdruck. Und man bekommt bei der Lektüre und einem Bummel durch Bayreuth auch heute noch eine Ahnung davon, warum Stadt und Schriftsteller so gut zueinander passten.

Bayreuth, das ist einerseits Provinz, ja. Klein und überschaubar. Und doch atmet hier durch die besondere Architektur und Geschichte, geprägt vor allem vom Markgrafenpaar Friedrich und Wilhelmine, ein besonderer Geist. Da hätte es nicht einmal eines Richard Wagners mit dem alljährlichen Rummel rund um den Hügel gebraucht. Der Bayreuther Rokoko gibt der Stadt rund um das neue Schloss mit seinem Hofgarten, dem Markgräflichen Opernhaus und der Friedrichstraße ein besonderes, ein anmutiges Bild. Und an sonnigen Tagen hat man hier auf dem Marktplatz tatsächlich ein Gefühl von Italien.

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Gartenhaus beim Jean Paul-Museum.

Jean Paul hatte es nach zahllosen Lebensstationen – unter anderem wohnte und arbeitete er in Leipzig, Weimar, Berlin und Meiningen – letztlich wieder in das Fränkische gezogen. In Bayreuth hatte er sich schon früh verliebt: Mit 18 Jahren kam er das erste Mal hierher, um eine Prüfung abzulegen – die Reise war mit einer ganz besonderen Erfahrung verbunden.

„In natura sah Jean Paul die Stadt erstmals nach seinem Abitur im Jahr 1781, als er von Schwarzenbach nach Bayreuth reiten mußte. Dort hatte er vor dem Kirchen-Konsistorium eine Prüfung abzulegen, um in Leipzig, d.h. außerhalb des Fürstentums Ansbach-Bayreuth, Theologie studieren zu dürfen. Auch der Ritt gehörte zum Pflichtprogramm und erwies sich für den Prüfling als der schwierigste Teil: Das Pferd wollte partout nicht wie der Reiter – eine Erfahrung von solcher Nachhaltigkeit, daß es Jean Pauls erster und einziger Ritt bleiben sollte.“

Das Zitat stammt aus dem wunderbaren „Jean-Paul-Taschenatlas“, herausgegeben von Bernhard Echte und Michael Mayer, der anlässlich des 250. Geburtstag dieses einzigartigen Schriftstellers im Jahr 2013 erschien. Der Atlas entstand im Zusammenhang mit einer Litfaßsäulenausstellung, die an 25 Orten stattfand – was allein schon die Beweglichkeit dieses literarischen Luftgeistes zeigt. Auf Überbleibsel dieser Ausstellung trifft man in Bayreuth glücklicherweise immer noch und mit dem Atlas (nochmals ein Dank an Herrn Hund für die Empfehlung) kann man sich auf die Spuren des Dichters machen: Gelegenheit auch für eine wunderbare Rundreise durch Sachsen, Bayern, Baden-Württemberg und Hessen, um in groben Zügen das örtliche Hin und Her Jean Pauls festzuhalten.

Doch wie gesagt: Dreh- und Angelpunkt der letzten 20 Lebensjahre war und blieb Bayreuth, der Stadt, der er schon zuvor immer wieder ein lobendes literarisches Zeugnis ausgestellt hatte, so im „Leben des Quintus Fixlein“ und im „Siebenkäs“ (1797):

„Die neueste kann erst kommen, nämlich Du selber zu mir nach Baireuth, wenn ich und der Frühling miteinander (denn übermorgen reis ich ihm nach Italien weit entgegen) wiederkehren und wir, ich und der Lenz, gemeinschaftlich die Welt auf eine Art ausschmücken, daß Du gewiß in Baireuth selig sein wirst, so sehr sind dessen Häuser und Berge zu loben.“

Auch wenn die Stadt nach seiner Übersiedlung dorthin Jean Paul bald zu eng wurde und seine Begeisterung merklich abnahm, hielt es in dort. Ausschlaggebend dafür dürfte wohl auch gewesen sein, dass seine zwei längsten, altvertrautesten Freunde dort wohnten: Der Jurist Christian Otto, der fast 30 Jahre lang der Mann war, der Jean Pauls Texte als erster lesen durfte und dessen Kritik er gerne annahm. Und der jüdische Kaufmann Emanuel, „eine Freundschaft auf den ersten Blick“, wie im Atlas zu lesen ist:

„Die Beziehung zu Emanuel gehört zu den erstaunlichsten Seiten von Jean Pauls Leben; es war eine Freundschaft auf den ersten Blick (…) Obwohl Emanuel als jüdischer Händler zu einer rechtlosen Klasse gehörte und keinen Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen hatte, war er für Jean Paul von Beginn an ein ebenbürtiger Gesprächspartner – auch in literarischen und philosophisch-theologischen Belangen.“

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Dass er dort in Bayreuth seine Vertrauten hatte, zu denen er auch unabhängig von gesellschaftlichen Konventionen und einem gewissen höfischen Protokoll Kontakt haben konnte, dies mag für Jean Paul entscheiden gewesen sein. Hatte er sich doch oft genug schon als Außenseiter fühlen müssen: So beim Studium in Leipzig, das er nach dem frühen Tod seines Vaters nur mit Müh und Not finanzieren konnte. Dem Dünkel mancher Kommilitonen trat er durch auffallende Kleidung und extravagantes Verhalten entgegen. Und auch in Weimar – da war er schon einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit nach dem Erscheinen des „Siebenkäs“, des „Quintus Fixlein“ und des vergnügten „Schulmeister Wutz“ – traf er auf Vorbehalte: Schiller und Goethe konnten mit diesem Freigeist und seinem mäandernden Stil wenig anfangen, sie lehnten seine Texte eher ab, wie auch Kurt Wölfel als Herausgeber eines Jean Paul-Lesebuchs (eine gute Heranführung an seine Texte) erläutert:

„Jean Pauls kompositorische Extravaganz hatte nicht nur alle Fürsprecher einer rationalistischen Regelpoetik gegen sich, auch die Weimarer Klassiker reagierten auf seine ästhetische Illegitimität mit Verdruß. Unter den „Xenien“, der Sammlung von Epigrammen, mit denen die Weimarer Klassiker ihr ästhetisches Programm polemisch gegen die Zeitgenossen erklärten, gibt es einige, die sich auf Jean Paul beziehen.“

Bayreuth also der Freundschaftshafen, der Ruhepunkt der letzten Jahre, auch wenn es ihn da selten an einem Ort hielt, er immer wieder die Behausung wechselte. Wobei die meisten Reisenden leider nicht wegen des Schriftstellers kommen – während in der benachbarten „Villa Wahnfried“ ein deutlicher Rummel herrscht, kann man sich im 2013 neu eingerichteten Jean-Paul-Museum in aller Ruhe umtun. Schade eigentlich, denn die Ausstellung ist bemerkenswert reichhaltig und sehenswert, gibt einen guten Abriss über Leben und Werk, Einblicke in das Privatleben dieses sensiblen Exzentrikers und bettet dies alles in historische Zusammenhänge ein. Ein Besuch ist sehr zu empfehlen. Und wer dann noch Zeit hat, sollte auf jeden Fall mit Jean Paul zur Rollwenzelei wandern: Hier verkehrte der Dichter fast täglich, dort fand er beim Bier die Ruhe zum Schreiben, oftmals auf der Flucht vor der fordernden Gattin.

 

2017_Bayreuth-141-1024x576Seine letzte Ruhestätte hat der Ruhelose natürlich auch in Bayreuth, ein unscheinbarer Gedenkstein, kaum vergleichbar mit dem Bombast der ebenfalls dort vorhandenen Grabstätten von Franz Liszt und den Wagner-Nachfahren.


Weitere Informationen:

Zum Einlesen: „Jean Paul. Das große Lesebuch“, herausgegeben von Kurt Wölfel, 2. Auflage 2013.

Zum Lesen und Reisen: „Jean Paul-Taschenatlas“, herausgegeben von Bernhard Echte und Michael Mayer, 2013.

Aktuelles zu Jean Paul bei der Jean-Paul-Gesellschaft.

Besuch im Jean-Paul-Museum Bayreuth und in der Rollwenzelei.


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LITERARISCHE ORTE: Thomas Mann in Bayern

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Hinweistafel am Mann-Haus in Bad Tölz. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Manche Schriftsteller verortet man unbewusst in bestimmte Landschaften. Oder anders ausgedrückt: Ihr Werk ist geprägt von der Landschaft, in der sie lebten, in der sie arbeiteten. Man denke nur an Theodor Storm oder an Fontane.

Aber bei anderen bringe ich dagegen Lebensorte, Temperament und dessen literarischen Ausdruck nur schwer zusammen. Thomas Mann in Bayern? Obwohl der Hanseat 30 Jahre dort, also die längste Zeit seines Lebens, seinen Lebensmittelpunkt hatte, so verbinde ich mit seinem Namen mehr oder wenig sofort Lübecker Backsteingebäude oder ein Hiddenseer Reetdachhaus.

Ich selbst kann mir Thomas Mann nur schwer als entspannten Landmann, Wanderer in Nagelschuhen, durch die Voralpen streifend und an einem der bayerischen Seen entspannend, vorstellen. Und doch gab es das auch. Nach dem Tod von Thomas Manns Vater 1891 zog seine Mutter – die in Brasilien aufwuchs und Lübeck immer als zu eng empfand – zwei Jahre später mit den jüngeren Geschwistern von Thomas Mann nach München. Thomas folgt 1894 nach und zog in die Stadt, die ihn ebenso prägte wie Lübeck, obwohl er wohl im Herzen, sicher aber im Habitus immer ein Hanseat blieb.

Literarische Spuren von Bayern finden sich in seinem Werk zuhauf: Schon in seinem Debüt „Buddenbrooks“ wird der Norden, sprich die Hansestadt Lübeck, mit München konterkariert. Man denke allein an den Hopfenhändler Permaneder: Die wenig schmeichelhafte Überspitzung des Typs des gemütlichen, gutmütigen, aber auch bauernschlauen Münchners. Dass diese Figur mit so spitzer Feder gezeichnet ist, lag sicher auch daran, dass Thomas Mann zu jener Zeit auch für den „Simplicissimus“ arbeitete.

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Skulptur von Quirin Roth in Gmund am Tegernsee. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Hauptsächlicher Wohnort in Bayern ist und bleibt für Thomas Mann München: Hier wird er, nach einem kurzen beruflichen Abstecher in eine Versicherungsanstalt, zum freien Künstler, hier lernt er Katia Pringsheim kennen, hier baut er, dem ein eigenes Haus wichtig ist, seine Villa im noblen Viertel Bogenhausen. Damals freilich noch nicht ganz so nobel. Eine Ahnung davon erhält man in „Herr und Hund“ (1918). In dieser, einer seiner längsten Erzählungen, schildert Mann so ausführlich und akribisch wie selten anhand der Spaziergänge mit seinem Lieblingshund „Bauschan“ die Umgebung, in der er lebt:

„Und doch war die Sache schon so weit gediehen, daß diese Straßen ohne Anwohner ihre ordnungsgemäßen Namen haben, so gut wie irgendeine im Weichbilde der Stadt oder außerhalb seiner; das aber wüßte ich gern, welcher Träumer und sinnig rückblickende Schöngeist von Spekulant sie ihnen zuerteilt haben mag. Da ist eine Gellert-, eine Opitz-, eine Fleming-, eine Bürger-Straße, und sogar eine Adalbert-Stifter-Straße ist da, auf der ich mich mit besonders sympathischer Andacht in meinen Nagelschuhen ergehe (…)“

Die Adalbert-Stifter-Straße in München-Bogenhausen ist immer noch da, die 1913 erbaute Villa der Manns jedoch gibt es nur noch in einer Rekonstruktion: Das Gebäude war bei einem Bombenangriff zerstört worden, Thomas Mann ließ es 1952 vollends abreißen und verkaufte das Grundstück. 2001 wurde es nach den Original-Bauplänen wieder erbaut, aber ist seither als Luxusimmobilie in Privatbesitz.

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Das Mann-Haus in Bad Tölz.

Ein anderes Haus, das sich Mann in Bayern bauen ließ, gibt es jedoch noch im Originalzustand: Die „kleine“ Villa in Bad Tölz, für die schnell wachsende Familie zunächst ein wunderbares Domizil in der Sommerzeit, dann wurde es aber von Kind zu Kind enger. Zumal hier auch „Bauschan“ als weiteres Familienmitglied hinzukam:

„Ein ansprechend gedrungenes, schwarzäugiges Fräulein das, unterstützt von einer kräftig heranwachsenden Tochter in der Nähe von Tölz eine Bergwirtschaft betreibt, vermittelte uns die Bekanntschaft mit Bauschan und seine Erwerbung.“

Dem Hund aus Bad Tölz setzt der Schriftsteller in „Herr und Hund“ ein Denkmal. Ein Denkmal für Herr und Hund ist dagegen nicht in Bad Tölz zu finden, sondern in Gmund an Tegernsee. Seit 2001 steht hier die Skulptur von Quirin Roth und erinnert so daran, dass der Tegernsee, die Badewanne der Münchner, früher schon ein beliebtes Ausflugsziel war – weniger für die Schickeria, sondern für die Münchner Bohème rund um die Mannschaft des „Simplicissimus“. Thomas Mann lernte die Gegend bereits als Kind kennen, als seine Eltern in Wildbad Kreuth zur Sommerfrische waren. Auch später zog es ihn immer wieder in die Region. Die beiden „Ludwigs“ – Ganghofer und Thoma – die vor ihrem Ruck ins Deutschnationale auch für die Satirezeitung schrieben, siedelten hier an, in seinem Haus in Tegernsee frönte der Karikaturist Olaf Gulbransson der Freikörperkultur und schwang gerne auch nackt die Sense, um das Gras zu mähen.

 

Zurück nach Bad Tölz: Ein Thomas Mann-Museum gibt es hier leider nicht (wer im Ort ist, kann das „Bulle von Tölz-Museum“ besuchen, ob es sich lohnt, vermag ich nicht zu sagen), auch kann das Landhaus, das sich Mann 1909 für seine junge Familie bauen ließ und das sie bis 1917 nutzten, nicht besichtigt werden. Dennoch lohnt sich ein Blick auf das Grundstück, wenn man sowohl die privaten Notizen von Thomas Mann aus jener Zeit als auch die Erinnerungen der älteren Kinder an das Haus, an Land und Leute kennt. Erika Mann, die Rastlose, kam in einigen ihrer Texten auf diese Landschaft ihrer Kindheit zurück. In einer 1930 entstandenen „Liebeserklärung an Bayern“ schreibt sie:

„Wenn irgendwo ein Wiesenweg, eine Bergkette, eine Viehweide uns besonders zu Herzen sprach, erkannten wir bald mit dem Heimatlichen die Ähnlichkeit, – fast wie bei Tölz (…).“

Und Golo Mann sagt in „Erinnerungen und Gedanken“:

„Es dauerte dann etwa fünfunddreißig Jahre, bis ich Tölz wieder sah. Anfang der fünfziger Jahre war das meiste noch wie eh und je, die vier Kastanien und „Hüttchen“, letzteres renoviert, das Haus nach außen hin unverändert. Wie sehr seine Verzierungen „Jugendstil“ waren, bemerkte ich erst jetzt.“

Die Villa, seit 1926 im Besitz eines Ordens, dient inzwischen als Erholungsheim für Ordensschwestern und ist öffentlich leider nicht mehr zugänglich. Bad Tölz bemüht sich anderweitig, um an den berühmten Bewohner, wenn dieser auch nicht zu lange hier lebte, zu erinnern. So wird wohl in diesem Oktober noch in der Tölzer Stadtbibliothek ein Thomas-Mann-Zimmer eröffnet – eingerichtet mit Mobiliar und Gegenstand aus dem „Mausloch“. So bezeichnete Mann ein Haus, das der Kunsthändler Georg Martin Richter in der bayerischen Gemeinde Feldafing gekauft hatte. Thomas Mann beteiligte sich mit 10.000 Mark an dem Kauf und konnte sich, wenn es ihm in München zu trubelig wurde, hierher zum Schreiben zurückziehen. Zwischen 1919 und 1923 war er mehrfach dort, dabei entstanden wesentliche Teile des Zauberbergs.

Erwähnt werden müssen, wenn es um Thomas Mann und Bayern geht, zwei Institutionen: Zum einen die Monacensia in München mit ihrer umfassenden Familie-Mann-Bibliothek sowie der neu erarbeiteten Ausstellung „Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann“. Und der Literaturwissenschaftler Dirk Heißerer: Keiner kennt so sehr die Spuren großer Schriftsteller in Bayern wie er, insbesondere aber diese von Thomas Mann. Seit Jahren ist er Vorsitzender des Thomas-Mann-Forums München und gibt die Thomas-Mann-Schriftenreihe heraus. In dieser ist auch der Band „Nicht auf der Rasenkante gehen!“ von Daniel Lang, eine Arbeit über die Manns in Bad Tölz und die Geschichte des Hauses, erschienen.


Weitere Informationen:

Daniel Lang, „Nicht auf der Rasenkante gehen!“: Link zum Buch

Thomas Mann in Bad Tölz: https://www.bad-toelz.de/de/kultur-veranstaltungen/kunst-und-literatur/thomas-mann.html

Literarische Spaziergänge mit Dirk Heißerer: https://www.lit-spaz.de/

Monacensio München: http://www.monacensia.net/Aktuelles.htm


Bilder zum Download:

Bild 1, Tafel am Landhaus in Bad Tölz
Bild 2, Denkmal in Gmund
Bild 3, Kopf Thomas Mann


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LESARTEN: Literatur für Menschen, die nicht mehr selber lesen können

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Bild von TheoLeo auf Pixabay

Guten Sachen darf man getrost ein breiteres Forum geben. Und deshalb heute hier ein Beitrag, der mich beruflich als Pressetext erreicht hat – vielleicht trägt das zu einem Stück barrierefreiem Lesen bei.

Seit nunmehr 60 Jahren bietet die Bayerische Hörbücherei für Blinde, Seh- und Lesebeeinträchtigte e. V. Hörbücher aus sämtlichen Bereichen der Literatur zur kostenlosen Ausleihe an. Alle Menschen, die aufgrund ihrer Seh- oder Lesebeeinträchtigung nicht mehr selber lesen können, erhalten hier die Möglichkeit, ihre Bücherwünsche zu erfüllen, ihren Informationsbedarf zu decken und so weiterhin gleichberechtigt am kulturellen Leben teilzunehmen.

Gegründet wurde die Bayerische Hörbücherei e. V. – damals noch als Bayerische Blindenhörbücherei e. V. – im Jahr 1958 durch den Bayerischen Blindenbund, den Bund der Kriegsblinden Deutschlands, Landesverband Bayern, sowie unter Mitwirkung der Bayerischen Hauptfürsorgestelle. Am Eröffnungstag – 2. Januar 1959 – zählte die Bayerische Blindenhörbücherei 300 Nutzer und 200 Ausleihtitel, die auf Tonbänder vervielfältigt und mit der Post an die Hörer verschickt wurden.

Die technischen Meilensteine der folgenden Jahrzehnte beförderten ebenfalls die Entwicklung der Hörbücherei: War es in den 1970er-Jahren die Umstellung vom Tonband auf die praktische Kompaktkassette, so kam ab 2002 mit der MP3-CD der Durchbruch ins digitale Zeitalter. Seit 2016 ist neben dem Versand der CDs der Download der Hörbücher auf jedes gewünschte Endgerät selbstverständlich.

Das Angebot der Hörbücher ist im Laufe der Jahre auf 38.000 Titel angewachsen, die mit reger Betriebsamkeit von rund 6.000 Nutzern in ganz Bayern ausgeliehen werden. Denn Hörbücher bieten Unterhaltung, Information und vielfach Trost in einer schwierigen Lebensphase. Mit Hörbüchern können die betroffenen Menschen weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Text: Bayerische Hörbücherei

Daten und Fakten zur Bayerischen Hörbücherei für Blinde, Seh- und Lesebeeinträchtigte e. V.: 

Hörbuchproduktion

Das Hörbuchangebot umfasst derzeit über 38.000 Hörbücher aus allen Bereichen der Literatur und wird laufend erweitert. Ein Großteil der Hörbücher wird in den hauseigenen Studios eingelesen – ungekürzt und unredigiert. Damit besteht ein wesentlicher Unterschied zu dem Angebot des kommerziellen Hörbuchmarktes, wo nach wie vor ca. 80 – 90% der Titel in stark gekürzter Form vorliegen.

Alle Hörbücher der Bayerischen Hörbücherei werden im mp3-Format produziert. Durch eine spezielle Technik (sogenanntes Daisyformat) ist das Hörbuch nach Kapiteln genauso gegliedert wie die Buchvorlage. Die Nutzer können in einem MP3-Daisybuch per Tastendruck wie in einem gedruckten Buch blättern.

Die Hörbücher lassen sich auf handelsüblichen mp3-CD-Playern abspielen, auf speziellen Daisy-Geräten oder am Computer. Außerdem stehen sie auf der Homepage zum Download bereit.

Der Versand der Hörbuch-CDs erfolgt weltweit portofrei als Blindensendung durch die Deutsche Post AG.

Trägerschaft
Die Bayerische Hörbücherei für Blinde, Seh- und Lesebeeinträchtigte. V. ist eine gemeinnützige Einrichtung. Sie trägt sich mit Unterstützung des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Soziales, Familie und Integration, des Bayerischen Bezirketags, des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst und nicht zuletzt des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes e.V.

Abgesehen von der Förderung durch die Öffentliche Hand hat die Bayerische Hörbücherei einen nicht geringen Anteil ihrer Aufwendungen durch Eigenmittel zu finanzieren. Sie ist daher dringend auf Spenden angewiesen. Jeder Betrag kommt in vollem Umfang dem laufenden Betrieb zugute und fließt in Projekte wie die Vergrößerung des Buchbestandes, die Modernisierung der Studiotechnik oder die Erweiterung des Sprecherpools.

Eine besondere Form der Spende ist die Buchpatenschaft, wobei der Spender die anteiligen oder gesamten Produktionskosten eines Hörbuchs übernimmt. 

Nutzer
Knapp 6.000 Personen, davon 3.380 weiblich und 2.620 männlich

  • ca. 10 % unter 50 Jahren
  • ca. 12 % zwischen 51 und 60 Jahren
  • ca. 30 % zwischen 61 und 80 Jahren
  • ca. 20% zwischen 81 und 90 Jahren
  • ca. 11 % über 90 Jahren
  • ca. 17 % ohne Angabe

Titelbestand
38.000 Titel

Anzahl der ausgeliehenen Titel pro Jahr
Ca. 74.000 Titel

Kontakt
Bayerische Blindenhörbücherei e. V.
Lothstraße 62
80335 München
Telefon 089/121551-0
Fax 089/121551-23
Internet:  http://www.bbh-ev.org

Volker Weidermann: Träumer – als die Dichter die Macht übernahmen

Florian_Träumer

Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Ein Beitrag von Florian Pittroff

Es hätte auch ein dickes, unspannendes Sachbuch werden können. Aber weit gefehlt. Es ist ein außergewöhnliches Buch und ein interessantes zugleich geworden. Volker Weidermann erzählt auf 284 Seiten ein eigentlich trockenes Kapitel der deutschen Geschichte wie einen spannenden Roman, ja fast wie einen Krimi.

Wann gab es das schon einmal – eine Revolution, durch die die Dichter an die Macht gelangten? Doch es gibt sie, die kurzen Momente in der Geschichte, in denen alles möglich erscheint, heißt es  im Klappentext. Und das Buch selbst startet mit den Worten: „Natürlich wäre es ein Märchen gewesen, nichts als ein Märchen, das für ein paar Wochen Wirklichkeit  geworden war. Und jetzt war es eben vorbei“.

Wir schreiben das Jahr 1919. Es ist die Zeit der Münchner Räterepublik und der Leser ist immer am Ort des Geschehens. Eben nicht nur dabei, sondern mittendrin als Augenzeuge der Geschehnisse damals in München.

Das Buch von Volker Weidermann fängt Stimmen und Stimmungen in dieser hochexplosiven und aufgeladenen Atmosphäre sehr gut ein.

Fast könnte man sagen,  der Leser ist auf Du und Du  mit Kurt Eisner, Erich Mühsam, Rainer Maria Rilke, Oskar Maria Graf, Thomas Mann und all den anderen. Volker Weidermann  erklärt nicht  nur, sondern  entwickelt eine spannende und gleichzeitig leichtfüßige Geschichte, die eher als Roman denn als Erklärstück durchgeht. So macht Geschichte Spaß. Wäre es so mal in der Oberstufe des Gymnasiums gewesen.

Da pilgert zum Beispiel Oskar Maria Graf mit Lederhose durch München, rettet einen Soldaten vor Prügeln, um danach aber irgendwie den Anschluss an die Revolution zu verpassen und lieber im „Franziskaner“ Bier und Wurst bestellt. Da kommt Thomas Mann nicht besonders gut weg: „Hört, ich bin weder eine Jude, noch ein Kriegsgewinnler, noch sonst etwas Schlechtes, ich bin ein Schriftsteller, der sich dies Haus (seine Villa in Bogenhausen) von dem Gelde gebaut hat, das er mit seiner geistigen Arbeit verdient. (…).“ Das mit dem Verdienst durch geistige Arbeit stimmte so nicht ganz: Das Haus hatte noch vor dem 1. Weltkrieg die mit dem reichen jüdischen Mathematikprofessor Alfred Pringsheim verheiratete Schwiegermutter  bezahlt. Weidermann: „Mann war in diesen Tagen von antisemitischer Stimmung ganz erfüllt  und er war sicher, dass München (…) diese fundamentale Abneigung mit ihm teilte“.

Eine Besonderheit dieses Buches sind eben diese Worte und Sätze, die Weidermann den Protagonisten in den Mund legt. Ob Oskar Maria Graf, Ernst Toller, Erich Mühsam oder all die anderen dies tatsächlich so gesagt haben, dafür gibt es natürlich keine wirklichen Belege. Das tut in diesem Falle auch nichts zur Sache. Die Zitate machen das Buch zu einem einfühlsamen und lebendigen Werk. Sie untermauern die Gefühle, das Denken und die Beweggründe aller Personen, die sich in München in den Jahren 1918/1919 Gedanken umdie Zukunft Deutschlands und Bayern gemacht haben.

Last but not least erfährt der Leser dann in einem Nachwort noch, wie es weitergegangen ist, mit dem einen oder anderen Dichtern nach diesen rauschhaften Tagen.

Florian Pittroff
www.flo-job.de 

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.kiwi-verlag.de/buch/traeumer-als-die-dichter-die-macht-uebernahmen/978-3-462-31788-6/

Hedwig Lachmann: Gesammelte Gedichte

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Bild von Alain Audet auf Pixabay

Spaziergang

Die Sonne steht schon tief. Wir scheiden bald.
Leis sprüht der Regen. Horch! Die Meise klagt.
Wie dunkel und verschwiegen ist der Wald!
Du hast das tiefste Wort mir nicht gesagt. –

Zwei helle Birken an der Waldeswand.
Ein Spinngewebe zwischen beiden, sieh!
Wie ist es zart von Stamm zu Stamm gespannt!
Was uns zu tiefst bewegt, wir sagen’s nie. –

Fühlst du den Hauch? Ein Zittern auf dem Grund
Des Sees. Die glatte Oberfläche bebt.
Wie Schatten weht es auch um unsern Mund –
Wir haben wahrhaft nur im Traum gelebt. –

Hedwig Lachmann (1865-1918)

Prägen Landschaften die Menschen, die in ihnen leben?
Ich meine: In gewisser Weise schon.
Die jüdische Dichterin Hedwig Lachmann wuchs in der unspektakulären Landschaft Mittelschwabens auf, wo sie nach einem wechselvollen Leben auch starb. Das Kleinräumige, das nach Weite schreit, das herbstlich Karge, das sich im Sommer fast schon wieder in das Kitschig-Liebliche wandeln kann, das Bodenständige, das Zurückgenommene  – all das ist in dieser Landschaft. Und es ist in den Gedichten Lachmanns zu spüren, die immer wieder in diese schwäbische Gegend zurückkehrte: Hier war ihre Familie, hier ihre Heimat.

Ebenso sind in den Gedichten auch Sehnsucht nach einem stillen Ort, nach menschlicher Wärme und eine leise Herzensklugheit zu spüren, die jene in den Blick nimmt, die keinen Ort mehr haben:

Winterbild

In meinem Zimmer ein paar frische Blumen,
Die allen Wintermissmut mir vertreiben.
Ein Vöglein pickt vor meinem Fenster Krumen
Und guckt dabei zutraulich durch die Scheiben.

In Stroh und Bast die Bäume eingeschlagen,
Damit der strenge Frost sie nicht berühre,
Die Beete wohl verwahrt vor kalten Tagen –
Und, blossen Haupts, ein Bettler vor der Türe.

Diese Mischung aus leiser Melancholie und Mitgefühl ist ein Kennzeichen dieser Dichterin, die dem Vergessen zum Opfer fiel. Wer nur diese Seite ihrer Lyrik kennenlernt, erhält jedoch ein falsches, einseitiges Bild: Hedwig Lachmann war ebenso eine engagiert politisch denkende Frau, eine, die ihren Weg wählte und ging, jedoch ohne viel Aufhebens darum zu machen. Mir scheint, sie war eine stille Unangepasste – eine, die früh selbständig war, die zum selbständig Denken erzogen worden war und durchaus auch deshalb nicht den einfachsten ihr dargebotenen Weg einschlug.

Hedwig Lachmann kam im August 1865 in Pommern zur Welt. Sie war die Älteste der sechs Kinder des Kantors Isaac Lachmann und dessen Frau Wilhelmine. Die Familie zieht 1873 nach Hürben bei Krumbach um. In diesem  schwäbisch-bayerischen Ort existierte von 1675 bis 1942 eine meist sehr große jüdische Gemeinde, allein um 1840 gehörten zu ihr 652 Mitglieder. Bereits um 1900 war die Gemeinde jedoch auf 123 Personen gesunken. 40 Jahre später überleben nur wenige Hürbener Juden, die rechtzeitig auswandern konnten, den Nationalsozialismus.

Als Hedwig Lachmann nach Hürben kommt, ist die jüdische Gemeinde bereits sehr klein, aber noch intakt. Ihr Vater ist dort ebenfalls als Kantor und Lehrer tätig. Sie selbst besucht die Mädchenschule in Krumbach und legt dank ihrer Sprachbegabung bereits mit 15 Jahren ein Lehrerinnen-Examen in Augsburg ab. 1882 – also gerade erst 17 Jahre alt – übernimmt sie ihre erste Stellung als Gouvernante in England, dann folgen Aufenthalte in Dresden, ab 1887 in Budapest, ab 1889 schließlich lebt sie in Berlin.

 

Schon zu dieser Zeit schrieb Lachmann eigene Gedichte und arbeitete ab und an journalistisch. Ihre ersten Veröffentlichungen umfassen jedoch vor allem noch Nachdichtungen und Übersetzungen, unter anderem “Ungarische Gedichte” von Alexander Petöfi sowie Nachdichtungen der Lyrik Edgar Allan Poes. Gefördert wurde ihr Talent vor allem von Richard Dehmel, mit dem sie ab 1892 einen intensiven Briefwechsel führt. Mit dem Lyriker verbindet sie eine komplizierte Beziehung – er, damals noch verheiratet mit der Märchendichterin Paula Oppenheimer, sehnt sich nach einer Ménage à trois, will die Lachmann nicht nur platonisch lieben. Sie schreckt davor zurück – und entzieht sich der Situation durch ihren Umzug nach Budapest. Die Freundschaft zu Dehmel zerbricht endgültig 1914, als dieser sich, wie so viele andere Intellektuelle, vom Taumel der Kriegsbegeisterung mitreißen ließ. Er ließ sich, so schreibt sie an einen Freund, “von der Sturzwelle der nationalen Leidenschaft fortreißen”, er habe “seinen Beruf verkannt.”

Auch wenn Hedwig Lachmann sich selbst nicht als Anarchistin bezeichnete, politisch Stellung nahm sie gleichwohl. Vor allem für einen unbedingten Pazifismus. Ihr Antikriegsgedicht ist auch als entschiedene Reaktion auf den blinden Nationalismus der Vorkriegsjahre zu verstehen:

Mit den Besiegten

Preist Ihr den Heldenlauf der Sieger, schmückt
Sie mit dem Ruhmeskranz, Euch dran zu weiden –
Ich will indessen, in den Staub gebückt,
Erniedrigung mit den Besiegten leiden.

Geringstes Volk! verpönt, geschmäht, verheert
Und bis zur Knechtschaft in die Knie gezwungen –
Du bist vor jedem stolzeren mir wert,
Als wär’ mit dir ich einem Stamm entsprungen!

Heiß brennt mich Scham, wenn das Triumphgebraus
Dem Feinde Fall und Untergang verkündet,
Wenn über der Zerstörung tost Applaus
Und wilder noch die Machtgier sich entzündet.

Weit lieber doch besiegt sein, als verführt
Von eitlem Glanz – und wenn auch am Verschmachten,
Und ob man gleich den Fuß im Nacken spürt –
Den Sieger und das Siegesglück verachten.

Bei Richard Dehmel lernt Hedwig Lachmann jedoch bereits 1899 Gustav Landauer kennen – es muss, so kitschig das klingt, Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Denn das Paar entscheidet sich unmittelbar nach dem ersten Zusammentreffen für einen gemeinsamen Aufenthalt in England, obwohl Landauer noch verheiratet ist. 1902 kehren sie mit ihrer in England geborenen ersten Tochter nach Berlin zurück, der gemeinsame Freund Erich Mühsam besorgt ihnen dort eine Wohnung. Erst 1903 kann sich Gustav Landauer scheiden lassen und Hedwig Lachmann heiraten, 1906 wird die zweite Tochter Brigitte geboren. Die beiden geben sich zunächst großen Halt, auch wenn sich Landauer in der Zeit ihrer Ehe auch in andere Frauen verliebt.

Aus deiner Liebe …

Aus deiner Liebe kommt mir solch ein Segen,
Sie macht mein Herz so sorglos und so fest,
Ich kann so ruhig mich drin niederlegen,
Wie sich ein Kind dem Schlafe überlässt.

Ich geh dahin von Zuversicht getragen,
Seit neben deiner meine Seele schweift;
So, wie man wohl an schönen Sommertagen
Durch reife Ährenfelder sinnend streift.

Da gleiten sanft die Finger über Blüten
Und Halme hin, wie eine Mutter pflegt,
Und alles Leben möchte man behüten,
Das seine heil’ge Saat zum Lichte trägt.

1902 veröffentlicht Hedwig Lachmann wieder eigene Gedichte – zuvor war sie vor der Außenwelt vor allem durch ihre Übersetzungen von Poe, Oscar Wilde und Balzac hervorgetreten. Einige dieser Übertragungen sind durchaus noch in Gebrauch: So Balzacs „Frau von 30 Jahren“, erschienen als Fischer Klassik Taschenbuch. 1905 folgt eine Oscar-Wilde-Monographie aus ihrer Feder

1917 ziehen die Landauers wegen der schlechten Ernährungslage zurück nach Bayern – Hedwig kehrt an den Ort ihrer Kindheit zurück. Am 21. Februar 1918 stirbt sie in Krumbach an einer Lungenentzündung. Sie ist dort auf dem jüdischen Friedhof im Orsteil Hürben begragen. Der tieferschütterte Landauer gibt im Jahr nach ihrem Tod ihre “Gesammelten Gedichte” bei Kiepenheuer heraus. Landauer selbst wird 1919, nach dem Scheitern der Münchner Räterepublik, von Soldaten ermordet.

Hedwig Lachmann hat viele wunderbare Gedichte hinterlassen, die es wieder zu entdecken gilt. Und sie gab ihr Talent trotz des viel zu kurzen Lebens weiter: Ihr Enkel ist Mike Nichols, geboren 1931 in Berlin als Michael Igor Peschkowsky, der als Regisseur unter anderem mit “Die Reifeprüfung”, “Catch 22″ und “Silkwood” für gutes Kino sorgte.

 

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