#BAYBUCH: Freundliche Schriftsteller in miserabler Lage und ein singulärer Ehrenpreis

„Die Stellung des Schriftstellers ist miserabel!“ Die Worte, die der Vorsitzende des Landesverbandes Bayern vom Börsenverein, Michael Then, gestern zum Auftakt für die Vergabe des Bayerischen Buchpreises 2017 gewählt hatte, hatten eine ungewollte Doppeldeutigkeit: Ich hätte an diesem Abend den Platz mit keinem der sechs anwesenden Autoren tauschen wollen.

Das Format des Bayerischen Buchpreises hat durchaus seinen Reiz, aber auch seine Tücken: Die Fachjury – die heuer erstmals aus Knut Cordsen, Kultur-Redakteur beim Bayerischen Rundfunk, Literaturkritikerin Thea Dorn und Deutschlandfunk-Redakteurin Svenja Flaßpöhler, bestand – diskutierte über die vorgeschlagenen Titel, drei Romane, drei Sachbücher, live und auf offener Bühne.

Man stelle sich vor: Man arbeitet oftmals jahrelang an einem Buch, investiert Lebenszeit, Herzblut und Hirnschmalz und sitzt dann im Publikum, während drei Leute öffentlich dein Werk analysieren, kritisieren, unter Umständen sogar auseinandernehmen. Man kann natürlich einwenden: Kritik gehört zum Geschäft, geht einer an die Öffentlichkeit, muss er damit leben. Allerdings schafft es doch eine gewisse Distanz, wird die Kritik über ein zwischengeschaltetes Medium vermittelt. Durch die Unmittelbarkeit – allerdings abgemildert durch den prächtigen Rahmen in der Münchner Allerheiligen-Kirche und ein gut gestimmtes Publikum – hatte das Ganze doch ein wenig auch den Charakter einer öffentlichen Verhandlung, thematisch passend zu Petra Morbachs Roman „Justizpalast“, der ebenfalls im Rennen war.

Franzobel, der schließlich mit seinem sagenhaft guten und vielschichtigen Roman „Das Floß der Medusa“ im Bereich Belletristik mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet wurde, gab in seiner launigen Ansprache einen Einblick in die Verfassung des Schriftstellers vor dem Elfmeter – seine Frau habe ihn am Morgen noch dafür bedauert, was Autoren so durchzustehen hätten.

Allerdings hat die Form auch ihren Reiz – vor allem für Leserinnen und Leser: Die offene, transparente Diskussion eröffnet einem nochmals neue Aspekte der Bücher, unter Umständen auch eine andere Herangehensweise. Zumal die drei Juroren überwiegend sachlich und freundlich argumentierende Richter waren, die sich sichtlich bemühten, nicht zu sehr die harte Kante anzulegen. Deutlich wurde dies am Beispiel von „Das Genie“, von Knut Cordsen ins Spiel gebracht, das weder uns Bayerische Buchpreisblogger noch die beiden Jurorinnen sprachlich restlos überzeugen konnte. Vor allem Thea Dorn hat mich – um ein Lieblingswort meines bayerischen Buchpreisbloggerkollegen Marius aufzugreifen – durch ihre konzise Art des Argumentierens im Bereich der Belletristik überzeugt: Beispielsweise eröffnete mir ihr Vergleich zwischen dem unfähigen, eitlen Kapitän der Medusa, dessen Schiff in die Katastrophe gesteuert wird und dem amtierenden US-Präsidenten nochmals ein neues, kleines Detail an diesem Roman.

Svenja Flaßpöhler hatte zunächst „Justizpalast“ favorisiert – ein Roman, der bei mir und Buchpreisbloggerin Katharina ebenfalls mit vorne lag, aus Gründen, die wir in unseren Besprechungen hoffentlich sichtbar machen konnten. Die Entscheidung der Jury ist jedoch nachvollziehbar und berechtigt:  „Das Floß der Medusa“ ist ein Roman, der die Jahre überdauern wird, da bin ich mir sicher. Mit Petra Morsbach kamen wir Buchpreisblogger beim anschließenden Empfang noch ins Gespräch – eine freundliche, souveräne Autorin, die uns euphorisierte Leserinnen sogar noch beruhigte: Es sei alles gut, sie sei auch ohne Bayerischen Buchpreis sehr zufrieden mit der positiven Resonanz auf „Justizpalast“.

So nah Fachjury und Bloggerprognose jedoch im Bereich Belletristik waren, so weit entfernt waren wir als Bayerische Buchpreisblogger in Sachen Sachbuch: Wir hatten alle drei „Blau“ von Jürgen Goldstein auf dem Zettel. Ich empfand die Diskussion der Jury zu den Sachbüchern gestern als schwieriger und qualitativ weniger überzeugend denn im Bereich Belletristik. Thea Dorn brachte eines meiner Argumente auf den Punkt: Die drei Bücher seien so schwer zu vergleichen wie Äpfel und Birnen. Und so hinterließ bei mir die Entscheidung den Eindruck, dass weniger nach sachlichen Kriterien, sondern mehr persönlichen Themenschwerpunkten folgend argumentiert wurde. Katharina hat dies heute bei 54books nochmals aufgegriffen, nachzulesen hier:
https://www.54books.de/baybuch2017-rueckblick-bloggerpreis/

Interessant war für mich später das Gespräch mit Jürgen Goldstein und seinem Lektor von Matthes & Seitz – tatsächlich ist eine Unterhaltung mit ihm so angenehm wie die Lektüre seines Buches: Klug, intelligent, ein offener Mensch, der auch neugierig auf die Meinung von uns Bloggern war. Für Petra Morsbach und Jürgen Goldstein haben wir uns als Buchpreisblogger noch etwas Eigenes ausgedacht – einen Preislöwen, zwar nicht aus Nymphenburger Porzellan, aber von Herzen kommend.

Neben der neuen Jury gab es heuer beim Bayerischen Buchpreis noch eine Premiere – wie bereits mehrfach erwähnt, waren Katharina Herrmann von 54books, Marius Müller von Buch-Haltung und ich als Bloggerteam dabei, erstmals begleiteten also „digitale Literaturnerds“ das Geschehen. Bernhard Blöchl, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, Romanautor und Blogger hat unsere Aktivitäten mit einem Artikel gewürdigt, über den wir uns sehr gefreut haben. Der aber auch eine Frage aufwirft, die mich immer wieder bewegt – welche Rolle spielen wir Blogger bei solchen Aktivitäten, wo ist unser Platz? Sind wir Marketinginstrumente, Digital-Influencer, Hobby-Kritiker?

http://www.sueddeutsche.de/kultur/literaturpreis-offline-lesen-online-schreiben-1.3737256

Klar ist: Mit unseren Besprechungen zu den sechs Büchern und unseren Aktivitäten rund um den Buchpreis haben wir zusätzliche Aufmerksamkeit sowohl auf die Titel als auch auf die Veranstaltung an sich gelenkt. Im Netz wurde eifrig mitdiskutiert und der Hashtag #baybuch ging zwischenzeitlich durch die Decke. Vielleicht auch fürs Publikum bereichernd war das Zitieren einzelner Tweets durch die Moderation während der Veranstaltung gestern, die nochmals eine andere Sichtweise auf die besprochenen Bücher wiedergaben. Vor allem aber hat es uns als Trio unheimlichen Spaß gemacht – hinter den Kulissen über die Bücher zu diskutieren, unsere Argumente mit denen der Jury zu vergleichen, auch Gegenpositionen einzunehmen. Insofern: Mission Bavaria erfüllt.

Der erste Versuch, auch das Netz und vor allem unsere Blogabonnementen für den Bayerischen Buchpreis zu interessieren, war eine gelungene Sache. Woran man allerdings noch feilen könnte, wäre an der crossmedialen „Vernetzung“ über das Netz hinaus: Twitter und Facebook sind zwar flüchtig, aber unsere Blogbesprechungen zu #baybuch bleiben bestehen und abrufbar. So wäre ein Hinweis in der Nachberichterstattung auch auf die Bloggermeinungen für uns eine schöne Sache, vor allem aber für die Leserinnen und Leser der Hinweis auf eine weitere Informationsquelle zu den Büchern gewesen:
https://www.boersenblatt.net/artikel-bayerischer_buchpreis_2017__das_war_die_preisverleihung.1398493.html

Denn – ich zitiere nochmals Michael Then: „Für Bücher muss heute einiges getan werden, um sie gesellschaftlich ins Licht zu rücken.“


Bild zum Download: Bayerischer Löwe am Münchner Odeonsplatz


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Franzobel: Das Floß der Medusa

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Bild von nightowl auf Pixabay

„Der nächste Tag war der 14. Juli, Tag der Revolution. Ein Sonntag. In der Nähe von Paris wurde ein gewisser Arthur de Gobineau geboren, späterer Begründer der Rassenlehre und somit ideologischer Wegbereiter des Holocausts, Argumentationsgehilfe zur Verhinderung der Gleichstellung der Schwarzen. Aber davon wussten die Menschen auf der Maschine nichts. Nicht einmal Coste schwenkte seine Jakobinermütze. Wie die meisten hatte er kein Zeitempfinden. Da war keine Strecke mehr, die man unendlich oft teilen konnte, sondern eine einzig brachliegende Gegenwart. Die Zeit gleich einem unbegrenzten Feld.“

Franzobel, „Das Floß der Medusa“, Paul Zsolnay Verlag Wien, 2017.

Nicht von ungefähr verweist Franzobel gegen Ende seines Buches – als sich auch die Leiden der Menschen auf dem Floß, „ der Maschine“, ihrem Ende zuneigen – auf den französischen Schriftsteller und Diplomaten de Gobineau. Dieser stellte in seinem mehrbändigen Werk „Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen“ die These auf: „Der Mensch ist das böse Tier par excellence.“

Und alles, was auf dem Floß der Medusa, das 1816 zehn Tage auf offener See vor Westafrika trieb, geschah, scheint diesen Satz zu bestätigen: Von den rund 150 Menschen, die sich nach dem Auflaufen der Fregatte Méduse auf eine Sandbank auf ein hektisch selbstgezimmertes Floß retten konnten, überleben nur 15. Und dies nur unter unmenschlichsten Umständen: Je länger die Tortur – stechende Hitze, Durst, Hunger – anhält, desto mehr fallen die Grenzen der Zivilisation. Auf dem Floß beginnt ein Kampf ums Überleben, den nur die physisch und psychisch Stärksten bestehen.

Dass es in seinem Roman um die ganz großen Fragen geht, das verdeutlicht Franzobel bereits im ersten Kapitel, als die Brigg Argus „fünfzehn ausgemergelte Gestalten“, „Totengesichter“, wandelnde Leichen, aus dem Wasser fischt:

„Aber was sind das für Geschehnisse, die der Menschheit für alle Zeit verborgen bleiben sollten? Was ist das für eine scheinbar mit einem Fluch behaftete Geschichte, die hinter diesen fünfzehn ausgemergelten Gestalten steht? Ist sie etwas für uns? Ein Versuch, den Menschen vor Gott zu rechtfertigen? Etwas Erhabenes? Erhebendes? Niederschmetterndes? Nun, das werden wir noch sehen. In jedem Fall ist dieser „Vorfall“ etwas, das am französischen, ja, am europäischen Nationalstolz kratzt, weil er Abgründe des Menschlichen offenbart, zeigt, was mit dieser Spezies alles möglich ist. Nichts für frankophile, Rotwein trinkende, Käse degustierende Modefuzzis. Gut, die Sache liegt mittlerweile mehr als zweihundert Jahre zurück. Wir können es uns also bequem machen und uns versichern, wir sind anders, bei uns kommt sowas nicht vor. Doch ist das wirklich so?“

Dass der Erzähler hier, in dieser Art Vorspann, allwissend daherkommt, den Lesern quasi schon das Rezept zum Buch mitgibt, uns die Botschaft beinahe mit dem Holzhammer eintrichtert – dies ist im Grunde die einzige Kritik, die man zu diesem Buch, das hier und dort bereits als „epochal“ bezeichnet wurde, äußern kann.  Man muss über den Roman, der auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2017 stand und nun in der engeren Wahl um den Bayerischen Buchpreis ist, nicht mehr viel schreiben: Im Feuilleton und bei einigen Literaturbloggern erntete der österreichische Schriftsteller dafür durchwegs überaus positive bis hin zu euphorische Kritiken. Und dies zu Recht: Es ist sprachlich, stilistisch und inhaltlich ein herausragendes Werk, das die Jahre und Moden überdauern wird.

Alexander Kosenina schrieb darüber in der Frankfurter Allgemeinen, der Roman sei „eine wuchtige, oft groteske und allemal verstörende Allegorie auf die Menschennatur“:

„Insgesamt ist Franzobel ein ganz und gar ungewöhnliches Buch gelungen: Statt eines Historienbildes fügt er aus dem glücklich gefundenen und unbekümmert neu erfundenen Ereignis ein literarisches Laboratorium zusammen, das der Erforschung von Menschen im Ausnahmezustand dient.“

Quelle: FAZ, 12.09.2017

Verstörend, nachklingend, Diskussionen auslösend und dabei gepaart mit einer spürbaren Lust am Fabulieren, am Spielen mit der Sprache, am stilistischen Experiment, indem immer wieder Historie und Moderne vermischt werden (die Offiziere der Medusa vergleicht Franzobel beispielsweise physiognomisch mit Lino Ventura und Alain Delon), die Erzählerstimmen wechseln, die Schauplätze und Perspektiven, dies alles führt dazu, dass man sich nach knapp 600 fieberhaft gelesenen Seiten tatsächlich selber fragt: „Und was hätte ich getan?“.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-floss-der-medusa/978-3-552-05816-3/

Meine Bewertung für den Bayerischen Buchpreis:

Ein Plus für die Sprache:
Gewaltig wie ein Ozeansturm: Sinnlich, anschaulich, überwältigend.
Ein Plus für die Figurenzeichnung:
Tiefgründig wie das Meer: Werden manche der historisch verbürgten Personen fast schon satirisch überzeichnet, so der korrumpierte Kapitän Hughes Duroy de Chaumareys , der von andauerndem Durchfall geplagt ist, so vielschichtig werden die beiden Hauptfiguren – der Schiffsjunge Victor und der Schiffsarzt Jean-Baptiste Henri Savigny – dargestellt. Letzterer verfasste mit Alexandre Corréard 1818 einen dokumentarischen Bericht, der schließlich zu einer Verurteilung der für den Schiffbruch Verantwortlichen führte (dieses Buch wird voraussichtlich 2018 im Rahmen der Französischen Bibliothek wieder bei Matthes & Seitz erscheinen: http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/der-schiffbruch-der-fregatte-medusa-12242.html)
Ein Plus für die Struktur:
Grandios gelungen. Franzobel verwebt Vor- und Nachgeschichte des Schiffbruchs, die katastrophale Floßfahrt und ihre Auswirkungen kunstvoll mit historischen Hintergründen (Nachwirkungen der Französischen Revolution bis zur beginnenden Restauration) und Vorgriffen auf die Moderne.
Ein Plus für den Inhalt:
Unter welchen Bedingungen wird der Mensch entmenschlicht? Das ist und bleibt eine der großen Fragen der Menschheit – die uns immer wieder an unsere Grenzen führt.

Zum Bayerischen Buchpreis: http://www.bayerischer-buchpreis.de/

Bild zum Download: https://pixabay.com/de/photos/m%C3%BCnchen-odeonsplatz-statue-l%C3%B6we-4477307/

 

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Klaus Caesar Zehrer: Das Genie

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Bild von Jessica Y auf Pixabay

„Trotz seiner vierzehn Jahre war Billy immer noch weit von seinem ersten akademischen Titel entfernt. Das war angesichts der Erwartungen, die seine Leistungen als Kind geweckt hatten, enttäuschend, und gemessen an seinen Möglichkeiten geradezu skandalös. Hätte er auch nur die Hälfte der Leidenschaft seines Vaters und ein Zehntel der Energie seiner Mutter besessen, ihm wäre längst ein Doktorhut sicher gewesen.“

Klaus Cäsar Zehrer, „Das Genie“, Diogenes Verlag, 2017

 Es ist schon ein Ärgernis für manche Eltern, wenn die Kinder einfach nicht so „funktionieren“, wie man möchte. Und so plagt sich Boris Sidis gehörig mit seinem Sprössling William James herum: Gemessen an der Genialität des Vaters, dem Ehrgeiz der Mutter und den ausgetüftelten Erziehungsmethoden, die beide bereits dem Baby Billy angedeihen lassen, müsste der erwachsene William James rein theoretisch ein überaus erfolgreiches und anerkanntes Leben führen, als intelligentester Mensch Amerikas, wenn nicht gar der ganzen Welt. In der Praxis kommt es jedoch anders, als es Boris sich gedacht hat: William James entzieht sich früh dem Rummel um seine Person, flieht in unbedeutende Jobs und die damit verbundene Anonymität und wird zu Lebzeiten kaum etwas Bahnbrechendes für die Wissenschaft geleistet haben.

Denn Leben ist, was passiert, während die „Tiger-Eltern“ (erinnert sich noch jemand an das Buch von Amy Chua?) Pläne machen. Als William James sich, reichlich spät freilich, endlich verliebt, gesteht er der Angebeteten:

„Im Grunde sei er immer ein Freiheitsaktivist gewesen, erklärte er, während sie um den See spazierten, an dem der Bethseda-Brunnen lag. Früher sei es ihm in erster Linie um die Befreiung der Gesellschaft gegangen; inzwischen sei ihm aber klar geworden, dass die Gesellschaft nur befreien kann, wer selber frei ist. Deshalb sei er nun ein Freiheitsaktivist in eigener Sache, ähnlich wie die modernen Frauen, die sich gerade daran machten, das Korsett ihrer Geschlechterrolle abzulegen und sich eine selbstgestaltete Biographie zu erkämpfen.“ 

Das Tragische ist: Das Wunderkind, das programmierte Genie, kann sich weder von seiner angeborenen Intelligenz noch von seiner fürchterlichen frühkindlichen Konditionierung jemals ganz befreien. Frei fühlt er sich erst im Sterben, beim Hinübergleiten in die n-te Dimension:

„Als n gegen unendlich konvergierte, begann alles ineinander zu verschwimmen, das All und das Licht und die Liebe, und wurde ein Ganzes, eine weiche, warme Hülle, klar und transparent und doch in allen Farben leuchtend, und er wurde ein Teil des Ganzen und schwebte in Helligkeit, und sein Leib war ohne Gewicht und sein Geist ohne Qual und Leiden.

Er war frei.“

Manches Leben hat mehr von einem Roman als mancher Roman Leben hat: Das von William James Sidis (1898 – 1944) bietet jedenfalls großen Stoff für jede Form der literarischen Verarbeitung – tragisch, komisch, spannend, abwechslungsreich. Wer mehr über die Biographie dieses besonderen Sonderlings erfahren möchte, findet einen guten Überblick in diesem Kalenderblatt im Deutschlandfunk aus dem Jahre 2009:

http://www.deutschlandfunkkultur.de/der-intelligenteste-mensch-aller-zeiten.932.de.html?dram:article_id=130588

Dieses Kalenderblatt zeugt zugleich davon, wie lange sich schon der Kulturwissenschaftler, Autor und Übersetzer Klaus Cäsar Zehrer mit der Biographie dieses Ausnahmegehirns beschäftigt. Die jahrelange Recherchearbeit mündete in das Romandebüt Zehrers: „Das Genie“, ein fast 650 Seiten umfassender biographischer Roman, der nun mit auf der Shortlist zum Bayerischen Buchpreis steht.

Zehrer kam „dem Genie“, wie er dem Rundfunk in einem Interview verriet, durch eine Bestenliste auf die Spur:

„ …in dem Fall war es eine Liste der angeblich zehn intelligentesten Menschen aller Zeiten und da waren einige Namen drauf, die ich gut kannte, da war Albert Einstein drauf, da war Isaac Newton drauf, da war Leonardo da Vinci drauf, alles wohl bekannte Namen, und auf Platz eins dieser Liste war ein mir vollkommen unbekannter William James Sidis. Und ich wusste nicht, was das sein soll, aber ich ahnte schon, dass das eine interessante Geschichte sein muss.

Wenn es jemanden gibt, der diese alle offenbar in irgendeiner Art und Weise übertrumpft hat, aber man weiß nichts von ihm, muss ja irgendetwas dahinterstehen. Und ich wurde dann neugierig und habe weitergesucht und stieß dann erst mal auf die Formulierung: „das exzentrische Genie William James Sidis“. Und da war ich natürlich sofort neugierig, ein exzentrisches Genie, das muss immer etwas Spannendes sein und so war es dann auch.“

Das Gespräch in voller Länge: http://www.deutschlandfunkkultur.de/autor-klaus-caesar-zehrer-ueber-william-james-sidis-ein.1270.de.html?dram:article_id=396115

Die Begeisterung des Autoren für seinen Stoff, die intensive, sorgfältige Recherche, das ist dem Buch durchaus positiv anzumerken – doch trägt das auch über 650 Seiten, vermag es das Interesse der Leser derart zu fesseln? Und ist das Genie genial genug, um beim Bayerischen Buchpreis neben dem Medusen-Floß und im Justizpalast bestehen zu können?

Ich meine: Leider nein. Denn in dieser Überfülle an Wissen und Information, die Zehrer offenbar über Sidis angesammelt hat, liegt für mich das Problem: Er lässt seinen Stoff ausufern, überfrachtet den Roman durch Detailtreue und Genauigkeit. Man weiß am Ende mehr über Straßenbahnfahrtkarten, die William James sammelt (nur eine seiner verschrobenen Angewohnheiten), als man wissen möchte. Man verliert beim nächsten verhaltenskreativen Auftritt des Mr. Sidis zunehmend an Empathie, die man für die Hauptfigur zu Beginn entwickelt hat. Der nächste zwischenmenschliche Fettnapf, das nächste kommunikative Debakel, das das Genie erlebt, ist zwar biographisch wohlbelegt, doch für den Erzählfluss nicht unbedingt hilfreich. Kurzum: Das Tragisch-Komische, das Exzentrische, das zu Beginn des Romans den Erzählmodus trägt, verblasst mehr und mehr mit der allzu detaillierten Beschreibung aller Irrwege des traurigen Mr. James.

So spannend das Leben des William James Sidis auch war – dem Roman selbst fehlt ein Spannungsbogen. Da tröstet auch der flüssige Schreibstil von Klaus Cäsar Zehrer, der auch durch die „Titanic“ und die Zusammenarbeit mit Robert Gernhardt geschult zu sein scheint, leider nicht über eine gewisse Langatmigkeit ab der Mitte des Buches hinweg. Zumal der Stil im Vergleich zu den beiden weiteren Shortlist-Kandidaten auch, trotz dezent satirischer Anklänge zu Beginn des Buches, eher konventionell ist.

Meine Bewertung für den Bayerischen Buchpreis:

Ein halbes Plus für die Sprache:
Vor allem zu Beginn des Romans trifft Zehrer mit seinem humorvollen, klugen Ton mitten in das Herz dieser tragisch-komischen Geschichte. Leider trägt dies nicht das ganze Buch.
Ein Plus für die Figurenzeichnung:
Erstklassig, trotz Redundanzen – aber man meint beinahe, man sei an der Seite des Wunderjungen aus Brookline aufgewachsen.
Ein halbes Plus für die Struktur:
Chronologisch, allerdings umfasst allein schon die Vorgeschichte von der Ankunft des ukrainischen Vaters im „gelobten Land“ bis zur Heirat der Eltern und der Geburt des Wunderkindes rund 150 Seiten. Man ahnt bereits da: Das kurze Leben des William James Sidis wird breit erzählt – manchmal zu breit, zu detailreich.
Ein Plus für den Inhalt:
Ist schon das exzentrische Genie fabelhafter Romanstoff, so bietet Zehrer noch einige Extras mehr – Einblicke in die Entwicklung der Psychologie in den USA, der universitären Forschung, in Politik, Zeitgeschichte und die Anfänge Digitalisierung und als Extra-Bonus für den, der es mag, in die Entwicklung des Straßenbahnnetzes amerikanischer Städte.
Extra-Plus: 1a Filmvorlage.


Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.diogenes.ch/leser/titel/klaus-caesar-zehrer/das-genie-9783257069983.html

Besprechung bei meinem Bayr. Buchpreisblogger Kollegen Marius:
http://buch-haltung.com/klaus-caesar-zehrer-das-genie/

Zum Bayerischen Buchpreis:
http://www.bayerischer-buchpreis.de


 

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Jürgen Goldstein: Blau

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Bild von frankspandl auf Pixabay

„Am Anfang war kein Blau. Die Höhlenmalereien unserer Vorfahren, entstanden vor Zehntausenden von Jahren kennen Rottöne, sie schwelgen in Braun und Ocker, für sie wurde Schwarz verwendet – nicht aber Blau. Das ist weder Zufall noch ein reiner Mangel an blauen Farbstoffen: Blau scheint lange Zeit in der Entwicklungsgeschichte des Menschen eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. Michel Pastoureau nennt es im Rahmen der europäischen Geschichte die „unauffällige Farbe“ und verzeichnet erst ab dem 12. Jahrhundert einen Bedeutungszuwachs.“

Jürgen Goldstein, „Blau. Die Wunderkammer seiner Bedeutungen“, Matthes & Seitz Berlin, 2017

Am Anfang war kein Blau. Und heute? Alle tragen Blue Jeans. Weit hergeholt, diese Assoziation? Dann sollte man sich von Jürgen Goldstein zum Lesen verführen lassen: Denn „Blau“ ist ein Buch, das seine Leser klug und intelligent auf eine überraschende Reise mit überraschenden Wendungen ins Blaue hinein mitnimmt.

In der Einführung zu seiner wunderbaren Essaysammlung spricht Jürgen Goldstein über das Glück des Flaneurs, „kein Ziel haben zu müssen.“ Die Lebenskunst, eine „souveräne Absichtslosigkeit“ auszuüben, sie kommt in unserem durchgeplanten Alltag oftmals zu kurz. Selbst das Lesen – das eine besondere Art des horizonterweiternden Müßiggangs sein könnte – fällt häufig einem Zwang zur Effizienz zum Opfer: Es soll uns weiterbringen, Wissen erweitern, Anstöße geben und ein Sachbuch sollte möglichst mit neuen Forschungsergebnissen oder zumindest mit innovativen Hypothesen aufwarten.

Dem Zwang zur zielgerichteten Optimierungslektüre nimmt der kluge Autor Goldstein mit seinen kulturphilosophischen Texten von vornherein jede Grundlage, so ganz anders ist dieses „Blau“ angelegt – nämlich als „Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen“.

Der Professor für Philosophie, 2016 für sein Buch über Georg Forster mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet, lädt die Leser zum Flanieren ein, zu einem kulturgeschichtlichen Bummel auf den Spuren der Farbe „Blau“. Eine literarische Fahrt ins Blaue im besten Sinne – ohne eindeutiges Ziel, ein Vorbeischlendern, ein Verharren, Pausieren dort, wo es einem gefällt, um am Ende des Tages (Buches) wie Picasso sagen zu können:

„Ich suche nicht – ich finde.“

Dieses Zitat führt nicht von ungefähr in den Prolog ein: Jürgen Goldstein möchte sein Buch als „Wunderkammer“, wie es sie in der Spätrenaissance und dem Barock gab, verstanden wissen: „Refugien“ des Außergewöhnlichen, die beim Betrachter Staunen, Neugier auf das Fremde und kulturellen Wissensdurst anregen sollten.

Die Wunderkammern fielen dem modernen Systematisierungsdrang der Museen zum Opfer. „Man geht wohl nicht zu weit, wenn man in dem Untergang der Wunderkammern den symbolischen Ausdruck eines bedenklichen Siegeszuges des modernen Ordnungswillens erkennt.“ Eine Entwicklung, die Goldstein für „unseren Umgang mit Kultur“ für „verheerend“ hält, sei doch Kultur „vom Prinzip her auf Vielfalt angelegt“.

Der durchstrukturierten Kulturvermittlung setzt Goldstein nun also eine blaue Wunderkammer entgegen:

„Mit dem eigenwilligen Ordnungsprinzip der Wunderkammer ist nun eine Möglichkeit eröffnet, nicht nur Dinge, sondern auch Bedeutungen von Dingen und Phänomenen so zu gruppieren, dass sie sich gegenseitig in verblüffenden Konstellationen ergänzen.“

Keine durchstrukturierte, chronologisch angeordnete Kulturgeschichte des „Blaus“ also, sondern ein assoziativer Spaziergang ins Blaue – dass Blau als Farbe erst allmählich Bedeutung gewann, dies erfährt man so nebenbei. Wobei dies dem Prinzip des Bandes entspricht – Wissenstropfen, die an geeigneter Stelle fallen gelassen werden, die dazu anregen, weiterzulesen, selbst weiter zu recherchieren, vor allem aber: selber zu denken.

Und tatsächlich lassen sich zwischen den einzelnen Texten rund um die Farbe Blau, die zunächst so lose nebeneinander stehen, trefflich blaue Seidenfäden spinnen, ergibt das Ganze ein eng verwobenes Blaumuster. Vom unverstellten Jubel der Astronauten der Apollo 8, als sie das erste Mal den blauen Planeten in seiner Pracht sehen, über die Bedeutung des „Blue Moon“ bis hin zu Frida Kahlos blauem Haus, in dem die Künstlerin schmerzensgeplagt auf ihr Ende wartet und hofft, „nie wiederzukehren“, spannt sich der thematische Bogen. Der vor allem zeigt, wie in der Kultur des 20. Jahrhundert die Farbe Blau mit Bedeutungen und Zuschreibungen aufgeladen wurde.

Blaustimmungen: Der Blues transportierte sie, der Jazz, die Rhapsodie in Blue. Das Blau als die Farbe des humorvollen Widerstands bei Yves Klein, der Lebensbejahung über den Tod hinaus bei Paul Klee, als Farbe der unstillbaren Sehnsucht der Romantiker. Goldstein streift durch die Künste, erzählt – immer elegant-schwungvoll – von den „Blue Notes“, den „Blue Jeans“, von „Kind of blue“, verknüpft geschickt Literatur, Musik, Bildende Kunst und Zeitgeschichte. Die Eigenwilligkeit des Autors zeigt sich unter anderem an einer bemerkbaren Leerstelle: „Der blaue Reiter“, den wahrscheinlich jeder kulturell Interessierte in einem Buch wie diesem erwartet, er wird nur ganz am Rande, in Zusammenhang mit Else Lasker-Schülers blauem Klavier erwähnt.

Man vermisst den blauen Reiter nicht zwingend: Die Welt hat so viel mehr an Blautönen zu bieten. Jürgen Goldstein stellt ein Zitat von Uwe Kolbe voran:

„Wer nach dem Blau fragt, der meint das ganze Leben.“

Verlagsinformationen zum Buch:

http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/blau.html

Meine Bewertung für den Bayerischen Buchpreis:

Ein Plus für die Sprache: Königsblau! Jürgen Goldstein schreibt elegant, flüssig, sinnlich.

Ein Plus für die Struktur: Dunkelblau! Das Buch hält, was es verspricht – es ist eine Wunderkammer zum Stöbern, Entdecken und Wiederfinden. Schön für den autonomen Leser, für Flaneure, für Genießer. In sich eigenständige Texte, die für sich gelesen werden können und doch durchzieht ein logischer blauer Faden das gesamte Werk.

Ein Plus für den Inhalt: Azurblau! Ultramarin! Lapislazuli! Es ist einfach ein Lesevergnügen, Jürgen Goldstein über so verschiedene Menschen wie Albert Camus, Virginia Woolf, Patti Smith, Bob Dylan und viele mehr plaudern zu „hören“.

Ein kleines Minus: Himmelblau mit Wolken! Obwohl in blaues Leinen gebunden, wartet das Buch „nur“ mit Schwarzweiß-Abbildungen auf – wer den Mond, die „Nacht-Blüte“ Paul Klees oder Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ in aller Farbenpracht sehen will, ist daher auf andere Quellen angewiesen.

Fazit: Eine große Empfehlung meinerseits – mit diesem Band lässt es sich wunderbar blaumachen!

Zum Bayerischen Buchpreis: http://www.bayerischer-buchpreis.de/

Bild zum Download: https://pixabay.com/de/photos/m%C3%BCnchen-odeonsplatz-statue-l%C3%B6we-4477307/

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Petra Morsbach: Justizpalast

„Das ist also unsere Gerechtigkeitsfabrik: am Ende hoher, höhlenartiger Zimmer sitzen Richter wie Grottenolme auf Papierbergen, jeder für sich. Nach drei Wochen Aktenwühlerei fragte Thirza Frau Meindl nach den offenen Verfahren der beiden Kollegen und erhielt die Antwort: hundertdreißig und hundertfünfundvierzig.“

Petra Morsbach, „Justizpalast“, Knaus Verlag, 2017.

Ein Richter, eine Richterin, so lautet die hehre Vorstellung, müsse möglichst frei sein von sozialen und beruflichen Problemen, um sich die innere Unabhängigkeit bewahren zu können. Wer Recht sprechen und Gerechtigkeit ausüben will, sollte schon per se einen möglichst ausgeglichenen Charakter mitbringen, Intelligenz und Einfühlungsvermögen gleichermaßen in die Waagschale der Justitia werfen.

Aber Richter sind auch nur Menschen. Dies lehrt uns der jüngste Roman von Petra Morsbach, der mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2017 von Deutschlandradio und der Stadt Braunschweig ausgezeichnet wurde und auf der Shortlist zum Bayerischen Buchpreis steht, auf amüsante, ironische Art und Weise.

Die Schriftstellerin zeichnet das Portrait einer bayerischen Richterin von der Kindheit bis zum Berufsende. Das Parkett des Gerichtssaals erhält so einen doppelten Boden: Da ist zum einen die überlastete Fleißarbeiterin im Bienenstock der Justiz, die sich in einer Männerwelt durchzusetzen hat und erst spät ihr privates Glück findet. Und zugleich gibt der gut recherchierte Roman einen Einblick in das Wesen der deutschen Rechtsprechung, der einem schon die eine oder andere Illusion zu rauben vermag.

Über neun Jahre hat Petra Morsbach für das Buch recherchiert, Dutzende von Richtern befragt: Eine Hintergrundarbeit, die sich bezahlt gemacht hat. Der Roman, der nicht linear erzählt ist, birgt ein ganzes Kaleidoskop von Typen in sich: Vom staubtrockenen, lebensfeindlichen Juristen über den Idealisten, der die Justiz als Bastion des zivilisierten Miteinander verteidigt bis hin zum Opportunisten, der, wenn es seiner Sache dient, sich auch der politischen Einflussnahme beugt.

Für Thirza Zorniger, selbst Kind einer chaotischen Künstlerehe, beim schweigsamen, verbitterten Großvater, der unter Hitler „Recht“ sprach, aufgewachsen, ist das Recht vor allem Bändigung des chaotischen Lebens. Als junge Frau lautet ihr Leitmotiv:

„Recht sprechen! Denn Thirza wollte für Gerechtigkeit sorgen.“

Es ist nicht so, dass der Juristin im Laufe ihrer Karriere – Zivilrichterin am Amtsgericht, Staatsanwältin, Beisitzerin am Landgericht in einer Zivilkammer im Justizpalast, Familienrichterin am Amtsgericht, Oberregierungsrätin im Justizministerium und schließlich Vorsitzende Richterin am Landgericht in einer Zivilkammer – der Gerechtigkeitssinn verloren ginge. Er wird eher zeitweise in den Mühlen der Justiz etwas klein gemahlen: Vom hohen Anspruch hin zur täglichen Kärrnerarbeit. Wie es hintern den Türen des Justizpalastes zugeht, das beschreibt Petra Morsbach mit viel trockenem Humor, pointiert und mit Sinn für das Absurde:

„Bei uns gehen die Regalhalter kaputt, und die Regale stürzen ab. Es braucht ein halbes Jahr, bis ein Handwerker kommt. Wie können wir die Würde des Gerichts vertreten, wenn uns die Verwaltung so würdelos behandelt?“

In mancher Rezension wurde das Buch trotz allgemein guter Kritiken als „überfrachtet“ und „überladen“ bezeichnet – ein Urteil, das ich nicht teilen kann. Die Erzählweise von Morsbach trägt auch durch enervierende Gerichtsverhandlungen mit enervierenden Angeklagten und noch mehr enervierenden Anwälten, der sanft ironische Ton macht auch Laien das trockene Gerichtswesen erträglich. Tatsächlich ist „Justizpalast“ in meinen Augen ein gelungenes Abbild deutscher Rechtsprechung, gefangen zwischen dem Ideal und den täglichen Plagen. Stark wird dies jeweils dort, wo die ruhige, besonnene Thirza mit ihrem temperamentvollen Kollegen Blank diskutiert:

„Genug“, sagte Thirza. „Wir sind kein Sachbuch. Was hat das alles in einem Roman zu suchen?“ „Liebe Kollegin! Kardinalfrage! Wie geht die Justiz mit Mächtigen um, die das Recht beugen? Justiz hat idealerweise für Gerechtigkeit zu sorgen und die Rechte der Schwachen gegen die Gier der Starken zu verteidigen. Der Urzustand ist Gewalt. Wenn man dabei bleiben will, braucht`s keine Justiz.“

Der Roman als Verteidigungsschrift und als Bestandsaufnahme: Erst vor kurzem machte der Vorsitzende des Deutschen Richterbundes, Jens Gnisa, darauf aufmerksam, dass auf die Justiz ein erhebliches Personalproblem zukommt: Rund 40 Prozent aller Richter und Staatsanwälte gehen in den nächsten 15 Jahren in den Ruhestand, zugleich aber knirsche es jetzt schon aufgrund der Überlastung der Gerichte an allen Ecken und Ende, Nachwuchs kommt kaum nach.

Vor diesem Hintergrund ist das Buch von Petra Morsbach auch von brennender Aktualität. Denn im Ernst: Trotz aller Unzulänglichkeiten des Gerichtswesens – wie sähe unsere Gesellschaft aus ohne die „Grottenolme“ der Justiz, ohne die Frauen und Männer im Talar?

Lassen wir nochmals Thirza Zorniger und Blank – ganz am Ende des Romans – zu Wort kommen, freuen sich über einen Sieg der Justiz über die Politik:

„Nur drei Sätze, weil sie ermutigend sind! Wissen Sie, unser Staat hat doch einige Juristen hervorgebracht, die funktionieren. Das Unrecht geht immer weiter, aber das Bemühen um Gerechtigkeit auch! Darf ich?“, fragte Blank erwartungsvoll. Auch Blank freute sich. Beide, die angeschossene Richterin und der ramponierte Schicksalsgefährte, saßen auf der spartanischen Sitzgruppe im toten Ende des Ganges und freuten sich. „Wunderbar“, sagte Thirza. „Wenn das ein Roman wäre, müsste er hier enden.“

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Justizpalast/Petra-Morsbach/Knaus/e336781.rhd

Meine Bewertung für den Bayerischen Buchpreis:

Ein Plus für die Sprache: Ich mag lakonischen, trockenen Humor, hier trifft Petra Morsbach bei mir voll ins Schwarze.
Ein Plus für die Figurenzeichnung: Lebendige Charaktere, auch Sympathieträger(innen) mit Ecken und Kanten.
Ein Plus für die Struktur: Komplex, trotz nichtlinearer Erzählweise ergeben die Sprünge und Rückblenden ein rundes Ganzes.
Ein Plus für den Inhalt: Die großen Fragen werden aufgeworfen: Die nach Recht und Gerechtigkeit, die Rolle von Justiz und Politik, die Rolle der Frau (Thirza beschäftigt sich im Studium mit Gustav Radbruch, der 1922 das „Gesetz über die Zulassung der Frauen zu den Ämtern und Berufen der Rechtspflege“ erließ.
Ein Plus für gesellschaftliche Relevanz: Aktuelle, wichtige Thematik (Arbeitsbelastung und Personaldünne in einer der wichtigsten Säulen des demokratischen Rechtsstaates), die so in den Fokus von Leserinnen und Lesern gerückt wird.
Und, als Blödel-Plus: Zwar werden mit dem Bayerischen Buchpreis deutschsprachige Neuerscheinungen gewürdigt, aber nachdem der „Justizpalast“ in München spielt, gewinnt Petra Morsbach für mich als bayerische Buchpreisbloggerin natürlich einen Heimvorteil. Bevor bei uns noch ein Österreicher gewinnt!

Zum Bayerischen Buchpreis: http://www.bayerischer-buchpreis.de/


 

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