VERA SCHINDLER-WUNDERLICH: Langsamer Schallwandler

“Langsamer Schallwandler” ist der Titel des neuen Lyrikbandes von Vera Schindler-Wunderlich. “Vom Beischalten des Mondes” bis zu einem “Stundenbuch” nehmen die Gedichte einen mit auf eine labyrinthische Text- und auch Selbstbefragung.

Kkann ichh nicht spre? Der Rhein
strömt und singt, ich aber grab
im Gesetz und find Vorsätzliches
Verursachen einer Überschwemmung
oder eines Einsturzes, eines Schallwandels,
einer Geburt oder eines

krumm schwimmenden Gedichts.

Auszug aus dem Gedicht “Art. 227 Ziff. 1 Abs. 1”, Vera Schindler-Wunderlich, “Langsamer Schallwandler”

In der Laudatio zum Schweizer Literaturpreis 2014 für die deutsch-schweizerische Lyrikerin Vera Schindler-Wunderlich hieß es:
“Genuin und gelehrt kommen die Gedichte von Vera Schindler-Wunderlich daher: vor allem aber schwungvoll. Rhythmus und Treffsicherheit prägen ihre Verse; sie erzählen Geschichten, die uns wie Bilder- und Worträtsel begegnen. Zeichen und Wunder. Solche Rätsel wollen aufgeschlüsselt sein. Nach und nach geben sie Teile von Sinn preis, voller Ernst und – auch – Humor. Sprachspiel und Sprachkritik verfliessen in der Musik dieser Lyrik.”

Die Schriftstellerin, die mit “Dies ist ein Abstandszimmer im Freien” (2012) ihren ersten Lyrikband veröffentlichte, lässt sich Zeit mit ihrer Poesie. 2016 folgte “Da fiel ich in deine Gebäude” und nun, ganz aktuell, der neue Lyrikband “Langsamer Schallwandler”. In der Zwischenzeit publizierte sie regelmäßig Gedichte in Zeitschriften und Anthologien. Einige Gedichte wurden ins Französische, Italienische, Rätoromanische, Englische, Spanische, Slowenische, Indonesische und Arabische übersetzt.

“Vera Schindler-Wunderlich hat bisher zwei sehr beachtete Lyrikbände vorgelegt mit Gedichten, die sich ähneln in ihrem starken lyrischen Duktus. Nun hat sich ein Schallwandler in ihre Poesie hineingeschoben, es ergibt sich ein neuer Ton”, schreibt die Lyrikerin Lioba Happel in ihrer Nachbemerkung zu diesem aktuellen Lyrikband. Etlichen der hier vorgelegten Texte, ob im experimentellen oder im eher vertrauten Stil gehalten, liege etwas zugrunde, was schon früher bei der Dichterin anklang: “eine feine Selbstbefragung der Zeilen”. So entstünden immer wieder neu zu begehende Textlabyrinthe, sei es über Alltägliches, sei es über Abgründiges. Diesem freien Fluss der Worte und Gedanken entspricht auch die typographische Gestaltung der Texte – eine Lyrik, die im mehrfachen Sinne manches auf den Kopf stellt.

Zur Autorin:

Bild: Sharon Stucki, Select

Vera Schindler-Wunderlich, Jahrgang 1961, gebürtig aus Solingen (Deutschland). Seit 1994 berufstätig in der Schweiz, seit 2000 dort wohnhaft, seit 2009 Doppelstaatsbürgerin.

1980-1988: Studium der Musikwissenschaften, Romanistik und Anglistik in Köln, Aberdeen und Freiburg im Breisgau. Wissenschaftliche Abschlussarbeit über die Lyrik von Gerard Manley Hopkins. 1989 Weiterbildung zur Fachzeitschriftenredakteurin.

1990 – 2023: Tätig als Zeitschriftenredakteurin, Lektorin, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Protokollführerin, 18 Jahre bei den schweizerischen Parlamentsdiensten.
2008-2012: Redakteurin bei der Literaturzeitschrift „orte“.
Seit 2023: Freie Autorin und Lektorin.

Lyrikbände:

2012: “Dies ist ein Abstandszimmer im Freien”, edition pudelundpinscher
2016: “Da fiel ich in deine Gebäude”, edition pudelundpinscher
2022: “Langsamer Schallwandler”, edition pudelundpinscher

Förderungen, Anerkennungen:

2014 Schweizer Literaturpreis
2016 Werkbeitrag des Fachausschusses Literatur beider Basel
2020 nominiert für den Publikumspreis des Feldkircher Lyrikpreises
2020 Werkbeitrag der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia
2021 Werkbeitrag des Fachausschusses Literatur beider Basel


Stimmen zum Buch:

“Vera Schindler-Wunderlich hat mit ihrem dritten Gedichtband ‚Langsamer Schallwandler‘ ein fulminantes Sprachangebot vorgelegt. … Schon die erste Strophe des ersten Gedichts “Ja wenn wir Summen” ist dynamisch, voller Geheimnis und besticht mit Neologismen.” – Axel Helbig in Ostragehege, Heft 108

“Die 1961 in Solingen geborene Dichterin bietet auch eine beachtliche sprachliche und thematische Vielfalt.” – Rolf Birkholz im Literaturmagazin “Am Erker”, Nr. 84

“Ein Blick auf den Titel lohnt sich zur Einstimmung. ›Schallwandler‹ wandeln, gemäss Lexikon, akustische Signale in elektrische Spannung respektive umgekehrt elektrische Spannung in akustische Signale um. Wir kennen den Vorgang vom Mikrofon respektive vom Lautsprecher. Bei dieser Umwandlung können sich gerne Effekte wie Knistern, Aussetzer oder Nachhall einnisten, was die reibungsfreie Wiedergabe stört. Auf ihre Art spielt Vera Schindler-Wunderlich damit, wenn sie, sagen wir, alltägliche Eindrücke und Erfahrungen in freie Verse umwandelt.” – Beat Mazenauer bei viceversaliteratur

“Aus allem vermeintlichen Nicht-Sprechen entsteht aus diesem Gedichtband ein Kosmos aus Bildern und polyphoner Sprachmusik, in den sich der Leser, die Leserin hineinziehen lässt.” -Susanne Mathies in »orte – Schweizer Literaturzeitschrift«, März 2023

“Sprache als Versuch einer Reaktion, eines Verbindungsaufbaus – in den Gedichten von Vera Schindler-Wunderlich komme ich mir zeitweise wie in einem Labor vor: jeder Satzteil wie die entnommene Probe eines bisher unbekannten Stoffs, den man mit anderen Stoffen frei, und gleichsam kontrolliert, reagieren lässt.”Timo Brandt bei Lyristix

“Die Gedichte dieses Lyrikbandes treten in ein Gespräch mit sich selbst und mit den LeserInnen. Sie loten in vielen verschiedenen Formen mit verschobenen Zeilen, Leer-Räumen, Einschüben, Wellenbewegungen und weiteren Kapriolen das Leben der Menschen und das der Worte aus.” – Petra Lohrmann bei “Gute Literatur – meine Empfehlung”

“Ja, das ist es: ein Buch der Funken, ein funkensprühendes Sprachkunstwerk, Verse, oft als Brücken gebaut, um schlafwandlerisch sicher über die Abgründe des hinterhältigen Alltags zu wandeln: Nein, ohne den Schall der Sprache geht gar nichts … wo stünd ich denn ohne die Wörterwürze, die ich beim Lesen schmecke? …” – Theo Breuer, LITERATOUR 2022, Edition Ye


Bibliographische Angaben:


Vera Schindler-Wunderlich
Langsamer Schallwandler
Gedichte
Fadengeheftete Klappenbroschur
108 Seiten, 17.6 x 13.2 cm
Umschlagentwurf: Georg Mayr-Nusser
ISBN 978-3-906061-31-3

Edition pudelundpinscher
A1 Puntígn 4, CH-6682 Linescio
Email: post@pudelundpinscher.ch
www.pudelundpinscher.ch


Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für den Verlag

Hansjörg Schneider: Hunkeler in der Wildnis

Auch in seinem zehnten Hunkeler-Fall zeichnet Hansjörg Schneider wieder ein ganz besonderes Sittengemälde der Schweizer Gesellschaft.

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Hunkeler blickt hinter die schönen Basler Fassaden. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

„Dies war die schönste Zeit des Tages, wenn er aus tiefer Nacht erwachte und erkannte, dass alles in Ordnung war. Die Welt der Träume, der er dann manchmal entstieg, war ganz und gar nicht in Ordnung. Er wusste das, obwohl er sich beim Erwachen kaum je an einen genau umrissenen, erzählbaren Traum erinnern konnte. Bloß an beängstigende Unordnung, in der alles Vernünftige aus den Fugen geraten war.“

Hansjörg Schneider, „Hunkeler in der Wildnis“


Es hat etwas Beruhigendes, den Hunkeler zu lesen.

Beruhigungsfaktor Nummer eins: In seiner Bärbeißigkeit, seiner Misanthropie ist der Hunkeler eine Konstante. In seinem zehnten Fall nun zwar im Ruhestand, bleibt er immer noch genervt von den Kollegen, den Mitmenschen, den Umständen des Lebens überhaupt. Das Granteln und Grummeln deutet jedoch auf eine besondere Feinfühligkeit hin, die nur ausgeglichen werden kann durch weitläufiges Spazierengehen, stundenlanges Sitzen bei einem Wein vor dem Haus, durch Steingeschosse in die Fenster der laut feiernden Nachbarn (dass das Geschoss versehentlich das Fenster eines verschreckten alten Ehepaares zertrümmert, bringt die seelische Konstruktion wieder gefährlich ins Wanken).

Beruhigungsfaktor Nummer zwei: Manchmal schielt man neidvoll auf die eidgenössischen Nachbarn, bei denen so manches anders, aber nach außen hin immer so proper erscheint. Der Hunkeler mit seinem großen Verständnis für die Abgehängten, Abseitigen, Verwirrten, er nimmt einen mit hinter die Fassaden. Beispielsweise ins Basler „Milchhüsli“, eine Kneipe, wo schon einmal ein Betrunkener auf dem Boden pennt. Man lernt mit dem Alt-68er Hunkeler: Die Schweiz hat ihren Reiz, aber eben nicht für jeden. Jede Gesellschaftsordnung, die auf Konsum und Kapital basiert, produziert auch ihre Opfer. Um die sich der Hunkeler dann, Ruhestand hin oder her, kümmert.

Blick auf das abseitige Basel

Beruhigungsfaktor Nummer drei: Hunkeler-Krimis zu lesen, das ist immer mehr, als „nur“ einen Krimi zu lesen. Das „literarische Gewissen“ darf sich beruhigend einlassen – das ist mehr als bloße Spannungsliteratur (das ist es im Grunde sogar am wenigsten), sondern immer auch Gesellschaftskritik, Philosophie, Lebenskunst. Meist rutscht der Kriminalfall nach hinten, in diesem, dem zehnten Fall sogar ein bisschen zu sehr: Der Tod eines Kritikers (das löst bei Walser-Lesern zunächst einen Schreckmoment aus) wird beinahe linker Hand aufgelöst, ist im Grunde nur der Rahmen. Hansjörg Schneider lässt seinen brummigen Ermittler diesmal mäandern durch Stadt (Basel), Land (Elsass) und Fluss (eine Runde im Rhein zu schwimmen, gehört da einfach dazu) und führt seine Leser somit in ganz verschiedene Lebenswelten, die von obdachlosen Ex-Kommunisten, streunenden Stadt-Indianerinnen, von Alkoholikerinnen und ätherisch scheinenden Künstlerinnen bewohnt werden. Geschickt verknüpft Schneider Gegenwart und Vergangenheit, zeigt auf, wie die Verstrickungen der Menschen während des Nationalsozialismus auch heute noch im Drei-Länder-Eck nachwirken.

Hunkeler zu lesen, das ist auch eine Übung in Entschleunigung. So unzulänglich einem die Welt da draußen auch erscheint, nach einigen Stunden mit dem philosophierenden Ex-Kommissar kommt man wieder in seine Mitte. Ohm. Ein Fazit, das auch Sylvia Staude von der Frankfurter Rundschau zieht:

„Allemal geht es bei Hansjörg Schneider mehr um Lebensphilosophie in schweizerischer Gelassenheit und leiser Melancholie, als um einen Whodunnit. Die Sache mit dem toten Kritiker ist bald nur ein Nebenbei. Und es stimmt schon, dass Hunkeler auch aufbrausend sein kann. Aber als Leserin kommt man mit ihm zur Ruhe, wird trotzdem nicht im Seichten unterhalten.“


Weitere Besprechungen gibt es bei:

Krimi-Couch
arcimboldis world

Informationen zum Buch:

Hansjörg Schneider
Hunkeler in der Wildnis
Diogenes Verlag, 2020
ISBN: 978-3-257-07097-2