Lukas Bärfuss: Koala

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Bild von sarah_00 auf Pixabay

„Nur für diesen Zweck wurde der Mensch erschaffen:
Zu lehren, wer eine einzige Seele zerstört,
Zerstört die ganze Welt.
Und wer eine einzige Seele rettet,
Rettet die ganze Welt…
Deshalb kann der Mensch sagen:
Die Welt wurde um meinetwillen erschaffen.“

Aus dem Talmud.

Die Weltgesundheitsorganisation hat 2003 den 10. September zum jährlichen Suizidpräventionstag ernannt. Aus gutem Grund: Jedes Jahr nehmen sich mehr als eine Million Menschen nach offiziellen Angaben weltweit das Leben, in Deutschland sterben 10.000 Menschen jedes Jahr durch Suizid – mehr als durch Verkehrsunfälle. Der Präventionstag soll dazu beitragen, Suizide zu verhindern, Menschen in Krisen zu helfen. Aber auch, so ebenfalls ein Anliegen der Aktionen, die an diesem Tag stattfinden, den Angehörigen Beistand leisten – denn ein Suizid hinterlässt Fragen, ist mit Schuld, Scham und Selbstvorwürfen behaftet. Auch wer zurückbleibt, braucht Hilfe und Unterstützung.

Dennoch ist die Selbsttötung immer noch in gewisser Weise auch ein gesellschaftliches Tabuthema. „Suizid ist eine Todesart, die häufig vorkommt, aber die auch häufig verschwiegen wird“, sagt die Leiterin der Bundesgeschäftsstelle der Selbsthilfeorganisationsgruppe für Angehörige nach Suizid (AGUS), Elisabeth Brockmann. Auch mit den Angehörigen darüber zu sprechen, kann helfen, meint die Fachfrau.

Sprechen, nicht schweigen. Auch schreiben, nicht schweigen, kann ein Versuch sein, mit diesem schwer erträglichen Lebenseinbruch umzugehen. Lukas Bärfuss hat diesen Versuch mit seiner romanhaften Erzählung „Koala“ nach dem Suizid seines Bruders unternommen. Wie im Leseheft zur Longlist zum Deutschen Buchpreis 2014 zu lesen ist, hat das Nachdenken jedoch kaum dabei geholfen, mit der Erschütterung zurande zu kommen, im Gegenteil, sagt Bärfuss:

„Die literarische Auseinandersetzung mit einem Thema vertieft die Wunden und vergrößert die Fragen.“

In einem Interview mit der „Welt“ sagt Bärfuss dagegen:

„Ich muss mit dieser Tat umgehen und entwickelte mit der Zeit eine Faszination für die eigene Sprachlosigkeit. Ich habe keinen Austausch gefunden, mit niemanden, obwohl es einige Menschen in meiner Bekanntschaft gibt, die auf diese Weise jemanden verloren haben.“

Also dennoch: Schreiben über das Unerklärliche ist besser doch als Schweigen, als Verdrängen, als Wegschieben – denn die Fragen, die auch Bärfuss in seinem schmalen Buch benennt, holen immer wieder ein. Dazu nochmals Elisabeth Brockmann:

„Suizid ist eine Todesart, die sehr viel mit dem eigenen Leben zu tun hat. Man fragt sich: Hab` ich versagt? Hab` ich etwas übersehen? Warum lässt du mich allein?“

Lukas Bärfuss, 1971 in der Schweiz geboren, wird vor allem als Dramatiker und Theaterautor gefeiert, aber auch sein 2008 erschienener Debütroman „Hundert Tage“ wurde zu einem großen Erfolg. Umso schwerer taten sich nun etliche Kritiker mit diesem sehr persönlichen Buch, zu unfassbar die Form der Erzählung, so wenig in Schubladen einzuordnen, schwankend zwischen einer Autobiographie, Historischem und Naturgeschichte. Von Euphorie bis zum Verriss (ein für mich enttäuschend unverständiger, oberflächlicher Artikel in der Zeit) reichen die Stimmen der Feuilletonisten. Wenig verwunderlich also, dass „Koala“ es nicht in die Shortlist zum Buchpreis geschafft hat.

Aber was soll`s: Das Lesen und Leben lässt sich nicht in Listen messen. Das Leben lässt sich nicht mal überlisten. Denn: Ob auch der „Freitod“ (ein schreckliches Wort, sind doch jene Menschen, die ihn begehen, zuvor alles andere als frei und ist es fraglich, ob „danach“ die Freiheit kommt) ein Ausweg ist, eine Befreiung, auch dies zählt zu den großen Fragen, die sich nicht beantworten lassen. Und um die dieser im Grunde hochphilosophische Roman kreist. „Koala“ ist ein Buch, das in mir lange nachwirken wird – und deshalb von mir meinen ganz persönlichen Buchpreis erhält.

Und nun zum Versuch einer strukturierten Wiedergabe und Auseinandersetzung:
„Koala“, 2014, Wallstein Verlag – hier die Verlagsangaben zum Buch:
http://www.wallstein-verlag.de/9783835306530-lukas-baerfuss-koala.html

Bärfuss trifft bei einem Vortrag in seiner Heimatstadt über einen der berühmtesten Selbstmörder der Literatur – Heinrich von Kleist – ein letztes Mal seinen Halbbruder. Sie sind sich fremd, haben sich wenig zu sagen. Wochen später erreicht ihn die Nachricht über den Suizid des Bruders, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit beginnt, es setzen die Selbstvorwürfe über die Entfremdung ein, die ganzen Emotionen kommen hoch, die Angehörige durchleben. Schonungslos, auch sich selbst gegenüber, dabei die Sprache des Schriftstellers:

„Und wenn auch die Gründe privat sein mochten, der tote Körper war öffentlich, eine Verwaltungssache, eine gesellschaftliche Affäre. Eine Leiche musste aus dem Haus in die Gerichtsmedizin getragen werden. Es würde eine Akte anzulesen sein, doch selbst wenn die Leiche verbrannt oder vergraben war, blieb der Tote eine unerledigte Sache. Man wurde mit einem Selbstmörder nicht fertig, niemals. Daran entzündete sich mein Zorn, ich war wütend, dass ich mich nicht mit den Kindern an den Gämsen erfreuen konnte, die hoch oben von Fels zu Fels sprangen, sondern stets von neuem in den Mahlgang der Gedanken gezwungen wurde.“

Der Mahlgang der Gedanken kreist um das Motiv: Der Bruder einer, der sich dem System verweigerte, ein Ex-Junkie, der sich mit einem brotlosen Job über Wasser hielt, der wenige Freunde hatte, wenig Interessen außer einigen Comicheften, der nichts hinterlässt. Ein Außenseiter, ein Einzelgänger, als „Original“ abgestempelt, ein scheinbar leeres Leben, das mit einer Überdosis Heroin beendet wird. Nichts wird erklärt.

„Ich hätte mir einen Abschiedsbrief gewünscht, einige Zeilen, die ein für alle Mal die Gründe dargelegt hätten, weshalb er freiwillig aus dem Leben geschieden war. Dieses Schreiben, so stellte ich mir vor, hätte mich von meinen Fragen erlöst (…).“

Bärfuss ist zu klug, um platt zu psychologisieren. Die schwierige Kindheit der Halbbrüder, die unbeständige Mutter, deren wechselnden Männer, das Gefühl der Ablehnung und Ausgrenzung, die die beiden von der Mutter erfahren, Schicksalsschläge, ein Unfall, charakterliche Disposition – all dies Mosaiksteine, die dennoch nicht erklären können, warum der eine leben will, der andere nicht. Letztendlich bleibt die Tat unerklärlich, müssen Erklärungsversuche im Ungefähren stecken bleiben:

„Ich fand einen Begriff für jenes Gefühl, das mich seit dem Tod des Bruders gefangen hielt, und ich nannte das Gefühl Einsamkeit. Ich fand sie bald in allem, nicht nur im Leben des Bruders, in jedem Leben, die meinem eigenen, in den Leben, die ich teilte und betrachtete. Ich erkannte in der Einsamkeit den Preis und die Strafe, ich sah, wie diese Einsamkeit zunahm unter meinen Freunden. Ich erkannte darin die Krankheit meiner Zeit, die Ursache des Unglücks, das jeder, der ein offenes Herz hatte, empfinden musste. Am Ende war jeder allein, das spürte ich, und ein Ende gab es alle Tage.“

Und als Leser spürt man an solchen Absätzen, in welcher Unsicherheit und Ungewissheit der Autor bei diesen Zeilen schwebt. Das Ringen um Worte, um einen Zustand des Zweifels – am Leben, an der Welt – benennen und überwinden zu können. Sicheren Boden unter den Füssen findet Bärfuss erst wieder in Australien.

Der „Koala“ unternimmt hier eine Volte. „Koala“, das ist der Spitzname, den der verstorbene Bruder als Kind im Pfadfinderlager erhielt. Fast die Hälfte des Buches geht Bärfuss dem Beutelbär auf die Spur. Von den Anfängen dieses urzeitlichen Tiers, dessen Anpassungsleistung, dem Überleben, der fast vollendeten Ausrottung, der Vereinnahmung und Verniedlichung. Zugleich schreibt er hier eine Kurzgeschichte der Anfänge Australiens als Straflager der Briten, die Inbesitznahme des Landes im Namen der Queen. Der Koala, der sich eigentlich verweigert, der sein Heil in der Flucht sucht – nicht von ungefähr wird das Tier zum Bruder-Stellvertreter, lassen sich Parallelen ziehen.

Um dann wieder auf die große, die eine Frage zurückgeworfen zu sein: Welchen Zweck hat das Leben?

„George Perry, der englische Schneckenforscher, schrieb, unter allen seltsamen Tieren, die aus der Neuen Welt bekannt seien, gebühre dem Koala bestimmt ein besonderer Platz, und wenn man seinen ungeschickten und unbeholfenen Körper betrachte, ganz abgesehen von seiner seltsamen Physiognomie und seinem bizarren Lebenswandel, dann fehle einem jede Erklärung, zu welchem Zwecke der große Autor der Natur ein solches Wesen erschaffen haben mochte.“

Die Frage nach dem Zweck: Sie mündet in Reflektionen über Arbeit, die einerseits Struktur und Sinn vergeben zu mag, die andererseits aber als Wertmaßstab in unserer Gesellschaft pervertiert ist. Wir definieren uns über unsere Arbeit, der Wert des Menschen wird an Leistungsvermögen und Karriereverlauf gemessen. Wer nichts arbeitet, ist nichts wert. Ich arbeite, also bin ich? Koala – der Bär und der Bruder – verweigern sich dem. Und scheinen zum Untergang verurteilt.

„Und Faulheit war, so lernte ich, nicht hinzunehmen. Wer auf ihr bestand, musste vernichtet werden. Sein Friede wurde ihm genommen und seine Garderobe, man zerlegte ihn und versilberte die Überreste. Nur in geringer Zahl, in Zoos und Naturreservaten, zu plüschigen Kuscheltieren entstellt in harmlosen Kinderbüchern, ertrug man die Kreaturen der Faulheit. Das Prinzip ihrer Existenz, die Ehrgeizlosigkeit, sollte sich nicht frei entwickeln dürfen, zu groß war die Gefahr und die Provokation.“

Bärfuss beschreibt in diesen Bildern einen ewigen Kreislauf – die Angst der Menschen vor dem Leben, vor dem Tod. Die Angst vor der Einsamkeit. Die Angst vor der Sinnlosigkeit. Und kommt auf ein lapidares, auch für ihn unbefriedigendes Fazit:

„Die Medizin gegen die Angst war der Fleiß.“

Ein Teufelskreislauf – Beschäftigung, um der Angst nicht ausgesetzt zu sein, Arbeit als Sinn des Lebens. Wer, wie sein Bruder, diese Hilfskrücke gegen die Angst jedoch verweigert, lebt gefährdet. Auf den letzten Seiten ringt Bärfuss nochmals um Erklärungen:

„Er gab keine Ruhe, er ruhte nicht, er gab keinen Frieden, es gab kein letztes Bild im Fotoalbum, jedes Bild im Album seines Lebens war das letzte, das die ganze Existenz beinhaltete, seine Existenz hatte sich in keine Erzählung gerundet, nichts hatte sich vollendet, kein Sinn sich gezeigt, keine Moral ließ sich schließen aus dem, was er vorgelebt hatte.“

„Koala“ ist ein schmales, dafür aber umso gehaltvolleres und sprachmächtiges Buch.
Ein Buch über die wesentlichen Fragen, die aufbrechen angesichts des Verlusts eines Menschen. Was macht das Leben aus?
Auch Bärfuss findet nicht die eine, die alles erklärende Antwort. Aber er findet für sich eine Lösung, um weiterzumachen. Der letzte Satz der Erzählung lautet:

„Ich stieg in den Wagen, fuhr nach Hause, setzte mich an den Schreibtisch und machte mich an die Arbeit.“

Weiterführende Links:

Mein Dank an Claudia von DasGraueSofa, die mich über ihr Longlist-Leseprojekt auf den „Koala“ gebracht und mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. Bei ihr finden sich noch weitere Angaben zu Lukas Bärfuss und Koala:
http://dasgrauesofa.wordpress.com/2014/08/22/lll-2014-kurzportrat-2-lukas-barfuss-koala/

Ich empfehle sehr das Interview mit Bärfuss in der Welt:
http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article125726580/Ich-fuerchte-mich-immer-noch-vor-diesem-Buch.html

Und hier die Adresse zur Selbsthilfeorganisation AGUS: http://www.agus-selbsthilfe.de/

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Bruce Chatwin: Traumpfade

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Bild von Walkerssk auf Pixabay

Sie hatte nie linguistische Studien betrieben. Doch ihre Arbeit an dem Wörterbuch hatte ihr Interesse für den Mythos von Babel geweckt. Warum hatte es zweihundert Sprachen in Australien gegeben, wenn das Leben der Aborigines so gleichförmig gewesen war? Ließ sich das wirklich mit dem Stammessystem oder der Isolation erklären? Bestimmt nicht! Sie begann sich zu fragen, ob die Sprache selbst nicht vielleicht mit der Verbreitung verschiedener Spezies über das Land zusammenhing.
„Manchmal“, sagte sie, „bitte ich Old Alex, eine Pflanze zu benennen, und dann antwortet er: „Kein Name“, was bedeutet: „Die Pflanze wächst nicht in meinem Land.“
Dann suchte sie einen Informanten, der als Kind dort gelebt hatte, wo die Pflanze wuchs – und fand heraus, dass sie doch einen Namen hatte.
Das „trockene Herz“ Australiens, sagte sie, sei ein Puzzle aus Mikroklimata, verschiedenen Bodenmineralien und verschiedenen Pflanzen und Tieren. Ein Mann, der in einem bestimmten Teil der Wüste aufgewachsen war, kannte dessen Flora und Fauna. Er wußte, welche Pflanze das Wild anlockte. Er kannte seine Wasserstellen. Er wußte, wo Knollen unter der Erde waren. Mit anderen Worten: indem er alle Dinge in seinem Territorium benannte, konnte er immer damit rechnen, zu überleben.
„Aber wenn man ihn mit verbundenen Augen in ein anderes Gebiet führt“, sagte sie, „könnte es passieren, dass er sich verirrt und verhungert.“
„Weil er die Orientierung verloren hat?“
„Ja.“
„Sie glauben, dass der Mensch sein Territorium macht, indem er die Dinge darin benennt?“
„Genauso ist es!“ Ihr Gesicht leuchtete auf.
„Die Grundlage für eine universelle Sprache kann es also nie gegeben haben?“
„Genau! Ganz genau!“

Wendy sagte, auch heute noch würde eine Aborigine-Mutter, wenn sie bei ihrem Kind die ersten Sprechversuche bemerke, ihm die Dinge des jeweiligen Landes in die Hand geben: Blätter, Früchte, Insekten und so weiter.
Das Kind an der Brust seiner Mutter wird mit dem Ding spielen, zu ihm sprechen, seine Zähne an ihm erproben, seinen Namen wiederholen – und es schließlich wegschieben.

„Wir geben unseren Kindern Gewehre und Computerspiele“, sagte Wendy. „Sie geben ihren Kindern das Land.“

Bruce Chatwin, „Traumpfade“.

Schon vor einigen Jahren habe ich die „Traumpfade“ von Bruce Chatwin das erste Mal zur Hand genommen. Ich versuchte, die Reise durch das Innere Australiens mit dem Kopf zu nachzuvollziehen. Beim Lesen reisen. Ich wollte die Logik der „songlines“ und „walkabouts“ verstehen.
Ich meinte, den Weg mit meinem Kompass erschließen zu können. Mystik und Spiritualität sind auf diesem Kompass nicht allzu großgeschrieben.

So blieb mir die Erzählung fremd. Die Traumpfade haben sich mir nicht erschlossen.

Dieser Tage habe ich mich wieder auf die Reise mit Bruce Chatwin gemacht.  Es ist ein anderes Lesen als vor zehn Jahren. Nicht, dass ich die Magie der Lieder jetzt besser verstünde. Ein Buch allein kann nicht der Schlüssel zu einer anderen Kultur sein. Zumal die Kultur der Aborigines Zonen hat, die von anderen nicht einmal betreten werden sollen.

Aber, frei nach Kafka: Ein Buch kann die Axt sein, für andere Dinge, die festgefroren sind in uns. Das gefrorene Meer in mir, meine kleine Eisscholle, das war der Anspruch, Dinge mit meiner Logik, die natürlich geprägt ist von meiner Herkunft, meiner Gesellschaftsform, meinem Kulturkreis, meiner Prägung, usw., erfassen zu müssen und zu können.

Vielleicht ist dies mein Schlüssel, der mir dieses Buch jetzt erst öffnet: Ich akzeptiere, dass ich nicht alles verstehen können muss. Ich verstehe, dass es Zonen der Kultur, des Denkens, des Lebens gibt, die ich nicht betreten kann. Ich nehme das Anderssein der Anderen an. Wenigstens in der Literatur. Und plötzlich kann ich dieses Buch lesen.

Auch wenn das Verstehen nicht gegeben ist, so kann es doch Verständnis und eine Art Verständigung geben. Dies ist es, was ich aus der Reise mit Chatwin schöpfe.

Die Sprache ist eine Sache der Logik. Sie ermöglicht eine Verständigung zwischen zwei verschieden logisch strukturieren Systemen nicht. Die Musik ist eine Sprache der Intuition. Sie macht Verständnis möglich, wo das Sprechen versagt.

Mit einer songline beschreiben die Aborigines die australische Landkarte. Die Lieder werden an die Nachkommen weitergegeben. Sie umreißen das Land, seine Mythen und heiligen Stätten. Und auch, wenn die Dialekte und Sprachen am anderen Ende des Kontinents für einen anderen Ureinwohner des Kontinents unverständlich sein mögen – dort wo die Worte ihre Grenzen haben, spricht das Lied, die Melodie zu ihnen. Man muss nicht sprechen, um richtig zuhören zu können. Und es gibt eine Sprache, die jeder verstehen kann, wenn die Intuition noch nicht ganz im Zivilisationsmüll verloren ist. Es ist die Sprache der Musik.

Wir können noch so viel sagen, und verstehen einander nicht. Aber die Musik kann manchmal eine Sprache sein, die die Axt ist, die das Eismeer zwischen uns zerschlägt.

Das Leben jedes Menschen hat eine Grundmelodie. Wir haben unsere eigenen songlines. Wir haben auch unsere Traumpfade. Für Bruce Chatwin war die Melodie des Lebens das Reisen. „Traumpfade“, ein Klassiker der modernen Reiseliteratur, ist das Buch, mit dem er weltberühmt wurde und einen „Australien“-Boom auslöste. 1982 landete Chatwin in Sidney und begab sich auf seine persönliche Odyssee. Auch er mit dem Anspruch, zu verstehen, wie eine songline funktioniert. Letztendlich schreibt er jedoch ein Buch, das mehr von der Rastlosigkeit des ewig Reisenden und Suchenden handelt. „Traumpfade“ erschien 1987 unter dem Titel „The Songlines“ in der englischen Originalausgabe. Einer der wenigen Fälle, da es die deutsche Übersetzung besser trifft: Am Anfang ist zwar die Suche nach dem Lied. Aber das Buch handelt vom Traum des nichtsesshaften, nicht an Besitz gebundenen, nicht unterdrückten Menschen. Es handelt auch vom Traum von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Die chronologische, reportagenhafte Erzählung wird unterbrochen von zahlreichen Notizen, Zitaten weiterer Reisender, Anekdoten von anderen Trips Chatwins, Einschüben und Textsprengseln. Es ist ein intuitives Erzählen, das auch das gedankliche Sprunghafte und die Ruhelosigkeit des Autors, des Reisenden, der zahllose Eindrücke aufnimmt, spiegelt. Die Beschreibungen der Weite des Kontinents, der überwältigenden Landschaft, aber auch die Szenen in Bars und in den „Reservaten“, sind großartig. Chatwin zeigt die Arroganz und den Rassenhass der Weißen, die Beschränktheit der Missionare und ihrer modernen Nachfolger, der Sozialarbeiter, beschreibt die Armut und Resignation der Ureinwohner packend, schildert aber auch eindrückliche menschliche Begegnungen. Zuweilen auch amüsant – beispielsweise die Szene, in der eine Ladenbesitzerin geschickt einem naiven amerikanischen Ehepaar „Traumbilder“ verkauft – jene Kunst der Aborigines, ihre Sagen, Mythen und Träume auf Leinwand zu bannen.

Chatwin blieb wenig Zeit zu schreiben: Der 1940 in Sheffield geborene Schriftsteller starb bereits 1989. In der kurzen Lebensspanne, die ihm vergönnt war, schrieb er etliche Reiseberichte und Romane über das Reisen – „Traumpfade“ ist letztendlich mehr traumwandlerischer Roman denn Sachbuch. Das Buch blieb später nicht unumstritten (siehe dieser Artikel in der Zeit).

Dem Schriftsteller historische Ungenauigkeit und mangelndes Kulturverständnis, insbesondere bei den Traumpfaden, vorzuwerfen, halte ich für merkwürdig. Ein Roman ist ein Roman ist ein Roman. Und kein Tatsachenbericht. Im Roman sind die Träume frei.

Und was bedeutet mangelndes Kulturverständnis? Wir können uns bemühen, zu verstehen. Wir können uns öffnen. Aber keiner kann wohl seine eigene songline verlassen. Chatwin beschreibt, was er sieht, er beschreibt, was ist, er beschreibt, wie es bei ihm ankommt.

Natürlich bleibt der Vorwurf bestehen, er habe die geheimsten Riten benutzt, veräußert, veröffentlicht. Träume soll man nicht stehlen. Aber teilen sollte man sie dürfen.

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