KRÖNER VERLAG: Kai Vogelsang – China und Japan. Zwei Reiche unter einem Himmel

Die chinesisch-japanischen Beziehungen sind ein Paradox: Chinesen und Japaner waren im Laufe ihrer Geschichte die größten Freunde und die ärgsten Feinde; sie liebten sich und sie hassten sich; sie hatten höchsten Respekt voreinander und verachteten einander zutiefst; sie glichen sich an und grenzten sich ab; sie waren dem anderen Segen und Fluch. Doch nie konnten sie sich voneinander lösen. So unentwirrbar sind ihre kulturellen Traditionen ineinander verstrickt, dass ein Land nicht mehr ohne das andere denkbar ist. Trotzdem versteigen sich aktuell selbst Wissenschaftler dazu, von einem ›ewigen Konflikt‹ zwischen den beiden Ländern zu sprechen. 

Kai Vogelsang will mit seiner chinesisch-japanischen Kulturgeschichte einen Beitrag dazu leisten, dieses Bild ins rechte Licht zu rücken. Ein mutiges Buch, das Europäern, die gegenüber dem fernen Ostasien gerne etwas ignorant auftreten, die Kulturen dieser beiden faszinierenden Länder ein Stück näherbringt.

Kai Vogelsang, geb. 1969, studierte von 1989 bis 1994 Sinologie und Volkswirtschaftslehre in Hamburg und Taipeh, wurde 1997 in Hamburg promoviert und habilitierte sich 2004 in München für Sinologie und Manjuristik. Er ist seit 2008 Professor für Sinologie im Asien-Afrika-Institut der Universität Hamburg und Mitherausgeber der Zeitschrift Oriens Extremus. Publikationen (u.a.): Geschichte als Problem. Entstehung, Formen und Funktionen von Geschichtsschreibung im Alten China (Wiesbaden 2007), Geschichte Chinas (Stuttgart 2012), Kleine Geschichte Chinas (Stuttgart 2014), Jiao Bin lu kangyi huijiao (Shanghai 2015).

Informationen zum Buch:
Kai Vogelsang
China und Japan. Zwei Reiche unter einem Himmel
Alfred Kröner Verlag Stuttgart, 2020
528 Seiten, Festeinband, 700 g
ISBN 9783520256010

Stimmen zum Buch:

„Sie können nicht miteinander, aber sie können auch nicht ohneeinander“: So fasst der Hamburger Sinologe Kai Vogelsang die chinesisch-japanischen Beziehungen zusammen. In seinem glänzenden Buch über Zwei Reiche unter einem Himmel geht er zurück bis vor die Zeit des Kaisers Qin shi huangdi, der China im Jahr 221 v. Chr. einte.“ – Matthias Naß, Die Zeit

„Ein an Paradoxen übervolles Verhältnis der beiden Länder, das der Hamburger Sinologe Kai Vogelsang in einem außergewöhnlich gedankenreichen, zum Weiterdenken anregenden Buch dargestellt hat.“ – Mark Siemons, FAZ

„Eine kenntnisreiche und farbig erzählte Studie, die das Zeug zum Standardwerk hat.“ – Katharina Borchardt, SWR

„Vogelsang ist nach seinem Buch „Geschichte Chinas“ ein weiteres Standardwerk gelungen.“ – Wolfgang Hirn

„Die Darstellung einer solch langen und komplexen Beziehungskiste ist eine Herausforderung. Vogelsang meistert sie mit souveränem Schwung.“ – Martin Oehlen, Bücheratlas

„Wer die japanisch-chinesische Entwicklung und damit auch das Heute besser verstehen will, dem sei dieses profunde Buch sehr empfohlen.“ – Dr. Heike Talkenberger, Damals

Ein Gastbeitrag von Prof. Vogelsang in der NNZ zum Thema: Die Geburt Chinas in Japan

Amanda Lee Koe: Ministerium für öffentliche Erregung

LeeKoe

Bild: (c) Michael Flötotto

„Sie sang in der Hoteldusche in Penang. Die Badezimmertür war geschlossen, aber vom Bett aus konnte ich sie hören. Es war ein Doppelbett. Sie sang ein Medley aus Beatles-Refrains, aber sie hatte alle Texte verändert. Sie hatte die Stimme einer Frau, die tausend Zigaretten geraucht hatte.
Sie kam heraus und sang „All You Need Is Love“, nur dass sie den Text zu „All You Need Is Love Is A Lie“ geändert hatte. Sie lächelte mich an, während sie sang, und ich lächelte zurück. Sie setzte sich vor den Spiegel, kämmte ihr Haar. Als sie zurück ins Bad ging, um es auszuspülen, ging ich zum Frisiertisch, hielt die Bürste an meine Nase und atmete ihren Duft ein.
Ich ging wieder ins Bett, legte mich auf die Kissen. Ich hörte sie gurgeln, ausspucken, gurgeln, ausspucken. Ich hörte das Wasser rieseln, als sie sich das Gesicht wusch, die kleinen Spritzer. Ich hörte, wie sie den Toilettensitz hochklappte. Ich hörte sie pinkeln. Sie pinkeln zu hören, während ich auf dem Hotelbett lag, brachte mein Herz fast zum Bersten.“

Amanda Lee Koe, „Ministerium für öffentliche Erregung“,  OA-Ausgabe 2013, in deutscher Sprache bei CulturBooks Verlag 2016.

Es bringt einen zum Staunen, mit welcher Abgeklärtheit Amanda Lee Koe über die Liebe in allen ihren Spielarten und Schattierungen schreibt: Beinahe kühl, fast spröde, gänzlich unsentimental und dennoch mitten ins Leserinnenherz treffend. Die Storys der 1987 in Singapur geborenen Schriftstellerin sind im besten Sinne: Cool. Überraschend. Irritierend. So wie die Erzählung „Alice, du musst der Mittelpunkt deines eigenen Universums sein“, aus der das obenstehende Zitat stammt. Alice, die kurz vor dem Studium in London steht, lernt durch Zufall die wesentlich ältere, lebenslustige Jenny kennen. Die beiden werden enge Freundinnen, Jenny reißt die junge Frau mit ihrer Unternehmungslust mit, die Bindung wird immer enger – bis Alice, die sich verliebt hat, sich das aber nicht eingestehen will, zurückzieht, den Kontakt abbricht. Als sie Jenny nach einigem Abstand nochmals aufsuchen will, erfährt sie vom Tod der älteren Frau, die an Krebs litt – zu spät für eine Aussprache, zu spät für eine Versöhnung. Was bleibt, ist die Erinnerung an die Geräusche in einem Hotelzimmer, die späte Gewissheit, dass da Liebe war …

Vor allem von diesen unausgelebten, den unerwiderten, den einseitigen Lieben erzählt Amanda Lee Koe. Ganz ruhig, klar und unsentimental wie in „Liebe ist keine große Wahrheit“:

„Es gibt auf der ganzen Welt kein Ich kann ohne dich nicht leben du kannst ohne mich nicht leben. Die Erde dreht sich. Die Zeit vergeht. Reis wird gegessen. Wer kann das widerlegen?“

Eine ältere Frau erzählt: Wie ihr Gesicht durch einen Unfall entstellt wird. Wie ihr Mann sie daraufhin verlässt. Wie sie ihr Bett weggibt: „Depression ist leicht,  wenn man ein Bett hat.“ Wie sie irgendwann erkennt:

„Ich hatte nun meine Unabhängigkeit davon, Ehefrau zu sein, Mutter, sogar Frau. Ich war einfach ich. Ich fühlte eine unglaubliche Freude, die sich in meinem Körper ausbreitete. Ich bestritt meinen Alltag, als hätte sich nichts geändert – und tatsächlich hatte sich nichts geändert, aber ich wusste, dass dies der Anfang von etwas Neuem war und dass dieses Etwas bis an mein Ende andauern würde.“

Nicht alle Frauen in diesen Erzählungen sind Siegerinnen, Überlebende, wie beispielsweise die Kunstkuratorin in „Karussell & Kastell“, die zunächst das machohaft-verbrämte Pseudophilosophieren eines Künstlers und im Anschluss ein verheerendes Attentat auf dessen Ausstellung überlebt. Andere, so beispielsweise eine chinesische Wanderarbeiterin, die in Singapur als Hausangestellte ausgenützt wird, ein traumatisiertes Vergewaltigungsopfer, das auf Liebe und Zugehörigkeit hofft, sind alles andere als auf der Siegerseite – und dennoch wohnt auch dieser Protagonistin eine Stärke inne, wie sie fast alle der weiblichen Figuren in diesen Erzählungen in sich tragen.

Es sind jüngere und ältere Frauen, die auf der Suche sind: Nach Liebe, Anerkennung, Beziehungen, vor allem aber nach ihrem eigenen Platz in der Welt. Sie kämpfen um ihre Autonomie.

Universelle Themen vor einem speziellen Hintergrund: Die Glitzermetropole Singapur, die Stadt mit den höchsten Lebenshaltungskosten weltweit, multiethnisch, hektisch, ein Schmelztiegel von Ost und West. Schmelztiegel und Trennlinie – denn in einer der größten Finanzmetropolen scheiden sich nicht nur Arm und Reich, sondern treffen zudem moderne, westliche Lebensweise mit traditionellen, konfuzianisch geprägten Rollenmustern zusammen. Konfuzius, so wird in einer der Geschichten zitiert, habe die Stellung der Frau dem Mann nachgeordnet – und so bewegen sich die Heldinnen dieser Geschichten in einem Spannungsfeld zwischen konservativen gesellschaftlichen Normen, persönlicher Entwicklung und dem Wunsch nach individueller Freiheit.

„Ministerium für öffentliche Erregung“: Ein literarisches Debüt, das öffentliches Aufsehen erregte –  und dies zu Recht. Amanda Lee Koe erhielt 2014 für das Buch den Singapore Literature Prize for English Fiction, ihr Storyband führt außerdem derzeit die Litprom Bestenliste „Weltempfänger“ an. Ins Deutsche übersetzt wurden die Erzählungen von Zoë Beck.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.culturbooks.de/portfolio/amanda-lee-koe-ministerium-fuer-oeffentliche-erregung-storys/

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