Simone de Beauvoir: Die Mandarins von Paris

„Sehen Sie, Sie denken doch, daß Ihre Arbeit noch vor Ihnen liegt. Vor fünf Minuten sagten Sie, daß  Sie ein neues Buch beginnen werden: das setzt doch voraus, daß es Menschen gibt, die es lesen…“

„Oh! Mit größter Wahrscheinlichkeit“, sagte Robert. „Aber schließlich ist diese andere Apotheose auch ins Auge zu fassen.“ Er setzte sich in den Sessel, neben mich: „So furchtbar, wie du meinst, ist sie nicht“, fügte er heiter hinzu. „Die Literatur ist für die Menschen gemacht, nicht die Menschen für die Literatur.“

Simone de Beauvoir, „Die Mandarins von Paris“, 1954.

Es ist einer der Schlüsselsätze dieses an Schlüsselsätzen nicht armen und umfangreichen Romans: „Die Literatur ist für die Menschen gemacht, nicht die Menschen für die Literatur“ – und dies aus dem Munde Robert Dubreuilhs, der ganz offensichtlich nach dem Vorbild Jean-Paul Sartres gezeichnet ist. Im Roman wie im Leben kreist das Buch um Männer, deren Leben dem Schreiben und der Politik untergeordnet ist. Ihre Lebenswelt, vor allem die der beiden zentralen Figuren Robert und Henri, der intellektuell kühl strategisch denkende Robert einerseits, der lebenshungrige, von hohen moralischen Werten geprägte Henri, unschwer als Camus zu entziffern, andererseits, ist im Frankreich der Nachkriegszeit geprägt von Worten: Alles, was man schreibt und sagt, hat eine mehrdimensionale Bedeutung – zumindest in den Kreisen der „Mandarins“.

Es sind europäische Schicksalsjahre, in denen dieser Roman spielt: In Paris feiert die Gruppe um Anne, Robert und Henri zu Beginn des Buches das Ende des Krieges – doch allen ist bewusst, dass nun die entscheidenden Jahre kommen. Werden die erlebten Schrecken dazu führen, dass die Welt nun ein humaneres Gesicht erhält? Wird sich die Gesellschaft gerechter entwickeln? Werden Philosophen, sprich „Mandarins“, und nicht Macht- und Realpolitiker die Gestaltung, den Wiederaufbau einer zertrümmerten Welt in die Hand nehmen können?

Wie ein Schwarzmaler, beinahe Defätist, betritt hier der von de Beauvoir zwiespältig gezeichnete Scriassine (der für Arthur Koestler, Autor der „Sonnenfinsternis“ steht) die Bühne:

„Ich nehme an, Sie haben diesen Krieg zu sehr aus der Nähe erlebt, um ihn richtig verstehen zu können. Das ist etwas ganz anderes als ein Krieg: es ist die Liquidierung einer Gesellschaft, ja, sogar einer Welt. Der Beginn der Liquidierung. Fortschritt von Wissenschaft und Technik, ökonomische Veränderungen werden die Erde derartig erschüttern, daß auch unsere Art zu denken und zu fühlen davon revolutioniert sein wird: ungern werden wir uns daran erinnern, wer wir gewesen sind. Kunst und Literatur werden uns wie manches andere nur noch wie unzeitgemäße Zerstreuungen erscheinen.“

Allein dieses Zitat zeigt: Der Roman ist mehr als eine fiktionalisierte Biographie, mehr als der oftmals so angepriesene Schlüsselroman über die Pariser Existentialisten und die französische Linke jener Jahre. Es ist ein Werk, das Grundthemen verhandelt: Die Kluft zwischen Idealismus und Realpolitik, die Ohnmacht angesichts der Verhältnisse der Welt, der Widerstreit zwischen Philosophie, Intellekt und politischem Handeln, die Gestaltung der Welt von morgen. In einem Abschnitt reflektiert Anne, die Weggefährtin Roberts, über politisches Handeln:

„Ich muß zugeben, daß es mir an Geduld fehlt: die Revolution marschiert, aber sie marschiert so langsam, mit kleinen und so ungewissen Schritten. Für Robert ist eine Lösung, die besser als die andere ist, gut, ein verringertes Übel hält er für etwas Gutes. Sicherlich hat er recht. Aber offenbar habe ich meine alten Träume vom Absoluten nicht ganz ausgerottet, denn mich befriedigt das nicht. Und außerdem scheint mir die Zukunft in weiter Ferne zu liegen, es fällt mir schwer, mich für Menschen, die noch nicht geboren sind, zu interessieren, ich mag viel lieber denen helfen, die ich gerade jetzt lebendig vor mir habe.“

Vor allem an einer zentralen Frage des Romans zeigt sich, wie sehr private und ethische Maximen in dieser Umbruchszeit, die den Beginn des Kalten Krieges markiert, erschüttert werden: Robert und Henri, die versuchen, abseits der kommunistischen Partei eine Sammelbewegung der Linken zu gründen, erfahren von den Gulags in der Sowjetunion. Über die Frage, ob dieses Wissen veröffentlicht werden soll, entzweien sich die beiden Männer zeitweise – Robert neigt dazu, die Informationen zurückzuhalten, um der linken Bewegung im allgemeinen nicht zu schaden, Henri hält es für eine Frage der Moral, darüber zu schreiben.

Anne und Henri werden so zu den eigentlich komplementären Figuren des Romans: Zwei Menschen, die, um es platt zu sagen, von einer besseren Welt in der Gegenwart träumen, aber im Grunde an ihren eigenen Verstrickungen scheitern – Anne an einer aussichtslosen Liebesbeziehung, Henri an einer Intrige, die ihn zum ungewollten Verteidiger eines Mannes macht, der Menschen an die Nationalsozialisten verriet. Im Grunde endet der Roman relativ unspektakulär: Henri richtet sich in der Literatur ein und gründet eine Familie, Anne bleibt an der Seite Roberts. Betrachtet man diesen „Rückzug ins Private“, so hat man nach diesem Roman eine pessimistische, fast fatalistische Bilanz zu ziehen: Die politischen Utopien sind an der Realität gescheitert.

Zumal der Titel „Die Mandarins von Paris“ in einem Punkt fundamental irreführend ist: In den Dynastien des chinesischen Kaiserreiches waren die Mandarine hochgebildete, elitäre Beamte, die auf allen Ebenen die Verwaltung des Staates prägten. Die Mandarine von Paris jedoch stehen außerhalb, ihre Macht- und Gestaltungskraft ist beschränkt, die politischen Strippen werden anderswo gezogen. Man könnte den Roman nun abtun als Zeugnis einiger sinnlosen Sandkastenspiele linker Intellektueller – damit täte man ihm allerdings ebenso Unrecht. Denn wenn auch die Hoffnung der Figuren auf eine sozialistische Gesellschaft zum Scheitern verurteilt ist – was wir in der wirklichen Welt heute durch den Ukraine-Krieg, die auf Putin zugeschnittene russische Politik, das Scheitern des venezuleanischen Experiments, die Umerziehungslager Uiguren in China, den kapitalistischen Machtanspruch der Volksrepublik, die Armut in Kuba und viele Beispiele mehr vor Augen geführt bekommen – das Nachdenken über bessere, gerechtere Gesellschaftsformen, dazu fordert uns dieses Buch ebenso sehr heraus, das Streben nach einer anderen Welt, sollte kein Ende nehmen.

Und am Ende geht es vor allem darum, dem eigenen Leben Sinn zu geben, die Jahre mit Anstand zu verbringen, auch darum, dass

„ (…) überleben letztlich bedeutet, daß man unaufhörlich wieder mit dem Leben beginnt.“

Es wäre jedoch kein Roman Simone de Beauvoirs, wenn darin nicht auch die Rolle und das Selbstverständnis der Frau als gesellschaftliches Leben eine zentrale Funktion einnehmen würden. Interessanterweise haben wenige Frauen mit ernstzunehmenden Berufen in diesem Buch, das fünf Jahre nach „Das andere Geschlecht“ erschien, ihren Auftritt. Eine Ausnahme unter den Gesellschaftsdamen, Salonlöwinnen und betätigungslos vor sich hin leidenden Liebenden bildet Anne, Psychologin und langjährige Wegbegleiterin Roberts, aus deren Perspektive abschnittsweise berichtet wird. Ein fragmentiertes Selbstportrait Simone de Beauvoirs gewissermaßen. Denn während die Schriftstellerin in der Realität ja durchaus eine eigenständige Position innehatte, bleibt ihre Figur Anne relativ unselbständig, definiert sich über ihren Mann, die Tochter, den Kreis, in dem sie sich bewegt. Im Nachdenken über sich sagt Anne:

„Somit bin ich also sauber katalogisiert und, indem ich dies akzeptierte, angepaßt an meinen Mann, meinen Beruf, an das Leben, an den Tod, an die Welt, an ihre Schrecken. Dies bin ich, ganz genau ich, mit anderen Worten: niemand.“

„Niemand“ erwacht zum Leben, als sie bei einer beruflichen Amerikareise den Schriftsteller Lewis kennen und lieben lernt. Die Amerika-Kapitel heben sich in den „Mandarins“ deutlich ab, sind weniger von intellektuell-politischen Diskussionen geprägt als die Pariser Szenen, erscheinen sinnlicher und emotionaler, auch in der ausführlicheren Beschreibung der Handlungsorte. Paris, da lebt der Geist, Chicago, hier pocht das Herz.

Mit der Beschreibung dieser fragilen Fernbeziehung, an der ihre Figur leidet und wächst, ging Simone de Beauvoir in mehrerer Hinsicht ein gewisses Risiko ein. Denn auch im „echten Leben“ hatte de Beauvoir eine Liebesbeziehung zu einem amerikanischen Schriftsteller: Bei ihrer Amerikareise 1947 lernte sie Nelson Algren (unter anderem Verfasser von „Der Mann mit dem goldenen Arm“) kennen, den sie bis 1952 regelmäßig wiedersah und dem sie unzählige Briefe schrieb. Nicht zuletzt seine Darstellung in den „Mandarins“ als widersprüchlicher „Underdog“, der hilflos seinen Gefühlen ausgeliefert ist, führte bei Nelson Algren zu fundamentalen Groll, Jahre später noch äußerte er sich wenig freundlich über diese „transatlantische Liebe“.

Doch nicht nur die Sympathie Algrens setzte de Beauvoir mit diesem Roman aufs Spiel – sondern auch ihre da schon bereits beginnende Etablierung als Ikone des Feminismus. Denn ihre Figur Anne erscheint im Kontext dieser Liebesbeziehung wenig mehr selbstbestimmt als eine andere zentrale Figur des Romans, als Paule, die Geliebte von Henri. Bei jener steigert sich die Liebe, die von Seiten Henris bereits vorbei und beendigt ist, ins Wahnhafte. Die Abschnitte, in denen von der monomanischen, einseitigen Hingabe Paules berichtet wird, bilden die schwächeren Seiten dieses Buches. Zugleich aber sind sie auch der Hintergrund für Annes weitere Entwicklung: Sie selbst verliert sich in dem sinnlichen Wunsch, sich in der Liebe zu Lewis fallenzulassen, kann und will aber ebenso wenig ihren Platz an der Seite ihres intellektuellen Mannes – der auf die Affäre erstaunlich kühl und gelassen reagiert – verlieren. Sie entscheidet sich letztlich für Frankreich – nicht aus vollem Herzen, aber auch nicht ganz resigniert:

„Entweder versinkst du in Gleichgültigkeit, oder die Erde bevölkert sich neu; ich bin nicht versunken. Da mein Herz weiterschlägt, muß es wohl für etwas, für jemanden schlagen. Da ich nicht taub bin, werde ich neue Anrufe vernehmen. Wer weiß? Vielleicht werde ich eines Tages von neuem glücklich. Wer weiß?“

Simone de Beauvoir hat diesen Roman, der mit dem „Prix Goncourt“ ausgezeichnet wurde, Nelson Algren gewidmet. Als sie 1986 neben Sartre bestattet wurde, trug sie am Finger einen Ring. Den billigen Kupferring, der Anne von Lewis bei ihrer ersten Begegnung in den USA über den Finger gestreift wurde.

Die Bücher Simone de Beauvoirs sind beim Rowohlt Verlag als Taschenbuch-Ausgaben erhältlich.


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Arthur Koestler: Sonnenfinsternis

Während heuer die Long- und Shortlist zum Deutschen Buchpreis, der auf der Frankfurter Buchmesse vergeben wird, ganz an mir vorbeiging, hatten mich dagegen mehrere Titel auf der „Hotlist“ der unabhängigen Verlage gelockt. Und so war ich gerne dabei, als ich gefragt wurde, ob auch ich einen Beitrag für den Blog der Hotlist beisteuern würde. „Sonnenfinsternis“ von Arthur Koestler in der bisherigen Ausgabe steht bei mir schon lange ungelesen im Regal, die Entdeckung der Originalfassung und das Hotlistenlesen waren nun der geeignete Anlass, den Roman endlich auch zu lesen.

Dass ich damit die Rezensionen gestern auf dem Hotlistblog eröffnen durfte, freut mich natürlich. Und ebenso, dass heute ein zweites Buch besprochen wird, dass ich auch hier auf dem Blog schon aus vollem Herzen empfohlen habe.

Hier findet ihr alle Beiträge zur diesjährigen Hotlist: https://derhotlistblog.net/

Beide Bücher zeigen, was man den unabhängigen Verlagen zu verdanken hat: Sie haben den Mut, Klassiker und neue Literatur zu pflegen, die nicht auf die Masse schielt, sie geben besonderen Themen, auch der politischen Literatur, wie hier zu sehen, einen Raum, sie schauen (auch geographisch) weit über den Tellerrand hinaus.

Und nun zur Sonnenfinsternis:

„Seine ganze Vergangenheit war wund, sie eiterte bei jeder Berührung. Die Vergangenheit, das war die Bewegung, die Partei; auch Gegenwart und Zukunft gehörten der Partei; waren untrennbar mit ihrem Schicksal verflochten; aber die Vergangenheit war mit der Partei identisch. Und diese Vergangenheit war plötzlich in Frage gestellt. Der heiße, atmende Leib der Partei erschien ihm von Geschwüren überzogen, eiternden Geschwüren, blutenden Stigmen, aus denen die rostigen Nägel hervorragten. Wann und wo in der Geschichte hatte es jemals so defekte Heilige gegeben? Wann war eine gute Sache schlechter vertreten worden? Wenn die Partei den Willen der Geschichte verkörperte, dann war die Geschichte selbst defekt.“

Arthur Koestler, „Sonnenfinsternis“, 1940, 2018 nach dem wiederentdeckten Originaltyposkript im Elsinor Verlag, Coesfeld, erschienen.

Wenn es ein belletristisches Werk gibt, von dem man zugleich sagen kann, dass es nicht nur einen eine Epoche des Zeitgeschehens frühzeitig und hellsichtig aufgriff, sondern selbst dieses Zeitgeschehen prägte, dass es Geschichte schrieb und allein schon seine Entstehung wieder eine ganz eigene Geschichte ist, ja dann ist dies wohl „Sonnenfinsternis“ von Arthur Koestler.

Koestler, 1905 in Budapest in eine deutschsprachige jüdische Industriellenfamilie hineingeboren, beginnt seine Berufslaufbahn als Journalist: 1926, vom Zionismus begeistert, wandert er nach Palästina aus und sendet von dort erste Reportagen an die Zeitungen des Ullstein Verlags. 1930 kehrt er nach Berlin zurück, arbeitet als Redakteur und tritt ein Jahr später in die Kommunistische Partei ein. 1954 schreibt er über diese Zeit:

„Ich war 26 Jahre alt, als ich in die Kommunistische Partei eintrat, und dreiunddreißig, als ich sie verließ. Die Jahre dazwischen waren meine besten Jahre, sowohl dem Alter nach, als wegen der bedingungslosen Hingabe, die sie ausfüllte. Nie zuvor oder nachher schien das Leben so übervoll an Sinn wie während dieser sieben Jahre. Sie hatten die Überlegenheit eines schönen Irrtums über die schäbige Wahrheit.“

Die schäbige Wahrheit, das war das Aufkommen des Faschismus. Für viele Schriftsteller jener Generation wurde das revolutionäre Russland zum utopischen Gegenbild. Der Kommunismus als Vision einer Gesellschaft der Gleichen – zum Zeitpunkt der Moskauer Schauprozesse von 1936 bis 1938 ist dieser Traum für Arthur Koestler bereits ausgeträumt.

Nicht von ungefähr lässt Koestler daher auch die Hauptfigur seines Romans, den langedienten Volkskommissar Rubaschow, unsanft aus einem Traum erwachen. Rubaschow, der immer wieder im Schlaf von seiner Verhaftung im Ausland (gemeint ist damit wohl das nationalsozialistische Deutsche Reich), den anschließenden Verhören und der Folter träumt, wird dieses Mal von seinen eigenen Landsleuten aus dem Schlaf gerissen, verhaftet und wochenlangen Verhören ausgesetzt. Er wird der oppositionellen Gesinnung, der Verschwörung und eines Mordkomplotts an „Nummer Eins“ (unschwer zu erkennen, dass damit Josef Stalin gemeint ist) beschuldigt.

Rubaschow weiß, was auf ihn zukommt. Er erinnert sich an eine Fotografie der Delegierten zum ersten Parteikongreß, alle an einem langen hölzernen Tisch, Nummer Eins noch abseits am unteren Ende sitzend. Von diesem Bild, nicht von ungefähr an das Abendmahl erinnernd, leben nur noch wenige:

„Ihre Gehirne hatten das Schicksal der Welt verändert; dann bekam jedes seine Ladung Blei.“

Schon 1935 sieht Koestler das kommen, was später als „Große Säuberung“ bezeichnet wird. 1940 veröffentlicht Koestler, der inzwischen in England arbeitete, seinen zweiten Roman, „Sonnenfinsternis“. Das Buch, das am Beispiel des altgedienten Volkskommissars Rubaschow zeigt, wie die Revolutionäre der ersten Stunde unter Stalin den Säuberungen zum Opfer fallen, erregt Aufsehen. Insbesondere im Frankreich der Nachkriegszeit, als dort die Kommunisten kurzzeitig dominieren, wird der Roman leidenschaftlich diskutiert und über 400.000 Mal verkauft. Eine führende Zeitung schreibt gar, es sei der wichtigste Einzelfaktor gewesen, der zur Niederlage der Kommunisten in der Abstimmung über die Verfassung führte, so Koestler in seiner Biographie „Die Geheimschrift“ (1954). In mehr als 30 Sprachen übersetzt, entfaltete der Roman eine ungeheure politische Wirkung. Koestler, der sich selbst zunächst noch im linken Flügel der Labour Party engagierte und zeitlebens antifaschistisch aktiv blieb, wurde von den staatstreuen Kommunisten heftigst angefeindet.

Im deutschsprachigen Raum spielte dieses „Enthüllungsbuch“ nicht ganz dieselbe Rolle, wurde aber in entsprechenden Enzyklopädien und Aufsätzen zur politischen Literatur als eines der berühmtesten Werke über den Stalinismus immer mit aufgeführt, gleichbedeutend neben den Romanen von Orwell und den Gulag-Erzählungen von Solschenizyn. Zugleich wurde Koestler auch hier für sein Werk angefeindet, beispielsweise von Ernst Bloch und Robert Havemann, der „Sonnenfinsternis“ als Propaganda des „Klassenfeindes“ abtat.

Dass der Roman jetzt, 2018, in den deutschen Medien wieder breit diskutiert und von vielen Menschen gelesen wird, hängt mit zwei Faktoren zusammen. Zum einen ist „Sonnenfinsternis“ heute, da in ganz Europa der Zulauf zu den politischen Extremen rechts und links zunimmt, wieder von hoher Aktualität. Zum anderen ist die Geschichte hinter dem Buch abenteuerlich genug. Während Koestler an dem Buch arbeitete, übersetzte seine Freundin Daphne den Text ins Englische. Im Chaos der Flucht ging jedoch das deutsche Originalmanuskript verloren, für den deutschen Buchmarkt musste Koestler „Sonnenfinsternis“ praktisch aus dem Englischen zurückübertragen.
Das Original galt als verschollen. Bis der Kasseler Germanistik-Doktorand Matthias Weßel durch eine Computerrecherche 2015 im Archiv der Universität Zürich auf einen Eintrag stieß: Tatsächlich war die erste Textfassung, mit handschriftlichen Anmerkungen Koestlers, vorhanden.

Die Originalfassung macht im Vergleich zur von Koestler später überarbeiteten Rückübersetzung an Stil und Sprache auch deutlich, unter welchen Umständen „Sonnenfinsternis“ entstand. Die Hetze, das Ungewisse, das ein Leben auf der Flucht prägt, wird bemerkbar, macht das Buch aber auch umso authentischer. Dieses wiederentdeckte Manuskript, das nun im 2006 gegründeten unabhängigen Elsinor Verlag erschien (der „Sonnenfinsternis“ in der „alten“ Fassung bereits im Programm gehabt hatte), bescherte dem Roman und dem Verlag nun große Aufmerksamkeit.

Zu Recht: Denn „Sonnenfinsternis“ beschreibt nicht nur eine geschichtliche Epoche, die man überwunden glaubte – zumal man nicht wissen kann, wohin die neue Entwicklung unter Putin führen wird. Sondern der Roman wirft die großen Fragen nach Schuld und Sühne auf (im Verhör diskutieren der Gefangene Rubaschow und sein Gegenspieler eben diesen Roman von Dostojewski): Heiligt der Zweck alle Mittel? Dient eine Revolution den Menschen, die dem Individuum alle Rechte, selbst das wichtigste, das Recht auf Leben, abspricht? Sind politische Utopien angesichts der menschlichen Disposition nicht sowieso von vornherein zum Scheitern verurteilt?

Rubaschow, dessen Schicksal angelegt ist an jene von Leo Trotzki, Karl Radek und Nikolai Bucharin, erkennt im Lauf der Verhöre, wie er sich selbst schuldig machte, weil er die Menschheit über den Menschen stellte. Und obwohl im Lauf seiner Inhaftierung seine Zweifel am System, seine Kritik an „Nummer Eins“ (Stalin wird namentlich nie genannt) wachsen, bekennt er sich am Ende der Vorwürfe, die haltlos sind, schuldig. Er stellt sich ein letztes Mal in den Dienst der Partei.

Als Koestler dieses fiktive Verhör schrieb, wusste die Außenwelt noch nicht sehr viel über die inneren Vorgänge in der Sowjetunion. Man staunte, warum sich langjährige Parteimitglieder einer demütigenden öffentlichen Gehirnwäsche unterwarfen. Erst später wurden Protokollauszüge solcher Verhöre bekannt. Umso hellsichtiger durchschaute damals schon der Autor die Mechanismen des Stalinismus.

Die Verhöre, die in geschichtsphilosophische Diskurse münden, bieten auch bei der heutigen Lektüre noch Denkanstöße, die über die beschriebene historische Epoche hinausgehen. Im Deutschlandfunk sagte Michael Opitz dazu:

„Wie weit Koestler seiner Zeit mit „Sonnenfinsternis“ voraus war, zeigte sich erst Jahre später. Dass das Buch nun in seiner ursprünglichen Fassung vorliegt, ist ein Glücksfall. Hinterfragt wird jene Selbstherrlichkeit der Mächtigen, die glauben, der Zweck heilige die Mittel. Solange dieser Grundsatz als politisch vertretbar gilt, bleibt der Roman aktuell.“


Weitere Informationen:

Verlagsinformationen zum Buch: https://www.elsinor.de/

Besprechung im Deutschlandfunk von Michael Opitz

Zur weiteren Lektüre ein paar Vorschläge:

„Radek“ von Stefan Heym

„Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes

„Der Archipel Gulag“ von Alexander Solschenizyn

„Die Revolution entlässt ihre Kinder“ von Wolfgang Leonhard


 

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Volker Weidermann: Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft

„In Zeiten, die Zeit hatten, hatte man an der Kunst etwas aufzulösen. In einer Zeit, die Zeitungen hat, sind Stoff und Form zu rascherem Verständnis getrennt. Weil wir keine Zeit haben, müssen uns die Autoren umständlich sagen, was sich knapp gestalten ließe.“

Karl Kraus, „Heinrich Heine und die Folgen“

Volker Weidermanns biographischer Roman „Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft“ das wäre wohl so ein Büchlein, an dem Karl Kraus seine spitze Zunge geschärft hätte. Ein Ergebnis „impressionistischen Feuilletonismus“ hätte er es wohl genannt.

Sagen wir mal: Es ist ein Stimmungsbild, mit viel literaturwissenschaftlichem Know-how routiniert gepinselt. Solche Bücher sind geradezu en vogue – man denke nur an den Erfolg des anderen Sommer-Buches eines anderen Journalisten, „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“. Jüngere Geschichte, in anmutige Form verpackt, wohldosiert.

Ja, Ostende – man muss es nicht lesen, es schadet aber auch keinem. Gesetzt den Fall, man greift denn doch noch (einmal) zu den Originalen, liest Stefan Zweig, Joseph Roth, neben deren Romanen und Essays auch ihren Briefwechsel, begegnet dem kunstseidenen Mädchen nach Mitternacht und dem rasenden Reporter in deren ECHTEN Büchern. Ostende erfüllt seinen Zweck allenfalls als Appetithäppchen. Dafür jedoch ist es mit viel feuilletonistischer Routine zusammengesetzt.

Weidermann beschreibt die Begegnung einiger Schriftsteller 1936 im Badeort Ostende. Vor allem das Zusammentreffen der beiden so unterschiedlichen Freunde aus Österreich steht im Mittelpunkt: Stefan Zweig, die Welt von gestern noch frisch betrauernd, aber im zweiten Frühling mit einer neuen Liebe, Joseph Roth, haltlos, orientierungslos, bodenlos dem Alkohol verfallen. Mit Irmgard Keun, die die Sommer- und Exilgemeinde aufmischt, kommt noch einmal ein Silberstreif an den Roth`schen Horizont. Dennoch: Alle wissen, es ist Götterdämmerung, das Heil besteht nur noch in der Flucht. Ostende, `36, das ist ein letzter „magischer“ Sommer, in dem persönliche und politische Hoffnungen wie kurze Leuchtfeuer aufflackern und ebenso schnell erlöschen.

Ein kurzes Feuer ist auch das wenig mehr als 150 Seiten umfassende Buch. Zwar durchaus: Informativ, sich auf die Quellen stützend, wörtliche Zitate aus Briefen und Aufsätzen einflechtend, faktenreich, dort, wo die Situation der Schriftsteller und Journalisten abgebildet wird, die vor den Nazis flüchten mussten. Dort, wo Weidermann jedoch vom Biographischen verstärkt in das Romanhafte gleitet, erreicht das Buch seine Grenzen.

„Ein paar Tage später sitzen sie noch einmal alle zusammen. Alle braun gebrannt, außer Roth, dem alten Sonnenfeind. Sie sitzen wieder im Flore, mit Blick aufs Meer und die Badehäuschen. Christiane Toller strickt trotzig vor sich hin, Gisela Kisch lacht, wann immer es etwas zu lachen gibt und auch wenn es nichts gibt, Lotte Altmann ist still, und nur wenn sie leise hustet, bemerkt die große Runde, dass sie noch da ist, Schachfuchs schaut aufs Meer, Stefan Zweig sitzt zwischen Lotte und Fuchs, raucht und hört zu, wenn Egon Erwin Kisch von Spanien spricht, vom Krieg der Kommunisten, neuesten Berichten von der Front, und Arthur Koestler von seinen Reiseplänen, die ihn in Francos Hauptquartier führen sollen.“

Es scheint, als habe Weidermann der Ehrgeiz gepackt, das „Who-is-who“ der Ostender Exilgemeinde 1936 in einen Satz zu pressen. Stimmungsvolle Stillleben – die Charaktere werden skizziert und angepinselt, mehr jedoch nicht. Von seinem (vermutlich) insgeheimen Vorbild Stefan Zweig, dem Meister des psychologisierenden biographischen Romans („Maria Stuart“, „Marie Antoinette“), bleibt der FAZ-Feuilletonchef weit entfernt.

Was bleibt von der Lektüre? Hunger nach Zweig und Roth im Original. Die Zeit sollte man sich, gerade in einer Zeit, die keine Zeit hat, etwas aufzulösen, dringend nehmen.


Bild zum Download hier: Strandhütte Travemünde


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