#MeinKlassiker (16): Florian L. Arnold reist in die Gelehrtenrepublik

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Florian L. Arnold ist ein Multitalent. Zu seinen Fähigkeiten gehören: Zeichnung & Illustration, Satire, Schriftstellerei, Selbstausbeutung, fruchtloses Jammern und Ignorieren der herrschenden Verhältnisse.
Wer nun meint, ich stellte meinen Gastautoren etwas gröblich vor – Florian charakterisiert sich so auf seiner Homepage selbst: http://www.florianarnold.de/
Ich kenne ihn nicht fruchtlos jammernd, sondern äußerst anpackend: Unter anderem als Initiator der Literaturwoche Donau und neuerdings als Verleger gemeinsam mit Rasmus Schöll. Ihrem Verlag „Topalian & Milani“ habe ich – ich schrieb bereits davon – mein schönstes Buch des Jahres zu verdanken. Seinen Roman „Die Ferne“ habe ich in diesem Jahr mit Genuss gelesen – und war daher auch sehr gespannt auf seinen Klassiker:

„Wir drehen uns! : Auf der Stelle?“
Arno Schmidts „Die Gelehrtenrepublik“ ist „Mein Klassiker“

Mit 19 oder 20 las ich „Die Gelehrtenrepublik“ das erste Mal und  durchstieß die an der Oberfläche des Romans schillernden Gewebe von  Ironie und Kritik nicht, hatte auch noch zu wenig Sinn für die  sprachlichen Delikatessen, die der Autor so großzügig in seinen Texten  ausbreitet. Dennoch: das Buch ließ nicht los, wollte wieder gelesen und  verstanden werden.
Das neuerliche Lesen einige Jahre später entflammte eine Liebe zum Schmidtschen Kosmos, die mit jedem Jahr weiter wächst und mich unterdessen seine Bücher genießen läßt wie einer, der verdurstend eine Wüste durchwandert, sich an den ersten Schlucken Wasser nach der Tortur erfrischt. Warum, geht es mir bei jedem Satz des Meisters herum, findet sich heute kein solcher Schmidt mehr, der so virtuos mit Stoffen und Sprache zu spielen versteht?

Mag sein: Arno Schmidts „Die Gelehrtenrepublik“ ist keine „aktuelle“ Literatur, aber ihre Darstellung eines historischen Konflikts ist in diesen Tagen, da sich die Großmächte angiften wie zuletzt vor 40 Jahren, sehr eindrücklich und zeigt, daß Konflikte, die wir überwunden glaubten, jederzeit wieder aufbrechen können. Schmidts Roman aus den 50er Jahren ist, bei aller Zuspitzung auf den historischen Konflikt von Ostblock und Westen, heute wieder sehr passend. Seine abstrahierende, zugleich durch Humor, Skurrilität und Satire gewürzte Erzählung appelliert an das zeitlose Vernunftideal der Aufklärung. Zugleich wird deutlich, wie pessimistisch Schmidt die menschliche Entwicklung sieht. „Die Gelehrtenrepublik“ ist mit ihren Verweisen in die Vergangenheit ein wichtiges und künstlerisch hochrangiges Stück Literatur, das sich unverändert als dystopische Vision einer (unverändert: nahen) Zukunft liest.

Nach einem nicht näher beschriebenen Atomkrieg haben sich die Gräben zwischen den Systemen der USA und der Sowjetunion tiefer aufgetan als zuvor. Europa ist Geschichte, zerteilt durch Kleinkonflikte und Verseuchung. Die USA sind weitgehend unbewohnbar geworden, in unzugänglichen Korridoren hausen Kreuzungen von Mensch und Tier und der Mond – nun Müllhaufen der geschieterten Menschheit – ist von einem roten Fleck entweiht, der, ähnlich dem „Roten Fleck“ auf dem Jupiter, als  Sinnbild einer zerstörerischen und unbegreiflichen Macht zu verstehen ist: „In den Krater Wargentin, im Süden, hatten beide Staaten, USA und UDSSR, angeblich ihr ‚gesamtes spaltbares Material’ geschossen… Das Ergebnis war ein rechter Halemaumau in jener Wallebene gewesen, auch bei Neumond sichtbar (…), dabei konnte sich jedes Kind am Arsch abklavieren, daß man die Versuchsexplosionen bloß in den interplanetarischen Raum  verlegt hatte (..)“.

Schmidts sprachliche Kraft muß kaum noch einmal betont werden. Mit jedem Satz erschafft er Welten. In lakonischen Einschüben und seinen in die mitunter ungeheuerliche seelische Untiefen eröffnenden Dialoge einprasselnden Satzzeichen stecken meisterliche Andeutungswelten. Einmal mehr, wie in fast all seinen Werken, ist die Natur die einzige Macht, der alles sich beugen muß. Verheert, pervertiert und doch in  ihrer Mächtigkeit ungebrochen gebiert sie neues Leben – Mutationen, denen sich der Ich-Erzähler annähert, die er zuletzt sogar als „menschlicher“ begreift als die verbliebene Menschheit selbst. Die sich, eine dieser hellsichtig-ironischen Analysen Schmidts, unbelehrbar weiter allein um sich selbst dreht.

Dies der Rahmen für den eigentlichen Witz, die Insel, irgendwie zusammengebaut aus allen Trauminseln der gesammelten Literatur, angefangen bei Schnabels „Felsenburg“, die Schmidt so sehr schätzte, bis  hin zu Gullivers fliegenden Inseln, die ja auch schon Sinnbild eines Eskapismus waren. Schmidts Trauminsel ist aus Metall, ist riesig,  verkommen, heißt IRAS („International Republic for Artists and  Scientists“). Man höre: Nicht die Politiker, die Reichen und die vermutet Wichtigen retten sich in Schmidts Utopie, sondern die Wissenschaftler, die Künstler, die Musen! IRAS ist der durchorganisierte Hort der Restvernunft, und bildet doch mit feiner Schmidt’scher Ironie die ganze Unvernunft des Menschen ab. Es gibt „Zonen“, es gibt  Überwachung, Mißtrauen, Soldaten, Ränke und Intrigen. Keiner könnte das in so wenigen wohlgesetzten Worten so geistreich zwischen deftiger  Satire, zarter Traurigkeit und visionärem Ausblick schweben lassen wie  Schmidt. IRAS ist ein einziges Scheitern, orientierungslos dahinschwimmend: „Wir drehen uns! : Auf der Stelle?“

Die Hauptfigur, ein Mann namens Winer, so viel sei verraten, bricht Tabus, und nicht wenige davon. Zentaurenstämme, Spinnenkolonien und Schmetterlingsmenschen, allesamt Mutationen, entstanden in der Folge des Atomaren Krieges, finden seine Sympathie. Das ist in dieser bizarren neuen Welt verwerflich. Aber er übertritt alle Gebote, als er sich in ein Zentaurenmädchen (Thalja) verliebt und sogar Sex mit ihr hat. Das  Ablehnen der Tiermenschen fällt Winer immer schwerer, am Ende verliert er sich an die „tierische Seite“, auch hier eine weitere liebevolle Referenz an „Gulliver“. Zugleich aber durchstrahlen die Ereignisse des Holocaust, des Kalten Krieges immer, selbst in den heitersten Momenten der „Gelehrtenrepublik“, den Text. Auch die Tiermenschen sind getrieben von Mordgier, Mißgunst, niederen Instinkten. Das Paradies, das Winer für kurze Augenblicke bei den Mutantenwesen zu finden meint, ist nur eine andere Form der menschengemachten Hölle. Die Möglichkeit einer besseren Realität kann nur ein Traum bleiben („Einmal lebt’ich wie Götter’ !!!“).

Nur einem so akribisch alle Bedeutungsgeflechte durchdringenden Autor wie Schmidt konnte es gelingen, ein Stück „utopischer Literatur“ zu schreiben, das den Leser mit schönen wie erschreckenden, mit eiskalten wie herzenswarmen Szenen in ständiger wohliger Unruhe hält. Die fieberige Sprache macht mit geradezu chirurgischer Präzision die größten Greuel sichtbar. Und Schmidts „veräußerte innere Monologe“ halten das  Beschriebene auf der menschlichen Ebene, im Gedankenkreis des Möglichen.

Ein Roman der Ungeheuerlichkeiten, der alle Möglichkeiten und Techniken neuzeitlicher Romankunst in sich vereint: etwa das mutwillige Spiel mit der Fiktion und das Erzählen über das Erzählen. Die unerschöpfliche Erfindungsgabe und Sprachkraft macht diesen gewiß nicht „einfach“ zu lesenden modernen Klassiker zu einem hinreißenden literarischen Spiel. Alle wirklichen und möglichen Welten sind im Universum dieses Romans  „Die Gelehrtenrepublik“ enthalten.

Florian L. Arnold
www.florianarnold.de
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E. T. A. Hoffmann: Das steinerne Herz

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Eine Liebe, die das Herz zerreißt, statt es zu nähren: So stoßszeufzt der Hofrat Reutlinger noch im hohen Alter vor der Frau, die ihn einst geliebt hatte, die er jedoch zurückstieß. Nicht die äußeren Umstände, nicht der Charakter der Frau, keine schicksalshaften Widrigkeiten waren es allerdings, die die beiden Liebenden in jungen Jahren trennten. Das Dilemma lag und liegt in des Hagestolzes (hach, endlich kann ich das Wort hier mal verwenden!) Hirn, vielmehr in der Brust: „Das steinerne Herz“.

„War es denn nicht Ihr starrer unversöhnlicher Sinn, Ihr träumerischer Glaube an Ahnungen, an seltsame, Unheil verkündende Visionen, der Sie forttrieb von mir und der mich zuletzt bestimmen mußte, dem sanfteren, beugsameren Mann, der mit Ihnen zugleich sich um mich bewarb, den Vorzug zu geben? Ach! Maximilian, Sie mußten es ja wohl fühlen, wie innig Sie geliebt wurden, aber Ihre ewige Selbstqual, peinigte sie mich nicht bis zur Todesermattung?“ Der alte Herr unterbrach die Dame, indem er ihre Hand fahrenließ: „O Sie haben recht, Frau Geheime Rätin, ich muß allein stehen, kein menschliches Herz darf sich mir anschmiegen, alles, was Freundschaft, was Liebe vermag, prallt wirkungslos ab von diesem steinernen Herzen.“

In seiner 1817 in den Nachtstücken erschienenen Erzählung beschreibt E. T. A. Hoffmann, wie ein Mann mehr und mehr aus Misstrauen, geplagt von Verschwörungstheorien und Wahnvorstellungen, sein Herz gegen die Menschen verschließt, die ihm am nächsten stehen: Ein „wundes Gemüt“, heute würde man vielleicht von einem psychotischen Depressiven sprechen.

Äußeres Symbol für dieses Herz, das sich versteinert, weil es zu verwundbar ist, weil Herz und Hirn zu verwirrt sind, zu unruhig in ihrer Zerrissenheit, ist ein Grabmal, das sich der Hofrat schon zu Lebzeiten errichten ließ:

„Am Ende des Gartens trittst du in einen finstern Hain von Trauerweiden, Hängebirken und Weymouthskiefern. Der Gärtner sagt dir, daß dies Wäldchen, wie man es, von der Höhe des Hauses hinabschauend, deutlich wahrnehmen kann, die Form eines Herzens hat. Mitten darin ist ein Pavillon von dunklem schlesischen Marmor in der Form eines Herzens erbaut. Du trittst hinein, der Boden ist mit weißen Marmorplatten ausgelegt, in der Mitte erblickst du ein Herz in gewöhnlicher Größe. Es ist ein dunkelroter, in den weißen Marmor eingefugter Stein. Du bückst dich herab und entdeckest die in den Stein eingegrabenen Worte: Es ruht!

Hoffmann, allseits bekannt als Hauptvertreter der „schwarzen Romantik“, ja der Schwärzeste von allen eigentlich, geht hier recht sachte mit seiner Hauptfigur um: Reutlingers steinernes Herz lässt sich letzten Endes doch noch erweichen, nimmt seinen verstoßenen Neffen wieder an und auf, begünstigt die Verbindung zweier junger Leute: Hoffmann mit Happy End. So darf das Herz beruhigt sein, darf in Frieden und ungebrochen gehen – am Ende stehen die Worte: „Es ruht!“.

Die Erzählung kann man in voller Länge hier lesen.

Arno Schmidt betitelte 1956 einen Roman mit Hoffmanns Überschrift: „Das steinerne Herz“. Aber der Schmidt ist ein Ding für sich – der kommt irgendwann eigens.

„Das steinerne Herz: nur durch die dünne Nabelschnur der Staatshandbücherreihe hing die Welt noch an mir ! Die Nacht schleifte immerfort leise. Leervorbei.“

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