LESARTEN: Altes Buch ganz neu. Und tut gut.

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Bilder: Birgit Böllinger

Die Geduld bringt nicht jeder auf: Sorgfältig faltet Andreas Karg Buchseite um Buchseite nach einem genauen „Schnittmuster“, bis am Ende ein kleines, filigranes Kunstwerk entsteht. Gebrauchte Bücher entfalten so eine ganz neue, ungeahnte Schönheit: Als zarte Papierblumen, als außergewöhnliche Weihnachtsbäume oder aber auch mit einem „Danke schön“ beziehungsweise dem Schriftzug des FC Bayern zwischen zwei Buchdeckeln. „Das wollen wir dem Verein mal überreichen – als Werbegag für unsere Einrichtung“. An kreativen Einfällen herrscht bei Roland Haag kein Mangel. Und eines der wichtigsten Vorhaben des Psychologen führte zu einer neuen Einrichtung bei den Wertachtal-Werkstätten in Kaufbeuren (Bayern), einer eigenen Abteilung für Menschen mit einer erworbenen Hirnschädigung. Bundesweit gibt es noch wenige solche Einrichtungen, die sich speziell um Arbeitsmöglichkeiten für Menschen aus dieser Gruppe bemühen.

Seit 1998 arbeitet Roland Haag bei den Werkstätten, einer Einrichtung der Lebenshilfe Ostallgäu, mit Menschen mit Behinderung. „2001 hatte ich dann das erste Mal mit einem Beschäftigten zu tun, der eine erworbene Hirnschädigung hatte“, so Haag, „und es wurde schnell offensichtlich, dass dieser Personenkreis ein anderes Arbeitsumfeld braucht, als es die Werkstatt in der Regel bieten kann.“

Viel Geduld und ein langer Atem waren nötig, doch 2016 war es dann soweit: Zunächst mit sechs Plätzen – heute sind es zwölf – startete die Wertachtal-Werkstätten gGmbH einen eigenen Berufsbildungsbereich für Menschen, die beispielsweise durch einen Schlaganfall, einen Herzinfarkt oder durch ein Schädel-Hirn-Trauma nach einem Unfall mitten aus ihrem Leben gerissen wurden. „Viele der betroffenen Menschen bringen berufliche Fertigkeiten mit, die nach der Rehabilitation wieder aktiviert werden können – sie sind aber oftmals nicht mehr andauernd belastbar“, so Haag. „Sie brauchen jedoch eine Arbeit, die abwechslungsreich ist und sie herausfordert, das ist im normalen Arbeitsablauf einer Werkstätte nicht ganz einfach.“ Zudem müssten die Tätigkeiten Konzentration und Aufmerksamkeit fördern und die motorischen Fähigkeiten müssen intensiv aktiviert werden – die Anforderungen sind also breitgefächert.

Doch auch dafür fand Ronald Haag eine Lösung: In der Gruppe, die über eigene, freundliche Räumlichkeiten verfügt, dreht sich alles ums Medium Buch. Drei Schwerpunkte machen die Arbeit aus – der Verkauf von gebrauchten Büchern über einen großen Internethändler, der handwerklich-kreative Bereich und das Digitalisieren von Fotos und Dias nach Kundenauftrag. „Wichtig ist, dass jeder unserer Beschäftigten möglichst alles machen kann“, so Roland Haag.

Das „Kerngeschäft“ ist der Gebrauchtbuchhandel: Mit einem Programm, das ein Buchhändler und Antiquar eigens für Behindertenwerkstätten entwickelt hat, werden an vier Arbeitsplätzen täglich Bücher eingelesen. Fast täglich bringt jemand gebrauchte Bücher vorbei, seit sich das Angebot herumgesprochen hat. Aber auch Aktionen wie ein Wettbewerb an den Kaufbeurer Schulen zum „Tag des Buches“, wer die meisten Bücher sammelt, bringen sowohl literarischen Nachschub als auch Aufmerksamkeit und Kontakte. „Wir haben alle beteiligten Schulklassen hierher eingeladen, etliche kamen – da war ganz schön was los“, sagt Roland Haag schmunzelnd. Dies und die Kooperation mit dem Buchloer Büchermarkt, die Präsenz auf Veranstaltungen und Märkten mit dem kreativen Buchhandwerk, alles dient auch dazu, Präsenz zu zeigen, über die Thematik der erworbenen Hirnschädigung zu informieren und vor allem, die betroffenen Menschen in Kontakt mit der Gesellschaft zu bringen. Denn viele von ihnen haben durch ihre Behinderung oftmals nur noch die Familie als Rückhalt, der Freundeskreis und die sozialen Kontakte über die Arbeit gehen verloren.

IMG_2961„In der Arbeit hier geht es nicht darum, wieder mit den Grundtugenden wie Pünktlichkeit und ähnlichem zu beginnen“, so Roland Haag, der die Gruppe gemeinsam mit der Heilerziehungspflegerin Jeannine Neurieder leitet. „Bei unseren Beschäftigten steht im Vordergrund, dass sie sich wieder etwas zutrauen, dass sie eventuell auch verlorene Fähigkeiten wieder erwerben, vor allem aber darf die Arbeit nicht monoton sein.“

Was den Mitarbeitern im Buchbereich vor allem gefällt, ist, dass es nie zur Routine wird. Vor allem im kreativen Bereich kann sich jeder auch mal frei ausprobieren. „Viele Bücher, die wir nicht verkaufen können, werden so weiter verwertet“, sagt Roland Haag. So kam eine Besucherin auf die Idee, die Buchrücken kleinteilig zu schneiden und daraus Mosaike zu machen. Was sich nicht im Internet vertreiben lässt, wird auf Flohmärkten angeboten, Bücher, die auf der „roten Liste“ landen, weil sie einfach zu abgenutzt sind, kommen zum Falten, werden zu Lesezeichen oder, wenn gar nichts mehr hilft, dann kommen sie ins Altpapier. Und selbst damit sind sinnvolle Arbeitsschritte verbunden: „Vorher müssen wir die Buchdeckel abtrennen, dafür brauchen wir auch etwas Kraft“, so Andreas Karg. „Ein Training, vor dem du dich gerne drückst“, scherzt einer seiner Kollegen.

Die lockere, freundliche Atmosphäre und das ruhige Umfeld, das konzentriertes Arbeiten zulässt – das, so Roland Haag, ist es, was die Mitarbeiter in dieser Abteilung brauchen. Haag selbst ist überzeugt, dass sich sein Konzept der spezialisierten Berufsbildungs- und Arbeitsgruppen für Menschen mit einer erworbenen Hirnschädigung durchsetzt und Nachahmer findet. Bundesweit geht man davon aus, dass es 800.000 Betroffene gibt, die nach einem Unfall oder Schlaganfall auf Dauer Unterstützung in ihrer Lebensführung brauchen.

IMG_2872Wer sich informieren möchte oder gar eines der Faltobjekte erwerben:

Wertachtal-Werkstätten gGmbH
Werkstatt für behinderte Menschen
Porschestr. 30
87600 Kaufbeuren
Telefon: 0 83 41 – 90 07 124

www.wertachtal.de

Das Programm, das für den Verkauf der Bücher genutzt wird, wurde eigens für den Einsatz in Werkstätten für Menschen mit Behinderung entwickelt:

http://www.buch-meister.de/


Bilder zum Download:
Bild 1, Falten
Bild 2, Gefaltete Seiten

 

Helene Hanff: 84, Charing Cross Road

„AUFGEPASST!
Ich will IHNEN, Frank Doel, nur eines sagen: Wir leben in verkommenen, zerstörerischen und degenerierten Zeiten, wenn eine Buchhandlung – eine BUCHHANDLUNG – damit anfängt, schöne alte Bücher auseinander zu reißen, um sie als Einpackpapier zu verwenden. Ich sagte zu John Henry, als er ausgewickelt war: `Hätten Sie das für möglich gehalten, Eminenz?´, und er verneinte. Sie haben das Buch mitten in einer großen Schlachtszene auseinander gerissen, und ich weiß nicht einmal, um welchen Krieg es sich handelt.“
15. Oktober 1950

„DAS NENNEN SIE PEPYS´ TAGEBUCH?
Das ist nicht Pepys´ Tagebuch, das ist die elende Zusammenstellung von EXZERPTEN aus Pepys´ Tagebuch, herausgegeben von irgendeinem übereifrigen Kerl, der in der Hölle verfaulen möge! Ich könnte ausspucken davor! Wo ist der 12. Januar 1668, als ihn seine Frau aus dem Bett jagt und mit einem glühend heißen Feuerhaken quer durchs Schlafzimmer verfolgt?“ „
15. Oktober 1951

Helene Hanff, „84, Charing Cross Road“, btb Taschenbuch, 160 Seiten, 7,99 Euro

Holla, die Waldfee. Die Dame pflegt eine deutliche Sprache. Aber sie ist eben auch Amerikanerin, genauer noch: wohnhaft in New York. Neue Welt trifft alte Welt – der so angesprochene (beziehungsweise „angeschriebene“) Londoner Buchhändler Frank Doel reagiert auf die direkte Art seiner neuen Kundin zunächst noch mit gebotener britischer Zurückhaltung und Kühle. Doch langsam taut er auf und wird von „Geschäftsbrief“ zu „Geschäftsbrief“ zutraulicher – wer kann dem herben Charme von Helene Hanff schon widerstehen? Auch dem Leser dieses Buches wird das kaum gelingen: Helene Hanff wickelt zwar nicht gerne Bücher aus den Seiten anderer Bücher aus, dafür umso besser Menschen um den kleinen Finger. Mit viel Humor, zuweilen spitzer Feder und spitzer Zunge, und vor allem mit viel Anteilnahme lockt sie den Antiquar aus der Reserve.

So wird aus einer Fachkorrespondenz über den Atlantik und zwei Jahrzehnte hinweg eine intensive Brieffreundschaft. Helene Hanff nimmt erstmals 1949 zu der Londoner Buchhandlung in der Charing Cross Road Kontakt auf. Als begeisterte Leserin schwer aufzutreibender Bücher – so möglichst die vollständigen Ausgaben von Johne Donnes Predigten, Pepys´ Tagebücher oder Kenneth Grahams „Wind in den Weiden“, natürlich mit den Illustrationen von Shepard – stößt sie auf das Antiquariat MARKS & Co. Helene Hanff hält sich nicht lange beim Austausch bibliomanischer Gepflogenheiten auf, der Ton ihrer Briefe wird schnell persönlicher. Und vor allem zeigt sie ihre zupackende, pragmatische (amerikanische) Seite. Obwohl selbst nicht materiell verwöhnt, beginnt sie damit, den unter den Lebensmittelrationierungen darbenden Briten Lebensmittelpakete via Dänemark zu senden. Frische Eier, Eipulver, Schinken und – nicht zum Essen – Nylonstrümpfe. Im Gegenzug gibt es schriftliche Einladungen nach London noch und noch (so zur Thronbesteigung durch Lizzie), handgestickte Tischdecken und ein Rezept für Yorkshire Pudding.

Ein persönliches Treffen mit Frank Doel kommt jedoch nie zustande – der Buchhändler stirbt unerwartet und plötzlich 1969 nach einem Blinddarmdurchbruch. Anrührend einer der letzten Briefe in diesem Buch. Doels Ehefrau Nora schreibt an die Unbekannte über dem großen Teich:

„Ich wünschte nur, Sie wären Frank begegnet und hätten ihn persönlich kennen gelernt. Er war die ausgeglichenste Person mit einem wunderbaren Sinn für Humor und solch ein bescheidener Mensch, wie ich jetzt begreife, da ich von überall her Briefe bekommen habe, die ihm Hochachtung bezeugen. (…)
Manchmal, ich kann es Ihnen ja sagen, war ich ganz eifersüchtig auf Sie, da Frank Ihre Briefe so mochte, die, beziehungsweise einige davon, seinem Sinn für Humor so entsprachen. Ich habe Sie auch um Ihr Schreibtalent beneidet. Frank und ich waren sehr gegensätzlich, er so freundlich und sanft und ich dagegen, die ich mit meinem irischen Hintergrund immer für meine Rechte kämpfte. Er fehlt mir so.“
Januar 1969

1970 gibt Helene Hanff, die selbst als Autorin ihr Dasein mit dem Schreiben von Dreh- und Lehrbüchern fristet, diesen Briefwechsel als Buch heraus. Und landet damit einen weltweiten Erfolg. Das Kultbuch wird mit Anne Bancroft und Anthony Hopkins verfilmt. Und Helene Hanff gelangt endlich in ihr erträumtes London.

Der Briefwechsel selbst ist höchst amüsant, anrührend und eine kleine Zeitreise – vor allem die Briefe aus London (zeitweise schreibt offensichtlich jedes Mitglied der Buchhandlung sowie von Doels Familie an die Amerikanerin) erzählen von den existenziellen Engpässen der Nachkriegszeit. Und von der Liebe zur Literatur und antiquarischen Büchern. Goldschnitte und Lederbände konkurrieren mit Schinken und Nylonstrümpfen – jeder Brief, jedes Päckchen bringt einen Lichtblick.

Aprospos Lichtblick in Päckchen: Dieses „Kultbuch für alle Vielleser“ (so der Verlagstext) lag einem Päckchen meiner Ping-Pong-Brieffreundin bei. Briefeschreiben hat schon was…

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