Katherine Mansfield: Fliegen, tanzen, wirbeln, beben

„Im Herbstgarten fallen die Blätter. Wie Schritte, wie sanftes Wispern. Sie fliegen, tanzen, wirbeln, beben.“

Katherine Mansfield am 18. Oktober 1922

Als die neuseeländische Schriftstellerin dies schreibt, ist sie selbst, obwohl erst vier Tage zuvor 34 Jahre jung geworden, bereits im Herbst ihres Lebens. Es ist einer der letzten Tagebucheinträge. Wenige Monate später, am 9. Januar 1923, erleidet sie, die Meisterin der Kurzgeschichte, einen Blutsturz und stirbt. Ihr Leben: Selbst eine Kurzgeschichte, voller Dramen und Unglücksfälle, eine, die melancholisch, todkrank, unstet, irrlichternd durch die Welt zieht und dabei dennoch immer wieder das Leben und die Welt in den schönsten Farben und Worten feiert:

Erdbeeren und ein Segelschiff

„Wir saßen auf einem Felsen über dem offenen Meer. Der Kleinstadt kehrten wir den Rücken zu. Wir hatten beide ein Körbchen voll Erdbeeren. Eben hatten wir sie einer dunklen Frau mit wachen Augen – beerenfündigen Augen – abgekauft.
„Sie sind frisch gepflückt“, sagte sie, „aus unserem eigenen Garten.“ Ihre Fingerspitzen waren hellrot gefärbt. Aber was für Erdbeeren! Jede war die schönste – die vollkommenen – der Inbegriff einer Erdbeere – die Frucht unserer Kindheit! Selbst die Luft fächelte auf Erdbeerflügeln herbei. Und tief unten in den Tümpeln badeten kleine Kinder mit Erdbeergesichtern…
Über das blaue, wogende Wasser nahte sich ein dreimastiges Segelschiff – mit neun, zehn, elf Segeln. Von wundersamer Pracht! Es ritt über das Meer, als tränke jedes Segel reichlich Sonne und Licht.“

Was für eine Ausdruckskraft, was für eine Sprache! Katherine Mansfield schrieb so eigenartig glasklar über die Welt, wie sie ist, manchmal auch satirisch überspitzt, manchmal gnadenlos realistisch und dennoch scheint über dieser und anderen Szenen ein magischer Erdbeermond. Die kleine Vignette von einem Tag an der Küste ist Teil des Bandes „Fliegen, tanzen, wirbeln, beben“, der aktuell zu ihrem 130. Geburtstag beim Manesse Verlag erschien.

Nachwort von Dörte Hansen

Es ist, wie die Schriftstellerin Dörte Hansen im Nachwort zu diesem auch optisch sehr ansprechenden Buch schreibt:

„Man braucht von Katherine Mansfields Leben nichts zu wissen, um ihre Kurzgeschichten zu bewundern. Sie strahlen, schweben, glänzen von allein, sie sind auf biografische Erklärungen nicht angewiesen. Und doch beginnt man nach dem Lesen ihrer Tagebücher, Briefe und Notizen ganz von vorn, liest die Erzählungen noch einmal neu und folgt gebannt den Spuren dieser Frau, die jahrelang von einer trostlosen Behausung in die nächste zog, wo sie dann wieder krank, gehetzt und einsam um ihr Leben schrieb.“

Neugierig auf das Werk dieser Ausnahmeerscheinung zu machen, dies war Absicht von Herausgeber Horst Lauinger, der aus der großen Hinterlassenschaft für dieses Buch Tagebucheinträge, Notizen und Briefe in chronologischer Reihenfolge zusammenstellte, die sich – als „Vignetten eines Frauenlebens von 1903 – 1922“ – zu einem eindrücklichen Portrait zusammenfügen: Da ist eine, die gleichermaßen aus vollem Herzen liebt und verabscheut, die sich nach Freiheit sehnt und zugleich nach Zugehörigkeit, die mit ihrem kranken Körper hadert und dennoch die Schönheit des Augenblicks auskosten kann, die mit sich selbst streng zu Gericht geht und nicht weniger ätzend über ihre Mitmenschen urteilt, die aber vor allem eines tut – ihr ganzes Leben ordnet sie dem Schreiben unter. Das Leben, eine einzige, lange Erzählung.

Es ist berührend zu lesen, wie sie in ihren letzten Lebensjahren geradezu um Lebenszeit bettelt, Lebenszeit, um schreiben zu können, wie sie mit sich selbst hadert, wenn es nicht gelingt. Am 13. November 1921 notiert sie in ihr Tagebuch:

„Vergeudete Zeit. Der alte Aufschrei – der erste und letzte Aufschrei – was zögerst du? Ach ja, warum? Mein glühendster Wunsch ist es doch, Schriftstellerin zu sein und ein stattliches Werk vorweisen zu können. Und das Werk ist doch da, und die Geschichten warten auf mich, werden müde, welken und verblassen, weil ich nicht kommen mag.“

Strahlende Prosa

Wer ihre schmale Hinterlassenschaft, von den spitzzüngigen ersten Worten aus einer deutschen Pension bis zum alles überstrahlenden Gartenfest kennt, der fragt sich, was da noch hätte kommen können, wäre ihr die Zeit geblieben, ob diese strahlende Prosa, die sogar Virginia Woolf in Schrecken und Eifersucht versetzt hatte, eines Tages auch in einen ebenso strahlenden Roman hätte münden können.

Andererseits bedingen sich bei ihr Krankheit – 1917 wurde bei ihr Tuberkulose diagnostiziert, zudem hatte sie sich vermutlich auch mit Gonorrhoe infisziert – und Wahrnehmungs- wie Ausdrucksfähigkeit gegenseitig. Ihr Landsmann Anthony McCarten meint über sie:

„Nach der Diagnose im Jahr 1917 sah sie Wunder, wohin sie auch schaute. Ihre Hingabe an das schiere Staunen, diese Offenbarungen fanden zunächst zögernd Eingang in ihr Werk, bald aber strömten sie. Die Krankheit, die Mansfield einem Alltag entrückte, den sie sich stets besser gewünscht hatte, führte sie in die Todeszone, einen sublimen Lebensraum, dessen Bewohner sich der Betrachtung der letzten Dinge widmen. Dort ist es den Glücklichsten vergönnt, die Welt mit einem Maß an Ehrfurcht wahrzunehmen, das nur der empfindet, der weiß, daß er sie bald verlassen wird.“

Glücklich jedoch in der üblichen Form war Katherine Mansfield wohl nie. Jedenfalls nicht zur Ruhe kommend. Auch wenn sie nach wechselnden Beziehungen 1918 eine feste Partnerschaft zu dem Kulturjournalisten John Middleton Murry eingeht, mit dem sie bis an ihr Lebensende verheiratet bleibt, so ist auch diese äußerliche Konstante von Wechselfällen gekennzeichnet, von Trennungen und sich wiederfinden, verraten ihre Tagebucheinträge, wie sehr sie zwischen Liebe und Sehnsucht nach Autonomie, nach Eigenständigkeit zerrissen ist.

So ermöglicht dieses Buch auch den Blick auf eine Frau, die nicht von ungefähr auch zu einer Ikone der Frauenbewegung wurde.

„Katherine Mansfield hat schon früh gewußt, daß sie eine anderes Leben wollte“, so Dörte Hansen. „Mit neunzehn schreibt sie eine Art feministisches Manifest in ihr Tagebuch:“

„Hier seien die paar Dinge genannt, die ich brauche – Macht, Reichtum und Freiheit. Es ist das hoffnungslos langweilige Dogma, Liebe sei das einzige auf der Welt, das man den Frauen von Generation zu Generation einbläute, welches uns so grausam behindert. Wir müssen diesen Fetisch loswerden – und dann, ja dann eröffnet sich die Möglichkeit von Freiheit und Glück.“

Wer diese Frau war, die Freiheit vor Glück setzte, davon gibt dieser Jubiläumsband mit einer gelungenen Auswahl ihrer autobiografischen Texte und ihrer Vorübungen für ihre Schreibwunder einen guten Einblick. Zudem trägt die Übersetzung von Irma Wehrli dazu bei, dieses Funkeln, das Strahlen, das Beben der Prosa von Katherine Mansfield auch in der deutschen Sprache seine Wirkung beibehält.


Informationen zum Buch: https://www.randomhouse.de/Buch/Fliegen-tanzen-wirbeln-beben/Katherine-Mansfield/Manesse/e546130.rhd

Titelbild zum Download: Skulptur in Bad Wörishofen


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Anthony McCarten: Jack

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Bild von nextvoyage auf Pixabay

„Ich finde, es könnte immer noch etwas daraus werden, wenn ich seine Geschichte schreibe. Das Thema: das Spiel der Identitäten, dessen Opfer und die gesellschaftlichen Folgen davon. Auch Staaten spielen solche Identitätsspiele. Nimm doch nur Amerika, schizoid, wie es ist – der puritanische Despot, der sexbesessene Priester, der freiheitsliebende Kriegsverbrecher, die beiden Gesichter der Nation. Entwürfe habe ich schon. Warum soll nicht ich das sein, die eine Geschichte über einen Mann schreibt, der auseinanderfällt in einer Gesellschaft, die auseinanderfällt, und warum soll ich nicht auch die Namen der Opfer solcher Spiele nennen?“

Anthony McCarten, „Jack“, Diogenes Verlag, 2018.

Im Grunde handelt ja jede Literatur von den großen Fragen des Seins: Geburt, Liebe, Einsamkeit, Tod, Schmerz und vom Sinn des Lebens. Und über alle dem schwebt die Frage: Was habe ich damit zu schaffen? Wer bin ich, warum und wie viele? Manche verlieren ihre Persönlichkeit in übergroßer Anpassung, andere jedoch brauchen die Abgrenzung, das Ausbrechen, das Anderssein, um sich zu finden. Oder auch nicht. Und verlieren sich am Ende auch.

Vor allem dies war ein Kennzeichen der „Beat Generation“: Das Leben, ein Rausch. Bedingungslose Freiheit, um sich selbst auszuloten und die Grenzen des Lebbaren. Die Suche nach dem Ich. Nur: Die meisten verloren sich dabei – die Beat Generation, auch eine Lost Generation. Insbesondere ihr „Star“ Jack Kerouac, der mit „On the road“ – ein in einem dreiwöchigen Schreibrausch in die Maschine gehämmerter Text – den Bestseller der Bewegung schrieb.

Kerouac, intelligent und gutaussehend, wurde nach Erscheinen seines Buches (1957) zum Popstar seiner Generation – von den Fans verehrt, von der Kritik und den Medien verachtet. Und er zahlte für sein exzessives Leben einen hohen Preis: Er starb, von Drogen gezeichnet, vom Alkohol aufgeschwemmt, viel zu früh, wurde nur 47 Jahre alt. Doch in dieser kurzen Zeitspanne führte er mehr Leben als die meisten anderen Menschen, spielte mehr Rollen, als jedes abendfüllendes Drama es zu bieten hat:

„Das perfekte Chamäleon. Die multiple Persönlichkeit. Der Verwandlungskünstler. Wenn ich doch bloß mein Tonbandgerät dabeigehabt hätte. Im Geiste machte ich rasch eine Liste mit nur einigen der widersprüchlichen Identitäten, die er im Laufe seines Lebens angenommen hatte: Weltenbummler / Einsiedler, psychisch Kranker / Stimme der Vernunft, Pin-up-Boy / verdreckter Landstreicher, Gefängnisinsasse / freier Vagabund, Macho-Footballstar / sensibler Künstler, Drogensüchtiger / Puritaner, revolutionärer Bohemien / Spießbürger, Frauenliebhaber / Frauenhasser, Schürzenjäger / Empfänger von homosexuellen Blowjobs, Katholike / Buddhist, erwachsener Mann / ewiges Muttersöhnchen, loyaler Freund / Judas. Die Liste war unvollständig. Sie konnte leicht dreimal so lang werden.“

Es sei gleich von vorherein gesagt: Auch wenn sich der neuseeländische Schriftsteller Anthony McCarten intensiv mit der Biographie von Jack Kerouac befasst hat, kann selbstverständlich dieses Buch die Frage „Wer war Jack Kerouac“ nicht beantworten – und will es auch gar nicht. Auch wird „Jack“ keineswegs literarisch so bahnbrechend werden wie „On the Road“: Es ist gut zu lesen, routiniert geschrieben, nicht ohne Anspruch, unterhaltsam und bewegend, aber eben alles andere als experimentell – ein Roman, der Leser vielleicht auf die Straße zu den Beatniks führen wird, aber an Tempo und Härte mit den echten Werken der Beat Generation nicht mithalten kann.

Dafür aber ist „Jack“, diese fiktive, spielerische Hommage McCartens an sein literarisches Vorbild, ein lustvolles Spiel mit Identitäten, mit Spannungsmomenten, mit viel Wärme und Humor, dem vor allem eines gelingt: Ein vielschichtiges Bild von Kerouac zu zeichnen, das auch dem gefallenen Helden der Beat Generation in all seinem elenden Niedergang seinen Respekt zollt, seine Würde lässt. Für McCarten war der Schriftsteller ein bahnbrechendes Idol:

„Von Kerouac lernte ich zu schreiben. Seine Engel und Dämonen waren meine eigenen. Er ist der Held meines Buches über die Frage, wer wir wirklich sind.“

Und dieser Frage geht McCarten mit großer Lust am Spiel nach – im Zentrum dabei steht jedoch weniger der mittlerweile abgewrackte alte Autor, der am Ende seiner Tage gemeinsam mit der dritten Ehefrau, die eigentlich seine Pflegerin ist sowie der alten, herrschsüchtigen Mutter in einem heruntergekommenen Haus in einem Kaff in Florida lebt. Sondern es ist eine junge Literaturstudentin die im Laufe des Buches mehrere Wandlungen ihrer Identität und Persönlichkeit erlebt – von der Biographin bis zur leiblichen Tochter des verehrten Schriftstellers und … nun, der Clou am Ende des Buchs soll hier nicht verraten werden.

Die beiden, Autor und Biographin, ringen in langen Interviews miteinander, nähern sich gegenseitig an, wollen der Frage nach dem eigentlichen Kern ihrer eigenen Wesen auf den Grund kommen: Ein Vorhaben, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Für den Leser ist diese Suche nach der „Wahrheit“ durchaus spannend zu lesen und wirft einen zudem selbst auf diese Fragen zurück – wo beginnt das „Ich“, wo spielt man Rollen? Wer bin ich?

„Jack“ ist ein klug komponiertes Verwirrspiel und zugleich eine Reflexion über das Dasein als Schriftsteller und die Verantwortung eines Autoren gegenüber seinen Figuren, insbesondere dann, wenn sie ein Vorbild in der Realität haben. Wer ein wenig vertraut ist mit der Biographie von Kerouac, der kennt auch den Namen Neal Cassady: Ein Freund des Schriftstellers, portraitiert in etlichen von dessen Büchern (unter anderem als Dean Moriarty in „On the Road“ und Cody in „Visions of Cody“). Ihm – dessen Sprechweise Kerouacs Schreibstil wesentlich prägte – brachte der literarische Ruhm der „Beat Generation“ ebenfalls wenig Glück, auch er starb früh, von Drogen und Alkohol gekennzeichnet.

In „Jack“ konfrontiert die Biographin Kerouac mit dessen Vergangenheit, gräbt in den Dokumenten, will den Ursachen nach zerbrochenen Freundschaften und gescheiterten Lieben auf den Grund kommen. Ja, eigentlich fragt sie den Schriftsteller, der nur noch Briefe schreibt, der keinen mehr an sich heranlässt, der mit dem Vorsatz lebt, sein „Ich“ umzubringen, sich dabei zu Tode säuft und Meister Eckhart zitiert, nach der Ursache seines  gescheiterten Lebens. Ob fiktiv oder real: Man weiß, wie schwer es ist, sich solchen Fragen zu stellen. Und aus der Spannung, ob darauf vielleicht doch noch eine Antwort kommt, lebt ein Stück weit auch dieser Roman.

Einige Vorkenntnisse über die „Beat Generation“ schaden bei der Lektüre nicht, zugleich kann das flüssig zu lesende Buch aber auch ein Einstieg sein, sich mit dieser literarischen Epoche und ihren Helden ein wenig mehr zu beschäftigen.

Verlagsinformationen zum Buch: Jack

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