Eine Hommage an Brigitte Reimann

20190902_1994„Ich mag Leute, die gern und ausgelassen lachen, die nicht mit sich geizen; ich habe meist gefunden, daß die Verschwender mehr Reserven haben als die Krämer, die ihr Gesicht ängstlich hüten, ihre Kraft und Empfindung rationieren.“

Brigitte Reimann, Zitat aus „Das grüne Licht der Steppen“.

Ein pralles Leben: Vier Ehen, unzählige Affären, dem Heimatland verhaftet und doch mit dessen Enge und dem Eingesperrtsein hadernd, als Stasi-Mitarbeiterin angeworben, später jedoch gegen das System anrennend. Früh literarisch hervorgetreten und ausgezeichnet, gegen Ende des Lebens wegen der angeblichen „Dekadenz“ ihrer Werke mit Veröffentlichungsverboten konfrontiert.

Immer schwankend zwischen den Polen, kettenrauchend, trinkend, feiernd, dann wiederum der Rückzug in das Innere, an den Schreibtisch. Geselligkeit und Einsamkeit im Wechsel: Brigitte Reimann war eine Kerze, die an beiden Enden brannte.

Unter den großen Namen der in der DDR schreibenden Frauen taucht ihrer neben denen von Christa Wolf, Monika Maron, Irmtraud Morgner, Sarah Kirsch immer an vorderster Stelle auf. Und dennoch gilt Brigitte Reimann immer wieder, vielleicht auch bedingt durch ihren frühen Tod, als eine, die es „wiederzuentdecken“ gilt. Eine wunderbare Einstiegsmöglichkeit in Leben und Gedankenwelt dieser unbändigen Autorin bietet nun der Steffen Verlag mit dem neu erschienenen Kunstband „In der Erinnerung sieht alles anders aus“.

26 kraftvolle Bilder, „jedes für sich ein inhaltlich wie formal eigenständiges Gebilde“, wie Herausgeberin Heide Hampel in ihrem Vorwort betont, der 1963 geborenen Künstlerin Anke Feuchtenberger bilden eine Art künstlerischen Leitfaden durch die Gedankenwelt der Schriftstellerin. Die Berlinerin, gut eine Generation jünger als die 1933 in der Nähe von Magdeburg geborene Brigitte Reimann, war schon früh eine Leserin des Werks der Älteren, setzte sich insbesondere mit dem späten, unvollendet gebliebenen Roman „Franziska Linkerhand“ auseinander.

„Wir haben gelernt, den Mund zu halten, keine unbequemen Fragen zu stellen, einflußreiche Leute nicht anzugreifen, wir sind ein bißchen unzufrieden, ein bißchen unehrlich, ein bißchen verkrüppelt, aber sonst ist alles in Ordnung.“

Zitat aus „Franziska Linkerhand“.

Von „Ankunft im Alltag“, einem frühen Roman, der die Entwicklung dreier Abiturienten beschreibt, die sich zum Arbeitseinsatz im Kombinat „Schwarze Pumpe“ melden, bis zum formal weitaus spannenderen und inhaltlich vom desillusionierten Blick auf das System geprägten Spätwerk „Franziska Linkerhand“ war es ein langer Weg. Diesen Weg gehen die Bilder Anke Feuchtenbergers mit, farbintensiv, surreal und auch ironisch Züge der „sozialistischen Kunst“ aufgreifend, bei Arbeiter- und Industrieszenen wie „Der Nabel der Welt“, ein Bild, das erst auf den zweiten Blick die doppelte Deutungsmöglichkeit enthüllt.

Den Bildern gegenüber gestellt sind jeweils Zitate aus den Briefen, Tagebüchern und Romanen Brigitte Reimanns, von Herausgeberin Heide Hampel und Winfried Braun aus der Fülle der Texte großartig zusammengestellt. Schlaglichtartig werden da die schriftlich fixierten Haltungen von Brigitte Reimann zu ihrer Rolle als Frau, Geliebte, Arbeitende, als Schriftstellerin sowie als gesellschaftliches und politisches Wesen beleuchtet.

„Haltungen“ – den Plural habe ich dabei bewußt gewählt: Ursula Maerz übertitelte 1997 ihren Beitrag in der Zeit über die damals erst erschienenen Tagebücher Brigitte Reimanns mit „Das Widerspruchsbündel“. Eine passende Bezeichnung für eine Frau, die das Leben ausschöpfen wollte – und das ist nun einmal so, die Sache mit dem Leben, dass es sich eben nicht auf eine unwidersprüchliche Formel reduzieren lässt.

„Früher dachte ich an das Leben, an mein unbemessenes Leben, wie an einen Hirsetopf im Märchen, du löffelst und löffelst und kommst nicht auf den Grund, wunderbar, die Hirse quillt von selbst nach, und der Topf wird niemals leer …“

Zitat aus „Franziska Linkerhand“.

Ein schon sehr von Meloncholie geprägtes Zitat, entstand der Roman doch in einer Zeit, als Brigitte Reimann nach langer Krebserkrankung dem Tod entgegensah: 1973 verstarb sie, erst 40-jährig, in Ost-Berlin. „Frauen wie Blumen“ heißt das Bild, das Anke Feuchtenberger zu diesem Zitat gestellt hat – es zeigt eine Krankenhausszene, die Figur der Betrachterin erinnert an eine der Menschen von Käthe Kollwitz, es ist plastisch und zart dabei zugleich. Und ist ein gutes Beispiel dafür, wie die intensive Auseinandersetzung der bildenden Künstlerin mit der schreibenden Kollegin ein Gesamtkunstwerk ergibt, eine Buchveröffentlichung, die die passende Hommage an das „Mädchen auf der Lotusblüte“ ist.


Bibliographische Angaben:

Heide Hampel
„In der Erinnerung sieht alles anders aus“
Steffen Verlag, 2019
19,95 Euro, Hardcover, 72 Seiten, 26 Abbildungen
ISBN 978-3-95799-078-5

Weitere Informationen:

Verlagsinformationen zum Buch finden sich hier.
Homepage von Anke Feuchtenberger: http://www.feuchtenbergerowa.de/
Eine ausführliche Besprechung des Bildbandes im „Aalener Kulturjournal“.


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