Lesley M. M. Blume: Und alle benehmen sich daneben

„Hemingway war von [uns] beiden geformt worden“, erinnerte sich Stein später in ihrer Autobiography of Alice B. Toklas, und sie seien „beide ein bisschen stolz auf und beschämt über [unser] Geisteskind gewesen.“ Hemingway, zu dem Ergebnis kamen sie, habe etwas von einem Feigling und einem Schwindler. Sie nahmen ihm sein übertrieben männliches Image einfach nicht ab.
„Was für ein Buch, stimmten [wir] beide überein, wäre die wahre Geschichte von Hemingway“, schrieb Stein. „Nicht die, die er schreibt, sondern die Bekenntnisse des wahren Ernest Hemingway.“
Und schließlich glaubten sie ohnehin nicht, dass er verstanden habe, worauf es ihnen in stilistischer Hinsicht ankam. Er gebe sich große Mühe, modern zu wirken, aber für Stein „roch er nach Museen.“

Lesley M. M. Blume, „Und alle benehmen sich daneben“, OA 2016, in deutscher Übersetzung durch Jochen Stremmel 2017 bei dtv erschienen.

Ich möchte es einfach sagen dürfen: Was für ein unsympathisches Großmaul! Man mag zu seinen Werken stehen, wie man will – vieles davon, so seine Erzählungen, die Novelle „Der alte Mann und das Meer“ sind großartig, anderes für mich dagegen schlichtweg unlesbar – aber der Mensch hinter dem Werk war mir noch nie sympathisch. Alles too much: Zu viel verbale Aufschneiderei, zu viele Selbstinszenierungen beim Jagen, Fischen und Trinken, zu viel Machotum. Das Wissen, dass dahinter wohl ein sehr verletzbares, unsicheres Wesen steckte, auch das Wissen um seinen Suizid trug nicht wesentlich dazu bei, dass mir der Autor näher kam – er blieb in meinen Augen ein „Schwindler“.

Wie sehr er schwindelte, wie wenig ihm so simple Werte wie Loyalität gegenüber Freunden und Förderern, selbst gegen Ehefrauen, Rücksichtnahme und Verschwiegenheit etwas galten, wenn es um die eigene literarische Karriere ging, das alles zeigt die amerikanische Journalistin Lesley M. M. Blume in ihrer Biographie „Everybody behaves badley: the true story behind Hemingway`s masterpiece The Sun also rises.“ Die umfangreichen Quellennachweise zeigen: Die Frau hat ihren Job gründlich erledigt, intensiv recherchiert. Es würde dem Buch also nicht gerecht, bezeichnete man es als Tratsch- und Klatschkompendium mit literarischem Anspruch (wobei so kurz gefasst es auch nicht ist, es birgt schon manche Redundanz und kleinere Längen). Und doch ist es vor allem das Plaudern über die Zickenkriege zwischen männlichen Literaten, die dieses Buch so höchst unterhaltsam machen. Der Tratsch über wer-mit-wem und warum-und-wieso, der offenbar auch das Leben dieser amerikanischen Bohème in New York und Paris prägte. Und die größte Tratschtante von allen (im Bayerischen gibt es dafür den schönen Ausdruck „Ratschkattl“) war nun mal Mr. Hemingway.

Lesley M. M. Blume fokussiert sich auf die Anfangsjahre dieses von hemmungslosem Ehrgeiz und großer Geltungssucht getriebenen Menschen. Sie beschreibt die ersten Jahre bis zum Durchbruch, der mit dem 1926 erschienenen Debütroman „The Sun Also Rises (Fiesta)“ begann. Als Hemingway 1921 nach Paris kam, hatte er außer einigen Erzählungen noch wenig vorzuweisen – aber Paris, das war der Ort, an dem er glaubte, all die Erfahrungen, das Erleben und Leben aufsaugen zu können, die er zum Schreiben brauchte. Zudem war Paris das Zentrum der literarischen Welt: James Joyce, die Fitzgeralds, Gertrude Stein, Ezra Pound, Anderson Sherwood, all jene, von denen er glaubte, lernen (und profitieren) zu können, lebten dort. Wie sehr er seine Rolle als bescheidener Anfänger stilisierte, das ist im erst später erschienenen „Paris, ein Fest fürs Leben“ nachzulesen – seine Zeitgenossen hatten andere Erinnerungen an ihn, erkannten, wie sehr er sie benutzte:

„Er machte ungeniert Anleihen bei ihr [Gertrude Stein], begann aber, ihre Ideen zu hemingwayifizieren, indem er sie alle subtiler, attraktiver, zugänglicher machte.“

Stein und Sherwood Anderson nutzt er, um sein Schreiben zu perfektionieren. Andere nutzt er, um überhaupt etwas zum Schreiben zu haben: Der eigentliche Skandal an „Fiesta“ war die Erkennbarkeit der nur leicht fiktionalisierten Figuren. Nicht von ungefähr zerbrachen nach der Fiesta zahlreiche Freundschaften und seine Ehe mit Hadley, der Frau, die ihm den Rücken für sein Dasein als Schriftsteller freigehalten hatte. Für Hemingway wird das Buch ein überwältigender Erfolg, wie Lesley M. M. Blume ausführt, für die Menschen, die als Vorlagen für den Roman benutzt wurden, wurde er zum Teil zum Disaster. Den Schriftsteller Harold Loeb – im Roman als Robert Cohn dargestellt – traf „The Sun Also Rises“ laut Blume „wie ein Schock“:

„Das Buch traf mich wie ein Kinnhaken“, erinnerte er sich später. Er durchforstete das Buch nach Passagen über Robert Cohn. Die „unnötige Gehässigkeit“ schockierte ihn genauso wie die weitgehende Übernahme seiner persönlichen Vorgeschichte. Seiner Ansicht nach wäre es für Hemingway genauso leicht gewesen, die Biografien aller Figuren so zu verändern, dass er und die anderen nicht auf Anhieb zu erkennen gewesen wären.“

Die Figuren, das sind vor allem die Freundeskreise, mit denen Hemingway in Paris verkehrte und mit denen er einen Ausflug in die Stierkampfstadt Pamplona unternahm. All das, was dort geschah – das Buhlen um eine Frau, die Verführung eines jungen Torero, die Besäufnisse und Prügeleien – all das verdichtete Hemingway in diesem zugestandenermaßen bis heute faszinierendem Roman. Auf persönliche Beziehungen nahm er dabei keine Rücksicht.

Lesley M. M. Blume gelingt jedoch der Spagat, das rüde Vorgehen Hemingways zu schildern ohne jedoch die innovative Kraft, die der Roman seinerzeit hatte, zu schmälern. Sie verfällt angesichts der Makel und Unzulänglichkeiten des Charakters Hemingway, diesem vom Ehrgeiz zerfressenen Schriftsteller, nicht in unreflektierte Schwärmerei, zeigt auf jeden dunklen Flecken auf seiner Weste – unter anderem auch seinen latenten Antisemitismus – hin. Aber dennoch ist spürbar, wie sehr sie den Roman an sich und seine unmittelbare Kraft schätzt:

„Was hier nun folgt, ist die Geschichte, wie Hemingway überhaupt erst zu Hemingway wurde – und die des Buches, das alles in Gang setzte. Die Vorgeschichte des Romans The Sun Also Rises und die des Aufstiegs seines Autors sind identisch. Literaturkritiker stellen seit langem Hemingways zweiten Roman A Farewell to Arms (In einem anderen Land) als den Roman hin, der ihn zu einem Giganten im literarischen Pantheon machte, aber in mancher Hinsicht ist die Bedeutung von The Sun Also Rises viel größer. In Sachen Literatur führte dieses Buch die breite Leserschaft ins 20. Jahrhundert.“

Und nicht zuletzt machte der Roman Hemingway zur Stimme der „Lost Generation“ – wenn er auch diesen Ausdruck, wie so vieles andere, von Gertrude Stein abgekupfert hatte.

„Und alle benehmen sich daneben“: Ein unterhaltsames und informatives Buch nicht nur (oder vielleicht auch gar nicht) für Hemingway-Leser, aber auch für alle, die an dieser Blütezeit der amerikanischen Literatur interessiert sind.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.dtv.de/buch/lesley-m-m-blume-und-alle-benehmen-sich-daneben-28109/

Marianne Moore: The complete poems of Marianne Moore

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

Der Tod von John Ashbery hat mich einmal mehr daran erinnert, welch unbekanntes Terrain doch die moderne amerikanische Lyrik trotz einiger herausragender Namen für ein breites Lesepublikum noch ist. Zwar gibt es einige wenige Poeten, deren Werk (teilweise) ins Deutsche übersetzt wurde, einige Anthologien moderner amerikanischer Lyrik, doch ebenso viele weiße Flecken auf der poetischen Landkarte. Zwei Dichterinnen, beide mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und durchaus in einem Atemzug mit Sylvia Plath zu nennen, sind hierzulande weitestgehend unbekannt, ihr Werk kaum in die deutsche Sprache übertragen: Marianne Moore und Elizabeth Bishop.

“No water so still as the
dead fountains of Versailles.”

Marianne Moore, 1887-1972

Für ihre konzentrierte, präzise Sprache, den dichten Einsatz von Bildern, Metaphern und anderen sprachlichen Mitteln, für die Fähigkeit, Gedanken und Ideen in dem einen richtigen Wort auszudrücken, wurde Marianne Moore von ihren Kolleginnen und Kollegen allseits bewundert. Moore ist eine der großen Poetinnen der amerikanischen Moderne. Sie setzte sich für die Gegenständlichkeit in der Lyrik ein, bewegt von “a burning desire to be explicit”. Statt Metaphorik die Gegenwärtigkeit und Direktheit des Ausdrucks. Als technisches Mittel diente ihr dazu auch die Vereinnahmung von Zitaten, Schlagzeilen und anderen Fremdtexten – so beginnt ihr berühmtes Gedicht „No swan so fine“ mit dem oben zitierten Satz, den sie in einem Bericht über Versailles las. Und es endet ganz explizit mit den Worten: „The king is dead.“

Die 1887 in St. Louis geborene Marianne Moore war ein vaterloses Kind. Dieser war bereits vor ihrer Geburt nach einem Nervenzusammenbruch in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden, sie lernte ihn nie kennen. 1894 zog die Familie nach Pennsylvania. Marianne Moore besuchte eine private Mädchenschule, erste literarische Gehversuche folgten, 1915 veröffentlichte sie ihre ersten Gedichte. 1918 zog sie mit ihrer Mutter nach New York. Drei Jahre später begann sie als Assistentin in der New York Library zu arbeiten, lernte Wallace Stevens und William Carlos Williams kennen, kam in literarische Kreise. Die mit ihr befreundeten Schriftsteller Hilda Doolittle und Robert McAlmon veröffentlichten ohne ihr Wissen ihr erstes Buch.

Für ihr Werk wurde Moore, die 1972 in New York starb, wiederholt ausgezeichnet, unter anderem mit dem Pulitzer Preis und dem National Book Award. Mehr noch jedoch zählt wohl die vorbehaltlose Anerkennung durch andere Dichter und Autorenkollegen. So schrieb William Carlos Williams in einem Essay über ihre genaue Beobachtungsgabe:

“So that in looking at some apparently small object, one feels the swirl of great events.”

T.S. Eliot betonte:

“Living, the poet is carrying on that struggle for the maintenance of a living language, for the maintenance of its strength, its subtlety, for the preservation of quality of feeling, which must be kept up in every generation… Miss Moore is, I believe, one of those few who have done the language some service in my lifetime.”

(Quelle – Portrait und Gedichte von Marianne Moore bei der Poetry Foundation: https://www.poetryfoundation.org/poets/marianne-moore)

Darüber hinaus war Marianne Moore zeitlebens auch bekannt für ihr exzentrisches Auftreten, stets mit seltsamen Kopfbedeckungen und in eine Art Cape gewandet. Sie liebte auch im hohen Alter noch den Besuch von Sportveranstaltungen. So eröffnete sie beispielsweise 1968 die Saison der Yankees mit dem ersten Wurf.  Zu ihren Freunden zählte Muhammad Ali. Zu dessen Schallplatten-Aufnahme der legendären „I am the Greatest“-Rede schrieb sie die den Covertext.

„The deepest feeling always shows itself in silence;
not in silence, but restraint.“

Elizabeth Bishop (1911-1979).

„The art of losing isn`t hard to master;
so many things seem filled
with the intend to be lost
that their loss is no disaster.“

Für eine weitere bedeutende amerikanische Lyrikerin war Marianne Moore Mentorin und Freundin zugleich: Elizabeth Bishop. Die beiden Frauen verband das Leben und die Lyrik – wie Moore verlor Bishop ihren Vater früh, ihre Mutter kam wegen einer psychischen Erkrankung in eine Heilanstalt. Elizabeth sah sie das letzte Mal, als sie fünf Jahre alt war.

Die wohlhabenden Großeltern väterlicherseits ermöglichten ihr schließlich den Besuch des renommierten Vassar Colleges – dort traf sie Moore, dort begann ihre literarische Karriere. Zu Lebzeiten veröffentlichte sie nur einige wenige Prosastücke und 101 Gedichte, an denen sie extrem lang feilte. Ein schmales Werk, aber umso kostbarer und wichtiger. Zeilen und Worte, die von Trauer, Verlusten, Sehnsüchten handeln, alles reduziert und verdichtet – Verdichtung als Kunst.

2011, zu ihrem 100. Geburtstag, erschien eine zweisprachige Ausgabe einer Auswahl ihrer Gedichte, übersetzt und herausgegeben von dem Literaturwissenschaftler Klaus Martens, der über ihre Arbeit schreibt:

„Sie schreibt keine poetische Diktion, ihre Syntax wird immer eine alltägliche sein und aus dieser allgemeinen Verbindlichkeit heraus eine Magie herauszuoperieren, einfach durch Selektion, durch Edition über Jahre so zusammenzuschreiben, dass der Grundstock bleibt und dann doch ein ganz neuer Schimmer, ein neuer Glanz hinzukommt, das konnten nur ganz wenige, und Bishop ist da eine der ganz Großen.“

Elizabeth Bishop, Alles Meer ein gleitender Marmor, herausgegeben, übersetzt und mit einer Einleitung von Klaus Martens, Mattes Verlag, Heidelberg 2011.

Verlagsinformationen zum Buch: http://www.mattes.de/buecher/dichtung_der_englischsprachigen_welt/978-3-86809-045-1.html

Die Kunst des Dichtens, die Kunst des Verlierens: Elizabeth Bishop lernte dies in ihrem Leben. Wer sich für ihre Biographie interessiert, dem kann ich auch dieses Biopic empfehlen: „Die Poetin“, ein Film, der 2013 in die Kinos kam und sich auf ihre Beziehung mit der brasilianischen Architektin Lota de Macedo Soares konzentriert.

Wie Susan Vahabzadeh in ihrer Filmbesprechung in der Süddeutschen Zeitung richtig anmerkte:

„Beide Frauen sind heute nicht mehr präsent, die Dichterin Bishop nicht und nicht die Architektin Lota de Macedo Soares, die so gern ein neues Brasilien gestaltet hätte. Die Sache ging tragisch aus. Aber das Verlieren hatte Elizabeth ja gelernt. Ich verlor zwei Städte, verlor zwei Flüsse, einen Kontinent. . . Die Zeile stammt aus einem ihrer Gedichte, es heißt „Die Kunst des Verlierens“.“

Schön wäre es, wenn auch die Leserinnen und Leser hierzulande nicht ganz den Faden zu diesen großartigen amerikanischen Dichterinnen verlieren würden …

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John Ashbery: Im Ozean der Sprache

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Bild von Roger Mosley auf Pixabay

IM OZEAN DER SPRACHE – Eine Notiz zum Tod des amerikanischen Weltpoeten John Ashbery

Ein Gastbeitrag von Michael Braun

Eine der schönsten Legenden, die diesen Giganten der Weltpoesie umwehen, erzählt davon, dass selbst die Falschschreibung seines Namens Poesie erzeugt hat. „Ash-berry“ – die Asche und die Beere. Die „Beere aus Asche“ verweist auf das beunruhigend Flimmernde seiner Gedichte, das Opake als eine Brücke zum Wunderbaren. John Ashbery, dieser lyrische Solitär und Vorbild für eine unüberschaubare Zahl von poetischen Bewunderern, unternahm über sechzig Jahre lang die „Anstrengung, sich hinzusetzen, und, der Kopf eine tabula rasa, mit dem Schreiben zu beginnen“.
Die Fama besagt, dass der 1927 in Rochester geborene John Ashbery zu den jungen wildern Dichtern der New York School gehörte. 1950 lernte er seine aufrührerischen Kollegen Frank O´ Hara und Kenneth Koch kennen und mischte mit provozierenden „kubistischen“ Gedichten die Feten der avantgardistischen Maler und Bohemiens auf. „Der Wüstling“, so schreibt sein großer Freund und wichtigster Übersetzer ins Deutsche, Joachim Sartorius, „steckt in der frühen Lyrik.“ In seinen frühen Bänden „The Tennis Court Oath“ (1962) und „Rivers and Mountains“ 1966) inszenierte er den Zusammenprall von Alltagsslang und erhabener Metaphorik und collagierte die Sprache des Melodrams mit Fundstücken aus der Medienwirklichkeit. Seine späteren epischen Gedichte, die sich in viele Richtungen verzweigen, die epochalen Bände „Self-Portrait in a  Convex Mirror“ („Selbstporträt im konvexen Spiegel“) von 1975 und „Flow Chart“ (1990)  setzen einen Prozess der Selbsterforschung in Gang, der an kein Ziel führt, sondern nur in der Bewegung des Fragens selbst, im rastlosen Grübeln und Vor-Tasten in eine fremde Welt existiert. Der endlose Dialog, den er in diesen Gedichten mit seinem Bewusstsein führt, so schreibt Joachim Sartorius sehr treffend, „mag noch so trivial, noch so sehr small talk, noch so idiosynkratisch sein, er berührt immer das Universelle.“ Im langen Gedicht „A Wave“ („Die Welle“) ist diese Form von Bewusstseinsstrom prägnant zusammengefasst: „Durch so viele Systeme wie die,/in die wir verstrickt sind, durch ebensoviele/ wurden wir freigesetzt auf einen Ozean der Sprache, der zu einem Teil/von uns wird, als ob wir je davonkämen.“ Es scheint, als teilte sich das lyrische Subjekt immer wieder in mehrere Stimmen – „a kind of crowd of voices“ – , die sich zwischen den Zeiten bewegen.

John Ashbery unterrichtete viele Jahre am Brooklyn College, später am Bard College, als freier Autor vagabundierte er dann viele Jahre zwischen seiner Stadtwohnung in New York, seinem Haus in Hudson und ausgedehnten Reisen nach Europa hin und her, zehn Jahre lang lebte er von 1955 bis 1965 in Paris. Nach zahlreichen Publikationen im Hanser Verlag und im Residenz Verlag war es in den vergangenen Jahren der Luxbooks Verlag, der in Deutschland die Erinnerung an diesen Riesen der amerikanischen Poesie wach hielt. Zuletzt haben Matthias Göritz und Uda Strätling das komplizierte Langgedicht „Flow Chart“ in eine kühne deutsche Fassung („Flussbild“, 2013) gebracht. „Einer von uns bleibt zurück“, heißt es im Gedicht „Hotel Lautréamont“, „Einer von uns geht auf der Brücke weiter / wie auf einem Teppich. Leben – es ist herrlich – folgt und fällt zurück.“ Im Juli hatte er noch seinen 90. Geburtstag gefeiert, am 3. September 2017 ist das herrliche Leben des Weltpoeten und Pulitzer-Preisträgers John Ashbery in seinem Haus in Hudson zu Ende gegangen.

Michael Braun
Michael Braun, geboren 1958, lebt als Literaturkritiker in Heidelberg. Er veröffentlicht Essays zu Fragen einer zeitgenössischen Poetik. Von 2007 bis 2011 gab er Deutschlandfunk-Lyrikkalender heraus, seit 2012 den Lyrik-Taschenkalender (Wunderhorn Verlag). Weitere aktuellere Veröffentlichungen unter anderem: „Jean Krier: Eingriff, sternklar. Gedichte aus dem Nachlass“ (Hrsg., Poetenladen, Leipzig 2014) und „Der gelbe Akrobat 2. 50 deutsche Gedichte, kommentiert“ (Hrsg. zusammen mit Michael Buselmeier. Poetenladen, Leipzig 2016).
Weitere Informationen zum Autoren: http://poetenladen.de/michael-braun.htm

John Steinbeck: Tortilla Flat

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Bild von Falkenpost auf Pixabay

Es ist sicher nicht sein literarisch anspruchsvollstes Werk, aber mein heimlicher Favorit von John Steinbeck (1902-1968): Tortilla Flat. Zwar hatte der spätere Literaturnobelpreisträger schon zuvor einige Romane veröffentlicht, aber erst 1935 kam mit den Erzählungen über eine Handvoll Ritter von trauriger Gestalt der Durchbruch. Die Ritter-Assoziation kommt nicht von ungefähr: Steinbecks liebstes Jugendbuch handelte von den Geschichten rund um König Artur und seine Tafelrunde – und so finden sich die heldenhaften Vorbilder als weit weniger heroische Wiedergeburten zur Zeit nach dem 1. Weltkrieg im kalifornischen Monterey wieder. Aus König Artur wird der Veteran Danny, seine Tafelrunde besteht aus seinen Zechbrüdern Pablo, Pilon und Jesus Maria und die Heldentaten drehen sich eher um die Beschaffung von etwas Essbarem, der obligarotischen Gallone Wein (oder zweien oder dreien und gerne mehr davon) sowie um die Suche nach Streicheleinheiten und mehr bei den Damen.

Das Buch besteht aus 17 Kapiteln, kleine Erzählungen, die auch durchaus eigenständig gelesen werden können. 17 Kapitel, 17 Burlesken bis zum tragisch-komischen Finale. Damit spiegelt „Tortilla Flat“ auch die „Le Morte d’Arthur“ von 1485 wieder: Ein historisches Vorbild, das Steinbeck ab Ende der 1950er-Jahre in Neuenglisch übertrug. Veröffentlicht wurde dieses Buch jedoch erst nach seinem Tod: „The Acts of King Arthur and His Noble Knights, From the Winchester Manuscripts of Malory and Others“.

Während König Artur Kettenhemd-starrend und steif sich in den Dienst edler Zwecke stellt, haben die literarischen Nachfahren damit wenig am Hut: Ihre Abenteuer handeln von Wein, Weib und Gesang. Auch wenn Steinbeck im Vorwort noch einen ganz erhabenen Ton anschlägt:

„Nein, wer von Dannys Haus spricht, meint die Einheit, deren Teile Menschen waren, von denen jugendliche Frische und Lebensfreude, Menschenliebe und schließlich eine mystische Trauer ausging. Denn Dannys Haus war König Arthurs Tafelrunde nicht unähnlich, und Dannys Freunde dürfen wohl mit ihren Rittern verglichen werden. Und unsere Geschichte erzählt, wie diese Gruppe ins Leben trat, wie sie erblühte und sich in Schönheit und Weisheit entfaltete. Sie handelt von den Abenteuern der Freunde Dannys, von dem Guten, das sie stifteten, von ihren Gedanken und ihrem Streben.“

Bei aller Schönheit und Weisheit darf nicht übersehen werden, dass Danny und Konsorten alles andere als Adelige und Ritter sind, sondern eigentlich zu den Ausgestoßenen gehören:

„Was ist ein Paisano? Eine Mischung aus spanischem, indianischem, mexikanischem und erlesenem kaukausischem Blut. Seine Vorfahren haben seit ein bis zwei Jahrhunderten in Kalifornien gelebt.“

Aber die Paisanos sind eben nicht in der amerikanischen Gesellschaft angekommen, stehen outside: Während der Ort Monterey vor allem von Fischern italienischer Herkunft besiedelt ist, denen es wirtschaftlich etwas besser geht als den eingesessenen Paisanos, leben diese in ihrer eigenen Siedlung, ihrer eigenen Welt, der „Tortilla Flat“. Tagediebe und Lebenskünstler, die sich mehr recht als schlecht durchschlagen. Das erzählt Steinbeck so unterhaltsam und liebevoll, dass einem die Außenseiter richtig vertraut werden. In der späteren Rezeption erhielt der Schriftsteller für diesen etwas romantisierenden Blick auch sehr viel Kritik. Er habe mit diesem Buch dazu beigetragen, dass Bild des clownesken Mexikaner in der amerikanischen Öffentlichkeit zu prägen, lautete ein Vorwurf. Die Vorwürfe trafen Steinbeck schwer: Er hatte als Gelegenheits- und Wanderarbeiter die Lebensverhältnisse der Paisanos kennengelernt, unter anderem während eines Jobs in einer Zuckerfabrik viel auch von ehemaligen mexikanischen Strafgefangenen erfahren. 1945 griff er die Thematik in „Cannery Row“, eine Art Fortsetzung (deutscher Titel: Die Straße der Ölsardinen) wieder auf.

Eine andere Lesart könnte sich jedoch auch auf die Zeit, in der die Burlesken spielen, beziehen: Danny, die Hauptfigur, ist ein Kriegsveteran, der sich mit 25 Jahren freiwillig zur Armee meldet – „Als Danny dieses Alter erreicht hatte, wurde Krieg gegen Deutschland erklärt.“. Jahre später haben er und seine Freunde in der Heimat den Anschluss verpasst: Auch sie zählen gewissermaßen zu einer „lost generation“. Zurück aus dem Krieg wird Danny jedoch unvermittelt zum Hausbesitzer: Er erbt die beiden Bruchbuden seines Großvaters, vermietet davon eine zu einem symbolischen Wert von 15 Dollar an seinen Kumpel (wohlwissend, dass er dieses Geld nie sehen wird) und gelangt damit zu einer Art von gesellschaftlicher Reputation.

Rund um die beiden Häuser drehen sich die Geschichten, dort spielen sich die kleinen Tragikomödien der „Tafelrunde“ ab, Dialoge voller Witz und ungewollter Weisheit. Diesen Ton trifft John Steinbeck so unnachahmlich gut, ironisch, lakonisch, ein wenig nostalgisch und so locker, dass sich die Burlesken allein dafür zu lesen lohnen. Und für diese Art der Lebensphilosophie darf man das Buch, trotz seiner Schwächen, loben.

Und sollte sich von der Lebenseinstellung eine große Scheibe abschneiden.
Siehe hier – die souveräne Art, wie Danny damit umgeht, dass seine Tafelrunde beim Gelage in der Nacht zuvor die Hälfte seiner Immobilien abfackelte:

„Als die Sonne sich über die Kiefern erhoben hatte, der Boden erwärmt war und der Morgentau auf den Geranienblättern trocknete, begab sich Danny auf die Veranda seines Häuschens und sann, in der Sonne sitzend, über verschiedene Ereignisse nach. Er zog die Schuhe aus und bewegte die Zehen auf den sonnengewärmten Planken. In einer früheren Morgenstunde war er unten gewesen und hatte den schwarzen Haufen Asche und geschmolzener Röhren besichtigt, der das einzige war, was von seinem zweiten Häuschen übriggeblieben. Er hatte sich ein wenig in den vorschriftsmäßigen Zorn über seine nachlässigen Freunde hineingesteigert und ein paar Augenblicke über die Unbeständigkeit alles irdischen Eigentums nachgedacht, die geistigen Besitz umso wertvoller macht. Einige Gedanken hatte er dem Verlust seines Ansehens als Besitzer eines Mietshauses gedwimet; und als die ganze Skala notwendiger und wohlanständiger Empfindungen durchlaufen und abgetan war, gab er sich zum Schluß seinem echten Gefühl hin: der Erleichterung, wenigstens die eine Last los zu sein.
Wenn das Häuschen noch dort stünde, dachte er, so würde ich nach der Miete trachten. Meine Freunde sind mir gegenüber kühl geworden, weil sie mir Geld schuldeten. Jetzt können wir wieder frei und glücklich miteinander sein.“

Die Botschaft des Buches ist einfach: Genieße das Leben. Aber das ist einem in der Literatur auch schon weitaus platter oder anstrengender vermittelt worden. Auf in die Tortilla Flat!

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Jack London: Das Haus von Mapuhi und Mord auf Bestellung

„Der Mann, der das andere Kind festhielt, berührte Raouls Schulter und zeigte auf etwas. Da sah er, wie hundert Fuß entfernt die Mormonenkirche taumelnd davonglitt. Sie war aus ihren Fundamenten gerissen, und Sturm und Wellen hoben und schoben sie Richtung Lagune. Eine erschreckende Wasserwand brach über sie herein, kippte sie um und schleuderte sie gegen ein Dutzend Kokospalmen. Die Trauben von Menschen fielen wie reife Kokosnüsse. Als die Welle abfloss, wurden sie am Boden sichtbar; einige lagen regungslos, andere wanden und krümmten sich. Sie erinnerten ihn seltsam an Ameisen. Er war nicht schockiert. Er war bereits jenseits des Grauens.“

Aus „Das Haus von Mapuhi“, Jack London, C. H. Beck textura, 2016.

Mit seinen Romanen und Erzählungen über die raue Welt Alaskas war Jack London (1876 – 1916) wohlhabend geworden. Doch der Kalifornier war nicht der Typ, der sich mit einem dicken Bankkonto zur Ruhe setzen würde. London, der immer zu großen Ideen neigte, wollte sich mit dem erschriebenen Geld einen Traum erfüllen – in sieben Jahren die sieben Weltmeere durchqueren. Weit kam er nicht: Der Bau seiner Yacht Snark Plänen trieb ihn bereits vor dem Ablegen tief in die Schulden. Und als 1907 endlich die Segel Richtung Honolulu gehisst werden konnten, wurde schnell deutlich, dass die Snark alles andere als besonders seetauglich war. Es grenzte an ein Wunder, dass die Reisenden mit dem leckenden Boot Honolulu erreichten und die Reise sogar über Hawaii, Tahiti, die Fidschi-Inseln bis zu den Neuen Hebriden und die Salomon-Inseln weiterging. Im Südpazifik war dann jedoch, nach erst zwei Jahren, Schluss: Jack London, gesundheitlich sowieso angegriffen, musste wegen schwerer Malaria-Anfälle zur Behandlung nach Sydney.

Doch trotz der von Pech und Pannen geprägten Ozeanumsegelung erschloss sich der Schriftsteller eine neue Welt – auch in literarischer Hinsicht. Wie Andreas Nohl, der Schriftsteller und renommierte Übersetzer englischsprachiger Klassiker betont, schrieb London

„… auch während der Reise täglich sein Pensum. So schuf er (…) zahlreiche Südseegeschichten, die er eilends an große Zeitschriften verkaufte, um sich und seine Crew finanziell über Wasser zu halten (und seine Gläubiger ruhigzustellen.“

Fünf der besten „Südseegeschichten“ Jack Londons sind in dem Band „Das Haus von Mapuhi“ enthalten. Das Buch erschien 2016 zum 100. Todestag des Schriftstellers in der Reihe „textura“, übersetzt von Andreas Nohl. Nohl, der auch der „Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson eine frische Prise eingehaucht hat, findet für London ebenfalls den passenden Ton: Er vermag es, die Modernität dieses kraftvollen Schriftstellers zu transportieren.

Die Erzählungen zeigen alles andere als ein unberührtes Südseeparadies: Die Einwohner der Inseln sind zum einen den Gewalten der Natur ausgeliefert, wie die titelgebende Geschichte „Das Haus des Mapuhi“ eindrucksvoll aufzeigt. Ebenso schwelen aber auch die Konflikte zwischen Ureinwohnern und den Europäern, die in „Koolau, der Aussätzige“ zu einem Aufstand Leprakranker führen oder in „Familienstolz“ zur Verleugnung des Halbbruders, der von einer indigenen Mutter stammt.

Ob Jack London von Männerfreundschaften, von Freiheitskämpfern oder Überlebenden eines Hurrikans  erzählt: Neben der Natur spielt das Streben nach Glück der Menschen eine Hauptrolle. Erstaunlich ist dabei die Bandbreite: Mitreißende Abenteuergeschichten, aber auch so ein anrührendes Erzählstück wie „Ah Kims Tränen“. Der chinesische Junggeselle hat in Honolulu sein finanzielles Glück gemacht – doch die Frau seiner Träume darf er nicht heiraten, weil sie sich nicht an die strengen Sitten der chinesischen Kolonie hält. Erst der Tod der Mutter erlöst ihn von seinem Bann.

Es zeigt sich, wie genau London bei seinen Reisen die Menschen verschiedener Klassen und Rassen kennenlernte und beobachtete. Zugleich aber ist der lebenslang aktive Sozialist auch ein Sozialdarwinist, einer, der dem Credo des „Survival of he fittest“ anhängt. Es überleben die Stärkeren – und das ist in seinen Augen auf menschlicher Ebene „der weiße Mann“. Obwohl London die Folgen der Kolonialisierung wahrnahm und in seinen „Südseegeschichten“ thematisierte – die Ausbeutung der Arbeiter, die Sklaverei, das Einschleppen von Krankheitserregern, die Verarmung der Einheimischen –, steckte in ihm auch ein Rassist.

Klaus Daniel vom Blog BücherKaterTee zeigte dies unlängst bei einer Besprechung von Jack Londons „Jerry, der Insulaner auf“. Der Schriftsteller Georg Klein schrieb im August 2000 für die Frankfurter Rundschau über dieses Buch:

„Wer Londons Tiergeschichten liest, ahnt, wie närrisch es ist, rassistisches Gedankengut ausrotten zu wollen. Überall, wo die komplexen Verhältnisse zwingen, kompliziert zu denken, wächst die Sehnsucht nach einfach strukturierten Erklärungsmodellen.“

Quelle: Georg Klein, „Schund & Segen. Siebenundsiebzig abverlangte Texte“, Rowohlt Verlag, 2013.

Das Konzept der Überlegenheit einer bestimmten Klasse liegt auch einer Besonderheit im Werk Jack Londons (der in seinen wenigen Lebensjahren 27 Romane, zudem etliche autobiographische Werke, zahllose politische Essays, Reportagen, Essaysammlungen und fast 200 Kurzgeschichten schrieb) zugrunde: Der Agententhriller „Mord auf Bestellung“, ein Genre, das sonst nicht mit dem Namen London verbunden wird.

Handlung: Der diabolische Ivan Dragomiloff ist Kopf einer Attentatsagentur – die Killer ermorden rund um die Welt gegen Honorar Menschen, sofern diese nach Ansicht der Agentur gegen die Gesetze der Gesellschaft verstoßen. Dieses Gesetz der Agentur ist ehern – und tritt daher auch in Kraft, als ein Kopfgeld gegen Dragomiloff selbst ausgesetzt wird (ausgerechnet von Winter Hall, einem jungen Mann, der die Nichte des Russen ehelichen will). Neben einer Verfolgungsjagd durch die Vereinigten Staaten, zahllosen Toten und einer Liebesgeschichte mit Hindernissen ist der Roman vor allem geprägt von Diskussionen über Recht und Moral, Schuld und Sühne zwischen Dragomiloff und Winter Hall.

Das Buch erschien im Jubiläumsjahr 2016 im Manesse Verlag. Doch auch Eike Schönfeld – neben Andreas Nohl gegenwärtig einer der besten Übersetzer englischer und amerikanischer Literatur – kann diesen seltsamen Hybrid aus Abenteuergeschichte, Thriller und Philosophiediskurs nicht wirklich retten. Jack London war 1909 nach seinem Südseeabenteuer abgebrannt – sowohl an Geld als auch an Einfällen. Die Idee zu „The Assassination Bureau Ltd.“ kaufte er seinem jüngeren Schriftstellerkollegen Sinclair Lewis ab. Doch London brach die Arbeit am Manuskript 1910 ab, kam offenbar nicht weiter.

1963 wird das Manuskript, wie Freddy Langer im Nachwort der deutschen Übersetzung ausführt, dem Krimiautor Robert L. Fish aus dem Nachlass Jack Londons zugespielt. Fish greift den Faden auf und spinnt das Werk fort. Im Grunde also ein Roman, geschrieben von zwei Autoren – dies hätte meiner Meinung nach deutlich vom Verlag schon auf dem Cover hervorgehoben werden müssen.

Man merkt dem Buch diesen Bruch durchaus an: Ist Jack Londons Anteil eher „philosophisch“ aufgeladen, so treibt Fish den zweiten Teil in stringenter Thrillermanier voran. Überzeugen kann das Endprodukt nicht: Das ganze logische Gerüst erscheint wenig schlüssig, der kriminalistische Teil war nicht Londons Stärke, die moralphilosophischen Dialoge sind zwar intelligent angelegt, aber driften zu sehr von der Rahmenhandlung ab. Nicht von ungefähr ließ London das Manuskript in der Schublade verschwinden: Dass es nun als „Meisterwerk“ vermarktet wird, sehe ich sehr kritisch.

Interessant ist das Buch eher für London-Leser, die sich eingehender mit der Persönlichkeit des Schriftstellers beschäftigen wollen: Denn mit Dragomiloff zeichnet er einen jener kraftvollen „Übermenschen“, die er in seinem Werk (siehe den „Seewolf“) des Öfteren auftreten lässt. Jene Übermenschen, die darüber entscheiden, wer leben darf und wer nicht, jene Übermenschen, für die auch Rassismus ein denkbares Erklärungsmuster ist.

Andreas Nohl schreibt über ihn:

„In gewisser Weise hatte er den Nietzscheanischen Vulgärmythos vom Übermenschen (Overman oder Superman) zur eigenen Lebensmaxime erhoben. All dem haftete etwas ebenso Zwanghaftes wie Überlebensgroßes an, eine übersteigerte Version des amerikanischen Optimismus.“

Und dennoch, trotz all dieser Makel, war Jack London in seiner besseren Texten ein mitreißender Schriftsteller – einer, der immer wieder dazu verführt, dem Ruf der Wildnis zu folgen.

Verlagsangaben zu den genannten Büchern:

Das Haus von Mapuhi:
http://www.chbeck.de/London-Haus-Mapuhi/productview.aspx?product=16572659
Mord auf Bestellung:
https://www.randomhouse.de/Buch/Mord-auf-Bestellung/Jack-London/Manesse/e467041.rhd

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Mark Twain: Post aus Hawaii

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„Wenn man in Honolulu mit einem Fremden ins Gespräch kommt und den natürlichen Wunsch verspürt, herauszufinden, auf welchem Terrain man sich bewegt und welche Art von Mensch der andere ist, dann spricht man ihn am besten zunächst mit „Kapitän“ an. Man beobachte ihn genau, und wenn man an seinem Gesichtsausdruck erkennt, dass man auf der falschen Spur ist, frage man ihn, wo er predigt. Es ist so gut wie sicher, dass er entweder Missionar oder Kapitän auf einem Walfänger ist.“

 Mark Twain, „Post aus Hawaii“, 2010, mareverlag, Hamburg.

Als Mark Twain zu den Sandwich-Inseln reisen darf, ist er bei weitem noch kein etablierter Autor. 1866 wird Samuel Langhorne Clemens im Auftrag der Tageszeitung “Sacramento Daily Union” mit dem Dampfschiff auf Reportage entsandt. Der junge Reporter, geboren 1835 in Florida, soll vor allem über die Zuckerrohrindustrie auf den Sandwich-Inseln berichten.

Auch wenn der junge Journalist alles andere als die bestellten Auftragsarbeiten ablieferte – sowohl für ihn als auch für die Herausgeber des „Sacramento Daily“ wurde die Reise zum Glücksfall. Aus den geplanten vier Wochen wurden vier Monate, aus den journalistischen Berichten wurden lebendige Reportagen, kleine Erzählungen und vor allem Humoresken über das Inselleben. Und aus dem Zeitungsmann Samuel Langhorne Clemens wurde durch den Erfolg dieser Briefe und der anschließenden Vortragsreisen der berühmte „Mark Twain“.

Die Reiseberichte lesen sich auch heute noch so frisch, lebendig und widerborstig wie andere „Reisebücher“ aus der Feder dieses großen amerikanischen Schriftstellers, sei er mit den Arglosen im Ausland unterwegs oder auf einem „Bummel durch Europa“. Bis die Reportagen, die den Grundstein zu Mark Twains Erfolg bildeten, jedoch komplett in Buchform erschienen, sollte es dauern. Er selbst verwertete zu Lebzeiten nur Teile daraus in anderen Büchern. In deutscher Übersetzung durch Alexander Pechmann – der der Ausgabe auch ein lesenswertes Nachwort mit einer Fülle weiterer Informationen angefügt hat – wurden die vollständigen Briefe aus Hawaii erst 2010 veröffentlicht, 100 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers.

Die „Post aus Hawaii“ lässt schon die typischen Züge des späteren Schriftstellerstars erkennen: Die Briefe sind humorvoll bis bissig, ab und an gehen ihm die fiktiven Gäule durch (so erfindet er einen tolpatschigen Reisebegleiter, den armen Mr. Brown), sie zeugen zugleich aber auch von seinem journalistischen Spürsinn und seiner genauen Beobachtungsgabe. Was das Werk von späteren unterscheidet: Mark Twain schlägt deutlich patriotische Töne an, Hawaii wird vor allem aus dem Blickwinkel betrachtet, inwieweit die Insel und ihre Nachbarn nützlich für Amerika sein könnten.

Als Twain auf die Sandwich-Inseln kommt, waren diese bereits mehrfach wegen ihrer geographischen Lage und ihrer Naturschätze zum Objekt der Begierde geworden: James Cook gab der Inselkette zu Ehren von Lord Sandwich ihren Namen, dann annektierten die Russen, die Engländer und die Franzosen in abwechselnder Reihenfolge die Inseln, die seit 1810 durch die gewaltsame Eroberung von Kamehameha I. als Königreich geführt wurde. Die Monarchie überlebte den Besuch Twains nur wenige Jahre. Und auch die nachfolgende Republik war nur von kurzer Dauer: 1898 wurde Hawaii von den Amerikanern annektiert und ist seit 1959 der 50. Staat der Vereinigten Staaten.

Die großen Nachbarn hatten schon immer ein lebhaftes Interesse an den Inseln – und dieses sollte auch über die Zeitungsberichte Mark Twains beim Publikum geschürt werden. Immerhin ging es auch um handfeste wirtschaftliche Interessen. So schreibt Mark Twain im April 1866 an seine Leser:

„Der Walfang des nördlichen Pazifiks – der keineswegs unbedeutend ist – hat sein Zentrum in Honolulu. Ohne ihn würde die Stadt eingehen – ihre Geschäftsleute würden fortziehen, und die Grundstücke würden ihren Wert verlieren, zumindest jene, die zur Stadt gehören, obwohl Honolulu womöglich auch weiterhin als hervorragende Zuckerrohrplantage gedeihen würde, denn der Boden ist fruchtbar und braucht nur wenig Bewässerung.
Die Handelskammer von San Francisco wäre gut beraten, wenn sie sich bemühte, das Geschäft mit dem Walfang nach Kalifornien zu holen. Honolulu rüstet dieses Jahr die Mehrheit von sechsundneunzig Walfängern aus und erhält dafür eine ziemlich große Geldsumme.“

Wie Alexander Pechmann in seinem Nachwort ausführt, zeigt Twain in diesen Zeitungsartikeln durchaus eine imperialistische, patriotische Haltung, in dem er sich für eine wirtschaftliche Expansion der Vereinigten Staaten ausspricht – eine Haltung, die er in späteren Texten revidieren wird. Pechmann schreibt dazu:

„Twains politische Haltung ist nicht einfach zu definieren. Er hat anscheinend keine Probleme damit, in vielen seiner Erzählungen die Geldgier seiner Landsleute zu verhöhnen und gleichzeitig in seinen Zeitungsartikeln die Ausbeutung billiger Arbeitskräfte zu propagieren. (…) Er zeigt immer dann Sympathie für die Bemühungen des Königsreichs von Hawaii, den Status der Unabhängigkeit zu bewahren, wenn damit die Unabhängigkeit von den europäischen Mächten gemeint ist. Die Hawaiianer sind für ihn gewissermaßen bereits Amerikaner (…)“.

„America first“: Und doch kann man Herrn Twain für diese jungenhafte patriotische Haltung nicht allzu böse sein, bringt er einen doch überwiegend mit seiner Südsee-Post zum Schmunzeln und zum Lachen. Neugierig, respektlos, intelligent: So berichtete Mark Twain über das Leben und die Sitten auf den Inseln. Keiner ist vor ihm sicher: Er karikiert das Gehabe der Missionare, die naive bis morbide Wissbegier der Touristen, nimmt Eingewanderte und Einheimische aufs Korn und amüsiert sich insbesondere über die örtliche Politik:

„Dieses Parlament ist wie alle anderen Parlamente. Ein Holzkopf steht auf und macht irgendeinen vollkommen absurden Vorschlag, wonach er und ein halbes Dutzend anderer Holzköpfe die Sache eine Stunde lang mit geschwätziger Leidenschaft durchdebattieren, während die anderen Abgeordneten seelenruhig abwarten, bis ein vernünftiger Mann – ein einflussreicher Mann – eine große Nummer –  sich erhebt und die Torheit der Angelegenheit in fünf Sätzen darlegt.“

Mit bissigem Humor schaut Mark Twain auf den Inselstaat, seine Bewohner und ihre Sitten. Ganz ernst geht er jedoch auch auf die offenkundigen Schattenseiten im Inselparadies ein – die Folgen der Kolonialisierung, die Folgen der Ausbeutung der Ressourcen und Arbeitskräfte. Was ihn, als echten amerikanischen Patrioten, jedoch nicht daran hindert, für die Annexion Hawaiis durch die USA einzutreten.

Auch wenn man manches einfach in der Zeit verorten muss – Lesefreude bereitet der Hula auf Hawaii mit Mark Twain auch heute noch, zudem könnten die Briefe bei einem Inselbesuch auch ganz nützliche, unterhaltsame Reisebegleiter sein.

Das Buch ist auch als Taschenbuch erhältlich:
Post aus Hawaii, Dumont Verlag

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Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind

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„Ich kann nichts dafür. Mir könnt ihr nicht die Schuld geben. Ich hab`s nicht gemacht, und ich habe keine Ahnung, wie es passieren konnte. Kaum eine Stunde hat es gebraucht, nachdem sie sie zwischen meinen Schenkeln herausgezogen hatten, um zu merken, dass etwas nicht stimmte. Ganz und gar nicht stimmte. Sie war so schwarz, dass sie mir Angst machte. Mitternachtsschwarz, sudanesisch schwarz.“

Toni Morrison, „Gott, hilf dem Kind“, Rowohlt Verlag 2017.
Originalausgabe: „God help the child“, 2015

Lula Ann ist ein „Teerbaby“. Ein Schock für die Eltern, die – in ihrem Verhalten tief geprägt vom amerikanischen Rassismus -, so stolz auf ihre helle Haut sind. Der Vater verschwindet, die Mutter, die sich von ihrem Kind ironischerweise „Sweetness“ nennen lässt, zieht das Mädchen in einer Atmosphäre von emotionaler Kälte und Ablehnung auf.

Was für das Kind Lula Ann als Makel erscheint, der soziale Integration, Freundschaften und sogar familiäre Liebe verhindert, das verwandelt sie als Erwachsene, als „Bride“ in ein Markenzeichen: Die atemberaubende Schönheit, tiefschwarz, jedoch stets in Weiß gekleidet, inszeniert sie sich als „Panther im Schnee“.

Doch im Kern bleibt die glamouröse Karrierefrau, die Markenklamotten trägt und einen Jaguar fährt, das kleine, verunsicherte Kind. Keine Spur von „Black Panther“. Erst ein dramatischer Gewaltakt und ein Mann, der sie verlässt, führt Bride, die weiße Braut, auf Spurensuche: Nach Brooker, ihren Geliebten, aber vor allem nach sich selbst.

In ihrem jüngsten Roman vereint Toni Morrison erneut ihre zentralen Themen: Rassismus und Feminismus. Ob in „Sula“, „Teerbaby“ oder auch „Menschenkind“, immer wieder stellte die Literaturnobelpreisträgerin Frauen in den Mittelpunkt ihrer Geschichten Frauen, die im doppelten Sinne mit ihrer Identität zu ringen haben: Als Frau und als Schwarze. Morrison behandelt die Thematik jedoch nie eindimensional, konstruiert keine literarischen schwarz-weiß Anklagen, teilt nicht oberflächlich nach Hautfarben in Gut und Böse. Vielmehr sind ihre Bücher – und „Gott, hilf dem Kind“ trotz des missverständlichen Titels in besonderer Weise – eine Aufforderung zur Emanzipation.

Heidi Thomas Tewarson schreibt in ihrer rororo-Monographie (2005) über Toni Morrisons Roman „Sehr blaue Augen“:

„…ist das erste Buch, in dem Toni Morrison der Frage nach der verheerenden Folge eines schädlichen, fremden, aber allgemein verinnerlichten Denkens nachgeht, einer Frage, die in vielen Variationen immer wieder aufgegriffen wird. Die fast automatische Verinnerlichung rassistischen Denkens erweist sich als das wahrhaft Zerstörerische.“

Das wahrhaft Zerstörerische ist und bleibt natürlich der Rassismus an sich – doch wie sehr rassistische Denkweisen von den „Opfern“ selbst übernommen werden, wie sehr sie diese weitertragen und sich damit einem inhumanen System unterwerfen, das zieht sich wie ein roter Faden von der blauäugigen Pecola („Sehr blaue Augen“, 1970) bis hin zur teerschwarzen Bride. Deren Abgrenzung von der Mutter, ihre Karriere, ihre wechselnden Liebschaften: Dies alles entpuppt sich als dünner Firnis. Anpassung und Selbstverleugnung statt Selbstverwirklichung. Auch ihre Art, ihre tiefschwarze Hautfarbe zu einem Markenzeichen zu machen, ist einem rassistischen Diktat unterworfen. „Black is beautiful“, pervertiert.

„Siehst du“, sagte Jeri. „Schwarz zieht. Es ist die heißeste Ware, die es in unserer Gesellschaft gibt. Weiße Mädchen, sogar braune, müssen sich nackt ausziehen, um so viel Aufmerksamkeit zu erregen.“

Bride, deren „Liebesleben zu einer Art Cola light wurde“, mit Typen, die „mich behandelten wie einen Orden, ein glänzendes, stummes Zeugnis ihrer Heldentaten“, muss erst auf Menschen treffen, die – wie sie – durch Traumata in der Kindheit geprägt sind -, um an ihre Wurzeln, um zu echtem Selbstbewusstsein, zu echter „black power“ zu gelangen.  Sie muss zudem symbolisch beinahe verschwinden, um wieder zu wachsen: Indem ihr Körper sich in den eines brust- und haarlosen Kindes zurückverwandelt (ein typisches, wenn auch eher zurückgenommenes Beispiel für die Magie, die Toni Morrison gerne in ihre Romane einflicht), wird sie erst zur Frau.

„Gott, hilf dem Kind“: Mich begleitete beim Lesen ständig Billie Holidays Song „God bless the child“. Und wie passend die Textzeile daraus: „Mama may have, Papa may have, but God bless the child that’s got his own!“ Der schmale, multiperspektivisch erzählte Roman ist vielleicht nicht das herausragendste Buch innerhalb Morrisons Werk – die schnelle, schlanke Sprache, die ökonomische Erzählweise, die von manchen Kritikern gelobt wird, geht mir in diesem Roman zu sehr auf Kosten der Magie und Sinnlichkeit, die Toni Morrison in anderen ihrer Bücher entfaltet – aber es ist ein enorm wichtiges Buch zu diesem Zeitpunkt.

Denn in Trumps Amerika genügt es nicht, darum zu beten, dass Gott dem Kind hilft – es geht darum, dem jahrhundertelang gepflegten Rassismus und Sexismus, der nun unter den weißen Männern wieder aufzublühen droht, die Stirn zu bieten, diesem den berechtigten „Zorn von Kindern“ (wie Morrison ihren Roman wohl ursprünglich nennen wollte), von misshandelten und ausgegrenzten Kindern und der täglichen, strukturell bedingten Gewalt in einer gespaltenen Gesellschaft entgegenzuhalten. Am Ende des Romans finden die Braut, Bride, und Brooker zusammen, sie ist schwanger, sie träumen von der Zukunft:

„Ein Kind. Neues Leben. Immun gegen alles Böse, jede Krankheit, behütet vor Entführung, Schlägen, sexueller Gewalt, Rassismus, Demütigung, Verletzung, Selbstzweifel, Verwahrlosung. Niemals irrend, voller Güte. Ohne Zorn. So stellen sie es sich vor.“

God bless the child.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.rowohlt.de/hardcover/toni-morrison-gott-hilf-dem-kind.html


„Gott, hilf dem Kind“ ist derjenige unter Toni Morrisons Romanen, der am nächsten an unsere unmittelbare Gegenwart angesiedelt ist. Eine weitere literarische Stimme, die die Themen Rassismus und Feminismus verknüpft, jedoch noch unmittelbarer aus unserer Gegenwart erzählt, ist Chimamanda Ngozi Adichie.

In ihrem preisgekrönten Roman „Americanah“ (2013) lässt sie eine starke Frauenfigur auftreten: Ifemelu – die wie die Autorin aus Nigeria stammt – die in die USA auswandert, um dort plötzlich zu erleben, dass Hautfarbe eben doch ein Distinktionsmerkmal sein kann.

Ähnlich wie bei Bride in Toni Morrisons Roman beginnt bei Ifemelu ein allmähliches Erwachen. Sie beginnt einen Blog zum Thema Rassismus zu schreiben – und denkt dabei messerscharf auf, wie sehr selbst in der Ära Obama, in der der Roman spielt, die Hautfarbe lebensbestimmend ist.

„Der einzige Grund, warum du behauptest, dass Rasse kein Thema war, ist, weil du es dir so wünschst. Wir wünschen es alle. Aber es ist gelogen. Ich komme aus einem Land, in dem Rasse kein Thema war. Ich habe mich selbst nicht als Schwarze gesehen, ich wurde erst schwarz, als ich nach Amerika kam.“

Die Rahmenhandlung – eine Jugendliebe, die Ifemelu zurück in ihr Herkunftsland treibt – vermag weit weniger zu fesseln als die haarscharfen Beobachtungen und Analysen, die die Autorin in der zweiten Ebene – der des Blogs – unterbringt.

Das Buch wurde von der Zeit-Redaktion in den „Kanon des jungen Jahrhunderts“ aufgenommen:
http://www.zeit.de/2015/44/chimamanda-ngozi-adichie-americanah-literaturkanon

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Jack London: „Ruf der Wildnis“ und „Wolfsblut“

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„Und wenn er in stillen, kalten Nächten die Nase auf einen Stern richtete, und ein langes, wolfartiges Geheul ausstieß, so waren es seine toten, längst zu Staub zerfallenen Vorfahren, die den Kopf gen Himmel richteten und über die Jahrhunderte hinweg ihr Geheul aus ihm ertönen ließen. Und die Lautfolgen, die er ausstieß, waren ihre Lautfolgen, die Lautfolgen, womit sie ihren Jammer herausschrien und alles, was sie in der Stille der Nacht, in der Kälte und Dunkelheit empfanden. So schwoll zum Zeichen dafür, wie das Leben in festgelegten Bahnen abläuft, das alte Lied aus ihm heraus, und er fand zu seinem eigentlichen Sein zurück.“

Jack London, „Der Ruf der Wildnis“, 1903

Vor Jahren geriet ich bei einer ziellosen Wanderung auf einer spanischen Insel auf ein abgeerntetes Maisfeld. Einige wenige trockene Maisstauden am Feldrain, danach eine dürre Ebene bis zur Küste. Ein Gefühl von Verlassenheit lag über dem Ort. Gerade, als ich meinen Rucksack packen wollte, um mir den Küstenstreifen anzusehen, hörte ich ein Rascheln, ein leises Knurren, ein Scharren. Ich blickte mich um und geradewegs in ein Paar gelbe Hundeaugen. Gelbe Augen? Ich glaubte bislang, dies sei eine Schimäre, eine literarische Erfindung. Zum Grübeln blieb mir indes nicht viel Zeit. Plötzlich war ich von einem Rudel streunender, ganz offensichtlich verwilderter Hunde umzingelt. Einer der wenigen Momente in meinem Leben, in denen ich wirklich Angst hatte, bei dem sich mir die Haare sträubten. Ich starrte den, den ich als Leithund ausgemacht hatte, an. Der Hund starrte zurück. Es hatte etwas von „High Noon“. Von Angesicht zu Angesicht,  keinen Moment den Blickkontakt unterbrechend. Irgendwann, nach etlichen Augenblicken, wedelte der Chefhund kurz mit dem Schwanz, drehte sich um und trabte davon. Sekunden später war die ganze Meute wie vom Erdboden verschluckt.

Warum ich das erzähle? Weil das auch ein wenig mein Verhältnis zum treuesten Begleiter des Menschen umreißt. In meiner Familie gab es immer Hunde, immer auch große Hunde, die ganz selbstverständlich mit zum Haushalt gehörten. Wir wuchsen mit ihnen auf, sie waren Spielgefährten, Begleiter, Wachpersonal (ich werde nie vergessen, wie unser Bastian einmal einen Exhibitionisten quer durch den Park und die Vorortsiedlung, in der wir wohnten jagte). Aber bei aller Zuneigung – ich hatte auch immer einen natürlichen Respekt, ahnte, dass in den Hundeseelen noch ganz ursprüngliche Instinkte schlummerten. Dass es im Grunde vor allem diese rätselhafte freiwillige Bindung der Hunde an die Menschen ist, die den Hund zum Hund macht und seine natürlichen Instinkte zurückdrängt.

Ein Thema, mit dem sich Jack London in zweien seiner Bücher eingehend beschäftigte. 1897 war der junge London, der sich bis dahin mit allerlei Jobs durchgeschlagen hatte, dem „Lockruf des Goldes“ gefolgt: Nach Dawson City, Kanada, einem kleinen, damals völlig überfüllten Ort, von dem aus Zehntausende auszogen und hofften, ihr Glück zu machen. Der Erfolg von Jack London blieb begrenzt – gerade mal etwas über 4 Dollar war seine Goldausbeute wert. Jedoch inspirierten ihn seine Erlebnisse zu zahlreichen Erzählungen. Unter anderem zu „Der Ruf der Wildnis“ (1903), ein Text, der zunächst als Episodenroman in der „Saturday Evening Post“ erschien und der London schlagartig berühmt machte.

In „Der Ruf der Wildnis“ ist der große Rüde Buck zunächst „der König in seinem Reich“, ausgelassen, sorgenfrei herrscht er auf dem kalifornischen Landgut eines Richters. Bis der König entführt wird: Der Klondike-Goldrausch fordert seinen Tribut. Die Nachfrage nach großen, kräftigen Hunden, die für die Schlitten im Norden benötigt werden, ist enorm – selbst im Süden der Vereinigten Staaten lässt sich mit ihnen Hunden ein trefflicher Gewinn erzielen.

Entführt, verkauft, verprügelt, „besiegt, aber nicht gebrochen“, so wird Buck von illegal agierenden Hundehändlern auf die Reise in das unbekannte Land geschickt. Und zugleich tritt der mächtige Hund – eine Mischung aus Bernhardiner und Schäferhündin – auch durch sein eigenes Leben hindurch eine Reise rückwärts an:

„Er tat die Augen erst auf, als der Lärm des erwachenden Lagers ihn weckte. Zuerst wußte er nicht, wo er war. Es hatte die ganze Nacht über geschneit, und er war unter dem Schnee vollständig begraben. Die Schneewände bedrückten ihn von allen Seiten, und große Angst durchdrang ihn plötzlich – die Angst des wilden Tieres vor der Falle. Dies war ein Zeichen dafür, daß er durch sein eigenes Leben hindurch rückwärts Witterung vom Leben seiner Vorfahren aufnahm (…).“

Die Rückentwicklung, die London in seiner Erzählung schildert, umfasst sowohl eine körperliche als auch eine moralische Anpassung: Buck muss sich im wahrsten Sinne des Wortes durchbeißen, um in der fremden Umgebung und im harten Volk der Schlittenhunde zu überleben. Doch: „Sein Herz war unzerreißbar“ und Buck, der sich durchsetzt, zum Leithund am Schlitten wird, der feindliche Vierbeiner besiegt und schwache zweibeinige Herrschaften hinter sich lässt, wird wieder König in seinem Reich.  Nur die enge Gemeinschaft mit dem Abenteurer John Thornton bindet den Hund noch an die Menschen. Als Thornton von Indianern getötet wird, gibt es für Buck kein Band mehr, das ihn hält – er schließt sich einem Rudel Wölfe an, er wird zum „Geisterwolf“.

Drei Jahre nach „Der Ruf der Wildnis“ ist Jack London – überzeugter Sozialist und vehementer Kritiker des Kapitalismus – einer der, wenn nicht der berühmteste lebende amerikanische Schriftsteller und durchaus wohlhabend. Und dennoch braucht er Geld: Zum Erwerb einer Farm in Sonoma County, die heute noch als eine Art Freiluftmuseum zu besichtigen ist. Der Finanzbedarf ist ein Anlass, um den Roman „White Fang“ zu schreiben. „Wolfsblut“ (1906) ist ein Gegenstück zu „Der Ruf der Wildnis“: „White Fang“ ist ein wilder Hybrid zwischen Hund und Wolf, der mehr und mehr domestiziert wird. Doch  zunächst erlebt der Mischling die grausame Seite der Menschlichkeit, Unterwerfung durch Schläge und Gewalt. Wolfsblut wird  bei Hundekämpfen zum Töten gezwungen und mehr und mehr verbestialisiert – bis er von einem wohlmeinenden Ingenieur befreit wird. Durch Liebe und Vertrauen lernt das Tier, sich in eine menschliche Familie einzufügen.

„Die jetzige Veränderung erforderte eine Umkehr seines gesamten Wesens – und das zu einem Zeitpunkt, wo er die Formbarkeit seiner Jugend längst verloren hatte; wo die Fasern seines Charakters zäh und knotig geworden waren; wo ein diamanthartes, unnachgiebiges, raues Flechtwerk daraus geworden war; die Oberfläche seines Geistes zu Eisen geworden war und all seine Instinkte und Grundsätze zu festen Regeln, Vorsichtsmaßnahmen, Abneigungen und Begierden geronnen waren.“

Doch die Veränderung gelingt, denn Weedon Scott, White Fangs Befreier, weckt „Lebenskräfte, die verkümmert und nahezu untergegangen waren. Eine dieser Kräfte war Liebe.“

Es entbehrt nicht ganz der Ironie, dass das Buch ausgerechnet mit Hilfe eines US-Präsidenten, nach dem ein Kuscheltier benannt ist, der selbst aber ein „nahezu pathologischer Tiermörder“ (so Lutz-W. Wolff im Nachwort zu seiner grandiosen Neuübersetzung von „Wolfsblut“) war, zum Gegenstand einer erhitzten Diskussion wurde. Theodore Roosevelt kritisierte 1907 Schriftsteller, „die er als „nature fakers“ (Naturfälscher) bezeichnete, weil sie den Helden ihrer Tiergeschichten angeblich menschliche Fähigkeiten und Verhaltensweisen andichteten.“ Tiere würden anthropomorphisiert, mit menschlichem Verständnis ausgestattet, dabei seien sie „Automaten, regiert von Instinkten.“

Jack London antwortete 1908 im Magazin „Colliers“ mit dem Aufsatz „The Other Animals“, gespickt mit Beispielen seiner eigenen Hunde:

„I had a dog in Oakland. His name was Glen. His father was Brown, a wolf-dog that had been brought down from Alaska, and his mother was a half-wild mountain shepherd dog. Neither father nor mother had had any experience with automobiles. Glen came from the country, a half-grown puppy, to live in Oakland. Immediately he became infatuated with an automobile. He reached the culmination of happiness when he was permitted to sit up in the front seat alongside the chauffeur. He would spend a whole day at a time on an automobile debauch, even going without food. Often the machine started directly from inside the barn, dashed out the driveway without stopping, and was gone. Glen got left behind several times. The custom was established that whoever was taking the machine out should toot the horn before starting. Glen learned the signal. No matter where he was nor what he was doing, when that horn tooted he was off for the barn and up into the front seat.“

Der Aufsatz in voller Länge hier:
http://london.sonoma.edu/writings/Revolution/animals.html

Auch wenn Jack Londons beide Bücher später oft als „Kinderversionen“ verhunzt wurden, plötzlich sprechende Hunde auftauchten und das Tier vermenschlicht wurde – den Originaltexten kann man Anthropomorphismus nur bedingt vorhalten. Ja, London spricht Hunden, was die Verhaltensforschung seither durchaus bestätigt hat, zu: Lernfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Sozialkompetenz. Die Spannung beider Bücher liegt auch darin, dass Tieren eine Gefühlswelt zugestanden wird – eine Tatsache, die für jeden Hundebesitzer unbestritten ist.

Abgesehen von der Debatte über „Vermenschlichung“, die auf die beiden Bücher Londons nicht zutrifft, kann man „Ruf der Wildnis“ und „Wolfsblut“ aber dennoch als Parabeln auf menschliches Verhalten lesen: Die Erzählung von Buck zeigt – übertragen auf die Welt der Zweibeiner – zu was unter widrigen Umständen der Hund dem Hund, der Mensch dem Menschen sein kann: Homo homini lupus. Umgekehrt wird an „White Fang“ deutlich, was Liebe, Freundschaft und Vertrauen auch uns bedeuten können. Beide Bücher sind auch Zeugnisse der Auffassungen des glühenden Sozialisten Jack London: Sie erzählen von den elenden Auswüchsen des Kapitalismus (Goldrausch), von Ausbeutung Schwächerer, von der Verelendung ebenso aber auch vom Wert, den der Zusammenhalt in der Gruppe darstellt, vom Wert der Menschlichkeit.

Lutz-W. Wolff  in seinem Nachwort zu „Wolfsblut“:

„Dabei übersahen die Kritiker freilich, dass White Fang eine bescheidene, aber wichtige Botschaft vermittelt, die zum Kern von Jack Londons unter schweren Opfern erworbenen Weltbild gehört: Menschen wie Tiere werden vor allem von ihrer Umwelt geprägt. Behandelt man sie grausam und ungerecht, werden sie «böse», behandelt man sie mit Liebe und Gerechtigkeit, so werden sie «gut».

Die Bücher in Neuübersetzung durch Lutz-W. Wolff bei dtv:
https://www.dtv.de/buch/jack-london-wolfsblut-14239/

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#MeinKlassiker (19): Manhattan Transfer – eine Komposition der Großstadt

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Hinter dem Blog „Feiner reiner Buchstoff“ stecken mehrere Autoren – was für eine interessante Mischung in der Buchauswahl sorgt. Ich finde hier immer wieder schöne Leseanregungen. Mit Brigitte, kurz Bri, eine „der üblichen Verdächtigen“, verbindet mich ein intensiverer Austausch, da wir beide eine Neigung zur amerikanischen Literatur und eine fast schon schwärmerische Verehrung für den großen Gatsby hegen … eigentlich habe ich auch mit diesem für den Klassiker gerechnet, aber lest selbst, was Bri dazu zu sagen hat:

Mehrfach haben wir es bereits auf unterschiedlichen Literaturblogs oder anderen Plätzen im weiten WorldWideWeb angesprochen: die Omnipräsenz der rasch aufeinander folgenden und sich abwechselnden Novitäten der verschiedensten Verlagshäuser. Und das damit einhergehende Verwaisen der sogenannten Backlist – die in manchen Verlagen leider immer kürzer wird. Bücher, die aufgrund ihrer inhaltlichen Thematik oder zur Zeit ihres Erscheinens neue konzeptionelle Möglichkeiten eröffneten, sind meiner Meinung nach wichtige Grundpfeiler für den weiteren Bau der literarischen Kathedrale und deshalb lieferbar zu halten.

Aus diesem Grund habe ich mich erstens sehr gefreut, als Birgit von Sätze&Schätze fragte, ob ich einen Klassiker zu ihrer Reihe #meinKlassiker beitragen möchte und zweitens sofort ja gesagt. Obwohl sie mir vorschlug, meine Bibel Den großen Gatsby vorzustellen, habe ich mich für ein anderes Buch entschieden, das #meinKlassiker sein sollte: Manhattan Transfer von John Dos Passos. Weshalb? Mal sehen …

Manhattan Transfer erschien 1925 und was Dos Passos in diesem großartigen Werk geschaffen hat, gab es vorher nicht. Er komponierte die Klänge der Großstadt – in diesem Fall New York – so geschickt zu einem Text, dass die Vielstimmigkeit der individuellen Leben während der Lektüre hörbar wird. In keinem der von Manhattan Transfer inspirierten nachfolgenden Romane (zum Beispiel Döblins Berlin Alexanderplatz) spüre ich das Leben, die Zeit, die Umstände so intensiv, fühle mich nirgends so eingebunden in eine lang vergangene Zeit wie in diesem.

Wir nähern uns dem Geschehen von Staten Island – mit Blick auf die Fähren, die tagtäglich Unmengen von Menschen transportieren, die über den titelgebenden Umsteigebahnhof in alle Richtungen in New York ausgespuckt werden – hauptsächlich aber in Manhattan verweilen. Insgesamt begleiten wir das Leben dort über ca. 30 Jahre – einsetzend vor dem 1. Weltkrieg – diese Zeit bildet den Rahmen für eine tatsächlich erzählte Zeit von ca. 5 Jahren, die nicht intensiver sein könnten.

sdc13521Fast atemlos folgte ich bereits bei der ersten Lektüre den Lebenswegen derer, die sich eine erfolgreiche Jagd nach Glück, Macht oder einfach nur etwas Geld, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, ersehnten und doch so oft strauchelten. Dem Rhythmus der Großstadt, der sich von dem heutiger Metropolen erstaunlich wenig unterscheidet, kann ich mich nicht entziehen.  Wie aus den Augenwinkeln nehme ich dabei über die collageartig eingeführten Schlagzeilen, Schlagertexte oder den Klang des gesprochenen Slangs meine Umgebung war. Sie stürmt geradezu unabwehrbar auf mich ein. Eine unglaublich intensive Authentizität umgibt mich in der Lektüre. Würde ich mich dem entziehen wollen, ich könnte es nicht. Denn was den Roman auch über 90 Jahre nach seiner Veröffentlichung ausmacht, ist seine Ehrlichkeit, seine Dringlichkeit, die so zeitlos ist und ihn deshalb so modern hält. Auf fast erschreckende Weise zeigt er auf, dass sich unsere Lebenswirklichkeit in diesen letzten fast 100 Jahren kaum verändert hat. Immer noch sind die meisten von uns auf der Jagd, immer noch fühlen sich viele von den Möglichkeiten der Metropolen angezogen und immer noch bleiben zu viele auf der Strecke, werden nicht mitgenommen von denen, die es könnten.

Dos Passos ist für mich einer der besten, schärfsten Beobachter, auf der Höhe seiner Zeit, mit Weitblick, der durch Reisen gewann, mit Anspruch auf die Spiegelung der Wirklichkeit, ohne zu beschönigen. Die einzelnen Episoden, aus denen er einen Roman erschaffen hat, verzahnt er mühelos miteinander und unterstreicht so ihre Gleichzeitigkeit. Komplexität und Opulenz ohne chaotische Verwirrung oder lose Stränge sind das Ergebnis. Das ist Kunst und die kommt bekanntlich  von Können – nicht von Wollen.

Jede erneute Lektüre lässt mich ob der Reichhaltigkeit dieses Kaleidoskops staunend zurück – und wenn das kein Grund dafür ist, Manhattan Transfer zu meinem Klassiker zu machen, dann weiß ich auch nicht.

Am Ende des Romans, der seit diesem Jahr nicht nur in einer zerlesenen Taschenbuchausgabe aus dem Jahr 1982, sondern auch in einer wunderbaren Neuübersetzung, die nicht durch gewagte zeitgeistige Wortwahl, sondern durch geschmeidigen Lesefluss überzeugt, in meinem Regal steht, verlasse in den Moloch Großstadt, wie ich gekommen bin: mit der Fähre. Die Vielstimmigkeit verliert sich in Stille, ich lasse sie hinter mir, zumindest für kurze Zeit und sicher nicht zum letzten Mal.

Brigitte von Freyberg
https://feinerbuchstoff.wordpress.com/

#MeinKlassiker (18): Mit der Glasglocke fand Jana Issel Zugang zu Klassikern

Auf ihrem Blog „Wissenstagebuch“ bietet Jana Issel „eine Gabel für die Suppe der Weisheit“. Ich bin erst vor kurzem auf ihren Blog gestoßen und löffle seither die Suppe gerne mit: Jana schreibt über die Lektüren, die ihr begegnen – nicht an Neuerscheinungen orientiert, nicht am Mainstream. Mir macht es viel Freude, im Wissenstagebuch zu blättern – ich stoße da auf viele mir unbekannte Bücher, aber auch auf Besprechungen, die mich an Gelesenes erinnern und Lust machen, wieder mal in den Tiefen des eigenen Regals zu stöbern. Für die Reihe #MeinKlassiker hat sich Jana Issel ein Roman herausgepickt, der seit seinem Erscheinen seine Leser intensiv zu berühren vermag:

„Die Glasglocke“ las ich zum ersten Mal im Alter von neunzehn Jahren. Genauso alt wie die Protagonistin, wenn auch bedeutend weniger verzweifelt. Immer wieder war mir der Titel begegnet: In vielen Filmen und Serien liest die junge nachdenkliche Frau Sylvia Plaths einzigen Roman. Ich meine, ihn sogar einmal in der Hand von Lisa Simpson gesehen zu haben.

Jung, vermeintlich nachdenklich und sowieso schon hoffnungslos an das Lesen verloren – da kam „Die Glasglocke“ genau richtig. Einige Zeit zuvor hatte ich Salingers „Der Fänger im Roggen“ gelesen und konnte nicht umhin, Parallelen zu entdecken. „Die Glasglocke“ aus weiblicher Perspektive hat mir damals mehr zugesagt, beide Bücher fand ich aber großartig. Sylvia Plaths Roman um die junge, schriftstellerisch ambitionierte Esther Greenwood, die mit den strengen Konventionen der US-amerikanischen 50er kämpft und dabei in einem Strudel aus Depressionen versinkt, hat mich fasziniert. Er hat mich zum ersten Mal dazu veranlasst, dem Leben eines Autors nachzuforschen. Im Anschluss an die Lektüre besorgte ich mir eine Plath-Biographie und verfolge noch heute jede Nachricht, die nach dem Suizid der Autorin durch die Medien geistert, mit Interesse.

Das Buch hat mich auch leichter Zugang zu anderen Klassikern finden lassen. Nachdem ich Dostojewskis „Schuld und Sühne“ einige Jahre zuvor mehr resignierend zur Kenntnis genommen als genossen hatte, zeigte mir Plaths Roman, dass „Klassiker“ sich, genauso wie andere Bücher auch, durchaus unterscheiden, einige tatsächlich schwierig zu lesen sind, herausfordernd, andere wiederum seichter, entspannter. „Die Glasglocke“ hat da das Tor zur Klassikerwelt endgültig aufgestoßen und gezeigt, dass hier eine Auswahl nach persönlichem Geschmack und auch Lebensalter nicht schaden kann. Ein guter Einstieg also.

Der Roman selbst lässt den Leser nicht kalt. Man will Esther Greenwood manchmal schütteln, manchmal in den Arm nehmen. Ihr sagen, sie solle nicht so hysterisch sein, ihr aber auch Zuspruch geben und die gesellschaftlichen Normen, in denen sie feststeckt, die sie einengen, sie einzig und allein in die Küche zu verbannen versuchen, verdammen. Einiges kann man nachvollziehen, einiges erlebt man als Mädchen vielleicht gar selbst, wenn auch in abgeschwächter Form. Der autobiographische Einschlag der „Glasglocke“ ist unverkennbar und beide – das Schicksal Plaths als auch das ihrer Figur Esther – haben mich berührt. Die Protagonistin hat in jedem Fall einen Sympathiebonus: Was kommt besser an beim bibliophilen Leser als jemand, der um jeden Preis schreiben will?

Gerhard Emmer hat in seinem Beitrag zum Kuckucksnest hinsichtlich Salingers „Fänger im Roggen“ angemerkt, das Buch funktioniere nur in der Adoleszenz. Ob das auf „Die Glasglocke“ ebenfalls zutrifft, ist vermutlich eine Geschmacksfrage des der Adoleszenz entwachsenen Lesers. Esther Greenwoods Gefühlswelt mag auf den erwachsenen Leser tatsächlich übertrieben emotional wirken, ja geradezu von einem zu Tode betrübten Grundton geprägt sein. Vielleicht möchte man ihr sagen: Mädchen, warte ab, das wächst sich raus. Dementgegen steht, wie ich finde, die Lebensgeschichte der Autorin selbst, die man nicht umhin kommt, in Betracht zu ziehen. Das wächst sich eben nicht raus, sondern kann, wie in Plaths Fall, gar tragisch enden. Ob die Geschichte auch in der Hand eines erwachsenen Mannes wirkt, nun, da heißt es wohl, Erfahrungsberichte abzuwarten.

Seit meiner eigenen Lektüre habe ich das Buch unzählige Male empfohlen und einmal – passender- vielleicht auch unpassenderweise – zu einem neunzehnten Geburtstag verschenkt. Ich wünsche ihm noch viele junge und alte Leser jeden Geschlechts.

Jana Issel
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