Georges Simenon: Maigret in Arizona

usa-2096934_1920

Bild von Egor Shitikov auf Pixabay

Was lief nicht rund in diesem Land, wo sie alles hatten?
Die Männer waren groß und stark, gesund, sauber und im Allgemeinen fröhlich. Die Frauen waren fast ausnahmslos hübsch. Die Kaufhäuser quollen vor Waren über und die Wohnungen waren die komfortabelsten der Welt, an jeder Straßenecke gab es ein Kino, man sah nie einen Bettler und das Elend schien hier unbekannt.
Der Einbalsamierer finanzierte ein Musikprogramm im Rundfunk, und die Friedhöfe waren herrliche Parkanlagen, bei denen man nicht das Bedürfnis hatte, sie mit Mauern und Gittern zu umgeben, als ob man sich vor seinen Toten fürchtete.
Auch die Wohnhäuser waren von Rasenflächen umgeben, und zu dieser Stunde sprengten die Männer in Hemdsärmeln oder mit nacktem Oberkörper das Gras und die Blumen. Es gab keine Bretterzäune und keine Hecken, um die Gärten voneinander abzutrennen.
Sie hatten verflixt noch einmal alles! Sie organisierten sich wissenschaftlich, um das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, und sobald der Wecker klingelte, wünschte einem der Rundfunk im Namen irgendeiner Porridge-Firma in herzlichem Ton einen fröhlichen Tag und gratulierte einem sogar zum Geburtstag, wenn es so weit war.
Warum also?”

Georges Simenon, “Maigret in Arizona”, 1949, Diogenes Verlag, 2008, in überarbeiteter Übersetzung.

Zu der Zeit, als Simenon “Maigret in Arizona” schreibt, lebt der Belgier selbst in den USA. Und anders als sein Kommissar kann er sich mit dem “american way of life” ganz gut anfreunden, erwägt sogar die endgültige Übersiedlung. Erst unter dem Eindruck der McCarthy-Hetze gegen Intellektuelle kühlt seine Begeisterung ab.
Dennoch ist die amerikanische Zeit eine der produktivsten des ohnehin schon produktiven Vielschreibers. Während der zehn amerikanischen Jahre von 1945 bis 1955 schreibt er 21 Romane und etliche Erzählungen – allerdings spielen nur zwei der Maigret-Bücher in den Vereinigten Staaten: “Maigret in New York” und “Maigret in Arizona”.

Insbesondere der Arizona-Trip des Kommissars fasziniert – da stoßen Welten aufeinander: Der Mann vom Kontinent, Pariser Leben gewöhnt, in der Provinz der „Neuen Welt“. Auf einer Studienreise durch die USA wird Maigret Zuhörer bei einer gerichtlichen Voruntersuchung: Nach einer durchzechten Nacht landen fünf junge Männer vor Gericht – die 17jährige, die bei ihnen war, wird zunächst mitten in der Wüste zurückgelassen und später auf den Bahngleisen von einer Lokomotive erfasst. Ungewiss ist, ob es sich um einen Unfall handelt oder um Mord. Maigret ist zur Untätigkeit verurteilt, zum Beobachten verdammt: Ein Zustand, der die Laune des ohnehin schon brummigen Bären nicht aufhellt.

Und so, angesichts der begrenzten Möglichkeiten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, hadert Maigret mit Gott und der Welt – vor allem also mit dem Lebensstil, den er beobachtet. In diesen Beobachtungen liegt die Stärke des Romans, der als der “antiamerikanischste Roman” Simenons bezeichnet wurde, gar als bittere Abrechnung mit dem Gastgeberland. Maigret schaut auf die saubere Fassade und erkennt die Doppelmoral: Prostitution ist offiziell verboten, über Geschlechtsverkehr oder gar die Möglichkeit einer Vergewaltigung wird vor Gericht nicht gesprochen. Ebenso ist alles auf Funktionalität und Wettbewerb ausgerichtet – doch die Leere des Lebens allabendlich in Kneipen oder Clubs ertränkt. Der massive Alkoholkonsum scheint das Einzige zu sein, was sowohl Verdächtige als auch Cops in der Wüste Arizonas über Wasser hält – er ist das Ventil in einer Welt, die zur Funktionalität verdammt ist.

In einer Schlüsselszene vertraut sich der FBI-Mann Cole, der Maigret begleitet, diesem an:

Sehen Sie, Julius, damit die Welt sich weiterdreht, ist es unerlässlich, dass die Leute auf eine bestimmte Weise leben. Man hat komfortable Wohnungen, elektrische Geräte, einen luxuriösen Wagen, eine gutgekleidete Frau, die einem schöne Kinder schenkt und sie sauber hält. Man ist Mitglied der Kirchengemeinde und eines Clubs. Man verdient Geld und arbeitet, um jedes Jahr mehr zu verdienen. Ist es nicht überall in der Welt so?”
“Vielleicht ist es bei Ihnen perfekter.”
“Weil wir reicher sind. Bei uns gibt es Arme, die ihr eigenes Auto haben. Die Neger, die die Baumwolle pflücken, besitzen fast alle einen alten Wagen. Wir haben den Ausschuss auf ein Minimum reduziert. Wir sind ein großes Volk, Julius.”
Und nicht nur aus Höflichkeit antwortete Maigret:
“Davon bin ich überzeugt.”
“Trotzdem gibt es Augenblicke, in denen die komfortable Wohnung, die lächelnde Frau, die sauber gewaschenen Kinder, das Auto, der Club, das Büro, das Bankkonto nicht genügen. Kommt das bei Ihnen auch vor?”
“Ich glaube, es geht allen Menschen so.”
“Dann, Julius, will ich Ihnen mein Rezept geben, das bei uns alle kennen und anwenden. Man betritt eine Bar wie diese hier, irgendeine, denn sie gleichen sich alle. Der Barkeeper redet Sie mit Ihrem Vornamen an, oder mit einem anderen Vornamen, wenn er Sie nicht kennt, darauf kommt es nicht an. Er schiebt Ihnen ein Glas hin und füllt es, sobald er sieht, dass es leer ist.”
(…)
Und am nächsten Morgen greifen Sie zu der kleinen blauen Flasche, die Sie bereits kennen. Es folgen ein paar herzhafte Rülpser, die nach Whisky riechen. Ein heißes Bad, anschließend eine eiskalte Dusche, und schon ist die Welt wieder sauber und neu, man ist froh, wieder in seinem sauberen Zuhause zu sein, in den sauberen Straßen, man freut sich über das lautlos dahinrollende Auto und das Büro mit Klimaanlage. Und das Leben ist schön, Julius.”
Maigret schaute hinüber in die Ecke neben dem Musikautomaten, wo die beiden Pärchen saßen und zu ihnen herübersahen.

Im Grunde war Bessy gestorben, damit das Leben schön war!

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

 

George Saunders: Zehnter Dezember

blizzard-1245929_1920

Bild von Free-Photos auf Pixabay

 

„Wenn man Geschichte studierte, Kulturgeschichte, dann kam einem die eigene Epoche kleinlich vor. Es gab verschiedene Theorien der Einwilligung. In biblischen Zeiten konnte ein König über ein Feld reiten und sagen: Die da. Und dann wurde sie zu ihm gebracht. Und sie wurden ordentlich vermählt, und wenn sie einem Sohn das Leben schenkte, super, holt die Wimpel raus, die behalt ich. Ob sie in jener ersten Nacht drauf stand? Wahrscheinlich nicht. Ob sie zitterte wie Espenlaub? Egal.“

Aus: „Sprung zum Sieg“ in „Zehnter Dezember“, George Saunders, 2014, Luchterhand Literaturverlag.

Unschlüssig, unschlüssig, unschlüssig. „Zehnter Dezember“ von George Saunders wurde mit Lorbeeren überkränzt. 2013 in den USA erschienen, rief es das New York Magazine zum Buch des Jahres auf, nannte Saunders „einen Autor, der schreibt wie ein Heiliger“.
Der Amerikaner, 1958 geboren, nach mehreren anderen Jobs wie viele seiner Zunft in den USA über das Literaturstudium zum Autoren geworden, macht nun mit diesem Erzählband auch hierzulande Furore. Zehn unheilige Geschichten, selig machen sie nicht.
Dies in doppelter Hinsicht: Saunders malt die eigene und die kommende Epoche nicht kleinlich, sondern schwarz. Tiefschwarz. Die zehn Erzählungen sind in den USA der nahen Zukunft angesiedelt, dystopisch könnte man sie nennen. Da werden Menschen medikamentösen-chemischen Experimenten unterworfen, die sie zu Sexgier und Mordlust treiben. Frauen aus Dritt-Welt-Ländern hängen als Dekosklavinnen in Gärten, wie missbrauchte Blumenblüten. Funcenter, Freizeitparks, in denen Mittelalter nachgelebt wird – bis hin zum Raubrittertum des Besitzers, der Angestellte versklavt und vergewaltigt. Von wegen fortgeschrittene Praxis der Einwilligung.

Daneben aus der amerikanischen Gegenwart Bekanntes und Vertrautes: Traumatisierte Kriegsveteranen, McDonald`s und Butterfinger, Luxusautos und Schrottwagen, Luxusimmobilien und Enteignungen im Vorstadt-Ghetto. Saunders zeichnet ein düsteres Bild von der Lage seiner Nation, von der Weiterentwicklung seines Landes: Konsumversessen, konsumabhängig lassen die Menschen sich scheinbar willenlos steuern. Bis zu ihrem Niedergang. Ein Vater, der sich ruiniert, um den Kindern genau das bieten zu können, was die Nachbarn haben. Ein Sohn, der sich demütigen lässt im Ritterkostüm, um die Eltern – krank, aber ohne Versicherung – über die Runden zu bringen. Eine Alte, die nach 15 Jahren vor die Türe gesetzt wird.

Wenig Hoffnung kommt da auf, vor allem beim Blick in die Zukunft – die Menschen instrumentalisiert, entwürdigt, Menschenrechte ein Relikt aus der Vergangenheit. Dass Saunders damit in das Herzen einer bestimmten amerikanischen Leserschaft oder auch den Zeitgeist trifft, verwundert nicht.Obama als Hoffnungsträger hat rasch jeden Glanz verloren, die Zweiklassengesellschaft driftet brutal auseinander, anhaltende Kriegseinsätze, der fragwürdige Umgang mit Kriegsgefangenen, der fragwürdige Umgang mit den inneren Bürgerrechten, NSA und Überwachung, undsoweiterundsofort: All das wirft die Frage auf, wohin das Land steuert. Und Saunders greift diese Themen auf, packt in seine Geschichten diese Ängste und Verunsicherungen. Deutlich wird dies insbesondere dort, wo er die Klassen aufeinanderprallen lässt – beispielsweise in „Welpe“, als eine begüterte, behütende Mutter in einem White-Trash-Haushalt landet, um für ihre Kids einen Hund zu besorgen. Es endet tragisch – nicht für jene, die das Geld haben. Oder in „Die Semplica-Girl-Tagebücher“, dem Bericht eines Vaters, der nur das Beste will – was in dieser Welt immer auch das Teuerste ist.

Trotz der Schwarzmalerei: Saunders setzt auf den Menschen, den einzelnen Menschen, der Hero wird für eine Stunde, einen Tag. Den pummeligen Jungen, der einen Selbstmörder rettet. Den Nachbarsjungen, der eine Vergewaltigung oder Schlimmeres verhindert. Den Kollegen, der Unrecht nicht hinnehmen will. Wenn diese Erzählungen eine geheime Botschaft ausstrahlen, dann diese – dass manche inneren Werte, manche Vorstellungen von „Recht/Unrecht Gut/Böse“ nicht auszumerzen sind.

Allein seligmachend ist dies jedoch nicht. Unschlüssigkeit rief/ruft beim mir die Sprache/Stil hervor. Wer sich hier über den gehäuften Einsatz von „/“ in den letzten Zeilen/Sätzen wundert – eine der stilistischen Eigenheiten des Mr. Saunders. Ein Rezensent bemerkte, der letzte Erzählband des Amerikaners sei so postmodern gewesen, dass er wiederum beinahe unlesbar sei. Deshalb sei man beinahe glücklich, nun „Zehnter Dezember“ in den Händen zu halten. Eine Qualitätsaussage ist dies für mich nicht. Der „////“-„Tick“ – und hier stimme ich mit Günter Keil überein – ist ein Merkmal einer „allzu lässigen, um Unkonventionalität bemühten Prosa“.
Maren Wulf schreibt: „Mal ist der Ton knapp, beinahe schon karg, ein anderes Mal von unbändiger Lust am Fabulieren gekennzeichnet. Immer wieder umgangssprachlich, aber nicht flach. Temporeich.“ D`accord. Damit schon. Aber leider: Angereichert durch zu viele Manierismen.

„Greenway-Mädel: Quasi zauberhaft hier.
Drinnen Leslie Torrini zu Besuch (!). Das = Hammer. Leslie war noch nie solo hier. Sagt, ihr gefällt, dass unsere SGs nah am Teich hängen und sich drin spiegeln. Ruft zu Hause an und sagt, sie will Teich haben. Leslies Mutter nennt Leslie verwöhntes Balg und sagt, kein Teich. Das = großer Treffer für Lilly.“

Das = Beispiel für sprachlichen Manierismus. Leserin sagt, muss nicht sein. Geschichtenimmanente Verstörungsmomente stärker (!) ohne Ablenkung durch postmoderne Spielerei. Geschichten auch so gut oder Leserin verwöhntes Balg?

Hier geht es zur Verlagsseite inklusive Leseprobe: http://www.randomhouse.de/Buch/Zehnter-Dezember-Stories/George-Saunders/e441654.rhd

„Zehnter Dezember“ gibt es seit neunten November auch als Taschenbuch: http://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Zehnter-Dezember-Stories/George-Saunders/e483949.rhd

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00