Bill Clegg: Neunzig Tage

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Bild von Markus Spiske auf Pixabay

„Neunzig Tage ist haarsträubend ehrlich, ein Drahtseilakt auf Messers Schneide, eine Balance zwischen dem Wunsch nach Sucht und dem nach einem neuen Leben, doch das eigentliche ist die tiefe Emotionalität, die den Leser so berührt, mitreißt, die einen so nah ran kommen lässt, mitten ins Geschehen. (…)
Bill Clegg erzählt brutal ehrlich, voll literarischer Sensibilität und erschütternd authentisch eine wahre Geschichte. Seine Geschichte.“

Bill Clegg, „Neunzig Tage. Eine Rückkehr ins Leben“, S. Fischer Verlag.
Link zur Verlagsseite:
http://www.fischerverlage.de/buch/neunzig_tage_eine_rueckkehr_ins_leben/9783100109491

Ausnahmsweise zu Beginn einmal kein Zitat aus dem Buch, sondern aus dem dazugehörigen Klappentext. Weil das Mitreißendste an diesem Buch für mich diesmal der Klappentext war. Brutal ehrlich übertrieben. Da hat sich jemand wirklich ins Zeug gelegt.

Gut, Klappentexte sind Reklame, müssen werberisch und marktschreiend daherkommen. Keiner wird ein Buch anpreisen mit den Worten: „Dies ist die wahre Geschichte eines Mannes, der nach Crack und Alkohol süchtig war, alles verloren hat – Beziehung, Freunde, Job, Wohnung – sich berrappeln muss, eine neue Existenz aufbauen muss, zunächst ein mitreißendes Buch über seinen Weg in die Sucht schreibt, als Literaturagent weiß, wie sich das verkaufen lässt, und dann offenbar – vielleicht auch als Therapie – ein zweites Buch über den harten Weg des Entzugs nachlegt, das nun aber eher flüchtig geschrieben erscheint, in dem wenig reflektiert wird, das eher eine Aneinanderreihung von Begegnungen und Ereignissen ist, das letztendlich eine Beschreibung einer Lebensphase, wenn auch einer sehr harten, von einigen Monaten ist, das aber auf den Leser eben weder erschütternd, noch emotional, literarisch sensibel oder gar tief berührend wirkt, außer er hat vorher noch nichts zum Thema gelesen.“ Das wäre freilich kontraproduktiv. Dennoch – zwischen dem Erstling „Portrait eines Süchtigen als junger Mann“ und dem Nachfolger „Neunzig Tage“ sowie dem dazugehörigen Klappentext klaffen Welten. Finde ich.

Das ist so ein wenig die Crux mit Bekenntnis- und Aufarbeitungsliteratur. Es gibt eine Flut davon. Beim überwiegenden Anteil denkt man sich: Wenn es der Autorin, dem Autoren gut tat, das Buch zu schreiben, dann hat es einen Zweck erfüllt. Aber nicht alles davon – oder besser: wenig davon – ist wirklich großartige Literatur. Aus der Masse der bekennenden autobiographischen Aufzeichnungen ragen selten wirklich auch literarisch anspruchsvolle Bücher heraus. Noch seltener sehr gute.

„Neunzig Tage“ gehört nicht dazu. Freilich: Es ist lesbar. Routiniert geschrieben. Man merkt Bill Clegg an, dass er die Literaturszene kennt, dass das Schreiben und die Literatur zu seinem Alltag gehörte – vor dem Absturz und inzwischen wieder. Doch die knapp 200 Seiten, die er mit dem anstrengenden Weg nach der Entzugsklinik füllt, indem er beschreibt, wie er sich so etwas wie einen Alltag wieder erkämpft, ließen mich eigenartig unberührt zurück. Mein erster Gedanke nach der Lektüre: Irgendetwas fehlt.

Clegg schildert, wie er nach der Klinik zunächst im Arbeitsstudio eines Freundes unterkommt, sich eine eigene Wohnung besorgt, einen „Paten“ zugesprochen erhält, zu Selbsthilfegruppen geht, dort Leute kennenlernt, die – wie er – jeweils gegen den nächsten Rückfall kämpfen, wie er selbst mehrfach von der Sucht wieder eingeholt wird und dann wieder aufsteht, bis er letztlich sagen kann: „Neunzig Tage“. Diese neunzig Tage sind die magische Zahl, die es ohne Drogen und Alkohol zu überstehen gilt, um aus „dem Gröbsten“ heraus zu kommen. Wie er sich letztlich zu diesen neunzig Tagen durchkämpft, ist jedoch mehr eine Aneinanderreihung von äußerlichen Erlebnissen – er erzählt von Begegnungen mit Freunden, die ihm das Vertrauen nicht entzogen, vom Vermeiden von „Triggerzonen“, von Verkauf des Familiensilbers, um seine Miete bezahlen zu können – und wie ein Teil des Geldes prompt in der Crackpfeife aufgeht, ein brutaler Rückfall erfolgt. Er erzählt vom Fallen und Wiederaufstehen, von der Freundschaft zu einer Abhängigen, die fast zu Tode kommt, von Freunden, die vom Tod gezeichnet sind und anderen, die es, wie er, schließlich schaffen. Man könnte auch sagen: Er berichtet von dramatischen Ereignissen beinahe so distanziert, als würde er in der Rückschau die Person betrachten, die er einmal war – und dabei gleichzeitig auf Abstand halten, weil diese Person ihn zu sehr verletzte. Statt tiefer Emotionalität – wie im Klappentext beschrieben – eher eine distanzierte Außenschau, der Leser dabei selbst beinah wie ein Voyeur.

Bei all den äußerlichen Beschreibungen bleibt die innere Reflexion zurück. Aber vielleicht ist dies so, wenn man gegen den Dämon Sucht ankämpfen muss: Dass man anfangs zunächst nur zusehen kann, dass man überhaupt über-lebt. Dass da wenig Raum bleibt, um zu reflektieren – sondern nur Raum, um Tag für Tag zu schaffen. Neunzig Tage.

Was letzten Endes für Bill Clegg der Schlüssel war, um seinen Weg zurück ins Leben zu finden, auch das bleibt im Ungefähren. Hier jedoch mit einer Begründung an seine Leser:

„Für einen Monat war ich auf einer Insel, wo es keinen Treffpunkt für heilungswillige Alkoholiker und Süchtige gab. Wenn man aus dem Schmerz lernt, dann war die schmerzliche Lektion des Inselaufenthalts, dass ich auf diese Treffen, auf die Süchtigen und Alkoholiker angewiesen bin. Ich brauche sie wie Sauerstoff. Ganz gleich, wie wohl, wie clean, wie obenauf ich mich fühle. Es gibt viele Heilungsprogramme. Kostenpflichtig, unentgeltlich, anonym und nicht anonym. Ich sage hier nicht, an welchem ich teilnehme, weil ich nicht möchte, dass das Programm für irgendetwas, was ich sage, tue oder schreibe, verantwortlich gemacht wird. Nichts soll Sie daran hindern, es zu finden, wenn es Ihnen helfen kann. Alkoholiker und Süchtige legen sich schon genug Steine in den Weg zu ihrer Besserung, da möchte ich keine hinzufügen.“

Insofern ist „Neunzig Tage“ keine Empfehlung, die ich Lesern weitergeben würde, die hoffen, auf ein sensationell geschriebenes Buch zu stoßen. Wer Literatur zur Thematik sucht, die zudem sprachlich herausragend ist, dem sei dagegen noch einmal Schluckspecht ans Herz gelegt.

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Peter Wawerzinek: Schluckspecht

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Bild von Photomat auf Pixabay

„Nichts dagegen zu sagen gibt es zum Film mit Nicholson in der Irrenanstalt. Der gefällt ihr ausnehmend gut. Den kann sie sich immer wieder ansehen. Der hat so viel mit dem Leben zu tun, seiner zeitweiligen Vergeblichkeit. Dass man nicht aufhören darf, an die Flucht zu glauben. Die sanften Berge. Das schöne Licht der Sonne, die sich auf dem Wasser eines kleinen Baches spiegelt. Die gleiche Landschaft taucht zum Schluss wieder auf, wenn der mächtige Indianer das eckige Monstrum von Waschbecken samt Sockel aus der Verankerung im Fußboden reißt und durchs Anstaltsfenster wuchtet, durchs Loch in die Freiheit springt, mit federndem Schritt davonläuft. Die Irrenanstalt sieht dem Ulenhof ähnlich. (…)
Man zählt, sagt sie, wenn man sich therapieren und vom Alkohol wegbringen lässt, nicht mehr zu den Verrückten, nicht mehr zu den Normalen, ist ein menschliches Zwischending. Alle Schluckspechte werden aus dem Nest gekickt.“

Peter Wawerzinek, „Schluckspecht“, Galiani Berlin, 2014.

Ein Buch, das umhaut. In einem Zug gelesen – gelesen wie ein süchtiger Schluckspecht. Ein Buch, das sich einer gewöhnlichen Besprechung beinahe entzieht. Denn die Handlung, sie ist schnell umrissen, wäre schnell erzählt, wäre eigentlich so eintönig, wie es der Alltag eines suchtkranken Menschen unter Umständen ist – weil die, die die Sucht am Wickel hat, von ihr täglich beherrscht werden, weil es da wenig anderes gibt. Wäre da nicht die Sprache dieses Dichters, für den das Schreiben selbst zur heilsamen Therapie wurde.

„Also sitze ich auf des Doktors Rat hin an meinen Schreibtisch und schreibe den Verlauf meines Lebens bis zu jenem Punkt nieder, an dem mir alle Fäden aus den Händen glitten (…). Und schreibe wie im Rausch im Schreibzimmer, das nicht viel größer ist als das Cockpit eines Flugzeugs. (…). Nachdenken führt in ungeahnte Tiefe.“

Peter Wawerzinek beschreibt in „Schluckspecht“ seine eigene Suchtlaufbahn und den Ausstieg daraus – als Stipendiat in Wewelsfleth lebt er nahe des Heims „Eulenhof“. Dort gelingt ihm der Weg vom Vollrausch hin zum kontrollierten Trinken. Zu dieser Zeit hatte er bereits mit „Das Kind, das ich war“ einen Namen in der Literaturszene. Trotzdem lebte er weiter im Rausch, überwand diesen erst durch eine langjährige Behandlung. Noch in der Therapie schreibt Wawerzinek das mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnete Buch „Rabenliebe“. Und nun „Schluckspecht“ als literarisches Dokument einer Rückkehr – ins literarische Leben, ins rauschfreie Leben.

Wie Wawerzink, selbst 30 Jahre am Trinken, das erzählt, wie er den langsamen Weg hinein und den noch längern aus der Sucht heraus in Worte gefasst hat: Sprachmächtig, burlesk, tragisch-komisch, voller Trauer und voller Lebenslust.

Und ohne Schonung für sich selbst:

„Am Zerfall ist nichts heilig. Der Zerfallene ist ein verworfener Satz, flüchtig zu Papier gebracht. Am Anfang ist der Säufer noch Mensch. Am Ende ist dieser Mensch nur noch Säufer.“

Wie die Alkoholsucht sich einschleicht:

„Tante Luci hat immer gesagt, man bekommt es mit, wenn einem die Liebe erscheint, man ist bis dahin von Blindheit geschlagen. Die Liebe kommt einfach so auf einen zu. Die Liebe ist plötzlich da. (…). Und alles mache die Liebe schön. Und es würde einem so richtig warm ums Herz, und die Liebe beflügelt einen, und man möchte, wenn man die Liebe gespürt hat, fortan nicht mehr ohne Liebe sein. Denn nur die Liebe führe einen sanft bei der Hand in unbekannte Bereiche. Genauso geht es mir mit der Schwarzen Johanna. Sie ist meine erste Liebe, auch wenn sie kein Mädchen ist.“

Wohin die Sucht führt, wenn für keine andere Liebe mehr Platz ist:

„Meine psychische Gesamtsituation ist nicht die allerbeste. Ich lasse mich gehen. Aus der Unklammerung der Kumpels in die selbst auferlegte Einsamkeit, ins Sololeben übergewechselt, bin ich nicht mehr in der Lage, Ordnung zu wahren, mit System den Tag zu bestreiten. (…) Mir fehlt es an Ordnungssinn, der Wohnschlauch ist lang und eng, müllt schnell zu. Ich liege ausgestreckt in stabiler Seitenlage. Die Wange ruht auf der linken oder auf der rechten Hand, je nachdem. Ich wasche mich nur kurz, wenn ich zur Kneipe gehe. Ich bin tagelang zu Hause, gehe nicht an die Tür.“

Aber es geht auch der Weg heraus – wenn er auch lange dauert, von Rückfällen und Verlusten geprägt:

„Und langsam rede ich es mir auch nicht mehr ein, sondern spüre die Kraft, die in mir wächst. Und kann erste positive Energien abrufen, mich überwinden. Und es fehlt mir nichts zum Leben. Dann aber überkommt es mich hinterrücks, von weiß nicht woher, in Clifden angekommen. Ich steige vom Rad ab und gehe in den Pub. Und trinke, weil mir danach ist, ein Bier. Und der Doktor redet nicht dagegen, sondern trinkt mit. Und das ist genau das, was mir das Bier verleidet und am nächsten Tag so zusetzt. Dass ich mich besaufen durfte. (…). Und der Doktor hat die Fenster aufgerissen. Und hakt nicht nach, stochert nicht in der Wunde, setzt mir nicht zu, stellt keine Fragen, dass es mir peinlich ist, ich aus dem Zimmer stürme, am Strand all meine Last herausschreie, wie die Welle gischte, brande, gegen mich schäume.“

Peter Wawerzinek hat es geschafft. Man wünschte jedem, der an dieser Krankheit leidet, er fände einen Doktor: Der das Fenster zum Leben wieder öffnet.

„Schluckspecht ist Beichte, Befreiungsschlag und Beschreibung eines jahrzehntelangen Leidenswegs, durch den grammatischen Kunstgriff des Präsens nah und listig an den Leser gerückt. (…) Der Roman umreißt die enge Welt, in der Peter Wawerzinek als haltloser Trinker ziemlich genau drei Jahrzehnte lang lebte. Er erzählt die Geschichte seiner Sucht weder als Heroenstück noch als Verteufelungsschrift.“

So ein Zitat aus dem Magazin Profil von der Verlagsseite. Mehr zum Buch dort: http://www.galiani.de/buecher/peter-wawerzinek-schluckspecht.html

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