MIRABILIS VERLAG: Yvonn Spauschus und Moussa Mbarek – Das Warten auf Leben. Von Menschen und Papieren

»Sie nahmen uns unsere Religion und gaben uns eine neue.
Sie nahmen uns unsere Sprache und gaben uns eine neue.
Sie nahmen uns unsere Schrift und gaben uns eine neue.
Sie haben versucht, uns unsere Würde zu nehmen.
Aber wir sind die Söhne und Töchter der Wüste.«

So ungewöhnlich wie dieses Künstlerbuch, so ungewöhnlich ist auch seine Entstehungsgeschichte: Eines Tages nimmt der junge Libyer Moussa Mbarek, der zum Volk der Tuareg gehört, Kontakt zu der freien Kuratorin Yvonn Spauschus auf und bittet sie um Unterstützung bei einer Ausstellung. 2015 war Moussa Mbarek mit dem Boot nach Europa geflüchtet. Er erzählt Yvonn Spauschus von der Unterdrückung der Identität der Tuareg in seinem Geburtsland, von der Flucht, von dem Kampf mit den deutschen Behörden um die Anerkennung als Geflüchteter. Und er zeigt seine Bilder, eindrucksvolle Linolschnitte und Monotypien, die auf ganz eigene Art von Identität, Heimat und deren Verlust erzählen.

Den Kunstwerken von Moussa Mbarek sind in diesem besonderen Künstlerbuch kurze, eindringliche und poetische Texte von Yvonn Spauschus zur Seite gestellt. Sie erzählen von einer ungewöhnlichen Freundschaft, aber vor allem auch von einem ungewöhnlichen Schicksal: Als Tuareg ist Moussa Mbarek staatenlos – aber ein Mensch ohne Papiere zählt in unserer Gesellschaft nicht.  Das Warten auf die Anerkennung als Staatenloser ist auch „Das Warten auf Leben“: Wer auf diese Anerkennung wartet, ist „unsichtbar und dazu verdammt, ein einsames, rechtloses Leben in einer ihm verschlossenen Welt zu führen“, schreibt Yvonn Spauschus.

Doch in Bezug auf den Künstler Mbarek ist sie sich sicher: „Das tatenlose Leben ist keine Option. Es wird einen Weg geben und Moussa wird ihn gehen.“ Nicht zuletzt erzählt auch dieses eindrückliche Buch davon, wie die Kunst dazu beitragen kann, dass ein Mensch seine Würde bewahrt, auch wenn er für andere nicht mehr ist als ein Papier.

»Viele Türen öffneten sich.
Aber eine blieb verschlossen.
Sollte es für immer sein?
Der Fluch des Papiers verfolgte mich
über alle Grenzen und Sprachen hinweg.
«

Schon in den Ländern, in denen sie leben, ist die Situation der Tuareg schwierig: So wird beispielsweise ihre Sprache, das Tamasheq, ebenso wenig wie ihre Schriftsprache Tifinagh (der Titel des Buches ist auf der Rückseite in deren schönen Zeichen zu sehen) anerkannt oder fälschlicherweise als arabischer Dialekt bezeichnet. 

Die Sozialanthropologin Dr. Ines Kohl schildert in ihrem Nachwort die besondere Situation der Tuareg, die als Angehörige einer transnationalen Gruppe, deren Kerngebiet zwischen Mali, Algerien, Niger und Libyen liegt, oft keine Papiere und eindeutige Staatszugehörigkeit besitzen.

Kel Essuf, Linolschnitt, mehrfarbiger Handdruck, 2019

Die Autoren:

MOUSSA MBAREK wurde 1985 in Libyen geboren. Er gehört zum Volk der Tuareg in der zentralen Sahara. 2015 flüchtete er mit einem Boot nach Europa und gelangte nach Deutschland. Er lebt und arbeitet in Dresden. Seine Leidenschaft gehört der bildenden Kunst. Er konnte seine Arbeiten bereits in mehreren Ausstellungen präsentieren.

Seine Homepage: https://moussa-mbarek.de/
 
YVONN SPAUSCHUS wurde 1972 geboren und lebt in Dresden. Sie arbeitet freiberuflich als Kuratorin und Agentin sowie als Projektmanagerin in der Kultur- und Kreativwirtschaft.

Stimmen zum Buch:

„Warten auf Leben“ ist weitaus mehr als ein Künstlerbuch. Es ist das Sichtbarmachen eines Menschen, der sich alleine durch seine Kunst Aufmerksamkeit verschafft.
Und es ist ein Appell für mehr Menschlichkeit in unserer Bürokratie. – Britta Röder, booknerds.de

„Es ist die Schlichtheit dieses Bandes, die überzeugt. Es sind die eindrücklichen Bilder des Künstlers und es sind die schlicht gehaltenen Texte der Autorin, die einprägsam sind und bewegen.“ – Adrian T. Mai, arcimboldis world

„Dieses kleine Büchlein ist einzig allein nur im Format vielleicht als klein zu bezeichnen. Im Inneren entblättert sich seine wahre Größe. Stilechte Kunst aus den Händen eines Tuareg, die bei längerem Verweilen immer wieder neue Sichtweisen aufzeigt. Kraftvolle Farben, die den Betrachter ins ferne Afrika ziehen, das durch eben diese Kunst so nahbar wird.“ – Karsten Koblo, aus-erlesen

„Ein empfehlenswertes Buch.“ – Heike Baller, Kölner Leselust

Beitrag in der Leipziger Internet-Zeitung

Informationen zum Buch:

Yvonn Spauschus, Moussa Mbarek:
Das Warten auf Leben. Von Menschen und Papieren

Erzählendes Künstlerbuch
Mirabilis Verlag, Juni 2022
ISBN 978-3-947857-17-3
Hardcover, Fadenheftung, Lesebändchen
Motiv des Umschlags: Moussa Mbarek „Der Weg“
Umschlaggestaltung: Florian L. Arnold
80 Seiten; Farbdruck; mit 22 Abbildungen von Moussa Mbarek; 24 €
Produktinformation beim Verlag: https://mirabilis-verlag.de/produkt/yvonn-spauschus-und-moussa-mbarek-das-warten-auf-leben/

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für den Mirabilis Verlag.

Paul Bowles: Taufe der Einsamkeit

„Die Wüstenlandschaft ist immer am schönsten im Zwielicht der Morgen- und Abenddämmerung. Um diese Zeit fehlt das Gefühl für Entfernungen: Ein naher Hügel kann wie ein weit entfernter Höhenzug wirken, jedes Detail kann zu einer Größe erster Ordnung im monotonen Thema der Landschaft werden. Der nahende Tag ist voller Verheißungen; erst wenn er sich voll entfaltet hat, kommt dem Betrachtenden der Verdacht, daß es der vorangegangene Tag sein könnte, der wiedergekommen ist – der gleiche, den er wieder und wieder erlebt hatte, immer noch blendend hell und unberührt von Zeit.“

Paul Bowles, „Himmel über der Wüste“, im Original: „The Sheltering Sky“, Erstausgabe 1949

„Es ist eine einzigartige Empfindung, und sie hat nichts mit Verlassenheit zu tun, denn Verlassenheit setzt Erinnerung voraus. Hier, in dieser vollkommen mineralischen Landschaft, von Sternen erhellt wie von Leuchtfeuern, verschwindet sogar die Erinnerung; es bleibt nichts übrig als Ihr eigenes Atmen und das Geräusch Ihres schlagenden Herzens. Ein merkwürdiger und keineswegs angenehmer Prozess, bei dem Sie sich neu zusammensetzen, beginnt in Ihrem Innern abzulaufen, und Sie haben die Wahl, entweder dagegen anzukämpfen und darauf zu bestehen, dass Sie die Person bleiben, die Sie immer gewesen sind, oder es geschehen zu lassen. Denn niemand, der längere Zeit in der Sahara war, ist noch genau derselbe, wie bei der Ankunft.“

Paul Bowles, „Taufe der Einsamkeit“, Reiseberichte 1950-1972, Liebeskind Verlag 2012

Paul Bowles schreibt am schönsten, am klarsten dort, wo er über die Wüste schreibt – bei ihm wird sie zu einer Metapher für das Leben, ein Ausdruck unserer Existenz. Der amerikanische Schriftsteller und Komponist (1910-1999) verbrachte selbst sein überwiegendes Leben beinahe wie ein Nomade, insbesondere bereiste er Südamerika und Nordafrika. Ab 1947 lebte er in Tanger, zunächst mit seiner Frau, der Schriftstellerin Jane Auer (Jane Bowles) bis zu deren Tod 1973.

In seinem ersten Roman, „Himmel über der Wüste“, ist, obwohl Bowles dies stets abstritt, sicher auch einiges über diese Ehe herauszulesen. Das amerikanische Paar Kit und Port Moresby versucht nach zwölf Jahren Ehe bei einer Reise durch Algerien ihre verloschene Liebe wiederzufinden. Doch – zum Teil fernab der Zivilisation, zurückgeworfen auf das eigene Selbst, zum Teil konfrontiert mit exzentrischen Figuren der Außenwelt – der Versuch misslingt. Port stirbt an Typhus, Kit verirrt sich im wahrsten Sinne in der Unendlichkeit der Wüste. Durch dieses Buch und den nachfolgenden, 1952 erschienenen Roman „So mag er fallen“, der ebenfalls die gescheiterte Flucht eines Mannes, aus der Leere des amerikanischen Daseins nach Tanger beschreibt, hatte Bowles sein Thema gefunden – auch in seinen weiteren beiden Büchern stehen zivilisationsmüde Menschen im Mittelpunkt, die hoffen, in einer anderen, exotischen Umgebung zu sich zu finden. Und die darin scheitern.

Zudem hatte sich Bowles, in dessen Büchern immer wieder auch auf die Wirkung des „Kif“ eingegangen wird, damit auch eine literarische Fangemeinde erschrieben – er wurde zum Vorbild für die Schriftsteller der Beat-Generation Ginsberg, Burroughs und Kerouac, aber auch andere Autoren wie Capote folgten ihm nach Tanger. Später geriet Paul Bowles zu Lebzeiten mehr oder weniger in Vergessenheit – nach dem Tod seiner Frau lebte er bis 1999 mit seinem Lebensgefährten Mohammed Mrabet in Tanger. Erst in seinen letzten Lebensjahren wurde die Öffentlichkeit wieder auf den Schriftsteller und seine Bücher aufmerksam – 1990 kam „Himmel über der Wüste“ in der berauschenden Verfilmung von Bernardo Bertolucci in die Kinos. Ein Fest für das Auge, für die Sinne – und dabei auch eine gelungene Literaturverfilmung, in der Bowles sogar selbst als Erzähler aus dem Off mitwirkt. Was lange unbekannt blieb, war, dass Paul Bowles nicht nur ein herausragender Romancier und einer der Vertreter des englischsprachigen Existenzialismus war, sondern – auch für die eigene materielle Existenz – zahlreiche Reiseberichte schrieb. Eine Auswahl davon erschien 2012 erstmals in deutscher Sprache beim Liebeskind Verlag: „Taufe der Einsamkeit“. Übersetzt wurden die Reportagen, die auch heute noch mitreißen und kaum von der Zeit überholt erscheinen, von dem Schriftsteller Michael Kleeberg (hier im Interview in der Sendung des Schweizer Rundfunks, „52 beste Bücher“, zum Buch).

Deutlich werden an den Berichten nicht nur die Vielzahl der Orte und Welten, die Bowles sich reisend und forschend (so hält er im Auftrag der Rockefeller-Stiftung in Marokko die Formen der Berber-Musik fest) erschreibt, sondern auch seine stilistische Bandbreite: Mal faktenreich über die Wüste, mal voller Humor über den Versuch, in Indien einen Brief aufzugeben, mal kritisch über den Tourismus- und Bauboom an der Costa del Sol, mal voller Poesie über die Schönheit des Lebens auf Ceylon.

„Der amerikanische Schriftsteller Paul Bowles verbindet einen kristallinen Stil mit geradezu verblüffend anmutender Aktualität. Seine ursprünglich für angelsächsische Reisemagazine geschriebenen Reportagen sind konzise Erzählungen, die keinerlei Patina angesetzt haben“, so begeistert äußerte sich Marko Martin im Deutschlandradio.

Dabei bewahrt sich Bowles, trotz seiner Affinität für Orte und Menschen und trotz seiner spürbaren Neugier für das, was hinter den Mauern vorgeht, auch die Distanz des kritischen Beobachters, urteilt subjektiv, erzählt aus seiner Warte.

„Seit dem ersten Morgen im Jahr 1931, als ich in einem Hotelzimmer erwachte und das Getöse draußen auf der Straße hörte, habe ich eine heftige Abneigung gegen diese Stadt empfunden. Ich kenne Marokko, aber nicht Casablanca, und das liegt daran, dass ich es, wann immer es ging, gemieden habe (…) In den Jahren des französischen Protektorats war es ein Gemeinplatz zu sagen, dass Casablanca das Schlimmste beider Welten vereinigte; seine Franzosen waren die arrogantesten und unangenehmsten und seine Marokkaner die dekadentesten, was so viel heißt wie: die europäisiertesten. (…)“

Ironisch-lapidar äußert sich Bowles über die Tücken des Taxiverkehrs in der Stadt:

„Sie verlassen also morgens ihr Hotel und winken eines der spielzeugartigen Taxis heran, die die Boulevards entlangrasen, und ob Sie es glauben oder nicht, Sie werden direkt in die Welt von Lewis Carroll versetzt. Quasi jedes Gespräch mit einem Taxifahrer kann das erreichen. Präzise Unlogik, einstudierte sinnlose Schlußfolgerungen, schamlose Widersprüche, die beiläufige Einführung völlig abseitiger Themen, dazu eine verdruckste Miene prinzipieller Mißbilligung – alle Zutaten sind vorhanden, um die Illusion zu vermitteln, man sei plötzlich in einen Kaninchenbau gefallen oder durch den Spiegel getreten.“

Diese humoristisch-subjektiven Schilderungen machen jedoch nur einen Teil des Reizes dieser Berichte aus. Vor allem Bowles Bemühen, die anderen Kulturen zu ergründen, zu verstehen und diese äußeren mit einer inneren Reise zu verbinden, also im besten Sinne eine Begegnung der Welten zu erfahren, prägen diese lesenswerten Reportagen. Sie sind eine nichtfiktionale Erweiterung seiner Romane, sie können im besten Falle auch beim Leser Prozesse und zumindest Neugier auf „das andere“ in Gang setzen. Sein Bericht – oder fast besser noch „Reiseerzählung“ – über Sevilla endet mit diesen Worten:

„Ya es la hora de la siesta. All das wird ihn zurück nach Amerika begleiten, nichts wird verschwendet gewesen sein. Jede einzelne Stunde, die er mit offenen Augen verbracht hat, wird ihn ein Stückchen auf dem Weg zu einem Verständnis der Welt weitergebracht haben, und das ist schließlich der wahrhaftigste Gradmesser für Kultur, den wir bisher gefunden haben.“

Und – als ewige Träumerin von der Wüste – hier noch meine Lieblingsstelle aus der titelgebenden Reportage über die Sahara:

„War ein Mann (Anmerkung der Verfasserin: „eine Frau“ dazu denken) dort und hat die Taufe der Einsamkeit über sich ergehen lassen, dann kann er nicht anders. Ist er einmal dem Zauber des gewaltigen, gleißenden, stillen Landes erlegen, dann ist kein anderer Ort mehr kraftvoll genug für ihn, dann kann keine andere Umgebung das unüberbietbar befriedigende Gefühl in ihm hervorrufen, mitten im Absoluten zu stehen.“

Vorangestellt ist den Reportagen eine Art Programm, das Bowles 1958 in „The Nation“ veröffentlichte: „Eine Herausforderung an die Identität“.

„Noch vor einem Jahrhundert ist das Reisen eine Sache für Spezialisten gewesen. Da ferne Orte außer für sehr wenige Glückliche und Widerstandsfähige abseits jeder Erreichbarkeit lagen, war es ganz normal, dass man die Sehnsucht nach dem Exotischen indirekt durch das Lesen von Büchern befriedigte. Heutzutage, wo rein theoretisch ein jeder überall hingehen kann, dient das Reisebuch einem anderen Zweck; die Gewichtung hat sich von dem Ort selbst auf den Eindruck verlagert, den der Ort auf einen Menschen macht. So ist das Reisebuch zwangsläufig subjektiver geworden, sozusagen literarischer.“

Und in diese Beschreibung reiht sich Paul Bowles selbst mit seinen Reiseberichten in grandioser Manier ein. Seinem Satz„Es gibt nichts, was ich mehr genieße als die akkurate Schilderung eines intelligenten Schriftstellers über all das, was ihm weit weg von zu Hause widerfahren ist“ – kann man nicht nur zustimmen, sondern er selbst erfüllt ihn auf die beste Weise.


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