KURZ&KNAPP: Salonbücher

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Bild: (c) Michael Flötotto

Die Buchhandlung am Obstmarkt und ihr Inhaber, Kurt Idrizovic, sie gelten in Augsburg als literarische Institution: Das ist eben einer jener Buchhändler, die Literatur leben – man werfe nur einen Blick auf den umfangreichen Veranstaltungskalender. Neben der „Literatur im Biergarten“ ist der „Literarische Salon“ eine der Reihen,  die fester Bestandteil des Augsburger Kulturlebens sind. Einige Male im Jahr diskutieren hier vor Publikum literaturaffine Menschen in dem wunderbaren Ambiete der denkmalgeschützten Haag-Villa.  Ich durfte mich nun als „Debütantin“ erstmals mit ins Gefecht werfen.

Denn tatsächlich wurde der Abend ziemlich lebhaft, so temperamentvoll und mit sehr differenzierten Meinungen wurde diskutiert. Das kann hier nachgelesen werden:
„Fabelhafte Kontroversen über Literatur“.

Die drei Bücher des Abends, kurz&knapp, nochmals aus meiner Sicht:

„Die zehn Lieben des Nishino“ von Hiromi Kawakami
Die Schriftstellerin, in Japan eine Bestseller-Autorin, unternimmt hier ein Experiment, das anderen (beispielsweise Eva Menasse mit „Quasikristalle“ und Jurek Becker mit „Amanda Herzlos“) jedoch schon weitaus besser gelungen ist: Sie stellt eine Figur in den Mittelpunkt ihres Romans, eben jenen Herrn Nishino, der aus unterschiedlichsten Perspektiven vorgestellt wird. Zehn Frauen erzählen von ihrer Liebesbeziehung zu Nishino, der für mich jedoch bis zum Ende schemenlos, eigentlich ein nicht greifbares Phantom blieb. Sollte dies das Ziel der Autorin gewesen sein – Nishino als einen im Grunde nicht liebesfähigen Mann, der einfach nur Variationen der „Liebe“ spielt, darzustellen – so ist ihr dies durchaus gelungen.
So nichtssagend wie die Hauptfigur erschienen mir jedoch auch die einzelnen Geschichten – ein Buch, von dem wenig übrigbleibt, das mich zudem sprachlich nicht überzeugen konnte. Alle zehn Geschichte sind in einem einheitlichen Ton gehalten, plätschern ein wenig vor sich hin, da kommt kein Koikarpfen ins Strudeln. Strittig war beim „Literarischen Salon“ vor allem der Liebesbegriff, der in diesem Buch zum Tragen kommt: Mit dem Gefühl der Liebe hat dies wenig zu tun, es geht vielmehr um Beziehungen, die fast schon nüchtern und kaufmännisch eingegangen werden. Die analytische Kälte, die zeitweise aus den Reflektionen der Frauen klingt, sie könnte interessant sein – dazu aber reicht es in diesem Buch aber sowohl sprachlich als auch stilistisch leider nicht.

„Die zehn Lieben des Nishino“ erschien im Hanser Verlag.

„Ich kann dich hören“ von Katharina Mevissen
Von Victor Hugo stammt das Zitat „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist“. Ein Satz, der einfach treffend ist für diesen schönen Debütroman der 1991 geborenen Autorin Katharina Mevissen. Er trifft auf mehreren Ebenen zu: Da steht ein junger Mann, Musikstudent, Cellist, im Mittelpunkt, der in gewisser Weise von Sprachlosigkeit betroffen ist. Der Konflikt mit seinem Vater, selbst Musiker, kaum greifbar für seine Kinder, die Beziehung zu seiner Tante, die Mutterersatz war und nun ihr eigenes Leben führen will, die sich anbahnende Liebesgeschichte mit einer WG-Genossin, all das sind Themen, die Osmans Leben überlagern, für die er jedoch keine Worte findet. Zugleich kommt er durch Zufall in Kontakt mit der Welt der Gehörlosen (nicht direkt, sondern über ein Aufnahmegerät).
Auch auf dieser Ebene werden die Grenzen von Kommunikation, Varianten der Sprache und Sprachlosigkeit, austariert.
Sprache als Thema, Sprache, die überzeugt: Katharina Mevissen findet vor allem für die Musik wunderbare Worte, bringt sie auf dem Papier zum Erklingen. Ihr Stil, der variationsreich ist, von spröde bis zu poetisch reicht, hat mich durch dieses Buch getragen. Ein wenig zuviel waren mir die angerissenen Themen – neben der Metaebene der Kommunikation auch die Problematik der Migration, weiblicher Selbstbestimmung, Familienpsychologie und vieles mehr. Dennoch, alles in allem ein sehr überzeugendes Debüt, nachzulesen beispielsweise auch in der Kritik im Deutschlandfunk.

„Ich kann dich hören“ erschien im Wagenbach Verlag.

„Die Nebelkrähe“ von Alexander Pechmann
Auf diesen Roman war ich richtig neugierig: Alexander Pechmann kannte ich bislang nur als Übersetzer von Klassikern wie Mark Twain, Melville und Henry James. Wie geht jemand, der mit solchen Stilvorbildern vertraut ist, selbst mit Sprache um? Einfach überzeugend!
„Die Nebelkrähe“ ist ein klug konstruiertes, stilistisch elegantes und atmosphärisch dichtes Buch, das nicht nur Oscar Wilde-Fans zu unterhalten vermag. Denn der exzentrische irische Schriftsteller, vielmehr sein Geist, der sich zwei Jahrzehnte nach Wildes Tod wieder Gehör verschafft, steht gewissermassen im Mittelpunkt des Geschehens. Pechmann stützt sich dabei auf eine wahre Geschichte: 1924 veröffentlichte eine gewisse Hester Dowden das Buch „Oscar Wilde from Purgatory“, Protokolle spiritistischer Sitzungen, in denen der Schriftsteller zur Nachwelt sprach.
Das Medium in Pechmanns Roman ist ein traumatisierter Kriegsteilnehmer, ein eigentlich aller Esoterik abgeneigter Mathematiker, der jedoch von Träumen und Stimmen verfolgt wird. Um seinen psychischen Problemen auf den Grund zu kommen, landet er schließlich bei einer spiritistischen Gesellschaft. Hier begegnet er auch Dorothy Wilde, der Nichte des Schriftstellers – eine interessante Frau, auch im „echten Leben“, da würde sich noch ein eigener Roman anbieten.
Die beiden beginnen die Herkunft eines Kinderbildes, das der Mathematiker Vane im Krieg anvertraut bekam und das auch der Auslöser seiner Träume ist, zu recherchieren. Eine Recherche, die mitten hineinführt in das „Swinging London“ der 1920er-Jahre, in die feinen Herrenclubs ebenso wie in die Bar eines Drogenbarons, selbstverständlich ins Theater, aber auch an weitaus dunklere Orte. Pechmann zeichnet nicht nur ein lebhaftes Bild der Metropole dieser Jahre, sondern vermittelt in diesem unterhaltsamen Roman auch eine Botschaft im Sinne Oscar Wildes (oder dessen Geist, je nachdem) und Shakespeares: „There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy.“

„Die Nebelkrähe“ erschien im Steidl Verlag.

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Mark Twain: Post aus Hawaii

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Bild von DawniGirl auf Pixabay

„Wenn man in Honolulu mit einem Fremden ins Gespräch kommt und den natürlichen Wunsch verspürt, herauszufinden, auf welchem Terrain man sich bewegt und welche Art von Mensch der andere ist, dann spricht man ihn am besten zunächst mit „Kapitän“ an. Man beobachte ihn genau, und wenn man an seinem Gesichtsausdruck erkennt, dass man auf der falschen Spur ist, frage man ihn, wo er predigt. Es ist so gut wie sicher, dass er entweder Missionar oder Kapitän auf einem Walfänger ist.“

 Mark Twain, „Post aus Hawaii“, 2010, mareverlag, Hamburg.

Als Mark Twain zu den Sandwich-Inseln reisen darf, ist er bei weitem noch kein etablierter Autor. 1866 wird Samuel Langhorne Clemens im Auftrag der Tageszeitung “Sacramento Daily Union” mit dem Dampfschiff auf Reportage entsandt. Der junge Reporter, geboren 1835 in Florida, soll vor allem über die Zuckerrohrindustrie auf den Sandwich-Inseln berichten.

Auch wenn der junge Journalist alles andere als die bestellten Auftragsarbeiten ablieferte – sowohl für ihn als auch für die Herausgeber des „Sacramento Daily“ wurde die Reise zum Glücksfall. Aus den geplanten vier Wochen wurden vier Monate, aus den journalistischen Berichten wurden lebendige Reportagen, kleine Erzählungen und vor allem Humoresken über das Inselleben. Und aus dem Zeitungsmann Samuel Langhorne Clemens wurde durch den Erfolg dieser Briefe und der anschließenden Vortragsreisen der berühmte „Mark Twain“.

Die Reiseberichte lesen sich auch heute noch so frisch, lebendig und widerborstig wie andere „Reisebücher“ aus der Feder dieses großen amerikanischen Schriftstellers, sei er mit den Arglosen im Ausland unterwegs oder auf einem „Bummel durch Europa“. Bis die Reportagen, die den Grundstein zu Mark Twains Erfolg bildeten, jedoch komplett in Buchform erschienen, sollte es dauern. Er selbst verwertete zu Lebzeiten nur Teile daraus in anderen Büchern. In deutscher Übersetzung durch Alexander Pechmann – der der Ausgabe auch ein lesenswertes Nachwort mit einer Fülle weiterer Informationen angefügt hat – wurden die vollständigen Briefe aus Hawaii erst 2010 veröffentlicht, 100 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers.

Die „Post aus Hawaii“ lässt schon die typischen Züge des späteren Schriftstellerstars erkennen: Die Briefe sind humorvoll bis bissig, ab und an gehen ihm die fiktiven Gäule durch (so erfindet er einen tolpatschigen Reisebegleiter, den armen Mr. Brown), sie zeugen zugleich aber auch von seinem journalistischen Spürsinn und seiner genauen Beobachtungsgabe. Was das Werk von späteren unterscheidet: Mark Twain schlägt deutlich patriotische Töne an, Hawaii wird vor allem aus dem Blickwinkel betrachtet, inwieweit die Insel und ihre Nachbarn nützlich für Amerika sein könnten.

Als Twain auf die Sandwich-Inseln kommt, waren diese bereits mehrfach wegen ihrer geographischen Lage und ihrer Naturschätze zum Objekt der Begierde geworden: James Cook gab der Inselkette zu Ehren von Lord Sandwich ihren Namen, dann annektierten die Russen, die Engländer und die Franzosen in abwechselnder Reihenfolge die Inseln, die seit 1810 durch die gewaltsame Eroberung von Kamehameha I. als Königreich geführt wurde. Die Monarchie überlebte den Besuch Twains nur wenige Jahre. Und auch die nachfolgende Republik war nur von kurzer Dauer: 1898 wurde Hawaii von den Amerikanern annektiert und ist seit 1959 der 50. Staat der Vereinigten Staaten.

Die großen Nachbarn hatten schon immer ein lebhaftes Interesse an den Inseln – und dieses sollte auch über die Zeitungsberichte Mark Twains beim Publikum geschürt werden. Immerhin ging es auch um handfeste wirtschaftliche Interessen. So schreibt Mark Twain im April 1866 an seine Leser:

„Der Walfang des nördlichen Pazifiks – der keineswegs unbedeutend ist – hat sein Zentrum in Honolulu. Ohne ihn würde die Stadt eingehen – ihre Geschäftsleute würden fortziehen, und die Grundstücke würden ihren Wert verlieren, zumindest jene, die zur Stadt gehören, obwohl Honolulu womöglich auch weiterhin als hervorragende Zuckerrohrplantage gedeihen würde, denn der Boden ist fruchtbar und braucht nur wenig Bewässerung.
Die Handelskammer von San Francisco wäre gut beraten, wenn sie sich bemühte, das Geschäft mit dem Walfang nach Kalifornien zu holen. Honolulu rüstet dieses Jahr die Mehrheit von sechsundneunzig Walfängern aus und erhält dafür eine ziemlich große Geldsumme.“

Wie Alexander Pechmann in seinem Nachwort ausführt, zeigt Twain in diesen Zeitungsartikeln durchaus eine imperialistische, patriotische Haltung, in dem er sich für eine wirtschaftliche Expansion der Vereinigten Staaten ausspricht – eine Haltung, die er in späteren Texten revidieren wird. Pechmann schreibt dazu:

„Twains politische Haltung ist nicht einfach zu definieren. Er hat anscheinend keine Probleme damit, in vielen seiner Erzählungen die Geldgier seiner Landsleute zu verhöhnen und gleichzeitig in seinen Zeitungsartikeln die Ausbeutung billiger Arbeitskräfte zu propagieren. (…) Er zeigt immer dann Sympathie für die Bemühungen des Königsreichs von Hawaii, den Status der Unabhängigkeit zu bewahren, wenn damit die Unabhängigkeit von den europäischen Mächten gemeint ist. Die Hawaiianer sind für ihn gewissermaßen bereits Amerikaner (…)“.

„America first“: Und doch kann man Herrn Twain für diese jungenhafte patriotische Haltung nicht allzu böse sein, bringt er einen doch überwiegend mit seiner Südsee-Post zum Schmunzeln und zum Lachen. Neugierig, respektlos, intelligent: So berichtete Mark Twain über das Leben und die Sitten auf den Inseln. Keiner ist vor ihm sicher: Er karikiert das Gehabe der Missionare, die naive bis morbide Wissbegier der Touristen, nimmt Eingewanderte und Einheimische aufs Korn und amüsiert sich insbesondere über die örtliche Politik:

„Dieses Parlament ist wie alle anderen Parlamente. Ein Holzkopf steht auf und macht irgendeinen vollkommen absurden Vorschlag, wonach er und ein halbes Dutzend anderer Holzköpfe die Sache eine Stunde lang mit geschwätziger Leidenschaft durchdebattieren, während die anderen Abgeordneten seelenruhig abwarten, bis ein vernünftiger Mann – ein einflussreicher Mann – eine große Nummer –  sich erhebt und die Torheit der Angelegenheit in fünf Sätzen darlegt.“

Mit bissigem Humor schaut Mark Twain auf den Inselstaat, seine Bewohner und ihre Sitten. Ganz ernst geht er jedoch auch auf die offenkundigen Schattenseiten im Inselparadies ein – die Folgen der Kolonialisierung, die Folgen der Ausbeutung der Ressourcen und Arbeitskräfte. Was ihn, als echten amerikanischen Patrioten, jedoch nicht daran hindert, für die Annexion Hawaiis durch die USA einzutreten.

Auch wenn man manches einfach in der Zeit verorten muss – Lesefreude bereitet der Hula auf Hawaii mit Mark Twain auch heute noch, zudem könnten die Briefe bei einem Inselbesuch auch ganz nützliche, unterhaltsame Reisebegleiter sein.

Das Buch ist auch als Taschenbuch erhältlich:
Post aus Hawaii, Dumont Verlag

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