Albert Cohen: Die Schöne des Herrn

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Sissi-Statue auf Korfu. Bild von Devanath auf Pixabay

„Erklären Sie auch die Gründe für die Verführungswut Don Juans. Denn in Wirklichkeit ist er ja keusch und hat nicht viel für diese Bettgefechte übrig, findet sie eintönig und primitiv, lächerlich im Grunde. Aber sie sind unerlässlich, damit die Frauen ihn lieben. So sind sie nun mal. Sie bestehen darauf. Und er braucht ihre Liebe. Erstens als Ablenkung, um den Tod zu vergessen und dass es kein Leben danach gibt, keinen Gott, keine Hoffnung, keinen Sinn, nur das Schweigen eines unbeseelten Alls. Kurzum, aus Liebe zu einer Frau sich das Leben kompliziert machen, um die Angst zu übertönen. Zweitens die Suche nach Trost. Ihre Anbetung tröstet ihn über sein Alleinsein hinweg.“
Albert Cohen, „Die Schöne des Herrn“.

Neben Abbruch-Büchern, Flutsch-Büchern, Empfehlungs-Büchern, Lebens-Büchern gibt es in meinem Leserleben noch die besondere Kategorie der Bücher, die ich mir für bessere Zeiten aufhebe. Bücher, in die ich reingelesen habe, fasziniert war, aber weiß: Dieses Buch geht nebenher nicht einfach so. Dieses Buch braucht Zeit. Seine Zeit. Ein Buch für den Super-SUB sozusagen.
Das ist jener Stapel ungelesener Bücher, der auf die Zeiten der Ruhe, der Kontemplation, des Müßiggangs wartet – auf einen sehr, sehr langen Urlaub (der nicht ansteht), auf ein Sabbatjahr (das unrealistisch ist) oder die Rente (also in 15,16, 17 Jahren, wenn die Herrschaften in Berlin sich da mal festlegen wollen).

Bei mir liegen auf diesem Stapel vor allem die Franzosen. Warum? Je ne sais pas. Aber ich denke: der Proust, die Balzacs, die Stendhals, jetzt sind sie schon so alt, mögen sie noch ein wenig sich gedulden. Erdrückt werden sie derzeit von einem Wucht-Franzosen, der nicht allzu sehr hier bekannt ist: Albert Cohen. Weil aber dessen Buch „Die Schöne des Herrn“ schon beim ersten Reinschnuppern so seltsam faszinierend ist, möchte ich doch ein wenig dafür die Trommeln schlagen – wer weiß, vielleicht findet sich auf diesem Wege ein Financier, eine Mäzenin, die mir einen langen Leseurlaub am Geburtsort Cohens ermöglicht…

Dort, in der Stadt Korfu, stieß ich erstmals auf den Namen dieses Schriftstellers (1895 geboren auf Korfu, 1981 verstorben in Genf), der in Frankreich und der Schweiz zu den Großen zählt. Eine Tafel nahe der Synagoge in der Altstadt Korfus erinnert an den berühmten Sohn der Insel – der allerdings nur seine Kindheit dort verbrachte. Die Familie, französischer Abstammung, zog 1900 nach Marseille, später studierte Cohen in Genf Jura und nahm die Schweizer Staatsbürgerschaft an. Er war als Rechtsberater für die Jewish Agency und die UNO tätig, ansonsten widmete er sich dem Schreiben. Sein Hauptwerk ist die Romantetralogie „Solal“ – in neuerer Übersetzung ins Deutsche liegt allerdings nur deren dritter Teil, „Die Schöne des Herrn“ vor, 2012 bei Klett-Cotta erschienen.
Einmal neugierig gemacht durch diese simple Tafel, bestellte ich beim Buchhändler meines Vertrauens unbesehen diesen Roman, den derzeit einzig greifbaren Nicht-Antiquarischen – um zunächst vor Schreck einmal zu prokrastrinieren.

Schreckmoment 1: Allein der dritte Teil der Tetralogie umfasst 891 eng- und kleinbedruckte Seiten!
Schreckmoment 2: Der Klappentext. Von Elke Heidenreich. Elke Heidenreich. Na ja.
Sie flötet: „Wenn ich jetzt sagen müsste, welches das schönste Buch ist, was ich in meinem Leben gelesen habe, wäre es dieses.“

Einen echten Bibliomanen schreckt aber letztendlich auch Frau Heidenreich nicht ab. Dagegen jedoch: Der Respekt vor dem Werk. Ich habe ein Viertel des Buches gelesen und beschlossen – ich will die ganze Tetralogie. Und ich will die Zeit dazu. Und weil beides noch in weiter Ferne steht, liegt das Buch nun erst einmal auf dem Super-SUB.
Wer schon vorher dem Charme Albert Cohens und seiner Hauptfigur Solal erliegen will, dem sei diese euphorische Besprechung von Andreas Isenschmid in der ZEIT nahegelegt:
http://www.zeit.de/2013/20/albert-cohen-die-schoene-des-herrn
Auf der Verlagsseite findet sich eine Leseprobe:
http://www.klett-cotta.de/buch/gegenwartsliteratur/die_schoene_des_herrn/21745