Ágota Kristóf: Das große Heft

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Bild von Peter H auf Pixabay

„Das große Heft“ ist zunächst einmal ein schmales Heft. Knappe 170 Seiten zählt der Roman, der zwar aus einer chronologisch erzählten Geschichte besteht, aber auch stückweise gelesen werden kann – die Kapitel sind wie kleine in sich abgeschlossene Kurzerzählungen, Miniaturen mit maximaler Nachwirkung. Von manchen kann der Roman der gebürtigen Ungarin Ágota Kristóf (1935 – 2011) vielleicht sogar nur stückweise gelesen werden: Denn so schmal das Werk, so groß der Nachhall. Die Sprache ist von einer glasklaren, präzisen Nüchternheit. Kein Wort zu viel in diesem düsteren Werk. So klar und hart, dass damit die seelische Schutzschicht auch geübter Leser geschnitten werden kann.

Geschildert wird die „Entwicklung“ eines Zwillingspaares, das in Kriegszeiten von der Mutter aus der belagerten Stadt auf das scheinbar sicherere Land zur Großmutter gebracht wird. Entwicklung deshalb in Anführungszeichen, weil uns – den sicher in sein zivilisiertes Leben eingehüllten Leser – der Werdegang der Brüder zunächst wie eine Retardierung anmuten muss. Ein Rückfall in barbarische Grausamkeit. Die beiden Kinder gelangen in eine archaisch anmutende Welt. Bei der Großmutter, die sie als „Hundesöhne“ betitelt, heißt es, zunächst auch ohne Krieg vor Ort um das nackte Leben kämpfen zu müssen – um das tägliche Brot, den Schlafplatz, wärmende Kleidung im Winter.

Das Leben reduziert auf das Notwendigste – dies auch verdeutlicht in den meist kargen Kapitelüberschriften:

„Großmutter“

Großmutter wäscht sich nie. Sie wischt sich den Mund mit dem Zipfel ihres Kopftuchs ab, wenn sie gegessen oder wenn sie getrunken hat. Sie trägt keine Unterhose. Wenn sie urinieren muß, bleibt sie stehen, wo sie sich gerade befindet, macht die Beine breit und pißt auf die Erde unter ihren Röcken.

„Der Schmutz“

Bei uns zu Hause, in der Großen Stadt, wusch unsere Mutter uns oft. Unter der Dusche oder in der Badewanne. (…) Bei Großmutter ist es unmöglich, sich zu waschen. Es gibt kein Badezimmer, es gibt nicht einmal fließendes Wasser. Man muß das Wasser aus dem Brunnen im Hof pumpen und es in einem Eimer tragen. Es gibt keine Seife im Haus, auch keine Zahnpasta oder Waschpulver für die Wäsche.

Die Zwillinge sind klug genug zu wissen, dass sie sich behaupten müssen, wollen sie nicht untergehen: Gegen die Großmutter, den Briefträger, den Pfarrer, die Magd des Pfarrers.

Übungen in Grausamkeit

Anfangs hängen sie an den Resten ihres alten Lebens, erstreiten sich Papier und Stifte, später geht es dagegen um Schuhe für den Winter, Essen für den Tag, Munition für den Kampf. Sie trainieren und bilden sich praktisch selbst, werden Überlebenskämpfer. Ihr Training spiegelt sich ebenfalls in den Kapitelüberschriften wieder: „Übungen zur Abhärtung des Körpers“, „Übung in Blindheit und Taubheit“, „Übung in Fasten“, „Übung in Grausamkeit“. Mehr und mehr fällt die dünne zivilisatorische Schicht ab in dieser grausamen Schule des Lebens: Selber Objekt und Opfer des Missbrauchs, unter anderem durch einen Besatzungsoffizier und die Pfarrhaushälterin, wenden die Zwillinge ihr Schicksal, drehen den Spieß um. Dass man sich als Leser wiederum nicht in Abscheu von ihnen wendet, hat zweierlei Ursachen – zum einem ihre Unzertrennlichkeit, die menschliche Bindung zwischen ihnen, zum anderen ihr gelegentliches Eintreten für andere Geschlagene und Geprügelte.

Die Zwillinge sind das Paar aus Gut und Böse

Dennoch müssen sie bis zum bitteren Schluss sprichwörtlich über Leichen gehen: Der Krieg zieht auch in das Dorf ein, die Mutter wird im Vorgarten von einer Granate zerfetzt, die Nachbarstochter zu Tode vergewaltigt, der Vater stirbt im Grenzstreifen, die Großmutter an ihrer eigenen Verbitterung. Auch wenn die Zwillinge sich letzten Endes trennen müssen, damit einer über die Grenze, in die Freiheit gelangt – sie sind die Überlebenden. Als Zwillingspaar verkörpern sie Gut und Böse, die Frage, die sich am Ende stellt, ist: Kann man in Zeiten der Finsternis Gut und Böse trennen? Vielleicht wollte uns die Autorin mit diesem eigenartigen, grausamen Buch zeigen: Auch in jedem Leser steckt dieser Zwilling. Welcher zum Vorschein kommt, hängt von den Verhältnissen ab. Die Zwillinge sind Opfer und Überlebende des Krieges – ihm mussten sie Kindheit, Mutterliebe, Wärme, gesicherte Umstände opfern. Sie werden in einen archaischen Zustand zurückgeworfen.

Man liest im großen Heft von schrecklichen Gewalttaten und Zuständen – durch die nüchterne Sprache noch potenziert. Doch mit ihrer klaren Erzählweise erschüttert Ágota Kristóf den insgeheimen Glauben, dies sei „nur“ Literatur. Denn solche Grausamkeiten fanden statt – und finden irgendwo auf dieser Welt auch in diesem Moment statt. Und wir „Zwillingsleser“ sind nur geschützt durch einen dünnen Firn.

Ágota Kristóf erfuhr dies an eigener Person: 1935 geboren, erlebte die Ungarin die Auswirkungen des Weltkrieges und des Nationalsozialismus als Kind. 1956 die Flucht vor einem anderen totalitären Regime in die Schweiz. Fortan begann die Schriftstellerin auf Französisch zu schreiben. So entstand auch „Das große Heft“ in dieser später erworbenen Schreibsprache – und dennoch ein brillantes Buch. Um welchen Krieg es sich handelt, um welche Armee, die das Dorf überrennt und befreit, bleibt ungenannt. Auch das Verschwinden und der Abtransport ganzer Familien und Bevölkerungsgruppen wird nicht mit dem Holocaust benannt. Diese Verortung des Romans in das Wüten während der Nazi-Jahre läge nahe. Aber die Namens- und Schmucklosigkeit macht deutlich: Dieses Buch ist zugleich eine Parabel für jeden Krieg und jede Grausamkeit, die zu jeder Zeit irgendwo auf der Welt geschehen kann.

Die Werke von Ágota Kristóf erscheinen beim Piper Verlag – hier gibt es auch Leseproben und einen Trailer zur Verfilmung aus dem Jahr 2013: http://www.piper.de/buecher/das-grosse-heft-isbn-978-3-492-30433-7

 

 

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