Hedwig Lachmann: Gesammelte Gedichte

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Bild von Alain Audet auf Pixabay

Spaziergang

Die Sonne steht schon tief. Wir scheiden bald.
Leis sprüht der Regen. Horch! Die Meise klagt.
Wie dunkel und verschwiegen ist der Wald!
Du hast das tiefste Wort mir nicht gesagt. –

Zwei helle Birken an der Waldeswand.
Ein Spinngewebe zwischen beiden, sieh!
Wie ist es zart von Stamm zu Stamm gespannt!
Was uns zu tiefst bewegt, wir sagen’s nie. –

Fühlst du den Hauch? Ein Zittern auf dem Grund
Des Sees. Die glatte Oberfläche bebt.
Wie Schatten weht es auch um unsern Mund –
Wir haben wahrhaft nur im Traum gelebt. –

Hedwig Lachmann (1865-1918)

Prägen Landschaften die Menschen, die in ihnen leben?
Ich meine: In gewisser Weise schon.
Die jüdische Dichterin Hedwig Lachmann wuchs in der unspektakulären Landschaft Mittelschwabens auf, wo sie nach einem wechselvollen Leben auch starb. Das Kleinräumige, das nach Weite schreit, das herbstlich Karge, das sich im Sommer fast schon wieder in das Kitschig-Liebliche wandeln kann, das Bodenständige, das Zurückgenommene  – all das ist in dieser Landschaft. Und es ist in den Gedichten Lachmanns zu spüren, die immer wieder in diese schwäbische Gegend zurückkehrte: Hier war ihre Familie, hier ihre Heimat.

Ebenso sind in den Gedichten auch Sehnsucht nach einem stillen Ort, nach menschlicher Wärme und eine leise Herzensklugheit zu spüren, die jene in den Blick nimmt, die keinen Ort mehr haben:

Winterbild

In meinem Zimmer ein paar frische Blumen,
Die allen Wintermissmut mir vertreiben.
Ein Vöglein pickt vor meinem Fenster Krumen
Und guckt dabei zutraulich durch die Scheiben.

In Stroh und Bast die Bäume eingeschlagen,
Damit der strenge Frost sie nicht berühre,
Die Beete wohl verwahrt vor kalten Tagen –
Und, blossen Haupts, ein Bettler vor der Türe.

Diese Mischung aus leiser Melancholie und Mitgefühl ist ein Kennzeichen dieser Dichterin, die dem Vergessen zum Opfer fiel. Wer nur diese Seite ihrer Lyrik kennenlernt, erhält jedoch ein falsches, einseitiges Bild: Hedwig Lachmann war ebenso eine engagiert politisch denkende Frau, eine, die ihren Weg wählte und ging, jedoch ohne viel Aufhebens darum zu machen. Mir scheint, sie war eine stille Unangepasste – eine, die früh selbständig war, die zum selbständig Denken erzogen worden war und durchaus auch deshalb nicht den einfachsten ihr dargebotenen Weg einschlug.

Hedwig Lachmann kam im August 1865 in Pommern zur Welt. Sie war die Älteste der sechs Kinder des Kantors Isaac Lachmann und dessen Frau Wilhelmine. Die Familie zieht 1873 nach Hürben bei Krumbach um. In diesem  schwäbisch-bayerischen Ort existierte von 1675 bis 1942 eine meist sehr große jüdische Gemeinde, allein um 1840 gehörten zu ihr 652 Mitglieder. Bereits um 1900 war die Gemeinde jedoch auf 123 Personen gesunken. 40 Jahre später überleben nur wenige Hürbener Juden, die rechtzeitig auswandern konnten, den Nationalsozialismus.

Als Hedwig Lachmann nach Hürben kommt, ist die jüdische Gemeinde bereits sehr klein, aber noch intakt. Ihr Vater ist dort ebenfalls als Kantor und Lehrer tätig. Sie selbst besucht die Mädchenschule in Krumbach und legt dank ihrer Sprachbegabung bereits mit 15 Jahren ein Lehrerinnen-Examen in Augsburg ab. 1882 – also gerade erst 17 Jahre alt – übernimmt sie ihre erste Stellung als Gouvernante in England, dann folgen Aufenthalte in Dresden, ab 1887 in Budapest, ab 1889 schließlich lebt sie in Berlin.

 

Schon zu dieser Zeit schrieb Lachmann eigene Gedichte und arbeitete ab und an journalistisch. Ihre ersten Veröffentlichungen umfassen jedoch vor allem noch Nachdichtungen und Übersetzungen, unter anderem “Ungarische Gedichte” von Alexander Petöfi sowie Nachdichtungen der Lyrik Edgar Allan Poes. Gefördert wurde ihr Talent vor allem von Richard Dehmel, mit dem sie ab 1892 einen intensiven Briefwechsel führt. Mit dem Lyriker verbindet sie eine komplizierte Beziehung – er, damals noch verheiratet mit der Märchendichterin Paula Oppenheimer, sehnt sich nach einer Ménage à trois, will die Lachmann nicht nur platonisch lieben. Sie schreckt davor zurück – und entzieht sich der Situation durch ihren Umzug nach Budapest. Die Freundschaft zu Dehmel zerbricht endgültig 1914, als dieser sich, wie so viele andere Intellektuelle, vom Taumel der Kriegsbegeisterung mitreißen ließ. Er ließ sich, so schreibt sie an einen Freund, “von der Sturzwelle der nationalen Leidenschaft fortreißen”, er habe “seinen Beruf verkannt.”

Auch wenn Hedwig Lachmann sich selbst nicht als Anarchistin bezeichnete, politisch Stellung nahm sie gleichwohl. Vor allem für einen unbedingten Pazifismus. Ihr Antikriegsgedicht ist auch als entschiedene Reaktion auf den blinden Nationalismus der Vorkriegsjahre zu verstehen:

Mit den Besiegten

Preist Ihr den Heldenlauf der Sieger, schmückt
Sie mit dem Ruhmeskranz, Euch dran zu weiden –
Ich will indessen, in den Staub gebückt,
Erniedrigung mit den Besiegten leiden.

Geringstes Volk! verpönt, geschmäht, verheert
Und bis zur Knechtschaft in die Knie gezwungen –
Du bist vor jedem stolzeren mir wert,
Als wär’ mit dir ich einem Stamm entsprungen!

Heiß brennt mich Scham, wenn das Triumphgebraus
Dem Feinde Fall und Untergang verkündet,
Wenn über der Zerstörung tost Applaus
Und wilder noch die Machtgier sich entzündet.

Weit lieber doch besiegt sein, als verführt
Von eitlem Glanz – und wenn auch am Verschmachten,
Und ob man gleich den Fuß im Nacken spürt –
Den Sieger und das Siegesglück verachten.

Bei Richard Dehmel lernt Hedwig Lachmann jedoch bereits 1899 Gustav Landauer kennen – es muss, so kitschig das klingt, Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Denn das Paar entscheidet sich unmittelbar nach dem ersten Zusammentreffen für einen gemeinsamen Aufenthalt in England, obwohl Landauer noch verheiratet ist. 1902 kehren sie mit ihrer in England geborenen ersten Tochter nach Berlin zurück, der gemeinsame Freund Erich Mühsam besorgt ihnen dort eine Wohnung. Erst 1903 kann sich Gustav Landauer scheiden lassen und Hedwig Lachmann heiraten, 1906 wird die zweite Tochter Brigitte geboren. Die beiden geben sich zunächst großen Halt, auch wenn sich Landauer in der Zeit ihrer Ehe auch in andere Frauen verliebt.

Aus deiner Liebe …

Aus deiner Liebe kommt mir solch ein Segen,
Sie macht mein Herz so sorglos und so fest,
Ich kann so ruhig mich drin niederlegen,
Wie sich ein Kind dem Schlafe überlässt.

Ich geh dahin von Zuversicht getragen,
Seit neben deiner meine Seele schweift;
So, wie man wohl an schönen Sommertagen
Durch reife Ährenfelder sinnend streift.

Da gleiten sanft die Finger über Blüten
Und Halme hin, wie eine Mutter pflegt,
Und alles Leben möchte man behüten,
Das seine heil’ge Saat zum Lichte trägt.

1902 veröffentlicht Hedwig Lachmann wieder eigene Gedichte – zuvor war sie vor der Außenwelt vor allem durch ihre Übersetzungen von Poe, Oscar Wilde und Balzac hervorgetreten. Einige dieser Übertragungen sind durchaus noch in Gebrauch: So Balzacs „Frau von 30 Jahren“, erschienen als Fischer Klassik Taschenbuch. 1905 folgt eine Oscar-Wilde-Monographie aus ihrer Feder

1917 ziehen die Landauers wegen der schlechten Ernährungslage zurück nach Bayern – Hedwig kehrt an den Ort ihrer Kindheit zurück. Am 21. Februar 1918 stirbt sie in Krumbach an einer Lungenentzündung. Sie ist dort auf dem jüdischen Friedhof im Orsteil Hürben begragen. Der tieferschütterte Landauer gibt im Jahr nach ihrem Tod ihre “Gesammelten Gedichte” bei Kiepenheuer heraus. Landauer selbst wird 1919, nach dem Scheitern der Münchner Räterepublik, von Soldaten ermordet.

Hedwig Lachmann hat viele wunderbare Gedichte hinterlassen, die es wieder zu entdecken gilt. Und sie gab ihr Talent trotz des viel zu kurzen Lebens weiter: Ihr Enkel ist Mike Nichols, geboren 1931 in Berlin als Michael Igor Peschkowsky, der als Regisseur unter anderem mit “Die Reifeprüfung”, “Catch 22″ und “Silkwood” für gutes Kino sorgte.

 

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Ernst Glaeser: Jahrgang 1902

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Bild von Michael Gaida auf Pixabay

„Pfeiffer sammelte weder Granatsplitter, noch klebte er auf die Flaschen die Photos der Generäle. Pfeiffer hatte auch keine Landkarte, auf der er die Front absteckte, nicht einmal ein schwarz-weiß-rotes Abzeichen oder einen Stempel: „Gott strafe England!“ Statt dessen machte er Botengänge, kehrte manchen Bürgern Samstags die Straße und verdiente damit monatlich 3,50 Mark, die er seiner Mutter genau ablieferte. Der zwölfjährige Junge war Zivilist, wir spürten das, ohne es formulieren zu können – deshalb verprügelten wir ihn. Er überwand diese Prügel, indem er sie aushielt.“

Ernst Glaeser, „Jahrgang 1902“, 1928, wiederaufgelegt und herausgegeben von Christian Klein im Wallstein Verlag, 2014.

Heranwachsende zwischen den Fronten, Kinder, die andere Kinder als Zivilisten bezeichnen, deren kindliche Spiele Krieg statt Frieden simulieren, die sich zunächst in den Ferien mit französischen Gleichaltrigen wortlos verstehen können und dann ebenso wortlos anfeinden müssen, deren erste Liebe von Bombensplittern zerfetzt wird: Mit diesem Psychogramm einer Jugend in Deutschland wurde Ernst Glaeser in der Weimarer Republik, der Zwischenkriegszeit, zum literarischen Star. Anders als bei den ebenfalls in diesen Jahren erschienenen Romane von Erich Maria Remarque und Arnold Zweig steht nicht der Frontsoldat im Mittelpunkt, beschrieben wird, ähnlich wie in Georg Finks „Mich Hungert“ die Generation, die mit dem Krieg aufwuchs, zu jung für die Front, doch bereits auch zu alt, um wegzusehen – eine „lost generation“, der „Jahrgang 1902“.

Auch der Autor selbst gehört zu dieser verlorenen Generation, zu den Orientierungslosen, im Geiste Wurzellosen – dazu jedoch später mehr. Als „Jahrgang 1902“ erscheint, ist Glaeser (1902-1963) gerade mal 26 Jahre alt und trat zuvor nur mit einigen wenigen Dramen hervor. Der Debütroman wird jedoch aus dem Stand zum Sensationserfolg – bis Ende 1929 erreicht er eine Gesamtauflage von 200.000 Stück und wird in über 20 Sprachen übersetzt. Ein Bestseller, ähnlich wie „Im Westen nichts Neues“, der offenbar den Nerv ganzer Massen trifft.

Der Glaube an Gott und Kaiser

Erzählt wird die Geschichte eines Jungen, der in behüteten Verhältnissen in der Wilhelminischen Zeit aufwächst. Christian Klein, Akademischer Rat im Fach Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Bergischen Universität Wuppertal, der nun für den Wallstein Verlag die Neuherausgabe des Buches besorgt hat, vermutet in seinem kenntnisreichen Nachwort wohl nicht von ungefähr, dass „Glaeser in ähnlichen Verhältnissen wie der Protagonist in seinem Roman Jahrgang 1902 aufwächst: Bürgerlich-konservativer Wohlstand und der Glaube an die Autorität von Kaiser und Vaterland dürften den jungen Glaeser zuhause umgeben haben.“ Und Glaeser selbst schreibt über sein Buch:

„Meine Beobachtungen sind lückenhaft. Es wäre mir leicht gewesen, einen ‚Roman‘ zu schreiben. Ich habe mit diesem Buch nicht die Absicht zu ‚dichten‘. Ich will die Wahrheit, selbst wenn sie fragmentarisch ist wie dieser Bericht.“

Scheinbar also in der hessischen Provinz nichts Neues, die konservativ-autoritäre Vaterfigur, die Mutter, weltflüchtend in die Lektüre von Hugo von Hofmannsthal. Doch die bürgerliche Ordnung birgt ihr dunklen Seiten und zeigt Risse: Das Buch beginnt mit der Schikane eines jüdischen Schulkameraden durch einen schmissigen Lehrer, aufgezeigt werden ebenso die Nöte und die Armut der Arbeiterfamilien, der Weltekel eines weltoffenen Adeligen, der am Provinzialismus und Militarismus seiner Klasse erstickt, die Obrigkeitshörigkeit und Dumpfheit der Konservativen ebenso wie die Verfolgung von Menschen, die sich für die Rechte der Arbeiter einsetzen. Glaeser streift die Grundzüge der Gesellschaftsordnung: Antisemitismus, Sozialismus und die Furcht davor, die konservativ-kaisertreue Klasse, die – bereits am Ende – ihr Heil auch im Krieg sieht und sucht. Dazwischen die Jugendlichen, die in dieser Welt ihre Orientierung suchen. Der Protagonist ist das beste Beispiel für einen sensiblen Jungen auf der Suche nach einem Vorbild, einem Halt. Berührungspunkte gibt es zu den verschiedensten Welten – zu Leo, dem jüdischen Freund, der bald verstirbt, zu Ferd, dem Adelsspross, zu August, dem Arbeitersohn. Gaston, ein Franzose, den er bei einem Kuraufenthalt in der Schweiz kennenlernt, äußert schließlich den entscheidenden Satz, der dem Buch auch als Zitat vorangestellt ist:La guerre, ce sont nos parents.

„Jene schon zu Friedenszeiten innerlich längst in Auflösung begriffenen, nach außen aber umso lauter propagierten Werte und Ideale, auf die man gerade im Ernstfall hätte bauen können sollen, verloren angesichts der Herausforderungen des Krieges gänzlich ihre Tragfähigkeit. Die Welt der Eltern erschien als Welt der leeren Versprechungen und verlogenen Phrasen“, schreibt Christian Klein in seinem Nachwort.

Vielmehr jedoch wird die Welt der Eltern zur Welt der Verheerungen:

„Es war Abend, als ich nach Hause kam. Ich war sehr erregt und konnte nichts essen. Mutter war auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung für „unsere Feldgrauen im Osten“, ich saß allein und wußte nicht, wie ich meine Mathematikaufgaben für den nächsten Tag fertigbringen sollte. Die Begegnung mit dem toten Soldaten hatte mir jede Sicherheit geraubt. Ich sah sein Gesicht, den verkrampften Mund und mußte plötzlich an Pfeiffer denken. Ich beschloß, zu ihm zu gehen und ihm die Geschichte mit den Pferden und dem Sergeanten zu erzählen. Dauernd hörte ich die Stimme des Urlaubers: „Der sieht aus, als sei er in der vordersten Linie gefallen…“ Sahen die alle so aus, die dort fielen? Sah so der Heldentod aus? Ich hatte ich ihn mir bisher als etwas Schönes vorgestellt.“

Der Wallstein Verlag zitiert auf seiner Homepage Erich Maria Remarque zu „Jahrgang 1902“:
„Die Schärfe des Blicks in diesem Buch ist außerordentlich, aber noch überraschender ist, daß eine so hart und klar gesehene Arbeit dennoch Wärme und Zartheit hat, daß sie wunderbar lebendig ist, und daß nie, trotz aller Unerbittlichkeit, das Knochengerüst der Gedanken sich durchscheuert. Die Fülle ist hier nicht eine Angelegenheit der Phantasie, sondern des Auges. Das Buch Glaesers ist nicht nur literarisch wertvoll, sondern bedeutend mehr: es ist zeitgeschichtlich wichtig.“

Zeitdokument einer verlorenen Jugend

So ist dieses Buch auch heute noch zu lesen: Als Zeitdokument, als Dokument einer verlorenen Jugend. Und – wer die historischen Umstände zu abstrahieren vermag – kann in dieser Adoleszenz-Geschichte durchaus auch Fingerzeige für die Gegenwart entnehmen, herauslesen, wie aus jugendlicher Zerrissen- und Verlorenheit Mitläufertum oder gar Radikalismus entstehen können. Denn Ernst, obwohl voller Empathie für die Schwächeren, kann sich auch der Anziehung der braungefärbten Dumpfen nicht entziehen, der Protagonist bleibt ein Fähnchen im Wind. Unsentimental – so durchaus auch ein zeitgeschichtliches Prädikat, das dem Roman zugeordnet wurde – ist das Buch nicht. Dazu sind Autor und Protagonist zu sehr auch in der eigenen Welt gefangen, durchaus auch selbstbemitleidend im Ton, durchaus zu indifferent in der Haltung – kritiklos kann der Roman auch heute nicht gelesen werden.

Letztendlich ist dieses Schwanken auch ein Hinweis auf die spätere, wechselvolle Biographie des Autoren:

„Sich selbst und seine Generation, die im Jahr 1902 Geborenen, hatte er als orientierungslose, verlorene Zwischengeneration beschrieben, ohne Halt und Haltung, zu Kriegsbeginn zwölf Jahre alt, am Ende sechzehn“, so Volker Weidermann in „Das Buch der verbrannten Bücher“. „Das Meisterliche an Glaesers Buch ist diese radikale Position, das jämmerliche Leiden und Selbstbemitleiden eines Einzelnen glaubhaft als Generationenphänomen darzustellen. (…) Als Buch war das groß. Im Leben war es lächerlich und armselig, in der einmal konstatierten Falle der Standort- und Überzeugungslosigkeit zu verharren.“

Sowohl bei Weidermann als auch im Nachwort von Christian Klein zu „Jahrgang 1902“ wird dieses Verharren respektive Schwanken Glaesers gut umrissen – vom etablierten Literaten über den revolutionären kommunistischen Schriftsteller, dessen Bücher verbrannt werden, zum wurzellosen Emigranten bis hin zum Rückkehrer, der sich den Nationalsozialisten anbiedert und schließlich Schriftleiter einer Frontzeitung der Luftwaffe wird. Eine ausführliche Biographie, geschrieben von Carsten Tergast, ist online hier zu finden: Ernst Glaeser.

Vor allem Ernst Glaeser gelten die Worte von Erika und Klaus Mann in ihrem Buch über die deutsche Kultur im Exil, „Escape to life“:
„Denn die Emigration ist kein Club, dessen Mitglied zu sein am Ende nicht viel bedeutet. Sie ist Verpflichtung und Schicksal; sie ist eine Aufgabe, und keine leichte. Diese Emigranten sind seltsame Leute. Sie wollen keinen in ihrer Mitte haben, der, kokett und verschlagen, sentimental und geschäftstüchtig, auch „nach der anderen Seite“ blinzelt. Einen solchen stoßen sie aus ihrer Mitte. Wohl ihm, wenn er nun noch einen Platz findet, wo er sein Haupt betten kann, das wir nicht einmal mehr mit den Spitzen unserer Finger berühren möchten.“

Glaeser bettete sich erneut ein im Nationalsozialismus. Doch ob er gut geruht hat, ist eine andere Frage.

Zur Seite des Wallstein Verlags zum Roman: http://www.wallstein-verlag.de/9783835313361-ernst-glaeser-jahrgang-1902.html
Eine weitere Besprechung gibt es bei den Literaturen: http://literatourismus.net/2014/01/ernst-glaeser-jahrgang-1902/
In der Zeit wurden die Romane Ernst Glaesers und Georg Finks zusammen rezensiert: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2014-02/jugend-erster-weltkrieg

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#MeinKlassiker (35): Herbert liest … Lady Chatterley – Erosion, Emotion und Erotik

Für mich war dies einer der ersten Blogs, denen ich „begegnet“ bin: Herbert zählt für mich zu den „Urgesteinen“ in der Blogosphäre. Er betreibt das Schreiben über Literatur mit wahrer Leidenschaft: Seine Leseinteressen sind vielfältig, seine Besprechungen mannigfaltig. Der Blog aus.gelesen ist eine wirkliche Fundgrube für alle wilden Leser: Da findet man Rezensionen zu Klassikern, zu Neuerscheinungen auch abseits des Mainstreams, aber auch zu Sachbüchern und Büchern, die sich sonst niemand vorzustellen traut. Und auch für #MeinKlassiker stellt er ein außergewöhnliches Buch vor – zu seiner Zeit ein Skandal, heute gehört es zu den Jahrhundertwerken der Literatur.

Vor einigen Wochen las ich eine recht positive Rezension über den Roman Lady Chatterley von D.H. Lawrence, die mich daran erinnerte, daß ich noch diese ‚Langversion‘, die zweite Bearbeitung des Stoffes durch Lawrence, im Regal stehen hatte [Anmerkung: die grünen Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Roman, die rot markierten Passagen habe ich der Lady Chatterely-Ausgabe der Deutschen Buch-Gemeinschaft von 1967 entnommen]. Zudem passte dieser Roman in gewisser Weise zu meiner gerade beendeten Lektüre von Pat Barkers Trilogie über den 1. Weltkrieg [3], hängt die Geschichte, die uns Lawrence erzählt, doch ursächlich mit diesem Krieg zusammen.


1917 nämlich heirateten der 29jährige Clifford Chatterley und die 23jährige Constance Reid. Die beiden verlebten vier (Flitter)wochen zusammen, bevor Clifford wieder in den Krieg nach Flandern ziehen musste. Von dort kam er in Einzelteilen, die sich erstaunlicherweise noch einmal flicken ließen, zurück. Der Unterkörper Cliffords jedoch blieb gelähmt, die von beiden nicht sonderlich hoch geschätzten leiblichen Freuden der Ehe waren damit perdu, Constance war von der Ehefrau zur Pflegerin eines Kriegsversehrten geworden. Das gemeinsame Eheleben erschöpfte sich fortan in Lesen, Vorlesen und in Diskussionen.

Sie wurden in der ersten Zeit erstaunlich gut mit dieser Situation fertig. Clifford wohnte ein großer Lebenswille inne, für Constance war es nicht in Frage gestellte Pflicht. Doch im Lauf der Monate und Jahre trat schleichende Verbitterung ein, die Kontakte nach außen wurden selten(er), vor allem jedoch Constance funktionierte mehr und mehr wie ein Automat. Ihr Vater, der zu Besuch kommt, sieht seiner Tochter das Unglück an, rät ihr dringend, unter Menschen zu gehen, ihr Leben zu leben. Aber erst als der Zustand der jungen Frau so ernst wird, daß ihre Schwester sie zum Arzt bringt und der ihr sehr eindringlich ins Gewissen redet, gibt sie nach. In Mrs. Bolton findet sie eine verwitwete Frau, die Erfahrung in der Betreuung von Kranken hat und die die Pflege von Clifford Chatterley übernimmt.

Clifford Chatterley seinerseits hat sich die Vorwürfe seines Schwiegervaters – trotz der auf Gegenseitigkeit beruhenden Abneigung der beiden Männer – zu Herzen genommen, in einer Schlüsselszene des Romans reden die beiden Eheleute miteinander über dieses Thema. Ist zuerst der Mann in der Offensive, indem er seine Frau Constance ermuntert und auffordert, unter Leute zugehen und sich zu öffnen, dreht Constance, die anfänglich unangenehm von dem Gespräch berührt ist, den Spieß um und drängt ihren Mann in die Defensive. Denn dieser hat die Konsequenzen seines Vorschlags offenkundig nicht zu Ende gedacht: Was, wenn sie einen Mann kennenlernt, was, wenn sie mit diesem Mann schläft – oder gar ein Kind bekommt?

Letztlich gesteht Clifford ihr das Recht auf diese sexuelle Freiheit zu. Auch ein eventuelles Kind wäre für ihn kein Problem, denn letztlich ist für ihn nicht entscheidend, wer das Kind gezeugt hat, sondern, wer es erzieht. Trotzdem stellt er seiner Frau die Bedingung, daß der Liebhaber, dem sie sich hingibt, gleichrangig sein sollte.

Gleichrangig, denn Clifford vertritt eine sehr klassenbewusste Einstellung: es gibt die, die oben sind, die denken, handeln, Verantwortung tragen und so den Lauf der Welt bestimmen und es gibt die unten, die kaum Menschen zu nennen sind, weil sie Massen sind, die geführt werden müssen und zu arbeiten haben.

Was Constance angeht, ist es mit dieser einschränkenden Bedingung schon zu spät – was Clifford natürlich nicht ahnt. Was ihm nur auffällt ist, daß seine Frau von manchem ihrer Waldspaziergänge mit vollerblühter Schönheit, mit einem inneren Strahlen wieder zurück nach Wragby kommt. Denn im Wald lauern auf Constance nicht die Räuber, sondern es wartet in seiner Hütte der Wildhüter, Oliver Parkin, auf sie. Ihrer Ladyship kam der Wildhüter in der täglichen Begegnung anfänglich zwar eher grob vor, doch eines Tages hatte sie ihn bei einem ihrer Spaziergänge an seiner Hütte überrascht, als er sich wusch. Der heimliche Anblick dieses weißen, seiner Kleidung entledigten männlichen Oberkörpers rührte in seiner Vollkommenheit tief in ihr ein Begehren auf, das sie so noch nicht gekannt und das sie bei ihrem Mann nie erlebt hatte.

However, die beiden überspringen eines Tages die Schranke der gesellschaftlichen Trennung und aus diesen ersten, verstohlenen Begegnungen, die Constances Körper förmlich erwecken und sie selbst in eine anderen – man kann es nicht anders sagen – Bewusstseinszustand einführen, entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die sich im wesentlichen auf die körperlichen Aspekte gründet.

Es setzt nun in ‚Connie‘ ein langsamer Erosionsprozess ein. Ist ihr Mann Clifford ein strikter Vertreter der englischen Klassengesellschaft und ihr Liebhaber Oliver ein Angehöriger der Arbeiterklasse, so steht sie jetzt zwischen ihnen. Dieses ‚Dazwischen‘ bezieht sich sowohl auf das Körperliche, aber auch auf das Gesellschaftliche, denn im Gegensatz zu ihrem Mann sieht sie die Angehörigen der Arbeiterklasse nicht per definitionem als minderwertig an, sondern billigt ihnen all das zu, was Clifford ihnen an Werten abspricht.

Wird die Bindung zwischen Constance und ihrem Liebhaber trotz gelegentlicher kurzer Eintrübungen immer enger (und im gleichen Maß die zu ihrem Mann immer brüchiger), so entwickelt sich auf der anderen Seite nach anfänglicher Abneigung Cliffords gegen seine Pflegerin Mrs. Bolton auch hier eine besondere Beziehung mit ihrer eigenen, subtilen Intimität, eine Beziehung, die jedoch nie die Klassenschranke überschreitet.

Im Sommer fährt Constance wie im Winter verabredet mit ihrer älteren Schwester Hilda und dem Vater nach Frankreich, in die Sommerfrische. Anfänglich genießt Constance diese Fahrt, aber bald erträgt sie die gesellschaftliche Atmosphäre in der Villa, in der sie unterkommen, nicht mehr. Dazu kommt, daß sie von zuhause beunruhigende Nachrichten erhält: des Wildhüters wildes Weib, von dem er schon lange getrennt lebt, aber (noch) nicht geschieden ist, ist von ihrem Liebhaber vor die Tür gesetzt worden und wieder bei Parkin aufgetaucht. Im Naturzustand soll sie in seinem Bett gelegen und ihn zur Begattung aufgefordert, ja, gedrängt haben. Parkin sei, so bekommt sie in Briefen berichtet, da er dieses Weib nicht loswerden konnte, zurück zu seiner Mutter gegangen, doch jetzt verbreite Bertha Coutts unsägliche und unsagbare Einzelheiten über Intimitäten aus der Zeit der Ehe in den Dörfern, die das Ansehen Parkins schwer beschädigen würden…. Constance war ob der Nachrichten not amused, es war ein harter Kampf für sie, sich über ihre Eifersucht auf Bertha Coutts zu erheben und ihren Hass gegen ihn, weil er mit Bertha Coutts in Verbindung gewesen war, zu überwinden. Es drängte sie nach Hause.

In den wenigen Wochen der Sommerfrische hat sich vieles geändert, grundlegend geändert. Constance ist trotz der Einwürfe ihrer Schwester, solche Männer seien allenfalls für einen temporären Lustgewinn akzeptabel, entschlossen, ihren Mann zu verlassen und Parkin zu heiraten. Clifford seinerseits überrascht sie mit der Tatsache, daß er unter dem Einfluss und der Ermunterung von Mrs. Bolton gelernt hat, sich auf Krücken fortzubewegen. Parkin dagegen hat mittlerweile seine Stellung als Wildhüter bei Clifford gekündigt und will in Sheffield im Stahlwerk arbeiten.

Constance besucht ihn dort, er lebt bei einer ihm bekannten Familie. Es ist der erste ‚wirkliche‘ Kontakt, den sie mit einer Arbeiterfamilie hat, er ist ernüchternd. Vor allem aber ist sie schockiert darüber, daß Parkin all die Ausstrahlung, die er im Wald, in Wragby auf sie ausübte, unter diesen Verhältnissen verloren hat. Sie kann ihm jedoch jetzt das Versprechen abnehmen, mit dieser schweren Arbeit, für die er einfach nicht geeignet ist, aufzuhören und eine kleine Farm zu bewirtschaften, die Constance von ihrem Geld kaufen will. Mit dieser Überwindung seines Stolzes (ein Mann lässt sich schließlich von einer Frau nichts schenken oder kaufen) gewinnt Parkin wieder ein wenig von seinem alten Wesen zurück.. und wie ein ganz normales Liebespaar aus der Arbeiterschicht verabreden die beiden sich und gehen in ein Waldstück, um sich hinter Büschen versteckt zu lieben… wobei sie jedoch vom örtlichen Wildhüter ertappt werden….


John Thomas und Lady Jane bzw. in der ‚endgültigen‘ Version ‚Lady Chatterleys Lover (bzw. kürzer einfach nur Lady Chatterley) ist einer der großen Ehebruchsromane des letzten Jahrhunderts. In seinem Nachwort zu der von mir gelesenen Ausgabe gibt Roland Gart (seinerzeit Cheflektor des Heinemann-Verlags, London, in dem die erste englische Ausgabe erschien) eine kurze Darstellung der Veröffentlichungsgeschichte dieses Romans, von dem Lawrence insgesamt drei Versionen verfasst hat. Die vorliegende ist die umfangreichste, die 1954 das erste Mal in Italien publiziert worden ist. Die erste englischsprachigen Ausgaben erfolgten erst 1972 in London und New York.

Das Buch – und damit ist jetzt im wesentlichen Lady Chatterley gemeint – war zu seiner Zeit ein Skandal. Die Darstellung einer echten Liebesbeziehung zwischen einem einfachen Mann aus der Arbeiterklasse mit einer jungen, verheirateten Frau der Oberklasse war an sich schon skandalös, sie ging weit über ein möglicherweise still duldbares Verhältnis dieser Art, das sich auf Sex beschränkte, hinaus. Daß der Autor diesen Sex für seine Zeit deutlich schildert, daß (in der deutschen Übersetzung) der Begriff ‚ficken‘ (im englischen Original unprintable (four-letter) words) häufig auftaucht, daß die Befriedigung der durchaus aktiv auf Sex drängenden Frau durch den Mann eine so große Rolle spielt, weil diese nicht nur zum Höhepunkt kommt, sondern sich auch das Bewusstsein und die Wahrnehmung ihres Selbst durch dieses sexuelle Erlebnis wandelt, hat noch bis in die 60er Jahre hinein zu Problemen bei der Publikation des Romans geführt.

Trotzdem wäre (und ist) die Einordnung von Lady Chatterley als (nur) erotischem Roman irreführend. Die Erotik und der Sex sind für Lawrence Mittel zum Zweck. Welch anderen Weg hätte er gehabt, eine Verbindung zwischen zwei Angehörigen der Unter- bzw. Oberschicht zu schaffen als über diese ‚unkontrollierte‘, über ein heimlich duldbares erotisches Verhältnis hinaus wachsende Liebesbeziehung. Denn in Wirklichkeit ist Lady Chatterley als Gesellschaftsroman zu lesen.

England hat im Ersten Weltkrieg enorme Verluste erlitten, über 700.000 Soldaten fielen auf dem Kontinent, in England selbst waren die Opferzahlen geringer, aber auf der Insel herrschte Not und Elend. Dies konnte nicht ohne Rückwirkungen auf die Gesellschaftsstruktur bleiben – und blieb es nicht [3]. Die Oberschicht sah sich durch aufmüpfige Arbeiter, die beispielsweise bolschewistisches Gedankengut verinnerlicht hatten, bedrängt und bedroht. Mein Gott, wenn wir hier in England eine Revolution bekommen, wie gern würde ich mit Maschinengewehren gegen den Mob vorgehen … Diese verdammten Sozialisten und Bolschewisten.. muss sich Constance Weihnachten von ihren Gästen anhören. Auch ihr Mann Clifford ist Mustervertreter einer Einstellung, daß die von altersher gegebene Teilung der Gesellschaft in ‚unten‘ und ‚oben‘ einer natürlichen Ordnung entspricht, Lawrence macht seine Einstellung stellvertretend für seine gesellschaftliche Schicht in vielen Diskussionen, die Clifford und Constance führen, deutlich. In anderer, i.e. erotischer Hinsicht ist Hilda, die Schwester Constances, Vertreterin dieser überkommenen Einstellung, sie will der Schwester deutlich machen, daß Männern der unteren Klasse allenfalls fürs Bett in Frage kommen, aber man ansonsten nichts mit ihnen zu tun haben sollte. Ein Gedanke wie ‚Heirat‘ sei geradezu abwegig.

Lawrence macht damit Constance, die selbst der Oberschicht angehört, zur Verteidigerin der ‚Interessen‘ der unter Klasse. Der Wildhüter, Oliver Parkin, wäre schwerlich selbst in der Lage gewesen, mit Clifford Chatterley zu diskutieren. In der endgültigen Version der Lady Chatterley ist Lawrence von dieser konsequenten Trennung der Klassen dann aber abgewichen: die Rolle des Wildhüters Parkin nimmt dort der Mellors ein, der fast ein Gentleman sein könnte…, der Offizier war, Sprachen beherrschte…

Es gibt einige sehr symbolträchtige Szenen im Buch. Schon die ganze Konstellation der Figuren ist ein Bild: Der Angehörige der Oberklasse, Clifford Chatterley, ist gelähmt, so daß er sich ohne fremde Hilfe nicht fortbewegen kann. Das Sexuelle sprich: Vitale galt ihm schon vor seiner Verwundung nicht viel, so daß ihm danach nur noch das Denken, Reden und Planen blieb. In einer Szene beschreibt Lawrence, wie auf einem Waldspaziergang, bei dem Clifford Constance begleitet, der Motor des Rollstuhls seinen Dienst versagt. Mit kaum zu bändigender Wut muss Clifford erdulden, daß ein Vertreter der Arbeiterklasse, nämlich der Wildhüter, ihn nach Hause schiebt. Ein schönes Bild dafür, daß die Oberklasse ohne die Arbeiter aufgeschmissen wäre….

[Clifford] war noch ohne Liebeserfahrung, als er heiratete, und das Sexuelle galt ihm nicht viel. … Und Connie schwelgte in dieser Intimität jenseits alles Geschlechtlichen, …. beschreibt es Lawrence in der endgültigen Version der Lady Chatterley. Parkin dagegen, obwohl aus schlechter Erfahrung heraus was Frauen angeht, sehr zurückgezogen, gelingt es sehr schnell, Connies dazu zu bringen, unbewusst spitze, helle Schreie auszustoßen. Ein Naturtalent.

Überhaupt – und dies las sich für mich jetzt unfreiwillig komisch – konstruiert Lawrence um das Zeugungsorgan des Wildhüters einen förmlichen Kult. Spürt Constance schon beim Anblick des bloßen Oberkörpers, daß es eine Welt gab, die rein und machtvoll leuchtete, daß sie einen Körper sah, der das Dunkel durchdrang wie eine Offenbarung, so deutlich wurde ihr, daß es Gott auf Erden gab; oder Götter. Im Verlauf ihrer Affäre sollte sie realisieren, was ein Phallus wirklich war: Es war ein primitiver, grotesker Gott – aber lebendig und unaussprechlich lebensvoll, … die Auferstehung des Fleisches. .. bei einem wirklichen Mann (wie dem Wildhüter) hat der Penis ein eigenes Leben und ist der zweite Mann im Mann. …. der Phallus im alten Sinne hat Wurzeln, die tiefsten aller Wurzeln in der Seele, … und durch die phallischen Wurzeln gelangt die Inspiration in die Seele. Oder kurz gesagt: Er hat etwas Sternengleiches an sich … wie ein kleiner Gott. … und so konnte es für Parkin nicht einfach ’nur ficken‘ geben, da bei ihm ‚ficken‘ immer bis zu den phallischen Wurzeln der Seele reichte. … Männer wie Clifford dagegen haben einen garstigen Penis, mit dem sie schmutzige Spiele treiben wie kleine Jungs. … Diese Passagen wirken auf uns heutige Leser etwas … nun ja.. lächerlich, sie müssten allerdings, um sie wirklich einordnen zu können, im zeitgeschichtlichen Kontext gesehen werden, der möglicherweise im Kreise der englischen Intellektuellen Strömungen mit solchen Einstellungen aufweist. Das habe ich zugegebenermaßen nicht gemacht…. Zu berücksichtigen ist jedenfalls, daß Lawrence zur Bloomsbury-Group um Virginia Woolf und deren Schwester Vanessa Bell gezählt wird, der ’sich aus den moralischen Fesseln ihrer Erziehung zu befreien‘ trachtete [2].

Und ebenso Constance selbst war in den phallischen Kreis des Fleisches eingeschlossen, so sehr, daß sie den Wildhüter meist ohne Unterwäsche unter dem Kleid zu tragen, besuchte… Mit dieser letzten Bemerkung werde ich jetzt den erotischen Aspekt des Romans weitestgehend ad acta legen.

Aber selbst Parkin mit seinem ’sternengleichen‘ Körper und dem kleinen Gott zwischen den Beinen ist zwar Angehöriger der Unterschicht, aber kein wirklicher Arbeiter: als er gegen Ende des Romans Wragby verlässt und in Sheffield in einer Stahlfabrik arbeitet, verliert er allen Glanz und geht fast unter.

Kommen wir noch kurz auf Constance zu sprechen. Auch ihr Körper steht für etwas, ist Symbol für die dem Untergang geweihte Dekadenz der Oberschicht: Ihr Körper wurde nichtssagend, wurde schwer und trüb – so viel nutzlose Substanz! … Das geistige Leben! Eine jähe Welle wütenden Hasses überspülte sie – dieser Schwindel! Diese sehr negative Selbstwahrnehmung Connies ließe sich jetzt noch einige Absätze lang zitieren. Erst die Bekanntschaft und Erweckung durch den Wildhüter ließ sie wieder erblühen…


Die große Krise für die beiden Liebenden kommt, als Connie im Urlaub ist. Der vierzig(sic!)jährige Parkin wird vom Teufel versucht, dem Teufel in Gestalt seiner Frau. Von der lebte er zwar schon seit Jahren getrennt, aber jetzt taucht sie wieder auf und will ihn um jeden Preis verführen. Und was könnte normalerweise verführerischer sein als der bloße Frauenkörper, mit dem sie sich ihm anbietet? Doch Parkin widersteht der Versuchung, zwar gelingt es ihm nicht, den Teufel/seine Frau zu vertreiben, aber er selbst flieht ihn/sie. Die Nachricht von diesen Vorkommnissen, die Connie in ihrem Urlaub erhält, stürzt sie in tiefer Verzweiflung, hilft aber auch, in sich Klarheit zu schaffen über das, was sie wirklich will.

Denn das ist die große Unsicherheit, die beiden innewohnt: für ihn ist die Frage, ob sie tatsächlich die Klassenschranke überspringen wird und alles für ihn aufgibt, denn die gesellschaftliche Ächtung ihrer ehemaligen Klasse dürfte ihr sicher sein. Und für sie ist die große Frage natürlich, was kommt, wenn sie alles hinter sich lassen wird. Denn auch Parkin muss noch an sich arbeiten, seinen Stolz überwinden und akzeptieren, daß es in dieser Beziehung nicht so sein wird, daß der Mann seine Frau versorgt. Apropos: eine Heirat – auch dies dürfte damals ein Skandalon gewesen sein – planen die beiden nicht, im Gegenteil sieht Connie die Ehe als Tod einer Beziehung, weil man sich im Lauf der Jahre gegenseitig nur noch auf die Nerven geht.

John Thomas & Lady Jane und Lady Chatterley sind Romane, die sich doch durch mehr als Kürzungen oder Ergänzungen unterscheiden. Die Figur des Wildhüters ist anders angelegt, Parkin ist urtümlicher, während Mellors (wie er in Lady Chatterley heißt) mit viel gutem Willen fast akzeptabel sein könnte, auch der Schluss ist anders. In Lady Chatterley bittet Connie ihren Mann, sie freizugeben, den Abschluß bildet ein langer Brief Mellors an seine Geliebte, in dem unter anderen dieser bemerkenswerte Satz steht: So liebe ich denn jetzt die Keuschheit, weil sie der Friede ist, der dem Ficken entspringt. In John Thomas & Lady Jane dagegen bildet die schon erwähnte deprimierende Szene, in der die beiden Liebenden im Park vom Wildhüter aufgescheucht werden, nachdem sie die alte, schäbige Kirche, in der Byrons Herz bestattet worden war, besucht hatten, das Ende des Buches mit einem abschließenden Blick vom Hügel auf die tote Landschaft, unter der die Kohle und das Eisen liegen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Als Erotikon ist Lady Chatterley heutzutage kaum noch auf- oder erregend, die Passagen um den im Urgrund wurzelnden Phallus wirklicher Männer wirken im Gegenteil eher skurril. Lesenswert dagegen ist das Buch immer noch wegen der Beschreibung der Verhältnisse im England nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Folgen die althergebrachte Gesellschaftsstruktur aufzubrechen droht. Sozialismus, Bolschewismus, die rapide Fortschreitende Industrialisierung – all das sind Herausforderungen, der die Klassengesellschaft in England in ihrem überkommenen Strukturen kaum erfolgreich entgegentreten konnte. Möglicherweise liegen hier sogar (zwar keine phallischen, aber immerhin) gesellschaftliche Wurzeln für die momentanen politischen Wirren der Insel, sprich, die Einstellung zur EU. Für die Schwierigkeiten, diese Klassenschranken zu durchbrechen, stehen Constance und Parkin, ihr (gemeinsames) Schicksal läßt Lawrence jedoch offen.

Ob sich Lady Chatterley bzw. John Thomas & Lady Jane (mit dieser Selbstbezeichnung übrigens beendet Mellors in Lady Chatterley seinen abschließenden Brief an seine Geliebte), die ja durchaus ihren Umfang – und damit ihre Längen – haben, heute noch zu lesen lohnt? Das ist die Frage, die ich hier auch nicht beantworten kann…. 😉

Abschließen möchte ich jedoch noch einen der ’schönen‘ Sätze, die Lawrence verfasst hat und die schätzungsweise damals die Gemüter angeheizt haben, zitieren:

Wir haben eine Flamme ins Sein gefickt.
Sogar die Blumen sind ins Sein gefickt
von der Sonne und der Erde.

Nun denn….

Links und Anmerkungen:

[1] zu D.H. Lawrence und seinem Werk: Michael Schmitt:
Der zwiespältige Prophet; in: https://www.nzz.ch/der-zwiespaeltige-prophet-1.653784
[2] vgl. im Wikibeitrag zur V. Woolf: https://de.wikipedia.org/wiki/Virginia_Woolf#Bloomsbury_Group
[3] vgl die Trilogie von Pat Barker, die sich mit diesem Thema auseinandersetzt: https://radiergummi.wordpress.com/tag/pat-barker/

D.H. Lawrence
John Thomas & Lady Jane
Übersetzt aus dem Englischen von Susanna Rademacher
mit einem Nachwort von Roland Gart
Italienische Erstausgabe: Mailand, 1954
Englische Erstausgabe: London, 1972
Amerikanische Erstausgabe: NY. 1972
diese Ausgabe: diogenes, TB, ca. 500 S., 1978

D.H. Lawrence
Lady Chatterley
diverse, teils ‚bereinigte‘ Ausgaben von ‚Lady Chatterley`s Lover‘ erschienen ab 1932 in verschiedenen Verlagen
Der/Die Übersetzer/in dieser Ausgabe ist nicht angegeben
Deutsche Buch-Gemeinschaft, HC, ca. 380 S., 1967

Herbert Schmidt
https://radiergummi.wordpress.com/

#VerschämteLektüren (4): Susanne Haun und die Schwarte

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Bild von Greg Montani auf Pixabay

Endlich, endlich, endlich – ein Bekenntnis zur Historienschinkenromanschwarte.
Mal im Ernst und Butter bei die Buchfische: Frage ich beispielsweise in meinem Bekanntenkreis, dann will keiner was gewußt haben. Ken Follett? Nie gehört. Der Medicus? Ja, igitt. Sinuhe, der Ägypter? Was ist denn das? Diana Gabaldon? Bleib mir weg damit!
ABER IRGENDJEMAND MUSS DIE DINGER DOCH GELESEN HABEN.
Denn: Historische Romane sind wahre Bestseller.
Ich vermute mal: Viele tun es, aber tun so, als ob nicht. Ich hab` auch noch nie nicht mit Begeisterung einen Dan Brown verschlungen, niemals nicht…

Wie man dieses Genre nicht nur kaufen, sondern auch nutzen kann, zeigt uns eine Künstlerin. Jeden Tag bezaubert mich Susanne Haun mit ihren wunderbaren Bildern, immer angereichert durch eigene Gedanken zum Entstehungsprozess, zur Kunst und zur Philosophie. Oftmals kombiniert mit ausgewählten Zitaten großer Denker. Da ist es doch irgendwie sehr beruhigend, dass Susanne zur Entspannung auch mal zu ganz anderer Lektüre greift und Platon, Freud & Co. dafür links liegen lässt.
Susanne also zu ihrem „schlechtesten Lieblingsbuch“, bei dem sie wirklich Stehvermögen (oder besser gesagt Hörvermögen) zeigt:

„Die Jahrhundert-Saga von Ken Follett. Ich habe sie ausgesprochen gerne (ungekürzt) gehört. Jeder der drei Teile ist so ungefähr um die 35 Stunden lang. Sie beginnt mit dem 1. Teil, den Sturz der Titanen im Jahr 1914 und berichtet von verschiedenen Familien in Deutschland, Russland, England und Amerika. Follet webt geschichtliche Handlung in Familiendramen ein.
Im 2. Teil, dem Winter der Welt, berichtet er weiter von den Familien und ihrer Auseinandersetzung mit dem 2. Weltkrieg. Vom Kalten Krieg, dem Freiheitskampf der Schwarzen, dem geteilten Deutschland erzählt er in seinem letzten Teil, den Kindern der Freiheit.

Mir ist völlig klar, dass sich jegliche geschichtliche Wahrheit den Familiengeschichten unterordnet. Und doch ist es für mich entspannend, diese Bücher zu hören.“

Was die FAZ übrigens zur Jahrhundert-Saga meint, steht hier: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/ken-follett-sturz-der-titanen-die-renaissance-des-schuetzengrabens-11087109.html

Hier geht es zum Blog von Susanne Haun: http://susannehaun.com/

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues

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Ein Soldatenfriedhof in Flandern. Bild von herb1979 auf Pixabay

„Genau wie wir zu Tieren werden, wenn wir nach vorn gehen, weil es das einzige ist, was uns durchbringt, so werden wir zu oberflächlichen Witzbolden und Schlafmützen, wenn wir in Ruhe sind. Wir können gar nicht anders, es ist förmlich ein Zwang. Wir wollen leben um jeden Preis; da können wir uns nicht mit Gefühlen belasten, die für den Frieden dekorativ sein mögen, hier aber falsch sind.“

Erich Maria Remarque, „Im Westen nichts Neues“.

2014 lag der Beginn des 1. Weltkrieges, der vielfach auch als „Urkatastrophe“ bezeichnet wird, genau 100 Jahre zurück. Anlass genung, um auf ein Buch zurückzugreifen, das als das „Anti-Kriegsbuch“ der deutschen Literatur bezeichnet wird. Über 20 Millionen Mal seit seinem Erscheinen 1929 verkauft, in über 50 Sprachen übersetzt: Ein Weltbestseller.

Ein Buch und seine Geschichte:

Erich Paul Remark, so der eigentliche Name des Schriftstellers, wird 1898 in Osnabrück geboren. Der musisch begabte junge Mann träumt eigentlich davon, Komponist zu werden. Dem voran steht jedoch die Schullaufbahn – überall Klassenbester scheint die Aufnahme in das Lehrerseminar perfekt zu werden. Aus dieser gewöhnlichen Jugend wird Erich Maria Remarque jedoch wie so viele andere seines Jahrgangs gerissen: Noch als Schüler wird er 1916 eingezogen und kommt nach einer kurzen Ausbildung nach Flandern an die Front. Die traumatischen Kriegserlebnisse verarbeitet er später in seinem Buch.

Remarque überlebt das Inferno, arbeitet nach dem Krieg kurz als Lehrer, entscheidet sich dann aber gegen den ungeliebten Beruf und für eine Laufbahn als Schriftsteller. Die ersten Versuche zeitigen wenig Erfolg – um sich über Wasser zu halten, schlägt er sich als Vertreter für Grabsteine und als Organist durch. 1925 kommt Remarque schließlich nach Berlin, hier genießt er die „Goldenen Zwanziger“, soweit es die Mittel erlauben, in vollen Zügen.

Tagsüber Redakteur bei einer Sportzeitschrift, bleibt ihm die Zeit, um weiter literarisch zu arbeiten. Mit „Im Westen nichts Neues“, das er 1928 fertiggestellt hat, ist auch eine der größten Fehlentscheidungen der deutschen Verlagsgesichte verbunden: Der Fischer Verlag lehnt das Manuskript ab, auch beim Ullstein Verlag, wo es dann erscheint, hat man zunächst Zweifel: Die Menschen, so meinte man, haben genug vom Krieg, die Masse an Kriegsliteratur nach 1918 habe den Markt erschöpft. Eine Dekade später wolle das niemand mehr lesen.

Doch schon die Reaktionen auf ein Vorabdruck in der Vossischen Zeitung zeigen: Das Buch wird ein ungeahnter großer Erfolg werden. Innerhalb weniger Wochen wird es zum  Bestseller, 1930 in Hollywood verfilmt – Carl Laemmle, der Schwabe, der Universal Pictures gründete produziert den Film, der heute ebenfalls im Rang eines Klassikers ist und damals zum Kassenerfolg wurde.

In der Heimat von Erich Maria Remarque beginnen zu dieser Zeit bereits die Folgen der „Urkatastrophe“ ihre Wirkung zu zeigen – die Weimarer Republik, von Beginn an gebeutelt, geht der nächsten, noch größeren Katastrophe entgegen. Bereits bei der Uraufführung des Hollywood-Films in Deutschland kommt es zu Krawallen nationalsozialistischer Störtruppen, angeführt von Goebbels. Gegen den Autoren wird gehetzt. 1932 kehrt Remarque Deutschland den Rücken, zunächst geht er in die Schweiz, dann in die USA, die deutsche Staatsbürgerschaft wird ihm aberkannt. Anders als andere Vertriebene kann der Schriftsteller dort von seinen Honoraren und Einkünften – unter anderem arbeitet er auch an Drehbüchern mit, verfasst weitere Romane, die zwar Verkaufserfolge werden, jedoch nicht mehr an „Im Westen nichts Neues“ heranreichen – komfortabel leben. Er verkehrt mit Hollywood-Größen, hat eine Beziehung zu Marlene Dietrich, heiratet schließlich die Schauspielerin Paulette Godard. In die Schweiz kehrt er immer wieder zurück – dort stirbt er 1970.

Deutschland kehrte er jedoch den Rücken, auch auf die deutsche Staatsbürgerschaft – die ihm zudem auch nicht wieder angeboten wurde – legte er keinen Wert mehr. Denn, da der Verfasser des bekanntesten Antikriegsromans für die Nationalsozialisten nicht mehr fassbar war, so hielten sie sich an seiner in Deutschland verbliebenen Familie schadlos: Seine Schwester Elfriede wurde am 29. Oktober 1943 zum Tode verurteilt, nachdem sie die Damenschneiderin von einer Kundin wegen angeblich kritischer Äußerungen denunziert worden war. Roland Freisler, Präsident des Volksgerichtshofes, äußerte dazu: „Ihr Bruder ist uns ja entkommen, sie nicht.“

Was hebt nun „Im Westen nichts Neues“ heraus aus den Romanen dieser Jahre? Was macht dieses Buch zu einer Besonderheit, das einerseits Millionen von Menschen so wichtig wurde, andererseits den Hass einer Verbrecherclique heraufbeschwor?

„Ich war außerordentlich überrascht über die politische Wirkung. Ich habe etwas Derartiges gar nicht erwartet“, sagte Remarque später in einem Interview, „mein eigentliches Thema war ein rein menschliches Thema, dass man junge Menschen von 18 Jahren, die eigentlich dem Leben gegenübergestellt werden sollten, plötzlich dem Tode gegenüberstellt.“ So wie der junge Paul Bäumer, aus dessen Perspektive die Kriegsteilnahme erzählt wird, fühlten sich Hunderttausende Soldaten um ihr Leben betrogen – und dies betraf nicht nur deutsche Soldaten, was den weltweiten Erfolg des Buches erklärt. Die schlichte Ich-Erzählung zieht mit ihrer simplen, fast schon reduzierten Sprache den Leser in ihren Bann – man meint, die Enge der Schützengräben, den Schmutz, den Lärm, den Geruch fast mitzuerleben. Die beinahe lakonische Schilderung des Frontgeschehens wird durchbrochen durch fast schon poetische Reflektionen, kleine Fluchten, die sich Paul alias Erich Maria gedanklich erlaubt.

Letztendlich sind es Passagen wie diese, die einmal gelesen, nicht zu vergessen sind:

„Wie sinnlos ist alles, was je geschrieben, getan, gedacht wurde, wenn so etwas möglich ist! Es muss alles gelogen und belanglos sein, wenn die Kultur von Jahrtausenden nicht einmal verhindern konnte, dass diese Ströme von Blut vergossen wurden, dass diese Kerker der Qualen von Hunderttausenden existieren.“

Das Tragische daran ist: Als Remarque dies schrieb, konnte noch nicht einmal geahnt werden, wie wenig die Kultur erst recht wenige Jahre später der Gewalt und der Ermordung von Millionen entgegenzusetzen hatte.

Nachtrag:
Eine informative, ausführliche und wohlformulierte Besprechung von „Im Westen nichts Neues“ findet man beim Blog „aus.gelesen“.


Weitere Bücher von Erich Maria Remarque:

„Der Weg zurück“ (1931).

„Ich will es dir mal sagen, – ich habe auch schon darüber nachgedacht – dies da“, er zeigte auf die Wiesen vor uns, „das war Leben, es blühte und wuchs, und wir wuchsen mit. Und das hinter uns -“, er deutet mit dem Kopf zurück in die Ferne, „das war Tod, es starb und zerstörte uns ein bißchen mit.“ Er lächelt wieder. „Wir sind ein wenig reparaturbedürftig, mein Junge.“

Sie waren 16, 17, 18 Jahre alt, als man sie in den Krieg schickte. Kinder noch. Und sie kehren als Soldaten, die zu Mördern werden mussten, im November 1918 in die Heimat zurück. Ein Ankommen war das jedoch nicht: An Leib und Seele versehrt, erfahren sie weder Hilfe noch Unterstützung – vielmehr schlägt ihnen Unverständnis, wenn nicht gar Verachtung entgegen. In seinem zweiten Roman erzählt Erich Maria Remarque von den Frontrückkehrern, die für das „Vaterland“ verheizt wurden, nun aber fremd und überflüssig sind. Nur wenigen gelingt es, wieder Fuß zu fassen, als Dorflehrer einen Lebenssinn zu finden oder aber als Schieber von der Nachkriegsnot zu profitieren. Die meisten jungen Männer aus der Korporalschaft des gefallenen Paul Bäumer scheitern – sie verzweifeln, verschwinden im Nichts, verlieren den Verstand, resignieren oder nehmen sich gar das Leben. Der Ich-Erzähler beobachtet kritisch, wie in „der Heimat“ der selbstgefällige Geist der alten, tonangebenden Machtmenschen und Bürokraten überlebt hat, wie fest die Verantwortlichen nach wie vor im Sattel sitzen, wie Pfadfinderübungen als Kriegsspiele missbraucht werden.

„Für den Heroismus von wenigen ist das Elend von Millionen zu teuer.“
So ist, wie auch „Im Westen nichts Neues“, das 1931 erschienene „Der Weg zurück“ ein deutliches, engagiertes Plädoyer gegen den Krieg. Von Beginn an hatte Remarque „Im Westen nichts Neues“ als mehrteiliges Buch geplant – er wollte nicht nur die Grauen des Krieges festhalten, sondern auch, was mit jenen geschieht, deren Aufgabe jahrelang das Töten war, die von den Gemetzeln in ihren Träumen verfolgt werden, deren Werte zerstört wurden. Literarisch und als Plädoyer gegen den Krieg nicht weniger eindrucksvoll als sein Vorgängerroman wurde auch „Der Weg zurück“ zu einem vielgelesenen Buch. 2014 gab Kiepenheuer & Witsch den Roman in der Fassung der Erstausgabe heraus, zudem mit einem Anhang, der die Textstellen aus den vorgeschalteten Veröffentlichungen in der „Vossischen Zeitung“, die Remarque nicht mehr in die Romanfassung übernahm, beinhaltet – ich empfehle diese Ausgabe, die Entstehungsgeschichte und den Wandel des Buches verdeutlicht.


„Die Nacht von Lissabon“ (1962).

 „Wer von hier das gelobte Land Amerika nicht erreichen konnte, war verloren. Er musste verbluten im Gestrüpp der verweigerten Ein- und Ausreisevisa, der unerreichbaren Arbeits- und Aufenthaltsbewilligungen, der Internierungslager, der Bürokratie, der Einsamkeit, der Fremde und der entsetzlichen allgemeinen Gleichgültigkeit gegen das Schicksal des Einzelnen, die stets die Folge von Krieg, Angst und Not ist. Der Mensch war um diese Zeit nichts mehr; ein gültiger Pass alles.“

Allein wegen solcher Passagen, die immer noch ihre (traurige) Gültigkeit haben, lohnt es sich, diesen späten Exilroman von Erich Maria Remarque zu lesen. „Es gibt keine Rückkehr aus dem Exil“: Diesen Satz äußerte der Schriftsteller in einem Interview 1968 – dieser Satz prägte sein halbes Schriftstellerleben.  Die Erfahrungen aus dem Exil, sie holten auch den 1898 geborenen Osnabrücker, dessen Bücher 1933 von den Nazis verbrannt wurden, immer wieder ein. In der Lissaboner Nacht – man zählt das Jahr 1942 – treffen sich zwei Fremde, beides Emigranten, der eine ohne Hoffnung auf eine Schiffspassage in die USA, der andere mit Visa und Schiffskarte, aber ohne Lebenshoffnung. Jener nennt sich Josef Schwarz und erzählt seiner Zufallsbekanntschaft eine Nacht lang von seiner Flucht aus Deutschland, der Rückkehr nach Osnabrück, um seine Ehefrau Helen nochmals zu sehen, vom gemeinsamen Exil und der Odyssee durch halb Europa. Eine Liebe ohne Zukunft – doch das traurige Ende verheißt einem anderen Menschen einen Neubeginn.
Es zählt stilistisch nicht zu den stärksten Büchern Remarques, der Stil ist durchaus spröde, manches etwas langatmig – aber es ist ein Buch, das einen nicht kalt lässt, „beängstigend-eindringlich in seinem emotionalen Zugriff“, schrieb Orville Prescott 1964 in der New York Times.
Wer lesend erfahren möchte, was die ständige Flucht vor den Handlangern einer Diktatur mit den Menschen machen kann: In diesem Roman steht es.

Eine ausführliche Rezension und Hintergrundinformationen zu Remarque finden sich auf dem Blog „Über den Kastanien“.