Wanda Coleman: strände. warum sie mich kaltlassen

„… aber sie wollen
mir ständig weismachen, dass man der sprachlichen ghettoisierung am
besten entkommt, indem man die
lebenswirklichkeit der schwarzen einfach ausblendet bla bla bla …“

Wanda Coleman, Auszug aus: „Ein Essay über Sprache“

Wer die Gedichte von Wanda Coleman (1946 – 2013) liest, der wird ganz unmittelbar mit der Lebenswirklichkeit der schwarzen Bevölkerung in den USA konfrontiert: Das sind Zeilen, die brennen vor Zorn und Frustration, Gedichte, die aufrütteln. Und man spürt: Diese Frau hat all dies erlebt, die Armut, der Existenzkampf als alleinerziehende Mutter, die Vorurteile, die dazu führen, „angespornt durch meine schwarze haut zu versuchen, die allerbeste zu sein.“

Bild von Bruce Emmerling auf Pixabay

Coleman, die 1999 als erste afroamerikanische Frau mit dem Lenore Marshall Poetry Prize der American Academy of Poets ausgezeichnet wurde und in späteren Jahren zahlreiche Preise und Stipendien für ihr Schreiben bekam, wurde, wenn nicht schon durch ihre Herkunft, spätestens durch die Watts Riots politisiert – die junge Frau, aufgewachsen in Watts, dem Schwarzen-Ghetto in Los Angeles, erlebte die Aufstände 1965 hautnah. „Aber“, so schreibt auch der Schriftsteller Frank Schäfer in seinem taz-Artikel über Wanda Coleman, „Straßenschlachten mit der Nationalgarde sind nicht mehr nötig, um sie zu politisieren.“ Ihr Vater hatte noch den Lynchmord an einem jungen Mann in Little Rock miterlebt, eine geistige Last, die auch Wanda mit durch ihr Leben trug.

„in seiner würde war er schweigsam und in seiner schweigsamkeit wandte er
sich an gott. mein vater nahm seinen mord mit würde. sie schlugen
ihm von 1914 bis 1991 jahrzehntelang auf den schädel. sie schlugen ihn
bis aus der wunde ein tumor entsprang, der seine augen zerfraß“,

schreibt Coleman in ihrem „Amerikanischen Sonett 70“, einem von zahlreichen Sonetten, die das Bild eines anderen als des weißen Amerikas zeigen. Wie sehr die Erfahrungen ihrer Eltern und ihrer eigenen Zugehörigkeit die Dichterin prägten, das wird in den letzten Zeilen dieses Sonetts nur allzu deutlich:

„sie erheben ihre killerfäuste und schlagen auf mich ein, erheben ihre killerfäuste und schlagen und schlagen, bis sie sicher sind
dass von der anderen seite des grabsteins keiner zurückschlägt
gott, ich rufe dich an in meinem nebel.“

Verzweiflung, Wut, Zorn: Wanda Colemans Sprache ist zornig, sie ist direkt. Terrance Hayes, der eine Auswahl ihrer Gedichte in den USA wieder herausgab, fand in seinem antiquarischen Exemplar von „Mad Dog Black Lady“, dem ersten umfassenden Gedichtband von Wanda Coleman, der bei Black Sparrow Press erschien, eine treffende Randnotiz: „Ihre Welt ist Geschrei.“ Ihre Gedichte, so Hayes, „sind eine Mischung aus Manifest und Bekenntnissen, Fremd- und Selbstbezichtigungen voller Gewalt und Zärtlichkeit, satirischen Anklängen und Aufrichtigkeit.“

Und – angesichts der Aufmerksamkeit, die schwarze Literatur derzeit erfährt und dem vielbesprochenen „berühmtesten Gedicht der Welt“ – kann ich mir diese Bemerkung nicht verkneifen: Colemans variantenreiche Poesie, die voller Anspielungen zu politischen Ereignissen, zum schwarzen Widerstand ist, die Elemente des Jazz, der Popkultur, der Untergrund- und Gegenkultur in sich birgt, sie ist zugleich frei von Pathos, sie ist authentisch. Ein versöhnliches Element trägt diese Lyrik nicht in sich, da ist kein Hügel zu erklimmen, er soll erstürmt werden:

Ich bin die sense des schnitters. Meine klinge ist unerbittlich.“

„Wanda Coleman“, schreibt Terrance Hayes, „war eine große Poetin, eine leibhaftige, fleischfressende Poetin und zugleich eine echte, schwarze Frau (…) Nur wenige Lyrikerinnen jeglicher Couleur schreiben mit einer solchen Vehemenz über Armut, literarische Ambitionen, Depressionen und unsere gewalttätigen und fragilen Leidenschaften.“ Wer es kennenlernen möchte, dieses andere, verletzte, unterdrückte Amerika, wer erahnen will, welche Berge es noch zu ersteigen gilt, der wird bei der Lektüre Wanda Colemans eine Ahnung davon erhalten. Die von Terrance Hayes getroffene Auswahl von 120 Gedichten aus acht Lyrikbänden, die zu Lebzeiten der Dichterin erschienen, wurden von Esther Ghionda-Breger übersetzt und erschienen nun beim MaroVerlag: „strände. warum sie mich kaltlassen.“

Verlagsinformation zum Buch: Wanda Coleman

Linda Vilhjálmsdóttir: das kleingedruckte

das solltest du wissen
lieber leser
dass ich im geist tausend mal tausend
bittersüße gedichte geschrieben habe

um ein für alle
mal zu beweisen
dass ich eine gute dichterin bin

Fast schon wie eine Entschuldigung wirken diese Worte. Vorangestellt einem Zyklus, der zeigt, was für eine gute Dichterin Linda Vilhjálmsdóttir gerade deshalb ist, weil sie auf den bitterbösen Kram verzichtet, weil sie dichtet ohne Zuckerguß. Nach ihrem bemerkenswerten Band „Freiheit“ ist „das kleingedruckte“ der zweite Gedichtband der isländischen Autorin, der im Elif Verlag erscheint. Waren in „Freiheit“ die Themen der durch und durch politischen und geselschaftskritischen Lyrikerin weiter gespannt, so fokussiert sie sich hier auf die Geschlechter. Und mit welcher Wucht!

Bild von Paul Bates auf Pixabay

selten
so abseits im eigenen leben

als wenn ich in frauenzeitschriften blätterte
im frisiersalon und beim zahnarzt im wartezimmer

Linda Vilhjálmsdóttir erzählt in ihren Gedichten von Rollenbildern, die auf Frauen lasten, von der Überhöhung des Männergeschlechts an sich, von den männlichen Helden, die in Walhall ausgestellt werden und von den Frauen, die trotz oder mit ihrem „zerbrechlichen selbstbildnis“ die eigentlichen Kämpferinnen sind, die „unbekannten größen“ im Kleingedruckten. Linda Vilhjálmsdóttir wählt in ihren Gedichten oftmals das Stilmittel der Ironie, manchmal ist sie bitterböse, manchmal sehr direkt, immer glasklar, aber eines ist sie nie: Bittersüß-kitschig.

Anrührend dagegen schon, so in einem Langgedicht, das den Frauen ihrer Familie gewidmet ist, das von den Lebensverhältnissen der Urgroßmütter, Großmütter und Mütter erzählt, davon, wie diese sich ein Stück Würde und Freiheit den Verhältnissen abtrotzten. Die Mutter, schön und schick im mühsam zusammengesparten Wollmantel, auch eine der Generation, die mit „fünfzehn die hauptschule abgeschlossen hatte und von der schule gehen musste.“

So gibt Linda Vilhjálmsdóttir auch ein Stück isländische Lebenswirklichkeit in ihren Gedichten wieder, die zeigen: Frauenleben ähneln sich, Frauenträume auch, sei es in Island, Oberschwaben oder an der Nordseeküste. Und die Dichterin fordert auf, die Verhältnisse zu ändern, sie stimmt ein in die „revolutionskantate der haremsfrauen.“

Es wundert nicht, dass dieser Gedichtband, der 2018 in Island erschien, dort über Monate hinweg zu den meistverkauften Lyrikbüchern gehörte: In ihrer Direktheit und in dieser klaren Sprache sind die Gedichte auch Leserinnen und Lesern zugänglich, die nicht unbedingt lyrikaffin sind. Ihre Ironie und Geradlinigkeit machen sie zudem auch überaus unterhaltsam.

Neben Björg Björnsdottirs sechstem Wintermonat ist dies das zweite Projekt, das Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer in diesem Frühjahr gemeinsam als Übersetzer veröffentlicht haben. Das ist großartig – zeigt doch der direkte Vergleich der beiden Bände, wie vielfältig und von welchem formalen und inhaltlichen Reichtum die Lyrik dieses kleinen sagenhaften Landes ist!

Informationen zum Buch:
Linda Vilhjálmsdóttir
das kleingedruckte
Elif Verlag, 2021
110 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 20,00 €

https://elifverlag.de/produkt/das-kleingedruckte-%c2%b7-linda-vilhjalmsdottir/

Björg Björnsdottir: Der sechste Wintermonat

Eine sonntägliche Ruhe liegt über der Stadt. Noch setzt sich das Vogelgezirpe gegen den Straßenlärm durch. Durch die Zimmer weht eine frische Brise, die eine Ahnung vom heißen Tag, der kommen wird, mit sich bringt. Gewitterschwüle ist vertagt. Die Nacht wird aus den Augen gerieben, der Tag liegt vor mir wie ein offenes Buch. Das sind Morgenstunden, wie ich sie liebe – und wann, wenn nicht dann, ist die Zeit geeigneter, um Gedichte zu lesen, sich langsam in den Sinn und Gehalt lyrischer Sätze hinzutasten? Wie passend an solchen Tagen auch ein Zyklus über die Jahreszeiten:

Eine Welt in voller Blüte.

Eine Hummel.
Ein Rasenmäher in einem fernen Garten.

Eine Welt, die war,
eine Welt der Schwerelosigkeit.

Aus: „Heyannir – Der vierte Sommermonat“.

Mit den Gedichten von Björg Björnsdóttir, die erst im vergangenen Jahr in Island in erschienen sind, haben Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer, zwei unermüdliche Botschafter für die isländische Literatur, deutschsprachigen Leserinnen und Lesern ein besonderes Geschenk gemacht.

Der Band „Der sechste Wintermonat“ umfasst einen Jahresreigen. Zwölf Gedichte haben die beiden Übersetzer aus Björnsdóttirs erstem Gedichtband „Árhringur / Jahresring“ übertragen. Dem Zyklus, der wie der isländische Kalender nur die beiden Jahreszeiten Winter und Sommer kennt, ist eine feine Melancholie eingeschrieben, das Wissen vom Werden und Vergehen:

An diesem Morgen
ist die Stadt still.

Wir sind allein,
ich und die Ankunft des Herbstes.

(aus dem „fünften Sommermonat“).

Erinnert an Rilke, gewiss. Doch die isländische Dichterin braucht nicht das ästhetisch Überhöhte, das zuweilen Bombastische, um ihrem lyrischen Ich eine Stimme zu geben, die die „Angst vor dem Unwiderruflichen“ und das „Bedauern“ im Herzen angesichts des Vergehens, vielleicht auch dieser Angst vor einem langen Winter, zum Ausdruck bringt. Wissend, dass der Sommer zwar groß ist, der Winter aber wiederkommen wird, feiert sie vielmehr in zurückhaltenden, stillen Zeilen die „Sanftheit des Augenblicks“. Das ist alles fein und genau beobachtet, voller poetischer Bilder. Naturlyrik, die zeitlos und doch zugleich auch ganz zeitgemäß wirkt. Gedichte, mit denen sich der Sommer genießen lässt – aber Achtung:

Die Tage der Faulenzerei sind vorbei.
Vor mir steht das Fahrrad.

Wehendes Haar,
wilder Wind,
das Stahlross im Windschatten.

Dieser Zyklus, ein poetisches Juwel, kommt auch in einer besonderen, ihm angemessenen Verpackung daher: „Der sechste Wintermonat“ erschien nun zunächst in der Corvinus Presse als limitierte „Volksausgabe“. Es folgt ein Künstlerbuch mit den signierten Grafiken von Jón Thor Gíslason, handgebunden und in einer Kassette. Doch allein schon die Volksausgabe ist ein Beispiel allerfeinster Buchkunst: Mit den Radierungen des Künstlers, Gedicht für Gedicht sorgsam gesetzt auf einer Linotype und Buch für Buch nach japanischer Art offen gebunden, ist es ein wahrer bibliophiler Schatz.

Wolfgang Schiffer erläutert in einem Beitrag die Entstehung des Buches von der ersten Idee bis zur Herstellung: https://wolfgangschiffer.wordpress.com/2021/04/26/vom-buch-ubers-manuskript-zu-einem-neuen-buch/

Eine sehr feine Besprechung gibt es beim Lyrikhaus Fischer: https://lyrikatelierfischerhaus.com/2021/06/09/der-sechste-wintermonat-bjorg-bjornsdottir/

Zwei Gedichte in voller Länge bei Signaturen: https://www.signaturen-magazin.de/bjoerg-bjoernsdottir–zwei-gedichte-aus–der-jahresring–.html

Und hier alle Informationen zur Corvinus Presse: https://www.corvinus-presse.de/

Bernhard Blöchl: Die Wochen wehen im zähen Takt

Das Bobby Car zieht
einen knirschenden Bogen.
Die Taube gurrt
ein verschlepptes Solo.
Der Straßenmusiker
mit der scheppernden Gitarre
konkurriert mit dem Hall
seiner eigenen Riffs.

Auszug aus „Der Sound der Stadt“.

Irgendwann wird man sich erinnern, an diese Zeit, in der das Leben seltsam gedämpft war, in der jeder Tag die Ruhe eines Feiertages in der Stadt hatte. Wie fühlte man sich im Lockdown, was trieb einen um, was auf die Palme? Man könnte dann zu diesem Gedichtband greifen, der, obwohl er auch die ernsten Aspekte dieser Pandemie aufgreift, doch ein wenig das Bodenschwere nimmt, das das Virus aus der Luft auf uns brachte.

Der Münchner Journalist und Schriftsteller Bernhard Blöchl hat eine Art Pandemie-Tagebuch in Reimform geführt: Verse gegen den Virus, mal ernst, mal heiter, Gedichte, die „subjektive
Stimmungen widerspiegeln, all die Schwankungen und emotionalen Sprünge in der irren Zeit
einer Pandemie“. Subjektive Stimmungen, denen objektiv wohl jeder einmal unterworfen war. Und so kann man sich gut wiederfinden in diesen Zeilen, wenn Bernhard Blöchl über unausgelebte Sehnsüchte, Fernweh und Tagträumereien in der Quarantäne schreibt.

Wochen fliegen,
ach, schon Mai?
Pläne biegen,
vielerlei.
Zeit wie Gummi,
Gefühle zäh,
Quarantänenflummi,
Ende jäh.

Aus: „Angst in Scheiben“.

Die 86 Gedichte entstanden während der ersten Welle, als für viele, die sich weder um Job noch um psychische/physische Gesundheit sorgen mussten, die Pandemie fast wie ein Abenteuer war, ein Ausstieg aus dem Alltag, als die größte Angst neben der Ansteckung die war, es könnte das Klopapier ausgehen:

Der Hamster schämt sich,
sein Image im Keller,
der Deutsche macht,
wer hätt’s gedacht,
Klopapier zum Megaseller.

Dieses „Lebens“-Gefühl von Lockdown 1 bringt Blöchl ebenso zum Ausdruck wie die ganz existentiellen Sorgen, die von Beginn an vor allem in der Kulturszene herrschten, mit der er als Kulturredakteur bei der Süddeutschen Zeitung viel zu tun hat. So beschreibt er die leeren Kinosäle, das bittere Ende des Buchladens um die Ecke, die Angst vor Kurzarbeit und Jobverlust. Dies alles, wie auch bei seinen beiden Romanen, „Für immer Juli“ (MaroVerlag) und „Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint“ (Piper) „im Rhythmus der Verschmitztheit.“ Und dieser verschmitzte Ton, die leichte Hand, die macht auch wett, dass der eine oder andere Vers noch holpert – es ist, so sagt der Autor selbst, seine Annäherung an die Lyrik.

Noch ist das Ende nicht in Sicht, sagen die Experten. Und die Angst vor dem Virus bringt die Angst vor der nächsten Pandemie mit sich. Gereiztheit, Ratlosigkeit, auch Zukunftsängste lässt Covid-19 zurück. Da tut es gut, Zeilen zu lesen, die Humor und Tiefe in sich vereinen.

Das Ende

Der Sommerwind, er weht
und biegt,
Äste schaukeln unbekümmert.
Was sorgst du dich,
du atmest frei,
Coronapanik ist vorbei.
Ratlos bleibst du trotzdem
sitzen,
auf der Bank im Park allein.
Junisonne blinzelt Schatten,
rottend laut
am Fluss die Ratten.

Informationen zum Buch:

Bernhard Blöchl
Die Wochen wehen im zähen Takt
Hardcover, 104 Seiten
Books on Demand, ISBN-13: 9783753421957, Preis: 14,99 Euro
E-Book, ISBN-13: 9783753449449

Zur Homepage von Bernhard Blöchl: bernhardbloechl.de

Auch die Gespensteratmospähre von Spielen in leeren Stadien prägten für Fußballfan Bernhard Blöchl den zähen Takt der Wochen. Bild: Bild von Markus Spiske auf Pixabay

Pega Mund: reste von landschaft

Wir…

„… sind unterwegs wie schaum an der küste
wie rauchige schlieren im ätherblau immer
allein das ist das ganze geheimnis nicht wahr?“

Auszug aus „schaum“ in: „reste von landschaft“, Pega Mund, 2021

Immer allein, und manchmal doch zu zweit, zu mehreren, das eigene Angesicht im Spiegel der anderen, manchmal in der Selbstbetrachtung („spieglein spieglein  das rot gelackte eineurolächeln“), so tastet sich hier eine lyrische Stimme durch „reste von landschaft“.

Der Titel dieses Gedichtbandes, „reste von landschaft“, deutet auf das Fragmentarische, Abtastende hin, das diesen Zyklus aus insgesamt zwölf Gedichten prägt. Sechs Schritte bzw. Gedichte vor, sechs Schritt-Gedichte zurück – der Band kann ebenso vor- wie rückwärts gelesen werden, eine Metapher für das Leben vielleicht, das uns immer wieder diesen zwei-Schritte-vorwärts-und-einen-zurück-Takt dirigiert.

Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Das Fragmentarische, das Veränderliche, das was bleibt und das, was verloren geht, Wachstum und Verluste, sie bilden diese „reste von landschaft“. Nicht von ungefähr findet sich bereits im ersten Gedicht ein Hinweis auf Ovids Metamorphosen:

unlesbare fährten im frischgefalllenen nulli: nulli sua forma
manebat

Aber wenn nichts in seiner Form bleibt, wenn alles Veränderung ist, was ist dann die Substanz, wo bleibt der Kern? Das beinahe Chamäleon-artige lyrische Ich mit seinen „drei leben“ führt uns augenzwinkernd in die „wunderkammern“:

„Sind wir nicht Fetzen Fehlfunde nach Häutungen hin geblätterte
schlampig genähte so Wechselbalgstücke pathetisch geblähte Sind wir
nicht abgetakelte Wüstenwarane Zirkusvieh lautlos brennende Tiger
springen in Zauberers schwarzen Zylinder Apokalypse jetzt Sind wir“

Jetzt sind wir! Die Energie, die Kraft, die in dieser Aussage steckt, sie ist in allen diesen zwölf Gedichten zu spüren, auch in den düstern getönten Zeilen. Eine Eigenschaft der Sprache, die bereits Olga Martynova und Beate Tröger in ihrer Laudatio auf Pega Mund, die 2019 mit dem 2. Platz beim Gertrud Kolmar Preis ausgezeichnet wurde, heraushoben:

„Wodurch machen die Gedichte von Pega Mund gleich auf sich aufmerksam? Die einfachste und für mich die wichtigste Antwort: Sie haben poetische Substanz. Das ist eine schwer (wenn überhaupt) definierbare Eigenschaft, die alles entscheidet. Wenn sie fehlt, dann ist es egal, ob die Texte klug, witzig, aktuell, arrangiert, einfühlsam, kühl, leidenschaftlich oder was auch immer sind. Ohne diese Substanz bleiben sie nur leere Worte. Die Gedichte von Pega Mund haben diese Ladung, diese Energie, weshalb es interessant und spannend ist, sie näher zu betrachten.“

Quelle: Fixpoetry

Nicht von ungefähr ist der schmale, aber gehaltvolle Band mit dem Untertitel „Eine Begehung“ versehen – eine Wanderung durch Stadt-Landschaften, durch Land-Landschaften, durch Seelenlandschaften. Beinahe atemlos folgt man dem lyrischen Ich auf seinen Pfaden, ein Weg, der spannend ist, der manchmal auch ängstlich macht, vor allem aber durch die spürbare Lust am Spiel mit der Sprache viel Freude bereitet.

„reste von landschaft“ ist die erste Einzelpublikation der Autorin, die seit 2014 ihre Gedichte unter anderem in Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht. Zudem betreibt Pega Mund einen Blog: https://driftout.wordpress.com/

Informationen zum Buch:

Pega Mund
Reste von Landschaft
Black Ink Lyrik, 2021
28 Seiten geheftet, 8,00 Euro
ISBN: 978-3-930654-43-7

Bestellmöglichkeiten: Direkt beim Verlag http://www.blackink.de/literatur/lyrikreihe/pega-mund-reste-von-landschaft/index.html oder im Buchhandel.

Joachim Ringelnatz – Einsiedlers heiliger Abend

Ich hab’ in den Weihnachtstagen –
Ich weiß auch, warum –
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Bild von Pexels auf Pixabay

Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abend noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.

Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsenuppe und Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.

Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat’s an der Tür gepocht.

Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder?
Ich aber rief nicht: “Herein!”

Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.

Joachim Ringelnatz

Das Gedicht von Ringelnatz stammt aus dem Jahr 1933 – wohl für viele Menschen das schwerste Weihnachten der Vorkriegszeit. Wer wachen Sinnes war, konnte ahnen, was knapp ein Jahr nach der Machtergreifung Hitlers noch alles auf die Menschen zukommen würde.

Insofern sind die Vergleiche, die dieser Tage gezogen werden, völlig absurd: Wir leben in keiner Diktatur, aber wir leben mit einer Pandemie. Das ist schwer, insbesondere für viele an Weihnachten, die vielleicht getrennt von ihren Liebsten und Familien feiern müssen. Aber es ist ein hoffentlich einmaliges und vorübergehendes Geschehen – und keinesfalls vergleichbar mit der Situation 90 Jahre zuvor.

Dennoch kann vielleicht jetzt gerade ein Ringelnatz helfen: Trauer und Humor liegen bei ihm immer eng beisammen. Und die Botschaft: Mach das Beste daraus …

Ich wünsche allen, die hier mitlesen, trotz der Umstände ein schönes Weihnachtsfest, alles Liebe und einen guten Rutsch in das Neue Jahr! Bleibt gesund!

Birgit Böllinger

Joachim Ringelnatz – Weihnachten

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,
Mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit,
Und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle
Schöne Blumen der Vergangenheit.

Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise,
Und das alte Lied von Gott und Christ
Bebt durch Seelen und verkündet leise,
Dass die kleinste Welt die größte ist.

Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)

Liebe Leute,

was, ist denn schon Weihnachten? Ein paar Tage dauert es zwar noch, aber ich verabschiede mich heuer mit Ringelnatz sehr frühzeitig in die Weihnachtspause. Und mit ihm möchte ich auch Danke sagen bei euch: Fürs Folgen, für das Interesse, für das Mitlesen und den Austausch.

Für mich ist der Blog nach wie vor ein Geschenk, dass ich mir selber mache: Weil mir das Schreiben über die Bücher, die ich lese, nach wie vor sehr viel Freude macht. Und die Freude verdoppel sich, wenn ich dadurch auf das eine oder andere Buch aufmerksam machen kann oder sich ein Austausch ergibt. Eure Likes und Kommentare sind ein Zeichen der Wertschätzung – dafür vielen Dank.

A propos Geschenke: Seit einiger Zeit ergänze ich meine eigenen, längeren Beiträge durch einen Spendenbutton. Ich habe lange gezögert, ob ich das tun soll. Ich möchte mich an dieser Stelle bei den Menschen, die mich bestärkt haben, dies zu tun, bedanken. Und ein herzliches Dankeschön an die Spenderinnen und Spender für eure Beteiligung!

Ich wünsche allen ein persönlich friedliches und schönes Weihnachtsfest in dieser unruhigen Zeit, glückliche und erholsame Tage und einen guten Start in das Neue Jahr!

Wir lesen uns 2020 wieder,

eure Birgit

 

 

Ludwig Uhland – Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag.
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal;
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland (1787 – 1862)


Bild zum Download: Blumen


 

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Theodor Fontane – Noch einmal ein Weihnachtsfest

Noch einmal ein Weihnachtsfest,
Immer kleiner wird der Rest,
Aber nehm` ich so die Summe,
Alles Grade, alles Krumme,
Alles Falsche, alles Rechte,
Alles Gute, alles Schlechte –
Rechnet sich aus all dem Braus
Doch ein richtig Leben raus.
Und dies können ist das Beste
Wohl bei diesem Weihnachtsfeste.

Theodor Fontane

Ich komme langsam in das Alter, in dem die Weihnachtszeit tatsächlich eine besinnliche wird. Die Großeltern-Generation fehlt seit einigen Jahren, die Kinder in der Familie machen sich allmählich selbständig. Der Kreis wird kleiner. Man denkt an die, die nicht mehr dabei sein können.
Zugleich mildert sich der Erwartungsdruck an diese Tage mit den Lebensjahren. Gesten sind wichtig, Geschenke weniger. Im Mittelpunkt steht das Zusammensein.
Man beginnt es wie Fontane zu halten, dem alten, weisen Knaben, und zieht ein wenig Bilanz. Ich wünsche mir an Weihnachten vor allem eines: Dessen Gelassenheit, dessen Lebensweisheit. Wie man das erreicht, davon gibt es sicher auch im kommenden Jahr, dem Fontane-Jahr, mehr zu lesen.

Allen meinen lieben Leserinnen und Lesern hier sage ich Dank für die Begleitung über das inzwischen sechste Blogjahr hinweg. Ich wünsche Euch schöne und frohe Festtage!

Joachim Ringelnatz – Der Bücherfreund

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Bild von Nino Carè auf Pixabay

Ob ich Biblio- was bin?
Phile? „Freund von Büchern“ meinen Sie?
Na, und ob ich das bin!
Ha! und wie!

Mir sind Bücher, was den anderen Leuten
Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel,
Turnsport, Wein und weiß ich was, bedeuten.
Meine Bücher — wie beliebt? Wieviel?

Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl.
Bitte, doch mich auszureden lassen.
Jedenfalls: viel mehr, als mein Regal
Halb imstande ist zu fassen.

Unterhaltung? Ja, bei Gott, das geben
Sie mir reichlich. Morgens zwölfmal nur
Nüchtern zwanzig Brockhausbände heben —
Hei ! das gibt den Muskeln die Latur.

Oh, ich mußte meine Bücherei,
Wenn ich je verreiste, stets vermissen.
Ob ein Stuhl zu hoch, zu niedrig sei,
Sechzig Bücher sind wie sechzig Kissen.

Ja natürlich auch vom künstlerischen
Standpunkt. Denn ich weiß die Rücken
So nach Gold und Lederton zu mischen,
Daß sie wie ein Bild die Stube schmücken.

Äußerlich? Mein Bester, Sie vergessen
Meine ungeheure Leidenschaft,
Pflanzen fürs Herbarium zu pressen.
Bücher lasten, Bücher haben Kraft.

Junger Freund, Sie sind recht unerfahren,
Und Sie fragen etwas reichlich frei.
Auch bei andern Menschen als Barbaren
Gehen schließlich Bücher mal entzwei.

Wie ? – ich jemals auch in Büchern lese??
Oh, sie unerhörter Ese—
Nein, pardon! – Doch positus, ich säße
Auf dem Lokus und Sie harrten
Draußen meiner Rückkehr, ach dann nur
Ja nicht länger auf mich warten.
Denn der Lokus ist bei mir ein Garten,
Den man abseits ohne Zeit und Uhr
Düngt und erntet dann Literatur.

Bücher – Nein, ich bitte Sie inständig:
Nicht mehr fragen! Laß dich doch belehren!
Bücher, auch wenn sie nicht eigenhändig
Handsigniert sind, soll man hochverehren.

Bücher werden, wenn man will, lebendig.
Über Bücher kann man ganz befehlen.
Und wer Bücher kauft, der kauft sich Seelen,
Und die Seelen können sich nicht wehren.

Joachim Ringelnatz

„Der Bücherfreund“ erschien erstmals in der Ringelnatzischen Gedichtsammlung „Allerdings“ im Jahr 1928. Ob der Bücherfreund Ringelnatz selbst über eine so überbordernde Bibliothek verfügte, bezweifle ich – zu unstet war sein Leben, zu oft war er unterwegs, zu häufig auch in finanziell prekäre Lagen, um selbst eine Bildungsbürgerbüchersammlung um sich zu haben. Allerdings kannte er sich – nicht nur als Lesender und Schreibender – aus im „Verwalten“ von Bücherbergen. Vielleicht dachte er bei diesem Gedicht an seine Zeit in Klein-Oels zurück: Dort verwaltete er 1912 die Bibliothek des Grafen Yorck v. Wartenburg. Nachdem er wegen einer Prügelei entlassen worden war, arbeitete er im Jahr darauf als Bibliothekar Börnes v. Münchhausens, später als Bibliothekar und Fremdenführer auf Burg Lauenstein (Oberfranken), bis er 1913 wieder nach München ging, um seiner eigentlichen Berufung als Bühnenkünstler und Schreibender nachzugehen.


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