Vögel im Kopf: Geschichten aus dem Leben seelisch erkrankter Jugendlicher

„Wenn man die Klinik betritt, betritt man eine andere Welt – in der manchmal die Zeit stillsteht, so könnte man meinen. Man grenzt sich aus, um sich selbst einzugrenzen und dazuzulernen. Um mit sich selbst wieder eins zu werden und an sich zu arbeiten. Das führt oft dazu, dass man in seiner Entwicklung, zumindest der Entwicklung, die von außen sichtbar ist, stillsteht. Man lernt, das Universum anders zu betrachten und sich neu in ihm zu orientieren. Wir entfliehen der Welt, um uns in ihr neu zu definieren.
Die Welt hingegen interessiert dies nicht und sie dreht sich einfach so weiter. Während wir hinter den gelben Fenstern lernen, zu fühlen, unsere Gedanken zu kontrollieren, unseren Geist neu auszurichten, lernen andere in unserem Alter Algebra, entdecken sich und ihren Körper, probieren sich aus.“

Aus: „Vögel im Kopf“, S. Hirzel Verlag, 2020

Wie für die heute 28-jährige Janine B., war und ist das Gebäude mit den gelben Fenstern für Generationen von Kindern und Jugendlichen zur vorübergehenden Heimat geworden. Zum Zufluchtsort, zum Ort, der Hoffnungen und zugleich das Gefühl der Niederlage verbindet, aber auch zu einem gefühlten Gefängnis, dem man entkommen möchte. Seit über 100 Jahren gibt es die Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Tübingen: Das Haus mit den gelben Fenstern kennt unzählige (Lebens-)Geschichten, die nicht nur für ein persönliches Schicksal stehen, sondern auch ein Spiegel sind für den Umgang unserer Gesellschaft mit psychischen Erkrankungen.

Der Förderverein Schirm e.V. gibt den Menschen hinter den Fenstern eine Stimme: „Vögel im Kopf“ ist ein aktuell erschienener Sammelband, der Texte von Patientinnen und Patienten, Angehörigen und Mitarbeitenden der Kinder- und Jugendpsychiatrie vereint. Die Unmittelbarkeit der Erzählungen treffen einen beim Lesen ins Herz und machen die Ängste und die verzweifelten Gefühle, die mit einer psychischen Erkrankung einhergehen, verständlicher.

„Früh aufstehen. Wiegen. 39 kg auf 172 cm. Ich bin vor kurzem 16 geworden. Aussichtslosigkeit, Schmerzen und Verzweiflung überwiegen in meinem Leben. Ich wollte mich nicht umbringen, wollte nicht sterben, nein, ich wollte nicht mehr sein und bin auch kaum noch. Wenn ich in den Spiegel sehe, ist da eine Fremde, ein Zombie, gruselig und ekelhaft. Tiefe Augenhöhlen. Eine dünne Schicht gespannte, blasse Haut über Knochen. Nicht zierlich, ein massives Skelett mit klobigen Gelenken.“

Wie Anita l., heute 37 Jahre alt, die ein knappes Jahr als Patientin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie war, stellen sich viele diese Frage: „Fühle ich mich wie auf dem Weg in ein Gefängnis, in ein Krankenhaus?“ Sie schildert eindrücklich ihre inneren Widerstände, die sie in den ersten Tagen begleiten – gegen die Klinik, gegen das Personal, gegen die Mitpatienten. Aber wie viele andere Geschichten in diesem berührenden Buch ist auch ihre eine der Hoffnung: „Vögel im Kopf“ erzählt nicht zuletzt auch davon, wie viele junge Menschen in der KJP lernen, mit ihrer Krankheit zu leben, mit ihr umzugehen, neue Perspektiven erhalten und ihr Leben meistern – so Ulrike S., die Jahrzehnte später selbst als Ärztin arbeitet und eine erfolgreiche Wissenschaftlerin ist.

In ihrem Nachwort betonten der Ärztliche Direktor der Klinik, Professor Tobias Renner und sein Stellvertreter Dr. Gottfried Maria Barth, ebendieses:

„In der Kinder- und Jugendpsychiatrie kommt eine sehr wichtige Besonderheit dazu. Es kann bei uns nicht nur um Symptomreduktion oder Heilung von Krankheiten gehen. Wir haben immer mit der gesamten psychosozialen Entwicklung zu tun. Und Heilung kann nicht nur Wegnehmen von Krankheit bedeuten, sondern Wege zu öffnen für eine gesunde seelische Entwicklung. Wir wollen mit unseren Patient*innen nach vorne blicken, mit großer Kreativität immer wieder neue Wege finden, wie bestehende Belastungen bewältigt werden können.“

So ist „Vögel im Kopf“ vor allem für die Betroffenen und ihre Umwelt selbst ein wichtiges Buch, ein Buch, das  Hoffnung macht und verdeutlicht, wie wichtig es ist, sich Hilfe zu holen – wie bei jeder anderen Erkrankung auch. Aber dennoch wird durch die sensible Auswahl der Geschichten durch die Herausgeber, Ärzte, Therapeuten und Mitarbeitende der Klinik, auch auf die Schattenseiten und die Schwierigkeiten, die psychische Erkrankungen und ihre Behandlung mit sich bringen, eingegangen. Die Schuldgefühle und Versagensängste, die oftmals die Eltern plagen. Die Geschwisterrivalität, die entstehen kann, wenn der Fokus auf dem erkrankten Kind liegt. Das Gefühl, an seine Grenzen zu kommen, das auch erfahrene Therapeut*innen kennen. Aber vor allem die Angst vor Stigmatisierung. Robert, Vater einer erkrankten Tochter, schreibt dazu:

„Leider scheint mir, dass die »Umgangskultur« mit psychisch Kranken eine zusätzliche Hemmschwelle darstellt, ein ohnehin großes Problem zu überwinden, nämlich das Eingeständnis, krank zu sein und unter Umständen ohne fachliche Hilfe nicht mehr in eine gesündere Spur zu kommen. Interessant: Auch wenn es heute einerseits einen gefühlt offeneren Umgang mit dem Thema »psychische Erkrankung« gibt, spiegelt sich andererseits immer noch eine erschreckend aggressive Stigmatisierung im Sprachgebrauch wider: der »Mongo« und »Spasti« früherer Jugendgenerationen scheint heute dem »Psycho« gewichen zu sein. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand, der wegen Zahnschmerzen den Arzt aufsuchen muss, als »voll der Kario« oder »Dento« diffamiert wird. Auch ein atemschwacher »Pneumo« ist mir noch nie untergekommen.“

Dem Wunsch der Herausgeber, dass dieses Buch zum Lesen verlockt, vor allem aber, dass es Anlass gibt, über das Thema zu reden und damit einen Teil der Stigmatisierung und Tabuisierung aufzuheben, kann man sich nur anschließen. Zudem ist dieses Lesebuch auch wunderschön gestaltet – die „Vögel im Kopf“ begleiten die einzelnen Geschichten illustrativ, zudem werden die Erzählungen bereichert durch passende Gedichte und Zitate aus der Literatur und Philosophie.

Einige der Texte werden nach und nach auf der Homepage des Fördervereins Schirm e.V. veröffentlicht: https://www.voegel-im-kopf.de/

Informationen zum Buch:

Vögel im Kopf
Geschichten aus dem Leben seelisch erkrankter Jugendlicher
Herausgegeben von: Gottfried Maria Barth, Bernd Gomeringer, Max Leutner, Jessica Sänger und Ulrike Sünkel
Hirzel Verlag, Stuttgart, 2020
Gebunden, 320 Seiten, 24,00 €
ISBN 978-3-7776-2885-1

http://www.hirzel.de/titel/61998.html

IM LYRIKRAUM: Marius Tölzer

Der Blick streift in die Weite
Und hält solch ein Bild: ein Traum, Geborgenheit.
Die Wiesen liegen halb im Nebelreiche
Und atmen innig die Verlorenheit.

Aus: „Ein rätselschönes Schweigen“ von Marius Tölzer

Wer diesen kleinen, liebevoll gestalteten Gedichtband zur Hand nimmt, der wird sich, wenn angesprochen, schon nach wenigen Zeilen fühlen, als spräche da eine alte Stimme aus der Vergangenheit zu ihm. Dabei ist der Dichter ein noch junger Mann, doch geschult an Hölderlin, Novalis, Goethe.

Und so ist diese Lyrik im besten Sinne „altmodisch“, erinnert mit ihren rätselschönen Bildern und den Anklängen an klassische Formen (dem Pflaumenbaum ist gar ein Sonett gewidmet) an die große Schule romantischer Dichtkunst. Und doch ist diese Sprache auch ganz gegenwärtig, zeigt Seelen- und Gefühlszustände und wirft Fragen auf, die immermenschlich sind:

Wir sind im tiefen Wesen unergründlich
Begegnen uns in der Unendlichkeit
Erfinden uns und sind doch unerfindlich
Und Träumen meint uns Möglichkeit.

Wer mitträumen möchte: Der Band erschien in der edition tas:ir (tas ir heißt im Lettischen „es ist“ oder „so ist es“), eine Edition für junge Lyrik, herausgegeben von Andres Miklaw, im Mirabilis Verlag.

Mehr zum Dichter findet sich hier: Marius Tölzer

Informationen zum Buch:

Marius Tölzer
Ein rätselschönes Schweigen
Mirabilis Verlag, 2018
48 Seiten, 10,5 x 14,8 cm, 12,00 Euro
12 EURO
ISBN 978-3- 9818484-5-8

Emma Flint: In der Hitze eines Sommers

Bild New York: Bild von laurapuig4 auf Pixabay

Sie war ekelerregend.
Sie war ein Monster:
Sie zog die Knie zu sich heran und ließ sich zur Seite fallen. Vermutlich hörten die Cops inzwischen ihr Telefon ab, und vielleicht hatten sie auch Wanzen in der Wohnung versteckt, deshalb gab sie keinen Ton von sich, denn sie dachte gar nicht daran, ihnen die Genugtuung zu verschaffen, sie weinen zu hören.
Ihr blieb nichts anderes übrig, als still zu halten, in Deckung zu gehen und zu hoffen, dass eines Tages der beste Sex seines Lebens dazu bewegen würde, bei ihr zu bleiben. Weil sie es einfach nicht ertrug, allein zu sein. Weil das ihr ganzes Kapital war.

Emma Flint, „In der Hitze eines Sommers“.

Als in einer heißen New Yorker Julinacht ihre beiden Kinder aus der Wohnung verschwinden und später tot aufgefunden werden, dauert es nicht lange, und die Kellnerin Ruth Malone steht selbst als Hauptverdächtige im Mittelpunkt der Ermittlungen. Die Vorurteils-Maschinerie läuft perfekt: In den Augen der tratschsüchtigen Nachbarinnen, der nach Sensationen heischenden Presse, des moralisch-verklemmten Ermittlers kann nur sie die Täterin gewesen sein. Zu freizügig ihr Sexualleben, zu häufig wechselt sie ihre Bettgenossen. Auch Ehemann Frank, von dem sie längst getrennt lebt, streut auf seine scheinbar unbedachte Art und Weise Zweifel.

In ihrem Debütroman, der unter dem Titel „Little Deaths“ 2017 im Original in London erschien, entwickelt Emma Flint das Psychogramm einer Frau, um die sich die Kreise der gesellschaftlichen Missachtung und persönlichen Rachlust durch Menschen, die sich allein von Ruths Art vor den Kopf gestoßen fühlen, immer enger drehen. Susanne Keller gelingt es in ihrer Übersetzung, die Mischung aus Tempo und Subtilität, die dieses Buch zu einem Pageturner macht, gekonnt umzusetzen.

Emma Flint, Absolventin des Schreibprogramms der Faber Academy in London, weiß als solche, einen Spannungsbogen zu setzen – das liest sich für ein Debüt fast schon routiniert, was aber bei dieser Story keineswegs von Nachteil ist. Bis zuletzt dürfen die Lesenden selbst an Ruths Schuld oder Unschuld zweifeln.

Für „In der Hitze eines Sommers“ nahm sich die Autorin den Fall der Amerikanerin Alice Grimmins als Inspirationsquelle, die 1965 wegen des Mordes an ihren beiden Kindern verurteilt wurde – bis zuletzt ab es Zweifel an ihrer Täterschaft, es konnten keinerlei Beweise gefunden werden, die sie oder jemand anderen in Zusammenhang mit der Entführung und dem Tod der beiden Kleinen in Zusammenhang brachten.

Flint nutzt diese Vorlage, um in ihrem Roman deutlich zu machen, dass in den Augen der Öffentlichkeit die vermeintliche Täterin sich in anderer Beziehung schuldig gemacht hat. Eine Freundin, ihre einzige Freundin, bringt dies im Gespräch mit einem Reporter auf den Punkt:

Gina lächelte. »Allerdings. Wissen Sie, was sie gesagt hat? Sie hat gesagt: Ich wollte das nie – heiraten und Kinder und all das. Ich wollte immer anders sein als die anderen.«

Wer anders sein will als die anderen wird in einer puritanischen Gesellschaft wie den USA der 1960er (und auch bis heute noch) misstrauisch beäugt, vorverurteilt, bestraft. Zumal sich Ruth auch in der größten Krise noch weigert, sich den Konventionen anzupassen: Selbst als sie trauert, achtet sie auf ihr Äußeres, zeigt keine Tränen, verweigert angepasstes Verhalten. „In der Hitze eines Sommers“ ist weniger die Geschichte eines Kriminalfalls, vielmehr eine Erzählung über den Druck gesellschaftlicher Konventionen, dem außergewöhnliche Frauen ausgesetzt sind. Bis hin zu ihrer Anhörung im Gefängnis:

„Stattdessen nimmt sie ein Papiertuch aus dem Spender, den sie zur ihr hinschieben, und drückt es an ihr tränennasses Gesicht. Sie presst es ganz fest auf den Mund, damit die Wahrheit nicht herauskommt.
Die anderen sehen und hören nur ihre Tränen, und sie nicken zufrieden, weil sie nun endlich ein gebrochener Mensch ist.“

Für einen gebrochenen Menschen, für eine Mutter, die beide Kinder verloren hat, kann es kein Happy End geben. Aber Emma Flint überrascht mit einer ungewöhnlichen Lösung, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll. Und so endet das Buch für die Protagonistin nach ihrer Haftentlassung zumindest etwas versöhnlich, nicht ganz hoffnungslos und zeigt zudem, dass die Autorin auch ein Händchen für atmosphärische Dichte hat:

„Sie streckt den Rücken noch ein wenig mehr durch. Atmet den Geruch von Benzin und Juicy Fruit ein, von warmen Donuts, der von einem Stand an der Straße hereinweht, den wohltuenden, leicht süßen Geruch der Lederjacke des Fahrers. Die Straße vor ihnen steigt an, und der Wagen fährt hinauf in das unendliche Blau des Sommerhimmels.“

Informationen zum Buch:

Emma Flint
In der Hitze eines Sommers
Piper Verlag, 2020
Klappenbroschur, 416 Seiten, 16,99 €
EAN 978-3-492-06160-5

Weitere Besprechungen: Auch Petra Pluwatsch beim „Bücheratlas“ mochte das Buch – https://buecheratlas.com/2020/08/31/eine-frau-wie-rusty-in-der-hitze-eines-sommers-ist-das-fabelhafte-krimidebut-von-emma-flint/

 

 

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Ein Drama aus Eifersucht und häuslicher Gewalt im vermeintlich idyllischen Oberbayern

Bild: Florian Pittroff

Gastautor Florian Pittroff bringt heute wieder einmal etwas für die Freundinnen und Freunde der Spannungsliteratur. Obacht!

„Tote Hand“ ist bereits der achte Teil der genialen oberbayerischen Krimi-Reihe mit dem sachlichen Kommissar Wallner und dem etwas unbeständigen Polizisten Kreuthner. Wie alle andern Teile auch spannend, reizvoll und wunderbar amüsant geschrieben. Dabei bleiben witzige Dialoge niemals auf der Strecke.

(…) Und in dem Moment spannt der Fuchs, dass mir hinschauen, und haut ab.« Kreuthner hob die Hände, und die Geste besagte in etwa: Was es nicht alles gibt. »Schöne Geschichte. Und was ist wirklich passiert?« »Ja, glaubst am Polizeikollegen vielleicht net? Jetzt wird’s aber hint höher wie vorn.« (…)

Mich überzeugt der Schreibstil von Andreas Föhr. Ich bin ein Fan der kurzen Kapitel, die immer wieder zum Weiterlesen animieren, so dass man fast versucht ist, das Buch bis zum Ende nicht mehr aus der Hand zu legen.

Darum geht’s:

„Kommissar Clemens Wallner von der Kripo Miesbach und Polizeiobermeister Leonhardt Kreuthner, liebevoll „Leichen-Leo“ genannt, bekommen alle Hände voll zu tun, als ausgerechnet der Schafkopf-Held Johann Lintinger durch eine Schrottschere seiner rechten Hand beraubt wird. Ein würdiges Begräbnis muss her für diese legendäre Rechte, beschließt Polizeiobermeister Leonhardt Kreuthner, und so wird gleich neben einer alten Kapelle, die hinter dem Garten der Mangfall-Mühle steht, ein Grab ausgehoben. Dabei macht »Leichen-Leo« seinem Spitznamen mal wieder alle Ehre, denn der Ruheplatz ist bereits belegt: von einer männlichen Leiche“…

Die „Tote Hand“ ist auf den ersten Blick sehr komplex und vielschichtig. Aufbau, Entwicklungen und Verknüpfungen an den verschiedensten Orten – ausgehend von Berlin, über Miesbach, Waakirchen, Rottach-Egern und zurück nach Berlin – sind vortrefflich. Der gelernte Jurist Föhr schreibt seine Story mit Handlungen in der Gegenwart und in der Vergangenheit blitzgescheit und zum Schluss wird logisch aufgelöst.

Nicht zu vergessen die Geschichte in der Geschichte über die schrulligen und sonderbaren Zusammenhänge im Privatleben von Wallner mit Großvater Manfred.

(…) Wallners Großvater hatte sich verändert. (…) Zum Beispiel rasierte er sich jeden Tag. Bis vor einem halben Jahr hatte einmal die Woche genügt. Und er setzte sich in die Sonne. Der letzte Sommer hatte viel Sonne gebracht, und Manfreds faltiges Gesicht hatte eine sportliche Bräune bekommen. (…)

Andreas Föhr braucht keine blutigen Gewaltszenarien, Kommissar Wallner und der Polizist Kreuthner müssen keine coolen Cops mit aalglatter Uniform und überheblichem Gehabe sein, um beim Leser zu punkten. Die beiden leben durch ihren herrlich ehrlichen Charakter, den Andreas Föhr ihnen angeschrieben hat und das nun schon zum achten Mal.

Ich bin ein wahrer Hardcore-Fan von Andreas Föhr und seinen Wallner und Kreuthner Krimis!

Florian Pittroff

Homepage: https://flo-job.de/

Informationen zum Buch:

Andreas Föhr
Tote Hand
Verlag Droemer Knaur, 2019
Paperback, 384 Seiten, 14,99 €,
ISBN: 978-3-426-65447-7

Deniz Ohde: Streulicht

Bild: Bild von Ralf Vetterle auf Pixabay

„Niemand hatte sich je die Zeit genommen, den Scheffel ausfindig zu machen, unter dem mein Licht stand; der Scheffel war der Satz selbst, der Scheffel waren die Wände, gegen die nachts die Aschenbecher flogen, der Scheffel war »Sei still« und »Sprich lauter«, zwei Forderungen, die ich gleichzeitig erfüllen sollte. Paradox oder nicht, schlussendlich war es meine eigene Schuld, dass ich Ihnen nicht Folge leisten konnte.“

Deniz Ohde, „Streulicht“

Es ist kein Roman der lauten Töne, dieses einprägsame Debütwerk von Deniz Ohde, es ist tatsächlich ein „leise schreiendes“ Buch, wie es Stefan vom Blog „Poesierausch“ bezeichnete. Und ein Debüt, das einen so sehr einnimmt beim Lesen, dass es zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist. Und das einen in der Konsequenz gerade dazu zwingt, genauer hinzuschauen, sensibler zu werden für das, was Ausgrenzung und Alltagsrassismus tatsächlich bedeuten.

Die Ich-Erzählerin in diesem Entwicklungs- und Bildungsroman trägt von Beginn an ein Stigma: Der Vater Alkoholiker, die Mutter der Armut und der Enge der Türkei entflohen, das Elternhaus ein Messiehaushalt, vom Vater und dem langsam dahinsiechendem Großvater vollgemüllt. Obwohl das Mädchen, das im Streulicht einer Industrieanlage im Ruhrgebiet aufwächst, Freunde aus der Mittelschicht hat, obwohl sie sich unbewusst anzupassen versucht, leise bleibt, zurückgenommen, instinktiv nicht auffallen will, trägt sie das Stigma an sich: Das Aussehen, die ärmliche Kleidung, die mit den Modetrends nicht mithalten kann und nach Zigarettenrauch stinkt, allein schon der Vorname, der genügt, um zu zeigen, dass sie anders ist. Als im Schulhof das erste Mal das „K“-Wort fällt, wird von allen Seiten beschwichtigt: Die Lehrerin bezeichnet die Rangelei unter Schülern, die Aggression als „Unfall“, die Mutter meint, das sei ein Schimpfwort, mit dem die Tochter nicht gemeint sein könnte: „Du bist Deutsche“.

Ganz behutsam, in immer dichteren Kreisen, steuert Deniz Ohde auf den Kern ihrer Erzählung zu: Was es bedeutet, qua Herkunft festgelegt, etikettiert zu sein, immer wieder auf unsichtbare Grenzen zu stoßen. So begreift die Ich-Erzählerin nicht, was ihr und anderen die Lehrer bei der Aufnahme auf das Gymnasium sagen wollen, als sie ihren Schülerinnen und Schülern immer wieder predigen, sie gehörten nun zur „zukünftigen Elite“.

„Es handelte sich dabei um eine implizite Aufforderung, so viel ahnte ich damals schon, aber welches Verhalten genau von mir verlangt wurde, was genau damit zusammenhing, dass ich zur Elite gehören sollte, verstand ich nicht, und es war auch keine Frage, die ich mir bewusst stellte, sondern vielmehr eine allgemeine Ratlosigkeit, die sich daraus ergab.“

Verstärkt wird diese Ratlosigkeit durch unachtsame Äußerungen der besten Freundin, für die Reitunterricht und Ballett Selbstverständlichkeiten sind, von kleinen Bemerkungen, die auf ihr Äußeres abzielen, von der Scham und den Zuständen zuhause, die verhindern, dass jemand von außen in dieses Haus kommen kann.

„Es hatte etwas mit meinem geheimen Namen zu tun und damit, dass ich wenig Gemüse aß, dass mein Vater mir alle paar Wochen etwas Obst schnitt und der Meinung war, so bliebe ich gesund, dass ich zum Mittagessen Tiefkühlpizza bekam und niemand in unserer Wohnung an irgendeinem Tisch aß, weil diese voller Zeitungen und leerer Döschen waren.“

Und doch, trotz all der Hindernisse, die zwischenzeitlich zum Schulversagen und Arbeitslosigkeit führen, bringt die Protagonistin einen ungeheuren Bildungswillen und charakterliche Stärke mit. Auf dem zweiten Bildungsweg holt sie den Schulabschluss nach, kommt an die Universität, lässt das Streulicht hinter sich – um natürlich auch an dem neuen Ort an die alten Muster und Grenzen zu stoßen. Das Kind, das früh weiß, dass es „mindestens dreihundert Kilometer Distanz zwischen mir und dem Ort schaffen würde“, wird zur Erwachsenen, die befürchtet, dass ihr nichts anderes übrigbleibt, „als mich an den Ort zu gewöhnen.“ Und doch liegt, als sie ihren Vater besucht, auch etwas Tröstliches in dem Satz, den er ihr beim Weggehen mitgibt: »Wenn`s nichts wird, kommst wieder heim.«

Der bereits mit dem Literaturpreis 2020 der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichnete Roman ist ein Buch der leisen Töne, der langsamen Entwicklung, der dennoch mit beeindruckender Klarheit von einer Gesellschaft erzählt, die auf der Illusion basiert, es bestünden Chancengleichheit und Bildungsmöglichkeiten für alle. Ruhig, fast schon bedächtig, und mit ganz feinen, beinahe schon poetischen Alltags- und Umgebungsbeschreibungen, die auch die Industriebrache in ein weicheres, ein Streulicht tauchen, widerlegt Deniz Ohde mit diesem beeindruckenden Roman diese Grundannahme. „Streulicht“ beeindruckt mit der Klarheit, mit der einem vor Augen geführt wird, wie unterschwellig Klassifizierung geschieht und wirkt.

Birgit Böllinger

Informationen zum Buch:

Deniz Ohde
Streulicht
Suhrkamp Verlag, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag, 284 Seiten, 22,00 Euro
ISBN 978-3-518-42963-1

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IM LYRIKRAUM: Matthias Engels

TOTGESAGTER PARK (HERBST I)

der himmel bemüht sich
um möglichst beiläufiges blau
und allgemein weiß das wetter
nicht so genau wohin
ohnehin und her
ist`s schweres gehen
bei all dem grün-
schnitt

und all das welke geht mit
es ist kein geheimnis wohin
immer du schreitest
begleiten dich saat und keimnis
ist der garten schoß
und offener sarg
zugleich

Aus dem Gedichtband „wir alle strahlen“ von Matthias Engels

Gedichte lehren einen das genaue Hinschauen. Schon Stefan George sprach die explizite Aufforderung aus „komm in den totgesagten park und schau“ und Jahrzehnte später spinnt Matthias Engels diesen Gedanken weiter. Der 1975 am Niederrhein geborene Schriftsteller stellt sich mit seinem jüngsten Lyrikband in eine große Tradition, weckt Assoziationen zu George, Benn, Trakl, Rilke und ist dabei jedoch auch ganz und gar gegenwärtig, ein Kind seiner Zeit.

du sagst: Herrgottnochmal
der sommer war sehr klein
und der herbst nicht mehr
lassen wir den winter nicht rein
und hoffen dass er draußen
nichts anstellt

Auszug aus „Dein Traum muss durch die Wand“.

„wir alle strahlen“ nimmt einem beim Lesen gefangen durch eine eigenartigen Wechsel von Melancholie und Lebenslust, Saat, Keimnis und offener Sarg zugleich. Da wandert ein lyrisches Ich durch Landschaften und Städte (ein schönes Bild: die stadt trägt schuhe/aus mörtel und geröll), durch Innenräume und Außenwelt und lässt den Leser teilhaben an seiner sensitiven Beobachtungsgabe, die Auge und Ohr hat selbst für den „aufprall der trockenen blätter/auf den gehwegplatten“.

Es bedarf eben eines Poeten, um „die romantik von mono/blocksessel und filterkaffee“ zu würdigen.
Das sind Gedichte, die das Sehen, das Hinsehen und die Würdigung des Alltäglichen zelebrieren und in wunderbare Bilder verwandeln:

die sonne von lamellen
in feine streifen aufgeschnitten
in dieser stunde sind alle getigert

Informationen zum Buch:

Matthias Engels
wir alle strahlen
edition offenes feld, Dortmund, 2020
Hardcover, Schutzumschlag, 68 Seiten, 15,50 €
ISBN 9783751952613
http://www.offenesfeld.de/Engels.html

Eine Besprechung findet sich auch beim Lyrikhaus Fischer: https://lyrikatelierfischerhaus.com/2020/08/31/wir-alle-strahlen/

Mut zur Unschärfe mit Iris Wolff

„Wie eine Ader schlängelte sich die Marosch durchs flache Land.“ Bild: Ortwin-R. Bonfert

In der „Unschärfe der Welt“ verknüpft Iris Wolff die Lebenswege einer Familie und deren Freunde über mehrere Generationen hinweg und schafft ganz nebenbei ein Hommage für die Menschen einer Kulturlandschaft in Rumänien. Ortwin-Rainer Bonfert, ein Kenner von Land und Leuten, zeigt die Besonderheiten dieses Romanes auf. Vielen Dank für diesen Gastbeitrag!

Eigentlich trivial: Junges Paar verschlägt’s aus der Stadt ins dörfliche Flachland, es kommt ein Kind, Freunde, Dorftratsch, Flucht, Tod und Glück liegen nah bei beieinander. Aber Iris Wolff erzählt nicht trivial. Was zeichnet diesen, ihren vierten biographisch geprägten Roman aus, der es zu mehreren Nominierungen etablierter Buchpreise geschafft hat?

Da wäre die Landschaft der Banater Tiefebene im Westen Rumäniens, mit der das Schicksal der Menschen eng verbunden ist. „Der Grad des Glücks wurde hier festgelegt“, in dieser Landschaft, die sich spürbar macht. „Es gab das Grau des Himmels. Den Fluss und die Weiden. Die weite Ebene und die Einsamkeit. Es gab den Rand und die Mitte. Das Ja und das Nein. Die Ungewissheit.“

Da wäre auch der Mikrokosmos einer multiethnischen Dorfgemeinschaft, vereint in ihrer Vielfalt. Da fragt eine Protagonistin: „Was meinst Du mit einheimisch? Schwäbisch, slowakisch, ungarisch, rumänisch, tschechisch, jüdisch oder vielleicht serbisch?“

„Die Weizenfelder waren abgeerntet, der Mais stand hoch. Die Ebene reichte so weit man sehen konnte. Der Himmel beanspruchte den größten Raum, ohne den Widerspruch von Bergen…“ Bild: Ortwin-R. Bonfert

Die Bezeichnung Familienroman würde diesem Werk nicht ganz gerecht werden. Es gibt miteinander verwandte und bekannte Charaktere. Sie fallen durch ihr Handeln auf, aber noch prägnanter durch ihre Sichtweise. Iris Wolff gestaltet jedes Buchkapitel aus der Perspektive eines anderen Protagonisten. „Die Leute erzählten ihre Geschichten auf seltsam feststehende Weise. Als wären sie genau so passiert. Dabei war (…) jede Geschichte auf hundert mögliche Weisen passiert, und alle waren gleich wahr und nicht war.“

Doch der wesentliche Protagonist dieses Werkes ist der Leser selbst, mit eigener Perspektive und Lesart. „Die Erinnerung ist ein Raum mit wandernden Türen.“ Da hält man beim Lesen unwillkürlich inne, um sich das selber ausmalen zu können. Iris Wolff gibt ihren Leser*innen Raum, die Erzählungen ins Detail weiter zu denken und vermittelt bei aller Unschärfe ein überraschend deutliches Gefühl für den multiethnischen Mikrokosmos eines Grenzdorfes im Wandel der Zeit.

Und jene Zeit hatte es in sich. Die Welt war gespalten und dazwischen verlief der Eiserne Vorhang. Die Autorin läuft zur Höchstform auf, wenn sie den rumänischen Diktator und sein menschenverachtendes System mit einer gehörigen Portion Galgenhumor beschreibt: „Er war (…) ein Familienmensch. Was lag da näher, als alle wichtigen Ämter an Familienmitglieder zu verteilen?“

Worte werden zu Sätzen gereiht, die gelegentlich wie der Fluss Marosch von Seite zu Seite voller poetischer Leihgaben dahinströmen und nie langatmig wirken: „… die Karpaten. Ihre Gegenwart veränderte das Licht. Zu Mittag war es grünlich-violett (im Winter silbrig-blau), am Nachmittag ein Goldgelb, das am Abend ins Kupferfarbene überging.“ Treffsicher in der Wortwahl reichen Iris Wolff wenige Sätze, um in der Phantasie des Lesers ein Bild der Örtlichkeiten entstehen zu lassen.

Gönnen wir uns doch im Infomationszeitalter mehr Unschärfe. Gewähren wir neben dem Wissen der Phantasie mehr Platz. Ziehen wir doch mehrere mögliche Blickwinkel zum Geschehen in Betracht. Nehmen wir als rational denkende Wesen die Wirkung der umgebenden Landschaft auf uns hin. Leben wir gelassener unser Leben im Strom der Zeit. um politisch-sozialen Unwegbarkeiten mal ausweichend, mal trotzend zu begegnen, auch wenn das nicht unserem genauen Lebensplan entspricht. Akzeptieren wir den anders sprechenden Nachbar, selbst wenn wir ihn nicht so gut verstehen. Gönnen wir uns Toleranz und Unschärfe. Das Buch „Die Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff ist jeden falls ein Lesevergnügen.

Preisnominierungen: Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2020, den Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Belletristik 2020 sowie den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2020.

Ein Gastbeitrag von Ortwin-R. Bonfert

Informationen zum Buch:
Iris Wolff
Die Unschärfe der Welt
Klett-Cotta Verlag, 2020
216 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 20,00 €
ISBN: 978-3-608-98326-5

 

Ein kleines Theater, ein großes Buch und viele Kindheitserinnerungen: Herzfaden

Bild: Florian Pittroff

Als Literaturblog aus Augsburg kommt man an diesem Roman natürlich keinesfalls vorbei. Und wer wäre prädestinierter dafür, über ihn zu schreiben, als Gastautor Florian Pittroff, der die Augsburger Puppenkiste und ihre Macher seit Kindesbeinen kennt?

Eines gleich vorweg: Das Buch ist eine wunderbare Würdigung einer der wichtigsten deutschsprachigen Kulturinstitutionen der frühen Bundesrepublik. Es ist die Geschichte eines einmaligen Theaters und der Familie, die es gegründet und berühmt gemacht hat. „Herzfaden – Roman der Augsburger Puppenkiste“ ist zu Recht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2020.

Das Buch hat zwei Handlungsebenen. Auf der ersten Ebene erzählt der Autor die Geschichte der Familie Oehmichen und die der Augsburger Puppenkiste. Auf einer zweiten Ebene gerät ein junges Mädchen nach einer Vorstellung der Augsburger Puppenkiste durch eine verborgene Tür auf einen märchenhaften Dachboden, auf dem viele Freunde warten: Prinzessin Li Si, Kalle Wirsch und das Urmel. Vor allem aber die Frau, die all diese Marionetten geschnitzt hat – über 6000 sollen es gewesen sein – und nun ihre Geschichte erzählt. Der Buchtitel kommt natürlich auch nicht von ungefähr: „Der Herzfaden?“, fragt Hatü. „Der wichtigste Faden einer Marionette. Nicht sie wird mit ihm geführt, sondern mit ihm führt sie uns. Der Herzfaden einer Marionette macht uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.“ „Das hast du dir ausgedacht, Papa. (…)“

Die Biographie der Familie Oehmichen hat mich echt bewegt. Sie beginnt im 2. Weltkrieg, als Walter Oehmichen, ein Schauspieler des Augsburger Stadttheaters, in der Gefangenschaft einen Puppenschnitzer kennenlernte und für die eigene Familie ein Marionettentheater baut. In der Bombennacht 1944 verbrennt es zu Schutt und Asche. „Herzfaden“ erzählt von der Wiedergeburt dieses Theaters und von der Kraft der Fantasie in dunkler Zeit. Thomas Hettche schießt aber nicht Fakten, Fakten, Fakten aus dem 2. Weltkrieg aus der Hüfte, sondern er erzählt bedachtsam und behutsam. Wie ist das, wenn die Freundin plötzlich verschwindet, wenn die Nachbarn zu Rechtlosen werden. Und was passiert in einer Kinderseele, wenn die Flugzeuge kommen:  „Vorhänge aus Brandfontänen jagen (…) gen Himmel, der blutrot ist.“.

Es sind die einfühlsamen Momente, die dieses Buch so liebens – und lesenswert machen und die ganze Magie dieser besonderen Kiste aufleben lassen. „Alle versammelten sich jetzt um ihn (Walter Oehmichen). Viele würden ihn fragen, beginnt er, weshalb er kein richtiges Theater mehr machen wolle. Aber ihm sei klar geworden, dass Puppentheater noch mehr Theater sei als Menschentheater. Marionetten seien die ehrlicheren Schauspieler“.

Als Augsburger habe ich mich sehr auf das Buch gefreut und wenn dann auch noch die Plätze, Orte und Straßen aus meiner Heimatstadt darin vorkommen, ist es wie ein Eintauchen in die Heimatstadt: „Wenig später tauchte rechter Hand der Siebentischwald auf, (…) dann das Rote Tor. (…). Es gibt Bilder vom Schwarzmarkt am Augustusbrunnen.“

Für mich war es ganz wunderbar, dieses Buch zu lesen, auch oder gerade deshalb, weil ich in meiner Kindheit Hannelore Marschall, Hanns Marschall, Walter Oehmichen und viele der Buchprotagonisten persönlich kennenlernen durfte. Nicht zuletzt auch Klaus und Jürgen Marschall. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Ich kann mich gut erinnern, Hannelore Marschall saß meist in ihrem Atelier und hat geschnitzt und geraucht und geschnitzt und aus einem rohen Holzblock wurden bedeutende Charaktere, die fast jeder kennt und die niemand missen möchte. Sie hatte übrigens auch einen Löwenanteil daran, dass sich die Puppenkiste gewandelt hat. Nicht nur klassische Märchen standen fortan auf dem Spielplan, sondern auch „Der kleine Prinz“ oder „Jim Knopf“.

Und ganz zum Schluss sei noch erwähnt: Die Zeichnungen auf dem Umschlag, auf dem Einband und im Buch selbst sind von Matthias Beckmann, Homepage des Künstlers: http://www.matthiasbeckmann.com/.

Florian Pittroff

Homepage: https://flo-job.de/

Informationen zum Buch:

Thomas Hettche
Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste
Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2020
288 S., 24,00 €, als E-Book 19,99 €

IM LYRIKRAUM: Gerd Baumann

Hochintressant

Alles kommt, wie`s kommen muss,
alles gießt sich hin im Fluss,
ich wart, im Regen, auf den Bus
und geh, wenn er nicht kommt, zu Fuß.

Gerd Baumann, „Hochintressant“ aus „Das Schaf des Pythagoras“.

Lyrik muss für mich nicht immer hermetisch, symbolgeladen, verschlüsselt und mit Metaphern überfrachtet sein. Mein schlichtes Gemüt ergötzt sich durch aus an gehobenem Blödelsinn, da bricht dann durch, dass auch ich der Generation entstamme, die mit Heinz Erhardt sozialisiert wurde.

Und so können mich auch die verrückten, verspulten Gedichte des bayerischen Musikers und Lyrikers Gerd Baumann herrlich amüsieren: Da wird mit viel Witz und Hintersinn den großen Fragen der Menschheit nachgegangen, beispielsweise: „Was, wenn Ich nicht mehr Ich wäre, sondern Du!“. Am Ende möchte man das Du denn doch Du sein lassen. Oder warum einer den Moment, den man Leben nennt, „knetet“, dichtet und singt? Das liegt auf der Hand: „denn, wenn`s heißt: Jetzt ist`s gewesen/ gibt`s Musik und was zu lesen“.

Baumann unterhält mit seinen schrulligen Einfällen mal mit ironischen Kurzzeilern, mal gereimt, mal in freien Rhythmen, und mittendrin stößt man sogar auf eine ausgewachsene Ballade: Die „Malade Ballade vom unbekannten Mann“. Eines haben die Gedichte, trotz unterschiedlicher Form, jedoch immer gemeinsam: Sie sind, auch bei ernsteren Themen, selbst dann, wenn es politisch wird, von einer wohltuenden Leichtigkeit. Ein Beispiel:

Hase, du bleibst hier
Chemnitz, Sommer 2018

Fast wär er hinterhergesprungen
dem einen, vielgehassten, dunklen
Fremder, der hier einfach eingedrungen,
doch so blieb`s beim Augenfunkeln

und beim wohlvertrauten Grölen
mit seiner Glatzen-Clique, die seit Jahren
was man ja wohl noch sagen darf
sagt, und – eben – unverhohlen grölt.

Doch plötzlich duckt und zuckt der Nazi
wie ein gut gezähmtes Tier,
da ein Stimmchen ihn zur Ordnung ruft:
Hase, du bleibst hier.

Ein besonderes Faible scheint der Autor für Schafe zu haben, diese oft als dumm verpönten Tiere. Da gibt er dann den Wolf im Schafspelz und schmuggelt vollkommene Nonsense-Vierzeiler in den Gedichtband und das Langgedicht „Hintersinnige, hommage-artige Ansprache eines gerissenen Schafs an einen aus Schafsicht vermeintlich idealen Schäferhund, der am Ende nur scheinbar enttäuscht ist und besonnen, aber krude reagiert.“

Dazu kann ich nur sagen: Mäh! Ich wünsche euch einen höchst vergnüglichen Sonntag.

Zum Autor:
Gerd Baumann studierte in München und Los Angeles Gitarre und Komposition. Er hat unter anderem die Musik für Filme von Regisseur Marcus H. Rosenmüller geschrieben, betreibt das Plattenlabel „Millaphon Records“ und den Musik-Club „Milla“ in München.

Zum Zeichner:
Martin Klett ergänzt die skurillen Gedichte durch witzige, in der Form reduzierte Illustrationen. Er studierte Design in München und ist Inhaber der Agentur „Perfect Accident“.

Zum Buch:
Gerd Baumann
Das Schaf des Pythagoras
edition lichtung im lichtung verlag, 2020
Gedichte, mit Illustrationen von Martin Kett, 2020, Hardcover, 96 Seiten, 14,90 Euro
ISBN 978-3-941306-98-1
Weitere Informationen mit Konzert zur Buchpremiere hier: https://www.lichtung-verlag.de/index.php/aktuelles/2-uncategorised/61-gerd-baumann.

Christoph Peters: Dorfroman

By © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11498055

„Obwohl nichts mehr so ist wie zu der Zeit, als ich hier aufgewachsen bin, habe ich oft darüber nachgedacht, zurückzukehren. Weniger, weil ich noch immer unter Heimwehattacken leide oder mir andernorts etwas Bestimmtes fehlt. Wahrscheinlich würde mir in Hülkendonck nach wenigen Wochen weit mehr fehlen als überall, wo ich nach meinem Weggang länger gelebt habe. Trotzdem: Nirgends sonst hat sich je wieder dieselbe Vertrautheit mit Landschaft, Wetterverhältnissen, Sprachmelodie eingestellt. Am Rheinufer zu sitzen, mit unserem Haus im Rücken aufs Wasser zu schauen, erscheint mir zumindest für Momente wie ein Ausweg aus jeglicher Lage.“

Christoph Peters, „Dorfroman“

Der Heimatbegriff, häufig missbraucht, irgendwie abgenutzt, zwiespältige Gefühle hervorrufend. Und dennoch einer dieser wirkmächtigen Wörter, mit so viel Emotionen aufgeladen. Heimat, das ist für viele zugleich auch die Provinz, aus der man flieht, Zuflucht sucht und scheinbare Freiheit in den Städten. Provinzroman und Heimatdichter: In der zeitgenössischen Literatur ist man damit durch. Umso mehr erscheint es fast wie ein tollkühnes Wagnis, was Christoph Peters hier mit seinem jüngsten Roman unternommen hat: Er schrieb einen „Dorfroman“ und nannte ihn auch ganz keck so.

Doch dieses starke, ruhige Werk zeigt, was Christoph Schröder bereits in einer „Polemik“ 2011 in der „Zeit“ schrieb:

„Von ländlichen Gefilden in der gegenwärtigen deutschsprachigen Literatur geht eine weitaus größere Sprengkraft aus als von den urbanen Selbstverhätschelungen; ein weitaus größerer Realitätsgewinn als von all diesen Erzählungen von Leuten, die mit Flugzeugen über die Kontinente fliegen, um irgendwelche Gender-Abenteuer zu erleben.“

Für Sprengkraft sorgt in dieser Entwicklungsgeschichte ein Bauwerk, das von Beginn an höchst umstritten war: Der „Schnelle Brüter“ in Kalkar am Niederrhein, der 1985 fertiggestellt wurde, jedoch nie in Betrieb ging und später Teil eines Freizeitparks wurde. Der Atomreaktor sorgt auch für einen bodentiefen Riss durch das ganze Dorf Hülkendonck, in dem der Erzähler gut behütet aufwächst: Die Eltern, längst dem Bauernstand entwachsen, sind der neuen Technik gegenüber aufgeschlossen, die Landwirte hingegen wehren sich gegen Enteignung, Landwegnahme, Veränderung.
Peters erzählt die autofiktionale Geschichte „seines Dorfes“ und seines Protagonisten auf drei Zeitebenen, die einander abwechseln: Aus der Perspektive des Kindes, das gutgläubig und blauäugig die Glaubenssätze der Eltern und zahllosen Tanten nachbetet, das sich vor der Roten Armee Fraktion mehr fürchtet als vor einer unkalkulierbaren Technik. Der Jugendliche verliebt sich in Juliane, die auf der „anderen“ Seite steht, eine junge Frau, vom autoritären Vater gebrochen, die in einer Kommune ein anderes Leben, das Glück sucht und doch nicht findet. Und dann, Jahrzehnte später, führt der erwachsene Sohn die Leser zurück zu den alt gewordenen Eltern, erinnert sich an die Jahre des Aufbruchs und der Zerrissenheit.

Das alles ist ganz gelassen und ohne falsche Sentimentalität erzählt, selbst das große Trauma – der Suizid Julianes, die sich, nachdem die Polizei Kommune und Träume weggeknüppelt hat, ins Wasser begibt – wird beinahe nüchtern verhandelt. In dieser Ruhe liegt jedoch die Kraft dieser Art des Erzählens: Sie lässt Platz für subtile Ironie, insbesondere dort, wo das Kind aus Kinderaugen über die Erwachsenen berichtet, die Krieg und Hitler verdrängen wollen, angetrieben vom Wunsch, „dass die Kinder es einmal besser haben“. Sie lässt Platz für diese Zwischentöne, Zwischengefühle, die wohl jeder kennt, der in „der Provinz“ aufwuchs: Man möchte nichts als weg von dort, der Enge entfliehen und hängt dennoch an einem unsichtbaren Faden, der einen mit einem Teil seines Daseins an die Provinz, die Heimat, das Elternhaus bindet.

Und nicht zuletzt besticht dieser Roman durch seine Realitätsnähe: Selten findet man in literarischen Werken den normalen Familienalltag, das Denken der Mittelschicht, die Gefühlslage und Gedankenwelt der Nachkriegsgeneration und ihrer Nachkommen so exakt beschrieben wie in diesem „Dorfroman“. Peters ist Jahrgang 1966, ebenso wie ich – und an so vielen Stellen musste ich nicken, schmunzeln und mich wundern: Ob in Hülkendonck oder in Burgrieden oder in einem anderen Dorf der BRD: Die Verhältnisse ähnelten sich, die Glaubenssätze glichen sich, die Uhren tickten gleichartig. Insofern ist der „Dorfroman“ auch großartiges Abbild unserer Zeit.

Das Buch ist auch psychologisch stimmig bis hin zum letzten Absatz, der die Zerrissenheit des Erwachsenen aufzeigt, der ein langes Pfingstwochenende bei den Eltern kaum aushalten kann, fluchtartig zurückfährt nach Berlin und doch vom Gedanken geplagt wird, die Alten dort allein zu lassen:

„Ich werde trotzdem ins Auto steigen, zurück nach Berlin fahren, wo ich auch nicht zu Hause bin.
Es ist falsch.“

Birgit Böllinger

Zum vertieften Nachlesen: Die Rezension von Christoph Schröder in der Zeit.

Christoph Peters ist auch bildender Künstler. Auch davon gibt es auf der Homepage etwas zu sehen:
https://www.christoph-peters.net/

Informationen zum Buch:

Christoph Peters
Dorfroman
Luchterhand Verlag, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag, 416 Seiten, 22,00 Euro
ISBN 978-3-630-87596-5