Rose Ausländers „Leben im Wort“

Vor wenigen Wochen, genau am 11. Mai, wurde der 120. Geburtstag von Rose Ausländer (1901 – 1988) gefeiert. Ein kleines Portrait der Dichterin ist auf diesem Blog bereits zu finden.
Aktuell ehrt der Ulmer Verlag „danube books“ die große jüdische Wortkünstlerin mit einer bezaubernden Graphic Novel, die zum Jubiläumsjahr erschienen ist.

„Leben im Wort“ zeichnet das wechselvolle Schicksal der Lyrikerin nach, das sie von der grünen Bukowina und vom multikulturellen Czernowitz in die USA und wieder zurück nach Europa bis hin zu ihrem Lebensabend in Düsseldorf führte. Ein steter Begleiter war dabei das Wort: Die Fülle der Gedichte von Rose Ausländer zeugt davon, wieviel sie zu sagen hatte, die Schönheit ihrer Sprache ist auch ein Indiz für diese besondere kulturelle Landschaft der Bukowina, die mit ihr und Paul Celan zwei der größten Dichter dieser Zeit hervorbrachte. Und die beide ihr Leben lang die Vertreibung aus „dieser friedlichen Hügelstadt/von Buchenwäldern umschlossen“ in ihren Zeilen verarbeiteten, sondern auch Vertreibung, Tod und Unbehaustheit im Exil. In dem oben zitierten Gedicht „Cernowitz vor dem Zweiten Weltkrieg“, das auch in der Graphic Novel zu finden ist, schreibt Rose Ausländer:

Ihr Leben lang hatte Rose Ausländer Sehnsucht nach ihrer grünen Mutter, dem Buchenland der Bukowina. Bild von Dan Fador auf Pixabay

„Vier Sprachen
Verständigen sich
Verwöhnen die Luft

Bis Bomben fliegen
Atmete glücklich
Die Stadt“

Dr. Oxana Matiychuk, selbst in der Vielvölkerstadt, die heute zur Ukraine gehört, geboren, erzählt das Leben der Rose Ausländer chronologisch nach – von der behüteten Kindheit, die abrupt durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen wird. Hier macht die junge Rose die erste Exilerfahrung, die Familie flieht nach Wien, kehrt aber in das Buchenland zurück. 1920 dann der zweite Wendepunkt durch den frühen Tod des Vaters, Rose Ausländer geht, wie viele andere auch, in die USA. Dies ist nicht die letzte örtliche Veränderungen in diesem von Veränderungen geprägten Leben – lange, bis sie in ein jüdisches Altersheim in Düsseldorf ging, lebte Rose Ausländer konsequent nur mit sieben Koffern in verschiedenen Pensionen. Immer abreisebereit, vielleicht auch immer auf der Flucht.

Die Ausländer-Expertin Oxana Matiychuk – sie ist Dozentin am Lehrstuhl für ausländische Literaturgeschichte, Literaturtheorie und slawische Philologie der Jurij Fedkowytsch Universität Czernowitz, Leiterin der „Ukrainisch-Deutschen Kulturgesellschaft Czernowitz“ am Zentrum Gedankendach und verfasste mit ihrer Promotionsarbeit zur „Genese des poetischen Textes im Werk von Rose Ausländer“ die erste Studie in der Ukraine zum Leben und Werk der bukowinischen Autorin – erzählt das Leben der Dichterin chronologisch, auf die wesentlichen Fakten reduziert und doch mit einer Liebe für die wichtigen Details (z.B. die sieben Koffer), die nicht nur die Dichterin beleuchten, sondern auch einen Blick auf den Menschen dahinter ermöglichen.

Neben der Erzählung der Biographie führt die Graphic Novel auch in die Entwicklung von Rose Ausländers Schreiben, in ihr Leben mit den Worten ein. Dies alles ist in einer klaren Sprache verfasst, „in kunstvoller didaktischer Reduzierung, ohne jedoch zu simplifizieren“, wie Maria Dippelreiter schreibt. Und geradezu hinreißend sind Layout und Illustration dieser Graphic Novel, mit viel Liebe zu Details. Die beiden Künstler dahinter sind die mehrfach ausgezeichnete ukrainische Grafikdesignerin Olena Staranchuk und der Illustrationskünstler Oleg Gryshchenko. Gestaltung und klare Sprache machen dieses wunderbare Geburtstagsgeschenk für Rose Ausländer auch zu einem idealen Medium, um Leben und Werk auch jüngeren Lesern oder Menschen, die nicht viel von ihr kennen, näherzubringen.

Informationen zum Buch:
Oxana Matiychuk: Rose Ausländers Leben im Wort. Graphic Novel.
Mit Illustrationen von Olena Staranchuk und Oleg Gryshchenko.
Verlag danube books, Ulm, April 2021
56 Seiten, 14 B x 20 cm H. Hardcover, Fadenheftung, gedruckt auf Munken  Lynx (170 g).
ISBN 978-3-946046-27-1.
16,00 EUR (D) | 16,50 EUR (A).

Hildegard E. Keller: Was wir scheinen

„Sie schüttelte den Kopf. Gleichschaltung ist wirklich ein hässliches graues Wort. Das Wort für das Grauen, dasselbe Grau wie auf dem Gesicht im Glaskasten. Wissen wir denn, warum ein Mensch sich so durch und durch farblos machen lässt? Warum einer zulässt, dass man ihn zu einem Instrument in den Händen anderer macht? Ein Instrument, ganz egal, wofür, Hauptsache, ich gehöre nicht mehr mir selbst und trage nicht mehr die Verantwortung für das, was ich tue? Nein. Keiner vermag in die Seele eines andern hineinzuschauen. Niemand weiß, warum einer wollen kann, dass er nicht mehr der ist, der er ist.“

Das erste Gedicht war eine Reflexion über die Kraft des
Wassers, die sie an Brechts Legende erinnerte. Wenn im Innern
des Steins Wasser gefriert, bringt es ihn zum Bersten, nur was
gibt ihm die Kraft dazu? Merkwürdige Frage, aber sie schlägt
die Brücke ins Unsichtbare.
Bild: Schlucht im Tessin, Bild von adege auf Pixabay

Es ist bereits viel über den ersten Roman der Schweizer Literaturkritikerin Hildegard Keller geschrieben worden und all das Positive, was über „Was wir scheinen“ berichtet wurde, es ist richtig. Tatsächlich tritt einem die poetische Denkerin Hannah Arendt aus diesem Buch so lebendig und nahbar entgegen, dass man meint, eine Mischung aus „der Arendt“, wie man sie unter anderem aus dem Gaus-Interview kennt und einer Barbara Sukowa, die sie im Film verkörperte, zu begegnen. Fiktion und Realität verschmelzen hier aufs Schönste.

Hannah Arendt (1906 – 1975), die nach ihrer Flucht 1933 aus dem nationalsozialistischen Deutschland ab 1941 in den USA lebte, kam immer wieder nach Europa zurück, unter anderem verbrachte sie regelmäßig Ferien im Tessin. Ihr letzter Tessin-Aufenthalt ist der Rahmen der Erzählung: Arendt ist allein, von den wenigen noch lebenden Freunden ist keiner greifbar. Zum Arbeiten zu unkonzentriert, zum Faulenzen zu unruhig, wandern die Gedanken zurück in die Vergangenheit: Zu den Jahren des Studiums bei Jaspers und der Liebe zu Heidegger, zur Pariser Zeit, als sie sich mit Walter Benjamin befreundet und ihren Mann Heinrich Blücher kennenlernt, zu den Anfängen mit Heinrich und ihrer Mutter in New York und natürlich zu dem prägenden Ereignis ihres beruflichen Lebens, das sowohl politisch und als auch privat einen Bruch darstellt: Der Eichmann-Prozess, der im April vor 50 Jahren begann. Ihren Berichten im New Yorker darüber und ihrem darauffolgenden Buch folgten Wellen der Empörung, eine regelrechte Hetzkampagne, heute würde dies als Shitstorm bezeichnet.

Ihre missverstandene These von der „Banalität des Bösen“, ihr unabhängiger Blick auf die Rolle der Judenräte, ihre Weigerung, sich als Jüdin einen bestimmten Blick auf Eichmann und auf die Prozessführung in Jerusalem anzueignen, dies alles stellte Hannah Arendt in den Zentrum eines Empörungssturms. Welche Verletzungen, welche Schrammen Hannah Arendt dabei davontrug, darüber äußerte sie sich öffentlich nicht. Diesen Blessuren geht Hildegard Keller in ihrem Roman auf den Grund, nähert sich behutsam der verletzbaren, „weichen“ Seite der Denkerin, die dennoch streitbar und unbeugsam blieb, an. Die Form des biographischen Romans ist nicht unumstritten – im schlimmsten Fall überwiegt die Interpretation über die Realität, werden historische Personen zu Figuren umgezeichnet. Hildegard Keller umgeht diese Falle elegant und intelligent und spielt sogar charmant mit dieser Falle, in die auch sie hätte tappen können:

„Fiktiv werden ist nicht schön, wenn alles erstunken und erlogen ist“, reflektiert die Hannah Arendt des Romans beim morgendlichen Sinnieren im Bett. „Stillgelegt wie Figuren in einer Farce. Ach, wen geht es an, was wir sind und scheinen.“

Aber: „Wenn man zur Romanfigur gemacht wird, ist das natürlich was Anderes. Im Zeichen der Dichtung darf man schließlich einen Funken von Inspiration erwarten.“

Profunde Faktenkenntnis gepaart mit Inspiration, das Spiel mit Schein und Sein, dies geht bei diesem biografischen Roman eine glückliche Verbindung ein. Doch der größere Verdienst von „Was wir scheinen“ liegt nun nicht darin, dass „die Arendt“ so lebensnah erscheint, sei es, wenn sie Ingeborg Bachmann zeigt, wie man amerikanischen Speck brät, wenn sie mit zwei Fingern pfeift oder ein wenig verschämt-stolz ihre Straußenledertasche ausführt und dadurch von Keller etwas vom Status der politischen Pop-Ikonie, zu der Arendt ebenfalls geworden ist, weggerückt wird. Sondern, dass dieses Buch geradezu dazu animiert, den Kant`schen Leitspruch „Sapere aude!“, dem sich auch Hannah Arendt verpflichtet fühlte, anzueignen. „Was wir scheinen“ ist auch – ohne irgendwie professoral daherzukommen – eine Einführung in das selbständige Denken, eine Aufforderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

„Wahrheit ist kein Geschenkartikel“, heißt es an einer Stelle des Buches. So bekam auch Hannah Arendt, die sich plötzlich einer feindseligen Öffentlichkeit gegenübersah, für ihren Mut zum selbständigen Denken nichts geschenkt. Wie die Denkerin zu dem wurde, was sie war (und nicht nur schien), dies zeichnet Hildegard Keller in ihrem geschickt aufgebauten Roman wunderbar nach:

„Er (Heidegger) hat mich unterscheiden gelehrt, das Beste überhaupt.  Wissen Sie, uns Studenten war der gelehrte Gegenstand damals ziemlich gleichgültig, nicht aber das Denken. Noch heute ist es rar an den Universitäten, weil man dort ja immer über etwas oder jemanden arbeitet. Wer denkt, sagte Heidegger, steht nicht über den Dingen, sondern geht in sie ein. Der Denkende ist mittendrin.“

(Nur als Einschub: Gerade die Beziehung zu Heidegger, die über dessen nationalsozialistisches Engagement hinweg bestehen blieb, zeigt, dass Hannah Arendt mehr war, als sie schien).

Die Bereitschaft und Fähigkeit zum unabhängigen Denken, wie sie Hannah Arendt von sich und anderen verlangte, ist in einer Zeit, in der Wahrheiten in einem Wust von fake news unterzugehen zu scheinen, notwendig wie eh und je. Und wenn die Aufforderung, selbst zu denken, so gescheit und unterhaltsam wie in diesem Roman vermittelt wird, dann bitte gerne mehr davon!

Informationen zum Buch:

Hildegard E. Keller
Was wir scheinen
Eichborn Verlag, 2021
Hardcover, 576 Seiten, 24,00 €
ISBN: 978-3-8479-0066-5

Kurz&knapp: Geschichte und Geschichten

Drei Bücher, drei Neuerscheinungen, drei Autoren, eine Gemeinsamkeit: Alle haben ihre Wurzeln rund um Augsburg. Literaturstadt! – man sehe mir diesen kurzen lokalpatriotischen Ausbruch nach.

Die schriftstellerische Arbeit von Michael Lichtwarck-Aschoff verfolge ich seit längerem mit Begeisterung. Ob er nun über das Vivarium in Wien schreibt oder Louis Pasteur – immer gelingt es dem Arzt und Autor, Wissenschaft und Literatur zu einem intellektuellen Lesevergnügen zu verbinden. Sein jüngstes Sujet: „Robert Kochs Affe“, nun erschienen im Hirzel Verlag.

Michael Lichtwarck-Aschoff sagt selbst dazu: „Das Buch war fertig, lange bevor die Corona-Pandemie über uns kam. Es kann und es will deshalb auch kein Kommentar zum Umgang mit der Pandemie sein. Trotzdem mag es nützlich sein, die Erbschaft, die der Seuchenmediziner Robert Koch uns hinterlassen hat, genauer anzuschauen.“

Seine Wissenschaft von den Bakterien hat Robert Koch als totalen Krieg gegen das Unsaubere erfunden. Unsauber ist alles, was fremd ist. Und das unsaubere Fremde ist ansteckend. In drei Episoden wird erzählt, wie eine solche Haltung zu Beginn des 20. Jahrhunderts im sauberen Berlin entsteht, und zu welch unmenschlichen Folgen sie zwangsläufig führt. Was treibt ein Affe in Husarenuniform in der Berliner Villa Kochs? Hilft Rattengift gegen die Schlafkrankheit, und was spricht dagegen, an den Eingeborenen Ostafrikas damit zu experimentieren? Wo dem Professor doch jedes Mittel recht sein muss, Afrika zur Sauberkeit zu erziehen? Zu welch weitergehenden Erkenntnissen gelangt Koch, als er im hochsommerlichen New York erkrankt und täglich einer gründlichen Darmreinigung unterzogen wird? Wir beobachten Koch dabei, wie er auszieht, um für Kaiserdeutschland die Welt von Erregern zu säubern. Sein Gewehr ist die Wissenschaft – und so sieht die auch aus. Wie in der Wirklichkeit kommt die Grausamkeit in der Affenmaske des Grotesken daher – und die Verachtung kostümiert sich als Zivilisation …  

Lichtwarck-Aschoff, Michael
Robert Kochs Affe
Der grandiose Irrtum des berühmten Seuchenarztes
S. Hirzel Verlag, 2021, Gebunden, 284 Seiten
ISBN 978-3-7776-2917-9

www.hirzel.de

Bleiben wir beim Thema unserer Tage, das alles dominiert. Mit einer Seuche und ihren Folgen setzt sich auch Klaus Wolf, Professor für Deutsche Literatur und Sprache des Mittelalters und der Frühen Neuzeit mit dem Schwerpunkt Bayern an der Universität Augsburg auseinander. In seinem Essay „Passionsspiel und Pesttraktat. Die Pest im Mittelalterund in der Frühen Neuzeit aus dem Blickwinkel der bayerischen Literaturgeschichte“ zeigt er auf, wie die Pest quasi zum Motor der literarischen Produktion wurde:

„Es ist eindeutig, dass dieser Seuchenkomplex literaturhistorisch im Bereich des Fachschrifttums Ursache einer ‚Literaturexplosion‘ in den Volkssprachen wurde: Die Pestepi-demien seit der Mitte des 14. Jahrhunderts zogen eine Fülle von deutschen Pestschriften nach sich; sämtliche Universitäten im deutschen Sprachgebiet, zahlreiche Stadtärzte, Bader, auch Geistliche, Handwerker und Schulmeister verbreiteten Regimina, Consilia und Einzelrezepte gegen die Pest (…)“.

Zwar sind heute literaturgeschichtlich Gattungen wie das Passionsspiel, wie man es aus Oberammergau kennt, bekannter, doch die Seuche führte auch zu einer vermehrten Produktion medizinischer Schriften, die volkssprachlich gefasst waren und sich an die gesamte Bevölkerung, die des Lesens mächtig war, richteten.

„Insgesamt zeigen die Traktate nicht nur eine scharfe Beobachtung der Symptome, sondern auch selbständiges Denken statt sklavisches Festhalten an den Prinzipien und Lehren der Altvorderen. Auch das Phänomen der Immunität wurde bei einigen Autoren angedacht. Not und Bedrängnis durch die Seuche setzten somit Kompetenz und Kreativität frei“, so Klaus Wolf.

Der Beitrag erschien in dem neuen Buch „Dekameron 21.0 – Zehn Schlaglichter auf eine Krise“, herausgegeben von Dr. Peter Czoik, Literaturwissenschaftler und Redaktionsleiter beim Literaturportal Bayern an der Bayerischen Staatsbibliothek. Anlass war: Drei Frauen und sieben Männer aus München und Umgebung entschließen sich, mitten im Wüten eines neuen Virus, der im Frühjahr 2020 um die Welt geht, ein Krisenbuch für Kulturinteressierte zu schreiben.
Was sie alle vereint, ist ihre jeweilige häusliche Isolation und ihre phänomenologische Sicht auf das gemeinsame Thema: In zehn Essays, die sich zahlenmäßig an Giovanni Boccaccios ›Zehn- Tage-Werk‹ Decamerone von 1349/53 orientieren, knüpfen sie an die aktuelle ›Corona-Krise‹ an und beleuchten damit zusammenhängende Erscheinungen. Die aus verschiedenen vornehmlich geisteswissenschaftlichen Disziplinen stammenden Beiträge werfen Schlaglichter auf die Krise innerhalb des Spektrums von Philosophie, Religion, Literatur, Film, Geschichte und Gesellschaft – angefangen vom alten Pesttraktat im Mittelalter bis hin zum modernen Virenausbruchsfilm im 20. Jahrhundert. Neben Klaus Wolf und Peter Czoik stammen die weiteren Beiträge von Peter Czoik, Ursula Haas, Martin Hielscher, Krisha Kops, Uwe Kullnick, Franz-Josef Rigo, Stephan Seidelmann, Gunna Wendt und Sophie Wiederroth.

Czoik, Peter (Hrsg.)
Dekameron 21.0 – Zehn Schlaglichter auf eine Krise
Verlag Königshausen & Neumann,
2021, 162 Seiten
ISBN 978-3-8260-7295-6

www.verlag-koenigshausen-neumann.de


Wer sich beim Lesen nun etwas von Pest und Colera erholen möchte, der findet mit Armin Strohmeyrs „Ferdinandea“ einen wunderbaren Lesestoff. Aber Achtung! Auch dieser historische Roman hat es in sich. Tatsächlich gab beziehungsweise gibt es sie, diese „Insel der verlorenen Träume“, wie es im Untertitel heißt. Die Isola Ferdinandea tauchte plötzlich am 10. Juli 1831 kurz vor der Küste Siziliens auf.

Auch Alexander von Humboldt und Charles Earl of Grey, Sir Walter Scott und Johann Wolfgang von Goethe staunen nicht schlecht, als sie von Ferdinandea hören: Eine Sensation! Doch kein Mensch rechnet mit der Eigenwilligkeit der „Dame ohne Mitleid“: So unerwartet ihr Erscheinen gewesen ist, so plötzlich versinkt die vulkanische Insel ein halbes Jahr später wieder in den Meeresfluten. Und lässt viele zerschlagene Hoffnungen und zerbrochene Träume zurück …

Die kurze Zeit ihres Erscheinens genügte, um Forschungsexpeditionen in Gang zu setzen und politische Konflikte auszulösen, beanspruchten doch neben den Sizilianern auch die Engländer und Franzosen das Eiland für sich. Auch bei Armin Strohmeyr setzte die Geschichte der Insel ein Feuerwerk der Fantasie in Gang.

„Die Geschichte von der auf- und wieder abgetauchten Insel ist ein wunderbarer Romanstoff. (…) Die fantastischen und realen Elemente verrührt Strohmeyr gekonnt zu einem unterhaltsamen Geschichtsschmöker„, urteilte Literaturexperte Oswald Burger im Südkurier.

Wie die geheimnisvolle Insel plötzlich bei den Bewohnern des Örtchens Sciacca von Ruhm und Wohlstand träumen lässt, wie die politischen Mächte miteinander ringen und Forscher sich einen Wettlauf liefern, all dies verknüpft Armin Strohmeyr zu einem anspruchsvollen und unterhaltsamen Lektürestoff.

Armin Strohmeyr
Ferdinandea. Die Insel der verlorenen Träume
Südverlag, 2021, 376 Seiten,
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-87800-142-3

www.suedverlag.de

Ulrike Draesner: Schwitters

„Der Rest fiel in seine Verantwortung. Er ging auf seine Gastgeber zu. An seiner Liebe zu Tee mit Milch arbeitete er, doch er schätzte quasi auf natürliche Art alle Arten von Pie, jeden Pudding, womit man in England jegliche Art von Dessert meinte, den Wolkenhimmel, den Dauerwind, sogar die dauerhaft winterlichen Raumtemperaturen.“

Ulrike Draesner, „Schwitters“, 2020

Kurt Schwitters, Public domain, via Wikimedia Commons SCHWITTERS, Kurt_Merz 1925, 1. Relieve en cuadrado azul, 1925_748 (1980.74)

Doch obwohl der Emigrant, der Exilant sich bemüht, in seiner neuen Heimat Fuß zu fassen, er bleibt ein Außenseiter. Vielleicht auch, weil er das von Natur aus ist: So ging es ihm in Hannover, so ging es ihm, dem Schöpfer der „Ursonate“ und der „Anna Blume“ mit seinen Beiträgen zur DADA-Bewegung, wo er immer ein Solitär blieb, ein Fremdkörper, so ergeht es ihm, dem „entarteten Künstler“ bei seinen Stationen im Exil, in Norwegen und schließlich England, wo er 1948 stirbt. „Schwitters“, der hochgelobte Künstlerroman von Ulrike Draesner, zeigt aber auch exemplarisch auf, was ein Exilantenschicksal bedeutet: Entwurzelung, Identitätsverlust, Vereinsamung. Wer wie Schwitters mit Sprache, mit einer besonderen Bildsprache arbeitet, ist doppelt geschlagen, dem sind auch die Grundlagen der beruflichen und künstlerischen Existenz entrissen.

Die Jahre des Exils, vor allem aber die Jahre, in denen Kurt Schwitters dann mit seinem Lebensmenschen, Edith Thomas, kurz „Wantee“ (der ewige Hang zum Tee zärtlich verballhornt) einen neuen Dreh-, Angel- und Haltepunkt findet, rückt Ulrike Draesner in dieser stilistisch wie ästhetisch herausragenden und herausfordernden Annäherung an den MERZ-Schöpfer in den Mittelpunkt. Dabei gelingt ihr nicht nur eine sensible Charakterisierung des Künstlers, der auch zerrissen ist zwischen alten Familienbanden und neuer Liebe, sondern gewissermaßen auch eine Einführung in ein Stück Kunstgeschichte: Was DADA ausmacht, was MERZ ausmacht, das wird durch diesen Roman greifbar. Und dies immer auch in einer liebevoll-kritischen Distanz zum Künstler, der wie viele seiner Art durchaus den Hang zur Egomanie hatte. Michael Braun schreibt im „Tagesspiegel“:

„Ein Roman über eine Figur der Zeitgeschichte läuft immer Gefahr, die biografischen Fakten mittels Legendenbildung und hagiografischer Aufladung zu einem großen Erzählkino auszupinseln. Ulrike Draesner ist es dank ihrer feinen Sprachempfindlichkeit gelungen, diese Geschichte eines deutschen Exilanten und seiner Sprach- und Weltenwechsel von jedweder Schwärmerei freizuhalten und das späte Leben von Kurt Schwitters in all seinen Brüchen und markanten Selbstwidersprüchen freizulegen.“

Zuweilen kreist Ulrike Draesner diese Selbstwidersprüche für meinen Geschmack zu zögerlich ein, umrundet sie, lässt der Lust an Wortspielereien und Sprachkunst dann vollends freien Lauf – an der einen oder anderen Stelle läuft der Text dann etwas davon, wünschte man sich, näher an Schwitters denn an Draesner zu sein. Aber im Grunde ist dies wiederum auch fast schon symbolhaft: Sprache, so wuchernd und ständig wachsend wie der 1943 zerstörte MERZbau.

Verlagsinformationen zum Buch finden sich hier.
Der Beitrag ist eine unabhängige Buchrezension, dem Penguin Verlag danke ich für das zur Verfügung gestellte Besprechungsexemplar.

IM LYRIKRAUM: Elke Engelhardt

Die kleine Frau schreibt

Erst muss man alles aufzeichnen,
dann kann man sich aufzeichnen durch einen Satz,
der etwas ins Fließen bringt,
was vorher feststand.

Ich bin die kleine Frau,
ich glaube an die Macht des Mondes,
an Ebbe und Flut.
Aber mehr noch an die Worte,
die alle Spuren verwischen,
sobald sie entstehen.

Aus: „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“ von Elke Engelhardt

Sich selbst definieren, sich selber finden mit den unzulässigen Mitteln der Sprache – das scheint mir ein Leitmotiv zu sein in diesem außergewöhnlichen Gedichtband. Eine Poesie, der die Macht der (Ent-)Täuschung innewohnt: Sätze, die so klar und nüchtern im Stil zu sein scheinen, und mit denen dennoch alle Spuren verwischt werden.
Beispielgebend dafür ist Sansibar, Protagonist im ersten Zyklus:

Es sollte ein Roman ohne Worte werden
aber voller Gedanken
Der Ehrgeiz packte mich
es schüttelte mich
Es ging mir nicht gut
Ich war kurz davor einen Satz in mein Heft zu schreiben
einen Satz der alle Worte zum Blühen gebracht hätte
und was blüht ist vergänglich

Was blüht, ist vergänglich, was gesagt ist, kann heute wahr sein und morgen ein gebrochenes Versprechen: Eine Dichterin im Ringen mit der Unzulänglichkeit, der Unzuverlässigkeit der Sprache. Ein Ringen, das funkelt, das Sätze birgt, die sich einprägen:

Der Tod, sagt meine Mutter, ist eine schnell
heilende Wunde. Die Narben, die er hinterlässt,
sind Sache der Lebenden.

So klar die Sprache von Elke Engelhardt erscheint, so viele Geheimnisse tragen Sansibar, die kleine Frau und die lyrische Stimme im dritten Zyklus, „Die Lumpen meiner Erinnerung“, mit sich herum. Man möchte mehr davon lesen, wohlwissend, dass man den Geheimnissen eines Menschen mit den Mitteln der Sprache wohl nie auf den Grund kommen wird.

Elke Engelhardt
Sansibar oder andere gebrochene Versprechen
Elif Verlag, 2020
134 Seiten, Klappenbroschur, 18,00 €
ISBN 978-3-946989-32-5

Suche Stehplatz Nord – Lesestoff für Fußballfans

Bild: Florian Pittroff

Florian Pittroff bekennt: „Ehrlich gesagt, war ich anfangs etwas skeptisch. Aber beim Lesen hat sich das schlagartig geändert. Nach der Lektüre der 26 Geschichten von Ina Bruchlos inklusive dem Nachwort von Dagrun Hintze war ich freudig überrascht und musste meine voreilige Kritik revidieren.“

Ina Bruchlos beschreibt in ihrem neuen Buch „Suche Stehplatz Nord“ das prekäre Dasein als Mensch, als Fan, als Lebewesen. Sie nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die vertrackten Windungen ihres Gehirns, das eines weiblichen, spät berufenen St. Pauli-Fans.

Das Fußballtaschenbuch ist spaßig und amüsant geschrieben, enthält Passagen über Leidenschaft und Hingabe. Es geht um Besserwisserei, um Ungewissheit und um die Suche nach dem Glück. In manchen Textpassagen spricht mir die Autorin aus dem Herzen. Alles schon selbst erlebte Geschichten über Fußball, Fans und Stadion – wunderbar zeitlos.

Mitfiebern, mitreden, mitgrölen.

„Mann, das war Abseits, rufe ich. Zu spät. Schon fällt das Tor, das ich hätte verhindern können. Ein bärtiger Typ dreht sich zu mir um (…) Wenn der Ball aus der eigenen Hälfte kommt… Ich sehe auf seine Mütze und ich sehe seinen Bart, während die Worte bruchstückhaft mein Gehör streifen (…) Natürlich kommt der Ball aus der eigenen Hälfte. Wenn Himmelmann den Ball zu Kalla wirft, kommt der Ball aus der eigenen Hälfte. Soll man den Ball deshalb liegen lassen?“

Als Fußballfan denkt man wirklich so – es war halt Abseits – es war immer Abseits, wenn es der eigenen Mannschaft schadet – voll den Nagel auf den Kopf getroffen!

Begeistert hat mich u.a. auch die Geschichte „Was ich tun muss“. Dabei geht es um Regeln, die man als Fan beachten sollte. Die Regeln sind natürlich nicht allgemeingültig und beziehen sich entweder auf Dinge, die man tun, oder auf Dinge, die man unbedingt vermeiden muss. Anzuwenden sind sie auf alle Fälle auf alle Fans:

„Ich darf mir keine Niederlage wünschen, auch wenn ich mittlerweile in einem selbstzerstörerischen Modus angelangt bin und verbittert denke, dass wir sie verdient hätten. (…) Ich muss meinen Gegengeradenschal tragen. Ich muss morgens aus meinem Totenkopf-Becher trinken.“

Und zur aktuellen Lage des Fußballs mit Geisterspielen und einer Atmosphäre wie beim Bezirksligaderby auf dem Land schreibt Ina Bruchlos:

„Irgendwann durften wir bestimmt wieder ins Stadion und irgendwann fiele bestimmt wieder ein Gegentor, während wir in der Bierschlange anstanden. Das wäre ungerecht und der Freistoß, der dieser Schweinerei vorangegangen war, natürlich auch. Ich konnte mir unsere fußballerische Zukunft nur bedingt vorstellen“.

Das mit dem Anstehen in der Bierschlange und dem dann obligatorischen Tor ist leider wirklich so.
Fazit: Unterhaltsame Lektüre, man kann schmunzeln, lachen und sich vor allem wiedererkennen! Geschenktipp für Fußballfans und solche, die es werden wollen

Ein Gastbeitrag von Florian Pittroff
CrossMedia Redakteur & Texter
www.flo-job.de

Suche Stehplatz Nord
Ina Bruchlos
25 Geschichten über den FC St. Pauli.
Minimal Trash Art
Mehr Informationen zum Buch inklusive Leseproben und Video: https://www.minimaltrashart.de/

KEIN FALSCHES WORT JETZT – Gespräche mit Christoph Schlingensief

„Ich lass‘ die Dinge aufeinanderprallen. Das soll keine Provokation bedeuten, Provokation wäre trivial, sondern eher eine Art Erfrischung.“

Bild: Gudrun Glock

Aino Laberenz, Ehefrau und Mitarbeiterin von Christoph Schlingensief, hat mit den Aufzeichnungen aus Gesprächen und Interviews mit Schlingensief ein sehr lebendiges Bild ihres Mannes entstehen lassen. „Christoph wollte, dass man sich seine Arbeit möglichst unvoreingenommen ansieht und sich bis zum Ende darauf einlässt“, sagt Laberenz und fügt an: „Was er von sich selber eingefordert hat, erwartete er auch von seinem Gegenüber“. So ist ein sehr differenziertes, komplexes und nachvollziehbares Bild entstanden, von dem Mann, der vielen das Klischee vom abgefahrenen, verzottelten und wirren Provokateur gegeben hat.

In chronologischer Anordnung, von seinem Kinodebut „Tunguska – die Kisten sind da“ von 1984, bis zu seinem letzten Interview mit Max Dax von der Musik- und Popkulturzeitschrift „spex“ 2010, in dem er unumwunden erklärt, „ich habe geklaut“, wirft das Buch Streiflichter auf jedes Genre, das Schlingensief bedient hat, seine Intention und Motivation.

Wo die einen ihm eine bescheidene Jugend nachsagen, um sich die Düsternis seiner Filme zu erklären, winkt er ab. Er besteht darauf, dass es ausschließlich um Kraft, Energie und Rhythmus gehe, keineswegs um Provokation, „ich will ja niemand reinigen, sondern mit Kräften spielen.“ Das muss man auf sich wirken lassen und nicht jeder hat das verstanden. Sehr oft muss ich schmunzeln. Über die herrlichen Statements dieses Künstlers, der sich jeglicher Einordnung entzieht. Über seine Konzepte, die einzig dazu dienen, keine zu sein. Und über mich, die Leserin, die aufgefordert ist, einzusteigen, was Schlingensief ganz klar zum Ausdruck bringt: „Die Kisten sind da (…) und jetzt verlange ich vom Zuschauer, dass er mich als Regisseur endlich mal vergisst, als jemand der etwas über den Tisch reicht wie Zucker und Kaffee, sondern jetzt soll der Zuschauer anfangen, die Kisten auszupacken.“

Als er auf seine Krankheit angesprochen wird, sagt er, „Krebs, das merkt man sehr schnell, ist nicht universell. Er ist bei jedem anders.“ Genau wie dein Schaffen, denke ich mir. Und am Ende brauche ich eine ganze Weile, bis ich wieder ganz aufgetaucht bin. Ich habe einem atemberaubenden Menschen näherkommen dürfen – atemberaubend schnell, atemberaubend ehrlich, atemberaubend facettenreich – unvergesslich!

Ein Gastbeitrag von Gudrun Glock

Gudrun Glock  lebt und arbeitet bei Augsburg, wo sie für ein Augsburger Magazin  Beiträge, Buchrezensionen und die Kolumne „Nahrungskette“ schreibt. Ihr Hauptinteresse und Betätigungsfeld gilt dem Ernährungsaspekt der Ayurvedischen Lehre. Sie sagt dazu: „Wir kommunizieren während des Essens. Und Essen selbst bedeutet Kommunikation. Deshalb könnte man auch sagen, das zentrale Thema meiner Arbeit ist die Kommunikation, denn das ganze Leben ist Kommunikation.“
Homepage: http://augsburg-ayurveda.de/ 

Informationen zum Buch:
Autor: Christoph Schlingensief
Herausgeberin: Aino Laberenz
Kein falsches Wort jetzt. Gespräche
Kiepenheuer & Wisch
Erscheinungstermin 20.08.2020
336 Seiten
ISBN: 978-3-462-05508-5

Ferdinand von Schirach: GOTT

Bild: Florian Pittroff

Wem gehört unser Leben? Und wer entscheidet über unseren Tod? In dem Buch „GOTT“ von Ferdinand von Schirach“ wird in einem fiktionalen Ethikrat über diese Fragen diskutiert. Florian Pittroff hat sich das Buch genau angesehen.

Der 78-jährigen Richard Gärtner will nach dem Tod seiner Frau nicht mehr weiterleben: „(…) das Leben bedeutet mir nichts. Nichts mehr. Und ich will nicht irgendwann an Schläuchen hängen, ich will nicht aus dem Mund sabbern und ich will nicht dement werden. Ich will als ordentlicher Mensch sterben, so, wie ich gelebt habe“.

Richard Gärtner will sein Leben durch ein Medikament und mit Hilfe seiner Ärztin beenden. Rechtlich ist das nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts seit Februar dieses Jahres möglich, die ethische Debatte darüber ist aber natürlich noch nicht beendet.

„Gott“ ist nach „Terror“ Schirachs zweites Theaterstück. Wieder heißt die alles überdeckende Frage, was „Richtig“ und was „Falsch“ ist.

In „Gott“ werden so viele Fragen aufgeworfen, so viele Lösungen angeboten und so viel wieder verworfen, dass es manchmal scheint, man verliert den Durchblick. Kostprobe: Was hat das für Folgen, wenn ein Arzt beim Suizid hilft? Geht das überhaupt? Soll der Arzt nicht den Menschen helfen? Ist der Arzt dann noch ein Arzt, wenn er beim Suizid hilft? Oder hat der Arzt dann sogar dem Menschen geholfen? Alles scheint richtig und alles ist auch irgendwie falsch.

Rechtssachverständige Litten sagt: „Der Suizid selbst ist in unserem Recht keine Straftat. Ein Tötungsdelikt setzte immer den Tod eines anderen Menschen voraus. Bei einem Suizid (…) stellt sich also nur die Frage ob und wie sich ein Helfer strafbar machen kann“. Über dieses Strafbarmachen wird in der Sitzung des Ethikrates intensiv diskutiert. Wenn der Patienten wünscht, dass seine Behandlung abgebrochen wird, der Arzt tut das, dann ist das eine „Unterlassung“. Das Gegenstück zur „Unterlassung“ ist das aktive „Tun“, also wenn der Arzt dem Patienten aktiv das Mittel verabreicht. „(…) bei einer Beihilfe zum Suizid will ich den Tod herbeiführen. Bei einem Behandlungsabbruch nehme ich ihn nur in Kauf“.

Es ist überaus spannend, die verschiedenen Positionen der unterschiedlichen Protagonisten zu verfolgen, wie man sich automatisch auf die eine Seite schlägt, diese dann wieder wechselt und doch letztlich eine Meinung dann für besser hält. Die Essays von Wissenschaftlern am Ende des Buches geben noch einmal interessante Einblicke und Informationen.

Rechtsanwalt Biegler ergreift gegen Ende noch einmal das Wort: „Nein, es geht nicht um Beihilfe, nicht um unterlassene Hilfeleistung, nicht um Tötung auf Verlangen. (…) Es geht um eine einzige, sehr einfache und sehr klare Frage. Vielleicht ist es sogar die wichtigste Frage überhaupt. Diese Frage lautet: Wem gehört unser Leben?

Gehört es einem Gott, gehört es dem Staat, der Gesellschaft, der Familie, den Freunden. Oder gehört es nur uns selbst?“

Das Buch, das eigentlich ein Theaterstück ist, hat mich sehr ergriffen und nachdenklich gemacht. Es wirft viele Fragen auf und ist wie immer bei Schirach absolut lesenswert.

Florian Pittroff

Homepage: https://flo-job.de/

Wer neugierig ist auf das Buch: Am 23. November kommt das Theaterstück als Verfilmung in der ARD.

Informationen zum Buch:

Ferdinand von Schirach
Gott. Ein Theaterstück.
Luchterhand Verlag, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag, 160 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-630-87629-0

 

„Die Chamäleondamen“ von Yvonne Hergane: Wie die Mutter, so die Tochter

Bild: Frauen in Rumänien von Eugen Visan auf Pixabay

Sie wussten stets, was sie wollten, mussten nehmen, was sie bekamen und gingen dafür ihren Sonderweg, auch wenn er aus dem rumänischen Banat nach Deutschland führte. Gastautor Ortwin-Rainer Bonfert kennt den zeitgeschichtlichen Hintergrund und hat einen „Beipackzettel“ für das Buch verfasst, der zum Lesen in Zeiten der Pandemie passt.

Man stelle sich vor: Man studiert Germanistik, man studiert Anglistik, man studiert Buchwissenschaft, dann schreibt man Kinderbücher, dann schreibt man Jugendliteratur, übersetzt englische Literatur – und dann schreibt man endlich einen Roman. Yvonne Hergane tat es. Sie schrieb diesen Debütroman mit leichter Feder, mit authentisch wirkenden Charakteren. Ihre Chamäleondamen wussten stets, was sie wollten, mussten aber nehmen, was sie bekamen. Sie ergaben sich trotzdem keineswegs ihrem Schicksal, sondern gingen ihren Sonderweg, machen dabei ihre Fehler, an denen sie wiederum nicht verzagen. Denn für sie ist klar: Lebe mit i geschrieben ist mehr Leben.

Yvonne Hergane verlegt den Romanbeginn ins Frühjahr 1919 des Banats in Rumänien und schafft es vom ersten Satz an, so subtil die Umstände zu schildern, in der die Braut in der Hochzeitsnacht zu ihrem Liebhaber durchbrennt, dass sogar der gehörnte Bräutigam darüber schmunzeln müsste.

„Die Chamäleondamen“ – Der Titel ist Programm! Es geht um Powerladies mit Herz, die durchhalten, sich anpassen, sich nie verbiegen: „Einen Morgen später (Anm.: nach der schmerzvollen Geburt) steht Marita wie immer im Geschäft ihre Frau, (…) eine Dame, als Verkäuferin getarnt.“ Es ist der Roman vierer Frauen aus vier Generationen und dennoch ist es genau so wenig ein klassischer Familienroman wie es eben auch kein klassischer Frauenroman ist: Die Erlebnisse der Chamäleondamen vor zeitgeschichtlichem Hintergrund betreffen und berühren eigentlich uns alle.

Der Vier-Generationen-Roman konzentriert sich im Wesentlichen auf die letzten beiden Frauen in dieser Familie. Die ersten beiden definieren den ausschlaggebenden und damit wichtigen Ausgangspunkt. Oder, mit den Worten von Yvonne Hergane formuliert: „Was Elli von ihrer Mutter als eines der wenigen Dinge bei der Geburt mitbekommt, gibt sie später, um das Gewicht der Vorangegangenen angereichert, an ihr Kind und Kindeskind weiter.“

Das Buch ist in knappe, wenige Seiten lange Kapitel gegliedert, zwischen denen in der Chronologie der Handlung mehrere Jahre oder auch Zeitsprünge liegen. Es sind Episoden aus dem Leben der Protagonistinnen, Spotlights, die signifikante Ereignisse vor dem jeweiligen historischen Hintergrund beinhalten. Beispielsweise wird eine Familientragödie während der Nazi-Zeit geschildert. Aber auch eigenständige, aus dem Familienleben geschnittene Vorkommnisse werden eindrucksvoll erzählt. Bei der Beschreibung des Ausrutschers eines Mädchens bei der Wochenendhütte, der nahezu zum Ertrinken im Bergbach geführt hätte, kommt die hervorragende narrative Kompetenz der Autorin ganz besonders zum Tragen. Gekonnt erfolgt dabei die sensible Gradwanderung zwischen Schilderung der Wahrnehmung des Kindes und dem eigentlichen Vorgang, der sich dem Leser nur allmählich erschließt (S.36/37): „…und Hanne ahnt auch, wo die Luft geblieben ist. Nein, die Zeit steht nicht still, sie saugt sich nur voll, die Sekunden blähen sich auf mit Hannes Luft, immer fetter und runder schmatzen sie sich daran.“

Mit wohl dosierten Regionalismen der Banater Schwaben wirken die Charaktere noch authentischer und sorgen bei Kennern für Amüsement. Leser können sich rasch in die Protagonistinnen hineinversetzen, mitfühlen, umgarnt eine Welt erleben, wie sie der Autorin vorschwebte, als sie den Roman schrieb. Es ist der Alltag der Chamäleondamen, die sich familiärer Verantwortung sowie der Liebe – mit allen Höhen und Tiefen – äußerlich anpassen, sich innerlich stets treu bleibend. In knappen Episoden werden geschildert: Familienfreuden wie auch Familienzwist,  Menschliches, allzu Menschliches, aber auch Abenteuerliches im Umfeld des kommunistischen Rumänien wie auch die Zerrissenheit zwischen dort bleiben, nach Deutschland auswandern und dort wiederum ankommen. Sicherlich spielt dabei die Biographie der kenntnisreichen Autorin eine wichtige Rolle, doch der Roman eignet sich als Lektüre für jeden, auch ohne Wissen um die deutsche Minderheit in Rumänien, den Banater Schwaben.

„… Latte-machiato-Mütter, die ihren mumiendick eingeplünnten Sprösslinge im Kinderwagen angeschnallt brüllen lassen, während sie sich im Kreis unterhalten, den Rücken zu den Kindern, über Windeln und Schuhe und Windeln und Männern und Windeln und dass man dem Kind nie genug Aufmerksamkeit schenken kann.“

Die Schilderungen amüsieren, sind aber keineswegs trivial. Die Autorin versteht es, dem durchaus ernsten Plott immer wieder eine ironische Note zu verleihen. Sie versetzt damit den Leser in einen Flow, der sich vom ersten Satz an mitgenommen und von der Lektüre sanft umhüllt getragen fühlt. Das Buch, im handlichen C4-Format, kartoniert gebunden, mutet mit seinem Cover edel an. Lob an Eva Wünsch, die in Anlehnung an Dadaismusformate eine ansprechende Cover-Collage kreiert hat.

In Zeiten der Pandemie kommt Literatur eine erweiterte Bedeutung zu. Wem ist dieses Buch nahezulegen? Der „Beipackzettel“ des Rezensenten zu diesem Buch:

Leser, die Tag täglich über ihr Schicksal seufzen, ist dieses Buch dringend empfohlen. Damen sollten es nicht zu hastig lesen – wegen möglichem Schluckauf beim Grinsen. Und Herren sollen sich nicht so anstellen – das Buch tut ihnen bestimmt auch gut. Die knappen Kapitel eignen sich sogar für die Lektüre zwischendurch, beispielsweise in der U-Bahn.

Leser, denen Corona-Einschränkungen auf den Magen schlagen, mögen sich in eine Decke gehüllt auf den Balkon setzen, bedächtig Glühwein, Gin oder Whiskey schlürfen, und das Buch genießen. Kamillentee hilft nun mal nicht immer und überall.

Indiependent-Verlagen wie MARO sind solche Bücher und Autor*innen dringend zu wünschen, um besser über die Runden zu kommen und um ihr Geschick für Newcomer zu beweisen.

Online-Versandhändler mit Wild-West-Manier mögen dieses Buch getrost ignorieren, schlägt ihr Herz doch eher für das Förderband der Bücher, als für die Bücher selbst.

Buchhändler sind gut beraten, für solche Debütromane aus Indie-Verlagen mehr Platz in ihren Auslagen und Büchertischen einzuräumen.

„Die Chamäleondamen“ – gut zu jeder Tageszeit.

Ein Beitrag von Ortwin-Rainer Bonfert

Informationen zum Buch:

Yvonne Hergane
Die Chamäleondamen
MaroVerlag, Augsburg, 2020
240 Seiten 20,00 €
ISBN 978-3-87512-493-4

Lyrik: erlebt, erlitten – Gedichte von Alexandru Bulucz

Bild: Ortwin-Rainer Bonfert

Wenn jemand aus Rumänien dort seine Kindheit verbracht, dann aber in Deutschland das Gymnasium und das Germanistikstudium absolviert hat, seine Lyrik in Deutsch verfasst, ist er dann ein rumänischer oder ein deutscher Autor? „Was Petersilie über die Seele weiß“ verrät nicht die eigene Antwort, Alexandru Bulucz gibt aber Hinweise, regt weit über diese Fragestellung hinaus vielwissend an und offenbart, was gegenwärtige deutsche Lyrik vermag. Gastrezensent Ortwin-Rainer Bonfert bewegt sich im gleichen kulturellen Umfeld und hebt die Stärken, aber auch erklärungsbedürftigen Bereiche dieses Gedichtbandes hervor.

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Jahrgang 1987, entstammt Alexandru Bulucz dem rumänischen Alba Iulia, zu deutsch Karlsburg, in ungarisch Gyulafehérvár. Die Römer nannten die dortige Befestigung Castrum Apulensis. Diese ethnische Vielfalt an einem geschichtsträchtigen Ort ist auf eine besondere Art identitätsstiftend, was sich nachhaltig auswirken sollte, auch wenn der Autor bereits mit 13 Jahren alleine im Bus nach Deutschland kam. Dort studierte er Germanistik und Komparatistik. Seine ersten publizierten Gedichte entstanden im Umfeld des Frankfurter Literaturhauses, und in Begleitung dessen Leiters Werner Söllner, dem er im vorliegenden Band ein Gedicht widmet. Bulucz arbeitet als Übersetzer aus dem Französischen und dem Rumänischen, wirkt mit beim Onlineportal Signaturen, ist Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Otium und ehemaliger Mitherausgeber der Zeitschrift für Literaturkritik „Die Wiederholung“. Seit 2015 ist Bulucz Herausgeber der philosophischen Gesprächsreihe „Einsichten im Dialog“. Sein Lyrik-Debüt „Aus sein auf uns“ erschien 2016, aus dem einzelne Gedichte im vorliegenden Band übernommen worden sind.

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Wer für gewöhnlich seine Zeitungslektüre mit dem hinteren Drittel im Feuilleton beginnt, der kann gerne auch im vorliegenden Werk mit dem Nachwort des Dichters beginnen. Darin stellt er die kulturphilosophischen und phonetischen Zusammenhänge von Petersilie und Seele her. Die von Alexandru Bulucz kurz angerissene Biographie zu kennen, ist sehr hilfreich bei der Lektüre seiner Gedichte. Ähnlich dem Küchenduft oder erhaschten Gesprächsfetzen und ersten Eindrücken durch eine angelehnte Tür erhält der Leser so Einblick auf lyrische Bilder eines Poeten, der belesen nicht nur wortgewandt, sondern auch wortkreierend bekannte Formen aufgreift, um daraus stilistisch Neues zu gestalten. Dabei sind die Gedichte derart facettenreich, dass trotz einer Gliederung und Titeln nicht klar ist, was einen bei der Lektüre des folgenden Gedichtes erwartet – er überrascht immer wieder aufs Neue. Das Gefühl hält auch nach vierzig Gedichten an. Man wird immer wieder gefordert, muss nachschlagen, erneut lesen. Doch Bulucz wartet mit Wortbildern auf, „er dealt mit Wörtern“ (S. 73), entlohnt damit für die Lektüre, selbst wenn sich der Inhalt nicht ganz erschließt.

Gleich zu Beginn klärt Bulucz im fiktiven Gespräch: „Schreiben sei Verdauungsstunde“.
Einverstanden? „Ich gehe prompt d’accord!“
Und es klingt wie eine Vorwarnung:  „Die Form verdaue sich viel schwerer als der Inhalt“.

Tatsächlich: klassisches Versmaß ist lediglich richtungsweisend, in den häufigen Langgedichten sind Sätze gelegentlich strophenübergreifend, ohne Reim, und doch schafft es Bulucz, durch den Satzbau eine Schwingung zu generieren. Dabei nimmt er sich selbst nicht zu ernst, kürzt ab. Beispielsweise im „Passionslied“ wird das flapsige „usw. usf.“ stilsicher eingesetzt. Unwillkürlich hat sich dem Rezensenten dabei ein Bonmot des Wolf von Aichelburg aufgedrängt, wonach „modern sein, ohne mit der Tradition zu brechen“ erstrebenswert sei. Bulucz schreibt vordergründig ein von Alters her bekannt anmutendes Passionslied mit zeitaktuellen, seiner Biographie entlehnten Andeutungen. Andernorts liest sich formwahrend ein Gedicht wie ein Psalm, ist letztendlich aber ein Zwiegespräch mit seinem Alter Ego, das lyrische Ich sei  „binnenvertrieben“. Nur so, finde es (binnen)Trost (S.92). Erschließen sich Form und Inhalt, empfiehlt sich – die Interpunktion dabei akribisch einhaltend – das Gedicht erneut zu lesen. Dann entfaltet sich im übertragenen Sinne der volle Geschmack der nuancenreichen Lyrik. Der Aufwand lohnt sich.

Der anfänglichen Klarstellung – für Bulucz eine Digestion statt Diegese –  folgt eine Elegie und es wird nicht die einzige bleiben. Weiter folgt ein „Psalm“, der wie ein Klagelied anmutend den (eigenen) Exodus damit begründet, dass „Menschen, die lauter das Leid nicht mehr erschweigen“, fort sind und demnach „niemand könnte besetzen, was leer steht“. Der Poet klagt an: „Ich trage Leerstand in mir“.

Alexandru Bulucz beklagt nicht nur die geographische und kulturelle Disruption durch seinen eigenen „Exodus“. Aus seinem Nachwort erfährt man, dass er alleine als 13jähriger fort ging. In den „Erinnerungen, Defragmentierungen“ weiß er noch gut, dass der Vater alles verkauft hatte, bis auf das, was er am Leibe trug. Der Bus, der das lyrische Ich ‚gen Deutschland fuhr, könnte auch eine Pferdekutsche gewesen sein, bei der die „Lederpeitschen zum Austreiben der Erinnerungen, der Dämonen“ dienten.

Es ist in Teilen ein mäandrierende Hadern mit der Vergangenheit, das sich nur allmählich auf eine Gegenwart zubewegt, aus der durchaus auch mit Sarkasmus zurückgeblickt wird, auf eine Kulturlandschaft, die landesintern auch als „spațiu mioritic“ bezeichnet wird. Lange vor der Industrialisierung des Karpatenbogens war die Schafzucht in der Hügellandschaft weit verbreitet und die Hirtenlieder oft gesungen. Im Zyklus „Stundenholz“ changiert der Poet zwischen elegischer Preisung jenes Kulturraumes und Abrechnung mit jenen, die genau das als Einziges heroisieren und dabei zerstören: Dorfdeppen, „deren Axt die Kultur mit waldigen Zwiespalt von Buchen u. Fichten fürs Funkenflufeuer versah“ (S. 31).

Leider wird der subtile, sozialkritische Humor teilweise eher Kennern jener Kultur, sowie dem Verhalten von Exilrumänen im Heimaturlaub, bewusst. Erläuternde Fußnoten könnten Abhilfe schaffen, auch wenn damit der ästhetische ansprechende Gesamteindruck der Ausgabe geschmälert wird.

Für den Rezensenten entspricht das Langgedicht „Stundenholz“ einem Magnum Opus des Gedichtbandes, weshalb an dieser Stelle exemplarisch detaillierter darauf eingegangen wird. In Form eines Zwiegespräches mit Rose, leitet das lyrische Ich mit einer harmlos anmutenden Begrüßung diese Elegie ein, um sich rasch in Anlehnung an Celan die „bukowinische Frage“ zu stellen, „wo Heimat beginne, Erinnerung ende“. Beginnt die neue Heimat wirklich erst dort, beziehungsweise dann, wenn die Erinnerung an die alte Heimat endet? Bulucz schafft mit wenigen Worten aussagekräftige Momentaufnahmen, die Zeitlupensinfonien entsprechen und die man entsprechend auf sich wirken lassen sollte. Vorteilhafterweise bietet das Buch einen knappen Glossar innerhalb des Schutzumschlages für hier verwendete Begriffe, insbesondere dem Stundenholz (rum.: toacă).

„Wir flogen
über Holzrauch von Klöstern, über liturgische Rufe aus Stunden-
trommeln von Mönchen, toaca-Klänge spannten eine Himmelsleiter
auf uns zu u. über uns hinaus.“ (S. 35)

Im Gegensatz zum oft rumänisch vereinnahmten Kulturraum hebt Bulucz dessen ethnische und religiöse Vielfalt hervor. Ferner vermengt er kennzeichnend Esskultur mit religiöser Tradition, als seien leibliche Nahrung so selbstverständlich wie spirituelle Nahrung, „so als betet er u. weiß es nicht“. Auf diesem imaginären Streifzug durch die Kindheit des Dichters mit dessen Heimaterfahrungen „über Lust, Lust u. Verlust, über den Schmerz, den nicht gespiegelten“ greift das lyrische Ich auf Erinnerungen an ein Sommerferienlager am Schwarzen Meer zurück, wo die damals einzigen Leckerbissen aus Wassermelone und gekochten Maiskolben mit Salz bestanden, saisonale Leckereien, die verzerrt überhöht dargestellt die Kargheit jener Zeit verdeutlichen, in der die einzige Abwechslung in der Reihenfolge bestand und dennoch keine war: „Salz vor Süße nach Salz“ (S. 36)

„Kukuruz u. Wassermelonen also. In dieser Reihenfolge. Jener vor
diesen, diese vor jenen, Salz vor Süße nach Salz. Ich leckte
gesalzenen Kukuruz wie das Wild Bergkerne, dann fraß ich
Körner u. nach Aussaugen des Kolbens, des weichgekochten,
fraß ich Teile des Kolbens selbst.“

Aus späterer, deutscher Perspektive, stellt sich die Frage: „Aber muss man den Augenblick nicht aus zeitlicher Distanz betrachten, damit er überhaupt zu einem solchen wird?“ In Zeiten finanzieller Knappheit verloren Zusammenhänge – wie auch die Chronologie – jegliche Bedeutung. (Die Rose hier hat Ähnlichkeit mit Celans Niemandsrose.) Folgerichtig stellt das lyrische Ich fest: „da ich andernorts blühen sollte“. Mit einer solchen Veränderung wird die eigene Identität in Frage gestellt, die bisherige von Mal zu Mal verschwinde, wie ein Missverständnis ausgeräumt, um wieder einverleibt zu werden. Die Rose, die Eingangs trotz angeblicher Verwechslung begrüßt worden ist, wird abschließend in ihrer Gnade erneut gegrüßt. Die Rose, die Lyrik, ist schließlich das einzige Kontinuum im seelisch schmerzhaften identitären Transformationsprozess aus dem Rumänischen ins Deutsche.

Es sind immer wieder Analogien, denen nachzugehen beim Lesen neugierig machen. Es sind poetische Bildkreationen, die einen mitnehmen, auch wenn der Inhalt sich nicht immer erschließt. Es ist die kulturphilosophische Vielfalt, die den Wissens- und Lesedurst nährt. Es sind die lyrischen Reflexionen eines feinfühligen Menschen, die berühren. Es sind die Formvarianten, ansatzweise polyglott ausgefüllt, die bis zum Schluss für Überraschungen sorgen. Alles in allem muss man sich die Aussagekraft der Texte erarbeiten – aber es lohnt sich. Nicht zuletzt stellt der Autor gegen Ende des Bandes (S. 99) über die Lyrik fest: „Erlebt soll sie sein, das Erlebnis erlitten! Der Honig ist alle, es lebe der Honig!“

Informationen zum Buch:
Alexandru Bulucz
was Petersilie über die Seele weiß. Gedichte.
Frankfurt a.M. (Schöffling & Co) 2020.
114 Seiten. 20,00 Euro.
ISBN 978-3-89561-507-8

Ein Gastbeitrag von Ortwin-Rainer Bonfert