Xavier de Maistre: Reise um mein Zimmer

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„Heute wollen gewisse Leute, von denen ich abhängig bin, mir meine Freiheit wiedergeben, als ob sie mich ihrer beraubt hätten! Als ob es in ihrer Macht stände, sie mir einen einzigen Augenblick zu entziehen und mich zu hindern, durch den unendlichen, mir stets zugänglichen Weltenraum nach meinem Belieben zu reisen! – Sie haben mir untersagt, durch eine Stadt, einen geographischen Punkt, zu laufen; aber sie haben mir das ganze Universum überlassen: Die Unermesslichkeit und die Ewigkeiten stehen zu meinen Diensten.“

Xavier de Maistre, Reise um mein Zimmer, 1795.

Wenn man vom Reisen spricht, dann kommt unter Garantie jemand daher, der Blaise Pascal zitiert: „Das ganze Unglück der Menschen rührt aus einem einzigen Umstand her, nämlich, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.“

Zwar war der französische Aristokrat und Offizier Xavier de Maistre (1763-1852) beileibe kein Stubenhocker, aber auch er lernte (zwangsweise) das Konzept der Zimmerreise lernen und schätzen. In Turin zu 42 Tagen Zimmerarrest verurteilt – wie es sich für einen Adeligen gehört, wegen eines unerlaubten Duells – schrieb er 1790 seinen Roman „Voyage autour de ma chambre“, der fünf Jahre später in Lausanne erstmals veröffentlicht wurde.

Der junge Mann nutzte den Stubenarrest perfekt: Denn die größten Reisen finden bekanntlich im  Kopf statt. Und wenn der Körper unfrei ist, dann können doch die Gedanken umso freier spazieren gehen. So ließ Xavier, allein zuhause, seinen Ideen freien Lauf.

Und die kreisen um all jenes, was den Chevalier jener Tage bewegte: Kleine Liebeshändel und größere politische Fragen, Erinnerung an Waffengetümmel und Liebesschlachten, Philosophisches und Handfestes. In seiner Imagination diskutiert er mit Platon und Perikles, korrigiert ganz nebenbei den Eid des Hippokrates und trifft Werthers Lotte.

Der Zimmerausflug führt zu einer Tour de Force durch den damaligen Stand der Philosophie, der Geistes- und Naturwissenschaften, aber auch der Waffenkunst dieser Tage – de Maistre macht in seinen Gedankenflügen vor keinem Thema halt.

Dies alles ist mit leichter Feder geschrieben – charmant und sprunghaft. De Maistre legt ein Tempo an den Tag, bei dem nur erfahrene Reisende mit guter Konstitution mithalten können. Und mit viel Phantasie. Da wird beispielsweise das Abtauchen in die Schreibtischschublade zum Ausflug mit überraschendem Ausgang: „Ähnlich einem Reisenden, der im Eiltempo flüchtig ein paar oberflächliche Eindrücke sammelnd, durch einige Provinzen Italiens fährt, um sich für ganze Monate in Rom niederzulassen.“ So tat es Goethe im Land, wo die Zitronen blühen, so tat es de Maistre in seinem Schreibtisch, wo die Gedanken blühen.

Zur Wiederauflage des Zimmerromans 2011 beim Aufbau Verlag urteilte Wolfgang Schneider im Deutschlandfunk:

„Nach über 200 Jahren bezaubert de Maistres welthaltige Weltflucht immer noch durch ihr ebenso geschliffenes wie unangestrengtes Parlando. Es ist eine einzigartige Verbindung von Rokoko und Revolution.“

Die „Reise um mein Zimmer“ sei ein Buch „gewitzter Lebenskunst“:

„Gerade in der Enge soll sich der Blick weiten; der Beschränkung sollen unverhoffte Freiheiten abgewonnen werden. Das hat auch einen politischen Zusammenhang. Hintergrund des 1794 erschienenen Buches war die Französische Revolution und die Entmachtung des Adels. De Maistres Zimmerhaft, die mit Contenance absolviert wird, lässt sich als Metapher lesen.“

Quelle: http://www.deutschlandfunkkultur.de/welthaltige-weltflucht.950.de.html?dram:article_id=140009

Auf das Buch wird oft verwiesen und oftmals auch weckt der Titel falsche Vorstellungen: De Maistre reist nicht gedanklich um die Welt, sondern um die Welt der Gedanken. Das Äußerste an wirklicher Aktion sind Schäkereien mit Hündchen Rosine und ein Sturz vom Stuhl. Es braucht nicht mehr, um Reisen zu können, wenn man de Maistre heißt. Als Leser bereut man es nicht sehr, den Weg mitzugehen – schließlich ist de Maistre ein eloquenter Reiseführer.

Wer mit dem Franzosen weiter reisen will: De Maistre ließ dem „Zimmerroman“ – ein Format, das zu jener Zeit in Frankreich modern wurde – noch eine „Nächtliche Entdeckungsreise um mein Zimmer“, folgen sowie weitere Romane, deren Titel sich verdächtig nach Abenteuerschinken anhören, beispielsweise „Der Aussätzige von Aosta“ und „Die junge Sibirierin“.

Offensichtlich hielt es den französischen Autoren dann jedoch nicht mehr am Schreibtisch – statt um sein Zimmer zu reisen, erkundete er erst einmal einige Länder Europas, bevor er sich bis zu seinem Tod in St. Petersburg niederließ.

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