Björg Björnsdottir: Der sechste Wintermonat

Eine sonntägliche Ruhe liegt über der Stadt. Noch setzt sich das Vogelgezirpe gegen den Straßenlärm durch. Durch die Zimmer weht eine frische Brise, die eine Ahnung vom heißen Tag, der kommen wird, mit sich bringt. Gewitterschwüle ist vertagt. Die Nacht wird aus den Augen gerieben, der Tag liegt vor mir wie ein offenes Buch. Das sind Morgenstunden, wie ich sie liebe – und wann, wenn nicht dann, ist die Zeit geeigneter, um Gedichte zu lesen, sich langsam in den Sinn und Gehalt lyrischer Sätze hinzutasten? Wie passend an solchen Tagen auch ein Zyklus über die Jahreszeiten:

Eine Welt in voller Blüte.

Eine Hummel.
Ein Rasenmäher in einem fernen Garten.

Eine Welt, die war,
eine Welt der Schwerelosigkeit.

Aus: „Heyannir – Der vierte Sommermonat“.

Mit den Gedichten von Björg Björnsdóttir, die erst im vergangenen Jahr in Island in erschienen sind, haben Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer, zwei unermüdliche Botschafter für die isländische Literatur, deutschsprachigen Leserinnen und Lesern ein besonderes Geschenk gemacht.

Der Band „Der sechste Wintermonat“ umfasst einen Jahresreigen. Zwölf Gedichte haben die beiden Übersetzer aus Björnsdóttirs erstem Gedichtband „Árhringur / Jahresring“ übertragen. Dem Zyklus, der wie der isländische Kalender nur die beiden Jahreszeiten Winter und Sommer kennt, ist eine feine Melancholie eingeschrieben, das Wissen vom Werden und Vergehen:

An diesem Morgen
ist die Stadt still.

Wir sind allein,
ich und die Ankunft des Herbstes.

(aus dem „fünften Sommermonat“).

Erinnert an Rilke, gewiss. Doch die isländische Dichterin braucht nicht das ästhetisch Überhöhte, das zuweilen Bombastische, um ihrem lyrischen Ich eine Stimme zu geben, die die „Angst vor dem Unwiderruflichen“ und das „Bedauern“ im Herzen angesichts des Vergehens, vielleicht auch dieser Angst vor einem langen Winter, zum Ausdruck bringt. Wissend, dass der Sommer zwar groß ist, der Winter aber wiederkommen wird, feiert sie vielmehr in zurückhaltenden, stillen Zeilen die „Sanftheit des Augenblicks“. Das ist alles fein und genau beobachtet, voller poetischer Bilder. Naturlyrik, die zeitlos und doch zugleich auch ganz zeitgemäß wirkt. Gedichte, mit denen sich der Sommer genießen lässt – aber Achtung:

Die Tage der Faulenzerei sind vorbei.
Vor mir steht das Fahrrad.

Wehendes Haar,
wilder Wind,
das Stahlross im Windschatten.

Dieser Zyklus, ein poetisches Juwel, kommt auch in einer besonderen, ihm angemessenen Verpackung daher: „Der sechste Wintermonat“ erschien nun zunächst in der Corvinus Presse als limitierte „Volksausgabe“. Es folgt ein Künstlerbuch mit den signierten Grafiken von Jón Thor Gíslason, handgebunden und in einer Kassette. Doch allein schon die Volksausgabe ist ein Beispiel allerfeinster Buchkunst: Mit den Radierungen des Künstlers, Gedicht für Gedicht sorgsam gesetzt auf einer Linotype und Buch für Buch nach japanischer Art offen gebunden, ist es ein wahrer bibliophiler Schatz.

Wolfgang Schiffer erläutert in einem Beitrag die Entstehung des Buches von der ersten Idee bis zur Herstellung: https://wolfgangschiffer.wordpress.com/2021/04/26/vom-buch-ubers-manuskript-zu-einem-neuen-buch/

Eine sehr feine Besprechung gibt es beim Lyrikhaus Fischer: https://lyrikatelierfischerhaus.com/2021/06/09/der-sechste-wintermonat-bjorg-bjornsdottir/

Zwei Gedichte in voller Länge bei Signaturen: https://www.signaturen-magazin.de/bjoerg-bjoernsdottir–zwei-gedichte-aus–der-jahresring–.html

Und hier alle Informationen zur Corvinus Presse: https://www.corvinus-presse.de/

Bernhard Blöchl: Die Wochen wehen im zähen Takt

Das Bobby Car zieht
einen knirschenden Bogen.
Die Taube gurrt
ein verschlepptes Solo.
Der Straßenmusiker
mit der scheppernden Gitarre
konkurriert mit dem Hall
seiner eigenen Riffs.

Auszug aus „Der Sound der Stadt“.

Irgendwann wird man sich erinnern, an diese Zeit, in der das Leben seltsam gedämpft war, in der jeder Tag die Ruhe eines Feiertages in der Stadt hatte. Wie fühlte man sich im Lockdown, was trieb einen um, was auf die Palme? Man könnte dann zu diesem Gedichtband greifen, der, obwohl er auch die ernsten Aspekte dieser Pandemie aufgreift, doch ein wenig das Bodenschwere nimmt, das das Virus aus der Luft auf uns brachte.

Der Münchner Journalist und Schriftsteller Bernhard Blöchl hat eine Art Pandemie-Tagebuch in Reimform geführt: Verse gegen den Virus, mal ernst, mal heiter, Gedichte, die „subjektive
Stimmungen widerspiegeln, all die Schwankungen und emotionalen Sprünge in der irren Zeit
einer Pandemie“. Subjektive Stimmungen, denen objektiv wohl jeder einmal unterworfen war. Und so kann man sich gut wiederfinden in diesen Zeilen, wenn Bernhard Blöchl über unausgelebte Sehnsüchte, Fernweh und Tagträumereien in der Quarantäne schreibt.

Wochen fliegen,
ach, schon Mai?
Pläne biegen,
vielerlei.
Zeit wie Gummi,
Gefühle zäh,
Quarantänenflummi,
Ende jäh.

Aus: „Angst in Scheiben“.

Die 86 Gedichte entstanden während der ersten Welle, als für viele, die sich weder um Job noch um psychische/physische Gesundheit sorgen mussten, die Pandemie fast wie ein Abenteuer war, ein Ausstieg aus dem Alltag, als die größte Angst neben der Ansteckung die war, es könnte das Klopapier ausgehen:

Der Hamster schämt sich,
sein Image im Keller,
der Deutsche macht,
wer hätt’s gedacht,
Klopapier zum Megaseller.

Dieses „Lebens“-Gefühl von Lockdown 1 bringt Blöchl ebenso zum Ausdruck wie die ganz existentiellen Sorgen, die von Beginn an vor allem in der Kulturszene herrschten, mit der er als Kulturredakteur bei der Süddeutschen Zeitung viel zu tun hat. So beschreibt er die leeren Kinosäle, das bittere Ende des Buchladens um die Ecke, die Angst vor Kurzarbeit und Jobverlust. Dies alles, wie auch bei seinen beiden Romanen, „Für immer Juli“ (MaroVerlag) und „Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint“ (Piper) „im Rhythmus der Verschmitztheit.“ Und dieser verschmitzte Ton, die leichte Hand, die macht auch wett, dass der eine oder andere Vers noch holpert – es ist, so sagt der Autor selbst, seine Annäherung an die Lyrik.

Noch ist das Ende nicht in Sicht, sagen die Experten. Und die Angst vor dem Virus bringt die Angst vor der nächsten Pandemie mit sich. Gereiztheit, Ratlosigkeit, auch Zukunftsängste lässt Covid-19 zurück. Da tut es gut, Zeilen zu lesen, die Humor und Tiefe in sich vereinen.

Das Ende

Der Sommerwind, er weht
und biegt,
Äste schaukeln unbekümmert.
Was sorgst du dich,
du atmest frei,
Coronapanik ist vorbei.
Ratlos bleibst du trotzdem
sitzen,
auf der Bank im Park allein.
Junisonne blinzelt Schatten,
rottend laut
am Fluss die Ratten.

Informationen zum Buch:

Bernhard Blöchl
Die Wochen wehen im zähen Takt
Hardcover, 104 Seiten
Books on Demand, ISBN-13: 9783753421957, Preis: 14,99 Euro
E-Book, ISBN-13: 9783753449449

Zur Homepage von Bernhard Blöchl: bernhardbloechl.de

Auch die Gespensteratmospähre von Spielen in leeren Stadien prägten für Fußballfan Bernhard Blöchl den zähen Takt der Wochen. Bild: Bild von Markus Spiske auf Pixabay

Pega Mund: reste von landschaft

Wir…

„… sind unterwegs wie schaum an der küste
wie rauchige schlieren im ätherblau immer
allein das ist das ganze geheimnis nicht wahr?“

Auszug aus „schaum“ in: „reste von landschaft“, Pega Mund, 2021

Immer allein, und manchmal doch zu zweit, zu mehreren, das eigene Angesicht im Spiegel der anderen, manchmal in der Selbstbetrachtung („spieglein spieglein  das rot gelackte eineurolächeln“), so tastet sich hier eine lyrische Stimme durch „reste von landschaft“.

Der Titel dieses Gedichtbandes, „reste von landschaft“, deutet auf das Fragmentarische, Abtastende hin, das diesen Zyklus aus insgesamt zwölf Gedichten prägt. Sechs Schritte bzw. Gedichte vor, sechs Schritt-Gedichte zurück – der Band kann ebenso vor- wie rückwärts gelesen werden, eine Metapher für das Leben vielleicht, das uns immer wieder diesen zwei-Schritte-vorwärts-und-einen-zurück-Takt dirigiert.

Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Das Fragmentarische, das Veränderliche, das was bleibt und das, was verloren geht, Wachstum und Verluste, sie bilden diese „reste von landschaft“. Nicht von ungefähr findet sich bereits im ersten Gedicht ein Hinweis auf Ovids Metamorphosen:

unlesbare fährten im frischgefalllenen nulli: nulli sua forma
manebat

Aber wenn nichts in seiner Form bleibt, wenn alles Veränderung ist, was ist dann die Substanz, wo bleibt der Kern? Das beinahe Chamäleon-artige lyrische Ich mit seinen „drei leben“ führt uns augenzwinkernd in die „wunderkammern“:

„Sind wir nicht Fetzen Fehlfunde nach Häutungen hin geblätterte
schlampig genähte so Wechselbalgstücke pathetisch geblähte Sind wir
nicht abgetakelte Wüstenwarane Zirkusvieh lautlos brennende Tiger
springen in Zauberers schwarzen Zylinder Apokalypse jetzt Sind wir“

Jetzt sind wir! Die Energie, die Kraft, die in dieser Aussage steckt, sie ist in allen diesen zwölf Gedichten zu spüren, auch in den düstern getönten Zeilen. Eine Eigenschaft der Sprache, die bereits Olga Martynova und Beate Tröger in ihrer Laudatio auf Pega Mund, die 2019 mit dem 2. Platz beim Gertrud Kolmar Preis ausgezeichnet wurde, heraushoben:

„Wodurch machen die Gedichte von Pega Mund gleich auf sich aufmerksam? Die einfachste und für mich die wichtigste Antwort: Sie haben poetische Substanz. Das ist eine schwer (wenn überhaupt) definierbare Eigenschaft, die alles entscheidet. Wenn sie fehlt, dann ist es egal, ob die Texte klug, witzig, aktuell, arrangiert, einfühlsam, kühl, leidenschaftlich oder was auch immer sind. Ohne diese Substanz bleiben sie nur leere Worte. Die Gedichte von Pega Mund haben diese Ladung, diese Energie, weshalb es interessant und spannend ist, sie näher zu betrachten.“

Quelle: Fixpoetry

Nicht von ungefähr ist der schmale, aber gehaltvolle Band mit dem Untertitel „Eine Begehung“ versehen – eine Wanderung durch Stadt-Landschaften, durch Land-Landschaften, durch Seelenlandschaften. Beinahe atemlos folgt man dem lyrischen Ich auf seinen Pfaden, ein Weg, der spannend ist, der manchmal auch ängstlich macht, vor allem aber durch die spürbare Lust am Spiel mit der Sprache viel Freude bereitet.

„reste von landschaft“ ist die erste Einzelpublikation der Autorin, die seit 2014 ihre Gedichte unter anderem in Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht. Zudem betreibt Pega Mund einen Blog: https://driftout.wordpress.com/

Informationen zum Buch:

Pega Mund
Reste von Landschaft
Black Ink Lyrik, 2021
28 Seiten geheftet, 8,00 Euro
ISBN: 978-3-930654-43-7

Bestellmöglichkeiten: Direkt beim Verlag http://www.blackink.de/literatur/lyrikreihe/pega-mund-reste-von-landschaft/index.html oder im Buchhandel.

Rose Ausländers „Leben im Wort“

Vor wenigen Wochen, genau am 11. Mai, wurde der 120. Geburtstag von Rose Ausländer (1901 – 1988) gefeiert. Ein kleines Portrait der Dichterin ist auf diesem Blog bereits zu finden.
Aktuell ehrt der Ulmer Verlag „danube books“ die große jüdische Wortkünstlerin mit einer bezaubernden Graphic Novel, die zum Jubiläumsjahr erschienen ist.

„Leben im Wort“ zeichnet das wechselvolle Schicksal der Lyrikerin nach, das sie von der grünen Bukowina und vom multikulturellen Czernowitz in die USA und wieder zurück nach Europa bis hin zu ihrem Lebensabend in Düsseldorf führte. Ein steter Begleiter war dabei das Wort: Die Fülle der Gedichte von Rose Ausländer zeugt davon, wieviel sie zu sagen hatte, die Schönheit ihrer Sprache ist auch ein Indiz für diese besondere kulturelle Landschaft der Bukowina, die mit ihr und Paul Celan zwei der größten Dichter dieser Zeit hervorbrachte. Und die beide ihr Leben lang die Vertreibung aus „dieser friedlichen Hügelstadt/von Buchenwäldern umschlossen“ in ihren Zeilen verarbeiteten, sondern auch Vertreibung, Tod und Unbehaustheit im Exil. In dem oben zitierten Gedicht „Cernowitz vor dem Zweiten Weltkrieg“, das auch in der Graphic Novel zu finden ist, schreibt Rose Ausländer:

Ihr Leben lang hatte Rose Ausländer Sehnsucht nach ihrer grünen Mutter, dem Buchenland der Bukowina. Bild von Dan Fador auf Pixabay

„Vier Sprachen
Verständigen sich
Verwöhnen die Luft

Bis Bomben fliegen
Atmete glücklich
Die Stadt“

Dr. Oxana Matiychuk, selbst in der Vielvölkerstadt, die heute zur Ukraine gehört, geboren, erzählt das Leben der Rose Ausländer chronologisch nach – von der behüteten Kindheit, die abrupt durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen wird. Hier macht die junge Rose die erste Exilerfahrung, die Familie flieht nach Wien, kehrt aber in das Buchenland zurück. 1920 dann der zweite Wendepunkt durch den frühen Tod des Vaters, Rose Ausländer geht, wie viele andere auch, in die USA. Dies ist nicht die letzte örtliche Veränderungen in diesem von Veränderungen geprägten Leben – lange, bis sie in ein jüdisches Altersheim in Düsseldorf ging, lebte Rose Ausländer konsequent nur mit sieben Koffern in verschiedenen Pensionen. Immer abreisebereit, vielleicht auch immer auf der Flucht.

Die Ausländer-Expertin Oxana Matiychuk – sie ist Dozentin am Lehrstuhl für ausländische Literaturgeschichte, Literaturtheorie und slawische Philologie der Jurij Fedkowytsch Universität Czernowitz, Leiterin der „Ukrainisch-Deutschen Kulturgesellschaft Czernowitz“ am Zentrum Gedankendach und verfasste mit ihrer Promotionsarbeit zur „Genese des poetischen Textes im Werk von Rose Ausländer“ die erste Studie in der Ukraine zum Leben und Werk der bukowinischen Autorin – erzählt das Leben der Dichterin chronologisch, auf die wesentlichen Fakten reduziert und doch mit einer Liebe für die wichtigen Details (z.B. die sieben Koffer), die nicht nur die Dichterin beleuchten, sondern auch einen Blick auf den Menschen dahinter ermöglichen.

Neben der Erzählung der Biographie führt die Graphic Novel auch in die Entwicklung von Rose Ausländers Schreiben, in ihr Leben mit den Worten ein. Dies alles ist in einer klaren Sprache verfasst, „in kunstvoller didaktischer Reduzierung, ohne jedoch zu simplifizieren“, wie Maria Dippelreiter schreibt. Und geradezu hinreißend sind Layout und Illustration dieser Graphic Novel, mit viel Liebe zu Details. Die beiden Künstler dahinter sind die mehrfach ausgezeichnete ukrainische Grafikdesignerin Olena Staranchuk und der Illustrationskünstler Oleg Gryshchenko. Gestaltung und klare Sprache machen dieses wunderbare Geburtstagsgeschenk für Rose Ausländer auch zu einem idealen Medium, um Leben und Werk auch jüngeren Lesern oder Menschen, die nicht viel von ihr kennen, näherzubringen.

Informationen zum Buch:
Oxana Matiychuk: Rose Ausländers Leben im Wort. Graphic Novel.
Mit Illustrationen von Olena Staranchuk und Oleg Gryshchenko.
Verlag danube books, Ulm, April 2021
56 Seiten, 14 B x 20 cm H. Hardcover, Fadenheftung, gedruckt auf Munken  Lynx (170 g).
ISBN 978-3-946046-27-1.
16,00 EUR (D) | 16,50 EUR (A).

Hildegard E. Keller: Was wir scheinen

„Sie schüttelte den Kopf. Gleichschaltung ist wirklich ein hässliches graues Wort. Das Wort für das Grauen, dasselbe Grau wie auf dem Gesicht im Glaskasten. Wissen wir denn, warum ein Mensch sich so durch und durch farblos machen lässt? Warum einer zulässt, dass man ihn zu einem Instrument in den Händen anderer macht? Ein Instrument, ganz egal, wofür, Hauptsache, ich gehöre nicht mehr mir selbst und trage nicht mehr die Verantwortung für das, was ich tue? Nein. Keiner vermag in die Seele eines andern hineinzuschauen. Niemand weiß, warum einer wollen kann, dass er nicht mehr der ist, der er ist.“

Das erste Gedicht war eine Reflexion über die Kraft des
Wassers, die sie an Brechts Legende erinnerte. Wenn im Innern
des Steins Wasser gefriert, bringt es ihn zum Bersten, nur was
gibt ihm die Kraft dazu? Merkwürdige Frage, aber sie schlägt
die Brücke ins Unsichtbare.
Bild: Schlucht im Tessin, Bild von adege auf Pixabay

Es ist bereits viel über den ersten Roman der Schweizer Literaturkritikerin Hildegard Keller geschrieben worden und all das Positive, was über „Was wir scheinen“ berichtet wurde, es ist richtig. Tatsächlich tritt einem die poetische Denkerin Hannah Arendt aus diesem Buch so lebendig und nahbar entgegen, dass man meint, eine Mischung aus „der Arendt“, wie man sie unter anderem aus dem Gaus-Interview kennt und einer Barbara Sukowa, die sie im Film verkörperte, zu begegnen. Fiktion und Realität verschmelzen hier aufs Schönste.

Hannah Arendt (1906 – 1975), die nach ihrer Flucht 1933 aus dem nationalsozialistischen Deutschland ab 1941 in den USA lebte, kam immer wieder nach Europa zurück, unter anderem verbrachte sie regelmäßig Ferien im Tessin. Ihr letzter Tessin-Aufenthalt ist der Rahmen der Erzählung: Arendt ist allein, von den wenigen noch lebenden Freunden ist keiner greifbar. Zum Arbeiten zu unkonzentriert, zum Faulenzen zu unruhig, wandern die Gedanken zurück in die Vergangenheit: Zu den Jahren des Studiums bei Jaspers und der Liebe zu Heidegger, zur Pariser Zeit, als sie sich mit Walter Benjamin befreundet und ihren Mann Heinrich Blücher kennenlernt, zu den Anfängen mit Heinrich und ihrer Mutter in New York und natürlich zu dem prägenden Ereignis ihres beruflichen Lebens, das sowohl politisch und als auch privat einen Bruch darstellt: Der Eichmann-Prozess, der im April vor 50 Jahren begann. Ihren Berichten im New Yorker darüber und ihrem darauffolgenden Buch folgten Wellen der Empörung, eine regelrechte Hetzkampagne, heute würde dies als Shitstorm bezeichnet.

Ihre missverstandene These von der „Banalität des Bösen“, ihr unabhängiger Blick auf die Rolle der Judenräte, ihre Weigerung, sich als Jüdin einen bestimmten Blick auf Eichmann und auf die Prozessführung in Jerusalem anzueignen, dies alles stellte Hannah Arendt in den Zentrum eines Empörungssturms. Welche Verletzungen, welche Schrammen Hannah Arendt dabei davontrug, darüber äußerte sie sich öffentlich nicht. Diesen Blessuren geht Hildegard Keller in ihrem Roman auf den Grund, nähert sich behutsam der verletzbaren, „weichen“ Seite der Denkerin, die dennoch streitbar und unbeugsam blieb, an. Die Form des biographischen Romans ist nicht unumstritten – im schlimmsten Fall überwiegt die Interpretation über die Realität, werden historische Personen zu Figuren umgezeichnet. Hildegard Keller umgeht diese Falle elegant und intelligent und spielt sogar charmant mit dieser Falle, in die auch sie hätte tappen können:

„Fiktiv werden ist nicht schön, wenn alles erstunken und erlogen ist“, reflektiert die Hannah Arendt des Romans beim morgendlichen Sinnieren im Bett. „Stillgelegt wie Figuren in einer Farce. Ach, wen geht es an, was wir sind und scheinen.“

Aber: „Wenn man zur Romanfigur gemacht wird, ist das natürlich was Anderes. Im Zeichen der Dichtung darf man schließlich einen Funken von Inspiration erwarten.“

Profunde Faktenkenntnis gepaart mit Inspiration, das Spiel mit Schein und Sein, dies geht bei diesem biografischen Roman eine glückliche Verbindung ein. Doch der größere Verdienst von „Was wir scheinen“ liegt nun nicht darin, dass „die Arendt“ so lebensnah erscheint, sei es, wenn sie Ingeborg Bachmann zeigt, wie man amerikanischen Speck brät, wenn sie mit zwei Fingern pfeift oder ein wenig verschämt-stolz ihre Straußenledertasche ausführt und dadurch von Keller etwas vom Status der politischen Pop-Ikonie, zu der Arendt ebenfalls geworden ist, weggerückt wird. Sondern, dass dieses Buch geradezu dazu animiert, den Kant`schen Leitspruch „Sapere aude!“, dem sich auch Hannah Arendt verpflichtet fühlte, anzueignen. „Was wir scheinen“ ist auch – ohne irgendwie professoral daherzukommen – eine Einführung in das selbständige Denken, eine Aufforderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

„Wahrheit ist kein Geschenkartikel“, heißt es an einer Stelle des Buches. So bekam auch Hannah Arendt, die sich plötzlich einer feindseligen Öffentlichkeit gegenübersah, für ihren Mut zum selbständigen Denken nichts geschenkt. Wie die Denkerin zu dem wurde, was sie war (und nicht nur schien), dies zeichnet Hildegard Keller in ihrem geschickt aufgebauten Roman wunderbar nach:

„Er (Heidegger) hat mich unterscheiden gelehrt, das Beste überhaupt.  Wissen Sie, uns Studenten war der gelehrte Gegenstand damals ziemlich gleichgültig, nicht aber das Denken. Noch heute ist es rar an den Universitäten, weil man dort ja immer über etwas oder jemanden arbeitet. Wer denkt, sagte Heidegger, steht nicht über den Dingen, sondern geht in sie ein. Der Denkende ist mittendrin.“

(Nur als Einschub: Gerade die Beziehung zu Heidegger, die über dessen nationalsozialistisches Engagement hinweg bestehen blieb, zeigt, dass Hannah Arendt mehr war, als sie schien).

Die Bereitschaft und Fähigkeit zum unabhängigen Denken, wie sie Hannah Arendt von sich und anderen verlangte, ist in einer Zeit, in der Wahrheiten in einem Wust von fake news unterzugehen zu scheinen, notwendig wie eh und je. Und wenn die Aufforderung, selbst zu denken, so gescheit und unterhaltsam wie in diesem Roman vermittelt wird, dann bitte gerne mehr davon!

Informationen zum Buch:

Hildegard E. Keller
Was wir scheinen
Eichborn Verlag, 2021
Hardcover, 576 Seiten, 24,00 €
ISBN: 978-3-8479-0066-5

Ganghofer reloaded: Ein neuer Blick auf den „Alpen-May“

Er war ein Star der Literatur jener Tage: Ludwig Ganghofer (1855 – 1920). Mit über 40 Millionen verkauften Büchern bis heute bleibt er ein Bestseller-Autor mit einer Auflagenhöhe, von der gegenwärtige Schriftsteller nur träumen können. Er versorgte die Deutschen mit Berg- und Heile-Welt-Romantik, hatte mit seinem Stück vom Herrgottschnitzer in Ammergau in Berlin einen grandiosen Bühnenerfolg und bekam von Zeitgenossen, weil er der Lieblingsautor des Kaisers war, den Spitznamen „Hofganger“ verpasst. Sein Name ist, auch dank der zahlreichen (mehr oder weniger gelungenen) Verfilmungen seiner Bücher, zwar noch immer ein  Begriff  – auch wenn die wenigsten seine Bücher heute wohl noch lesen geschweige denn viel über den Erfolgsschriftsteller wissen.

Meist bringt man Ganghofer mit Oberbayern, beispielsweise mit der Gegend um den Tegernsee (Bild), zusammen. Dabei vergass er seine schwäbischen Wurzeln nie. Bild: Bild von Thanks for your Like • donations welcome auf Pixabay

Ein verbreiteter Irrtum: Der Schöpfer von Romanen wie „Schloß Hubertus“ und „Der Jäger vom Fall“ sei Oberbayer. Zwar starb Ganghofer vor über 100 Jahren in Tegernsee, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte und er liegt neben seinem Freund Ludwig Thoma auf dem Friedhof von Rottach-Egern begraben. Geboren jedoch ist er im bayerischen Schwaben – und dort bemüht man sich nicht nur um die Erinnerung an ihn, sondern auch um eine Befreiung des Volksschriftstellers vom Kitsch-Klischee. Mit einer wissenschaftlichen Tagung unter dem Titel „Total trivial? Ganghofer reloaded“ wollte Professor Klaus Wolf, Experte für bayerische Literatur an der Universität Augsburg, zum Jubiläum für einen neuen Blick auf Ganghofer sorgen – Corona-bedingt nun aufgehoben, aber nicht aufgeschoben. Wolf würdigt den Schriftsteller auch mit einem umfassenden Portrait in der Zeitschrift des historischen Vereins für Schwaben (erscheint im Wißner-Verlag):

„Die große Welt war Ludwig Ganghofer somit zunächst nicht in die Wiege gelegt.
Sein Vater arbeitete als Förster, der sich um eine Reform des königlich-bayerischen
Forstwesens bemühte. Er war aber ein Reformer, der zunächst Anfeindungen auch
als Beamter ausgesetzt war und es erst in seinen letzten Lebensjahren zum Ministerialrat,
ja bis zum Adelstitel – allerdings ein nicht erblicher Adelstitel – unter
Prinzregent Luitpold brachte. Ludwig Ganghofer wuchs also tatsächlich in einem
damals gottverlassenen Nest, in einer dörflichen, bäuerlichen Gegend auf.“

Er zeigt auf, wie aus dem Bub vom Land ein junger Schriftsteller und Journalist wurde, der sich ganz dezidiert liberal und weltoffen positionierte – so hielt Ganghofer auch entschieden gegen den grassierenden Antisemitismus seiner Tage an. Und den vielschichtigen, liberalen, an technischen und ökologischen Fragen interessierten Ganghofer stellt man ebenfalls bei der Regio Augsburg in den Mittelpunkt. „Vieles, was mit dem Namen Ganghofer verknüpft ist, ist ganz aktuell“, betont Tourismusdirektor Götz Beck, „das reicht von der Sehnsucht nach einer intakten Natur bis hin zur Diskussion über den Heimatbegriff heute in einer globalisierten Gesellschaft.“

Wer auf Ganghofer-Spurensuche in Schwaben geht, wird an etlichen Orten fündig: Der „Alpen-Shakespeare“ erblickte in Kaufbeuren das Licht der Welt. Eine Tafel am Geburtshaus erinnert daran und natürlich ist ihm in der „Dichterstube“ im Stadtmuseum viel Raum gewidmet. Zu sehen ist dort unter anderem sein Schreibtisch mit dem bezeichnenden Motto: „Ohne Fleiß kein Preis“. Aus Kaufbeuren, konkret von der Deutschen Ganghofer-Gesellschaft und ihrem Vorsitzenden Karl Ilgenfritz, kam die Idee einer virtuellen Ganghoferstraße, die seit 2010 im Internet zu finden ist.

Doch die prägenden Jahre erlebte Ganghofer im Holzwinkel, „da entstand die Liebe zur Natur, die in seinem Werk so großen Raum einnimmt. Aber auch viele Erlebnisse, Eindrücke und Figuren aus dieser Zeit finden sich in den späteren Werken, natürlich literarisch verfremdet, wieder“, betont Professor Wolf.

Als Ludwig vier Jahre alt war, zog die Familie nach Welden, sein Vater, der später wegen seiner Verdienste als Forstreformer geadelt wurde, war dort als königlicher Revierförster tätig. Und das Kind wurde zu einem frühen Verfechter dessen, was heutzutage als „Waldbaden“ en vogue ist. In seiner mehrbändigen Autobiographie „Lebenslauf eines Optimisten“, die zwischen 1909 und 1911 erschien, erinnert sich der erwachsene Ludwig:

„Es mag wohl bald im ersten Sommer zu Welden geschehen sein, daß ich sehnsüchtig diesem winkenden Grün entgegenzappelte. Des Tages, der mir den Wald gegeben, weiß ich mich nicht mehr zu entsinnen. Aber ich glaube, daß dieser Tag mir den ersten Seelenrausch, das erste klingende Gefühl meines Lebens gab. Denn soweit ich mit klarem Erinnern zurückschaue in die Kindheit: immer steht mir zwischen schönen Dingen der Wald als das Schönste, und immer war mir da ein frohes Zittern im Blute, ein Jubelschrei in der Kehle, ein Staunen in den Augen, ein Gefühl der Erlösung in allen Sinnen, ein geflügelter Traum in all meinem Leben. Und das ist seit meiner Kindheit so in mir geblieben bis zum heutigen Tage – durch ein halbes Jahrhundert.“

In der Marktgemeinde Welden ist man natürlich stolz „auf unser berühmtestes Kind“, bemerkt Bürgermeister Stefan Scheider, „er wird entsprechend durch Hinweise im Ort, auch durch eine Ganghoferstraße, und viele Aktivitäten gewürdigt.“ Aber auch dem Politiker ist klar, dass man mit Blick auf seine Literatur jüngere Menschen erst einmal nicht begeistern kann. „Man muss sie neugierig machen auf die Person – beispielsweise indem darauf hinweist, dass Ganghofer mehr Bücher verkaufte als selbst Joan Rowling mit Harry Potter.“ Dass die Erinnerung an den Schriftsteller im Ort selbst so lebendig bleibt, ist laut Scheider wesentlich auch den Ganghofer-Freunden in Welden rund um Karl Höck zu verdanken: „Er hat praktisch alles erforscht, was es zu Ganghofers Zeit bei uns zu sagen gibt.“

Bild: Regio Augsburg Tourismus GmbH

Ob man das „Schweigen im Walde“ unbedingt gelesen haben muss, sei dahingestellt. Aber man kann es im wortwörtlichen Sinne auf Spuren des ganz jungen Ganghofers zumindest für ein paar Stunden genießen. 2015 wurde in Welden der „Ludwig Ganghofer Lausbubenweg“ eröffnet: Dort, im ehemaligen Refugium des kleinen Ludwigs, sind auf einem 3,5 Kilometer langen Rundweg mehrere Erlebnisstationen an den Erinnerungen des Schriftstellers ausgerichtet – man kann mit Tannenzapfen auf eine Nepomuk-Figur werfen, „Eierklauen beim Rollewirt“ oder einfach auch nur spielerisch den Wald entdecken. „Wenn man die Geschichten Ganghofers aus seiner Autobiographie im Ohr hat, dann bekommt so ein Waldspaziergang gerade für Kinder nochmal eine andere Qualität und einen Hauch von Abenteuer“, meint Götz Beck. Gemeinsam mit der Marktgemeinde und dem örtlichen Ganghofer Freundeskreis waren 2020 zum 100. Todestag etliche Veranstaltungen geplant – noch ist die Hoffnung da, dass diese 2021 nachgeholt werden können. „Sicher kann man mit seinen literarischen Werken junge Menschen nur bedingt erreichen – aber er war ein Vordenker, Reformer, ein moderner Mensch und diese Geschichten wollen wir erzählen“, betont Götz Beck.

Das wird auch deutlich in der Dauerausstellung im Landgasthof zum Hirsch in Welden: Am „Stammtisch“ wird darauf hingewiesen, dass der Autor von Heimatromanen durchaus ein Intellektueller war, der Rainer Maria Rilke entdeckte, der den wilden Wedekind ebenso förderte wie den Schlacks Karl Valentin. „Ganghofer wird einfach nach wie vor unterschätzt“, bedauert Klaus Wolf. „Das war ein Mensch, der an technischen Entwicklungen interessiert war, er warf einen sozialkritischen Blick auf die gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit, er thematisierte sehr früh schon auch die Probleme, die die Eingriffe der Menschen in die Natur mit sich brachten.“


Ganghofer in Welden

In der Marktgemeine Welden kann man selbst ganzjährig an vielen Stationen etwas über den Schriftsteller erfahren. Der kindgerechte Lausbubenweg ist mit dem Kinderwagen begehbar, etwas weiter führt ein Ganghofer-Rundweg von 5,5 Kilometern Länge. Unumgänglich ist ein Abstecher in den Landgasthof zum Hirsch: Dort wurde eine liebevoll gestaltete Dauerausstellung eingerichtet, die das Leben und Wirken der Försterfamilie in den Blick nimmt.

Wer möchte, kann sich im Hirsch auch einen i-Pod leihen und mit Ganghofer auf „Lauschtour“ gehen. Was sonst noch für Wanderer und Radler auf Ganghofers Spuren zu unternehmen ist, findet sich gebündelt auf einer Internetseite der Regio Augsburg: https://www.augsburg-tourismus.de/de/ludwig-ganghofer

Bilder: Regio Augsburg Tourismus GmbH


Allerdings erkannte Ganghofer, der nach dem Besuch des Augsburger Realgymnasiums zunächst Maschinenbau studierte und erst später zu Literaturgeschichte und Philosophie wechselte, schnell, wie sich mit seinem schriftstellerischen Talent auch sehr viel Geld verdienen ließ: Statt der Hochliteratur widmete er sich dem Verfassen von Hochlandromanen. „Zu dieser Zeit herrschte, auch aufgrund der Industrialisierung, ein großes Bedürfnis nach einer heilen Welt und unverfälschter Natur“, so Wolf, „und das bediente er mit seinen Romanen.“ Mit Büchern aus dem Holzwinkel wäre ihm dabei wohl weit weniger Erfolg beschieden gewesen, die Alpen als Kulissen waren da schon gewinnbringender. „Er hat sich ganz bewusst für dieses Genre entschieden, weil er damit seinen durchaus aufwändigen Lebensstil – er führte ein gastfreundliches Haus in München und hatte ein großes Jagdhaus in Tirol – finanzieren konnte“, sagt der Literaturexperte. Diese Geschäftstüchtigkeit als Literat war schon damals außergewöhnlich – aber auch das ist vielleicht ein schwäbischer Zug in Ganghofers Schaffen.

Weitere Informationen:
Alles rund um Ganghofer in Welden und Umgebung:
https://www.augsburg-tourismus.de/de/ludwig-ganghofer

Dieser Beitrag erschien zuerst im Magazin „top schwaben“, Nr. 72.

Kurz&knapp: Geschichte und Geschichten

Drei Bücher, drei Neuerscheinungen, drei Autoren, eine Gemeinsamkeit: Alle haben ihre Wurzeln rund um Augsburg. Literaturstadt! – man sehe mir diesen kurzen lokalpatriotischen Ausbruch nach.

Die schriftstellerische Arbeit von Michael Lichtwarck-Aschoff verfolge ich seit längerem mit Begeisterung. Ob er nun über das Vivarium in Wien schreibt oder Louis Pasteur – immer gelingt es dem Arzt und Autor, Wissenschaft und Literatur zu einem intellektuellen Lesevergnügen zu verbinden. Sein jüngstes Sujet: „Robert Kochs Affe“, nun erschienen im Hirzel Verlag.

Michael Lichtwarck-Aschoff sagt selbst dazu: „Das Buch war fertig, lange bevor die Corona-Pandemie über uns kam. Es kann und es will deshalb auch kein Kommentar zum Umgang mit der Pandemie sein. Trotzdem mag es nützlich sein, die Erbschaft, die der Seuchenmediziner Robert Koch uns hinterlassen hat, genauer anzuschauen.“

Seine Wissenschaft von den Bakterien hat Robert Koch als totalen Krieg gegen das Unsaubere erfunden. Unsauber ist alles, was fremd ist. Und das unsaubere Fremde ist ansteckend. In drei Episoden wird erzählt, wie eine solche Haltung zu Beginn des 20. Jahrhunderts im sauberen Berlin entsteht, und zu welch unmenschlichen Folgen sie zwangsläufig führt. Was treibt ein Affe in Husarenuniform in der Berliner Villa Kochs? Hilft Rattengift gegen die Schlafkrankheit, und was spricht dagegen, an den Eingeborenen Ostafrikas damit zu experimentieren? Wo dem Professor doch jedes Mittel recht sein muss, Afrika zur Sauberkeit zu erziehen? Zu welch weitergehenden Erkenntnissen gelangt Koch, als er im hochsommerlichen New York erkrankt und täglich einer gründlichen Darmreinigung unterzogen wird? Wir beobachten Koch dabei, wie er auszieht, um für Kaiserdeutschland die Welt von Erregern zu säubern. Sein Gewehr ist die Wissenschaft – und so sieht die auch aus. Wie in der Wirklichkeit kommt die Grausamkeit in der Affenmaske des Grotesken daher – und die Verachtung kostümiert sich als Zivilisation …  

Lichtwarck-Aschoff, Michael
Robert Kochs Affe
Der grandiose Irrtum des berühmten Seuchenarztes
S. Hirzel Verlag, 2021, Gebunden, 284 Seiten
ISBN 978-3-7776-2917-9

www.hirzel.de

Bleiben wir beim Thema unserer Tage, das alles dominiert. Mit einer Seuche und ihren Folgen setzt sich auch Klaus Wolf, Professor für Deutsche Literatur und Sprache des Mittelalters und der Frühen Neuzeit mit dem Schwerpunkt Bayern an der Universität Augsburg auseinander. In seinem Essay „Passionsspiel und Pesttraktat. Die Pest im Mittelalterund in der Frühen Neuzeit aus dem Blickwinkel der bayerischen Literaturgeschichte“ zeigt er auf, wie die Pest quasi zum Motor der literarischen Produktion wurde:

„Es ist eindeutig, dass dieser Seuchenkomplex literaturhistorisch im Bereich des Fachschrifttums Ursache einer ‚Literaturexplosion‘ in den Volkssprachen wurde: Die Pestepi-demien seit der Mitte des 14. Jahrhunderts zogen eine Fülle von deutschen Pestschriften nach sich; sämtliche Universitäten im deutschen Sprachgebiet, zahlreiche Stadtärzte, Bader, auch Geistliche, Handwerker und Schulmeister verbreiteten Regimina, Consilia und Einzelrezepte gegen die Pest (…)“.

Zwar sind heute literaturgeschichtlich Gattungen wie das Passionsspiel, wie man es aus Oberammergau kennt, bekannter, doch die Seuche führte auch zu einer vermehrten Produktion medizinischer Schriften, die volkssprachlich gefasst waren und sich an die gesamte Bevölkerung, die des Lesens mächtig war, richteten.

„Insgesamt zeigen die Traktate nicht nur eine scharfe Beobachtung der Symptome, sondern auch selbständiges Denken statt sklavisches Festhalten an den Prinzipien und Lehren der Altvorderen. Auch das Phänomen der Immunität wurde bei einigen Autoren angedacht. Not und Bedrängnis durch die Seuche setzten somit Kompetenz und Kreativität frei“, so Klaus Wolf.

Der Beitrag erschien in dem neuen Buch „Dekameron 21.0 – Zehn Schlaglichter auf eine Krise“, herausgegeben von Dr. Peter Czoik, Literaturwissenschaftler und Redaktionsleiter beim Literaturportal Bayern an der Bayerischen Staatsbibliothek. Anlass war: Drei Frauen und sieben Männer aus München und Umgebung entschließen sich, mitten im Wüten eines neuen Virus, der im Frühjahr 2020 um die Welt geht, ein Krisenbuch für Kulturinteressierte zu schreiben.
Was sie alle vereint, ist ihre jeweilige häusliche Isolation und ihre phänomenologische Sicht auf das gemeinsame Thema: In zehn Essays, die sich zahlenmäßig an Giovanni Boccaccios ›Zehn- Tage-Werk‹ Decamerone von 1349/53 orientieren, knüpfen sie an die aktuelle ›Corona-Krise‹ an und beleuchten damit zusammenhängende Erscheinungen. Die aus verschiedenen vornehmlich geisteswissenschaftlichen Disziplinen stammenden Beiträge werfen Schlaglichter auf die Krise innerhalb des Spektrums von Philosophie, Religion, Literatur, Film, Geschichte und Gesellschaft – angefangen vom alten Pesttraktat im Mittelalter bis hin zum modernen Virenausbruchsfilm im 20. Jahrhundert. Neben Klaus Wolf und Peter Czoik stammen die weiteren Beiträge von Peter Czoik, Ursula Haas, Martin Hielscher, Krisha Kops, Uwe Kullnick, Franz-Josef Rigo, Stephan Seidelmann, Gunna Wendt und Sophie Wiederroth.

Czoik, Peter (Hrsg.)
Dekameron 21.0 – Zehn Schlaglichter auf eine Krise
Verlag Königshausen & Neumann,
2021, 162 Seiten
ISBN 978-3-8260-7295-6

www.verlag-koenigshausen-neumann.de


Wer sich beim Lesen nun etwas von Pest und Colera erholen möchte, der findet mit Armin Strohmeyrs „Ferdinandea“ einen wunderbaren Lesestoff. Aber Achtung! Auch dieser historische Roman hat es in sich. Tatsächlich gab beziehungsweise gibt es sie, diese „Insel der verlorenen Träume“, wie es im Untertitel heißt. Die Isola Ferdinandea tauchte plötzlich am 10. Juli 1831 kurz vor der Küste Siziliens auf.

Auch Alexander von Humboldt und Charles Earl of Grey, Sir Walter Scott und Johann Wolfgang von Goethe staunen nicht schlecht, als sie von Ferdinandea hören: Eine Sensation! Doch kein Mensch rechnet mit der Eigenwilligkeit der „Dame ohne Mitleid“: So unerwartet ihr Erscheinen gewesen ist, so plötzlich versinkt die vulkanische Insel ein halbes Jahr später wieder in den Meeresfluten. Und lässt viele zerschlagene Hoffnungen und zerbrochene Träume zurück …

Die kurze Zeit ihres Erscheinens genügte, um Forschungsexpeditionen in Gang zu setzen und politische Konflikte auszulösen, beanspruchten doch neben den Sizilianern auch die Engländer und Franzosen das Eiland für sich. Auch bei Armin Strohmeyr setzte die Geschichte der Insel ein Feuerwerk der Fantasie in Gang.

„Die Geschichte von der auf- und wieder abgetauchten Insel ist ein wunderbarer Romanstoff. (…) Die fantastischen und realen Elemente verrührt Strohmeyr gekonnt zu einem unterhaltsamen Geschichtsschmöker„, urteilte Literaturexperte Oswald Burger im Südkurier.

Wie die geheimnisvolle Insel plötzlich bei den Bewohnern des Örtchens Sciacca von Ruhm und Wohlstand träumen lässt, wie die politischen Mächte miteinander ringen und Forscher sich einen Wettlauf liefern, all dies verknüpft Armin Strohmeyr zu einem anspruchsvollen und unterhaltsamen Lektürestoff.

Armin Strohmeyr
Ferdinandea. Die Insel der verlorenen Träume
Südverlag, 2021, 376 Seiten,
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-87800-142-3

www.suedverlag.de

Bertolt Brecht und der Film

Bertolt Brecht war zwar vom Medium Film fasziniert, hatte aber damit kein Glück. BB und der Film – das war weniger episches Theater, sondern ein Drama ohne Ende.

Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Dabei fing alles so gut an: Bereits 1923 arbeitet Brecht, damals 25 Jahre alt, mit dem Regisseur Erich Engel und mit Karl Valentin zusammen. Die „Mysterien eines Frisiersalons“ erinnern streckenweise an den Surrealismus im „andalusischen Hund“ von Luis Buñuel, sind aber auch komisch, humoristisch und ein wenig chaotisch. Der Film galt lange als verschollen, wurde jedoch in den 70erJahren wiederentdeckt und restauriert.

1930 machte sich Georg Wilhelm Pabst an die Verfilmung der Dreigroschenoper. Brecht, zunächst noch aktiv mit dabei, überwirft sich mit Regisseur und Produktionsfirma, will den Film, auch vor dem Hintergrund des aufkommenden Nationalsozialismus, mit eindeutigerem politischen Inhalt versehen. Die Streitigkeiten führen zum sogenannten Dreigroschenprozeß. Brecht schrieb unter dem Titel „Der Dreigroschenprozeß. Ein soziologisches Experiment“ eine Analyse des Rechtsstreits, die er zusammen mit dem Filmexposé und dem Text der „Dreigroschenoper“ veröffentlichte.

1931 ist BB jedoch wieder bereit für das Medium Film – er arbeitet mit Slatan Dudow und Hanns Eisler „Kuhle Wampe oder wem gehört die Welt?“. Der 1932 erschienene Streifen ist benannt nach dem Zeltplatz Kuhle Wampe in Berlin am Müggelsee, einer der vielen Originalschauplätze, an denen gedreht wurde. Geschildert wird das Schicksal einer Arbeiterfamilie und eines jungen Pärchens, dessen Verbindung angesichts der Massenarbeitslosigkeit ohne Zukunft erscheint. Der Film hat – auch durch den Dreh an Originalschauplätzen und mit „echten“ Arbeitslosen neben erfahrenen Schauspielern – streckenweise dokumentarischen Charakter, zeichnet ein realistisches Bild der Verelendung in der Weimarer Republik. Kuhle Wampe war der einzige eindeutig kommunistische Film dieser Zeit – bis hin zu Arbeitern, die das Lied der „Solidarität“ singen – und wurde nicht nur unter großen Schwierigkeiten gedreht, sondern prompt auch von der Zensur verboten. Nach Protesten wird der Film mit einigen Änderungen freigegeben, Brecht macht dem Zensor das ironische Kompliment, dieser zumindest habe den Film wirklich verstanden – nicht als Darstellung eines individuellen Schicksals, sondern als offene Kritik an den gesellschaftlichen Bedingungen: „Der Inhalt und die Absicht des Films geht am besten aus der Aufführung der Gründe hervor, aus denen die Zensur ihn verboten hat.“

Dann die Zeit des Exils. Letztlich verschlägt es Brecht, wie viele andere Autoren, nach Hollywood. Wie andere ist er gezwungen, dort zu antichambrieren und arbeitet für den Broterwerb an Drehbüchern für die Traumfabrik mit. Seine Erfahrungen in dieser Zeit hat er in den bitteren Hollywood-Elegien verarbeitet.

1943 jedoch hat Brecht die Chance, an einem ambitionierten Filmprojekt mitzuwirken. Unter der Regie von Fritz Lang, ebenfalls einem Exilanten, entsteht „Hangmen also die“ – „Auch Henker sterben“. Die beiden Künstler kannten und schätzten sich bereits in den Tagen der Berliner Zeit. Als Brechts Lage im schwedischen Exil angespannt wird, sorgte Lang, der in Hollywood schnell Fuß gefasst hatte und seine Karriere fortsetzen konnte, mit dem European Film Fund dafür, dass Brecht, Weigel, sowie die beiden Kinder und Ruth Berlau Visa für die USA bekamen, 1941 traf die Familie in Los Angeles ein.

Der Film „Auch Henker sterben“ erzählt bereits ein Jahr nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich in Prag 1942 vom tschechischen Widerstand und der Fahndung der Gestapo nach dem Attentäter. Doch schon während der Dreharbeiten kommt es zwischen Lang und Brecht zu Differenzen. Der cholerische Lang tobt gegenüber Brecht und dem ebenfalls linksgerichteten Co-Autoren John Wexley, er „scheiße auf Volksszenen“, er wolle ein Hollywoodpicture machen. Ungerechtigkeiten bei der Bezahlung – Brecht sollte wesentlich weniger als Wexley erhalten -, Kürzungen im Skript, charakterliche Unverträglichkeiten taten ihr weiteres. Die Zusammenarbeit wurde zum Desaster und gipfelte in einer Anhörung vor der „Screen Writer`s Guild“, weil Wexley als der eigentliche Autor genannt werden wollte, Brecht jedoch nur unter ferner liefen aufgeführt wurde. Die Schiedsstelle entschied zugunsten des Amerikaners. Brecht legte danach die Arbeit am Film nieder, begegnete auch Fritz Lang nicht mehr.

Doch was übrig bleibt: Zum einen überstand auch diese Episode die Freundschaft zwischen Brecht und Hanns Eisler, der als Komponist auch an den früheren Filmen mitgearbeitet hatte. Und vor allem: „Hangmen also die“ ist, wenn auch viele der Ideen und Vorstellungen Brechts nicht verwirklicht werden konnten, eines der wichtigsten Filmwerke geworden, das noch während des Nationalsozialismus eindeutig Stellung gegenüber der deutschen Tyrannei bezog.

Lang setzte dem verlorenen Freund BB später noch ein cineastisches Andenken, so der Filmwissenschaftler Peter Ellenbruch:

„Im Gegensatz zu Brecht, der ein Gegner Langs geblieben sein soll, hat sich Lang immer wieder positiv zu Brecht geäußert, ihn als einen wichtigen Autor geschätzt und sich von seinem Werk inspirieren lassen. So baute er 1963 eine Brecht-Hommage in LES MEPRIS von Jean-Luc Godard ein – in welchem er sich selbst spielte – und die Buchstaben „BB“ stehen innerhalb des Films plötzlich nicht mehr für die Hauptdarstellerin Brigitte Bardot, sondern einen Moment lang für Bert Brecht.“

Ulrike Draesner: Schwitters

„Der Rest fiel in seine Verantwortung. Er ging auf seine Gastgeber zu. An seiner Liebe zu Tee mit Milch arbeitete er, doch er schätzte quasi auf natürliche Art alle Arten von Pie, jeden Pudding, womit man in England jegliche Art von Dessert meinte, den Wolkenhimmel, den Dauerwind, sogar die dauerhaft winterlichen Raumtemperaturen.“

Ulrike Draesner, „Schwitters“, 2020

Kurt Schwitters, Public domain, via Wikimedia Commons SCHWITTERS, Kurt_Merz 1925, 1. Relieve en cuadrado azul, 1925_748 (1980.74)

Doch obwohl der Emigrant, der Exilant sich bemüht, in seiner neuen Heimat Fuß zu fassen, er bleibt ein Außenseiter. Vielleicht auch, weil er das von Natur aus ist: So ging es ihm in Hannover, so ging es ihm, dem Schöpfer der „Ursonate“ und der „Anna Blume“ mit seinen Beiträgen zur DADA-Bewegung, wo er immer ein Solitär blieb, ein Fremdkörper, so ergeht es ihm, dem „entarteten Künstler“ bei seinen Stationen im Exil, in Norwegen und schließlich England, wo er 1948 stirbt. „Schwitters“, der hochgelobte Künstlerroman von Ulrike Draesner, zeigt aber auch exemplarisch auf, was ein Exilantenschicksal bedeutet: Entwurzelung, Identitätsverlust, Vereinsamung. Wer wie Schwitters mit Sprache, mit einer besonderen Bildsprache arbeitet, ist doppelt geschlagen, dem sind auch die Grundlagen der beruflichen und künstlerischen Existenz entrissen.

Die Jahre des Exils, vor allem aber die Jahre, in denen Kurt Schwitters dann mit seinem Lebensmenschen, Edith Thomas, kurz „Wantee“ (der ewige Hang zum Tee zärtlich verballhornt) einen neuen Dreh-, Angel- und Haltepunkt findet, rückt Ulrike Draesner in dieser stilistisch wie ästhetisch herausragenden und herausfordernden Annäherung an den MERZ-Schöpfer in den Mittelpunkt. Dabei gelingt ihr nicht nur eine sensible Charakterisierung des Künstlers, der auch zerrissen ist zwischen alten Familienbanden und neuer Liebe, sondern gewissermaßen auch eine Einführung in ein Stück Kunstgeschichte: Was DADA ausmacht, was MERZ ausmacht, das wird durch diesen Roman greifbar. Und dies immer auch in einer liebevoll-kritischen Distanz zum Künstler, der wie viele seiner Art durchaus den Hang zur Egomanie hatte. Michael Braun schreibt im „Tagesspiegel“:

„Ein Roman über eine Figur der Zeitgeschichte läuft immer Gefahr, die biografischen Fakten mittels Legendenbildung und hagiografischer Aufladung zu einem großen Erzählkino auszupinseln. Ulrike Draesner ist es dank ihrer feinen Sprachempfindlichkeit gelungen, diese Geschichte eines deutschen Exilanten und seiner Sprach- und Weltenwechsel von jedweder Schwärmerei freizuhalten und das späte Leben von Kurt Schwitters in all seinen Brüchen und markanten Selbstwidersprüchen freizulegen.“

Zuweilen kreist Ulrike Draesner diese Selbstwidersprüche für meinen Geschmack zu zögerlich ein, umrundet sie, lässt der Lust an Wortspielereien und Sprachkunst dann vollends freien Lauf – an der einen oder anderen Stelle läuft der Text dann etwas davon, wünschte man sich, näher an Schwitters denn an Draesner zu sein. Aber im Grunde ist dies wiederum auch fast schon symbolhaft: Sprache, so wuchernd und ständig wachsend wie der 1943 zerstörte MERZbau.

Verlagsinformationen zum Buch finden sich hier.
Der Beitrag ist eine unabhängige Buchrezension, dem Penguin Verlag danke ich für das zur Verfügung gestellte Besprechungsexemplar.

IM LYRIKRAUM: Elke Engelhardt

Die kleine Frau schreibt

Erst muss man alles aufzeichnen,
dann kann man sich aufzeichnen durch einen Satz,
der etwas ins Fließen bringt,
was vorher feststand.

Ich bin die kleine Frau,
ich glaube an die Macht des Mondes,
an Ebbe und Flut.
Aber mehr noch an die Worte,
die alle Spuren verwischen,
sobald sie entstehen.

Aus: „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“ von Elke Engelhardt

Sich selbst definieren, sich selber finden mit den unzulässigen Mitteln der Sprache – das scheint mir ein Leitmotiv zu sein in diesem außergewöhnlichen Gedichtband. Eine Poesie, der die Macht der (Ent-)Täuschung innewohnt: Sätze, die so klar und nüchtern im Stil zu sein scheinen, und mit denen dennoch alle Spuren verwischt werden.
Beispielgebend dafür ist Sansibar, Protagonist im ersten Zyklus:

Es sollte ein Roman ohne Worte werden
aber voller Gedanken
Der Ehrgeiz packte mich
es schüttelte mich
Es ging mir nicht gut
Ich war kurz davor einen Satz in mein Heft zu schreiben
einen Satz der alle Worte zum Blühen gebracht hätte
und was blüht ist vergänglich

Was blüht, ist vergänglich, was gesagt ist, kann heute wahr sein und morgen ein gebrochenes Versprechen: Eine Dichterin im Ringen mit der Unzulänglichkeit, der Unzuverlässigkeit der Sprache. Ein Ringen, das funkelt, das Sätze birgt, die sich einprägen:

Der Tod, sagt meine Mutter, ist eine schnell
heilende Wunde. Die Narben, die er hinterlässt,
sind Sache der Lebenden.

So klar die Sprache von Elke Engelhardt erscheint, so viele Geheimnisse tragen Sansibar, die kleine Frau und die lyrische Stimme im dritten Zyklus, „Die Lumpen meiner Erinnerung“, mit sich herum. Man möchte mehr davon lesen, wohlwissend, dass man den Geheimnissen eines Menschen mit den Mitteln der Sprache wohl nie auf den Grund kommen wird.

Elke Engelhardt
Sansibar oder andere gebrochene Versprechen
Elif Verlag, 2020
134 Seiten, Klappenbroschur, 18,00 €
ISBN 978-3-946989-32-5