Aegis Buchhandlung: Wo einem Bücher in die Tüte kommen

Was macht eine Nähmaschine in einem Buchladen? Ganz einfach: Sie steht für Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Rasmus Schöll, Inhaber der Aegis Buchhandlung Ulm, wollte seinen Kundinnen und Kunden eine Alternative zum folierten Geschenkpapier bieten, das umweltschädlich ist und meist nach einmaligem Gebrauch im Müll landet.

Rasmus Schöll an der Nähmaschine.

Beim schwäbischen Hersteller „Tütle“ in Dettenhausen wurde er fündig: Dort werden Tüten aus 100 Prozent Altpapier angeboten, die zudem vollständig kompostierbar sind und auch wiederverwendet werden können, beispielsweise als Kompostbeutel. Zudem fließt ein Teil des Erlöses in die Aufforstung naturnaher Wälder.

Hübsch illustriert gibt es die Tüten nun bei Aegis Ulm und der Schwesterbuchhandlung in Söflingen in mehreren Größen: Passend für Taschenbücher, Hardcover und größere Formate. Will ein Kunde ein Buch als Geschenk „eingetütet“ haben, kommt schlussendlich die Nähmaschine in Einsatz – kurzerhand wird die Tüte zugenäht, natürlich mit umweltfreundlichen Baumwollfaden.

https://aegis-literatur.buchhandlung.de/shop/

Sigrid Undset: Kristin Lavranstochter

Ende Mai erscheint beim Kröner Verlag mit „Der Kranz“ der erste Band der Trilogie „Kristin Lavranstochter“, für die Sigrid Undset mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, in einer neuen Übersetzung.

Kristin Lavranstochter ist ein eigenwilliges junges Mädchen im Norwe­gen des 14. Jahrhunderts, der strahlende Liebling ihres Vaters, diesem versprochen an den Sohn eines benachbarten Bauern. Ein Leben wie im Buche, bis sich der Tod ins Leben der jungen Frau schleicht und ein brutaler Mord ihr ihre Jugendliebe entreißt. Sie flüchtet ins Kloster – und verliebt sich Hals über Kopf in Erlend von Husaby, dem ein übler Ruf vorauseilt. Gegen alle Widerstände und ob­wohl sie damit ihren geliebten Vater fast um­bringt, entscheidet sie sich dafür, diese Liebe zu leben.

Sigrid Undsets ganz große Stärke ist die Cha­rakterzeichnung, und so lacht, leidet und liebt man dieser starken Frau, die es mit der norwegischen Männergesellschaft des 14. Jahrhunderts auf­nimmt. Dass Undset für die Trilogie mit dem Literaturnobelpreis ausge­zeichnet wurde, ist nur konsequent.

Gabriele Haefs hat „Kristin Lavranstochter“voll­ständig neu übersetzt, erstmals, wie es scheint, di­rekt aus dem Norwegischen, so dass nun endlich auch deutsche Leser in den vollen Genuss von Undsets außergewöhnlicher sprachlicher Aus­druckskraft kommen. Band II: Die Frau, erscheint in diesem Herbst, Band III: Das Kreuz folgt im Frühjahr 2022.

Sigrid Undset (1882–1949) gilt als eine der größ­ten und einflussreichsten Schriftstellerinnen Nor­wegens. Ihre zeitgenössischen Romane Frau Marta Oulie und Jenny wurden wegen ihrer allzu selbstän­digen jungen Heldinnen zum Skandal. Als enga­gierte Antifaschistin stand Undset ganz oben auf der Roten Liste der Nazis und nach der Besetzung Norwegens konnte sie sich nur durch eine lebens­gefährliche Flucht auf Skiern durch das Gebirge retten. Sigrid Undset erhielt 1928 den Literaturnobelpreis.

Für das Cover wurde das Gemälde „Picking daisies at Westerham, Kent“ von Helen Allingham ausgewählt – geradezu passend für die Indiebookchallenge, die im Monat Mai nach Büchern mit einem Gemälde auf dem Titel fragt.

Informationen zum Buch:

Kristin Lavranstochter. Der Kranz
Roman. Band I
Kröner Verlag, 2021, 384 Seiten. Halbleinen mit Lesebändchen
ISBN: 978 3 520 62101 6
https://www.kroener-verlag.de/details/product/kristin-lavranstochter-der-kranz/

Daniela Engist: Lichte Horizonte

„In ihrem Erzählen um die vielen Facetten des Verliebens befragt die Autorin die Welt, in der wir leben. Es geht ihr um Erkenntnis, Deutung und Sinn“, sagt Anton Knittel, Leiter des wunderschönen Literaturhauses in Heilbronn (hier zu sehen: https://literaturhaus.heilbronn.de/startseite.html)

Und der Lyriker Timo Brandt befindet: „Ein Buch, das zur Einkehr anstiftet und zugleich hungrig macht auf das Lebendige, Erfüllende, Haltlose. Kurzum: ein richtig gutes Buch, zumindest für jene, die nicht nur unterhalten, sondern auch erschüttert und inspiriert werden wollen. Die es mögen, wenn ein Buch Wellen schlägt in einem. Und unter die Haut geht.“
Zur Rezension: https://lyrikpoemversgedicht.wordpress.com/2021/04/01/eine-intensive-kluge-tolle-lekture/

Was Daniela Engist selbst zu ihrem Roman zu sagen hat, das findet sich seit heute bei „Leseschatz-TV“, dem Youtube-Kanal von Buchhändler Hauke Harder:

„Lichte Horizonte“ ist der zweite Roman von Daniela Engist, er erschien in der Edition Klöpfer im Kröner Verlag.

Joachim Zelter: Die Verabschiebung

Vielfach besprochen wurde inzwischen schon der neue Roman von Joachim Zelter, „Die Verabschiebung“, erschienen in der ersten Edition Klöpfer im Kröner Verlag. Erzählt wird die Geschichte von Julia und Faizan – ein deutsch-pakistanisches Paar, das heiratet, obwohl sie von dem Konstrukt Ehe wenig hält. Doch die Hoffnung ist, dass Faizan so in Deutschland bleiben kann – eine trügerische Hoffnung und ein Roman, der von der kalten, unbarmherzigen Maschinerie der Behörden erzählt.

Wolfgang Tischer von literaturcafe.de interviewte Joachim Zelter für seinen Podcast und zieht sein persönliches Fazit: »Die Verabschiebung« ist ohne Frage seit langem Zelters bester und bewegendster Roman.

Zum Nachhören: https://www.literaturcafe.de/podcast-joachim-zelter-ueber-die-verabschiebung-wir-alle-suchen-einen-platz/

Und auch Hauke Harder von der Buchhandlung Almut Schmidt empfiehlt das Buch als wichtige Lektüre in seinem Kanal „Leseschatz TV“:


Es lohnt sich sowieso, den Empfehlungen auf Haukes Videokanal zu folgen – immer kurz und prägnat im Urteil und Inhalt sowie Qualität der Bücher auf den Punkt gebracht. Neu ist dabei zudem die Rubrik „Zu Gast“ – und ich freue mich auf den baldigen Gastauftritt von Daniela Engist mit „Lichte Horizonte“, ebenfalls Kröner Verlag.

Auf dem Blog Kulturbowle heißt es zu diesem Buch:
„Daniela Engist hat einen intensiven, gefühlvollen, emotionalen und klugen Roman geschrieben, der eine schöne Art von Nostalgie weckt: nicht die angestaubte Variante, sondern eine auf Hochglanz polierte Nostalgie, die Lust macht, in eigenen Erinnerungen zu graben, das eine oder andere Erinnerungsstück hervorzuholen und sich selbst zurück zu erinnern, wie das früher war.“ Zum Nachlesen: https://kulturbowle.com/2021/03/31/von-der-ersten-grosen-und-anderen-liebe/

Hildegard E. Keller: Was wir scheinen

„Sie schüttelte den Kopf. Gleichschaltung ist wirklich ein hässliches graues Wort. Das Wort für das Grauen, dasselbe Grau wie auf dem Gesicht im Glaskasten. Wissen wir denn, warum ein Mensch sich so durch und durch farblos machen lässt? Warum einer zulässt, dass man ihn zu einem Instrument in den Händen anderer macht? Ein Instrument, ganz egal, wofür, Hauptsache, ich gehöre nicht mehr mir selbst und trage nicht mehr die Verantwortung für das, was ich tue? Nein. Keiner vermag in die Seele eines andern hineinzuschauen. Niemand weiß, warum einer wollen kann, dass er nicht mehr der ist, der er ist.“

Das erste Gedicht war eine Reflexion über die Kraft des
Wassers, die sie an Brechts Legende erinnerte. Wenn im Innern
des Steins Wasser gefriert, bringt es ihn zum Bersten, nur was
gibt ihm die Kraft dazu? Merkwürdige Frage, aber sie schlägt
die Brücke ins Unsichtbare.
Bild: Schlucht im Tessin, Bild von adege auf Pixabay

Es ist bereits viel über den ersten Roman der Schweizer Literaturkritikerin Hildegard Keller geschrieben worden und all das Positive, was über „Was wir scheinen“ berichtet wurde, es ist richtig. Tatsächlich tritt einem die poetische Denkerin Hannah Arendt aus diesem Buch so lebendig und nahbar entgegen, dass man meint, eine Mischung aus „der Arendt“, wie man sie unter anderem aus dem Gaus-Interview kennt und einer Barbara Sukowa, die sie im Film verkörperte, zu begegnen. Fiktion und Realität verschmelzen hier aufs Schönste.

Hannah Arendt (1906 – 1975), die nach ihrer Flucht 1933 aus dem nationalsozialistischen Deutschland ab 1941 in den USA lebte, kam immer wieder nach Europa zurück, unter anderem verbrachte sie regelmäßig Ferien im Tessin. Ihr letzter Tessin-Aufenthalt ist der Rahmen der Erzählung: Arendt ist allein, von den wenigen noch lebenden Freunden ist keiner greifbar. Zum Arbeiten zu unkonzentriert, zum Faulenzen zu unruhig, wandern die Gedanken zurück in die Vergangenheit: Zu den Jahren des Studiums bei Jaspers und der Liebe zu Heidegger, zur Pariser Zeit, als sie sich mit Walter Benjamin befreundet und ihren Mann Heinrich Blücher kennenlernt, zu den Anfängen mit Heinrich und ihrer Mutter in New York und natürlich zu dem prägenden Ereignis ihres beruflichen Lebens, das sowohl politisch und als auch privat einen Bruch darstellt: Der Eichmann-Prozess, der im April vor 50 Jahren begann. Ihren Berichten im New Yorker darüber und ihrem darauffolgenden Buch folgten Wellen der Empörung, eine regelrechte Hetzkampagne, heute würde dies als Shitstorm bezeichnet.

Ihre missverstandene These von der „Banalität des Bösen“, ihr unabhängiger Blick auf die Rolle der Judenräte, ihre Weigerung, sich als Jüdin einen bestimmten Blick auf Eichmann und auf die Prozessführung in Jerusalem anzueignen, dies alles stellte Hannah Arendt in den Zentrum eines Empörungssturms. Welche Verletzungen, welche Schrammen Hannah Arendt dabei davontrug, darüber äußerte sie sich öffentlich nicht. Diesen Blessuren geht Hildegard Keller in ihrem Roman auf den Grund, nähert sich behutsam der verletzbaren, „weichen“ Seite der Denkerin, die dennoch streitbar und unbeugsam blieb, an. Die Form des biographischen Romans ist nicht unumstritten – im schlimmsten Fall überwiegt die Interpretation über die Realität, werden historische Personen zu Figuren umgezeichnet. Hildegard Keller umgeht diese Falle elegant und intelligent und spielt sogar charmant mit dieser Falle, in die auch sie hätte tappen können:

„Fiktiv werden ist nicht schön, wenn alles erstunken und erlogen ist“, reflektiert die Hannah Arendt des Romans beim morgendlichen Sinnieren im Bett. „Stillgelegt wie Figuren in einer Farce. Ach, wen geht es an, was wir sind und scheinen.“

Aber: „Wenn man zur Romanfigur gemacht wird, ist das natürlich was Anderes. Im Zeichen der Dichtung darf man schließlich einen Funken von Inspiration erwarten.“

Profunde Faktenkenntnis gepaart mit Inspiration, das Spiel mit Schein und Sein, dies geht bei diesem biografischen Roman eine glückliche Verbindung ein. Doch der größere Verdienst von „Was wir scheinen“ liegt nun nicht darin, dass „die Arendt“ so lebensnah erscheint, sei es, wenn sie Ingeborg Bachmann zeigt, wie man amerikanischen Speck brät, wenn sie mit zwei Fingern pfeift oder ein wenig verschämt-stolz ihre Straußenledertasche ausführt und dadurch von Keller etwas vom Status der politischen Pop-Ikonie, zu der Arendt ebenfalls geworden ist, weggerückt wird. Sondern, dass dieses Buch geradezu dazu animiert, den Kant`schen Leitspruch „Sapere aude!“, dem sich auch Hannah Arendt verpflichtet fühlte, anzueignen. „Was wir scheinen“ ist auch – ohne irgendwie professoral daherzukommen – eine Einführung in das selbständige Denken, eine Aufforderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

„Wahrheit ist kein Geschenkartikel“, heißt es an einer Stelle des Buches. So bekam auch Hannah Arendt, die sich plötzlich einer feindseligen Öffentlichkeit gegenübersah, für ihren Mut zum selbständigen Denken nichts geschenkt. Wie die Denkerin zu dem wurde, was sie war (und nicht nur schien), dies zeichnet Hildegard Keller in ihrem geschickt aufgebauten Roman wunderbar nach:

„Er (Heidegger) hat mich unterscheiden gelehrt, das Beste überhaupt.  Wissen Sie, uns Studenten war der gelehrte Gegenstand damals ziemlich gleichgültig, nicht aber das Denken. Noch heute ist es rar an den Universitäten, weil man dort ja immer über etwas oder jemanden arbeitet. Wer denkt, sagte Heidegger, steht nicht über den Dingen, sondern geht in sie ein. Der Denkende ist mittendrin.“

(Nur als Einschub: Gerade die Beziehung zu Heidegger, die über dessen nationalsozialistisches Engagement hinweg bestehen blieb, zeigt, dass Hannah Arendt mehr war, als sie schien).

Die Bereitschaft und Fähigkeit zum unabhängigen Denken, wie sie Hannah Arendt von sich und anderen verlangte, ist in einer Zeit, in der Wahrheiten in einem Wust von fake news unterzugehen zu scheinen, notwendig wie eh und je. Und wenn die Aufforderung, selbst zu denken, so gescheit und unterhaltsam wie in diesem Roman vermittelt wird, dann bitte gerne mehr davon!

Informationen zum Buch:

Hildegard E. Keller
Was wir scheinen
Eichborn Verlag, 2021
Hardcover, 576 Seiten, 24,00 €
ISBN: 978-3-8479-0066-5

Bücher fürs Denken ohne Geländer: Online-Präsentation der KrönerEditionKlöpfer

»Mehr Literatur: Bücher fürs Denken ohne Geländer« – unter diesem Motto laden das
Schriftstellerhaus Stuttgart, das Evangelische Bildungszentrum Hospitalhof und der Kröner
Verlag zur Online – Vorstellung der Edition Hubert Klöpfer im Kröner Verlag ein.
Die Veranstaltung findet statt am 15. April 2021 ab 19.30 Uhr.

Im Hospitalhof Stuttgart ( Büchsenstraße 33, 70174 Stuttgart ) stellen die Verleger Alfred Klemm und Hubert Klöpfer die neue Edition vor.

Der Stuttgarter Verlag Alfred Kröner positioniert sich ab dem Frühjahr 2021 neu und wird
zukünftig auch aktuelle deutschsprachige Literatur verlegen. Kröner-Verleger Alfred Klemm hat
sich dazu mit dem renommierten Büchermacher Hubert Klöpfer zusammengetan und die
»Edition Hubert Klöpfer bei Kröner« gegründet. Im Frühjahrsprogramm sind vor wenigen Tagen die ersten sechs Titel erschienen. Bei der Veranstaltung ist die Autorin Daniela Engist mit ihrem Roman »Lichte Horizonte« vertreten, Joachim Zelter mit »Die Verabschiebung« und zugeschaltet aus den USA ist Peter Blickle mit »Andershimmel«.
Moderation: Astrid Braun (Schriftstellerhaus) und Monika Renninger (Hospitalhof)

Die Veranstaltung, eine Kooperation vom Stuttgarter Schriftstellerhaus e.V., dem Verlag Alfred Kröner und dem Evang. Bildungszentrum Hospitalhof Stuttgart, findet online statt. Ein Kostenbeitrag ist nicht notwendig, eine Reservierung ist unter diesem Link möglich:

https://www.hospitalhof.de/programm/150421-mehr-literatur-buecher-fuers-denken-ohne-gelaender/

Wenige Tage später, am Dienstag, 20. April, wird Walle Sayer seinen Band „Nichts, nur“ bei den Dornstetter Buchwochen vorstellen. Mehr Informationen dazu gibt es hier: https://www.dornstetten.de/gaeste/veranstaltungen/online-lesung-mit-walle-sayer-annette-rieger-nichts-nur-id_1463/

Dieses wunderbare Lesebuch, das Gedichte, Prosagedichte und Erzählminiaturen von Walle Sayer aus 35 Jahren enthält, wurde bereits ausführlich bei Signaturen besprochen: https://signaturen-magazin.de/walle-sayer–nichts,-nur.html

.Und wer einen Eindruck von Joachim Zelters „Die Verabschiebung“ gewinnen möchte, dem sei am 10. April die WDR-Sendung „Gutenbergs Welt“ empfohlen, die sich um „Recht oder Gesetz“ dreht: https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-gutenbergs-welt/recht-oder-gesetz-100.html

Mirabilis Verlag: Wer denkt sich die Wörter aus?

Auch wenn in Filmen, in Büchern und in so mancher Gute-Nacht-Geschichte viele Tiere sprechen: Sprache ist nur dem Menschen eigen und sein wichtigstes Mittel der Verständigung. Sprache sei ganz und gar die klügste und wichtigste Erfindung der Menschheit – so heißt es in manch einer Schrift zur Sprache. Doch ist Sprache wirklich eine Erfindung – so wie der Buchdruck von Johannes Gutenberg oder die Dampfmaschine von James Watt? Wenn das so ist – wer hat sie dann erfunden? Wenn Sprache aber gar keine Erfindung ist, was ist sie dann? Hat sie einen Anfang und ein Ende? Warum gibt es so viele davon? Was machen wir mit Sprache? Und was macht sie mit uns? Warum verändert sich Sprache? Wer denkt sich die Wörter aus? Und wozu ist Grammatik gut? Auf diese und andere Fragen gibt das Kindersachbuch erste Antworten: Wer bestimmt, was die Wörter bedeuten?
Warum sterben manche von ihnen? Gibt es eigentlich für alles ein Wort?

ZIELGRUPPE: Das Buch richtet sich an Kinder ab 10 Jahren. Sie sollen für Sprache sensibilisiert, aber auch unterhalten werden. Gleichzeitig hilft es Erwachsenen dabei, das Interesse der Kinder an Sprache zu fördern. Die Texte gehen von Alltagsbeobachtungen aus und nehmen zahlreiche Anleihen bei der Kinder- und Jugendliteratur auf. Die Illustrationen sind dabei oft ebenso mehrdeutig und metaphorisch wie die Wörter.

BEGLEITANGEBOTE:  Hörbeispiele, weiterführende Informationen, Anregungen und Spiele zum Buch gibt es unter www.sprachfutter.de (derzeit noch im Aufbau). Dies alles lädt zu einer Wort-Schatz-Suche der besonderen Art ein. Zudem sind zwei Folgebände bereits in Planung – die Wortschatzsuche geht also weiter!

DIE AUTOREN:

BRIGITTE SCHNIGGENFITTIG arbeitet als Dolmetscherin und Übersetzerin und lehrt seit 1985 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zur deutschen und zur polnischen Sprache.

DR. JÖRG WAGNER promovierte in Angewandter Sprachwissenschaft. Seit 1993 lehrt er Sprachwissenschaft am Germanistischen Institut der Universität Halle.

DIETER GILFERT studierte Malerei und Grafik an der Hochschule für industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein. Seit 1978 arbeitet er freischaffend als Maler und Grafiker in Halle (Saale).

Bibliographische Angaben:

Brigitte Schniggenfittig, Jörg Wagner: 
Wer denkt sich die Wörter aus? Eine Wort-Schatz-Suche.
Sachbuch für Kinder ab 10 Jahren
mit Illustrationen von Dieter Gilfert
Mirabilis Verlag, April 2021
ISBN 978-3-947857-12-8
112 Seiten, 19 cm x 24 cm
Hardcover, Fadenheftung
19 € [D]  19,60 € [AT]

Das Buch erscheint am 30. April. Rezensionsexemplare können gerne hier oder beim Mirabilis Verlag angefragt werden: https://mirabilis-verlag.de/.

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Ganghofer reloaded: Ein neuer Blick auf den „Alpen-May“

Er war ein Star der Literatur jener Tage: Ludwig Ganghofer (1855 – 1920). Mit über 40 Millionen verkauften Büchern bis heute bleibt er ein Bestseller-Autor mit einer Auflagenhöhe, von der gegenwärtige Schriftsteller nur träumen können. Er versorgte die Deutschen mit Berg- und Heile-Welt-Romantik, hatte mit seinem Stück vom Herrgottschnitzer in Ammergau in Berlin einen grandiosen Bühnenerfolg und bekam von Zeitgenossen, weil er der Lieblingsautor des Kaisers war, den Spitznamen „Hofganger“ verpasst. Sein Name ist, auch dank der zahlreichen (mehr oder weniger gelungenen) Verfilmungen seiner Bücher, zwar noch immer ein  Begriff  – auch wenn die wenigsten seine Bücher heute wohl noch lesen geschweige denn viel über den Erfolgsschriftsteller wissen.

Meist bringt man Ganghofer mit Oberbayern, beispielsweise mit der Gegend um den Tegernsee (Bild), zusammen. Dabei vergass er seine schwäbischen Wurzeln nie. Bild: Bild von Thanks for your Like • donations welcome auf Pixabay

Ein verbreiteter Irrtum: Der Schöpfer von Romanen wie „Schloß Hubertus“ und „Der Jäger vom Fall“ sei Oberbayer. Zwar starb Ganghofer vor über 100 Jahren in Tegernsee, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte und er liegt neben seinem Freund Ludwig Thoma auf dem Friedhof von Rottach-Egern begraben. Geboren jedoch ist er im bayerischen Schwaben – und dort bemüht man sich nicht nur um die Erinnerung an ihn, sondern auch um eine Befreiung des Volksschriftstellers vom Kitsch-Klischee. Mit einer wissenschaftlichen Tagung unter dem Titel „Total trivial? Ganghofer reloaded“ wollte Professor Klaus Wolf, Experte für bayerische Literatur an der Universität Augsburg, zum Jubiläum für einen neuen Blick auf Ganghofer sorgen – Corona-bedingt nun aufgehoben, aber nicht aufgeschoben. Wolf würdigt den Schriftsteller auch mit einem umfassenden Portrait in der Zeitschrift des historischen Vereins für Schwaben (erscheint im Wißner-Verlag):

„Die große Welt war Ludwig Ganghofer somit zunächst nicht in die Wiege gelegt.
Sein Vater arbeitete als Förster, der sich um eine Reform des königlich-bayerischen
Forstwesens bemühte. Er war aber ein Reformer, der zunächst Anfeindungen auch
als Beamter ausgesetzt war und es erst in seinen letzten Lebensjahren zum Ministerialrat,
ja bis zum Adelstitel – allerdings ein nicht erblicher Adelstitel – unter
Prinzregent Luitpold brachte. Ludwig Ganghofer wuchs also tatsächlich in einem
damals gottverlassenen Nest, in einer dörflichen, bäuerlichen Gegend auf.“

Er zeigt auf, wie aus dem Bub vom Land ein junger Schriftsteller und Journalist wurde, der sich ganz dezidiert liberal und weltoffen positionierte – so hielt Ganghofer auch entschieden gegen den grassierenden Antisemitismus seiner Tage an. Und den vielschichtigen, liberalen, an technischen und ökologischen Fragen interessierten Ganghofer stellt man ebenfalls bei der Regio Augsburg in den Mittelpunkt. „Vieles, was mit dem Namen Ganghofer verknüpft ist, ist ganz aktuell“, betont Tourismusdirektor Götz Beck, „das reicht von der Sehnsucht nach einer intakten Natur bis hin zur Diskussion über den Heimatbegriff heute in einer globalisierten Gesellschaft.“

Wer auf Ganghofer-Spurensuche in Schwaben geht, wird an etlichen Orten fündig: Der „Alpen-Shakespeare“ erblickte in Kaufbeuren das Licht der Welt. Eine Tafel am Geburtshaus erinnert daran und natürlich ist ihm in der „Dichterstube“ im Stadtmuseum viel Raum gewidmet. Zu sehen ist dort unter anderem sein Schreibtisch mit dem bezeichnenden Motto: „Ohne Fleiß kein Preis“. Aus Kaufbeuren, konkret von der Deutschen Ganghofer-Gesellschaft und ihrem Vorsitzenden Karl Ilgenfritz, kam die Idee einer virtuellen Ganghoferstraße, die seit 2010 im Internet zu finden ist.

Doch die prägenden Jahre erlebte Ganghofer im Holzwinkel, „da entstand die Liebe zur Natur, die in seinem Werk so großen Raum einnimmt. Aber auch viele Erlebnisse, Eindrücke und Figuren aus dieser Zeit finden sich in den späteren Werken, natürlich literarisch verfremdet, wieder“, betont Professor Wolf.

Als Ludwig vier Jahre alt war, zog die Familie nach Welden, sein Vater, der später wegen seiner Verdienste als Forstreformer geadelt wurde, war dort als königlicher Revierförster tätig. Und das Kind wurde zu einem frühen Verfechter dessen, was heutzutage als „Waldbaden“ en vogue ist. In seiner mehrbändigen Autobiographie „Lebenslauf eines Optimisten“, die zwischen 1909 und 1911 erschien, erinnert sich der erwachsene Ludwig:

„Es mag wohl bald im ersten Sommer zu Welden geschehen sein, daß ich sehnsüchtig diesem winkenden Grün entgegenzappelte. Des Tages, der mir den Wald gegeben, weiß ich mich nicht mehr zu entsinnen. Aber ich glaube, daß dieser Tag mir den ersten Seelenrausch, das erste klingende Gefühl meines Lebens gab. Denn soweit ich mit klarem Erinnern zurückschaue in die Kindheit: immer steht mir zwischen schönen Dingen der Wald als das Schönste, und immer war mir da ein frohes Zittern im Blute, ein Jubelschrei in der Kehle, ein Staunen in den Augen, ein Gefühl der Erlösung in allen Sinnen, ein geflügelter Traum in all meinem Leben. Und das ist seit meiner Kindheit so in mir geblieben bis zum heutigen Tage – durch ein halbes Jahrhundert.“

In der Marktgemeinde Welden ist man natürlich stolz „auf unser berühmtestes Kind“, bemerkt Bürgermeister Stefan Scheider, „er wird entsprechend durch Hinweise im Ort, auch durch eine Ganghoferstraße, und viele Aktivitäten gewürdigt.“ Aber auch dem Politiker ist klar, dass man mit Blick auf seine Literatur jüngere Menschen erst einmal nicht begeistern kann. „Man muss sie neugierig machen auf die Person – beispielsweise indem darauf hinweist, dass Ganghofer mehr Bücher verkaufte als selbst Joan Rowling mit Harry Potter.“ Dass die Erinnerung an den Schriftsteller im Ort selbst so lebendig bleibt, ist laut Scheider wesentlich auch den Ganghofer-Freunden in Welden rund um Karl Höck zu verdanken: „Er hat praktisch alles erforscht, was es zu Ganghofers Zeit bei uns zu sagen gibt.“

Bild: Regio Augsburg Tourismus GmbH

Ob man das „Schweigen im Walde“ unbedingt gelesen haben muss, sei dahingestellt. Aber man kann es im wortwörtlichen Sinne auf Spuren des ganz jungen Ganghofers zumindest für ein paar Stunden genießen. 2015 wurde in Welden der „Ludwig Ganghofer Lausbubenweg“ eröffnet: Dort, im ehemaligen Refugium des kleinen Ludwigs, sind auf einem 3,5 Kilometer langen Rundweg mehrere Erlebnisstationen an den Erinnerungen des Schriftstellers ausgerichtet – man kann mit Tannenzapfen auf eine Nepomuk-Figur werfen, „Eierklauen beim Rollewirt“ oder einfach auch nur spielerisch den Wald entdecken. „Wenn man die Geschichten Ganghofers aus seiner Autobiographie im Ohr hat, dann bekommt so ein Waldspaziergang gerade für Kinder nochmal eine andere Qualität und einen Hauch von Abenteuer“, meint Götz Beck. Gemeinsam mit der Marktgemeinde und dem örtlichen Ganghofer Freundeskreis waren 2020 zum 100. Todestag etliche Veranstaltungen geplant – noch ist die Hoffnung da, dass diese 2021 nachgeholt werden können. „Sicher kann man mit seinen literarischen Werken junge Menschen nur bedingt erreichen – aber er war ein Vordenker, Reformer, ein moderner Mensch und diese Geschichten wollen wir erzählen“, betont Götz Beck.

Das wird auch deutlich in der Dauerausstellung im Landgasthof zum Hirsch in Welden: Am „Stammtisch“ wird darauf hingewiesen, dass der Autor von Heimatromanen durchaus ein Intellektueller war, der Rainer Maria Rilke entdeckte, der den wilden Wedekind ebenso förderte wie den Schlacks Karl Valentin. „Ganghofer wird einfach nach wie vor unterschätzt“, bedauert Klaus Wolf. „Das war ein Mensch, der an technischen Entwicklungen interessiert war, er warf einen sozialkritischen Blick auf die gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit, er thematisierte sehr früh schon auch die Probleme, die die Eingriffe der Menschen in die Natur mit sich brachten.“


Ganghofer in Welden

In der Marktgemeine Welden kann man selbst ganzjährig an vielen Stationen etwas über den Schriftsteller erfahren. Der kindgerechte Lausbubenweg ist mit dem Kinderwagen begehbar, etwas weiter führt ein Ganghofer-Rundweg von 5,5 Kilometern Länge. Unumgänglich ist ein Abstecher in den Landgasthof zum Hirsch: Dort wurde eine liebevoll gestaltete Dauerausstellung eingerichtet, die das Leben und Wirken der Försterfamilie in den Blick nimmt.

Wer möchte, kann sich im Hirsch auch einen i-Pod leihen und mit Ganghofer auf „Lauschtour“ gehen. Was sonst noch für Wanderer und Radler auf Ganghofers Spuren zu unternehmen ist, findet sich gebündelt auf einer Internetseite der Regio Augsburg: https://www.augsburg-tourismus.de/de/ludwig-ganghofer

Bilder: Regio Augsburg Tourismus GmbH


Allerdings erkannte Ganghofer, der nach dem Besuch des Augsburger Realgymnasiums zunächst Maschinenbau studierte und erst später zu Literaturgeschichte und Philosophie wechselte, schnell, wie sich mit seinem schriftstellerischen Talent auch sehr viel Geld verdienen ließ: Statt der Hochliteratur widmete er sich dem Verfassen von Hochlandromanen. „Zu dieser Zeit herrschte, auch aufgrund der Industrialisierung, ein großes Bedürfnis nach einer heilen Welt und unverfälschter Natur“, so Wolf, „und das bediente er mit seinen Romanen.“ Mit Büchern aus dem Holzwinkel wäre ihm dabei wohl weit weniger Erfolg beschieden gewesen, die Alpen als Kulissen waren da schon gewinnbringender. „Er hat sich ganz bewusst für dieses Genre entschieden, weil er damit seinen durchaus aufwändigen Lebensstil – er führte ein gastfreundliches Haus in München und hatte ein großes Jagdhaus in Tirol – finanzieren konnte“, sagt der Literaturexperte. Diese Geschäftstüchtigkeit als Literat war schon damals außergewöhnlich – aber auch das ist vielleicht ein schwäbischer Zug in Ganghofers Schaffen.

Weitere Informationen:
Alles rund um Ganghofer in Welden und Umgebung:
https://www.augsburg-tourismus.de/de/ludwig-ganghofer

Dieser Beitrag erschien zuerst im Magazin „top schwaben“, Nr. 72.

Kurz&knapp: Geschichte und Geschichten

Drei Bücher, drei Neuerscheinungen, drei Autoren, eine Gemeinsamkeit: Alle haben ihre Wurzeln rund um Augsburg. Literaturstadt! – man sehe mir diesen kurzen lokalpatriotischen Ausbruch nach.

Die schriftstellerische Arbeit von Michael Lichtwarck-Aschoff verfolge ich seit längerem mit Begeisterung. Ob er nun über das Vivarium in Wien schreibt oder Louis Pasteur – immer gelingt es dem Arzt und Autor, Wissenschaft und Literatur zu einem intellektuellen Lesevergnügen zu verbinden. Sein jüngstes Sujet: „Robert Kochs Affe“, nun erschienen im Hirzel Verlag.

Michael Lichtwarck-Aschoff sagt selbst dazu: „Das Buch war fertig, lange bevor die Corona-Pandemie über uns kam. Es kann und es will deshalb auch kein Kommentar zum Umgang mit der Pandemie sein. Trotzdem mag es nützlich sein, die Erbschaft, die der Seuchenmediziner Robert Koch uns hinterlassen hat, genauer anzuschauen.“

Seine Wissenschaft von den Bakterien hat Robert Koch als totalen Krieg gegen das Unsaubere erfunden. Unsauber ist alles, was fremd ist. Und das unsaubere Fremde ist ansteckend. In drei Episoden wird erzählt, wie eine solche Haltung zu Beginn des 20. Jahrhunderts im sauberen Berlin entsteht, und zu welch unmenschlichen Folgen sie zwangsläufig führt. Was treibt ein Affe in Husarenuniform in der Berliner Villa Kochs? Hilft Rattengift gegen die Schlafkrankheit, und was spricht dagegen, an den Eingeborenen Ostafrikas damit zu experimentieren? Wo dem Professor doch jedes Mittel recht sein muss, Afrika zur Sauberkeit zu erziehen? Zu welch weitergehenden Erkenntnissen gelangt Koch, als er im hochsommerlichen New York erkrankt und täglich einer gründlichen Darmreinigung unterzogen wird? Wir beobachten Koch dabei, wie er auszieht, um für Kaiserdeutschland die Welt von Erregern zu säubern. Sein Gewehr ist die Wissenschaft – und so sieht die auch aus. Wie in der Wirklichkeit kommt die Grausamkeit in der Affenmaske des Grotesken daher – und die Verachtung kostümiert sich als Zivilisation …  

Lichtwarck-Aschoff, Michael
Robert Kochs Affe
Der grandiose Irrtum des berühmten Seuchenarztes
S. Hirzel Verlag, 2021, Gebunden, 284 Seiten
ISBN 978-3-7776-2917-9

www.hirzel.de

Bleiben wir beim Thema unserer Tage, das alles dominiert. Mit einer Seuche und ihren Folgen setzt sich auch Klaus Wolf, Professor für Deutsche Literatur und Sprache des Mittelalters und der Frühen Neuzeit mit dem Schwerpunkt Bayern an der Universität Augsburg auseinander. In seinem Essay „Passionsspiel und Pesttraktat. Die Pest im Mittelalterund in der Frühen Neuzeit aus dem Blickwinkel der bayerischen Literaturgeschichte“ zeigt er auf, wie die Pest quasi zum Motor der literarischen Produktion wurde:

„Es ist eindeutig, dass dieser Seuchenkomplex literaturhistorisch im Bereich des Fachschrifttums Ursache einer ‚Literaturexplosion‘ in den Volkssprachen wurde: Die Pestepi-demien seit der Mitte des 14. Jahrhunderts zogen eine Fülle von deutschen Pestschriften nach sich; sämtliche Universitäten im deutschen Sprachgebiet, zahlreiche Stadtärzte, Bader, auch Geistliche, Handwerker und Schulmeister verbreiteten Regimina, Consilia und Einzelrezepte gegen die Pest (…)“.

Zwar sind heute literaturgeschichtlich Gattungen wie das Passionsspiel, wie man es aus Oberammergau kennt, bekannter, doch die Seuche führte auch zu einer vermehrten Produktion medizinischer Schriften, die volkssprachlich gefasst waren und sich an die gesamte Bevölkerung, die des Lesens mächtig war, richteten.

„Insgesamt zeigen die Traktate nicht nur eine scharfe Beobachtung der Symptome, sondern auch selbständiges Denken statt sklavisches Festhalten an den Prinzipien und Lehren der Altvorderen. Auch das Phänomen der Immunität wurde bei einigen Autoren angedacht. Not und Bedrängnis durch die Seuche setzten somit Kompetenz und Kreativität frei“, so Klaus Wolf.

Der Beitrag erschien in dem neuen Buch „Dekameron 21.0 – Zehn Schlaglichter auf eine Krise“, herausgegeben von Dr. Peter Czoik, Literaturwissenschaftler und Redaktionsleiter beim Literaturportal Bayern an der Bayerischen Staatsbibliothek. Anlass war: Drei Frauen und sieben Männer aus München und Umgebung entschließen sich, mitten im Wüten eines neuen Virus, der im Frühjahr 2020 um die Welt geht, ein Krisenbuch für Kulturinteressierte zu schreiben.
Was sie alle vereint, ist ihre jeweilige häusliche Isolation und ihre phänomenologische Sicht auf das gemeinsame Thema: In zehn Essays, die sich zahlenmäßig an Giovanni Boccaccios ›Zehn- Tage-Werk‹ Decamerone von 1349/53 orientieren, knüpfen sie an die aktuelle ›Corona-Krise‹ an und beleuchten damit zusammenhängende Erscheinungen. Die aus verschiedenen vornehmlich geisteswissenschaftlichen Disziplinen stammenden Beiträge werfen Schlaglichter auf die Krise innerhalb des Spektrums von Philosophie, Religion, Literatur, Film, Geschichte und Gesellschaft – angefangen vom alten Pesttraktat im Mittelalter bis hin zum modernen Virenausbruchsfilm im 20. Jahrhundert. Neben Klaus Wolf und Peter Czoik stammen die weiteren Beiträge von Peter Czoik, Ursula Haas, Martin Hielscher, Krisha Kops, Uwe Kullnick, Franz-Josef Rigo, Stephan Seidelmann, Gunna Wendt und Sophie Wiederroth.

Czoik, Peter (Hrsg.)
Dekameron 21.0 – Zehn Schlaglichter auf eine Krise
Verlag Königshausen & Neumann,
2021, 162 Seiten
ISBN 978-3-8260-7295-6

www.verlag-koenigshausen-neumann.de


Wer sich beim Lesen nun etwas von Pest und Colera erholen möchte, der findet mit Armin Strohmeyrs „Ferdinandea“ einen wunderbaren Lesestoff. Aber Achtung! Auch dieser historische Roman hat es in sich. Tatsächlich gab beziehungsweise gibt es sie, diese „Insel der verlorenen Träume“, wie es im Untertitel heißt. Die Isola Ferdinandea tauchte plötzlich am 10. Juli 1831 kurz vor der Küste Siziliens auf.

Auch Alexander von Humboldt und Charles Earl of Grey, Sir Walter Scott und Johann Wolfgang von Goethe staunen nicht schlecht, als sie von Ferdinandea hören: Eine Sensation! Doch kein Mensch rechnet mit der Eigenwilligkeit der „Dame ohne Mitleid“: So unerwartet ihr Erscheinen gewesen ist, so plötzlich versinkt die vulkanische Insel ein halbes Jahr später wieder in den Meeresfluten. Und lässt viele zerschlagene Hoffnungen und zerbrochene Träume zurück …

Die kurze Zeit ihres Erscheinens genügte, um Forschungsexpeditionen in Gang zu setzen und politische Konflikte auszulösen, beanspruchten doch neben den Sizilianern auch die Engländer und Franzosen das Eiland für sich. Auch bei Armin Strohmeyr setzte die Geschichte der Insel ein Feuerwerk der Fantasie in Gang.

„Die Geschichte von der auf- und wieder abgetauchten Insel ist ein wunderbarer Romanstoff. (…) Die fantastischen und realen Elemente verrührt Strohmeyr gekonnt zu einem unterhaltsamen Geschichtsschmöker„, urteilte Literaturexperte Oswald Burger im Südkurier.

Wie die geheimnisvolle Insel plötzlich bei den Bewohnern des Örtchens Sciacca von Ruhm und Wohlstand träumen lässt, wie die politischen Mächte miteinander ringen und Forscher sich einen Wettlauf liefern, all dies verknüpft Armin Strohmeyr zu einem anspruchsvollen und unterhaltsamen Lektürestoff.

Armin Strohmeyr
Ferdinandea. Die Insel der verlorenen Träume
Südverlag, 2021, 376 Seiten,
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-87800-142-3

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Mütter und Töchter: Geschichten vom Gehen und Wiederkommen

„Wir sitzen im Zug nach Prag. Für dieses Herbstwochenende verspricht der Wetterbericht sommerliche Temperaturen. Ich muss mich erst an den Gedanken gewöhnen, dass meine Mutter und ich allein zu zweit unterwegs sind. Waren wir jemals für ein langes Wochenende so eng zusammen? Tag und Nacht? – Nein, nie. Achtundfünfzig Jahre hat es gebraucht, um Zeit und Gelegenheit zu finden, diese Reise anzutreten. Und nun dieser Altweibersommer!“

Bild: Julius Erler, Dresden

Manchmal braucht es lange, bis zwischen Müttern und Töchtern eine Annäherung stattfindet – Sybille, geboren 1960, gelingt dies, auch beim gemeinsamen Altweibersommer mit ihrer Mutter. Andere Mütter-Töchter-Beziehungen bleiben dagegen distanziert, manche sind von Beginn an konfliktbeladen, andere harmonisch. Aber eines haben sie gemeinsam: „Keine Beziehung ist so essenziell, so innig und zugleich so irritierend wie die zwischen Mutter und Tochter“, sagt Petra C. Erdmann. Wie stark der mütterliche Einfluss auf die Identitätsentwicklung einer Frau sei, zeige sich jedoch meist dann am deutlichsten, wenn der Umgang miteinander gestört sei. Seit zwei Jahrzehnten ist Petra C. Erdmann erfolgreich als Verhaltens- und Teamtrainerin für Firmen und Organisationen tätig und berät Menschen in Krisensituationen.

Immer wieder hatte sie, die selbst Mutter von zwei Töchtern ist, dabei Begegnungen mit Töchtern und Müttern, deren Beziehung schwierig ist. Der wesentliche Konfliktpunkt zwischen den Frauen ist im Kern die Frage zwischen dem richtigen Maß an Nähe und Distanz – oft findet eine Annäherung erst dann statt, wenn die Töchter eigene Lebenserfahrungen gesammelt haben, älter werden, vielleicht auch eine eigene Familie haben und dieselben Erfahrungen mit ihren Töchtern machen.

Wie so eine Annäherung stattfinden kann, wie Frauen sich an ihre Mütter erinnern, davon erzählt der Band „Geschichten vom Gehen und Wiederkommen“. Petra C. Erdmann hatte in ihrer Arbeit immer wieder Frauen gebeten, einen Brief an ihre Mütter zu schreiben oder ihre Erinnerungen schriftlich festzuhalten – über 20 Frauen stellten ihre Texte für das Taschenbuch, das nun im Eigenverlag erschien, zur Verfügung.

So individuell die Lebenswege der Frauen sind, so stark die einzelnen Persönlichkeiten aus den Briefen und Erzählungen heraustreten, so verbindend ist aber auch, dass jeder dieser Texte beim Lesen eigene Erinnerungen und Gefühle in Gang bringt: Letztlich sind wir Leserinnen ja auch alle Töchter. Die „Geschichten vom Gehen und Wiederkommen“ haben ein stark versöhnendes Element, das, wenn beispielsweise Evelyne darüber schreibt, sehr anrührend ist:

Liebe kann man auf so viele verschiedene Weise geben. Ich habe starke Wurzeln, die ich mir selten bewusst mache. Doch wirken sie und geben mir Halt.“

Petra C. Erdmann sagt als Herausgeberin selbst dazu: „In allen Briefen spürt man nicht nur Schmerz, sondern auch die Liebe, die der Kern der Mutter-Kind-Beziehung ist. Und oft auch das Bedauern, nicht schon früher mit der Mutter über das Unausgesprochene geredet zu haben. Insofern ist mein Credo: Habt den Mut, schon zu Lebzeiten aufeinander zuzugehen. Sagt der Mutter, was sie euch bedeutet, was euch gefehlt hat und wofür ihr von Herzen dankbar seid. Letztlich kann das den ersehnten inneren Frieden bringen.“

Informationen zum Buch:
Petra C. Erdmann
Geschichten vom Gehen und Wiederkommen – Briefe und Erinnerungen von Töchtern und Müttern
Taschenbuch, 153 Seiten, 12,99 Euro
ISBN: 978-3-752-66086-9
Bestellmöglichkeiten: https://petra-erdmann.de/veroeffentlichungen/

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