Lebens-Geschichten: Autobiographisches Schreiben mit Theres Essmann

In ihrem literarischen Debüt „Federico Temperini“ verwebt Theres Essmann auf wunderbare Weise die Lebensgeschichten zweier ganz unterschiedlicher Männer. Nicht von ungefähr wurde diese Novelle auf Anhieb mit dem Literaturstipendium 2020 des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet und ist für den renommierten Thaddäus-Troll-Preis nominiert.

Doch nicht nur im fiktionalen Erzählen von Lebensgeschichten ist die Schriftstellerin zuhause: Sie unterrichtet auch autobiographisches Schreiben. Bei ihrem nächsten Kurs, der im Evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof Stuttgart stattfindet, sind noch einige wenige Plätze frei.

Kursbeschreibung:
Erinnerungen verändern sich jedes Mal, wenn wir darauf zugreifen. Und das Verstehen der eigenen Biografie ist einer ständigen Wandlung unterzogen. Indem wir unser Leben uns und anderen erzählen, erfinden wir es daher immer wieder neu, eignen wir es uns immer wieder neu an.

In dieser Schreib-Werkstatt sind Sie eingeladen, den poetischen Blick auf das eigene Leben zu wagen. Dabei geht es nicht um die zusammenhängende Lebensgeschichte. Vielmehr werden Sie einzelne Begebenheiten und Themen in kleine Erzählbögen und Texte fassen. Anhand von vielfältigen Schreibimpulsen experimentieren Sie mit autofiktionalen Stilformen wie dem Brief oder dem Tagebuch, mit Stilmitteln wie der Auslassung und Übertreibung, der Identifikation und Distanzierung, dem Wechsel von Erzählperspektiven und Erzählebenen.

So entdecken Sie schreibend, wie im Spannungsfeld von Erinnerung und Fiktion zwar nicht die eine gültige Wahrheit, aber so etwas wie Wahrhaftigkeit und Sinn aufleuchten kann.Schreiberfahrungen sind von Vorteil, aber nicht Voraussetzung. Ein Laptop erleichtert das Schreiben vor Ort.

Der Kurs findet an sechs Abenden statt und startet am Montag, 11. Oktober. Alle weiteren Informationen samt Anmeldemöglichkeiten finden sich hier: https://www.hospitalhof.de/programm/111021-lebens-geschichten-autobiographisches-schreiben/

Wanda Coleman: strände. warum sie mich kaltlassen

„… aber sie wollen
mir ständig weismachen, dass man der sprachlichen ghettoisierung am
besten entkommt, indem man die
lebenswirklichkeit der schwarzen einfach ausblendet bla bla bla …“

Wanda Coleman, Auszug aus: „Ein Essay über Sprache“

Wer die Gedichte von Wanda Coleman (1946 – 2013) liest, der wird ganz unmittelbar mit der Lebenswirklichkeit der schwarzen Bevölkerung in den USA konfrontiert: Das sind Zeilen, die brennen vor Zorn und Frustration, Gedichte, die aufrütteln. Und man spürt: Diese Frau hat all dies erlebt, die Armut, der Existenzkampf als alleinerziehende Mutter, die Vorurteile, die dazu führen, „angespornt durch meine schwarze haut zu versuchen, die allerbeste zu sein.“

Bild von Bruce Emmerling auf Pixabay

Coleman, die 1999 als erste afroamerikanische Frau mit dem Lenore Marshall Poetry Prize der American Academy of Poets ausgezeichnet wurde und in späteren Jahren zahlreiche Preise und Stipendien für ihr Schreiben bekam, wurde, wenn nicht schon durch ihre Herkunft, spätestens durch die Watts Riots politisiert – die junge Frau, aufgewachsen in Watts, dem Schwarzen-Ghetto in Los Angeles, erlebte die Aufstände 1965 hautnah. „Aber“, so schreibt auch der Schriftsteller Frank Schäfer in seinem taz-Artikel über Wanda Coleman, „Straßenschlachten mit der Nationalgarde sind nicht mehr nötig, um sie zu politisieren.“ Ihr Vater hatte noch den Lynchmord an einem jungen Mann in Little Rock miterlebt, eine geistige Last, die auch Wanda mit durch ihr Leben trug.

„in seiner würde war er schweigsam und in seiner schweigsamkeit wandte er
sich an gott. mein vater nahm seinen mord mit würde. sie schlugen
ihm von 1914 bis 1991 jahrzehntelang auf den schädel. sie schlugen ihn
bis aus der wunde ein tumor entsprang, der seine augen zerfraß“,

schreibt Coleman in ihrem „Amerikanischen Sonett 70“, einem von zahlreichen Sonetten, die das Bild eines anderen als des weißen Amerikas zeigen. Wie sehr die Erfahrungen ihrer Eltern und ihrer eigenen Zugehörigkeit die Dichterin prägten, das wird in den letzten Zeilen dieses Sonetts nur allzu deutlich:

„sie erheben ihre killerfäuste und schlagen auf mich ein, erheben ihre killerfäuste und schlagen und schlagen, bis sie sicher sind
dass von der anderen seite des grabsteins keiner zurückschlägt
gott, ich rufe dich an in meinem nebel.“

Verzweiflung, Wut, Zorn: Wanda Colemans Sprache ist zornig, sie ist direkt. Terrance Hayes, der eine Auswahl ihrer Gedichte in den USA wieder herausgab, fand in seinem antiquarischen Exemplar von „Mad Dog Black Lady“, dem ersten umfassenden Gedichtband von Wanda Coleman, der bei Black Sparrow Press erschien, eine treffende Randnotiz: „Ihre Welt ist Geschrei.“ Ihre Gedichte, so Hayes, „sind eine Mischung aus Manifest und Bekenntnissen, Fremd- und Selbstbezichtigungen voller Gewalt und Zärtlichkeit, satirischen Anklängen und Aufrichtigkeit.“

Und – angesichts der Aufmerksamkeit, die schwarze Literatur derzeit erfährt und dem vielbesprochenen „berühmtesten Gedicht der Welt“ – kann ich mir diese Bemerkung nicht verkneifen: Colemans variantenreiche Poesie, die voller Anspielungen zu politischen Ereignissen, zum schwarzen Widerstand ist, die Elemente des Jazz, der Popkultur, der Untergrund- und Gegenkultur in sich birgt, sie ist zugleich frei von Pathos, sie ist authentisch. Ein versöhnliches Element trägt diese Lyrik nicht in sich, da ist kein Hügel zu erklimmen, er soll erstürmt werden:

Ich bin die sense des schnitters. Meine klinge ist unerbittlich.“

„Wanda Coleman“, schreibt Terrance Hayes, „war eine große Poetin, eine leibhaftige, fleischfressende Poetin und zugleich eine echte, schwarze Frau (…) Nur wenige Lyrikerinnen jeglicher Couleur schreiben mit einer solchen Vehemenz über Armut, literarische Ambitionen, Depressionen und unsere gewalttätigen und fragilen Leidenschaften.“ Wer es kennenlernen möchte, dieses andere, verletzte, unterdrückte Amerika, wer erahnen will, welche Berge es noch zu ersteigen gilt, der wird bei der Lektüre Wanda Colemans eine Ahnung davon erhalten. Die von Terrance Hayes getroffene Auswahl von 120 Gedichten aus acht Lyrikbänden, die zu Lebzeiten der Dichterin erschienen, wurden von Esther Ghionda-Breger übersetzt und erschienen nun beim MaroVerlag: „strände. warum sie mich kaltlassen.“

Verlagsinformation zum Buch: Wanda Coleman

Wächst das Rettende auch? Akademiepreis für die literarische Auseinandersetzung mit der Coronakrise

Die Welt durchlebt gerade die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Pandemie bedroht jede und jeden, immer und überall. Und überall wächst das Verlangen nach Rettung, nach medizinischen Lösungen, nach wirtschaftlichen Hilfen, nach Freiheit, Trost und Zuversicht. In dieser eigentümlichen und bedrohlichen Konstellation wird immer wieder auf Hölderlins berühmten Satz verwiesen: »Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch«. Doch welche Aussichten und Einsichten lassen sich aus Hölderlins Vers gewinnen, welche Erkenntnisse und Erfahrungen mit ihnen verbinden? Worauf baut die Zuversicht, worin ist die Hoffnung begründet?

„Wächst das Rettende auch?“: Unter dem Vorzeichen dieses Hölderlin-Wortes riefen die Akademie für gesprochenes Wort und das PEN-Zentrum Deutschland im vergangenen Jahr zu einer literarischen Auseinandersetzung mit den individuellen und sozialen Dimensionen der Coronakrise auf. An dem anonym durchgeführten Wettbewerb beteiligten sich über 400 Autorinnen und Autoren aus dem gesamten deutschsprachigen Raum mit ihren Texten.

Die sechs Hauptpreisträger und 14 weitere Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die mit einem Anerkennungspreis prämiert werden, werden am Sonntag, 26. September, 16.00 Uhr, bei einem Festakt in Stuttgart gewürdigt. Neben der Verleihung des Akademiepreises wird dabei auch die Anthologie „Wächst das Rettende auch?“, herausgegeben von Prof. Dr. Thomas Knubben, Prof. Uta Kutter und Hubert Klöpfer im Alfred Kröner Verlag, vorgestellt.

Die Hauptpreisträger sind Ruth Erat (Arbon/Schweiz), Christina Müller (Weimar), Ralf Schwob (Groß-Gerau), Katrin Seglitz (Ravensburg), Simone Trieder (Halle/Saale) und Dierk Wolters (Eppstein). Mit Anerkennungspreisen ausgezeichnet werden Dr. Norbert Autenrieth (Cadolzburg), Volker Demuth (Berlin), Günter Detro (Rheinbach), Pauline Füg (Fürth), Heribert Kuhn (München), Anke Laufer (Wannweil), Simone Scharbert (Erfstadt), Carolina Schutti (Innsbruck), Claire Walka (Hamburg), Susanne Neuffer (Hamburg), Bernd Watzka (Wien), Ozan Zakariya Keskinkilic (Berlin), Eva Christina Zeller (Tübingen) und Manuel Zerwas (Speyer).

Der Festakt findet am Sonntag, 26. September, 16.00 Uhr, in der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart statt. Die Würdigung der Preisträger und eine Vorstellung der Anthologie geschieht durch die Jury-Mitglieder Prof. Dr. Thomas Knubben und Verleger Hubert Klöpfer. Dr. Regula Venske, Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland und Prof. Uta Kutter, Direktorin der Akademie für gesprochenes Wort, überreichen die Urkunden. Das Sprecherensemble der Akademie wird aus den Texten der Hauptpreisträger lesen. Zum Abschluss der Veranstaltung wird Pianist Chris Jarrett mit Orlando Schenk (Gesang) von Jarett komponierte Hölderlin-Lieder uraufführen.

Der ›Preis-Band‹ versammelt 20 Beiträge aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – Essays, Gedichte, Erzählungen und dramatische Texte, die aus dem Inneren der Erfahrung berichten und über den Tag hinausweisen. Wer neugierig darauf ist, welche Chancen in der Krise Schriftstellerinnen und Schriftsteller sehen – für den lohnt ein Blick in das Buch: https://www.kroener-verlag.de/details/product/waechst-das-rettende-auch/

Pressemitteilung im Auftrag Verlag/Akademie.

13. Internationale Stimmtage: Sprechen und Singen im Online-Modus

Die Corona-Pandemie hat vieles geprägt, auch die Art und Weise, wie Menschen miteinander kommunizieren: Die digitale Technik musste überbrücken, was an sozialer Nähe und gesellschaftlichem Miteinander nicht möglich war. Wie sich dies auch auf das Medium Stimme, auf das Sprechen und die Stimmpraxis auswirkt, das ist einer der Aspekte bei den 13. Internationalen Stimmtagen in Stuttgart am Freitag, 24. September und Samstag, 25. September.

Die Schirmherrschaft der Veranstaltung, die unter dem Leitthema „Sprechen und Singen – online“ steht, hat Christian Brückner, die deutsche Stimme von Robert de Niro, inne. Brückner, einer der erfolgreichsten deutschen Hörbuch- und Synchronsprecher, wird am Samstag um 20.00 Uhr die Abschlussveranstaltung der Biennale gemeinsam mit Wolfgang Saus, einem der weltweit führenden Experten für Oberton-Gesang, und dem Ensemble der Akademie für gesprochenes Wort gestalten.

Die Veranstaltung der „Akademie für gesprochenes Wort – Uta Kutter-Stiftung“ wird diesmal selbst, angepasst an die Corona-Situation, im Hybridformat durchgeführt: Workshops und Vorträge können sowohl vor Ort, an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, Urbanstr. 25, als auch online wahrgenommen werden.

Interessierte Teilnehmer erwartet ein attraktives, interdisziplinär ausgerichtetes Programm. Am Freitag steht vor allem der Online-Unterricht im Mittelpunkt der Workshops und Vorträge: Renommierte Expertinnen und Experten aus Forschung, Therapie und künstlerischer Praxis greifen unter anderem Themen wie „Digital gut klingen“, den „Umgang mit Zoom-Fatigue“ und „Online-Stimmtherapie“ auf. Am Samstag, 25. September, wird gefragt, was sich „behind the mask“ befindet: So diskutieren auf dem Podium Experten über „Sprechen und Singen hinter der Maske“, die Möglichkeiten virtuellen Theaters werden vorgestellt sowie die digitale Bühne.

„Nachdem wir die Internationalen Stimmtage wegen der Pandemie im vergangenen Jahr erstmals aussetzen mussten, freuen wir uns, dass die Veranstaltung in diesem Jahr, als ein wichtiges Format unserer Akademie, stattfinden kann“, betont Akademiedirektorin Uta Kutter. Sowohl für nationale als auch internationale Stimmexperten seien die Internationalen Stimmtage, die im zweijährigen Rhythmus stattfinden, ein wichtiges Forum zum Austausch ihrer Forschungsergebnisse. Die Veranstaltung führt Experten aus den Bereichen der Sprechwissenschaft, Linguistik, Phoniatrie, Logopädie, aber auch aus anderen Disziplinen und den Kulturwissenschaften zusammen. Alle Informationen zum Programm und den Referenten sowie den Tickets finden sich auf der Homepage zur Veranstaltung: https://stuttgarter-stimmtage.de/

Kontakt und Information:

Akademie für gesprochenes Wort – Uta Kutter-Stiftung
Haußmannstraße 22
70188 Stuttgart
Telefon: +49 711 22 10 12
kontakt@gesprochenes-wort.de
www.gesprochenes-wort.de

Text: Pressemitteilung im Auftrag der Akademie für gesprochenes Wort

Mirabilis Verlag: Veranstaltungen

Der Herbst ist die Zeit der Lesefeste – und für die sächsischen Verlage sind zwei Höhepunkte das Literaturfest Meißen und die Messe Dresden (er)lesen. Bei beiden Veranstaltungen ist auch der Mirabilis Verlag von Barbara Miklaw präsent.

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Beim Literaturfest Meißen liest am Freitag, 10. September, der fast 90-jährige Künstler und Autor Günter Richter, Mitbegründer der Leipziger Schule und Kunstpreisträger der Stadt Leipzig, aus seinem Buch „Eule. Groteske Geschichten eines Malers“. Die Veranstaltung, moderiert von Michael Hametner, findet um 18.00 Uhr im Ratssaal statt. Informationen zum Buch finden sich hier: https://mirabilis-verlag.de/produkt/guenter-richter-eule-groteske-geschichten-eines-malers/

Am Samstag, 11. September, findet um 14.30 Uhr in der Anneli-Marie-Stiftung Meißen eine Vorstellung des Kinderbuches „Wer denkt sich die Wörter aus?“, das am 30. September erscheint, statt. Das Buch richtet sich an Kinder ab 10 Jahren. Sie sollen für Sprache sensibilisiert, aber auch unterhalten werden. Gleichzeitig hilft es Erwachsenen dabei, das Interesse der Kinder an Sprache zu fördern. Die Autoren sind Wissenschaftler der Universität Halle, die Illustrationen stammen von Dieter Gilfert. Informationen zum Buch: https://mirabilis-verlag.de/produkt/brigitte-schniggenfittig-joerg-wagner-wer-denkt-sich-die-woerter-aus/

Ganztägig ist Barbara Miklaw zudem auf der Messe Dresden (er)lesen am Sonntag, 12. September, 10 bis 18 Uhr, am Verlagsstand präsent. Die Büchermesse am Tag des offenen Denkmals findet passend im Schloss Albrechtsberg, Bautzner Strasse 130, statt.

William Saroyan: Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich

Es ist immer wieder erstaunlich, welch eine Fülle an großartigen Erzählerinnen und Erzählern das Land über dem großen Teich zu bieten hat. Thomas Zirnbauer von dtv machte mich mit einem Post auf diesen Mann aufmerksam, schon der Buchtitel sprang mich an: „Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich“. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich zuvor von dem Pulitzer-Preisträger William Saroyan noch nie etwas gelesen hatte: Ein Versäumnis, wie sich zeigte.

Der Titel dieses 2017 bei dtv erschienenen Erzählbandes verspricht nicht zu viel: In der Tat ist William Saroyan (1908 – 1981), im Gegensatz zu Hemingway, an dem er sich auch in seinen Texten immer wieder ironisch reibt, ein freundlicher, ein menschenfreundlicher Autor. Er erzählt von Ausreißern, Trinkern, Arbeitslosen und Underdogs, tummelt sich in Bars, Billardhallen und auf der Straße. Nicht gerade von der Sonnenseite des Lebens also. Und doch vermag Saroyan seinen Figuren hellen, warmen Glanz zu geben, ohne in das Klischee des „glücklichen Armen“ abzurutschen.

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Es ist der Humor, der ganz besondere Witz und eine gute Portion Gelassenheit, die diese Stories prägen. Unendlich köstlich ist beispielsweise die Geschichte vom Pechvogel zu lesen, der beim Glücksspiel 2400 Dollar gewinnt, aus Freundlichkeit einer alten Lady Geld zustecken möchte, deswegen jedoch als Dieb bezeichnet wird und die ganze Aktion beinahe mit dem Leben bezahlt. In „Zweitausendvierhundert Dollar und ein paar Zerquetschte für Freundlichkeit“ fängt der ganze Ärger eben mit dieser Saroyan eingeschriebenen Menschenfreundlichkeit an:

„Er sagte, ganz egal, was man versucht, zum Beispiel freundlich sein, es hätte sowieso keinen Sinn, also könnte man genauso gut spielen. Er sagte: »Es gibt keinen einzigen Menschen auf der Welt, der das Spiel austricksen kann.« Er meinte nicht das Glücksspiel, er meinte das Leben.“

William Saroyan scheint das Tricksen besser gelungen zu sein, bis auf den letzten großen Coup. Kurz vor seinem Tod sagte er zu Journalisten: „Jeder muss sterben, aber ich habe immer geglaubt, in meinem Fall würde eine Ausnahme gemacht. Und was nun?“ Bis dahin führte der Schriftsteller armenischer Abstammung ein erfülltes, auch wildes Leben, einerseits geprägt von Eheskandalen und zu viel Alkohol, andererseits durch unermüdlichen Fleiß, wie Richard Kämmerlings von der Welt in seinem Nachwort zu dem Erzählband schreibt. Kämmerlings betont, wie sehr Sayoran auch literarisch seine Wurzeln als Kind eines armenischen Emigranten pflegt:

„An das Erbe seines Volkes hat Saroyan nicht nur aus Sentimentalität angeknüpft, sondern sicher auch, weil die armenischen Charaktere mit ihrem hintersinnigen, dem jüdischen verwandten Humor, ihrer Erzählfreude und ihrer sophistischen Lebensphilosophie das ideale Medium für sein künstlerisches Projekt waren: Die Zumutungen des Alltags und die Schläge des Schicksals durch ihre Verwandlung in Literatur erträglich zu machen und sogar zu einer quasireligiösen Rechtfertigung des Daseins zu veredeln.“

Das alles kann man auch auf eine einfache Formel bringen: „Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich.“

Verlagsinformationen zum Buch: https://www.dtv.de/buch/william-saroyan-wo-ich-herkomme-sind-die-leute-freundlich-14705/

#StadtWeiterDenken: Neu-Ulm schreibt Stadtschreiberstelle aus

Ein Chronist und juristischer Berater, oftmals an der Spitze der Stadtverwaltung stehend – das war der Stadtschreiber in früheren Zeiten. Heute definiert sich die Position anders: als zeitlich befristetes Stipendiat, das es einer Autorin oder einem Autor ermöglicht, eine Stadt während eines festgelegten Zeitraums mit frischem Blick literarisch zu durchleuchten und kulturelle Akzente zu setzen.

Ein Fluss, zwei Städte: Blick vom bayerischen Ufer, von Neu-Ulm aus, auf das Ulmer Münster. Bild von Hans Braxmeier auf Pixabay

Neu-Ulm ist eine Stadt, in der das Neue einen besonderen Stellenwert genießt. Traditionsbewusst, aber offen für den Wandel. So präsentierte sich die Stadt 2019 aus Anlass des 150jährigen Jubiläums der Stadtwerdung unter dem Slogan Wir leben Neu! Ein Bestandteil war die Einrichtung der 1. Neu Ulmer Stadtschreiberstelle. Im Jahr 2022 möchte die Stadt Neu Ulm daran anknüpfen und richtet die Stelle zum zweiten Mal ein. Der Slogan dazu; #StadtWeiterDenken

Die Stadt Neu Ulm ist ein lebendiges Oberzentrum mit zahlreichen Angeboten in Stadt und Umland, die durch ein vielfältiges Bildungsangebot, zahlreiche innerstädtische Grünflächen, moderne Architektur und „kurze Wege“ für alle Generationen attraktiv ist. Die Nähe zur Natur, die kulturelle Vielfalt und das durch die Donau gewachsene Bewusstsein, in einem europäischen Kontext zu leben, machen Neu Ulm als Stadt der Übergänge zu einem Ort, an dem Urbanität sich durch das Annehmen neuer Herausforderungen definiert. Wie muss die Stadt der Zukunft aussehen? #StadtWeiterDenken freut sich auf Ihre Vision.

Für drei Monate hat ein in deutscher Sprache schreibender Autor bzw. eine Autorin die Möglichkeit, in der jungen Stadt am bayerischen Donauufer zu leben und zu arbeiten.
Insbesondere werden solche Autoren und Autorinnen angesprochen, die sich mit den Wechselbeziehungen von Kultur, Literatur und Zeitgeschichte befassen und das Potential
der Stadt und Region vor dem Hintergrund des historischen Erbes in ihre Arbeit integrieren möchten. Der Stadtschreiber/die Stadtschreiberin soll für die Dauer des Aufenthaltes ein integraler Bestandteil im Kulturleben sein. Er bzw. sie soll in dieser Zeit ein Werk schaffen, das einen erkennbaren Bezug zur Stadt Neu Ulm und ihrem Umland darstellt. Das Charakteristikum der Stadt soll gerade auch mit Blick auf die Zukunft auf hohem Niveau literarisch reflektiert werden.

Jedwede Unterstützung bei Recherche und Materialgenese durch die Stadt und städtische Einrichtungen ist vorgesehen. Durch den freien Zugang zu allen städtischen Kultureinrichtungen wie auch die Möglichkeit sich aktiv am regionalen Kulturleben zu beteiligen, kann der Stadtschreiber/die Stadtschreiberin intensiv in das Sozial- und Kulturleben der Stadt eintauchen und sich für die Arbeit von der Dynamik der Stadt einnehmen lassen. Eine Möglichkeit dazu bieten verschiedene Neu-Ulmer Literaturreihen. Auch wäre ein Beitrag beim regionalen Literaturfestival „Literaturwoche Donau“ denkbar, etwa in Form eines „Werkstattgespräches“ oder durch Teilnahme an Gesprächsrunden. Zudem ist die Erstellung von Kurzbeiträgen für den Stadtschreiberblog wünschenswert.

Alle Informationen und Modalitäten für interessierte Bewerber finden sich hier: https://www.wir-leben-neu.de/stadtschreiberstelle

Drei Autorinnen – drei Bücher: Barbara Miklaw — BücherFrauen

Diesen Monat stellt uns die Verlegerin Barbara Miklaw grenzübergreifend Bücher aus den unterschiedlichsten Bereichen vor: von Kinderbüchern über georgische bis zu brasilianischer Literatur, ergänzt durch Deutschsprachiges. Statt Literaturwissenschaft, wie eigentlich gewollt, studierte Barbara Miklaw Wasserbau an der TU Dresden und … Weiterlesen →

Drei Autorinnen – drei Bücher: Barbara Miklaw — BücherFrauen

Ein Schmuckstück: Der handschriftliche Gedichtekalender

Mit Gedichten von Ernst Blass, Richard Dehmel, Emily Dickinson, Joseph von Eichendorff, Robert Gernhardt, Johann Wolfgang Goethe, Andreas Gryphius, Friedrich Hölderlin und vielen weiteren Poetinnen und Poeten durch das Jahr – das ist allein schon ein schöner Gedanke.

Doch zur Besonderheit wird der Gedichtekalender 2022, der im September im Kröner Verlag erscheint, durch seine hochwertige Gestaltung und Ausstattung. Jedes Gedicht ist handgeschrieben von Hubert Klöpfer und wird in faksimilierter Abschrift präsentiert. Damit setzt Hubert Klöpfer die Tradition des handschriftlichen Gedichtekalenders des renommierten Freiburger Buchhändlers Thomas Bader fort.

Neu: Die einzelnen Gedichte haben „Patinnen und Paten“, sie wurden von namhaften Literaturfachleuten, darunter unter anderem Matthias Politycki, Rainer Moritz, Thea Dorn und Denis Scheck, vorgeschlagen.

Weitere Informationen auf der Verlagsseite: https://www.kroener-verlag.de/details/product/gedichtekalender-2022/

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für den Alfred Kröner Verlag.

Vom singenden Tresen bis zu „Peng Peng Parker“: Die Literaturwoche Donau 2021 ist ein Fest für alle Sinne

Ein Fest für alle Sinne – für Augen, Ohren, aber vor allem aber für den Verstand: Dies verspricht sie erneut zu werden, die Literaturwoche Donau. Im Grunde sind es über zwei Wochen, bei denen die unabhängige Literatur aus ganz besonderen Verlagen in der Donaustadt im Mittelpunkt steht. Von Samstag, 31. Juli bis Dienstag, 17. August erwartet das Publikum ein Programm, das einen Mix aus Bekanntem und Neuem, Debütantinnen und „alten Hasen“, ernster Literatur und feiner Lyrik, schrägen und schwarzhumorigen Texten und mitreißenden Performances bietet.

Die Literaturwoche Donau 2021, kurz LiWo 2021, setzt wie gewohnt einen Fokus auf den „Indie-Bereich“: „Wir bieten eines der ganz wenigen Literaturfestivals, die sich nicht auf die großen Namen des Literaturbetriebs und marktführenden Verlage stützen, sondern die ganz bewusst die reiche Vielfalt der unabhängigen Verlagsszene feiern“, sagt Autor Florian L. Arnold. Er und Rasmus Schöll, Inhaber der Aegis Buchhandlung Ulm, riefen 2013 genau für diesen Zweck die Literaturwoche ins Leben. Der Erfolg gab ihnen mit ihrem ungewöhnlichen Konzept recht: Jahr für Jahr zog die „LiWo“ mit ihren außergewöhnlichen Lesungen an außergewöhnlichen Orten – selbst der Turm des Ulmer Münsters wurde dafür bestiegen – mehr und mehr Publikum an. Auch überregional wurde die LiWo zum Anziehungspunkt für Literaturinteressierte. „Wenn Leute für eine Lyriklesung Schlange stehen, dann heißt das schon was“, so Rasmus Schöll.

Es war denn auch für die ehrenamtlich tätigen Organisatoren einer der schwersten Momente, als 2020 wegen Corona das fertig geplante Festival abgesagt werden musste. „Wir wollten wunderbare neue Bücher der unabhängigen Verlagsszene, die es im Coronajahr ohnehin nicht eben leicht hatten, mit Leidenschaft vorstellen“, bedauert Florian L. Arnold, „jetzt starten wir eben mit neuem Elan und Zuversicht in die LiWo 2021.“

Und das Programm hat es in sich: Zum Auftakt kommen am Samstag, 31. Juli, die Schriftsteller Manja Präkels, die für ihren Debütroman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ 2018 unter anderem mit dem Anna Seghers Preis ausgezeichnet wurde, und Markus Liske mit ihrem Musikprojekt „Der singende Tresen“. Ihr Abend „Das seid ihr Hunde wert!“ ist eine wunderbare Hommage an den lebenslustigen Dichter und Revolutionär Erich Mühsam, der von den Nationalsozialisten erschlagen wurde.

Danach folgen weitere bekannte und preisgekrönte Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der Indieszene, talentierte Debütanten, leise Lyriker und viel Musik. Bis zum furiosen Ende der LiWo 2021 mit der Lyrikerin Nora Gomringer und Jazz-Musiker Philipp Scholz am Dienstag, 17. August. Mit „Peng Peng Parker“ widmen sich die beiden der 1893 geborenen und 1967 in New York gestorbenen Dichterin, Dramatikerin und Werbetexterin Dorothy Parker, die sowohl für ihre messerscharfe Zunge als auch für ihren enormen Alkoholkonsum bekannt wurde. Sie schrieb über die Liebe und das Leben, seufzend und lachend, immer trinkfest. Das New York der 1920er Jahre ist ohne sie undenkbar.

Das Plakatmotiv entwarf der Künstler und Illustrator Joachim Brandenberg (Offenbach). http://joachimbrandenberg.de/

Der Corona-Situation angepasst werden alle Lesungen, soweit es die Witterung möglich macht, unter freiem Himmel angeboten. Sollte das Wetter nicht mitspielen, finden die Veranstaltungen im Cabaret Eden in Ulm (Karlstraße71) statt. Das Festival wird durchgehend ehrenamtlich organisiert. Dennoch verzichten die Macher auf feste Eintrittspreise. „Jeder soll die Veranstaltungen besuchen und Kultur genießen können, unabhängig vom Einkommen – dies erscheint uns gerade in Coronazeiten sehr wichtig“, betont Arnold. Spenden an den Abenden oder direkt an den Trägerverein, den Literatursalon Donau e.V., sind dagegen höchst willkommen. Die Literatuwoche wird präsentiert vom Literatursalon Donau in Zusammenarbeit mit der Aegis Buchhandlung und dem Topalian & Milani Verlag. Ermöglicht wird das Festival durch die Förderung der Stadt Ulm und der Museumsgesellschaft Ulm. Mit etwas Sorge blicken die Organisatoren daher auf die kommenden Jahre: “Wir werden sehen, wie sich Corona auf die kommunale Förderung der Kultur und unsere Veranstaltung auswirken wird“, so Arnold, „wir werden dafür einstehen, dass auch Literatur abseits des Mainstreams ihren öffentlichen Platz erhält.“

Den hat sie auf jeden Fall im Rahmen der LiWo 2021. Alle weiteren Informationen zu den Veranstaltungen finden sich im Programmflyer beziehungsweise auf der Homepage www.literatursalon.net

Den Programmflyer mit allen Terminen und ausführlichen Infos gibt es zum Download hier – bitte gerne Weiterreichen!