Ein Gastbeitrag von Dr. Bernhard R. M. Ulbrich über die aktuell erschienene Erzählung „Böll kam nicht bis Troisdorf“ von Andreas Fischer.
Die Rezension:
Eines ist klar: Böll kommt nicht. Andreas wollte bei ihm literarisches Schreiben lernen. Stattdessen taucht der Autor Frieder Salzgraf auf, wird eine Art Mentor für Andreas. Es entwickelt sich ein seltsames Verhältnis. Während der Lektüre treibt uns die Frage immer weiter: Wer ist dieser Salzgraf und wie geht das aus?
Der Kern der Erzählung liegt im Jahr 1981. Andreas träumt davon, Schriftsteller zu werden. Er möchte gerne mit seinem literarischen Idol Heinrich Böll, der auch in Köln wohnt, Kontakt aufnehmen. „Ich … bitte den Schriftsteller, einige meiner Kurzge-schichten zu lesen und mir zu schreiben, was er davon hält.“ Das klappt aber nicht. Böll meldet sich nicht.
In der Zeitung stößt Andreas zufällig auf einen Artikel: Schriftsteller bietet Schreibkurs an. Der Anbieter heißt Frieder Salzgraf, Mitglied der legendären „Gruppe 47“. Wer recherchiert, wird dort den Namen aber nicht finden. Auf Anfrage versichert uns der Autor Andreas Fischer, dass es diese Person gegeben hat, ihr Name ist jedoch geändert.
In dem Kurs für kreatives Schreiben liest Andreas seine Kurzgeschichte „Das Bett“ vor. Salzgraf findet den Text stark: Es gibt nichts Spannenderes als einem Menschen zu lauschen, der offen und ehrlich von sich selbst spricht. Diese Aussage gilt auch für die Erzählung. Beim Lesen steigt die Spannung, denn die Dinge entwickeln sich verstörend.
Salzgraf hält sich für einen Freund von Böll, der habe ihn als Mönch verewigt. In ‚Billard um halb-zehn‘, da gibt es einen Mönch Salzgraf! Ist das Salzgraf’s Trick, sich bei Andreas, dem Böll-Fan, wichtig zu machen? Später wird Andreas von Salzgraf aus dem Schreibkurs ausgeschlossen mangels Qualifikation. Trotz dieser affektiven Entscheidung löst sich Andreas nicht von seinem Mentor. Er hilft ihm sogar, dessen Alkoholabhängigkeit zu vertuschen, in dem er die leeren Flaschen entsorgt. Es kommt schließlich zu einer sehr verstörenden Szene, die zum Abbruch des Kontaktes führt. Zu der Beerdigung von Salzgraf geht Andreas nicht mehr hin. Er zieht aus Köln weg nach Berlin und stellt seinen Wunsch, Schriftsteller zu werden, hintan.
Gut vierzig Jahre nach diesen Ereignissen reflektiert der Ich-Erzähler Andreas das Geschehene und findet einen Weg, sich endlich zu befreien. Ich weiß, was zu tun ist.
Ein Gedicht von Andreas weist schon früher im Text auf den Wendepunkt in der Erzählung hin:
mein leben
franst an den rändern aus das eine löst
das andere ab
mach eine schlaufe und ende wird anfang sein
ich warte auf den einsatz einer hellen flöte
suche ein kind das mit farben spielt
Andreas verfasst ein Manuskript als Narrativ über die Enttäuschung von Böll’s Nicht-Kommen und der verstörenden Erlebnisse mit Salzgraf. Dann verbrennt er es als symbolischen Akt der Befreiung. Wir dürfen uns Andreas als befreiten Autor vorstellen.
Die vielen Erinnerungen werden uns in der Erzählung nicht streng chronologisch im Sinne eines dokumentarischen Berichtes dargeboten. Nicht alle sind mit Jahreszahlen markiert. Sie scheinen eher impulsiv angeordnet zu sein, wie Erinnerungen in vertrauten Gesprächen so kommen und gehen.
Wir Lesende nehmen an dem Befreiungsakt von Andreas indirekt teil und können daraus lernen: Idole und Mentoren können auch enttäuschen.
Bernhard R. M. Ulbrich
Mein Gastautor hat die Erzählung „Böll kam nicht bis Troisdorf“ von Andreas Fischer, den ich in der Pressearbeit betreue, als Rezensionsexemplar erhalten. Seine Meinungsbildung war davon unabhängig. Ich bedanke mich herzlich, dass er mir seine Rezension zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat.
