Joachim Ringelnatz – Einsiedlers heiliger Abend

Ich hab’ in den Weihnachtstagen –
Ich weiß auch, warum –
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.

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Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abend noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.

Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsenuppe und Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.

Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat’s an der Tür gepocht.

Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder?
Ich aber rief nicht: “Herein!”

Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.

Joachim Ringelnatz

Das Gedicht von Ringelnatz stammt aus dem Jahr 1933 – wohl für viele Menschen das schwerste Weihnachten der Vorkriegszeit. Wer wachen Sinnes war, konnte ahnen, was knapp ein Jahr nach der Machtergreifung Hitlers noch alles auf die Menschen zukommen würde.

Insofern sind die Vergleiche, die dieser Tage gezogen werden, völlig absurd: Wir leben in keiner Diktatur, aber wir leben mit einer Pandemie. Das ist schwer, insbesondere für viele an Weihnachten, die vielleicht getrennt von ihren Liebsten und Familien feiern müssen. Aber es ist ein hoffentlich einmaliges und vorübergehendes Geschehen – und keinesfalls vergleichbar mit der Situation 90 Jahre zuvor.

Dennoch kann vielleicht jetzt gerade ein Ringelnatz helfen: Trauer und Humor liegen bei ihm immer eng beisammen. Und die Botschaft: Mach das Beste daraus …

Ich wünsche allen, die hier mitlesen, trotz der Umstände ein schönes Weihnachtsfest, alles Liebe und einen guten Rutsch in das Neue Jahr! Bleibt gesund!

Birgit Böllinger

14 Gedanken zu „Joachim Ringelnatz – Einsiedlers heiliger Abend

  1. Dir auch ein Frohes Fest! Verbunden natürlich vor allem mit der Hoffnung, dass 2021 ein gesundes und insgesamt wieder etwas erfreulicheres Jahr wird…

    Viele Grüße
    Christoph

    • Lieber Christoph,
      mein größter Wunsch für Weihnachten ist eigentlich, dass wir als Gesellschaft aus dieser Pandemie ein paar Lehren ziehen würden – da bin ich allerdings pessimistisch. Und so schaue ich einfach, dass ich für mich so handele, dass es in Ordnung ist und möglichst niemanden Schaden zufügt. 2020 war insofern ein lehrreiches Jahr – aber 2021 kann eindeutig besser werden! Auch Dir ein frohes Fest und gute Feiertage, herzliche Grüße von Birgit

  2. Liebe Birgit,
    Du hast immer die besten Schätze und Sätze, hier von Ringelnatz.
    Den verkrüppelten und krummen Selfie-Christbaum, und das Pfannenflickerlied beim Burgunderwein.
    Dankeschön und gleichfalls alle guten Wünsche zu den Feiertagen
    Bernd

    • Liebe Janette, auch Dir alles, alles Gute – einige schöne Weihnachtstage und einen guten Rutsch. Und vielleicht klappt es ja im Neuen Jahr irgendwann mit einem Kennenlernen im echten Leben, das wäre schön! Herzliche Grüße Birgit

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