
Ab 1936 lebte Irmgard Keun, deren Bücher da schon verboten waren, im Exil, unter anderem in Ostende, in den Niederlanden und in Paris. In dieser Zeit entstanden die Erzählungen unter dem Titel „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ (1936), sowie die Romane „Nach Mitternacht“ (1937), „D-Zug dritter Klasse“ (1938) und „Kind aller Länder“ (1938), die bei den deutschsprachigen Exilverlagen Allert de Lange und Querido in den Niederlanden erschienen, in Deutschland jedoch verboten waren.
Die Jahre aus gepackten Koffern scheinen auch Spuren in der Sprache hinterlassen zu haben – die beiden 1938 erschienenen Romane erscheinen gehetzt, inkonsistent.
„Kind aller Länder“, 1938
„Wir haben so viele Gefahren, das alles ist so schwer zu verstehen. Vor allem muss ich lernen, was ein Visum ist. Wir haben einen deutschen Pass, den hat uns die Polizei gegeben. Ein Pass ist ein kleines Heft mit Stempeln und der Beweis, dass man lebt. Wenn man den Pass verliert, ist man für die Welt gestorben. Man darf dann in kein Land mehr. Aus einem Land muss man `raus, aber in das andere darf man nicht `rein. Doch der liebe Gott hat gemacht, dass Menschen nur auf dem Land leben können. Jetzt bete ich jeden Abend heimlich, dass er macht, dass Menschen jahrelang im Wasser schwimmen können oder in die Luft fliegen.“
Der Pass, nach Brecht edelster Teil des Menschen, ein immer wiederkehrender Gegenstand in der Exilliteratur. Verzweifelt warten beispielsweise die Protagonisten in „Transit“ (Anna Seghers) oder „Die Nacht von Lissabon“ (Erich Maria Remarque) auf Papiere: Einen Pass, ein Visum, eine Bordkarte. Sie ermöglichen die Flucht, Flucht ohne eine Wiederkehr auf absehbare Zeit – am Ende egal wohin, nur weg vom brennenden Kontinent, in dem es für Juden, politisch Widerständige, Intellektuelle und andere Verfolgte kein Versteck mehr gibt. Papiere sind lebensrettend.
In dem 1938 von Irmgard Keun geschriebenen Roman „Kind aller Länder“ schlagen sich diese Themen nieder, das Herumirren durch ganz Europa, die Not der Exilanten, ständig auf der Jagd nach Papieren, Geld, einem neuen Unterschlupf. Allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Irmgard Keun, damals 33 Jahre alt und selbst schon seit Mai 1936 im Exil, schreibt aus der Sicht eines Kindes, der zehnjährigen Kully. In deren Eltern – dem haltlosen, leichtsinnigen Schriftsteller Peter und der Mutter, die im Exil zwischen Heimweh, Wunsch nach Bodenständigkeit (der Versuch, ein Heim in der Fremde zu imitieren, scheitert nicht nur an der politischen Situation, sondern auch an der Rastlosigkeit des Mannes), Pragmatismus und Tagträumerei schwankt – hat Keun, nicht unschwer zu erkennen, auch ihrem Geliebten Joseph Roth und sich ein literarisches Denkmal gesetzt, ihre Erfahrungen dieser Zeit verarbeitet.
„Mein Vater schreibt für unseren Lebensunterhalt. In Ostende hat er ein neues Buch geschrieben, das aber nicht fertig geworden ist, weil wir so viele Sorgen hatten. Wenn meine Mutter und ich meinen Vater mittags abholten, sahen seine Augen manchmal aus, als seien sie weit ins Meer geschwommen und noch nicht wieder zurück. Meine Mutter und ich können sehr gut schwimmen, aber die Augen von meinem Vater schwimmen noch viel weiter. Er hat uns auch oft fortgeschickt, weil er nicht essen wollte. Ein regelmäßiges Leben stört seine Arbeit und ekelt ihn an.“
Irmgard Keun über Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften
Irmgard Keun erzählt in diesem Buch „Lausmädchengeschichten“: Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg aus der Sicht einer frechen Göre.
«Nach Mitternacht» – der erste Roman von Irmgard Keun aus dem Exil
„Nach Mitternacht“ ist der erste Roman Irmgard Keuns, der im Exil erschien. Das „kunstseidene Mädchen“ wurde erwachsen – und politisch.
Das kunstseidene Mädchen: Feminismus in der Weimarer Republik
Mit dem „kunstseidenen Mädchen“ brachte Irmgard Keun einen weiblichen Ton in die Literatur, der so gar nicht zum Frauenbild der Nationalsozialisten passte.
Die Hetze der Flucht spiegelt sich in der Sprache wieder
Dieses ständige Gehetztsein, der Druck, an Geld zu kommen, gerade auch der Druck, der deshalb auf dem Schreiben lastet – dies ist nicht nur ein Thema des Romans, sondern auch ein Thema, das sich hier offenbar in der Sprache von Irmgard Keun niederschlägt: Die Leichtigkeit des Erzählens, der schnodderige Ton, wie wir sie aus „Gilgi, eine von uns“ und „Das kunstseidene Mädchen“ kennen, sie wirken ausgerechnet, da Keun ein Kind als erzählende Figur wählt, da dieser Erzählton der „reflektierten Naivität“ stimmig wäre, nicht durchgehend schlüssig: Manches Mal klingt das Kind eine Spur zu altklug, manches Mal zu wenig kindlich-ängstlich in dieser bedrängenden Situation. Ähnlich wie die erwachsenen Protagonistinnen der Keun-Bücher plaudert das Mädchen Kully über die Alltagsnöte und ihre kindlichen Ängste hinweg:
„Mein Vater treibt ja immer wieder Geld auf. Er kommt auch immer wieder zurück. Ich glaube nicht, dass er uns vollkommen vergisst. Damals in Ostende hat er mich ja auch nicht vollkommen vergessen, nur beinahe.“
Erzählerische Struktur wirkt zerfahren
Verlustängste und Angst vor dem Krieg sind an solchen Stellen spürbar, werden dann aber unter diesem Erzählstrom, der Begegnungen, Anekdoten und nicht zuletzt zahllose Orte – Amsterdam, Brüssel, Prag und schließlich auch die USA sind Stationen dieser Hatz – aneinander reiht, begraben. Die Keun-Biografin Hiltrud Häntzschel wertete das Buch als „vergnügliche Lektüre“, die zugleich die Schrecken der Heimatlosigkeit dadurch potenzieren, weil die Leser eben mehr wissen als die Erzählerin, die noch das Urvertrauen eines Kindes in sich trägt. So könnte man das Buch lesen – doch dieses kindliche Geplauder wirkt auf Dauer eher etwas ermüdend denn vergnüglich, zudem, und das gesteht auch Häntzschel ein, wirkt der Roman „unfertig“, „zerfleddert“ am Ende. Das „Nichtmehrbewältigen der erzählerischen Struktur“ sei symptomatisch für Keuns Situation im Herbst 1938: Die Hetzerei von einem Ort zum anderen – sie findet nicht nur im Roman, sondern auch im Leben der Autorin statt. Und so wirkt auch der Erzählton: Gehetzt.
Auch die Beziehung zu Joseph Roth hinterlässt Spuren im Werk
Und nicht zuletzt ist dieses wohl das engste an ihrer eigenen Biographie entlanggeschriebene Werk, das Einblick gibt in diese fatale Beziehung zwischen Irmgard Keun und Joseph Roth. Von daher für Anhänger der beiden Schriftsteller, die dieser „amour fou“ nachspüren wollen, eine Pflichtlektüre.
Das narrative Verfahren – Erzählen aus der Sicht eines Kindes – fand bereits im ersten „Exilbuch“ von Keun Anwendung: Noch in Deutschland geschrieben, veröffentlichte sie 1936 die Erzählungen um „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ im holländischen Verlag Allert de Lange.
Lieblingsbücher: Arc de Triomphe von Erich Maria Remarque
„Arc de Triomphe“: Der Roman (1945) von Erich Maria Remarque brachte Edgar Hilsenrath wieder zum Schreiben. Und mich nach Paris.
Joseph Roth erzählt in «April» die Geschichte einer Liebe
Joseph Roth spielt in dieser Erzählung stilistisch auf einer Klaviatur poetischer Bilder, neusachlicher Flapsigkeit und expressionistischem Ausdruck.
Joseph Roth logiert im Hotel Savoy
Hotel Savoy löste bei Erscheinen ein großes Echo aus: So präzise hatte Roth den Untergang einer Epoche beschrieben, so sehr traf er den Geist seiner Zeit.
„D-Zug dritter Klasse“, 1938
Wenn eine Schriftstellerin von Beginn an einen eigenen Stil, eine eigene Sprache gefunden hat, dann fällt es dem Leser mitunter schwer, ihr bei wesentlichen Veränderungen zu folgen. Doch allein daran lag es wohl nicht, dass dieser Roman mich wenig ansprechen konnte. Irmgard Keun, die sonst so Rasante, bummelt im „D-Zug dritter Klasse“ vor sich hin, die Erzählung quält sich voran. Mag sein, dass ihre private Situation Einfluss auf ihre Schreiben hatte: Irmgard Keun quälte sich noch mit der Trennung von Joseph Roth, das Leben in der Emigration war äußerst belastend, von Zukunftsängsten und Geldsorgen bestimmt.
Vielleicht musste gerade deswegen schnell „Nach Mitternacht“ ein neues Buch erscheinen – eine kurze Romanerzählung, die jedoch unfertig, beinahe fahrig wirkt. Warum auch immer, aber der „D-Zug dritter Klasse“ lässt vieles vermissen, insbesondere die gewohnte freche und naive und dabei doch so hellsichtige Erzählerinnenstimme. Der schmale Roman ist konventionell angelegt: Eine auktoriale Erzählstimme, ein nicht ganz neuer Plot – eine zufällig zusammengewürfelte Gruppe deutscher „Reichsbürger“ im Zug nach Paris. Nach und nach treten die Reise- und Fluchtgeschichten, die privaten Irrungen und Wirrungen zutage. Doch die Figuren bleiben unglaubwürdig, unausgegoren, ihre Motive wenig glaubhaft, fast schon parodistisch übertrieben.
Eine misslungene Emigrationsparodie?
Auch nutzte Irmgard Keun die politische Lage – 1938 gab es genügend existentielle Gründe, um aus Deutschland zu fliehen – kaum: Die Reisenden sitzen im Zug, weil sie ihr privates Leben in Sand gesetzt haben, sie flüchten vor ihren Lebensumständen. Dass in ihrer Heimat eine Diktatur wütet, dass ein Krieg heranzieht, dass Menschen verfolgt werden, ist dem Roman kaum zu entnehmen. Zwar werden die Ängste thematisiert, die mit einer Flucht in ein neues, fremdes Land, mit einem Neubeginn und mit dem Leben im Ungewissen verbunden sind, aber auch das wirkt seltsam unausgereift, flüchtig dahingepinselt. Die Keun-Biographin Hiltrud Häntzschel schreibt: „Fast mutet D-Zug dritter Klasse wie Spott auf die Emigration an; vielleicht lässt sich das Buch auch als – dann allerdings misslungene – „Emigrationsparodie“ lesen.“
